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Rede von Dr. h. c. Wolfgang Thierse (SPD) – Drucksache 16/9419

dip / rede 05.06.2008 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19: Drucksache 16/9419 –.

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Rede von Dr. h. c. Wolfgang Thierse (SPD) – Drucksache 16/9419 Am 13. März dieses Jahres haben im Berliner Abgeordnetenhaus die beiden Koalitionsfraktionen SPD und Die Linke einen Antrag beschlossen, der das gleiche Anliegen verfolgt wie der jetzt von der Bundestagsfraktion Die Linke vorgelegte Antrag: nämlich Johann Georg Elsers in Berlin zu gedenken. In der Sache waren sich alle Fraktionen im Berliner Parlament einig, nur über Formulierungen wurde gestritten. Auch der in Berlin für Kultur zuständige Staatssekretär André Schmitz unterstützt das Projekt. Deshalb verstehe ich nicht, warum die Linke diesen Antrag zum jetzigen Zeitpunkt im Bundestag einbringt und nicht erst einmal die von Ihnen im Berliner Abgeordnetenhaus mitbeschlossene Prüfung der „Möglichkeiten zur Errichtung eines Denkzeichens für Johann Georg Elser an zentraler, öffentlich zugänglicher Stelle in Berlin“ abwartet, deren Ergebnisse bis zum 30. Juni 2008 vorgelegt werden sollen. Ich halte es für sinnvoll, dass das Land Berlin in eigener Trägerschaft Elsers gedenkt. Und natürlich ist auch zu überlegen, ob und wie der Bund das Anliegen unterstützen kann. Die Linke fordert in ihrem Antrag auch, im Umfeld des Deutschen Bundestages die bislang nicht erinnerten Opfer des NS-Regimes zu ehren. Sie sollten bei dieser Forderung allerdings berücksichtigen, dass jedes weitere Denkmal den Wert der bestehenden schmälert. In der Sache stimme ich dem Anliegen der Linken zu, das Andenken an den Widerstandskämpfer Johann Georg Elser im öffentlichen Bewusstsein zu stärken. Dafür habe ich als Schirmherr der Berliner Georg-Elser-Initiative mehrfach geworben. Johann Georg Elser blieb viel zu lange die Aufmerksamkeit und die öffentliche Würdigung verwehrt, die ihm gebührt. Das gilt im Übrigen für beide deutschen Staaten gleichermaßen. Das Gegenteil nämlich war der Fall: noch viele Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hielt sich hartnäckig das Gerücht, Johann Georg Elser sei eine Marionette der Nationalsozialisten gewesen, die durch das Attentat den Mythos des von der Vorsehung beschützten Führers stärken wollten. André Schmitz sprach zu Recht von einer zweiten Hinrichtung: erst durch seine Henker und dann durch die öffentliche Wahrnehmung nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes.Johann Georg Elser war mutiger und weitsichtiger als die meisten anderen Deutschen. „Ich habe den Krieg verhindern wollen“, sagte er in den Verhörprotokollen zu seinem Motiv für das Attentat. Der Anschlag am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller schlug fehl. Das mörderische Regime entfaltete sich unaufhaltsam weiter und kostete vielen Millionen Menschen auf brutalste Weise das Leben. Elser wurde am 9. April 1945, vier Wochen vor Ende des Krieges, hingerichtet. Erst Ende der 1960er-Jahre haben Historiker anhand der Verhörprotokolle der Gestapo die Alleintäterschaft Elsers nachgewiesen. Auch danach dauerte es noch viele Jahre, bis Johann Georg Elser in der offiziellen Gedenkkultur der Bundesrepublik gewürdigt wurde. Zu verdanken ist das den ehrenamtlichen Georg-Elser-Initiativen, von denen es mittlerweile sechs in Deutschland gibt. Ihnen gebührt mein Dank. Dieses dezentrale zivilgesellschaftliche Engagement ist charakteristisch für die Erinnerungskultur in Deutschland. Staatliches Erinnern kann und soll diese Initiativen nicht ersetzen. Erst das Engagement vieler, nicht nur hier in Berlin, sondern auch anderswo in Deutschland, hält das Andenken an Johann Georg Elser und die vielen anderen Widerstandskämpfer wach. Mir ist es wichtig, nicht nur Elsers Tat stärker ins öffentliche Bewusstsein zu heben, sondern ihn auch als Beispiel, als Vorbild für mutiges Eintreten eines einzelnen Menschen gegen staatliche Willkür und Unrecht wahrzunehmen. Die wichtigste Lehre des Widerstandes ist, Unrecht zu bekämpfen, bevor es die Chance erhält, an die Macht zu kommen. Es ist im Sinne von Johann Georg Elser, politisch wach zu sein und Feinde des demokratischen Zusammenlebens frühzeitig zu erkennen und zurückzudrängen. Lassen Sie uns im Ausschuss weiter darüber diskutieren, in welcher Weise und an welchem Ort Johann Georg Elsers gedacht werden kann und gedacht werden sollte und wie der Bund Berlin dabei unterstützen kann. Jede Debatte darüber hält die Erinnerung an diesen mutigen Widerstandskämpfer wach und hilft, Johann Georg Elser den prominenten Platz im kollektiven Gedächtnis einzuräumen, der ihm gebührt.

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