Rede von Derya Türk-Nachbaur (SPD) – Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
Teil von Protokoll der 101. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 7a und 7b: Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit.
Text
Rede von Derya Türk-Nachbaur (SPD) – Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen – und andere! Ich muss mich bei Ihnen, liebe Gäste auf der Tribüne, für diese Denke entschuldigen.
Dass wir Worte wie „Schuldkult“, die bekannt sind aus dem dunkelsten Kapitel unserer Geschichte und die zum Ziel hatten, die Aufarbeitung der Naziverbrechen zu verhindern, heute hier im Plenum hören müssen, ist wirklich unfassbar und passt auf keine Kuhhaut.
Der Respekt vor den Opfern der deutschen Verbrechen gebietet es, hier den Anstand zu wahren. Aber damit sind Sie überfordert; das ist kein Geheimnis. Ich bin empört!
Wer nach Lüderitz in Namibia reist, konnte dort lange Zeit zelten und Urlaub machen, ohne darüber nachdenken zu müssen, auf welch blutigem Boden das Zelt stand: auf Shark Island.
Auf ebendieser Insel betrieb Deutschland ein Konzentrationslager. Gefangene mussten Hafen und Bahn für die Kolonialmacht bauen. Viele starben unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wo ihre Überreste liegen, weiß bis heute niemand genau. Nachfahren einiger Gefangener erzählten mir, ihre Vorfahren seien den Haien zum Fraß vorgeworfen worden, wenn die Kolonialherren nicht mit ihrer Arbeit zufrieden waren. Das Meer in der Bucht habe sich regelmäßig blutrot gefärbt.
Diese Menschen hatten keine Gräber. Doch es gibt zahlreiche vermutete Grabstätten, nach denen Forschende gemeinsam mit den Nachfahren suchen. Forensic Architecture leistet dabei eine beeindruckende Arbeit. Nach den Gräbern zu suchen – so gehört es sich. Es ist ihre Geschichte, es ist ihr Leid, das wir ihnen zugefügt haben. Daraus folgt der Maßstab für diese Debatte: Nichts über sie ohne sie.
Erinnerung ohne Beteiligung ist keine Versöhnung.
Frank-Walter Steinmeier hat in Windhuk gesagt, es sei höchste Zeit für eine Entschuldigung. Recht hat er! Doch eine Entschuldigung, die ohne Zustimmung und ohne Akzeptanz der Betroffenen beschlossen wird, bleibt eine Rede an uns selbst – ein Selbstgespräch von Nachfahren von Kolonialherren. Aufarbeitung funktioniert nicht einseitig. In diesen Anträgen finden sich wirklich gutgemeinte Vorschläge, etwa die Einrichtung einer Gedenktafel auf Shark Island. Doch ob dort eine Tafel hängt, wo ein Gedenkstein steht und was darauf zu lesen ist, bestimmen nicht wir, das bestimmen diejenigen, die unter unserer Kolonialherrschaft gelitten haben. Als SPD-Fraktion betonen wir deshalb immer wieder: Nichts über sie ohne sie.
Vielen Dank, dass wir diese wichtige Debatte heute führen konnten. Leider ist meine Zeit für die Reaktion auf die Rede der AfD draufgegangen.
Danke.
Relationen
- part_of → Protokoll der 101. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Deutsch-namibische Versöhnung vorantreiben - Kolonialgeschichte aufarbeiten, gemeinsame Zukunft partnerschaftlich gestalten
- part_of_vorgang → Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
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