Rede von Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) – Drucksache 16/9419
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 19: Drucksache 16/9419 –.
Text
Rede von Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) – Drucksache 16/9419
Wer war Georg Elser? Der Sohn eines Bauern und
Holzhändlers aus Württemberg, Jahrgang 1903,
Volksschüler, Schreinerlehrling, der die Gesellenprüfung 1922
als Jahrgangsbester besteht, Tischler und Uhrmacher. AlsZu Protokoll gegebene Reden
Dr. Lukrezia Jochimsendie Weltwirtschaftskrise ausbricht, wird er Mitglied im
Rotfrontkämpferbund. Ab 1936 ist er Hilfsarbeiter in
einer Heidenheimer Armaturenfabrik und erfährt dort von
der Rüstungsproduktion im Auftrag der
Nationalsozialisten. 1938 erlebt er eine Gedenkveranstaltung der NSDAP
zum Hitler-Putsch. Das ist der historische Augenblick für
seinen Entschluss, Hitler durch ein Attentat umzubringen.
Er allein. „Einer muss es doch machen“, war seine
Begründung. Ein Einzelner. Ein Einzelner, der als Erster
viereinhalb schrecklich lange Kriegsjahre vor
Stauffenberg und der Gruppe des 20. Juli versucht hat,
Deutschland von seinem Diktator zu befreien und den gerade
begonnen Krieg zu beenden. Das Sprengstoff-Attentat am
8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller
misslingt, weil Hitler wenige Minuten vor der Explosion den
Versammlungssaal verlässt.
Georg Elser wird noch am gleichen Tag verhaftet und
gesteht am 13. November, die Tat allein geplant und
durchgeführt zu haben. Zitat aus dem Verhör: „Die seit
Herbst 1933 in der Arbeiterschaft von mir beobachtete
Unzufriedenheit und der von mir seit Herbst 1933
vermutete unvermeidliche Krieg beschäftigten stets meine
Gedankengänge. … Ich stellte allein Betrachtungen an, wie
man die Verhältnisse der Arbeiterschaft bessern und
einen Krieg vermeiden könnte. Die von mir angestellten
Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die
Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der
augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter
der Führung verstand ich die Obersten, ich meine damit
Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen
kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung
dieser drei Männer andere Männer an die Regierung
kommen, die an das Ausland keine untragbaren
Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen
und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse
der Arbeiterschaft Sorge tragen werden.“
Nach dem Eingeständnis der Tat wird Georg Elser vier
Jahre lang im KZ Sachsenhausen und im KZ Dachau
immer wieder verhört und gefoltert und am 9. April 1945
– einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation –
erschossen.
Warum sollten wir, müssen wir dieses Mannes im Jahr
2008 ff. – mehr als hundert Jahre nach seiner Geburt und
mehr als sechzig Jahre nach seinem Tod – gedenken, und
zwar in Berlin im nationalen Rahmen? Der Grund ist
beschämend: weil genau dies in den vergangenen
Nachkriegs-Jahrzehnten unterblieb. Ich zitiere Peter Steinbach
und Johannes Tuchel aus der „Frankfurter Rundschau“
vom 18. November 1999: „Georg Elser hatte keiner Elite
angehört, der man das Recht auf Widerstand zubilligte;
keine gesellschaftliche Großgruppe setzte sich für sein
Andenken ein. Er blieb Werkzeug der Machthaber, nicht
aber ein Mensch, der sich selbst in Übereinstimmung mit
seinem Gewissen einen Handlungsauftrag gegeben hatte.
… Lange Zeit wurde übrigens in beiden Teilen
Deutschlands nicht akzeptiert, dass ein Arbeiter ohne Rücksicht
auf sich und seine unmittelbaren Angehörigen eine Tat bis
ins Detail geplant, gewagt und durchgeführt hatte, zu der
sich andere weder 1939 noch später entschließen
konnten.“
„In der Bundesrepublik war Elsers Widerstand gegen
den Nationalsozialismus nach 1945 noch umstrittener alsdie gesamte Gegnerschaft zum Regime. Immer wieder
rankten sich um seine Tat neue Gerüchte. Diffamierungen
aus der NS-Zeit wirkten fort und überlagerten sich nicht
selten mit teils bizarren Nachkriegsdeutungen. Georg
Elser war eine Herausforderung: Er machte deutlich,
dass ein einfacher Mann aus dem Volke sich zu einer
weltgeschichtlichen Tat aufraffen konnte. Er strafte all jene
Lügen, die sich weiterhin einredeten, sie hätten dem
Terror des NS-Staates nichts entgegensetzen können. Der
Durchschnittsbürger, das zeigte Elsers Beispiel, war
keineswegs zum Mitläufer bestimmt – er konnte dem Rad des
Staates durchaus in die Speichen greifen.“
„Kein Denkmal erinnert an ihn“ heißt es am Ende des
Films „Georg Elser – Einer aus Deutschland“ von Klaus
Maria Brandauer aus dem Jahr 1989.
Zwar hat es seitdem eine große Ausstellung über
Georg Elser gegeben, die in Berlin und 33 anderen Städten
Deutschlands zu sehen war und heute den Mittelpunkt der
Elser-Gedenkstätte in Königsbronn darstellt; zwar gibt es
eine Gedenktafel in München, einen Gedenkstein in
Heidenheim, eine Schule mit seinem Namen, ein Archiv und
sogar eine Sonderbriefmarke, aber in Berlin erinnert an
dieses Vorbild des Deutschen Widerstands bisher nichts.
Seit Jahren plädiert Rolf Hochhuth dafür, Georg Elser
mit einem Denkmal in Berlin zu ehren. Er begründet das
so: „Elser war der Einzige von 80 Millionen, der klar
genug geblieben war, um zumindest den Versuch zu
unternehmen, Hitler umzubringen“. Und es war Rolf
Hochhuth, der im Februar dieses Jahres dem Berliner
Abgeordnetenhaus vorgeschlagen hat, ein Denkzeichen
für Georg Elser an zentraler, öffentlich zugänglicher
Stelle zu errichten – auf dem Terrain der früheren
Reichskanzlei. Also, Ehre dem einsamen Attentäter, der Vorbild
gerade für moderne Menschen sein könnte.
Die Linksfraktion im Bundestag sieht in diesem
Vorschlag ein gesamtgesellschaftliches Anliegen – und keine
Sache Berlins allein. Eine Ehrung Elsers mit
vorhergehender breiter gesellschaftlicher Diskussion würde die
politische Kultur der Bundesrepublik bereichern.
Deshalb fordern wir die Bundesregierung auf: im
Einvernehmen mit dem Land Berlin die Trägerschaft für eine
Ehrung von Johann Georg Elser zu übernehmen; eine
Konzeption vorzulegen, in der dargestellt wird, wie und
an welchen Orten im Umfeld des Deutschen Bundestages
die bislang nicht erinnerten Opfer des verbrecherischen
NS-Regimes (zum Beispiel die sowjetischen
Kriegsgefangenen, die osteuropäische Intelligenz unter anderem)
geehrt werden sollten; darzustellen, wie die Breite des
politischen Widerstandes auch außerhalb der mit dem 20. Juli
1944 verbundenen Gedenkstätte Deutscher Widerstand
im Berliner Stadtraum erinnert werden kann und in
diesem Zusammenhang zu prüfen, ob tatsächlich und
gegebenenfalls auf welche Weise der Ort der früheren
Reichskanzlei als der eigentlichen politischen Machtzentrale
des NS-Regimes in das öffentliche Bewusstsein der
Topografie des NS-Terrors eingefügt werden kann und sollte.
Dazu sollte im Ausschuss für Kultur und Medien eine
Anhörung stattfinden mit: Klaus Maria Brandauer, Rolf
Hochhuth, Prof. Jutta Limbach, Prof. Peter Steinbach,
Prof. Johannes Tuchel und anderen.Zu Protokoll gegebene Reden
Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN):
Wenn ich an Johann Georg Elser und sein
gescheitertes Attentat auf Adolf Hitler denke, dann gerate ich in
retrospektive Spekulationen: Wie wäre die Weltgeschichte
verlaufen, wenn Hitler damals eine viertel Stunde länger
im Münchner Bürgerbräukeller geblieben wäre? Hätte es
dann diesen schrecklichen Krieg nicht gegeben? Wäre
der millionenfache Mord an den europäischen Juden
dann nicht geschehen? Niemand kann das wissen und
doch erfüllt uns das tragische Scheitern Elsers mit der
seltsamen Ahnung, dass die Weltgeschichte oft von
Zufällen gesteuert wird. Hinzu kommt das persönliche
Schicksal Elsers, der 1945 in Dachau ermordet wurde, aber
nach dem Krieg lange Zeit nicht angemessen gewürdigt
wurde, weil er vielen als Marionette der
Nationalsozialisten galt. Dies ist mittlerweile widerlegt, Elser war ein
mutiger Einzeltäter mit einer eigenen moralischen Agenda.
Der Schriftsteller und Dramatiker Rolf Hochhuth mag
Ähnliches gedacht und gefühlt haben, als er den
Vorschlag machte, ein öffentliches Denkzeichen für Johann
Georg Elser in Berlin einzurichten, und zwar am Ort der
früheren Reichskanzlei, also an einer Stelle, die als
Schaltzentrale des nationalsozialistischen
Menschheitsverbrechens gilt. Die Linkspartei in Berlin hat sich diesen
Vorschlag zu eigen gemacht und damit die Unterstützung
aus anderen Fraktionen gewonnen. Im Februar hat das
Berliner Abgeordnetenhaus denn auch einen
entsprechenden Beschluss gefasst.
Doch wünsche ich mir, dass, bevor wir ein solches
Projekt in die Wege leiten, einige inhaltliche und formale
Grundsatzfragen geklärt werden. Inhaltlich wichtig finde
ich die Frage, wie anhand einer Einzelperson das breite
Spektrum des kommunistischen Widerstands dargestellt
oder zumindest angedeutet werden kann. Auch müssen
wir darüber nachdenken, wie sich dieser neue
Erinnerungsort systematisch in das dichte Gesamtensemble der
Berliner Gedenkstätten einfügen kann. Welche
Korrespondenzen und pädagogischen Synergien wären dabei
denkbar? Und formal-ästhetisch wäre mir doch sehr
daran gelegen, dass wir kein klassisches Heldendenkmal in
Bronze aufstellen, sondern bei der Ausschreibung die
gerade in Berlin hochaktive junge Kunstszene um
zeitgemäßere, gleichsam „experimentellere“ Vorschläge bitten.
Ich verstehe den Begriff „Denkzeichen“ im Beschluss des
Berliner Abgeordnetenhauses nämlich genau so: dass es
darum geht, mit subtilen Mitteln eine historische und
politische Nachdenklichkeit wachzurufen.
Über die weiterführenden Forderungen im
vorliegenden Antrag bezüglich der Erinnerung an andere
Opfergruppen des Nationalsozialismus – wie etwa die
sowjetischen Kriegsgefangenen oder die osteuropäische
Intelligenz – werden wir im Ausschuss für Kultur und
Medien zu beraten und zu diskutieren haben.