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Rede von Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE) – Drucksache 16/2092

dip / rede 22.03.2007 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 9: Drucksache 16/2092 –.

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Text

Rede von Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE) – Drucksache 16/2092 Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine sehr geehrten Damen und Herren! Als gute Sozialistin lese ich die Zeitschrift „Capital“. Dort sind die Ergebnisse einer Umfrage unter Deutschlands Führungsspitzen nachzulesen: 78 Prozent dieses Führungspersonals befürchten, dass sich zunehmend eine Unterschicht herausbildet, die sich sozial und wirtschaftlich vom Rest der Gesellschaft abkoppelt. Mal abgesehen davon, dass sich diese Menschen nicht selbst abkoppeln, sondern abgekoppelt werden, ist diese Abkopplung Ergebnis konkreter Politik der Bundesregierung und des befragten Führungspersonals. Diese Gesellschaft wird durch die Politik der Bundesregierung auseinandergetrieben, sie wird unsozialer und unsolidarischer. Der Sport kann Politik nicht ersetzen, doch Sport hat Potenzial, die Gesellschaft zusammenzuhalten. Leider hat auch das die Bundesregierung noch nicht ausreichend verstanden. Ein Beispiel aus dem Leistungssport: Ein Internatsplatz auf einer Sportschule in Halle kostet im Monat 230 Euro – nicht viel, werden die Menschen hier im Saal sagen. Meine Kollegin Katrin Kunert, die heute bei der Europameisterschaft der Leichtathleten der Senioren in Helsinki um eine Medaille kämpft, (Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten der SPD) sponsert einen Internatsplatz für eine Sportlerin, deren Eltern Arbeitslosengeld II bekommen. Da sind 230 Euro schon sehr viel Geld. Zur Erinnerung, meine Damen und Herren, falls Sie vergessen haben, was Sie beschlossen haben: Arbeitslosengeld II beträgt maximal 345 Euro im Monat. Davon sind 230 Euro für ein Sportinternat nicht so einfach aufzubringen. Dr. Gesine LötzschSchauen wir uns einmal die soziale Herkunft von Spitzensportlern in Deutschland an: Nur 9,5 Prozent sind Arbeiterkinder, die große Mehrheit stellen Kinder von höheren Angestellten. Es werden also nicht nur Hartz-IV-Empfänger vom Leistungssport abgekoppelt. (Detlef Parr [FDP]: Das ist aber sehr weit hergeholt, Frau Kollegin!) Der Leistungssport in der Bundesrepublik ist eben eine sehr elitäre Veranstaltung. Die Erfahrung zeigt, dass es auch anders gehen kann: Diese sozialen Schranken gab es im DDR-Sport nicht. (Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Dafür gab es da Doping!) Unser Ex-Kollege Täve Schur hatte vier Geschwister, sein Vater war Tankwart und seine Mutter Hausfrau. Er hätte heute wohl kaum eine Chance, Radrennweltmeister zu werden. (Klaus Riegert [CDU/CSU]: Wie ist das mit Frau Kunert?) Meine Damen und Herren, ich will aber nicht nur über den Leistungssport sprechen. Uns liegt viel an dem weiteren Ausbau des Breitensports. 70 Prozent der Sportanlagen im Osten und 40 Prozent der Sportanlagen in den alten Bundesländern sind sanierungsbedürftig. Der Sanierungsaufwand wird auf 40 Milliarden Euro beziffert. Hier muss in den nächsten Jahren mehr investiert werden. In den ostdeutschen Ländern hat der Bund von 1999 bis 2006 65 Millionen Euro für den Goldenen Plan Ost ausgegeben. Wir als Linke sind in Anbetracht der vielbeschworenen sprudelnden Steuereinnahmen unbedingt dafür, den Goldenen Plan Ost als Infrastrukturprogramm auf die alten Bundesländer auszudehnen – der Kollege von der FDP hat das ja auch schon angesprochen – und die Mittel zusammen mit den Ländern erheblich aufzustocken. Hartz IV ist auch in den Sportvereinen angekommen. Ich habe in der letzten Woche eine Beratung mit Vertretern von Sportvereinen in meinem Wahlkreis durchgeführt. Da wurde mir berichtet, dass immer mehr Menschen aufgrund der miserablen finanziellen Situation nur noch ermäßigte Vereinsbeiträge bezahlen können. Den Vereinen brechen dank Hartz IV die Einnahmen weg. Sie haben Schwierigkeiten, die Angebote dauerhaft abzusichern. Das große ehrenamtliche Engagement kann diese finanziellen Schwierigkeiten nicht ausgleichen. Hier ist eine weitere Folge von Hartz IV zu erkennen, die unbedingt bekämpft werden muss. Abschließend ein Wort zur Förderung des Frauensports. Ich unterstütze eine Fußballmädchenmannschaft in meinem Wahlkreis, weil es ganz offensichtlich ist, dass Mädchen und Frauen auch im Breitensport wenigerChancen haben, wenn es um Hallenzeiten oder die Nutzung von Sportplätzen geht. (Ute Kumpf [SPD]: Wir sind aber Weltmeister beim Frauenfußball, Frau Lötzsch!) – Das ist richtig. Aber auch diese Frauen haben sehr kämpfen müssen, um diesen Platz zu erringen. Auch das ist eine Wahrheit. Ich denke, wir sollten alle gemeinsam mehr für den Frauensport tun; denn im Frauensport – das gilt auch für die Weltmeisterinnen – sind weniger Sponsoren zu finden als im Männersport. Lassen Sie uns das gemeinsam ändern! Vielen Dank.

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