Rede von Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE) – Drucksache 16/2092
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 9: Drucksache 16/2092 –.
Text
Rede von Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE) – Drucksache 16/2092
Vielen Dank, Herr Präsident. – Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Als gute Sozialistin lese ich die
Zeitschrift „Capital“. Dort sind die Ergebnisse einer
Umfrage unter Deutschlands Führungsspitzen
nachzulesen: 78 Prozent dieses Führungspersonals befürchten,
dass sich zunehmend eine Unterschicht
herausbildet, die sich sozial und wirtschaftlich vom Rest der
Gesellschaft abkoppelt.
Mal abgesehen davon, dass sich diese Menschen nicht
selbst abkoppeln, sondern abgekoppelt werden, ist diese
Abkopplung Ergebnis konkreter Politik der
Bundesregierung und des befragten Führungspersonals.
Diese Gesellschaft wird durch die Politik der
Bundesregierung auseinandergetrieben, sie wird unsozialer und
unsolidarischer. Der Sport kann Politik nicht ersetzen,
doch Sport hat Potenzial, die Gesellschaft
zusammenzuhalten. Leider hat auch das die Bundesregierung noch
nicht ausreichend verstanden.
Ein Beispiel aus dem Leistungssport: Ein
Internatsplatz auf einer Sportschule in Halle kostet im Monat
230 Euro – nicht viel, werden die Menschen hier im Saal
sagen. Meine Kollegin Katrin Kunert, die heute bei der
Europameisterschaft der Leichtathleten der Senioren in
Helsinki um eine Medaille kämpft,
(Beifall bei der LINKEN sowie bei
Abgeordneten der SPD)
sponsert einen Internatsplatz für eine Sportlerin, deren
Eltern Arbeitslosengeld II bekommen. Da sind 230 Euro
schon sehr viel Geld. Zur Erinnerung, meine Damen und
Herren, falls Sie vergessen haben, was Sie beschlossen
haben: Arbeitslosengeld II beträgt maximal 345 Euro im
Monat. Davon sind 230 Euro für ein Sportinternat nicht
so einfach aufzubringen.
Dr. Gesine LötzschSchauen wir uns einmal die soziale Herkunft von
Spitzensportlern in Deutschland an: Nur 9,5 Prozent
sind Arbeiterkinder, die große Mehrheit stellen Kinder
von höheren Angestellten. Es werden also nicht nur
Hartz-IV-Empfänger vom Leistungssport abgekoppelt.
(Detlef Parr [FDP]: Das ist aber sehr weit
hergeholt, Frau Kollegin!)
Der Leistungssport in der Bundesrepublik ist eben eine
sehr elitäre Veranstaltung. Die Erfahrung zeigt, dass es
auch anders gehen kann: Diese sozialen Schranken gab
es im DDR-Sport nicht.
(Dr. Carl-Christian Dressel [SPD]: Dafür gab
es da Doping!)
Unser Ex-Kollege Täve Schur hatte vier Geschwister,
sein Vater war Tankwart und seine Mutter Hausfrau. Er
hätte heute wohl kaum eine Chance, Radrennweltmeister
zu werden.
(Klaus Riegert [CDU/CSU]: Wie ist das mit
Frau Kunert?)
Meine Damen und Herren, ich will aber nicht nur
über den Leistungssport sprechen. Uns liegt viel an dem
weiteren Ausbau des Breitensports. 70 Prozent der
Sportanlagen im Osten und 40 Prozent der Sportanlagen
in den alten Bundesländern sind sanierungsbedürftig.
Der Sanierungsaufwand wird auf 40 Milliarden Euro
beziffert. Hier muss in den nächsten Jahren mehr investiert
werden. In den ostdeutschen Ländern hat der Bund von
1999 bis 2006 65 Millionen Euro für den Goldenen Plan
Ost ausgegeben. Wir als Linke sind in Anbetracht der
vielbeschworenen sprudelnden Steuereinnahmen
unbedingt dafür, den Goldenen Plan Ost als
Infrastrukturprogramm auf die alten Bundesländer auszudehnen – der
Kollege von der FDP hat das ja auch schon
angesprochen – und die Mittel zusammen mit den Ländern
erheblich aufzustocken.
Hartz IV ist auch in den Sportvereinen angekommen.
Ich habe in der letzten Woche eine Beratung mit
Vertretern von Sportvereinen in meinem Wahlkreis
durchgeführt. Da wurde mir berichtet, dass immer mehr
Menschen aufgrund der miserablen finanziellen Situation nur
noch ermäßigte Vereinsbeiträge bezahlen können. Den
Vereinen brechen dank Hartz IV die Einnahmen weg.
Sie haben Schwierigkeiten, die Angebote dauerhaft
abzusichern. Das große ehrenamtliche Engagement kann
diese finanziellen Schwierigkeiten nicht ausgleichen.
Hier ist eine weitere Folge von Hartz IV zu erkennen,
die unbedingt bekämpft werden muss.
Abschließend ein Wort zur Förderung des
Frauensports. Ich unterstütze eine Fußballmädchenmannschaft
in meinem Wahlkreis, weil es ganz offensichtlich ist,
dass Mädchen und Frauen auch im Breitensport wenigerChancen haben, wenn es um Hallenzeiten oder die
Nutzung von Sportplätzen geht.
(Ute Kumpf [SPD]: Wir sind aber Weltmeister
beim Frauenfußball, Frau Lötzsch!)
– Das ist richtig. Aber auch diese Frauen haben sehr
kämpfen müssen, um diesen Platz zu erringen. Auch das
ist eine Wahrheit.
Ich denke, wir sollten alle gemeinsam mehr für den
Frauensport tun; denn im Frauensport – das gilt auch für
die Weltmeisterinnen – sind weniger Sponsoren zu
finden als im Männersport. Lassen Sie uns das gemeinsam
ändern!
Vielen Dank.
Relationen
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