Rede von Dr. Armin Grau (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 38a bis 38c: Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris.
Text
Rede von Dr. Armin Grau (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die Rente ist Vertrauenssache, und alle
Menschen müssen sich im Alter auf eine gute Versorgung
verlassen können. Die Alterssicherungskommission hat
gute Vorschläge gemacht. Etliche Empfehlungen sehen
wir aber sehr kritisch, wie die Absenkung des
Rentenniveaus im Umlagesystem, die Finanzierung der
Kapitalrente aus Beitragsmitteln und das unzureichende Konzept
gegen Altersarmut. All das kritisieren wir Grüne.
Die Kommission empfiehlt, das gesetzliche
Renteneintrittsalter anhand der Entwicklung der Lebenserwartung
über 67 Jahre hinaus zu erhöhen. Wenn wir zwölf Monate
länger leben, sollen wir acht Monate länger arbeiten und
vier Monate länger Rente bekommen. Dazu muss man
wissen – Bernd Rützel hat es gerade auch schon
erwähnt –, dass sich die Lebenserwartung seit Mitte der
Nullerjahre nur noch wenig erhöht hat. In den letzten
20 Jahren ist das Renteneintrittsalter viel stärker
gestiegen als die Lebenserwartung.
Die Menschen sind daher bei der Lebensarbeitszeit
deutlich in Vorleistung gegangen. Das wird in der aktuellen
Debatte viel zu wenig beachtet.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN – Bernd Rützel [SPD]:
Stimmt!)
Für die Rente ist das tatsächliche Renteneintrittsalter
wichtiger als das gesetzliche. Und dieses faktische
Renteneintrittsalter ist laufend gestiegen, zuletzt auf 64,7
Jahre. Wir Grüne wollen diesen Trend verstärken und das
tatsächliche Renteneintrittsalter erhöhen, indem wir es
den Menschen erleichtern, bei guter Gesundheit länger
freiwillig zu arbeiten. Dazu setzen wir auf mehr
Prävention, Gesundheitsförderung und Rehabilitation.
Präventionsleistungen soll es nicht erst geben, wenn
schon erste Symptome bestehen, sondern risikobasiert
viel früher. Das Rehabudget muss entdeckelt werden,
sodass alle das bekommen, was sie brauchen.
Das zahlt sich auch ökonomisch aus. So soll ein
längeres Arbeiten ermöglicht werden. Für die, die
gesundheitsbedingt in ihrem Beruf nicht länger arbeiten können,
wollen wir eine neue Berufsunfähigkeitsrente, die
Überlastungsschutzrente, schaffen. Bei der Rente wird häufig
gesagt, alles sei pure Mathematik und reine Demografie.
Wir hätten zu wenig Kinder, also müssten wir länger
arbeiten. Das ist massiv vereinfacht. Wenn schon
Mathematik, dann bitte die richtige Formel, und die ist der
Rentnerquotient, das Verhältnis aus Beschäftigten und
Beitragszahlenden, und nicht etwa der Altenquotient,
das Verhältnis von Jung zu Alt. Den Altenquotienten
können wir nicht so schnell beeinflussen, den
Rentnerquotienten schon: durch mehr Fachkräfteeinwanderung
oder mehr Frauenerwerbstätigkeit. Aber hier tut die
Bundesregierung leider viel zu wenig.
Und richtig: Ein höheres Renteneintrittsalter verschärft
soziale Ungerechtigkeit. Ärmere leben deutlich kürzer als
Wohlhabende. Und diese Schere geht leider noch immer
weiter auseinander. Bei einem erhöhten
Renteneintrittsalter haben vor allem Ärmere immer weniger von ihrer
Rente, und das ist ungerecht. Eine Erhöhung des
Renteneintrittsalters könnte daher nur das Mittel allerletzter
Wahl sein, wenn alle erforderlichen Maßnahmen
ergriffen wurden und die Lebenserwartung für alle klar steigt.
Aber da sind wir nicht.
Bei der Rente für langjährig Versicherte nach
mindestens 35 Versicherungsjahren nehmen die Menschen die
Abschläge oft in Kauf, weil sie nicht länger arbeiten
können. Gerade hier ist die von der Regierung geplante
Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters
problematisch und spart zudem wenig ein: ein wirklich
schlechter Vorschlag.
Etwas anders ist es bei der abschlagsfreien Rente für
besonders langjährig Versicherte. Sie begünstigt häufig
nicht die wirklich belasteten Berufsgruppen. Die schaffen
oft die 45 Beitragsjahre gar nicht.
Sie begünstigt Menschen mit langen, stabilen
Erwerbsbiografien und relativ hohen Rentenansprüchen. Daher
wollen wir sie nach einer fairen Übergangsfrist durch
die genannte Überlastungsschutzrente ersetzen, für die
Menschen, die in ihrem Beruf aus gesundheitlichen
Gründen nicht länger arbeiten können. Und wir wollen
Altersarmut besser bekämpfen und die grüne
Garantierente einführen. Wer mindestens 30 Versicherungsjahre
hat, soll 30 Rentenpunkte bekommen und deutlich
bessergestellt sein als heute. So geht soziale Rentenpolitik.
Vielen Dank.
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte erhalten
- part_of_vorgang → Altersteilzeit weiterhin ab 55 Jahren und im Blockmodell ermöglichen
- part_of_vorgang → Keine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze
- spoke_in ← Armin Grau (Rede)