Rede von Jamila Schäfer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
Teil von Protokoll der 101. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 7a und 7b: Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit.
Text
Rede von Jamila Schäfer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und vor allem: Liebe Vertreterinnen und Vertreter der Ovaherero und Nama, die heute als Gäste hier auf der Tribüne sitzen!
Dass Sie trotz des Unrechts, das Ihren Vorfahren angetan wurde, hier heute sitzen und den Dialog mit Deutschland suchen, das verdient unseren tiefsten Respekt.
Vor mehr als 120 Jahren verübten deutsche Kolonialtruppen im heutigen Namibia einen Völkermord. Zehntausende Ovaherero und Nama wurden ermordet. Auch an den Damara und San wurden Kolonialverbrechen begangen. Menschen wurden in Konzentrationslager verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen. Frauen erlitten sexuelle Gewalt. Menschliche Überreste der Opfer wurden dann auch noch nach Deutschland gebracht, um für rassistische Forschung missbraucht zu werden.
2022 habe ich Namibia besucht und mit Nachfahren von Opfern und Tätern gesprochen. Besonders bewegt haben mich die Worte einer jungen Frau. Ihre Urgroßmutter wurde im Konzentrationslager schwersten Misshandlungen ausgesetzt, aus denen mehrere Kinder hervorgegangen sind. Sie sagte zu mir: Meine Familie existiert trotz und wegen der Kolonialverbrechen. Unsere Geschichte ist voller Wunden. Und was mich zusätzlich verletzt, ist: In Deutschland beschäftigt ihr euch kaum damit, was unsere Lebensrealität bis heute in Namibia prägt. – Ich finde, diese Worte zeigen doch: Dieser Völkermord, der von der rechten Seite des Plenums hier in ruchloser Art und Weise geleugnet wurde, ist nicht einfach Vergangenheit. Seine Folgen prägen Traumata in Familien, die Verteilung von Land und natürlich auch wirtschaftliche Chancen bis heute.
Wir können diese Verbrechen nicht ungeschehen machen. Aber ich finde, wir tragen eine große Verantwortung dafür, wie wir heute mit ihnen umgehen.
Deshalb muss auch der Bundestag den Völkermord an den Ovaherero und Nama sowie die Kolonialverbrechen an den Damara und San ausdrücklich anerkennen und die Nachfahren um Vergebung bitten.
Seit 2015 wird zwischen Deutschland und Namibia über eine Gemeinsame Erklärung verhandelt. Besondere Probleme haben damit einige Teile der betroffenen Gemeinschaften; sie haben dagegen auch geklagt. Dieses Verfahren ist in Namibia noch nicht abgeschlossen. Ich finde, die rechtliche Klärung müssen wir respektieren. Wir sollten jetzt nicht von Berlin aus vorab entscheiden, wie Versöhnung und Wiedergutmachung bis ins Detail aussehen. Aber klar ist auch: Die betroffenen Gemeinschaften müssen mehr beteiligt werden, und eine offizielle Entschuldigung darf nicht länger vom Abschluss dieser Verhandlungen abhängen.
Denn eine Entschuldigung erfolgt ohne Gegenleistung.
Auch hier in Berlin habe ich mich mehrfach mit Nachfahren der Opfer getroffen. Wir haben uns zum Beispiel bei einem Rundgang durch den Bundestag die Tafeln angeschaut, die die deutsche Geschichte zeigen. „Wo ist eigentlich der Ort, an dem unsere gemeinsame Geschichte erzählt wird?“, wurde ich gefragt.
Ich finde, diese Frage müssen wir als Bundestag beantworten.
Deshalb fordern wir eine parlamentarische Kommission zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte. Wir fordern einen sichtbaren Platz für die Opfer in unserer Erinnerungskultur. Es braucht auch mehr Wissen über diese Verbrechen in unseren Schulen. Natürlich werden auch finanzielle Leistungen und die Rückgabe menschlicher Überreste und geraubter Kulturgüter Teil der Wiedergutmachung sein. Versöhnung ist mehr als die Verhandlung eines diplomatischen Dokuments. Sie muss sich in unserem alltäglichen Handeln, auch hier im Parlament, zeigen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ganz ehrlich: Ich hätte mir bei diesem Thema einen gemeinsamen, fraktionsübergreifenden Weg gewünscht. Denn bei allen politischen Unterschieden sollte uns die Verantwortung für dieses Menschheitsverbrechen verbinden.
Die Geschichte der Betroffenen ist auch unsere Geschichte. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass sie endlich den Platz bekommt, der ihr zusteht und vor allem der Betroffenen würdig ist!
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 101. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Deutsch-namibische Versöhnung vorantreiben - Kolonialgeschichte aufarbeiten, gemeinsame Zukunft partnerschaftlich gestalten
- part_of_vorgang → Vollumfängliche Anerkennung der deutschen Völkermorde an den OvaHerero und Nama für wiedergutmachende Gerechtigkeit
- spoke_in ← Jamila Schäfer (Rede)