Rede von Ines Schwerdtner (DIE LINKE) – Vereinbarte Debatte
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 3: Vereinbarte Debatte:.
Text
Rede von Ines Schwerdtner (DIE LINKE) – Vereinbarte Debatte
Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Am
Morgen des 7. Oktober schrieb Hayim Katsman:
Terroristen kommen in den Kibbuz, aber es ist ruhig. – Das war
das Letzte, was Noy von ihm hörte.
Gestern habe ich Noy Katsman getroffen. Hayim war
Noys Bruder. Er war ein vielversprechender
Wissenschaftler und Aktivist, einer, zu dem Noy aufgeschaut
hat. Er hatte sich an diesem Morgen mit seiner Nachbarin
im Schutzraum versteckt. Als die Terroristen schossen,
hat er sie mit seinem Körper geschützt. Die Kugeln trafen
ihn, und sie hat überlebt. Hayim ist Hebräisch und heißt
Leben, und an diesem Morgen hat er eines gerettet. Nach
seinem Tod haben einige über Hayim geschrieben, er
habe es verdient, weil er sich für die Rechte von
Palästinenserinnen und Palästinensern eingesetzt hat. Niemand
hat es verdient: nicht Hayim, nicht die jungen Menschen
auf dem Festival, nicht die Geiseln in den Tunneln, nicht
die Kinder unter den Trümmern in Gaza. Genau das
meinen wir, wenn wir von unteilbaren Menschenrechten
sprechen. Sie gelten im Kibbuz Holit genauso wie in
Rafah.
Das Massaker der Hamas vom 7. Oktober ist ein
Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit, und nichts rechtfertigt sie. Das kollektive
Trauma wirkt bis heute nach. Gleichzeitig rechtfertigt
nichts Netanjahus Kriegsverbrechen, und was in Gaza
passiert, ist ein Völkermord. Beides ist wahr, und es
gehört zusammen. Und ja, wir ringen um jedes Wort, mit
dem man diese Wirklichkeit beschreibt. Manche hier
machen es sich leichter. Sie instrumentalisieren
Antisemitismus als Waffe im politischen Alltagsgeschäft. Aber
ein Vorwurf, mit dem man jede Kritik erschlägt, schützt
keine einzige Jüdin, schützt keinen einzigen Juden in
diesem Land. Jüdinnen und Juden haben hier Angst,
und ich fühle es, wenn Mütter, wenn Freundinnen von
mir sagen, sie haben Angst um ihre Kinder an den
Schulen. Und es ist unsere Aufgabe, uns gegen jeden
Antisemitismus zu stellen, ohne jede Ausnahme.
Und vielleicht können wir uns hier im politischen
Berlin ein Vorbild an Noy Katsman nehmen und den vielen
anderen, die Angehörige verloren haben und dennoch den
Teufelskreis der Gewalt durchbrechen wollen, an
denjenigen, die sich für einen gerechten Frieden einsetzen.
Denn ein sicheres, freies Israel wird es nur geben, wenn
es auch ein sicheres, freies Palästina gibt. Dafür braucht
es politischen Mut und Menschlichkeit. Noy hat bei
Hayims Beerdigung gesagt: Der Mord an meinem Bruder soll
nicht benutzt werden, um unschuldige Menschen zu
töten. Heilen können wir erst, wenn die Gewalt endet.
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Ines Schwerdtner (Rede)