Rede von Marlene Schönberger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten – Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer …
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 6a und 6b: Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten – Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätten, Denkmäler und Eri.
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Rede von Marlene Schönberger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten – Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer …
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir diskutieren heute einen Antrag zur Erinnerungskultur, auf dem unter den Antragstellern der Name eines Mannes steht, für den die NS-Zeit nur ein Vogelschiss war. Damit ist eigentlich alles gesagt.
Endlich einen Schlussstrich unter den deutschen Massenmord ziehen, endlich ungeniert stolz auf deutsche Geschichte sein – das ist eine altbekannte rechtsextreme Sehnsucht, die aus diesem Antrag spricht.
Die AfD schreibt in ihrem Antrag blumig von den Höhen und Tiefen der deutschen Geschichte. Auf den Punkt gebracht bedeutet das: Bei der AfD steht der industrielle Massenmord –der Zivilisationsbruch – neben dem Hambacher Fest. Was ist das bitte für ein schäbiges Geschichtsverständnis?
Die AfD greift in die Mottenkiste rechter Geschichtsklitterung. Und sie beginnt da, wo völkische Nationalisten traditionell beginnen: beim angeblichen Freiheitskampf germanischer Stämme. Schon Heinrich Heine macht sich in seinem Werk „Deutschland. Ein Wintermärchen“ über genau diese völkische Deutung der Varusschlacht lustig. Er schreibt: „Die deutsche Nationalität, die siegte in diesem Drecke.“ Mit diesem Spott entlarvt Heine die verzweifelten Versuche von Nationalisten, eine deutsche Nation bis in die Antike zurückzuprojizieren. Das ist über 180 Jahre her. Die AfD hat Heines Worte bis heute nicht verstanden.
Auch sonst ist in den Anträgen nichts Neues: ein rein positiver Bezug aufs Kaiserreich – die Kolonialverbrechen mit keinem Wort erwähnt. Der Nationalsozialismus hatte in den Augen der AfD katastrophale Folgen für Deutschland – die Shoah und der Vernichtungskrieg mit keinem Wort erwähnt. Der Höhepunkt der Unverfrorenheit ist die Behauptung, die Erinnerung an die NS-Verbrechen mache Menschen mit Migrationsgeschichte das Ankommen schwer. Die AfD sorgt sich also plötzlich um Menschen mit Migrationsgeschichte? Dieses Argument ist wirklich ein Treppenwitz. Diese Anträge beschreiben völlig offen, was die extreme Rechte mit Erinnerungskultur meint. Sie meint damit, geschichtliche Tatsachen zurechtzubiegen, um nationale Mythen zu erschaffen. Genau das ist Erinnerungskultur nicht.
Gestern haben Stimmen demokratischer Parteien erstmals einen rechtsextremen Landtagspräsidenten ins Amt gehoben. Liebe Kolleginnen und Kollegen der Union, bitte bleiben Sie standhaft! Niemals darf die AfD Macht über unsere Lehrpläne, über unsere Erinnerungskultur, über unsere Kulturpolitik bekommen.
Während uns die AfD hier mal wieder eine Nonsensdebatte aufdrückt,
in der sie ernsthaft Windräder als eine Bedrohung für Denkmäler bezeichnet, wehren sich NS-Gedenkstätten in Sachsen-Anhalt nicht nur gegen Vandalismus und Bedrohungen, Sie kämpfen um ihre Existenz. Man weiß nicht, ob es bei den Forschungsprojekten weitergeht. Jüdinnen und Juden, Musliminnen und Muslime, Queers, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen – Menschengruppen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, haben wieder Angst.
Wie wir unsere Erinnerungskultur, wie wir die demokratische Zivilgesellschaft und Menschen vor Rechtsextremen schützen – darum sollte es in den Debatten gehen, die wir heute führen.
Adorno beschreibt den Auftrag politisch-historischer Bildungsarbeit im Land der Täter 1966 mit den Worten: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“ Diese Erziehung hat bei der AfD ganz offensichtlich versagt.
Für uns alle ist das Auftrag und Verantwortung.
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten - Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätte
- part_of_vorgang → Kulturschutzgebiete für identitätsstiftende Bauwerke und Landschaften etablieren
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