Rede von Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Vereinbarte Debatte
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 3: Vereinbarte Debatte:.
Text
Rede von Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Vereinbarte Debatte
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und
Herren! Sehr geehrter Herr Botschafter! Die 22-jährige Shani
Louk tanzte am 7. Oktober 2023 morgens auf dem
Supernova-Musikfestival. Nachmittags wurde ihr toter Körper
von Hamasterroristen durch die Straßen von Gaza
geschleift. Die Begegnungen mit ihrer Mutter, anderen
Familien von Opfern und auch mit Forensikerinnen der
Polizei verfolgen mich bis heute.
Die Verbrechen des 7. Oktober: Ihre Wunden werden
niemals heilen, ihr Schmerz darf niemals relativiert
werden, gerade bei uns im Land der Shoah, wo „Nie wieder!“
keine Floskel, sondern Handlungsauftrag sein muss.
Gerade wir in diesem Haus haben die Verpflichtung, alles
dafür zu tun, dass ein solcher Tag niemals vergessen wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei
Abgeordneten der Linken)
Meine Damen und Herren, ich muss aber auch sagen,
dass ich die Debatte in Teilen wirklich als mehr als
verstörend und unpassend empfand. Denn heute sollte das
Gedenken an die Opfer im Mittelpunkt stehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der Linken)
Unsere Empathie mit den Opfern, sie ist so stark wie
unser Bekenntnis zur Sicherheit Israels als sichere
Heimstätte für Jüdinnen und Juden. Gerade weil die Menschen
dort nicht allein von den Terroristen der Hamas und des
Islamischen Dschihad angegriffen wurden, sondern
bereits davor und auch danach von dem Terror der
Hisbollah, der Huthi und dem Iran.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Um die Menschen in Gaza, die seit 2008 unter der
Diktatur der Islamisten leiden, ging es der Hamas nie,
sondern um Hass und Gewalt. Es wurde auch sehr offen
darüber gesprochen, dass das eiskalte Kalkül der Hamas
nicht nur ein Massenmord an vielen unschuldigen
Menschen war. Sie wollten an einer Gewaltspirale drehen, um
eine harte Gegenreaktion auszulösen, die Israel
international isoliert und auch andere Gesellschaften spaltet.
Dafür waren die Terroristen sogar auch bereit, sehr viel
Leid für die Palästinenserinnen und Palästinenser in Kauf
zu nehmen. Und es ist schwer erträglich, dass dieser böse
Plan droht aufzugehen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
In der israelischen Regierung hat das den bereits davor
existierenden rechtsextremen Kräften und Politikern wie
Ben-Gvir Aufwind gegeben, die immer schon die
Zweistaatenlösung zerstören wollten, die Hass und
Menschenverachtung predigen, denen es eben nicht um die legitime
Selbstverteidigung geht, sondern denen die Grenzen des
Völkerrechts und der Menschenrechte offensichtlich
mehr als egal sind.
Auch das unermessliche Leid in Gaza kann niemanden
kaltlassen. UN-Berichte sprechen von 70 000 Toten,
20 000 davon Kinder. Und noch immer fehlt es den
meisten Menschen an sauberem Wasser, an
Grundnahrungsmitteln und an medizinischem Gerät. Deshalb leiden wir
auch mit den Menschen dort, und wir fühlen uns auch
ihrer Sicherheit verpflichtet.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Leid wird nicht weniger, wenn andere auch leiden oder
wenn man die Wunden der einen Seite gegen den
Schmerz der anderen aufzuwiegen oder auszuspielen
versucht. Was dann zunimmt, sind Trauer, Wut und Hass.
Empathie aber wird mehr, wenn man sie teilt. Die
Sicherheit der einen Seite kann es nicht ohne die Sicherheit der
anderen geben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der Linken)
Eines, meine Damen und Herren, ist aber auch klar:
Zwischen emotionaler Kritik und politischen
Forderungen auf der einen Seite und der Verherrlichung von Terror
auf der anderen Seite gibt es einen sehr klaren
Unterschied. Wer terrorverherrlichende Parolen schreit und
Jüdinnen und Juden bedroht, der hilft keinem einzigen Kind
in Gaza. Aber er greift damit auch uns alle, unser
gemeinsames Miteinander an. Und keine politische Kraft darf
jemals mit diesen gefährlichen antisemitischen Flammen
spielen, die unser Land und diesen Kontinent schon
einmal in Brand gesetzt haben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Meine Damen und Herren, wir können nicht in einer
einzelnen Debatte dem Nahostkonflikt in all seiner
Komplexität gerecht werden. Wir können uns aber alle daran
erinnern, dass hinter den Opferzahlen des 7. Oktober,
hinter den Opferzahlen in den Kibbuzim wie auch in
Gaza Menschen wie Sie und ich stehen, dass in Israel
und in Palästina Kinder leben, die alle ein Recht darauf
haben, in Frieden, Menschenwürde und Sicherheit zu
leben. Von diesem Ziel, von dieser Realität sind wir heute
weit entfernt. Aber das kann keine Ausrede sein, es nicht
immer wieder zu versuchen.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU und der SPD sowie des
Abg. Jan Krampe [Die Linke])
Relationen
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