Rede von Christoph Waitz (FDP) – Drucksache 16/9419
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19: Drucksache 16/9419 –.
Text
Rede von Christoph Waitz (FDP) – Drucksache 16/9419
1938, als die Nationalsozialisten und Adolf Hitler ihre
Macht in Deutschland zementiert, Österreich an das
Deutsche Reich angeschlossen und die Tschechoslowakei
als Staat zerschlagen hatten, erkannte Georg Elser, dass
Hitler und die Nationalsozialisten einen Angriffskrieg
vorbereiteten. Er erkannte, wofür viele Zeitgenossen in
Deutschland blind waren. Er sah den Krieg mit
unvorstellbaren Ausmaßen, der vor Deutschland und Europa
lag. Er erkannte für sich, dass nur ein Attentat auf Hitler
diese Gefahr bannen konnte.
Am 1. September 1939 begann Zweite Weltkrieg. In der
Nacht vom 6. auf den 7. November 1939 setze Georg
Elser den Zeitzünder der Bombe in Gang. Zu diesem
Zeitpunkt war Polen längst überfallen, in die Kapitulation
gezwungen und geteilt worden. Großbritannien undZu Protokoll gegebene Reden
Christoph WaitzFrankreich hatten dem Deutschen Reich den Krieg
erklärt. Die Welt stand vor dem Abgrund, der zu über
55 Millionen toten Menschen führen sollte.
„Ich habe den Krieg verhindern wollen“, sagte er
später, nachdem er unter Folter seine Tat gestanden hatte.
1945, wenige Jahre nach dem Attentatsversuch von Elser,
steht Europa am Ende des Zweiten Weltkrieges vor einem
Desaster. Millionen von Kriegstoten, Flüchtlingen und
Vertriebenen, Millionen von Menschen, die aus
rassistischen oder weltanschaulichen Gründen im System der
Konzentrationslager aus Hunger, Krankheit oder
Entkräftung starben oder Opfer von Massenerschießungen
und Vergasung wurden.
Gerade im Lichte des millionenfachen Leids wünschte
ich, Georg Elser hätte mit seinem Attentat auf Hitler
Erfolg gehabt, und ich wünschte, dass diese Tat wirklich die
Wirkungskette der Folgeereignisse unterbrochen und das
massenhafte Leid und Elend verhindert hätte.
Elser beschließt, Hitler zu töten, und bereitet das
Attentat sorgfältig vor. Er platziert die Zeitbombe im
Münchner Bürgerbräukeller. Er weiß, dass Hitler am
8. Novembers 1939, anlässlich des Vorabends des
Hitlerputsches vom 9. November 1923, dort sprechen wird. Die
Bombe ist in einer tragenden Säule platziert. Die
Detonation bringt Teile der Decke zum Einsturz und begräbt das
Rednerpult. Acht Menschen sterben, viele sind verletzt.
Doch Hitler selbst verlässt zusammen mit weiteren Nazi-
Größen wenige Minuten vor der Explosion den Saal.
Noch am gleichen Tag wird Elser an der Schweizer
Grenze verhaftet und bis zum 9. April 1945, dem Tag
seiner Hinrichtung, inhaftiert.
Georg Elser verdient unsere Anerkennung für das, was
er weitsichtig, selbstlos und unter großer persönlicher
Gefahr getan hat. Das von Georg Elser verübte Attentat
ist eines der wenigen, das tatsächlich ausgeführt wurde.
Viele weitere Attentatspläne kamen über das
Planungsstadium nie hinaus. So steht die Tat Elsers historisch
neben dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944.
Die Besonderheit seiner Tat kam auch durch die
Inhaftierung und den Zeitpunkt seiner Hinrichtung zum
Ausdruck. Man „hob“ Elser quasi auf, um ihn nach
Kriegsende einem Schauprozess zu unterwerfen. Als
Deutschland kurz vor der Kapitulation stand, wurde
Elser zeitgleich mit Widerstandskämpfern wie Dietrich
Bonhoeffer, Wilhelm Canaris und Hans von Dohnanyi
hingerichtet.
Georgs Elsers Rolle als Widerstandskämpfer wurde
früher nicht ausreichend gewürdigt. Deswegen bin ich
froh, dass die Heimatstadt von Elser, Königsbronn, die
Gedenkstätte Deutscher Widerstand und die Ernst-
Freiberger-Stiftung die Erinnerung an Elser bewahren
und die Leistung und die Motivation Elsers für viele
Menschen erfahrbar machen.
Heute gibt es bereits eine Vielzahl von Gedenkstätten
und Denkmäler für Georg Elser. In der Heimat Elsers
sind Straßen, Plätze und Schulen nach ihm benannt. Dort
gibt es auch eine Georg-Elser-Gedenkstätte. Die
Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin räumt Elser einen
zentralen Platz in Ihrer Ausstellung ein, und die Ernst-Freiberger-Stiftung errichtet im Rahmen der „Straße der
Erinnerung“ ein Denkmal für Georg Elser in der Nähe
des Bundesinnenministeriums am Spreebogen, das Ende
September 2008 eingeweiht werden soll.
Wenn jetzt das Land Berlin die Errichtung eines
Denkmals plant, so ist dieses Vorhaben richtig und
unterstützenswert. Ich denke, das Vorhaben ist in der
Federführung des Landes Berlin auch gut aufgehoben.
Der Antrag der Linken leidet an zahlreichen Mängeln.
Er vermischt das Gedenken an Georg Elser mit dem
Gedenken an andere Opfergruppen der
nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Er entmündigt das Land Berlin
selbst in einfachsten Fragen der Denkmalerrichtung. Er
vermischt das Gedenken an Georg Elser sachwidrig mit
Aspekten, die das in Vorbereitung befindliche
Gedenkstättenkonzept des Bundes betreffen. Er bietet bis auf das
lose Aneinanderreihen von nicht unmittelbar
zusammenhängenden Forderungen keine praktisch verwertbaren
Vorschläge.
Der Deutsche Bundestag hat sich bereits in vielen
anderen Fällen für die Errichtung von Denkmälern und
Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus
ausgesprochen und eingesetzt. Zuletzt wurde das Denkmal für
die ermordeten Homosexuellen in Berlin eingeweiht. Ein
Denkmal für die „als Zigeuner verfolgten“ Menschen
befindet sich gegenwärtig im Bau. Darüber hinaus existiert
eine Vielzahl weiterer Gedenkstätten, die an im
Nationalsozialismus ermordete Menschen erinnern.
Das Gedenken an den deutschen Widerstand hat in
Berlin eine zentrale Stelle gefunden. Die Gedenkstätte
Deutscher Widerstand befindet sich am
Originalschauplatz im Bendlerblock in der Stauffenbergstraße. Hier
haben die Attentäter des 20. Juli 1944 um Graf von
Stauffenberg gewirkt, geplant und gehofft, und hier sind sie
gescheitert, gefangen und standrechtlich erschossen
worden. Die Gedenkstätte wird bereits durch den Bund
unterstützt. Es zweifelt niemand daran, dass die Arbeit der
Gedenkstätte und der Ort des Gedenkens angemessen sind.
Ich verstehe nicht, warum die Linke den vorliegenden
Antrag in den Deutschen Bundestag eingebracht hat.
Soweit der Antrag über das Gedenken an Georg Elser
hinausgeht, betrifft er das Gedenkstättenkonzept des
Bundes. Hier sind wir noch mit den Beratungen beschäftigt.
Das wissen auch Sie, liebe Kollegin Dr. Jochimsen.
Auch wir warten auf die Vorlage des endgültigen
Konzepts der Bundesregierung. Hier hat es immer wieder
Verschiebungen gegeben. Jetzt soll das Konzept Ende
Juni dieses Jahres vorgelegt werden. Der Antrag der
Linken hilft aber nicht, die Vorlage des Konzepts zu
beschleunigen. Ich schlage Ihnen vor, das
Gedenkstättenkonzept abzuwarten und dann konkrete
Änderungsvorschläge einzubringen. Dann können diese Vorschläge
auch im richtigen Kontext diskutiert werden.