Protokoll der 133. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 133. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/133
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
133. Sitzung
Bonn, Freitag, den 19. April 1985
Inhalt:
Wahl der Abg. Frau Eid zur Schriftführerin
als Nachfolgerin des Abg. Krizsan . . . 9865A
Bestimmung des Abg. Ströbele zum
ordentlichen Mitglied und des Abg. Mann zum
stellvertretenden Mitglied im
Gemeinsamen Ausschuß als Nachfolger der Abg.
Schily und Frau Beck-Oberdorf 9865 B
Wahl des Abg. Dr. Schierholz zum Mitglied
im Vermittlungsausschuß als Nachfolger
der Abg. Frau Nickels 9865 B
Erweiterung der Tagesordnung 9865 B
Zur Geschäftsordnung
Seiters CDU/CSU 9865 C
Dr. Spöri SPD 9866 B
Vogel (München) GRÜNE 9867 B
Wolfgramm (Göttingen) FDP 9867 D
Zweite und dritte Beratung des von
der Bundesregierung eingebrachten
Entwurfs eines
Beschäftigungsförderungsgesetzes 1985
— Drucksache 10/2102 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung
— Drucksache 10/3206 —
Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/3211 —
in Verbindung mit
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung zu dem Antrag der Fraktion
der SPD
Förderung der Beschäftigung
— Drucksachen 10/2132, 10/3206 —
in Verbindung mit
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über befristete
Arbeitsverträge mit wissenschaftlichem Personal an
Hochschulen und
Forschungseinrichtungen
— Drucksache 10/2283 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Bildung und Wissenschaft
— Drucksache 10/3119 —
Vogelsang SPD 9869 A
Seehofer CDU/CSU 9869 B
Dreßler SPD 9872 A
Cronenberg (Arnsberg) FDP 9877 B
Tischer GRÜNE 9879 C
Dr. Blüm, Bundesminister BMA . . . 9882 C
Lutz SPD 9885 D
Frau Dr. Wisniewski CDU/CSU 9887 D
Vogelsang SPD 9889 B
Dr.-Ing. Laermann FDP 9890 C
Frau Dr. Wilms, Bundesminister BMBW 9891 D
Namentliche Abstimmung 9907 D
Ergebnis der Abstimmung 9907 D
Zweite und dritte Beratung des von den
Fraktionen der CDU/CSU und FDP
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Stärkung der Finanzgrundlagen der
gesetzlichen Rentenversicherung
— Drucksache 10/2889 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung
— Drucksache 10/3207 —
Bericht des Haushaltsausschusses gemäß
§ 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/3212 —
Müller (Wesseling) CDU/CSU 9893 D
Heyenn SPD 9897 A
Frau Dr. Adam-Schwaetzer FDP . . . 9900 D
Bueb GRÜNE 9902 B
Dr. Blüm, Bundesminister BMA . . . 9904 C
Frau Fuchs (Köln) SPD 9909 B
Mischnick FDP 9911 B
Reimann SPD 9913A
Zur Geschäftsordnung
Bueb GRÜNE 9915A
Seiters CDU/CSU 9915A
Namentliche Abstimmung 9919 C
Ergebnis der Abstimmung 9919 C
Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über steuerliche
Maßnahmen zur Förderung des schadstoffarmen
Personenkraftwagens
— aus Drucksache 10/2523 —
Zweite Beschlußempfehlung und Zweiter
Bericht des Finanzausschusses
— Drucksache 10/3205 —
Zweiter Bericht des Haushaltsausschusses
gemäß § 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/3213 —
Dr. Lippold CDU/CSU 9917 A
Lennartz SPD 9920 D
Hoffie FDP 9923 A
Schulte (Menden) GRÜNE 9925 B
Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär BMF . 9927 A
Namentliche Abstimmung 9928 B
Ergebnis der Abstimmung 9928 A
Vizepräsident Westphal 9928 C
Nächste Sitzung 9929 C
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten 9931*A
Anlage 2
Amtliche Mitteilungen 9931* B
133. Sitzung
Bonn, den 19. April 1985
Beginn: 9.00 Uhr
Präsident Dr. Jenninger: Die Sitzung ist eröffnet.
Ich darf vor Eintritt in die Tagesordnung
folgende amtliche Mitteilungen verlesen: Durch das
Ausscheiden einiger Kolleginnen und Kollegen sind
Nachwahlen für einen Schriftführer und für
verschiedene Gremien erforderlich geworden.
Erstens. Die Fraktion DIE GRÜNEN hat für
Herrn Krizsan die Abgeordnete Frau Eid als
Nachfolgerin für das Amt des Schriftführers
vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden? — Ich höre
keinen Widerspruch. Damit ist Frau Abgeordnete Eid
als Schriftführerin gewählt.
Zweitens. Aus dem Gemeinsamen Ausschuß nach
Art. 53 a des Grundgesetzes sind der Kollege Schily
und Frau Beck-Oberdorf ausgeschieden. Die
Fraktion DIE GRÜNEN schlägt als neues Mitglied den
Abgeordneten Ströbele vor. Für den Sitz des
Stellvertreters im Gemeinsamen Ausschuß wird der
Abgeordnete Mann vorgeschlagen. Sind Sie damit
einverstanden? — Ich höre keinen Widerspruch. Damit
sind der Abgeordnete Ströbele als ordentliches und
der Abgeordnete Mann als stellvertretendes
Mitglied des Gemeinsamen Ausschusses bestimmt.
Drittens. Aus dem Vermittlungsausschuß nach
Art. 77 Abs. 2 des Grundgesetzes ist Frau Nickels
ausgeschieden. Als Nachfolger im
Vermittlungsausschuß wird von der Fraktion DIE GRÜNEN der
Abgeordnete Dr. Schierholz vorgeschlagen. Sind Sie
damit einverstanden? — Ich höre keinen
Widerspruch. Damit ist der Abgeordnete Dr. Schierholz
als Mitglied im Vermittlungsausschuß bestimmt.
Die Fraktion der CDU/CSU hat beantragt, die
heutige Tagesordnung um die zweite und dritte
Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und
der FDP eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zur
Stärkung der Finanzgrundlagen der gesetzlichen
Rentenversicherung — Drucksache 10/2889 —
sowie um die zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes über steuerliche Maßnahmen zur Förderung
des schadstoffarmen Personenkraftwagens —
Drucksache 10/2523 — zu erweitern.
Der Antrag ist rechtzeitig zugegangen. Wird zu
diesem Antrag das Wort zur Geschäftsordnung ge
-
wünscht? — Ich erteile das Wort dem Abgeordneten
Seiters.
Seiters (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
Damen und Herren! Für meine Fraktion beantrage
ich, den von der Bundesregierung eingebrachten
Entwurf eines Gesetzes über steuerliche
Maßnahmen zur Förderung des schadstoffarmen
Personenkraftwagens auf die heutige Tagesordnung zu
setzen und in zweiter und dritter Lesung zu beraten.
Die Ausschußberatungen sind abgeschlossen. Wir
haben seit langem angekündigt, daß wir eine
Verabschiedung dieses Gesetzes am heutigen Tage
wünschen, damit der Bundesrat in der kommenden
Woche ebenfalls abschließend votieren kann. Unser
Ziel ist, für die Bevölkerung und die Industrie
Klarheit zu schaffen
(Zuruf von der SPD: Klarheit, j a!)
und darüber hinaus parlamentarisch auf eine
schnelle Einigung über technische Normen im
Rahmen der Europäischen Gemeinschaft zu drängen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Ich bedaure, daß eine interfraktionelle
Vereinbarung — insbesondere mit der SPD — über die
Rufsetzung dieses Tagesordnungspunktes nicht
möglich war. Die Einwände der Opposition sind
vorgeschoben; sie kommen reichlich spät. Ziel der
SPD ist es offensichtlich, neue Unsicherheiten zu
schaffen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lachen und
Zurufe von der SPD)
— Hier sind offensichtlich diejenigen am
fröhlichsten, die gestern abend nicht mehr im Parlament
waren.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Viele, die gestern abend nicht mehr da waren, sind
heute früh aufgestanden.
(Zuruf des Abg. Dr. Vogel [SPD))
Vielleicht gehen Sie nachher in der Sachdebatte auf
diese Punkte noch ein. Sie werden ja, Herr
Fraktionsvorsitzender Vogel, Gelegenheit haben, dazu
ausführlich Stellung zu nehmen.
9866 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985
Seiters
Die verfassungsrechtlichen Bedenken der SPD
sind nicht stichhaltig. Das Verfahren, nach dem der
Gesetzgeber die Ausfüllung von gesetzlichen
Bestimmungen dem Verordnungsgeber überläßt, statt
das Gesetz mit technischen Details zu überfrachten
und es — entsprechend dem technischen
Fortschritt — dauernd zu ändern, ist durchaus sinnvoll
und üblich. Die SPD weiß sehr genau, daß es die
Übertragung von Regelungsbefugnissen auf den
Verordnungsgeber gibt, die zum Teil viel
weitergehender sind als die Einstufung eines
Personenkraftwagens in die Klassen „schadstoffarm" oder
„nicht schadstoffarm". Die SPD bemängelt also im
Endeffekt ein bewährtes, ständig praktiziertes
Verfahren, dessen Rechtmäßigkeit und
Verfassungsmäßigkeit bisher nie in Frage gestellt war.
Ziel der Opposition ist es, die Verabschiedung
dieses Gesetzes zu verzögern. Das ist leider eine
Politik der Obstruktion.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, das wird auch
deutlich aus dem zweiten Punkt. Da die Opposition
gleichzeitig Einwände erhebt gegen die zweite und
dritte Beratung des von den Koalitionsfraktionen
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Stärkung der Finanzgrundlagen der gesetzlichen
Rentenversicherung, beantrage ich auch insoweit die
Aufsetzung auf die heutige Tagesordnung
unmittelbar nach der Beratung des
Beschäftigungsförderungsgesetzes. Die SPD macht auch hier deutlich,
daß ihr an einer schnellen und konstruktiven
Beratung dieser Gesetze nichts liegt.
Die Mehrheit dieses Hauses aber wird sich den
parlamentarischen Ablauf der notwendigen
Beratungen nicht von der Opposition vorschreiben
lassen, sondern das durchsetzen, was richtig und
vernünftig ist im Interesse der Bürger unseres
Landes.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Dr. Spöri.
Dr. Spöri (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Im Namen meiner
Fraktion widerspreche ich den zwei
Geschäftsordnungsanträgen, die der Kollege Seiters eben
begründet hat. Eine ernst zu nehmende
parlamentarische Beratung des Gesetzentwurfs zum
schadstoffarmen Pkw ist heute unmöglich, weil derzeit
überhaupt nicht feststeht, welche konkreten Wirkungen
sich aus diesem Gesetz ergeben würden.
(Beifall bei der SPD)
Der Gesetzentwurf enthält zwar komplizierte
Neuregelungen über die steuerliche Förderung des
schadstoffarmen Pkws, aber die Definition, was der
schadstoffarme Pkw konkret eigentlich ist, eine
verbindliche Definition als Voraussetzung für diese
Neuregelung liegt diesem Hause bis heute nicht
vor.
(Beifall bei der SPD)
Sie soll erst nachträglich als europäische Norm
festgelegt werden.
(Zuruf von der SPD: Wann?)
Der entscheidende Gesetzesinhalt bleibt somit
offen und soll zu einem unsicheren Zeitpunkt von der
Bundesregierung über eine Verordnung
nachgeschoben werden.
Dies bedeutet, daß die Zustimmung zu diesem
Gesetz heute eine Blankovollmacht wäre, die die
Bundesregierung zu willkürlichem Handeln auf
diesem Gebiet ermächtigen würde,
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
einem Handeln, meine Damen und Herren, das
nach unserer Erfahrung umweltpolitisch weit
hinter das zurückfallen kann, was jetzt an
Versprechungen abgegeben wird.
(Beifall bei der SPD)
Damit würde der Bundestag bei einer zentralen
steuerpolitischen und umweltpolitischen
Entscheidung faktisch ausgeschaltet und zu einer reinen
Zustimmungsmaschine für ein Blankettgesetz, das
rechtlich unzulässig ist.
Es ist auch einfach infam — das richte ich
besonders auch an die Adresse des
Bundesinnenministers —, wenn dieses Argument, das ich eben
vorgetragen habe, jetzt in das Motiv umgefälscht wird,
die SPD wolle hier ein umweltpolitisch
wirkungsvolles Gesetz irgendwie verzögern oder
verhindern.
(Zurufe von der CDU/CSU: So ist es!)
Erstens ist es so, meine Damen und Herren, daß
Ihnen heute jeder Fachmann sagt, daß dies im
Bereich des schadstoffarmen Pkws unwirksam ist.
Zweitens. Wenn man danach fragt, wer in den
letzten beiden Jahren wirkungsvolle, überfällige
Maßnahmen zum Umweltschutz beim schadstoffarmen
Pkw in dilettantischer Manier verzögert hat, dann
ist es die Bundesregierung und nicht die
Opposition.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, der Deutsche
Bundestag, wir alle hier haben nicht das Recht, mit einer
endgültigen Beratung heute so leichtfertig unsere
Pflicht zur Entscheidung in unserer eigenen
Verantwortung als Parlamentarier aus der Hand zu
geben. Das ist weder mit dem Selbstverständnis des
Bundestags noch mit dem Prinzip der
Gewaltenteilung zu vereinbaren.
Eine abschließende Beratung dieser Gesetzes
-
hülse — so muß ich sagen — wäre auch aus einem
anderen Grund verfassungsrechtlich
problematisch.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Hören Sie sich das doch an! Ich habe Sie doch
auch angehört. — Das Prinzip der
Rechtstaatlichkeit gebietet es, daß Gesetze nach Inhalt,
Gegenstand, Zweck hinreichend bestimmt und klar
begrenzt sind. Diese vom Verfassungsgericht
wiederholten Grundsätze der Normklarheit für den
Bürger verletzt der vorliegende Gesetzentwurf
unübersehbar.
(Sehr wahr! bei der SPD)
Wir fordern daher die Bundesregierung auf, endlich
mal ihre Hausaufgaben zu machen, Herr
Zimmermann, und umgehend in Abstimmung mit den EG
-
Partnern die europäische Abgasnorm festzulegen,
damit dieses Parlament auf einer seriösen
Gesetzesgrundlage vor dem geplanten Inkrafttreten am
1. Juli 1985 rechtzeitig ordentlich parlamentarisch
entscheiden kann. Wir als SPD-Fraktion sind zu
jeder Sondersitzung bereit, um Termine zu halten.
Ich will zusammenfassen: Mit einer
Verabschiedung heute wäre die gebotene, von der
Bundesregierung versprochene Klarheit für die Bürger, aber
auch die Automobilindustrie und die Verwaltung
nicht zu erreichen. Kein Abgeordneter, kein Kollege
könnte heute abend in den Wahlkreis fahren und
seinen Wählern wirklich präzise erklären, bis zu
welcher Grenze die neuen Pkw steuerlich gefördert
werden oder ab welcher Grenze sie mit einer
Strafsteuer belegt werden, meine Damen und Herren.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Der Gesetzentwurf ist rechtlich in mehrfacher Sicht
zweifelhaft. Die SPD-Fraktion legt deshalb bereits
hier in aller Form Rechtsverwahrung ein.
Das einzige, was mit dem
Geschäftsordnungsantrag der CDU/CSU und der FDP erreicht wird, ist,
daß die von der Verfassung dem Deutschen
Bundestag zugedachte Rolle und die Ihnen als
Abgeordnete zugedachte Rolle untergraben wird. Ich
appelliere an Sie alle, uns diese Gesetzesfarce heute
morgen zu ersparen, und ich bitte Sie daher, den
Geschäftsordnungsantrag des ansonsten
hochgeschätzten Kollegen Seiters abzulehnen. Die SPD
Fraktion lehnt ferner den Antrag — —
(Zurufe von der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, Ihre
Redezeit ist abgelaufen. Für
Geschäftsordnungsanträge gibt es nur eine Redezeit von fünf Minuten.
Ich bitte Sie, zum Schluß zu kommen.
Dr. Spöri (SPD): Die SPD-Fraktion lehnt ferner
den Antrag zur Aufsetzung des Gesetzentwurfs zur
Stärkung der Finanzgrundlagen der
Rentenversicherung ab.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD — Seiters [CDU/CSU]:
Warum denn?)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Vogel (München).
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Der sieht so
ähnlich aus! — Große Heiterkeit bei der
CDU/CSU)
Vogel (München) (GRÜNE): Herr Präsident!
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Bereits ein Blick
auf die vorgelegte Beschlußempfehlung des
Finanzausschusses zeigt deutlich, daß dieses Gesetz
unvollständig ist. Hier wurde mit heißen Typen ge
schrieben: „... die Termine für die Einführung einer
im gesamten EG-Raum verbindlichen
Europanorm". Dann wurde eingefügt: „durch die EG im
einzelnen noch zu beschließenden". Ein solches
Gesetz ist nicht verabschiedungsreif.
Wenn die Bundesregierung dennoch versucht,
diesen Gesetzentwurf hier auf die Tagesordnung zu
setzen, obwohl es sachlich nicht gerechtfertigt ist,
dann kann es doch hier nur darum gehen, Erfolg
vorzuspielen, wo Sie in einer langen Reihe von
Mißerfolgen stehen. Nachdem Sie sich in der
Katalysatorfrage von einem Mißerfolg zum anderen
gehangelt haben, soll hier, um im nordrhein-westfälischen
Wahlkampf den Eindruck umweltpolitischer
Kompetenz vorzutäuschen, dieses Gesetz durchgepowert
werden.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Die Einwände im Finanzausschuß seitens der
Opposition spielten keine Rolle. Staatssekretär Häfele
sagte im Finanzausschuß: Wir werden dieses
Gesetz diese Woche durchziehen. Damit ist schon
deutlich gemacht worden, wie die Regierung die
Gewaltenteilung und die Rolle dieses Parlaments
einschätzt.
Die Herren und Damen von den
Koalitionsfraktionen beklagen regelmäßig, wenn
Demonstrationen stattfinden, den ach so bösen Druck der Straße.
Dieser Druck der Straße hat Sie bisher noch nie
wesentlich beeindruckt.
(Niegel [CDU/CSU]: Zur Sache!)
Schauen Sie doch mal, daß dieses Parlament hier
unter dem Druck der Regierung steht, und lehnen
Sie sich einmal dagegen auf! Daß dieses Gesetz
heute behandelt werden soll, ist in höchstem Maße
unseriös.
(Zuruf von der CDU/CSU: Was haben Sie
gegen schadstoffarme Autos?)
Da wir GRÜNEN uns an unseriösen
Machenschaften nicht beteiligen, lehnen wir den
Geschäftsordnungsantrag ab.
(Beifall bei den GRÜNEN — Lachen bei
der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat der
Abgeordnete Wolfgramm.
Wolfgramm (Göttingen) (FDP): Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen! Meine Herren! Wir
haben gehört, die Ausschußberatungen sind
abgeschlossen. Der Bundesrat soll jetzt tätig werden.
Die Sache soll ja am 1. Juli in Kraft treten, eben so
schnell wie möglich. Wir wollen hier keine
Verzögerung. Der Weg des Gesetzes war mühsam. Wir
wollen nicht neue Mühsale auf dem Wege des Gesetzes
schaffen.
Deswegen, meine Kollegen von der SPD, sollten
Sie sich an das halten, was bei der ersten Lesung
des Gesetzes gesagt worden ist.
(Dr. Vogel [SPD]: Es war ein ganz anderes
Gesetz!)
9868 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985
Wolfgramm (Göttingen)
Ich hätte es ganz nett gefunden, wenn der Kollege
Lennartz, der in der ersten Lesung gesprochen hat,
auch jetzt zur Geschäftsordnung gesprochen hätte.
(Dr. Vogel [SPD]: Das war etwas ganz an
-
deres!)
Er hat gesagt:
Handeln Sie! Wir sind bereit, Sie in diesem
Sinne zu unterstützen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Zurufe von der SPD — Dr. Spöri [SPD]:
Das ist doch nicht behandelt!)
— Herr Kollege Spöri, Sie haben hier eine
Rechtsposition aufgebaut, die die Freien Demokraten
nicht teilen. Es ist nichts Neues, daß wir ein
Rahmengesetz schaffen, dessen Inhalt noch nicht
präzise festgelegt ist.
(Dr. Spöri [SPD]: Überhaupt nicht!)
Ein Blick in das Bundes-Immissionsschutzgesetz
zeigt Ihnen, daß in § 4 genehmigungsbedürftige
Anlagen ebenfalls mit unbestimmten Rechtsbegriffen
versehen werden.
(Lutz [SPD]: Aber bei Ihnen gibt es keinen
Inhalt!)
Die entsprechenden Rechtsverordnungen füllen das
später aus. Der Begriff „schadstoffarm" wird in der
Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung geregelt. Da
werden Sie später genau diese Positionen finden.
(Dr. Spöri [SPD]: Kein Mensch weiß, wie!)
Sie wissen genau, daß wir — das haben wir alle
hier in diesem Hause gewollt — Rechtspositionen
an die EG abgetreten haben und daß wir auf Grund
des Verfahrens in der EG diese Einzelheiten erst
dann haben werden, nämlich Ende Juni.
(Dr. Vogel [SPD]: Das haben wir alles nicht
gewußt!)
Wollen Sie es auf sich nehmen, daß wir dann die
entsprechenden Verzögerungen eintreten lassen?
(Lutz [SPD]: Wir wollen vernünftiges Han
deln!)
Halten Sie sich an das, was Ihr Kollege in der
ersten Lesung gesagt hat. Dem stimmen wir zu.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Bindig [SPD]: Schadstoffreiche FDP)
Präsident Dr. Jenninger: Wir kommen zur
Abstimmung über den Antrag der Fraktion der CDU/CSU.
Wer der Erweiterung der Tagesordnung
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. —
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der Antrag ist
angenommen.
Ich rufe die Punkte 15a bis 15c der Tagesordnung
auf:
a) Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Beschäftigungsförderungsgesetzes
1985 (BeschFG 1985)
— Drucksache 10/2102 —
aa) Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung (11. Ausschuß)
— Drucksache 10/3206 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Seehofer
Dreßler
Cronenberg (Arnsberg)
(Erste Beratung 91. Sitzung)
bb) Bericht des Haushaltsausschusses
(8. Ausschuß)
gemäß § 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/3211 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Sieler
Dr. Friedmann
Frau Seiler-Albring
Kleinert (Marburg)
(Erste Beratung 91. Sitzung)
b) Beratung der Beschlußempfehlung und
des Berichts des Ausschusses für Arbeit
und Sozialordnung (11. Ausschuß) zu dem
Antrag der Fraktion der SPD
Förderung der Beschäftigung
— Drucksachen 10/2132, 10/3206 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Seehofer
Dreßler
Cronenberg (Arnsberg)
c) Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über befristete
Arbeitsverträge mit wissenschaftlichem Personal an
Hochschulen und
Forschungseinrichtungen
— Drucksache 10/2283 —
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Bildung und
Wissenschaft (19. Ausschuß)
— Drucksache 10/3119 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Frau Dr. Wisniewski
Vogelsang
(Erste Beratung 101. Sitzung)
Zum Punkt 15a liegt auf Drucksache 10/3217 ein
Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/
CSU und der FDP vor.
Meine Damen und Herren, nach einer
interfraktionellen Vereinbarung sind eine gemeinsame
Beratung der Punkte 15a bis 15c und eine Aussprache
von zwei Stunden vorgesehen. — Ich sehe und höre
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. —
Wird das Wort zur Berichterstattung gewünscht?
(Frau Dr. Timm [SPD]: Herr Präsident,
zum Punkt 15c möchte der Berichterstat
ter das Wort!)
— Wer ist der Berichterstatter?
(Frau Dr. Timm [SPD]: Herr Vogelsang!)
Deutscher Bundestag — 10. Wahlperiode -- 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9869
Präsident Dr. Jenninger
— Herr Vogelsang hat das Wort als
Berichterstatter.
Vogelsang (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Zu dem Schriftlichen Bericht auf
Drucksache 10/3119 sind drei Korrekturen
anzubringen.
Auf dem Vorblatt, zweiter Absatz, Zeile 1 und 2
muß es nicht heißen „Befristung von
Arbeitsplätzen", sondern „Befristung von Arbeitsverträgen".
Auf Seite 8, linke Spalte, vorletzter Absatz muß es
richtig heißen: „Stimmen der Mehrheit (CDU/CSU,
FDP)".
Auf der Seite 10, linke Spalte, vorletzter Absatz
muß der Text richtig lauten:
Entsprechend einem Vorschlag des
Bundesrates wurde eine Bestimmung über die Dauer der
Befristung für Arbeitsverträge mit
wissenschaftlichen Hilfskräften aufgenommen
(Absatz 5); vgl. dazu auch § 57 a Satz 1 und § 57 b
Abs. 4.
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, ich bitte Sie,
diesen ungewöhnlichen Vorgang zu entschuldigen.
Diese Korrektur hat ihren Grund auch darin, daß
wir im Ausschuß in letzter Zeit unter einer
erhöhten Streßsituation haben arbeiten müssen.
(Kolb [CDU/CSU]: Nicht nur ihr, wir
auch!)
Präsident Dr. Jenninger: Vielen Dank.
Ich eröffne die allgemeine Aussprache.
Das Wort hat der Herr Abgeordnete Seehofer.
Seehofer (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Unser Arbeits- und
Sozialrecht orientiert sich traditionell an denen, die
im Erwerbsleben stehen. Ich meine aber, daß es in
Zeiten hoher Arbeitslosigkeit notwendig ist,
verstärkt auch an jene zu denken, die vor der Tür
stehen und keine Arbeit haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Dreßler [SPD]: Sehr gut!)
Was wir jetzt brauchen, ist ein Stück weniger
Egoismus und mehr Solidarität mit den Arbeitslosen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Lutz [SPD]:
Dann machen Sie ein anderes Gesetz! —
Weitere Zurufe von der SPD)
Den Arbeitslosen helfen die schönsten
Schutzrechte am Arbeitsplatz nichts, weil sie keinen
Arbeitsplatz haben. Was Schutz für diejenigen ist, die
Arbeit haben, kann oft Sperre für diejenigen sein,
die draußen stehen. Diese Einstellungshürden zu
überwinden ist Sinn und Zweck des
Beschäftigungsförderungsgesetzes.
(Lutz [SPD]: Schon die Überschrift ist ein
Schwindel!)
Dieses Gesetz richtet sich gegen niemanden, aber
es hilft denen, die unter den wirtschaftlichen
Problemen besonders zu leiden haben und zur Untätig
-
keit verurteilt sind. Wir setzen damit ein Zeichen
der Solidarität mit den Arbeitslosen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lachen bei der SPD — Dreßler [SPD]:
Sowas von Zynismus!)
Niemand, der in einem Arbeitsverhältnis steht,
braucht um seine Rechte am Arbeitsplatz zu
fürchten. Daran wird nicht gerüttelt. Von einem Abbau
der Rechte der Arbeitnehmer kann keine Rede
sein.
(Zuruf von der SPD: Na!)
Es geht einzig und allein darum, denjenigen, die
keine Arbeit haben, den Zugang zum Arbeitsmarkt
zu erleichtern. Deshalb werden wir einige
Vorschriften im Arbeits- und Sozialrecht ändern und
neue schaffen.
Meine Damen und Herren, wir können bei hoher
Arbeitslosigkeit auf Dauer nicht mit den gleichen
rechtlichen Instrumenten arbeiten wie bei
Vollbeschäftigung. Wir brauchen jetzt ein flexibles Recht,
das auch die Interessen der Arbeitslosen
berücksichtigt. Ich bin fest überzeugt: Den meisten
Arbeitslosen ist ein Arbeitsplatz nach den Regeln des
neuen Beschäftigungsförderungsgesetzes lieber als
das Arbeitslosengeld nach dem
Arbeitsförderungsgesetz.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir setzen mit diesem
Beschäftigungsförderungsgesetz unsere aktive Beschäftigungspolitik
konsequent fort. Ich erinnere an die Verbesserung
der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, an das
Vorruhestandsgesetz, an die Rückkehrförderung
für Ausländer und an die drastische Erhöhung der
Mittel für Arbeitsbeschaffung, Fortbildung und
Umschulung.
Dies ist eine Politik, die den Menschen praktisch
hilft. Die SPD hat dies alles abgelehnt. Sie stemmt
sich gegen jede Maßnahme zur Verbesserung der
Beschäftigungslage,
(Widerspruch bei der SPD)
auch gegen dieses
Beschäftigungsförderungsgesetz.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren von der Opposition,
immer wenn es konkret gegen die Arbeitslosigkeit
geht, stehlen Sie sich aus Ihrer Verantwortung.
(Zurufe von der SPD)
Das einzige, worauf sich die SPD offensichtlich
noch einigen kann, ist das Nein gegen alles.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU —
Lutz [SPD]: Das kann doch wohl nicht
wahr sein!)
Ich meine, eine Partei, die in 13 Regierungsjahren
die Arbeitslosigkeit um 1 700 % hochgetrieben hat,
sollte wenigstens jetzt in der Opposition mehr Herz
für die Arbeitslosen zeigen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf des
Abg. Lutz [SPD])
Kernstück dieses
Beschäftigungsförderungsgesetzes ist der erleichterte Abschluß von befristeten
Arbeitsverträgen bis zur Dauer von 18 Monaten
dann,
(Peter [Kassel] [SPD]: Sagen Sie einmal,
was das bedeutet!)
wenn ein Arbeitnehmer neu eingestellt wird. Diese
Regelung haben wir bis Anfang 1990 befristet.
(Lutz [SPD]: Das wird deswegen nicht
besser!)
— Herr Kollege Lutz, wenn Sie dauernd so
kreischen:
(Lutz [SPD]: Wer kreischt, sind Sie!)
Das erinnert mich ein bisserl an ein bayerisches
Sprichwort, das da lautet — das wissen Sie als
Bayer —: Die lautesten Kühe geben die wenigste
Milch.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP — Lutz [SPD]: Ich bin ande
-
ren Geschlechts; ich gebe überhaupt keine
Milch!)
Durch diesen befristeten Arbeitsvertrag erhalten
Arbeitslose, die sonst dem Risiko der
Dauerarbeitslosigkeit ausgesetzt wären, eine Chance, wenigstens
vorübergehend beschäftigt zu werden.
(Dr. Faltlhauser [CDU/CSU]: Herr Lutz
gibt nur saure Milch! — Zuruf des Abg.
Peter [Kassel] [SPD])
Dies gilt vor allem für diejenigen
Arbeitssuchenden, die es ohnehin schwerer haben, eine
Beschäftigung zu finden, z. B. die Schwerbehinderten. Ich
meine: Befristet in Arbeit ist allemal besser als
überhaupt keine Arbeit.
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter
Seehofer, gestatten Sie eine Zwischenfrage des
Abgeordneten Dreßler?
Seehofer (CDU/CSU): Nein. Da mir die Redezeit
halbiert wurde, Herr Kollege Dreßler, ist es leider
nicht möglich.
Präsident Dr. Jenninger: Ich rechne Ihnen das
nicht auf die Redezeit an, Herr Abgeordneter
Seehofer.
Seehofer (CDU/CSU): Ja, Herr Kollege Dreßler,
Sie dürfen.
(Lutz [SPD]: Der Blüm muß reden!)
Die Erfahrung lehrt, daß viele befristete
Arbeitsverhältnisse oft in eine unbefristete Beschäftigung
münden werden.
(Peter [Kassel] [SPD]: Wie viele denn?)
Viele Betriebe weichen heute lieber in Überstunden
oder Sonderschichten aus, statt Neueinstellungen
vorzunehmen.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Verbieten Sie
die Überstunden; das wäre das Beste!)
Davon haben die Arbeitslosen nichts. Durch den
Zeitvertrag sollen die Arbeitgeber vor allem veran
laßt werden, eine Verbesserung ihrer Auftragslage
auch den Arbeitslosen zugute kommen zu lassen.
(Lutz [SPD]: Mir bricht das Herz!)
Natürlich kann man die Frage stellen, warum
man den Abschluß des befristeten Arbeitsvertrages
erleichtern muß, da doch dieser Zeitvertrag heute
schon möglich ist. Dieser Zeitvertrag ist heute
möglich, sofern ein sachlicher Grund im Sinn der
Rechtsprechung vorliegt. Genau hier liegt das Problem.
Dieser Rechtfertigungszwang hat sich in der Praxis
in vielen Fällen als höchst kompliziert und
einstellungshemmend erwiesen. Wie schwierig die Frage
zu beurteilen ist, ob ein sachlicher Grund im Sinn
der Rechtsprechung vorliegt, ergibt sich schon
daraus, daß die entsprechende Sammlung des
Bundesarbeitsgerichts 70 wichtige Entscheidungen zu
diesem Thema ausweist. Bezeichnend ist auch, das
selbst der Bundesminister der Justiz vor dem
Bundesarbeitsgericht in einem Prozeß unterlegen ist,
weil er bei der Befristung eines 1980
abgeschlossenen Arbeitsvertrags den sachlichen Grund falsch
beurteilt hat.
(Lutz [SPD]: Das war doch in der Blüm-
Rede vorgesehen!)
Wir können einem Handwerksmeister nicht
zumuten, sich in diesem juristischen Dickicht
zurechtzufinden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Peter [Kassel] [SPD]: Das muten Sie den
Arbeitnehmern zu!)
Ich denke, daß es bei dieser hohen Arbeitslosigkeit
eine moralische Verpflichtung des Gesetzgebers
gibt, hier für mehr Klarheit und Beweglichkeit zu
sorgen.
(Zuruf von der SPD: Für die Unternehmer;
aber nur für die!)
Die Erleichterungen beim befristeten
Arbeitsvertrag sind von der Opposition mit viel Verdrehungen
und Polemik überzogen worden.
(Dr. Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Wie im
mer!)
Zum Beispiel wird behauptet, der
Kündigungsschutz würde abgebaut,
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Sehr richtig! —
Lutz [SPD]: Jawohl! — Weitere Zurufe von
der SPD)
Arbeitnehmerrechte würden zurückgeschraubt.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Sehr richtig! Ja!
— Lutz [SPD]: Jawohl! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Richtig ist, daß der Kündigungsschutz bestehender
Arbeitsverhältnisse nicht angetastet wird.
(Jagoda [CDU/CSU]: So ist es! Das wissen
Sie auch! — Frau Fuchs [Köln] [SPD]:
Glauben Sie das wirklich!?)
Und von einem unbefristeten Arbeitsverhältnis in
ein befristetes Arbeitsverhältnis wird jemand doch
nur dann wechseln, wenn es für ihn vorteilhaft ist.
(Lachen bei der SPD)
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn. Freitag, den 19. April 1985 9871
Seehofer
Arbeitslosen, Frau Kollegin Fuchs, kann man den
Kündigungsschutz nicht nehmen, weil sie keinen
haben. Dieses Schutzrecht nutzt ihnen nichts, da sie
keinen Arbeitsplatz haben.
(Brunner [CDU/CSU]: Das ist es!)
Im übrigen möchte ich ausdrücklich darauf
hinweisen, daß der befristete Arbeitsvertrag nicht
ordentlich gekündigt werden kann. es sei denn, die
beteiligten Vertragspartner vereinbaren etwas
anderes.
(Buschfort: [SPD]: Nicht einmal das!)
Diese Arbeitnehmer haben also befristet eine
größere Arbeitsplatzsicherheit als unbefristet
beschäftigte Arbeitnehmer.
(Lutz [SPD]: Das kann doch nicht wahr
sein! Das können Sie doch nicht glauben!
— Weitere Zurufe von der SPD)
Wie immer, wenn alle politischen Argumente
ausgehen, wird behauptet, die ganze Sache sei mit der
Verfassung nicht in Einklang. Wir haben die Frage,
ob der erleichterte Abschluß des befristeten
Arbeitsvertrags mit dem Grundgesetz in Einklang
steht, sehr sorgfältig geprüft. Wir haben auch die
Expertenanhörung ausgewertet. Für uns steht fest:
Diese Regelung steht mit dem Grundgesetz in
Einklang.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. George
[CDU/CSU]: Sie ist sogar geboten!)
Wir sagen sogar darüber hinaus: Das
Sozialstaatsprinzip des Grundgesetzes verpflichtet den
Gesetzgeber geradezu, auch für diejenigen zu
sorgen, die keinen Arbeitsplatz haben
(Lutz [SPD]: Dann tun Sie es doch!)
und von ihrem Grundrecht auf freie Berufswahl
Gebrauch machen wollen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Ich meine, den Arbeitslosen nützt es wenig, wenn
wir hier jetzt spitzfindig juristische Fragen durch
den Fleischwolf drehen. Die Arbeitslosen warten
darauf, daß wir ihnen praktisch helfen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lutz [SPD]: Tun Sie es doch, bitte schön!)
Meine Damen und Herren, dies alles ist echte
Beschäftigungsförderung.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Entlassungsför
-
derung ist das!)
Wer dies, wie Sie, Kollege Lutz, das gestern getan
haben, als Sozialabbau oder gar
Beschäftigungsverhinderung bezeichnet, ist blind gegenüber den
Problemen der Arbeitslosen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zurufe von der SPD)
Sie sollten einmal in der Ausgabe Nr. 14 des
„Spiegel" aus diesem Jahr nachlesen. Dort wird uns
auf Seite 101 vorgehalten, daß wir viel zu
bescheiden bei der Reform des Arbeitsrechts vorgehen. Da
heißt es:
Statt zumindest all jene Arbeitsplatzhemmnis
se, die deutsche Arbeitsrechtler aus Unkennt
nis des Arbeits- und Wirtschaftslebens erdach
ten, zu beh eben, gibt es nur kleine Korrektu
-ren.
So im „Spiegel", Seite 101.
(Zurufe von der SPD)
Kein Wort von sozialer Demontage.
(Lutz [SPI)]: Sie sollten im Neuen Testa
ment nachlesen! Danach sind Sie zur Soli
darität verpflichtet!)
Wir müssen bei der Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit alle Möglichkeiten ausschöpfen. Wir
versuchen mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz
einen neuen Weg. Die Regierungskoalition leistet
damit einen weiteren wichtigen Beitrag zum Abbau
der Arbeitslosigkeit. Ich weise heute schon darauf
hin, daß wir bei nächster Gelegenheit noch
sozialrechtlich flankierende Vorschriften zu diesem
Gesetz einbringen werden, die aus formalen Gründen
in diesem Beratungsverfahren zurückgezogen
werden mußten.
(Zuruf von der SPD: Zurück ins 19.
Jahrhundert! — Weitere Zurufe von der SPD)
Wir schaffen mit diesem Gesetz
Rahmenbedingungen. Paragraphen allein bewirken noch nichts;
sie müssen jetzt mit Leben erfüllt werden. Wir
fordern daher die Tarifvertragsparteien — die
Arbeitgeber, die Gewerkschaften, die Betriebs- und
Personalräte — auf, die durch dieses Gesetz eröffneten
Möglichkeiten in vollem Umfang zu nutzen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Dr. George
[CDU/CSU]: Sehr gut!)
In erster Linie stehen sie und nicht der Staat in der
Verantwortung, wenn es um die Schaffung neuer
Beschäftigungsmöglichkeiten geht.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es! — Lutz
[SPD]: Deshalb brauchen Sie doch nicht
verantwortungslos zu sein!)
Wir appellieren an die Betriebe und die
Unternehmen der privaten Wirtschaft und auch der
öffentlichen Hand, Überstunden abzubauen und
Neueinstellungen vorzunehmen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Zuruf von der
SPD: Machen Sie ein neues Gesetz!)
Wir brauchen jetzt eine Welle der Hilfsbereitschaft
für die arbeitslosen Menschen.
(Zurufe von der SPD)
Meine Damen und Herren, mit dem
Beschäftigungsförderungsgesetz wird ein wichtiger
Meilenstein auf dem Weg zu mehr Beschäftigung gesetzt.
Nutzen wir jetzt gemeinsam die gebotenen
Möglichkeiten wirkungsvoll im Interesse der arbeitslosen
Mitbürger.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lutz [SPD]: Nutzen Sie die Möglichkeit,
sich zu schämen!)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Dreßler.
(Lutz [SPD]: Gott sei Dank!)
Dreßler (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich glaube, man muß das Training von
Generationen haben, um Arbeitnehmer so
verschaukeln zu können, wie Sie das hier heute morgen in
Ihrer Rede gemacht haben, Herr Seehofer.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN —
Kolb [CDU/CSU]: Wer verschaukelt denn
die Arbeitnehmer?)
In den 70er Jahren war der Begriff
„Flexibilisierung" durch die Sozialdemokraten positiv besetzt.
Was Sie hier machen, ist eine Pervertierung dieses
Begriffs.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Sie verwechseln die Begriffe, Herr Kol
-
lege!)
Sie erklären: die Regierung setzt die aktive
Arbeitsmarktpolitik fort.
(Zuruf von der CDU/CSU: Richtig!)
Haben Sie sich einmal den Anstieg der
Arbeitslosenzahlen angesehen?
(Zuruf von der CDU/CSU: Bei Ihnen!)
Und das noch mit diesen Begriffen zu besetzen! Daß
Sie sich nicht schämen!
(Beifall bei der SPD — Dr. Kunz [Weiden]
[CDU/CSU]: 1700%! Eine Meisterleistung!)
Meine Damen und Herren, wir verhandeln hier
über ein Gesetz, dessen wirkliche Bedeutung in der
Öffentlichkeit überhaupt noch nicht richtig erkannt
worden ist. Den meisten wird es so erscheinen, als
ob wieder einmal die eine oder andere gesetzliche
Regelung verändert werde. Ob es etwas hilft, das
kann man dann glauben oder auch nicht.
(Kolb [CDU/CSU]: Warten Sie es ab! — Dr.
Kunz [Weiden] [CDU/CSU]: Das werden
wir j a sehen!)
Meine Damen und Herren, bei diesem Gesetz
geht es um sehr viel mehr. Die Arbeitsbeziehungen
in der Bundesrepublik Deutschland, die Stellung
aller Arbeitnehmer im Arbeitsleben werden in ihrer
Substanz durch dieses Gesetz verändert.
(Sehr wahr! bei der SPD — Dr. George
[CDU/CSU]: Und derjeningen, die draußen
sind!)
— Wenn dieser Gesetzentwurf Wirklichkeit wird,
Herr George, dann werden wir für die arbeitenden
Menschen, deren einzige Einkommensquelle die
bezahlte Arbeit ist, in wenigen Jahren eine ganz
andere Republik haben.
(Beifall bei der SPD)
Und das ist ja in weiten Teilen auch das Ziel dieses
Gesetzentwurfs.
(Lutz [SPD]: So ist es!)
Die von den Fraktionen der Bundesregierung
nachgeschobenen weiteren Verschlechterungen
zeigen das unwiderlegbar.
(Lutz [SPD]: Sehr wahr!)
Der Regierungsentwurf sah für den Abschluß von
Zeitarbeitsverträgen wenigstens noch den Anschein
einer Begründung vor. So ganz hemmungslos
wollte man sich wohl doch nicht über die
höchstrichterliche Rechtsprechung hinwegsetzen. Nur
junge Menschen nach Abschluß der Ausbildung
und Arbeitslose sollten nach dem Entwurf die Opfer
dieser Regelung werden.
(Hornung [CDU/CSU]: Was heißt bei Ihnen
„Opfer"?)
Jetzt soll die Frist auf eineinhalb Jahre ausgedehnt
werden, und die befristeten Arbeitsverträge können
für alle nach dem 1. Mai begründeten
Arbeitsverhältnisse gelten. Antragsteller: die Christlich
Demokratische Union
(Dr. George [CDU/CSU]: Mit Stolz!)
und die sogenannten Liberalen,
(Dr. Geroge [CDU/CSU]: Mit Stolz! Wir
denken an die Arbeitslosen!)
die auch mit drei Mann hier sind.
Schon heute bei dem Zwang zur Begründung
von zeitlich befristeten Arbeitsverträgen haben
befristete Arbeitsverträge einen Anteil von fast 40%
an allen angebotenen offenen Stellen. Folgerichtig
kommt schon fast jeder fünfte Arbeitslose aus
einem befristeten Arbeitsverhältnis.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie haben auch keine
Daueraufträge! Wo kriegen Sie denn die
Aufträge her?)
70 % aller Arbeitslosen, die in eine befristete
Beschäftigung eintreten, bleiben auf Dauer in solchen
Arbeitsverhältnissen zweiter Klasse,
(Lutz [SPD]: Sehr wahr!)
und zwar immer wieder unterbrochen von Zeiten
der Arbeitslosigkeit.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: So ist es!)
Die jetzt von Ihnen vorgesehene Regelung macht
den zeitlich befristeten Arbeitsplatz von der
Ausnahme zum gleichberechtigten Regelfall neben den
verbleibenden Dauerarbeitsplätzen.
(Lutz [SPD]: So ist es! — Dr. George [CDU/
CSU]: Na und? Konkurrenz belebt das Ge
schäft!)
— Beruhigen Sie sich, hören Sie mal zu.
Sie wissen genausogut wie wir, daß jährlich
Millionen von Arbeitnehmern ihren Arbeitsplatz
wechseln.
(Lutz [SPD]: 8 Millionen!)
Das wissen Sie. Wenn in den nächsten Jahren nur
50 % aller Arbeitsverträge zeitlich befristet werden,
dann werden wir in wenigen Jahren einen total
gespaltenen Arbeitsmarkt und damit gespaltene
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9873
Dreßler
Belegschaften, Arbeitnehmer erster Klasse und
zweiter Klasse haben.
(Dr. George [CDU/CSU]: Aber Arbeitneh
-
mer und keine Arbeitslosen!)
Genau damit sind das Kündigungsschutzrecht für
Millionen von Arbeitnehmern, ist soziale Sicherheit
für diese Arbeitnehmer und ihre Familien
abgeschafft.
(Beifall bei der SPD)
Das ist die Konsequenz aus dem, was Sie tun. Und
das wollen Sie j a auch.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie wollen den Erhalt
der Arbeitslosigkeit! Das ist Ihr Problem!)
Das wollen diejenigen, die Ihre Gesetzentwürfe in
den Verbandsetagen bejubeln, auch.
(Dr. George [CDU/CSU]: Arbeitslose haben
keinen Kündigungsschutz!)
Sie schaffen mit leichter Hand damit auch noch
den Kündigungsschutz für werdende Mütter ab.
(Lutz [SPD]: Pfui!)
Sie schaffen faktisch den Kündigungsschutz für
junge Männer ab, die ihren Wehr- oder Zivildienst
noch nicht abgeleistet haben.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Unglaublich!)
Sie verstümmeln den Kündigungsschutz für
behinderte Arbeitnehmer bis zur Unkenntlichkeit.
(Lutz [SPD]: Noch einmal pfui!)
Das alles politisch zu wollen kann Ihnen
natürlich niemand verwehren.
(Hornung [SPD]: Sie schaffen Überstun
den!)
Ihre Gelenkigkeit bei der Zerschlagung von
Arbeitnehmerschutzrechten ist hinlänglich bekannt. Aber
sagen Sie dann endlich auch offen, daß Sie das
wollen, und schmeißen Sie nicht diese Nebelkerzen in
die Bundesrepublik.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Wir wollen arbeiten, Herr Kollege, und Sie
sind Ideologe! Das ist der Unterschied!)
Die Arbeitnehmer in diesem Land haben einen
Anspruch darauf, zu wissen, wie künftig die
Christlichen Demokraten mit ihnen Achterbahn fahren
wollen. Die Arbeitsplatzsuchenden haben einen
Anspruch darauf, zu wissen, wie sie dafür bestraft
werden sollen, daß sie einmal arbeitslos geworden
sind.
(Beifall bei der SPD)
Was tun Sie statt dessen, Herr Blüm? Sie stellen
sich hier hin und vergewaltigen die deutsche
Sprache.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
Sie behaupten, Sie wollten die Beschäftigung för
dern. Nach aller Logik muß das ja wohl heißen,
daß es hinterher mehr Arbeitsplätze und weniger
Arbeitslose gibt.
(Seehofer [CDU/CSU]: Die wird es auch
geben!)
Sie schaffen damit keinen einzigen zusätzlichen
Arbeitsplatz.
(Dr. George [CDU/CSU]: An dieser Aus
sage werden wir Sie in einem Jahr fest
halten!)
Sie sorgen nur dafür, daß es eine ständige Rotation
zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeit gibt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist Ihr
Wunschdenken!)
Sie und Ihr Bundeskanzler — von dem man
annehmen kann, daß er ohnehin nichts von den
Problemen der Arbeitnehmer versteht — stellen sich
hin und bitten — bitten! — um den Abbau von
Überstunden.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie wissen nicht, was
ein Betrieb ist!)
Schön ist das, Herr Blüm. Das hört sich so gut an.
Aber dann erklären Sie uns einmal vor diesem
Deutschen Bundestag — wenn Sie darum
bitten —,
(Günther [CDU/CSU]: Sie bitten ja noch
nicht einmal!)
warum denn bei mehr als 2,4 Millionen
registrierten Arbeitssuchenden — auch vor den
Fernsehkameras sollten Sie das erklären, wenn ich bitten darf:
diesen Menschen und ihren Familien — in diesem
Parlament ein Arbeitszeitgesetz, von Ihnen
vorgelegt, in der Beratung ist, das mehr als 1 Milliarde
Überstunden überhaupt erst festschreibt. Erklären
Sie uns das einmal.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Wer per Gesetz, Herr Blüm, die 48-Stunden-
Woche festschreibt, sollte sich wenigstens die
geheuchelten Appelle ersparen.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN — Kolb [CDU/CSU]: Sie ha
ben davon keine Ahnung! Das ist das Pro
blem!)
Wann, Herr Bundesarbeitsminister, begeben Sie
sich endlich zurück auf den Pfad der Logik und der
Ehrlichkeit, wie es einem Bundesarbeitsminister
zustünde?
(Zuruf von der CDU/CSU: Billig!)
Als Arbeitnehmer-Feigenblatt der CDU/CSU
können Sie ja reden, was Sie wollen. Da können Sie
auch solchen Unsinn verbreiten, wie Ihre Freunde
das zur Zeit in Zeitungsanzeigen tun. Aber als
Bundesarbeitsminister, Herr Blüm, werden an Sie
andere Anforderungen gestellt.
(Zustimmung bei der SPD)
Sie sind verpflichtet, Herr Blüm, dem ganzen Volk
zu dienen.
(Zurufe von der CDU/CSU: Wahlkampf! —
Das hätten Sie sich mal früher überlegen
sollen!)
Sie sind immer noch verpflichtet, den
Arbeitnehmern und den Arbeitslosen sowie deren Familien,
die nämlich dazugehören, Rücksicht zu schenken.
(Kolb [CDU/CSU]: Was Sie als Funktionär
nicht tun!)
Bei Ihrer Arbeit haben Sie sich an die Normen
unserer Verfassung zu halten. Ebenso haben Sie die
Normen für ein rechtsstaatliches
Gesetzgebungsverfahren auszufüllen.
(Lutz [SPD]: Auch wahr! — Kolb [CDU/
CSU]: Das tun wir!)
Sie tun aber etwas völlig anderes. Erstens. Sie
kehren 30 Jahre höchstrichterliche Rechtsprechung
über die Zulässigkeit von Zeitarbeitsverträgen
einfach in die Ecke.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: So ist es!)
Damit kehren Sie die Begründung dieser
Rechtsprechung, die aus dem Sozialstaatsgebot des
Grundgesetzes abgeleitet ist, in die Ecke, als ob es
sich um einen Schaufensterbeschluß der
Sozialausschüsse handelte.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Das Parlament ist souverän, Herr Kol
-
lege!)
Die von der Mehrheit der Verfassungsrechtler in
der Anhörung des Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung geäußerten schweren Zweifel an der
Verfassungsmäßigkeit dieses Gesetzentwurfes
nehmen Sie überhaupt nicht zur Kenntnis.
(Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das
waren keine Verfassungsrechtler!)
Zweitens. Das Bundesverfassungsgericht fordert
gerade bei einem Gesetzgebungsverfahren, das tief
in die Grundrechte eingreift, eine besondere
Sorgfalt. Und dieses Gesetz greift tief in die
Grundrechte ein.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU: Wo denn?)
Herr Dr. Faltlhauser, ein Mensch, der 10 000 DM im
Monat verdient, klingt nicht seriös, wenn er einem
der 1 600 DM verdient, weismachen will, daß er
auch mit 1 400 DM auskommen könne.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Berührt wird Art. 3 des Grundgesetzes, der zum
Gleichbehandlungsgebot und zum
Diskriminierungsverbot führt. Berührt ist Art. 2 des
Grundgesetzes: In Zeiten anhaltender
Massenarbeitslosigkeit werden die Freiwilligkeitsbedingungen zum
Abschluß von Arbeitsverträgen einseitig zu Lasten
der Arbeitnehmer verändert. Und berührt ist Art. 12
des Grundgesetzes, weil die Subjektstellung der
Arbeitnehmer bei der Kündigungsabwehr aufgegeben
wird. Berührt ist Art. 6 des Grundgesetzes:
Massenhaft nehmen Sie den werdenden Müttern den
Kündigungsschutz.
(Dr. George [CDU/CSU]: Aber junge Mäd
chen kommen hinein!)
Insgesamt ist Art. 20 des Grundgesetzes berührt,
der Artikel, den der Bundesarbeitsminister ganz
besonders zu seinem Arbeitsfeld machen sollte.
(Seehofer [CDU/CSU]: So ist es! Das macht
er auch!)
Es wird — ich bedaure das, weil die Politik
eigentlich nicht darauf angewiesen sein sollte — dem
Bundesverfassungsgericht überlassen bleiben, hier
die Daten zu setzen; denn daß dieses Gesetz
spätestens bei den ersten Arbeitsgerichtsverfahren dort
landet, liegt nach den Anhörungen des Ausschusses
auf der Hand.
In diesem Verfahren wird gefragt werden, wo
denn die Grundlagen für Ihr Gesetz sind. Wo sind
die Daten, wo die Fakten, wo die Prognosen, die
eine so grundlegende Änderung des Arbeitslebens
rechtfertigen? Was Sie und Ihre Freunde bisher als
Rechtfertigung vorgetragen haben, waren
Glaubensbekenntnisse, wobei ich Ihnen nicht einmal
abnehme, daß Sie das, was Sie sagen, selber glauben.
(Zustimmung bei der SPD — Gegenrufe
von der CDU/CSU: Na, na! — Kolb [CDU/
CSU]: Im Gegensatz zu Ihnen glauben wir,
was wir sagen! Sie als Funktionär ja
nicht!)
Sie wissen selbst sehr gut, daß mehr Beschäftigung
nur entsteht, wenn es mehr Arbeit gibt
(Dr. George [CDU/CSU]: Arbeit ist genü
gend vorhanden!)
und wenn alle weniger arbeiten.
Eines, Herr George, will ich nicht bestreiten: Sie
sind wenigstens konsequent. Ob mit Ihrer
„Sozialpolitik", ob mit Ihrer Steuerpolitik oder ob jetzt mit
diesem Gesetzentwurf,
(Zuruf von der CDU/CSU: Mit Ihren Sprü
chen werden Sie die Arbeitslosigkeit nicht
beseitigen!)
das Ziel, Herr George, ist immer das gleiche:
(Dr. George [CDU/CSU]: Ist mehr Arbeit!)
die Zerteilung der Gesellschaft in möglichst kleine
Gruppen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Klassenkampf
gerede!)
die Verhinderung von Solidarität, das Ausspielen
der Menschen gegeneinander, immer das gleiche
Ziel!
(Beifall bei der SPD — Lohmann [Lüden
scheid] [CDU/CSU]: Das versuchen Sie
doch herbeizureden!)
Ich wage es ja kaum noch an Ihre Adresse zu
sagen, weil es wohl, Ihren Zwischenrufen
entsprechend, niemanden von Ihnen interessiert, aber
stellen Sie sich doch einmal die Frage, wie sich das
Klima unter den Arbeitnehmern in den Betrieben
verändern wird, wenn Sie hier das
Zweiklassenarbeitsrecht beschließen. Was ist das
Betriebsverfassungsgesetz, was ist das Kündigungsschutzgesetz
dann noch wert? Man kann dieses Gesetz nur im
Zusammenhang mit anderen Gesetzen und
Gesetzesvorhaben sehen, z. B. mit den Änderungen des
Betriebsverfassungsgesetzes, die Sie vorhaben,
oder mit den Änderungen des
Arbeitsförderungsgesetzes, die die Einheitsgewerkschaften
handlungsunfähig machen sollen.
(Kolb [CDU/CSU]: Ach, und die anderen
sollen dafür bezahlen, ja?)
— Ich spreche im Augenblick von den
Einheitsgewerkschaften, nicht von Ihrem Verband der
Unternehmer, Herr Kolb. Können Sie sich einmal daran
gewöhnen, daß es auch noch einen anderen Teil
dieser Gesellschaft gibt?
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Sie wollen, daß die Friseure für die Me
-
taller bezahlen!)
Sie wollen von den einzelnen Arbeitnehmern über
die Betriebsräte bis zu den Gewerkschaften und
folgerichtig im Arbeitsrecht jede Möglichkeit der
Arbeitnehmer beschneiden, als gleichberechtigte
Wirtschaftsbürger zu handeln.
(Dr. Faltlhauser [CDU/CSU]: Wir reden
jetzt zur Beschäftigungsförderung, Herr
Kollege!)
Ziel Ihres Handelns ist es, den Arbeitgebern jede
Verantwortung für ihr Tun abzunehmen. Ob Arbeit
auf Abruf oder Job-Sharing, ob Regelungen der
Sozialplanansprüche, immer gibt es eine
Risikoverlagerung vom Arbeitgeber auf die Arbeitnehmer.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das ist die Ab
sicht!)
Die Arbeitgeber brauchen keine verantwortliche
Personalplanung mehr;
(Kolb [CDU/CSU]: Wie bitte?)
sie können ja heuern und feuern.
(Zuruf von der CDU/CSU: Unsinn!)
In Massenentlassungen können die Arbeitnehmer
ihre Arbeitsplätze und ihre Existenzgrundlage
verlieren.
(Lutz [SPD]: Ja!)
Einen wenigstens geringen Ausgleich ihrer
Verluste über einen vernünftigen Sozialplan gibt es dann
nicht mehr.
(Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Das
nimmt Ihnen kein Mensch ab, Herr Dreß
ler!)
— Ja, zeigen Sie mir doch einmal ein Unternehmen
in diesem Lande, das wegen unmäßiger
Sozialplanforderungen der Arbeitnehmervertretung zugrunde
gegangen wäre!
(Dr. George [CDU/CSU]: Neue Heimat!)
Diesen Beweis sind Sie doch bis heute schuldig
geblieben!
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Reden Sie einmal von den SPD-Verlagen,
die geschlossen wurden!)
Nein, Sie, meine Damen und Herren von den
Regierungsfraktionen, wollen die Schutzfunktion des
Betriebsrates beschneiden.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Sehr richtig!)
Die höchstrichterliche Rechtsprechung in dieser
Republik ist stets davon ausgegangen, daß der
einzelne Arbeitnehmer im Arbeitsleben in der
schwächeren Position ist. Bisher dachte ich,
(Feilcke [CDU/CSU]: Sie haben noch nie
gedacht!)
daß diese Tatsache wenigstens im sogenannten
Arbeitnehmerflügel der Union bekannt wäre. Dem
scheint nicht so zu sein.
(Kolb [CDU/CSU]: Ich würde einmal die
Geschichte vom „Telegraph" in Berlin
nachlesen!)
Was Sie anstreben — Herr Kolb, ich räume gerade
Ihnen ein: mit voller Überzeugung —, ist die völlige
Zersplitterung der Belegschaften, in denen ein
Kampf „jeder gegen jeden" herrschen wird. Das
wird in den Stammbelegschaften so sein, weil jeder
Angst hat, seinen Arbeitsplatz zu verlieren;
(Unruhe bei der CDU/CSU)
denn dann gibt es für ihn nur noch
Zeitarbeitsverträge. Diejenigen, die in den Randbelegschaften
sind und mit Zeitverträgen arbeiten, werden
gegeneinander gehetzt,
(Seiters [CDU/CSU]: Eine Haß- und Hetz
rede!)
weil jeder mit der vagen Hoffnung lebt, einmal
einen Dauerarbeitsplatz zu erhaschen.
(Weitere Zurufe von der CDU/CSU — Ge
genrufe von der SPD)
Was für einen Begriff von Menschenwürde haben
Sie eigentlich noch, wenn Sie die Krise benutzen,
um solche Verhältnisse zu installieren,
(Beifall bei der SPD — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
wobei Sie ganz genau wissen, daß Sie nicht einen
einzigen neuen Arbeitsplatz schaffen?
(Feilcke [CDU/CSU]: Darf bei Ihnen ei
gentlich jeder reden?)
Ganze Gruppen der Bevölkerung werden auf
Arbeitsverhältnisse minderen Rechts verwiesen. Das
gilt ganz besonders für Frauen. — Ihnen kann ich
sagen: Bei uns dürfen alle reden, weil alle davon
etwas verstehen. Das ist bei Ihnen augenscheinlich
weniger der Fall.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Und so was war mal Staatssekretär im Ar
beitsministerium! — Weiterer Zuruf von
der CDU/CSU: Nur Hetze!)
Trotzdem machen Sie sich daran, Formen der
Teilzeitarbeit zuzulassen, die wirklich inakzeptabel
sind.
(Feilcke [CDU/CSU]: Beißen Sie doch ins
Mikrophon!)
Oder was ist sonst davon zu halten, daß Sie
Arbeitsverträge ermöglichen, die gerade zehn Stunden
Arbeit in der Woche garantieren?
(Faltlhauser [CDU/CSU]: Eine überholte
Zensur nach der anderen! Kein Wort zum
Gesetz!)
Selbst das Risiko, daß ein Arbeitskollege krank
wird oder sonst verhindert ist, bürden Sie mit Ihren
Regelungen einer „kapazitätsorientierten variablen
Arbeitszeit" den Arbeitnehmern auf.
(Dr. George [CDU/CSU]: Genau das ist
nicht wahr!)
Herr Blüm, mit diesem Gesetz machen Sie nicht
das Arbeitsrecht gelenkiger; Sie brechen dem
Arbeitsrecht endgültig die Knochen.
(Beifall bei der SPD — Widerspruch bei
der CDU/CSU — Dr. George [CDU/CSU]:
Eine Tirade, eine Hetztirade!)
Neben der Zerschlagung des Arbeitsrechts gehört
ja leider auch noch die Sozialversicherung zu Ihren
Aufgaben.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie sind nicht bei einer
IG-Veranstaltung!)
Wie stellen Sie sich eigentlich auf lange Sicht die
Rentenfinanzierung, aber auch die Höhe der
Renten vor, wenn Sie die Voraussetzungen für völlig
unstete Arbeitsbiographien schaffen, die immer
wieder von Arbeitslosigkeit unterbrochen werden?
Was soll eigentlich aus der betrieblichen
Altersversorgung werden, wenn wesentliche Teile der
Belegschaften nur noch in zeitlich begrenzten
Arbeitsverhältnissen stecken? Und weiter: Was ist eigentlich
mit der viel gepriesenen Vermögensbildung in
Arbeitnehmerhand, mit Bausparen,
Ausbildungsrücklagen für die Kinder, mit der Bildung von
Wohneigentum? Von Menschen, deren soziale Sicherheit
auf 18 Monate begrenzt ist, meine Damen und
Herren von der Christlich Demokratischen Partei,
können Sie das schwerlich erwarten.
(Zuruf von der CDU/CSU: Was machen Sie
mit denen, die keine Arbeit haben? — Sei
-
ters [CDU/CSU]: Ihr habt doch die Arbeits
losigkeit geschaffen! Ihr Unfähigen habt
doch die Arbeitslosigkeit geschaffen!)
Noch eine Frage will ich Ihnen stellen:
(Feilcke [CDU/CSU]: Sie hören doch nicht
zu, wenn wir antworten!)
Was wird eigentlich aus dem sozialen und
politischen Leben in unseren Städten und Gemeinden?
Auch hier gilt nämlich: Menschen, deren
Perspektive auf den Ablauf des jeweils nächsten
Arbeitsvertrages beschränkt ist, sind auch in der
Wahrnehmung dieser Rechte behindert. Das bedeutet
Schaden für die Demokratie.
Ich will zum Schluß auf einen Punkt kommen, der
wirklich von einer bemerkenswerten politischen
Hinterhältigkeit zeugt. Es ist ohnehin schon perfide
genug, dieses Antiarbeitnehmergesetz am 1. Mai in
Kraft treten zu lassen.
(Lutz [SPD]: Das ist wahr! — Weitere Zu
rufe von der SPD)
Wirklich perfide ist es aber, daß diese Regierung,
die seit ihrem Regierungsantritt nichts anderes als
einen schlecht verschleierten Rachefeldzug gegen
die Gewerkschaften führt, jetzt auch noch die
Erfolge der Arbeitnehmer und ihrer Gewerkschaften
enteignen will.
(Kolb [CDU/CSU]: Jetzt spricht der belei
digte Funktionär!)
Sie haben in den harten
Tarifauseinandersetzungen — Herr Kolb, dessen können Sie sich auch
„rühmen" — des letzten Jahres die Gewerkschaften
in ihrem Kampf für die Arbeitszeitverkürzung
behindert, wo Sie nur konnten.
(Kolb [CDU/CSU]: Weil das auch Unsinn
war! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Vor diesem Hintergrund ist es besonders
geschmackvoll und logisch, daß die
Tarifvertragsparteien jetzt die Verantwortung für die Beschäftigung
übernehmen sollen. Als die Gewerkschaften das
taten, Herr Blüm, da haben Sie sie beschimpft.
(Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Wie
haben sie das denn getan?)
Ihre Pressekonferenz im Herbst kann ich Ihnen
schon heute diktieren. Bis dahin werden die
Neueinstellungen erfolgen, die durch die Verkürzung
der Arbeitszeit, die die Gewerkschaften erreicht
haben, nötig werden.
(Zurufe von der CDU/CSU: Ach, du lieber
Gott! Daran glauben Sie doch selbst nicht!
Überstunden haben sie erreicht! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
Wir wissen schon heute, daß dies Zehntausende
sein werden, denn das veröffentlichen sogar die
Unternehmen. Genau diese Neueinstellungen, die nur
befristete Neueinstellungen sein können statt
Dauerarbeitsplätze, werden Sie dann als Erfolg
Ihres sogenannten
Beschäftigungsförderungsgesetzes, das besser Entlassungserleichterungsgesetz
genannt würde, verkaufen.
(Frau Dr. Timm [SPD]: Sehr richtig!)
Ich will trotzdem, weil ich von Hause aus
Optimist bin,
(Lachen bei der CDU/CSU — Zuruf von der
CDU/CSU: So sehen Sie aus! — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
trotzdem an diese Regierung appellieren und in
einem letzten Versuch auch an Sie appellieren:
(Feilcke [CDU/CSU]: Sie sind ein Miese
peter!)
Hören Sie bitte auf mit Ihrem Kampf gegen den
Sozialstaat, hören Sie auf mit Ihrem Kampf gegen
die Rechte der Arbeitnehmer, die diese Republik
aufgebaut haben,
(Lutz [SPD]: Jawohl, hören Sie auf! — See
-
hofer [CDU/CSU]: Hören Sie auf mit Ihrer
Rede! — Zuruf von der CDU/CSU: Humor
loser Funktionär! — Weitere Zurufe von
der CDU/CSU)
hören Sie auf mit Ihrem Kampf gegen die
Einheitsgewerkschaft!
(Lachen bei der CDU/CSU)
Ziehen Sie wenigstens wenige Tage vor dem 8. Mai
die Lehren aus Weimar!
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Ach du Schan
de! — Weitere Zurufe von der CDU/CSU)
Sorgen Sie für mehr Dauerarbeitsplätze, sorgen Sie
statt dessen für soziale Gerechtigkeit in diesem
Lande, und hören Sie endlich auf,
(Feilcke [CDU/CSU]: Hören Sie endlich
auf, Herr Dreßler!)
ils treue Diener Ihrer Herren die soziale,
wirtschaftliche und politische Stabilität dieses Landes
aufs Spiel zu setzen.
Danke.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU: Unternehmerfresser! — Vor
geiger Dreßler! — Dreßler, der einarmige
Stehgeiger! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Cronenberg.
(Zuruf von der CDU/CSU: Jetzt kehrt wie
der Sachlichkeit ein!)
Cronenberg (Arnsberg) (FDP): Herr Präsident!
Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Laut,
unsachlich, kein überzeugendes Argument für
Mehreinstellung, totaler Schutz für diejenigen, die Arbeit
haben, Null Interesse an Mehreinstellungen: Das ist
die Überschrift, unter der diese Ausführungen zu
bewerten sind.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Reaktionäre
Wirtschaftsliberale! — Weitere Zurufe von
der SPD)
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, in der Tat
brauchen wir viel Einsatz und viel Mut, um mehr
Beschäftigung zu schaffen. Viel Mut braucht man
allerdings auch, wenn man hier in ein paar Minuten
über Ursachen und Möglichkeiten zur Bekämpfung
der Arbeitslosigkeit sowie über ein umfangreiches
differenziertes Gesetzgebungsverfahren sprechen
soll.
Ich muß um Verständnis bitten, wenn ich mich
auf einige grundsätzliche Bemerkungen
beschränke und hier nur auf mir besonders wichtig
erscheinende Details eingehen kann.
Unbestritten ist, daß die weltwirtschaftliche
Entwicklung, der internationale Strukturwandel und
innerstaatliche Rahmenbedingungen, z. B. ein
überproportionaler Zugang bei den Beschäftigten oder
die Entwicklung der Arbeitskosten, wesentlich zur
Verschärfung der Situation am Arbeitsmarkt
beigetragen haben.
Jedermann, der ehrlich diskutiert, weiß, daß es
kein Patentrezept gibt. Preisstabilität und
Haushaltskonsolidierung waren die ersten
Voraussetzungen für die Verbesserung der wirtschaftlichen
Lage. Dabei ist nicht zu leugnen — auch wenn dies
immer wieder geschieht —, daß ein Zusammenhang
zwischen dem Preis für Arbeit — Lohn und
Lohnnebenkosten — und der offiziell geleisteten Arbeit
besteht.
(Kolb [CDU/CSU]: Das wollen die aber
nicht glauben!)
Wir wissen, daß es bei uns genügend Arbeit gibt,
aber nicht zu den Konditionen, zu denen Arbeit
angeboten werden darf.
(Lutz [SPD]: Zurück zum Kulistaat!)
Herr Kollege Lutz, völlig zu Unrecht wird mir und
meinen Freunden in diesem Zusammenhang — wie
auch gerade wieder — unterstellt, wir wollten das
Tarifvertragssystem aus den Angeln heben.
(Lutz [SPD]: Aber ja doch! — Weitere
Zurufe von der SPD)
Lassen Sie sich von mir klar, deutlich und
unmißverständlich sagen, daß das nicht der Fall ist.
(Beifall bei der FDP — Zurufe von der
SPD)
Mehr Flexibilisierung ist aktive
Beschäftigungspolitik.
Ist es denn eigentlich so falsch, wenn ein Betrieb,
der Verluste statt Gewinne macht, dies bei der
Lohngestaltung berücksichtigt? Ist es eigentlich
falsch, wenn in Krisenbranchen andere Löhne
gezahlt werden als in Wachstumsbranchen? Warum
ist es denn eigentlich so falsch, daß in Frankfurt
andere Löhne gezahlt werden als meinethalben in
Friesland? Dies geschieht doch auch,
(Zurufe von der SPD)
aber nicht in ausreichendem Umfang.
Beide Tarifvertragsparteien möchte ich an dieser
Stelle auffordern, in höchstmöglichem Umfang auf
die Bedürfnisse und die Lage der einzelnen
Unternehmen und der einzelnen Branchen Rücksicht zu
nehmen. Das ist notwendig, das ist richtig und die
beste Voraussetzung für mehr Einstellungen, die
wir brauchen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, ich sage
nicht, daß das Lohngefüge insgesamt falsch wäre.
Aber ich sage: Die Lohnbestimmung nimmt nicht
die notwendige Rücksicht auf die Qualifikation der
Beschäftigten und auf die Struktur der
vorhandenen und angebotenen Arbeit.
(Lutz [SPD]: Das ist unglaublich! — Zuruf
der Abg. Frau Fuchs [Köln] [SPD])
9878 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985
Cronenberg (Arnsberg)
Wer kann denn eigentlich mit Anstand einer
solchen These widersprechen? Ist denn eigentlich
nicht jeder verpflichtet, Lösungen für diese
offensichtlich vorhandene Problematik zu suchen? Ich
persönlich bin sogar überzeugt, daß die
Abschaffung der Niedriglohngruppen ein ungewollter
Beitrag zur Vernichtung vieler Arbeitsplätze war.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Er sagt seit 30
Jahren immer dasselbe! — Zuruf des Abg.
Lutz [SPD])
Gut gemeint ist eben nicht gut getan; das kann
man dazu sagen. Das gilt auch für die Sozialpläne,
die die Fortführung gesunder Betriebsteile
verhindern, Kollege Dreßler, notwendige Schließungen
oder Umstrukturierungen erschweren und so
weitere Arbeitsplätze gefährden.
Wir wissen auch, daß sich die Verfestigung und
die Verrechtlichung der Arbeitsverhältnisse
bedauerlicherweise als Einstellungshemmnis erwiesen
haben.
Wer nicht dem Traum — ich möchte fast sagen:
dem Trauma — eines omnipotenten und
omnipräsenten Staates verfällt, muß sich
konsequenterweise darauf beschränken, Rahmenbedingungen zu
setzen, die auch denen, die heute ohne
Beschäftigung sind, neue Chancen bieten.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Mit diesem Gesetzentwurf reagiert der
Gesetzgeber auf die strukturellen Veränderungen in der
Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt. Wir sehen in
dem Gesetzentwurf einen richtigen Schritt in die
richtige Richtung. Wir verhehlen aber nicht —
insbesondere ich —, daß sich weitere von mir im
Interesse arbeitsloser Mitbürger für sinnvoll gehaltene
Änderungen nicht durchgesetzt haben. Wir haben
uns, wenn Sie so wollen, in der Koalition in diesem
Punkt nicht durchsetzen können.
Kernpunkt des Gesetzentwurfs ist neben der
Regelung der Teilzeitarbeit, der Arbeit nach
Arbeitsanfall und anderer Arbeitszeitformen die
erleichterte Möglichkeit, befristete Arbeitsverträge
abzuschließen. Worum es hier geht, sind der Abbau von
Einstellungshemmnisen und Arbeitslosen die
Möglichkeit zu bieten, wenn schon nicht unbefristet,
dann zumindest befristet Arbeit zu finden. Selbst
Sie, Herr Kollege Dreßler, räumen in Ihrem Teil des
Berichts zu diesem Gesetz ein, daß dies zu
Dauerarbeitsplätzen führen kann.
(Dreßler [SPD]: Was? — Frau Steinhauer
[SPD]: Wo denn?)
Es heißt in dem Bericht:
Die Befristung auf 18 Monate bedeute in
Wirklichkeit eine verlängerte Probezeit und führe
dazu, daß der befristet eingestellte
Arbeitnehmer infolge seiner so geschaffenen
Abhängigkeit auf seine Rechte weitgehend verzichten
werde, um seine denkbare Übernahme ... nicht
zu gefährden.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das ist wirklich
komisch, was Sie da in diesem Zusammen
-
hang zitiert haben! — Frau Steinhauer
[SPD]: Das darf doch nicht wahr sein! —
Lachen und weitere Zurufe von der SPD)
Bitte, das ist doch der Beweis für das, was ich
gerade gesagt habe.
Meine Damen und Herren, damit die
Verabschiedung dieses dringend notwendigen Gesetzes nicht
mit Hilfe der Geschäftsordnung verzögert wird,
haben wir unseren Antrag, alle Angestellten, die von
Vollzeit- auf Teilzeitarbeit übergehen — was wir ja
wünschen — und die als Angestellte mindestens
fünf Jahre nicht versicherungspflichtig und bei
privaten Krankenversicherungsunternehmen
versichert waren, von der Versicherungspflicht befreien
zu lassen, zurückziehen müssen. Aus den gleichen
Gründen haben wir den weiteren Antrag auf
Anwendung des § 520 der
Reichsversicherungsordnung auf die Ersatzkassen — trotz Bedenken der
Arbeitgeber — ebenfalls nicht weiter verfolgen
können. Aber die Koalitionsfraktionen sind sich
darüber einig, daß sie dies so schnell wie möglich
nachholen wollen.
(Beifall bei der FDP)
Wer sich zur Zustimmung zu diesem
Gesetzentwurf nicht durchringen kann —
bedauerlicherweise, meine ich —,
(Feilcke [CDU/CSU]: Das können die
nicht!)
sollte wenigstens bereit sein, sachgerecht zu
diskutieren. Der Gegenbeweis für eine sachgerechte
Diskussion war soeben die Rede meines verehrten
Vorredners.
(Zuruf von der SPD: Wieviel Minuten ha
ben Sie noch?)
Mit großem Bedauern, vollem Ernst und fast mit
Erschrecken
(Lutz [SPD]: Ihre Barthaare zittern!)
muß ich feststellen — und das ist auch eine
Diskussionsverweigerung —, daß der Kollege Egon Lutz
Leute, die meiner Meinung sind, öffentlich als
„Terroristen im Nadelstreifenanzug" bezeichnet.
(Lohmann [Lüdenscheid] [CDU/CSU]: Pfui!
— Kolb [CDU/CSU]: Das ist Funktionärs
deutsch! — Weitere Zurufe von der CDU/
CSU)
Ich gehe davon aus, daß diese
Diskussionsverweigerung ihre Ursache darin hat, daß Egon Lutz und
seine Kollegen keine besseren, keine
vernünftigen Argumente gegen diese Vorlage vorzubringen
haben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Kolb [CDU/CSU]: Das war IG Holz, Herr
Kollege!)
Verehrte Kolleginnen und Kollegen, eigentlich
müßte ich ja beleidigt sein.
(Zuruf von der CDU/CSU: Genau!)
Aber wenn man die flinke Zunge von Egon Lutz —
um den Ausdruck „freche Schnauze" zu vermeiden
— kennt, dann kann man nur sagen: Egon, ego te
absolvo. Das erspart dir, Ihnen die Notwendigkeit
der Entschuldigung.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU —
Kolb [CDU/CSU]: Oh Herr, verzeih ihm,
denn er weiß nicht, was er tut! — Lutz
[SPD]: Sie waren schon besser, um mich
sehr gewählt auszudrücken!)
Die Diskussion, Herr Kollege Lutz, wird ja nicht
nur von Ihnen, sondern auch vom DGB oder WDR
verweigert. Wie erklärt es sich denn sonst, daß sich
der DGB im Hessischen Rundfunk nicht bereit
erklärt, sich verweigert hat, mit Frau Dr. Adam-
Schwaetzer
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das ist ver
-
ständlich!)
über diese Problematik zu diskutieren?
(Lutz [SPD]: Die wollten den Hörern etwas
ersparen!)
Der WDR macht eine zweieinhalbstündige Sendung
über dieses Thema mit Gott und der Welt, aber die
Liberalen werden natürlich ausgegrenzt, weil man
unsere Argumente fürchtet.
(Beifall bei der FDP — Lachen und Zurufe
von der SPD)
Nun, beim WDR ist dies wohl nicht verwunderlich.
Denn für faire Behandlung der FDP und objektive
Berichterstattung ist der WDR bei Gott nicht
zuständig.
Lassen Sie mich zum Schluß eindeutig
feststellen, daß mit dem Beschäftigungsförderungsgesetz
der Weg zu Neueinstellungen erleichtert werden
soll und erleichtert wird, erleichtert, meine Damen
und Herren, ohne daß dabei Arbeitsschutzrechte
der Beschäftigten in ihrer Substanz tangiert
werden.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das stimmt
doch nicht!)
Wer dies als Abbau sozialer Schutzrechte oder gar
als soziale Demontage bezeichnet,
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Richtig, so ist
das! — Lutz [SPD]: Das ist die richtige
Vokabel!)
muß sich den Vorwurf gefallen lassen, daß er an der
Aufhebung der Zweiteilung unserer Gesellschaft —
hier Arbeitsbesitzende, dort Arbeitslose — nicht
interessiert und nicht bereit ist,
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Unglaublich, un
geheuerlich, was Sie da sagen!)
die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um zu
mehr Beschäftigung zu kommen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Und für eine solche Politik setzt sich — da greife
ich die Formulierung von vorhin auf — der
sogenannte Arbeitnehmervertreter Dreßler ein! Dafür
fehlt mir jegliches Verständnis.
(Beifall bei der FDP — Zurufe von der
SPD)
Ich appelliere an Wirtschaft und Gewerkschaften:
Nutzen Sie die gegebenen Vorgaben! Helfen Sie,
daß an Stelle von Dauerüberstunden neue
Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden!
(Frau Steinhauer [SPD]: Arbeitszeitge
setz!)
Haben Sie — so, meine ich, muß man
Gewerkschaften und den Unternehmern zurufen — den Mut,
mehr Arbeitslosen Beschäftigung zu geben! Wir
haben ihnen dazu ein wirksames und sozial
vertretbares Gesetz an die Hand gegeben.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Tischer.
Tischer (GRÜNE): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Erlauben Sie mir, wenn ich zu Beginn
meiner Rede zunächst die
Gewerkschaftskolleginnen und -kollegen sowie die Betriebsräte von Ford,
Mannesmann und Hoesch sowie Kaufhof auf der
Besuchertribüne begrüße, die eigens — —
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, es ist
nicht üblich, daß hier Begrüßungsaktionen
veranstaltet werden.
(Louven [CDU/CSU]: Das tut allenfalls der
Präsident!)
Tischer (GRÜNE): — — als Betroffene dieses
Gesetzesvorhabens, die Debatte heute mitverfolgen.
(Frau Hürland [CDU/CSU]: Die sind nicht
betroffen, die sind ja beschäftigt!)
In meiner heutigen sogenannten Jungfernrede
habe ich im Interesse der Fraktion DIE GRÜNEN
und der zahlreich betroffenen Beschäftigten
dieses Gesetzentwurfes der Bundesregierung die
Aufgabe, eine Stellungnahme aus der Perspektive eines
einfachen Industriearbeiters aus Ulm
abzugeben — —
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Faltlhauser?
Tischer (GRÜNE): Nein, ich möchte meine erste
Rede einmal so fortführen.
Präsident Dr. Jenninger: Gilt das grundsätzlich?
Tischer (GRÜNE): Das gilt für alle.
— — dessen Vergangenheit nicht in den
Universitäten oder Hochschulen geprägt wurde, sondern
dessen Vergangenheit im erbitterten Kampf um
den Erhalt der Arbeitsplätze als Streiksprecher
einer dreiwöchigen Betriebsbesetzung mit 1 700
Kollegen bei der Firma Videocolor in Ulm und in einer
anschließenden Arbeitslosigkeit zu finden ist.
(Louven [CDU/CSU]: Nun kommen Sie
einmal zur Sache!)
Auf Grund dieser persönlichen Vergangenheit
maße ich mir an — im Unterschied zu vielen ande
ren Kollegen hier im Hause —, diesen
Gesetzentwurf der Bundesregierung aus der Perspektive
eines unmittelbar Betroffenen oder ehemaligen
Betroffenen kritisieren zu können.
(Feilcke [CDU/CSU]: Waren Sie arbeits
-
los?)
— Ich war durch diese Betriebsschließung
anderthalb Jahre arbeitslos.
(Zuruf von der CDU/CSU: Dann müßten
Sie dieses Gesetz ja begrüßen!)
Dieser Gesetzentwurf, von welchem die
Bundesregierung gegenüber den Beschäftigten behauptet,
er fördere die Beschäftigung, scheint mir nur die
Spitze jenes Speeres zu sein, welchen diese
Bundesregierung Zug um Zug den Millionen Kolleginnen
und Kollegen in den Betrieben und insbesondere
den betroffenen Frauen in das soziale Rückgrat
rammt.
(Beifall bei den GRÜNEN und bei der
SPD)
Dieser Gesetzentwurf der Bundesregierung,
dessen heilbringender Titel
„Beschäftigungsförderungsgesetz" lautet, womit wohl der gefährliche
Inhalt verdeckt werden soll, sieht vor, von den
Gewerkschaften mühselig erkämpfte
Arbeitnehmerrechte und soziale Errungenschaften auf eine
Methode zu beschneiden, wie sie bislang nur von
Gaunern aus dem Hinterhalt praktiziert worden ist.
(Beifall bei den GRÜNEN — Hornung
[CDU/CSU]: Wo sind denn die Rechte der
Arbeitslosen? Sie sind brutal gegenüber Ih
ren Kollegen, die keine Arbeit haben!)
Der Gesetzentwurf sieht trotz der hohen
Jugendarbeitslosigkeit und der unerfüllten
Lehrstellenversprechen des Ankündigungskanzlers vor,
zukünftigen Auszubildenden nach Abschluß ihrer
Ausbildung
(Jagoda [CDU/CSU]: Wer hat Ihnen denn
das aufgeschrieben!)
bis zu 18 Monaten befristete Arbeitsverträge
einzuräumen,
(Kolb [CDU/CSU]: Immer noch besser als
keine Arbeit!)
ohne daß die Befristung vom Unternehmer
gegenüber dem Betroffenen begründet werden muß. Zu
erwartende Praxis dürfte dann sein, daß
Auszubildende bereits in ihrer Ausbildungszeit oder danach
in puncto Arbeitnehmerintensität ungeachtet des
Jugendschutzgesetzes erpreßbar und
untereinander spaltbar sind, da sie sich schließlich um
unbefristete Arbeitsverträge bemühen müssen.
Gewerkschaftlich engagierte Azubis geraten zwangsweise
in das Dilemma, entweder den Mund zu halten oder
durch Verweigerung eines
Anschlußarbeitsvertrages gefeuert zu werden. Befristete Arbeitsverträge
in allen Bereichen schaffen soziale Unsicherheit
und machen den Betroffenen zum Freiwild der
Arbeitgeber.
(Jagoda [CDU/CSU]: Ach du lieber Gott!)
Dieses Demokratieverständnis der
Bundesregierung geht zurück in Kaisers Zeiten, in welchem
„Ducken und ja nicht mucken" das Motto war.
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht
auch vor, grundsätzlich die Möglichkeit und die
damit verbundenen Zwänge der Teilzeitarbeit
auszuweiten. Diese Form der Arbeitszeitverkürzung ohne
Lohnausgleich nimmt den Betroffenen wichtige
Rechte aus der sozialen Sicherung und
verschlechtert zudem den arbeitsrechtlichen Schutz wie auch
die Arbeitsbedingungen.
(Kolb [CDU/CSU]: Welche soziale Siche
rung hat denn der Arbeitslose?)
— Sie müssen erst einmal arbeiten gehen und dann
die Situation dort kennenlernen.
(Beifall bei den GRÜNEN — Kolb [CDU/
CSU]: Ich weiß, was Arbeit ist!)
Teilzeitarbeit kommt den
Rationalisierungsstrategen der Unternehmer aus Gründen des
flexibleren Arbeitseinsatzes unbestreitbar entgegen, was
konkret bedeutet, daß durch Teilzeitarbeit
Arbeitsplätze vernichtet und nicht neue geschaffen
werden.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie haben eine Ahnung
von der Praxis!)
Selbst aus unternehmerischer Sicht ist diese
Flexibilisierungsabsicht der Bundesregierung durch
Teilzeitarbeit, langfristig gesehen, ein absoluter
Blödsinn.
(Beifall bei den GRÜNEN — Zurufe von
der CDU/CSU)
Die Zerstückelung der Arbeit — jetzt hören Sie mal
besser zu, weil Sie aus dem Unternehmerlager
kommen —
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie glauben
wohl, der einzige Arbeiter hier zu sein!)
durch Teilzeitarbeit und Jobsharing führt
erfahrungsgemäß zur Dequalifizierung bislang
qualifizierter Tätigkeiten. Wichtiges Fachwissen
Vollzeitbeschäftigter wird somit auf Betriebsebene durch
die Zerstückelung von Vollzeitarbeitsplätzen in
Teilzeitarbeitsplätze zunichte gemacht. Tatsache
dürfte auch nach Prognose des WSI in Düsseldorf
sein, daß die von der Bundesregierung im
Gesetzentwurf eingeschlagene
Arbeitszeitteilungsstrategie nicht zur Einstellung Arbeitsuchender, sondern
zur Umschichtung Vollzeitbeschäftigter in
Teilzeitbeschäftigte führt.
(Beifall bei den GRÜNEN — Kolb [CDU/
CSU]: Das ist doch gar nicht möglich!)
Gerade die im Gesetzentwurf enthaltene
Arbeitszeitteilungsstrategie ist es, welche die
Diskriminierung der Frau endgültig festschreibt. Teilzeitarbeit
und Arbeitsplatzteilung verhindern unbestreitbar
die Veränderung traditioneller Rollen- und
Arbeitsteilung in der Hausarbeit und Kindererziehung zu
Lasten der Frauen,
(Hornung [CDU/CSU]: Im Gegenteil!)
denen durch das Fehlen von Vollzeitarbeitsplätzen
ein beruflicher Ein- und Aufstieg verwehrt bleibt.
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9881
Tischer
Kein Teilzeitarbeitsplatz und kein geteilter
Arbeitsplatz geben so viel Einkommen her, daß eine
finanzielle Unabhängigkeit vom männlichen Partner
gewährleistet ist.
(Bueb [GRÜNE]: Sehr richtig! — Zuruf von
der CDU/CSU: Die müssen doch nicht, die
dürfen nur!)
Fazit: Die Bundesregierung mit ihrem hohen C,
welches angeblich für „christlich" stehen soll,
verhindert für die Frauen eine gleichberechtigte
Teilnahme am Erwerbsleben und somit ihr Recht auf
bezahlte Arbeit.
(Zuruf von der CDU/CSU: Um was für ein
Thema geht es jetzt eigentlich? — Dr. Ge
-
orge [CDU/CSU]: Jetzt mal zum Thema!)
Doch glauben Sie, Herr Bundeskanzler, Herr Blüm
und vor allem Herr Geißler, daß die Frauen auch
ihre rechte Wange hinhalten, wenn Sie ihnen auf
die linke hauen? Verlassen Sie sich darauf:
Langsam, aber sicher schlagen diese Frauen zurück.
(Beifall bei den GRÜNEN — Zurufe von
der CDU/CSU)
Dies geht auch an die Teile der SPD, die den Traum
der Flexibilisierung träumen und moderne
Computer und Roboter bereits im Hinterkopf haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ich möchte mal
wissen, was Sie im Hinterkopf haben!)
Der Gesetzentwurf der Bundesregierung sieht
weiter vor, bislang praktizierte und richterlich
abgesegnete Sozialplanregelungen kräftig zu
beschneiden. Besonders dieser Gesetzesteil wird von
mir als eine Unverschämtheit der Bundesregierung
gegenüber denjenigen Beschäftigten gesehen, die
ohnehin schon die Entlassungspapiere in der Hand
und eine menschenunwürdige Zeit der
Arbeitslosigkeit vor sich haben.
(Beifall bei den GRÜNEN — Zurufe von
der CDU/CSU)
Ich sage es nicht in absichtlicher Polemik, sondern
als ehemaliger Arbeitsloser, der mit 1 700
Beschäftigten 1982 nach der Videocolor-Schließung in Ulm
auf die Straße gesetzt wurde.
(Kolb [CDU/CSU]: Warum ist denn der Be
trieb geschlossen worden? Sagen Sie das
doch! Weil Sie Dinge produziert haben, die
nicht mehr zu verkaufen waren!)
— Das hat Ihr Kabinett 1982 behandelt, das müssen
Sie eigentlich besser wissen als ich. — Es ist eine
Ungeheuerlichkeit der angeblich christlichen
Bundesregierung, Kündigungsbetroffenen durch
gesetzliche Sozialplanbeschneidungen die letzten
Groschen aus der Tasche zu ziehen,
(Bueb [GRÜNE]: Sehr richtig!)
während sie sich mit saftigen Diätenerhöhungen
den Bauch vollschlägt.
(Jagoda [CDU/CSU]: Seit wann kriegt denn
die Bundesregierung Diäten? Nicht einmal
das wissen Sie!)
Es war der Prälat Sauer aus Augsburg — das war
ein Kirchenvertreter, und da hören Sie mal auf
diesen Satz —, der 1982 auf einer Streikversammlung
bei Videocolor in Ulm einen mir wichtigen Satz
sagte,
(Zuruf von der CDU/CSU: Alles falsch, was
Sie sagen!)
welcher wie kein anderer zu diesem Ihrem Gesetz
paßt: Ein Gesetz verliert dann seinen Sinn, wenn es
den Menschen hindert, Mensch zu sein.
(Beifall bei den GRÜNEN — Kolb [CDU/
CSU]: Der gute Mann muß auch keine Ver
antwortung tragen! Da kann er so etwas so
sagen!)
Dieses Gesetz hindert den Menschen, Mensch zu
sein.
Besonders der Punkt Leiharbeit Ihres
Beschäftigungsförderungsgesetzes — damit komme ich zum
Punkt 4 der mir wichtigen Gesetzespassagen —
zeigt auf, was Sie, Herr Bundeskanzler und Herr
Blüm, der Sie sich so gerne als der christliche
Arbeiterführer vermarkten lassen, mit den Arbeitern
und Arbeiterinnen dieser Republik vorhaben. Sie
erweitern den modernen Sklavenmarkt
(Bueb [GRÜNE]: Richtig! — Lachen bei der
CDU/CSU)
dieser ach so schrecklich modernen und
fortschrittlichen Republik mit der Idee, zukünftig
Beschäftigte statt bislang nur drei zukünftig sechs Monate
an andere Firmen verleihen zu lassen.
(Zuruf von der CDU/CSU: So etwas
schreibt er auch noch auf! — Weitere Zu
rufe von der CDU/CSU)
Es ist Ihnen als Vertreter eines Berufsstandes, der
von den Mängeln dieses Gesetzes niemals betroffen
wird, anscheinend unklar — —
(Anhaltende Zurufe bei der CDU/CSU)
— Herr Präsident — —
(Lachen bei der CDU/CSU — Louven
[CDU/CSU]: Bitte reden Sie weiter!)
Es ist Ihnen als Vertreter eines Berufsstandes, der
von den Mängeln dieses Gesetzes niemals betroffen
wird, anscheinend unklar, daß Sie die betroffenen
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Punkt
Leiharbeit einem mittelalterlichen Sklavenmarkt
aussetzen und aus dem Arbeitsmarkt einen
orientalischen Basar machen,
(Beifall bei den GRÜNEN)
der den Unternehmern zukünftig gestattet, den
Menschen als Handelsware zu begreifen, den man
mal hier und mal dort hinschiebt. Dabei vergißt
man, daß es sich um Leben handelt, welches es zu
schützen gilt. Diese Machart eines Gesetzes, diese
Unberührtheit gegenüber den zukünftig
betroffenen Menschen entspricht der Sichtweise des
Kommandanten eines untergetauchten U-Bootes, der
nicht mehr begreift, daß es um ihn Leben gibt.
(Beifall bei den GRÜNEN — Lachen des
Abg. Kolb [CDU/CSU])
Der Trend dieses Unternehmerfördergesetzes,
wie ich es lieber nenne, zielt eindeutig und
unverkennbar auf die Beschneidung der
Arbeitnehmerrechte, wie es sich die Herren Lambsdorff und
Haussmann vorstellen. Es ist eine Zumutung für
die Beschäftigten, wenn sie mithören müssen, wie
Lambsdorff und Haussmann davon reden,
(Louven [CDU/CSU]: Herr Lambsdorff!)
zukünftig auch untertarifliche Löhne zulassen zu
wollen, während Diäten in Parlamenten kräftig
angehoben werden und die Flicksehen Gelder in die
Taschen verschiedener Vertreter solcher Thesen
fließen.
(Beifall bei den GRÜNEN Kolb [CDU/
CSU]: Schickt uns den Willi Hoss wieder;
der war besser!)
Wen mag es da noch wundern, daß gerade diese
teilweise von Unternehmen finanzierten
Koalitionsparteien
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist doch
scheinheilig!)
das Betriebsverfassungsgesetz so verändern
wollen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Pharisäer!)
daß per Vetorecht gelbe, unternehmerfreundliche
Splittergewerkschaften wie z. B. der CDU-nahe
CMV solche Rechte eingeräumt bekommen, daß sie
letztendlich Mehrheitsbeschlüsse von
Betriebsratsgremien blockieren können und somit zum Schaden
der betroffenen Arbeitnehmer werden?
Die GRÜNEN sind nicht bereit, eine derart
arbeitnehmerfeindliche Politik zu unterstützen.
(Jagoda [CDU/CSU]: Wenn man nichts da
-
von versteht, kann man leicht reden!)
Gemeinsam mit den Arbeitnehmern werden sich
die GRÜNEN gegen solche
Entdemokratisierungsversuche wehren. Wir lehnen diesen
Gesetzesentwurf aufs schärfste ab.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Beim Antrag der SPD stimmen wir — —
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter, Ihre
Redezeit ist abgelaufen. Ich bitte Sie, zum Schluß zu
kommen.
Tischer (GRÜNE): Ich bin gleich fertig; einen Satz
bitte noch.
Beim Antrag der SPD-Fraktion stimmen wir in
die Kritik über den von der Bundesregierung
praktizierten Sozialabbau mit dem Wissen ein, daß
bereits der vorherige Bundeskanzler Schmidt diese
Phase eingeleitet hatte.
(Lutz [SPD]: Das war überflüssig! Ein
höchst überflüssiger Nachsatz! Übrigens
ist die Redezeit zu Ende!)
Da das Programm jedoch auf Wachstum aufgebaut
ist und sich unzureichend an ökologischen und so
zialen Notwendigkeiten orientiert, werden wir uns
hier der Stimme enthalten.
(Beifall bei den GRÜNEN — Jagoda [CDU/
CSU]: Der liest ja weiter! Das ist keine
Lesestunde hier!)
Präsident Dr. Jenninger: Meine Damen und
Herren, ich appelliere an alle Seiten des Hauses, mit
Zwischenrufen etwas zurückhaltend zu sein.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das war doch
keine Rede!)
Ich erteile das Wort dem Herrn Bundesminister
für Arbeit und Sozialordnung.
(Auf der Zuschauertribüne wird ein Trans
parent gezeigt)
— Ich bitte, die Störung auf der Tribüne
abzustellen.
Dr. Blüm , Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Der Kollege Dreßler hat diesem Gesetz den
totalen Mißerfolg vorausgesagt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Und ge
wünscht!)
Meine Damen und Herren, betrachten wir uns doch
die Treffsicherheit der Voraussagen der
Sozialdemokraten zu Sozialgesetzen dieser
Bundesregierung. Als wir das Rückkehrhilfegesetz vorgelegt
haben, hat es der Kollege Dreßler als einen Schuß in
den Ofen bezeichnet. Nicht 50 000, wie wir
vorsichtig geschätzt haben, sondern 160 000 haben dieses
Rückkehrhilfegesetz in Anspruch genommen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Kolb [CDU/CSU]: 15 000, haben die ge
sagt!)
Als wir das Vorruhestandsgesetz eingebracht
haben, hat die sozialdemokratische Partei durch ihren
Kollegen Lutz erklären lassen, nur
Gewerkschaften, die von einem kollektiven Schwachsinn
befallen wären, würden dieses Gesetz nutzen.
Inzwischen haben die Gewerkschaften dieses Gesetz in
über 220 Tarifverträgen genutzt. Ich muß auch die
IG Metall gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, sie
sei vom kollektiven Schwachsinn befallen. Denn sie
hat das Gesetz in Anspruch genommen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wer so oft danebenschießt, sollte sich hier nicht als
sozialpolitischer Schützenkönig aufspielen.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
und der FDP)
Nun zu unserem
Beschäftigungsförderungsgesetz. Arbeit für alle, das, meine Damen und Herren,
ist das wichtigste sozialpolitische Gebot der Stunde.
Denn keine Unterstützung, auch keine
Arbeitslosenunterstützung, kann die Zufriedenheit ersetzen,
die aus dem Bewußtsein herrührt, sich seinen
Lebensunterhalt selber zu verdienen. Deshalb hat
jeder, ob alt ob jung, ob Mann ob Frau, ob gesund
oder behindert, ein Recht, im Rahmen seiner
Möglichkeiten an der Arbeit teilzuhaben.
Meine Damen und Herren, spürt nicht jeder die
Gefahr einer neuen Spaltung? Ich meine nicht die,
die Herr Dreßler beschrieben hat, nämlich die
zwischen Arbeitnehmern mit befristeten
Arbeitsverträgen und Arbeitnehmern in
Dauerarbeitsverhältnissen. Die neue Spaltung, die uns droht, sieht so aus:
Die Insider setzen sich in der Erwerbsgesellschaft
fest und zerren die Beute des Aufschwungs hinter
die Festungsmauern, während die anderen draußen
ohne Arbeit sitzen bleiben. Das ist die neue
Klassenspaltung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das ist eine Spaltung zwischen denjenigen, die
Arbeit besitzen, und Arbeitslosen. Ich gebe zu: Der
Karl Marx bietet dafür kein Rezept, weil er immer
nur die Front zwischen Kapital und Arbeit gesehen
hat. Da sitzen welche im Schützengraben und
schießen, aber es ist schon gar keiner mehr da. Wir
sehen die neuen Gefahren einer Spaltung.
Deshalb soll das Sozialrecht, das wir wollen, nicht
nur diejenigen schützen, die drinnen sind, sondern
es soll auch denjenigen helfen zurückzukommen,
die draußen stehen.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Es geht darum, Zugbrücken herunterzulassen,
Festungsmauern zu sprengen, nicht aber darum,
Gräben aufzureißen. Wenn die Sozialdemokraten
sagen, das sei ein Gesetz zum Heuern und Feuern,
dann ist das nur die halbe Wahrheit. Zum Heuern
soll es dienen. Alles, was dem Heuern, dem
Einstellen dient, muß jetzt gemacht werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich gebe zu, daß wir neue, unkonventionelle Wege
gehen, aber die alten Wege haben in die Sackgasse
geführt. Ich gebe auch zu, daß mit neuen Wegen
Risiken verbunden sind, aber das größte Risiko ist
die Tatenlosigkeit. Laßt uns neue Wege probieren,
um aus dem Talkessel der Arbeitslosigkeit
herauszukommen.
Im Mittelpunkt des
Beschäftigungsförderungsgesetzes steht das Angebot zum unkomplizierten
Abschluß von befristeten Arbeitsverträgen. Befristete
Arbeitsverträge gibt es schon heute. Nur, ich
fürchte, gerade der kleine Handwerksmeister, der
mittelständische Unternehmer kann nachts nicht die
arbeitsrechtliche Literatur studieren, damit er
tagsüber jede Chance nutzen kann. Wir wollen keine
Sozialpolitik nur für die Cleveren. Wir wollen das
Sozialrecht auch einfacher machen, damit es auch
zur Einstellung genutzt werden kann.
In Zeiten des konjunkturellen Überganges
bestehen Hemmungen, Dauerarbeitsverhältnisse zu
vereinbaren. Das Ergebnis ist dauernde
Arbeitslosigkeit. Wir wollen den frühzeitigen Einstieg mit
befristeten Arbeitsverhältnissen versuchen. Befristete
Arbeit — dabei bleibe ich — ist immer noch besser,
als unbefristet arbeitslos zu sein.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Nirgendwo steht geschrieben, daß die befristeten
Arbeitsverhältnisse nicht in unbefristete münden.
Wer für ein entkrampftes Arbeitsrecht eintritt, der
muß jetzt auch die Chance der befristeten Arbeits
-
verhältnisse durch Einstellungen nutzen. Wenn
dieses Gesetz sein Ziel nicht erreichen würde, dann
gäbe es nur einen Rückfall in das alte starre
Arbeitsschutzrecht. Ein Mißerfolg dieses Gesetzes
wäre ein Triumph für die sozialistischen
Betonierer. Wer für Flexibilität ist, der muß diesem Gesetz
zum Erfolg verhelfen.
Die Unternehmer stehen jetzt auch unter der
Beweislast. Einstellen geht vor Überstunden.
Tausende von Unternehmern — Handwerker, Klein-
und Großbetriebe — haben ja einen
Lehrplatzrekord zustande gebracht, ohne Reglementierung,
ohne staatliche Bürokratie, durch Einsicht und
Verantwortung. Das ist ja auch ein Beweis dafür, daß
man in dieser Gesellschaft durch Appelle an das
Verantwortungsbewußtsein noch etwas zustande
bringen kann, daß unsere Gesellschaft nicht so
verfettet, verkrampft ist, daß sie immer nur
Bürokratien und Paragraphen braucht, um etwas zu
bewegen. Diesem Lehrplatzwunder muß jetzt eine
Einstellungswelle folgen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Auch hier stehen wir unter der Beweislast, daß
Flexibilität weiter führt als kollektive Einebnung.
Die Einsicht, daß befristete Arbeitsverträge einer
Notwendigkeit unserer Zeit entsprechen, hat sich
auch in den sozialistischen Parteien Spaniens und
Frankreichs inzwischen herumgesprochen. Die
Sozialdemokraten leiden wieder einmal unter einer
Verspätung. In einem Décret vom 3./4. dieses
Monats läßt die französische Regierung
Zeitarbeitsverträge mit Arbeitslosen bis zu 24 Monaten zu. Herr
Lutz, hören Sie zu! Der sozialistische
Arbeitsminister — —
(Kolb [CDU/CSU]: Das interessiert den
Lutz nicht! — Müller [Remscheid] [CDU/
CSU]: Unhöflich!)
— Ja, er ist in seiner Höflichkeit wieder
unübertroffen. Die Dialogbereitschaft des Herrn Lutz
dokumentiert sich gerade wieder in einer
ausgesprochenen Unhöflichkeit.
(Dr. Jobst [CDU/CSU]: Wie immer!)
Ich wende mich an alle Gewerkschafter. Die
französischen nicht-kommunistischen Gewerkschafter
waren bereit, auf diesen Boden zu gehen.
Der sozialistische spanische Ministerpräsident
hat im spanischen Fernsehen erklärt — ich zitiere
ihn jetzt —:
Es ist für einen Jugendlichen von 21 Jahren
viel besser, wenn man ihm eine
Beschäftigungsmöglichkeit von einem oder zwei Jahren
anbietet, als wenn er keine
Beschäftigungsmöglichkeit hat oder wenn er, wie im 19.
Jahrhundert, ohne soziale Sicherheit in der
Illegalität arbeiten muß.
(Beifall bei der CDU/CSU und FDP)
Ich empfehle den Sozialdemokraten,
Entwicklungshilfe bei ihren sozialistischen Genossen in
Frankreich und Spanien zu nehmen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Kolb [CDU/CSU]: Die sind auch unter der
Sonne gereift!)
Wir machen auch die Teilzeitarbeit — das ist Ziel
dieses Gesetzes — arbeitsrechtlich salonfähig. Sie
soll kein Arbeitsverhältnis zweiter Klasse sein.
Deshalb braucht die Teilzeitarbeit einen Standard von
sozialem Schutz. Denn auch hier haben wir ein
Defizit.
Während in Schweden jeder vierte Arbeitsplatz
ein Teilzeitarbeitsplatz ist, ist es bei uns nur jeder
zehnte. Und Schweden war doch immer das Mekka
der Sozialdemokraten. Das werden Sie doch nicht
als das Ausbeutungsmusterland bezeichnen.
Es ist auch Quatsch, wenn die IG Metall
behauptet, mit Teilzeitarbeit sei — ich zitiere —
„profitorientierte Zerschlagung von Vollarbeitsplätzen"
geplant. Ich kann darauf nur sagen: Arbeitnehmer
brauchen keinen Vormund. 240 000 Arbeitslose
suchen gar keinen Vollerwerbsarbeitsplatz; sie
suchen Teilzeitarbeitsplätze.
Deshalb soll sich niemand aufspielen, dem
Arbeitnehmer zu sagen, was sein Arbeitszeitwunsch
ist. Maßstab unserer Politik sind die Bedürfnisse
und die Wünsche der Menschen und nicht die
Lehrsätze von ideologischen Schulmeistern.
(Beifall bei der CDU/CSU und FDP)
Ich schließe mich deshalb dem Appell von
Hermann Rappe, dem Vorsitzenden der IG Chemie,
an,
(Zuruf von der CDU/CSU: Ein vernünftiger
Mann!)
der den Gewerkschaften empfahl, eine offene
Diskussion über Teilzeitarbeit zu führen.
Die Teilzeitarbeit ist auch eine Chance, den
Arbeitsrhythmus mit dem Lebensrhythmus zu
versöhnen. Diese standardisierten Arbeitszeiten: 8
Stunden am Tag, 5 Tage in der Woche, 45 Wochen im
Jahr, 45 Jahre im Arbeitsleben: Entsprechen sie den
Wünschen der Menschen? Sind sie nicht stark am
Muster einer Kolonnengesellschaft orientiert, die
nur den Gleichschritt kennt? Wir bevorzugen die
zivile Gangart einer Gesellschaft, die der
Eintönigkeit die Vielfalt vorzieht.
Unsere sozialpolitische Alternative heißt nicht
„Alles oder nichts", „Entweder für jeden oder für
niemand". Wir bevorzugen das Teils-Teils, wir
ziehen das Sowohl-als-Auch dem Entweder-Oder vor.
Geplagt von der Angst vor Unterschieden versinkt
die Gesellschaft in graue Nivellierung.
Wir brauchen Arbeitszeiten nach Maß, nach
menschlichem Maß, nicht Arbeitszeiten von der
Stange. Ich gebe zu, daß die Herstellung von
Maßanzügen anstrengender ist. Aber sie haben den
Vorteil: Sie passen auch besser. Und wir brauchen
passendere Arbeitszeiten.
Der technische Fortschritt bietet zum ersten Mal
seit 200 Jahren die Chance der Individualisierung
von Arbeitszeiten. Diese Kolonnengesellschaft war
möglicherweise unumgänglich in der
Durchbruchsphase der Industrialisierung, als die heimatlosen
Handwerksburschen und Bauernsöhne in die
Disziplin einer Fließbandgesellschaft gezwungen
wurden. Das haben wir doch überwunden. Der
Mikroprozessor ist doch nicht Job-Killer. Er bietet auch
die Chance der Dezentralisierung, der
Individualisierung von Arbeitszeiten.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Und dies muß im Sinn der Befreiung genutzt
werden. Die Kollektivisten haben immer gern die große
Masse und, wenn's geht, „Im Gleichschritt
marsch!".
Nein, wir bleiben dabei: Eine Welt, die nach den
Wünschen der Menschen eingerichtet ist.
Der Sozialplan — ein weiterer wichtiger
Bestandteil — soll seine Befriedungsfunktion behalten.
Meine Damen und Herren, ich wünsche keinem
deutschen Arbeitnehmer, daß er bei
Betriebsänderungen so behandelt wird, wie sozialdemokratische
Zeitungsverlage ihre Arbeitnehmer behandelt
haben. Das wünsche ich keinem Arbeitnehmer.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Es gehört nicht zu den Zielen unseres
Beschäftigungsförderungsgesetzes, daß man in
sozialdemokratischen Betrieben aus der Zeitung erfahren hat,
ob ein Betrieb stillgelegt wird.
(Zuruf des Abg. Kolb [CDU/CSU])
Ich meine, Sie sollten erst einmal vor Ihrer eigenen
Tür kehren, bevor Sie uns bezüglich unserer
Sozialplanforderungen Vorwürfe machen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Der Sozialplan soll den technischen Wandel
sozial abfangen, dämpfen, aber er darf ihn nicht
verhindern. Die Mentalität einer
Sozialplangesellschaft verhindert Investitionen, Innovationen,
Initiative. Wir dürfen uns nicht die Zukunft verbauen;
denn Fortschritt liegt nur im Wandel. Der
Sozialplan darf den Wandel nicht behindern. Er muß ihn
— ich sage es noch einmal — sozial abfangen.
Wir wollen, daß der Sozialplan dem zugute
kommt, dem hilft, der tatsächlich entlassen wird.
Denselben Anspruch hat nicht derjenige, der
wieder einen Arbeitsplatz findet, möglicherweise im
selben Konzern. Dieses Gebot der
Verhältnismäßigkeit ist auch ein Gebot der Gerechtigkeit.
(Zuruf des Abg. Hornung [CDU/CSU])
Neue Betriebe sollen für die erste Zeit von
Sozialplanpflichten befreit bleiben. Wer den Versuch der
Existenzgründung sofort mit der Kalkulation eines
Sozialplans belastet, vermindert Einstellungen.
Wenn es nicht mehr Einstellungen gibt, dann gibt
es zu guter Letzt auch nicht mehr Sozialpläne. Das
ist die herbste Form der Sozialplanverhinderung.
(Erneuter Zuruf des Abg. Hornung [CDU/
CSU])
Ich komme zur Leiharbeit. Meine Damen und
Herren, auch die Leiharbeit soll eine unter vielen
verschiedenen ordentlichen Möglichkeiten des
Arbeitsverhältnisses sein. Deshalb braucht sie auch
einen größeren Spielraum. Ich kenne
Arbeitnehmer, die es vorziehen, mit sozialem Schutz an
verschiedenen Arbeitsplätzen zu arbeiten, die es
vorziehen, den Arbeitsplatz zu wechseln, deren Traum
es nicht ist, 40 Jahre vor einem Schraubstock zu
stehen, 40 Jahre hinter einer Schreibmaschine zu
sitzen, die wechseln wollen.
Vielleicht wächst hier ein Potential von
Erfahrung, von beruflicher Weiterbildung. Solche
Leiharbeitsplätze, wenn sie mit sozialem Schutz
verbunden sind — und den sollen sie erhalten —, bieten
auch die Chance, Arbeitsplatzreservierungen
praktikabel zu machen, die Zwischenzeiten mit
Leiharbeitsverhältnissen zu überbrücken.
Das Ausgleichsverfahren beim Mutterschutz soll
erweitert werden. Sie sehen: Wir helfen den Frauen
nicht durch emanzipatorische Lyrik, sondern durch
Praxis, durch handfeste Politik, die
Einstellungshemmnisse abbaut.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das Beschäftigungsförderungsgesetz wird die
Rückkehr in das Berufsleben erleichtern. Wenn
Mütter der Kindererziehung wegen auf die
Erwerbsarbeit verzichtet haben, ist ja das große
Hemmnis, wie sie wieder zurückkommen können.
Der Anspruch auf Bildung soll erweitert werden,
damit solche Arbeitsplatzverzichte mit
Rückfahrkarten verbunden sind. Das alles ist ganz
praktische Politik, handfeste Politik.
Das Monopol der Bundesanstalt für Arbeit bei
der Lehrlingsvermittlung soll nicht aufgelöst
werden. Aber auch die Bundesanstalt muß vom hohen
Roß herunter und sich mehr unter die Leute
mischen. Es ist nicht verständlich — jedenfalls mir
nicht—, daß Gruppen und Personen, die, voll guten
Willens und ohne dabei ein Geschäft machen zu
wollen, der Bundesanstalt für Arbeit bei der
Lehrlingsvermittlung helfen wollen, mit Bußgeldern
bedroht werden. Solche Gruppen, solche Mitbürger
verdienen eine Auszeichnung und keinen
Strafzettel.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ich unterstütze den Appell von Ernst Breit und
Otto Esser, der Neueinstellung den Vorzug vor
Überstunden zu geben. Überstunden als
Regelarbeitszeit sind eine Rücksichtslosigkeit gegenüber
denjenigen, die keine Überstunden machen können,
sondern null Stunden arbeiten müssen, weil sie
nämlich arbeitslos sind.
Meine Damen und Herren, dieses Gesetz ist nur
soviel wert,
(Buschfort [SPD]: Es ist überhaupt nichts
wert!)
wie es von den Betrieben, den Unternehmen und
den Gewerkschaften genutzt wird. Es ist in der Tat
mein Verständnis, daß solche Gesetze ein Angebot
sind. Dabei ist man auf eine freiwillige Mitwirkung
angewiesen. Eine Gesellschaft, die Freiwilligkeit
nicht schätzt, muß bürokratisieren. Aber
Bürokratisierung hilft nicht, Initiativen freizulegen. Wir
brauchen eine Gesellschaft, in der es sich lohnt, intitiativ
zu sein, in der es sich lohnt zu investieren, in der es
sich lohnt, etwas Neues auszuprobieren. Und das
Arbeitsrecht darf hier nicht der große Hemmer
sein.
Das Gesetz bedarf der Ergänzung durch die
Tarifpartner. Viele Regelungen, die wir anbieten,
können durch die Tarifpartner ersetzt, ergänzt werden.
Dem Tüchtigen freie Bahn! Der Tarifvertrag —
auch das möchte ich in dieser Stunde sagen — ist
eine der größten Erfindungen der Sozialgeschichte.
Seine Ordnungsfunktion ist unerläßlich. Eine
Tarifvertragspolitik nach der Rosinentheorie kann es
nicht geben. Tarifvertrag ist wechselseitiges Geben
und Nehmen. Ein Tarifvertrag, in dem jede Seite
versuchen würde, nur das für sie Erwünschte
verbindlich zu machen, würde seine Ordnungsfunktion
verlieren. Der Tarifvertrag behält seine
Ordnungsfunktion, wenn er für beide Seiten verbindlich
bleibt und beide, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, in
die Pflicht nimmt. Er ist ein Ausweis der
Kompromißfähigkeit unserer Gesellschaft. Und der
Kompromiß ist das Gegenstück zum Klassenkampf.
Wir brauchen mehr Miteinander. Wir haben 1945
die Trümmer nicht mit den Klassenkämpfern zur
Seite geräumt; wir haben das, was andere das
Wirtschaftswunder genannt haben, nur zustande
gebracht, weil Arbeitgeber, Arbeitnehmer,
Gewerkschaften und Unternehmen zusammengehalten
haben. Und diesen Aufbruch brauchen wir zugunsten
der Arbeitslosen. Deshalb appelliere ich an die
Betriebsräte, an die Unternehmer, an die
Gewerkschaften, an die Arbeitgeberverbände, die Chance
dieses Gesetzes zu nutzen. Einstellungen, das ist
jetzt das Gebot der Stunde. Wir brauchen nicht
kleinkarierte parteipolitische Zänkerei, wir
brauchen eine übergroße Koalition für die Arbeitslosen
und gegen die Arbeitslosigkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Lutz.
(Beifall bei der SPD — Zurufe von der
CDU/CSU — Dreßler [SPD]: Mit Beifall be
-
grüßt!)
Lutz (SPD): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Soeben hat zu Ihnen der oberste
sozialpolitische Nebelkerzenwerfer der Nation gesprochen.
(Beifall bei der SPD)
Es lohnte nicht einmal einen Zwischenruf.
(Zurufe von der CDU/CSU: Und jetzt
spricht der Weihnachtsmann der Opposi
tion! — Euch hat es doch die Sprache ver
schlagen!)
Um den Kollegen Seehofer zu bemühen und das
Südbayerische ins Fränkische zu übertragen: In
Franken brüllen nur die Ochsen.
(Heiterkeit bei der SPD — Zuruf des Abg.
Kolb [CDU/CSU])
Ihre heutige Inszenierung, meine Damen und
Herren, gerät zu einem schwarzen Freitag des
bundesdeutschen Sozialstaates.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Wir sind ein sozialer Rechtsstaat!)
Mit Ihrer Stimme für das sogenannte
Beschäftigungsförderungsgesetz zerstören Sie ein wichtiges
Element, auf das unsere Republik gegründet ist. Sie
heben auf dem Feld des Arbeitsvertragsrechts den
Zwang zum Ausgleich der Interessen auf. An die
Stelle der Kooperation tritt das Faustrecht des
Stärkeren.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: So ist es!)
Hier wird eklatant wider Geist und Gebot der
Verfassung verstoßen. Konrad Adenauer, Kurt
Schumacher, Theodor Heuß und Hans Böckler
wollten keine Republik der Bereicherer;
(Beifall bei der SPD)
sie wollten eine Heimstatt für Menschen aller
Klassen.
Und das heißt im Klartext: Dieser Staat hat dafür
zu sorgen, daß keine Situation herbeigeführt wird,
in der die eine Gesellschaftsschicht der anderen
Unzumutbares zumuten kann.
(Kolb [CDU/CSU]: Dann muß man auch
Aufträge schaffen!)
Die tölpelhaften Erben der Gründungsväter
ruinieren mit ihrer Prämisse „Reichtum muß sich wieder
lohnen" die Grundforderung nach dem immer
wieder herbeizuführenden Interessenausgleich.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Weshalb denn 16 000 Konkurse, Herr Kol
-
lege?)
Der ist in unserer Verfassung vorgegeben.
Das Gesetz, das Sie heute mit Ihrer Mehrheit
durchpeitschen wollen,
(Kolb [CDU/CSU]: Die sind durch Reich
tum in Konkurs gegangen?)
ist nicht nur ein ungewöhnlich hastig
zusammengeschustertes und ein ungewöhnlich schludriges
Gesetz, sondern ist ein Anschlag auf den Sozialstaat.
(Beifall bei der SPD — Zuruf des Abg. Dr.
Faltlhauser [CDU/CSU])
— Herr Kollege Faltlhauser, der auf 18 bzw. 20
Monate befristete und vom Begründungszwang
befreite Zeitvertrag ist ein Anschlag auf die
Menschenwürde, ein Verstoß gegen die Art. 1 und 2 des
Grundgesetzes.
(Beifall bei der SPD)
Er ist ein Anschlag auf den
Gleichberechtigungsgrundsatz der Verfassung, Art. 3 des Grundgesetzes.
Er ist ein Anschlag auf das Verfassungsgebot des
Schutzes der Mütter, Art. 6 des Grundgesetzes. Und
er schränkt das Recht der freien Berufs-,
Arbeitsplatz- und Ausbildungsplatzwahl unzulässig ein,
Art. 12 des Grundgesetzes. Kurzum: Schon § 1 des
Art. 1 Ihres Machwerkes ist ein
verfassungspolitischer Skandal.
(Beifall bei der SPD — Lohmann [Lüden
scheid] [CDU/CSU]: Das glaubt er selbst
nicht!)
— Wenn heute nicht die Einsicht siegt, wird Ihnen
das oberste Gericht in den Arm fallen.
Rechtzeitig zum Wahlkampf in Nordrhein-
Westfalen hat die CDU die deutsche Frau entdeckt und
deren tatsächliche Gleichberechtigung gefordert.
Heute gehen dieselben Damen und Herren her und
diskriminieren mit diesem Wechselbalg von Gesetz
die Frau gleich auf mehrfache Weise:
(Dreßler [SPD]: So ist es!)
Erstens berauben Sie sie über den Zeitvertrag
des besonderen Kündigungsschutzes der
werdenden Mutter.
Zweitens erreichen Sie über Ihre Neuregelung,
daß Frauen im gebärfähigen Alter — so
uncharmant drücken sich die Experten aus — nur noch
Zeitverträge angeboten bekommen.
(Hört! Hört! bei der SPD)
Drittens geben Sie der besonders häßlichen Form
von Teilzeitarbeit, der Arbeit auf Abruf, eine
gesetzliche Grundlage. Die Frau wird zur beliebig
abrufbaren Arbeitskraft. Genau das müßte verboten
werden.
(Beifall bei der SPD)
Viertens legalisieren Sie das sogenannte
Jobsharing als Teilung eines Arbeitsplatzes zwischen zwei
Arbeitnehmerinnen. Was Sie da als Wohltat
preisen, ist eigentlich nur die totale Überwälzung des
Personalrisikos auf die Arbeitnehmerinnen.
(Beifall bei der SPD)
Fünftens wird die absolute Abwertung des
Sozialplanes die am meisten bedrohte Gruppe, nämlich
die Arbeitnehmerinnen, besonders hart treffen.
(Kolb [CDU/CSU]: Auch wenn der Betrieb
dabei über die Wupper geht?!)
Sechstens verewigen Sie das üble Institut der
Zeitarbeit unterhalb der
Sozialversicherungsschwelle. Damit programmieren Sie Armut im Alter
für die Frau vor.
(Beifall bei der SPD — Lohmann [Lüden
scheid] [CDU/CSU]: Vorsicht! — Kolb
[CDU/CSU]: Was habt ihr getan?)
Siebtens werden Sie, wenn Sie das
Vermittlungsmonopol der Bundesanstalt für Arbeit auf dem
Ausbildungsstellenmarkt aufbrechen, die
Chancenungleichheit zwischen den Geschlechtern ein
weiteres Mal vertiefen; denn diese privaten Vermittler
werden schnelle Erfolge vorweisen wollen. Das geht
zu Lasten der jungen Frauen.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: So ist es! — Zu
ruf von der CDU/CSU: Wie denn das? Völlig
unlogisch!)
Achtens drängen Sie durch die Ausweitung der
Leiharbeit zwangsläufig immer mehr Frauen in
diese instabile Form von Beschäftigung.
Ich will nicht verschweigen, daß der
Gesetzentwurf zwei Verbesserungen für Frauen enthält.
Einmal wird durch das verbesserte
Ausgleichsverfahren das Risiko Mutterschaft für die Kleinbetriebe
beherrschbarer. Zweitens werden die
Voraussetzungen zur Wiedereingliederung ins Erwerbsleben
für die Mütter verbessert. Aber das wiegt gering
angesichts all dessen, was Sie den Frauen vorher in
dieser Republik zumuten.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der GRÜNEN)
Ich habe nur eine Personengruppe
herausgegriffen, die Sie mit Ihrer heutigen Entscheidung
besonders negativ treffen. Ich muß hinzufügen, daß das
sogenannte Beschäftigungsförderungsgesetz einem
Generalangriff auf die Arbeitnehmer und ihre
Gewerkschaften gleichkommt.
(Dreßler [SPD]: So ist es!)
Mit dem Zeitvertrag wandern Sie zurück in die Ära
des Frühkapitalismus.
(Zuruf von der SPD: Leider wahr! —
Lachen bei der CDU/CSU)
Die von Ihnen legalisierten Formen von
Teilzeitarbeit machen den Arbeitnehmer zur disponiblen
Masse. Der Sozialplan wird in seinen
Voraussetzungen und in seinem materiellen Gehalt künftig zur
Farce. Beharrlich betreiben Sie Ihre Strategie, per
Tarifvertrag das Unterlaufen gesetzlicher
Mindestnormen zu ermöglichen, weiter.
In vielen Tausenden von Kleinbetrieben wird es
einen gesetzlichen Kündigungsschutz nicht mehr
geben. Der besondere Kündigungsschutz für
werdende Mütter, für Behinderte, für Wehrpflichtige
wird bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Sie
legalisieren die widerlichen Versuche, das Vergeben
von Ausbildungsplätzen zum Lotteriespiel oder zur
Börsenaktion verkommen zu lassen.
(Beifall bei der SPD)
Offensichtlich wollen Sie die evangelische oder
katholische oder CDU- oder FDP- oder SPD-
Ausbildungsplatzvergabe.
Sie fördern tatsächlich die Verewigung von
Arbeitsverhältnissen unterhalb der
Versicherungsschwelle, und Sie begünstigen den
Arbeitnehmerverleih. Damit fördern Sie nicht die Beschäftigung,
sondern Sie passen unter Außerachtlassung aller
ethischen Bedenken den Menschen den
Bedürfnissen der Unternehmen an.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Das ist die Ab
-
sicht!)
Die Stammbelegschaften werden ausgedünnt. Die
Arbeitskraft wird zur beliebig abrufbaren Ware. Sie
führen bewußt eine Zeit herbei, in der die
berufliche Zukunft eines Menschen vom
Augenbrauenzucken des Vorgesetzten abhängt.
(Kolb [CDU/CSU]: Und wie ist das mit den
Aufträgen, Herr Kollege?)
Präsident Dr. Jenninger: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Faltlhauser?
Lutz (SPD): Da ich keine vernünftige Frage
erwarte, möchte ich sie nicht zulassen.
(Kolb [CDU/CSU]: Sie können keine ver
nünftige Antwort geben, Herr Kollege! —
Weitere Zurufe von der CDU/CSU — Zuruf
von der FDP: Pfui!)
Meine Damen und Herren, zu diesem Vorgehen
haben Sie kein Mandat. Sie können nicht beliebig
den Sozialstaat zuschanden reiten. Vor Ihren
Absichten steht das Grundgesetz — und dann, wenn
Sie es weiter mißachten, das
Bundesverfassungsgericht! Nicht ohne Grund haben wir Sitzung für
Sitzung, Paragraph für Paragraph von Ihnen wissen
wollen, welche beschäftigungspolitischen
Wirkungen von der beabsichtigten Demontage des
Sozialstaates zu erwarten sein. Sie haben — das ist
allerdings bei diesem Bundesarbeitsminister nichts
Neues — außer Geschwafel keine einzige
quantifizierte und nachprüfbare Prognose angeboten.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Sie schwätzen!)
Ich mag nicht glauben, daß Ihre zutage getretene
naive Erwartung an dieses Gesetz von Ihnen
wirklich mitgedacht wird.
(Kolb [CDU/CSU]: Im Gegensatz zu Ihnen
können wir denken, Herr Kollege!)
Ich kann, ich mag nicht glauben, daß der
Gewerkschafter — und das gilt wenigstens für einige unter
Ihnen — heute ein gutes Gewissen hat.
(Zustimmung bei der SPD)
Aber auch mit einem schlechten Gewissen kann
man den Sozialstaat ruinieren.
(Beifall bei der SPD)
Damit Sie sich — Frau für Frau und Mann für
Mann — noch einmal prüfen können, ob Sie für
dieses Machwerk Ihre Stimme wirklich erheben
dürfen, beantragen wir namentliche Abstimmung in
der dritten Lesung.
(Beifall bei der SPD — Kolb [CDU/CSU]:
Das war eine schlechte Rede, Herr Kol
lege!)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Dr. Wisniewski.
Frau Dr. Wisniewski (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Nach sowiel armseliger
Primitivphilosophie meines verehrten Vorredners
(Beifall bei der CDU/CSU und bei Abgeord
neten der FDP)
darf ich Ihre Aufmerksamkeit auf ein Gesetz über
befristete Arbeitsverträge mit wissenschaftlichem
Personal an Hochschulen und
Forschungseinrichtungen lenken. Es ist ein dringend notwendiges
Gesetz, weil erhebliche Rechtsunsicherheiten beseitigt
werden müssen;
(Lutz [SPD]: Es ist ebenfalls verfassungs
widrig!)
9888 Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985
Frau Dr. Wisniewski
Rechtssicherheit aber ist die Grundlage für die
Schaffung und Bewahrung von Arbeitsplätzen.
Das Gesetz betrifft als Detailregelung lediglich
eine Randzone der bisherigen Tarifregelungen.
Insofern ist, glaube ich, die Aufregung, die im
Zusammenhang mit dem Tarifrecht gelegentlich
aufkommt, unbegründet.
Die bekannte bisherige Ausnahmeregelung im
Tarifvertrag ist für den Bereich der Wissenschaft
und namentlich in der Nachwuchsausbildung
Grundlage für ein umfassendes reguläres
Instrumentarium gewesen. Das Gesetz wird daher
zuverlässig und eindeutig befristete Arbeitsverträge in
Hochschulen und Forschungseinrichtungen
ermöglichen und die notwendigen Grundlagen schaffen.
Hochschulen, Forschungseinrichtungen, aber auch
Museen, in denen Forschung betrieben wird, wird
es damit ermöglicht, wissenschaftliche Mitarbeiter
mit eindeutig befristeten Arbeitsverträgen
einzustellen; ebenso kann das Gesetz für künstlerische
Mitarbeiter, für das Personal mit ärztlichen
Aufgaben und für Lehrkräfte mit besonderen Aufgaben
gelten. Dabei ist natürlich nicht — das wird in der
Diskussion manchmal falsch dargestellt —
ausgeschlossen, daß der umschriebene Personenkreis
auch wie bisher in Dauerstellungen tätig sein kann.
Das betrifft namentlich die Lektoren.
Für wissenschaftliche Mitarbeiter an
Hochschulen und Forschungseinrichtungen reichen die
bisherigen tarifvertraglichen Regelungen nicht aus.
Eine Vielzahl von Prozessen beweist das. So haben
beispielsweise an der Universität Münster von 381
wissenschaftlichen Angestellten auf Zeitstellen 50
durch Gerichtsurteil unbefristete Verträge erlangt,
an der Universität Bonn in den letzten Jahren von
188 Zeitangestellten 23. Vermutlich ist das ein
Glück für die einzelnen Betroffenen, aber das ist
gleichzeitig eine erhebliche Chancenminderung für
die Generation nachfolgender junger
Wissenschaftler. Sie hätten sich auf diesen Stellen weiter
qualifizieren und ihre beruflichen Chancen wahrnehmen
können.
Bedenklich sind auch die indirekten Folgen
dieser unklaren Rechtslage. Statt fester
Arbeitsverhältnisse werden heute vielfach nur Werkverträge
oder Spezial-Aufträge, z. B. für Korrekturlesen, an
den Hochschulen vergeben. Verträge, die
risikoreich erscheinen, werden überhaupt nicht mehr
abgeschlossen. Das betrifft vor allem auch
qualifizierte Mitarbeiter, deren Verträge man gern
verlängern würde, aber nicht zu verlängern wagt, um
nicht die gesamte Stellenstruktur einer
wissenschaftlichen Einrichtung zu gefährden. Deshalb ist
so manches Forschungsprojekt nicht begonnen
oder auch nicht fortgesetzt worden. Das heißt, die
bisherigen tarifvertraglichen Regelungen sind nicht
wissenschaftsadäquat und behindern die
Förderung des wissenschaftlichen Nachwuches.
(Zuruf von den GRÜNEN: Gar nicht
wahr!)
Deshalb ist das Handeln des Gesetzgebers dringend
erforderlich.
Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion begrüßt es
daher, daß das heute zu verabschiedende Gesetz
objektive und sicher anwendbare
Entscheidungskriterien für das wissenschaftliche Personal festlegen
wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Eine solche Sonderregelung ist besonders
notwendig, weil Wissenschaft und Forschung eben nicht
mit den Produktionsverhältnissen in der Wirtschaft,
worauf die tarifvertraglichen Vereinbarungen ja
grundlegend abzielen, vergleichbar sind.
(Zuruf von der SPD: Wo sind die bisher
geregelt, Frau Professor?)
Die Durchführung von spezifischen und zeitlich
begrenzten Forschungsprojekten bedarf einer
flexiblen Personalplanung. Befristete
Arbeitsverhältnisse sind daher — es sei wiederholt — im Bereich
der Forschung nicht der Ausnahmefall — und
darauf zielen ja die vertraglichen Regelungen in den
Tarifverträgen ab —, sondern sie sind ein
notwendiges und reguläres Instrument zur Erfüllung
wissenschaftlicher Aufgaben in Hochschulen und
Forschungseinrichtungen. Die Leistungsfähigkeit der
Forschung hängt in nicht unerheblichem Maß von
der Möglichkeit ab, wechselnde
Forschungsprojekte mit entsprechend wechselnden Experten als
Mitarbeitern durchzuführen. Das ist mit Sicherheit
von hohem gesamtgesellschaftlichen Interesse.
Ebenso liegt die Gewährleistung der Ausbildung
des wissenschaftlichen Nachwuchses im Interesse
der gesamten Bevölkerung. Die Nachwuchspflege
im Bereich der Wissenschaft findet — das weiß
man ja — unter schwierigeren Umständen als im
normalen Berufsleben statt. Dort ist es
selbstverständlich, daß Lehrlinge im Alter von 16 bis 20
Jahren stehen. Wissenschaftliche Nachwuchskräfte
sind wesentlich älter, nämlich 25 bis 30 Jahre alt.
Sie befinden sich aber in einer ähnlichen
Anlernoder Weiterbildungsphase wie Lehrlinge — trotz
ihres höheren Alters. Das Streben nach einer
Dauerstellung ist für dieses Alter absolut natürlich, zumal
wenn es sich dann auf 30 oder 40 Jahre zubewegt.
Aber im allgemeinen Interesse muß dieses Streben
nach Dauerstellungen hinter dem Anliegen
zurücktreten, befristete Ausbildungsstellen im Interesse
der Absolventen späterer Jahrgänge
bereitzuhalten.
Die Frage, ob mit diesem Gesetz widerrechtlich in
die Tarifautonomie eingegriffen wurde, ist
mehrfach erörtert worden, zuletzt in einer Anhörung mit
vier Sachverständigen aus dem Bereich des
Arbeits- und Verfassungsrechts. Dabei ergab es sich,
daß es geradezu die Pflicht des Gesetzgebers ist,
Normen in einem Teilbereich des Arbeitslebens zu
setzen, wenn Rechtsunsicherheit besteht und auf
tarifvertraglichem Wege nicht beseitigt werden
kann.
Es ist mehrfach versucht worden, zu vernünftigen
tarifvertraglichen Regelungen zu kommen. Seit
1979 haben dies die Bundesregierungen versucht.
Es konnte keine Einigung über solche
Formulierungen erzielt werden. Dadurch sind die Schwierigkei-
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9889
Frau Dr. Wisniewski
ten, wie ich sie soeben kurz andeutete, entstanden
bzw. nicht beseitigt worden.
Das Gesetz über Zeitverträge für
wissenschaftliches Personal bringt für die in erster Linie
Betroffenen — das sind nicht die Professoren; denn diese
sind bekanntlich Beamte —, also für die
wissenschaftlichen Mitarbeiter, eine Reihe von
Verbesserungen mit sich. Ohne Begründung kann ein
Eingangsvertrag bis zur Dauer von zwei Jahren
abgeschlossen werden. Daran kann sich ein Vertrag
anschließen, der bis zum Abschluß eines
Promotionsvorhabens dauern kann. Danach kann ein
Fünfjahresvertrag abgeschlossen werden.
Unterbrechungen bis zu zwei Jahren mit entsprechender
Fristverlängerung sind für Auslandsaufenthalte,
Familienpflege, Mutterschaft und Grund- und Zivildienst
möglich.
Durch die neu eröffneten Möglichkeiten entsteht
ein Instrument zur Förderung des
wissenschaftlichen Nachwuchses, das reichlich Zeit bietet, sich
für geeignete Dauerstellungen zu qualifizieren und
sich darum zu bewerben.
Zum erstenmal ist in einem Gesetz dieses
Bereichs auch auf die besonderen Belange der Frauen
bzw. der Männer, die Kinder oder pflegebedürftige
Angehörige zu versorgen haben, Rücksicht
genommen worden. Indirekt handelt es sich mit Sicherheit
um ein frauenfreundliches Gesetz; denn
Rechtssicherheit, Klarheit bei der Finanzierung von Stellen
aus Drittmitteln und flexibles Offenhalten der
Stellen werden dazu führen, daß Arbeitsplätze
geschaffen werden. Daß Frauen als wissenschaftliche
Mitarbeiterinnen besonders beliebt sind, wissen wir
aus der Statistik. Damit eröffnen sich den Frauen
auch mehr Aufstiegschancen durch
Weiterqualifizierung für höhere wissenschaftliche Positionen, in
denen der Frauenanteil dringend erhöht werden
muß.
Ich komme zum Schluß. Das Gesetz wird mehr
Rechtssicherheit bieten und damit mehr Stellen
schaffen. Es wird zu mehr privatem Engagement in
der Forschung führen. Damit wird mehr soziale
Marktwirtschaft in den Bereich der Forschung und
der Hochschulen einziehen. Dies ist dringend
geboten.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Präsident Dr. Jenninger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Vogelsang.
Vogelsang (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen
der CDU/CSU- und der FDP-Fraktion, Sie wollen
heute einem Gesetz Ihre Zustimmung geben, das
nicht darauf abstellt — ich betone das, weil es von
Ihnen irrtümlicherweise oft so vorgetragen wird —,
Zeitverträge zu ermöglichen, sondern in dem es
darum geht, eine Ausweitung von Zeitverträgen für
wissenschaftlich und künstlerisch tätige
Mitarbeiter herbeizuführen. Denn die Bundesregierung
selbst hat in der Begründung ihres Gesetzentwurfs
dargelegt, daß bereits vier Fünftel all dieser
Beschäftigten eine Beschäftigung auf Grund eines
Zeitvertrags nach dem
Bundesangestelltentarifvertrag ausüben.
(Sehr richtig! bei der SPD)
Deshalb muß doch die Frage gestellt werden, was
Sie mit diesem Gesetz wollen. Die offizielle
Begründung ist erstens, daß Sie den Kreis der
Zeitbeschäftigten ausdehnen wollen. Ihre Begründung ist
zweitens, daß Sie die Rechtssicherheit erhöhen wollen.
Wenn Sie den Kreis der auf Grund von
Zeitverträgen Beschäftigten ausdehnen wollen, müssen
Sie sagen, wen Sie damit meinen. Soll das eine
Fünftel, das heute noch in Dauerstellung ist,
kontinuierlich in Zeitverträge übergeführt werden, oder
wollen Sie den Gesamtkreis der Zeitbeschäftigten
ausdehnen? Niemand — weder Sie noch die
Sachverständigen — hat bisher eine schlüssige Antwort
darauf geben können, ob das Ausdehnen von
Zeitverträgen überhaupt möglich sein wird. Sie bauen
also sowohl für die eine als auch für die andere
Argumentation einzig und allein auf das Prinzip
Hoffnung und verlieren sich bei der Diskussion in
Annahmen und Vermutungen. Sie berufen sich auf
die Wissenschaftsorganisationen und sagen: Die
fordern das. Es ist zwar richtig, daß die das fordern,
aber bedenken Sie auch, daß die
Wissenschaftsorganisationen mit Nachdruck gefordert haben, einer
tarifvertraglichen Regelung Vorrang vor einer
gesetzlichen zu geben.
(Beifall bei der SPD)
Ich bin der Auffassung, daß es außerordentlich
zweifelhaft ist, ob sich das Anliegen, das Sie in
diesem Gesetzentwurf vorbringen, mehr Beschäftigte
mit Zeitverträgen auszustatten, überhaupt
verwirklichen läßt.
Nun haben Sie, verehrte Frau Dr. Wisniewski,
soeben auch das zweite Argument angeführt. Es geht
Ihnen um mehr Rechtssicherheit. Aber bedenken
Sie, daß Sie unter diesem Gesichtspunkt einen
massiven Eingriff in eine tarifvertragliche Regelung
vornehmen.
(Zuruf von der SPD: So ist das!)
Wir jedenfalls sehen darin — und nicht nur wir
Sozialdemokraten sehen das so — auch einen
massiven Eingriff in die Tarifautonomie.
(Beifall bei der SPD)
Damit geraten Sie in die Situation, daß dieses
Gesetz auch von seiner Verfassungsmäßigkeit her
zumindest Zweifel aufkommen läßt, und diese Zweifel
können j a wohl nicht zu mehr Rechtssicherheit
führen.
Nun, Sie haben auch vom arbeitsrechtlichen
Risiko gesprochen. Aber bitte: Die knapp 32 000
Beschäftigten, die heute einen Zeitvertrag haben,
werden ja von diesem Gesetz nicht erfaßt — das ist ja
gemeinsamer Wille —, so daß das arbeitsrechtliche
Risiko, sofern es eines gibt, für diese 32 000
Beschäftigten weiterhin bestehen bleibt.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Richtig!)
Sie beseitigen also für diese 32 000 Beschäftigten
ein arbeitsrechtliches Risiko nicht.
(Vorsitz: Vizepräsident Cronenberg)
Abgesehen davon müssen Sie zur Kenntnis
nehmen, daß auch dieses neue Gesetz arbeitsrechtliche
Risiken in sich birgt, die aber nicht sofort auftreten,
weil das Gesetz so angelegt ist, daß seine
Wirkungen erst in der Zukunft sichtbar werden. Sie
verlagern also das arbeitsrechtliche Risiko in die
Zukunft hinein.
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter
Vogelsang, gestatten Sie eine Zwischenfrage der
Abgeordneten Frau Dr. Wisniewski?
Vogelsang (SPD): Ja.
Vizepräsident Cronenberg: Frau Abgeordnete,
bitte schön.
Frau Dr. Wisniewski (CDU/CSU): Herr Vogelsang,
geben Sie mir zu, daß viele der bereits bestehenden
Zeitverträge im Laufe der nächsten Monate bzw.
des nächsten und übernächsten Jahres auslaufen
und insofern natürlich in sehr absehbarer Zeit im
Falle der Verlängerung von diesem Gesetz
betroffen sein werden?
Vogelsang (SPD): Frau Kollegin, es richtet sich
jeweils nach dem Ablaufen der Verträge nach dem
Zeitvertragsgesetz. Aber das ändert nichts daran —
Sie bestätigen das mit Ihrer Frage —, daß die
Wirkungen dieses Gesetzes in der Zukunft liegen und
daß keine arbeitsrechtlichen Risiken abgedeckt
werden, die möglicherweise schon bei bestehenden
Verträgen vorhanden sind.
(Beifall bei der SPD)
Wir können also die Risiken in schon
abgeschlossenen Zeitverträgen über dieses Gesetz nicht
ausräumen.
Abgesehen davon: Wenn diese 32 000 Verträge,
um die es geht, abgelaufen sind, gibt es, so glaube
ich, kein arbeitsrechtliches Risiko mehr, weil die
Rechtslage dann völlig geklärt sein wird,
möglicherweise auch durch weitere Entscheidungen des
Bundesarbeitsgerichts. Warum also wollen Sie dieses
Gesetz?
Ich fasse zusammen. Erstens. Wir können uns
Ihren Annahmen und Vermutungen nicht
anschließen, daß hinsichtlich einer Ausweitung der
Zeitverträge die Wirkungen eintreten, die Sie wollen.
Zweitens. Wir sind nicht der Auffassung, daß dieses
Gesetz in der Lage sein wird, mehr Rechtssicherheit
herbeizuführen, aber wir sagen Ihnen, daß Sie
durch diesen Eingriff in einem bestehenden
Tarifvertrag einen tarifvertraglichen Consensus
aufbrechen. Wir sagen Ihnen, daß Sie nicht bereit sind, auf
die Akzeptanz der Betroffenen überhaupt
Rücksicht zu nehmen, und sie einseitig den Interessen
der anderen Seite unterordnen.
(Beifall bei der SPD)
Ich wollte Ihnen zum Abschluß sagen: Sie haben
kein Herz für Arbeitnehmer.
(Zurufe von der CDU/CSU)
— Ich will es j a so hart nicht ausdrücken.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: So ist es aber
richtig, Herr Kollege!)
Aber ich sage Ihnen: Sie sind nicht dazu bereit, hier
eine Interessenabwägung in einer vernünftigen Art
und Weise vorzunehmen, sondern Sie stellen die
Interessen der betroffenen Mitarbeiter hinten an.
Das ist der Grund dafür, weshalb wir als
Sozialdemokraten diesem Gesetz nicht zustimmen können.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Cronenberg: Das Wort hat Professor
Dr. Laermann.
Dr. - Ing. Laermann (FDP): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Verehrter Herr
Kollege Vogelsang, ich weiß nicht, wen Sie mit der
„anderen Seite" gemeint haben. Muß ich mich zu
der anderen Seite rechnen? — Dann will ich gerne
dazu Stellung nehmen.
(Zurufe von der SPD)
— Mit Schreien haben wir Probleme noch nie
gelöst. Darf ich hier auch einmal ein paar Gedanken
entwickeln. Danke schön.
(Beifall bei der FDP)
Herr Vogelsang hat gesagt, wir sollten warten, bis
das Bundesarbeitsgericht weitere Entscheidungen
getroffen hat. Weil aber die Arbeitsgerichte sich
immer wieder und in zunehmendem Maße mit diesen
Problemen beschäftigen müssen, denke ich, liegt
doch ein Regelungsbedarf vor. Der Gesetzgeber ist
aufgerufen, diesem Regelungsbedarf zu
entsprechen.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Dies tun wir mit dem jetzt vorliegenden
Gesetzentwurf.
Ich höre immer: die Interessen der anderen Seite.
Ich möchte einmal wissen, wer das ist. Wenn ich das
so betrachte, ist das offensichtlich nur die
Bürokratie, die Verwaltung von Hochschulen, Universitäten
und Forschungseinrichtungen. Wenn wir als
Professoren gerade einem Mitarbeiter noch helfen wollen,
weil er in einer von der Verwaltung festgesetzten
kurzen Vertragsfrist — wir möchten manchmal
gerne länger — nicht mit seiner Arbeit fertig wird,
und wir um ein halbes Jahr Verlängerung
nachsuchen, wird uns dies versagt mit dem Hinweis
darauf: Dies ist ein Kettenvertrag, und es besteht die
Gefahr, daß der Mann dann anschließend vor dem
Arbeitsgericht auf Daueranstellung klagt.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Wem helfen wir also? Wo ist eigentlich die andere
Seite? Denken wir doch daran und gehen wir davon
aus, daß wir hier jungen Leuten, jungen
Nachwuchswissenschaftlern helfen wollen. Nicht nur
diejenigen, die drin sind, sollen eine Chance haben,
sondern auch Nachwuchskräfte sollen weiterhin
eine Möglichkeit haben, in dieses Unternehmen
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9891
Dr.-Ing. Laermann
Wissenschaft und in die wissenschaftliche
Entwicklung einzutreten.
Da geht es nicht darum, hier das Prinzip
Hoffnung darzustellen, sondern da geht es wirklich
darum, mit diesen Maßnahmen Rechtsunsicherheit für
den wissenschaftlichen Nachwuchs, für die
wissenschaftlichen Angestellten konkret zu beseitigen.
Das ist der Kernpunkt des ganzen Unternehmens.
Ich möchte das noch einmal deutlich
herausstellen.
Das Gesetz über befristete Arbeitsverträge mit
wissenschaftlichem Personal an Hochschulen und
Forschungseinrichtungen ist ein wesentliches
Instrument zur Erhaltung der Funktions- und
Erneuerungsfähigkeit der Hochschulen und im
Wissenschaftsbereich. Befristete Arbeitsverhältnisse sind
im Bereich der Forschung nicht Ausnahmefall —
das ist hier deutlich dargestellt worden —, sondern
es ist ein reguläres Instrument zur Erfüllung der
wissenschaftlichen Aufgaben und zur Förderung
des wissenschaftlichen Nachwuchses.
Der Staat hat auch nach dem Hochschulurteil
des Bundesverfassungsgerichtes von Verfassungs
wegen Vorkehrungen zu treffen, daß die
Funktionsfähigkeit einer wissenschaftlichen Einrichtung
gewährleistet ist. Dazu gehören auch Vorkehrungen
für den Einsatz des wissenschaftlichen Personals.
Ich füge hinzu: Das hat nichts damit zu tun — dem
wird hier nicht das Wort geredet —, daß wir sagen:
Wir wollen jetzt schrankenlos die Zulässigkeit von
Zeitverträgen hier durchsetzen. Wir wollen
vielmehr das Instrument, das da ist, verbessern, wir
wollen Rechtssicherheit für die Betroffenen
schaffen, wir wollen verhindern, daß sich die zweite und
dritte Qualität über solche Möglichkeiten auf Dauer
einklagt; denn die guten und die besten Leute des
wissenschaftlichen Nachwuchses haben auch in
anderen Bereichen immer noch eine Chance. Es
würde nicht einer verantwortungsvollen Politik für
die Zukunft unserer Wissenschaftslandschaft
entsprechen, wenn wir hier nicht steuernd eingriffen.
(Beifall bei der FDP)
Die Hochschulen und die
Wissenschaftsorganisationen haben in den Anhörungen des Ausschusses
für Bildung und Wissenschaft im Februar 1984, des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung im
Januar 1985 und schon Jahre vorher die zunehmende
Rechtsunsicherheit beim Abschluß von
Zeitverträgen beklagt. Ich kann aus der eigenen praktischen
tagtäglichen Erfahrung nur noch einmal darlegen,
welche Schwierigkeiten wir mit den
Hochschulverwaltungen haben, um wirklich jungen Leuten,
Nachwuchskräften im Sinne unseres originären
Auftrages zu helfen. Diese Rechtsunsicherheit soll
für den Wissenschaftsbereich durch dieses Gesetz
beseitigt werden. Dabei haben wir uns bemüht, eine
sachgerechte Abwägung zwischen den Belangen
der Hochschulen einerseits und den
wissenschaftlichen Mitarbeitern andererseits zu treffen.
Andererseits muß aber auch eine klare Regelung
für die Beendigung eines Arbeitsverhältnisses bei
Wegfall von Drittmitteln getroffen werden. Es ist
ein ganz wichtiger Punkt, daß gerade dieses Pro
-
blem gelöst wird; denn auch aus der öffentlichen
Hand heraus erteilte Forschungsförderung,
Projektmittel über das Landesamt für Forschung, über
das Forschungsministerium, über die DFG sind
zeitlich befristet, und da die Mittel zeitlich befristet
sind, wird keine Hochschulverwaltung, keine
Wissenschaftsverwaltung hingehen und etwa
Arbeitsverträge abschließen, die über den Zeitraum dieser
bewilligten Mittel hinausgehen. Hier wollen wir
auch dafür sorgen, daß nun die Möglichkeit besteht,
die Leute über die Gesamtlaufzeit eines Projektes
einzustellen und die Einstellung nicht davon
abhängig zu machen, wie und ob am Ende eines Jahres
auch eine Fortsetzung der Förderung erfolgt.
Ich habe am 31. Dezember schlaflose Nächte, weil
ich nicht weiß, ob solche Leute, die ich hier fördern
will, am 1. Januar dann auch noch eine Arbeit
haben. Es ist geradezu grotesk: Wenn dann ein
wissenschaftlicher Nachwuchsmann bereit ist, als
Arbeitsloser auch einmal eine befristete Zeit an der
Hochschule tätig zu sein, weil er sagt, er hat die
ganze Infrastruktur zur Verfügung und kann sich
seiner wissenschaftlichen Arbeit voll widmen, und
ich ihn anschließend einstellen will, sagt mir die
Hochschulverwaltung: Haben Sie nicht einen
anderen? Der ist ja arbeitslos, und der wird in jedem Fall
bei jedem Arbeitsgerichtsprozeß recht bekommen,
weil er sich in der Notlage der Arbeitslosigkeit
befand. Es ist doch geradezu grotesk, dann so zu
verfahren. Wir wollen diese Verwaltungspraxis mit
diesem Gesetz beenden. Wir wollen die Chancen in der
Tat verbessern und nicht, wie hier dargestellt wird,
der anderen Seite — nebulös, was das auch immer
sein mag — hier einfach mehr Rechte gegenüber
den Betroffenen geben.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Meine sehr verehrten Damen und Herren, aus
diesen Gründen sind wir mit Nachdruck dafür, daß
dieses Gesetz in der vorliegenden Form so
verabschiedet wird. Wir stimmen dem Gesetz jedenfalls
zu.
Ich bedanke mich.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Cronenberg: Meine Damen und
Herren, bevor ich der Frau Bundesminister Dr. Wilms
das Wort gebe, möchte ich Sie eindringlich bitten,
die notwendige Ruhe herzustellen, damit sich die
Rednerin kurz, aber hörbar zu Wort melden kann.
Frau Minister!
Frau Dr. Wilms, Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Mit dem heute zur Verabschiedung
anstehenden Gesetz über die befristeten Arbeitsverträge
mit wissenschaftlichem Personal an Hochschulen
und Forschungseinrichtungen sollen sowohl die
Leistungsfähigkeit der Forschung gestärkt als auch
die Arbeitschancen für junge Wissenschaftler
verbessert werden. Hochschulen und
außeruniversitäre Forschungseinrichtungen werden nach dem
Gesetz künftig ihre Aufgaben auf dem Gebiet der
Forschung und der Förderung des
wissenschaftlichen Nachwuchses besser erfüllen können. Die
Hochschulen müssen sich auch heute, zu Zeiten der
Überlastbewältigung, der Doppelaufgabe stellen,
eine solide Breitenausbildung anzubieten und
zugleich wissenschaftliche Spitzenleistung zu
fördern.
Befristete Arbeitsverträge, meine Damen und
Herren, sind im Bereich der Hochschulen und der
außeruniversitären Forschungseinrichtungen kein
Ausnahmefall, sondern ein reguläres Instrument
für ihre Aufgabenerfüllung. Denn ohne den
Zustrom neuer Ideen und eine ständige personelle
Erneuerung droht die Forschung zu erstarren.
Außerdem wollen wir mehr jungen Wissenschaftlern als
heute Arbeits- und Forschungschancen bieten.
Beim Abschluß befristeter Arbeitsverträge im
Hochschul- und Forschungsbereich ist in der
Vergangenheit zunehmend Rechtsunsicherheit
aufgetreten. Die für die Befristung von Arbeitsverträgen
geltenden Grundsätze, die durch die
Rechtsprechung entwickelt wurden, tragen den spezifischen
Belangen von Wissenschaft und Forschung nicht
hinreichend Rechnung. Sie stellen insbesondere zu
sehr auf die besonderen Umstände des Einzelfalls
ab und erschweren damit eine einfache und vor
allen Dingen unbürokratische Handhabung des
Zeitvertragsinstruments. Das haben die Hochschul-
und Wissenschaftsorganisationen in den
vergangenen Jahren immer wieder festgestellt und haben
von sich aus Rechtsänderungen gefordert.
(Unruhe)
Vizepräsident Cronenberg: Frau Minister,
entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche. — Meine
Damen und Herren, ich möchte noch einmal den
Versuch unternehmen, Sie eindringlich zu bitten
Platz zu nehmen und die Gespräche einzustellen.
(Beifall bei der SPD)
Es ist unmöglich, daß die Frau Minister nicht die
mindeste Chance hat, sich durchzusetzen. Wer sein
Redebedürfnis überhaupt nicht einschränken kann,
für den steht die Lobby zur Verfügung.
Frau Minister, Sie haben das Wort.
Frau Dr. Wilms, Bundesminister für Bildung und
Wissenschaft: Ich sagte Ihnen, daß die
Wissenschafts- und Hochschulorganisationen schon
gegenüber der alten Regierung Rechtsänderungen
gefordert haben. Dies hat z. B. auch der Wissenschaftsrat
im Mai 1982 eindringlich getan.
Dieses Zeitvertragsgesetz wird die aufgetretenen
Unsicherheiten ausräumen und damit zur
Rechtssichereit beitragen. Ich möchte im Anschluß an die
Ausführungen des Kollegen Blüm vorhin noch
einmal betonen: Mit diesem Gesetzentwurf werden
auch die Voraussetzungen verbessert, einer
größeren Zahl von Hochschulabsolventen einen
Arbeitsplatz auf Zeit anzubieten. Ich denke, hier stellt sich
wirklich die Frage: Wollen wir junge
Wissenschaftler arbeitslos auf der Straße stehen haben, oder
wollen wir ihnen wenigstens befristet eine Zeit der
Arbeit und der Forschung einräumen?
(Beifall bei der CDU/CSU)
Außerdem können wir mit diesem neuen Vertrag
auch die Einführung und die Einwerbung von
Drittmitteln in der sogenannten Drittmittelforschung
erweitern. Das ist auch etwas, was wir dringend
brauchen. Auch hier, glaube ich, besteht weithin
Konsens mit der Wissenschaft und der Forschung.
Meine Damen und Herren, gegen den
Gesetzentwurf wurde gelegentlich eingewendet — Herr
Kollege Vogelsang, Sie haben darauf hingewiesen —,
das Gesetz verletze die durch Art. 9 Abs. 3 des
Grundgesetzes geschützte Tarifautonomie. Die
Bundesregierung sieht sich durch die Ergebnisse
der Anhörung des Bundestagsausschusses für
Bildung und Wissenschaft in ihrer Auffassung
bestätigt, daß das Gesetz nicht gegen das Grundgesetz
verstößt und auch die Tarifautonomie nicht verletzt.
In einem einmütigen Votum hat auch der
Rechtsausschuß des Bundesrates diesen Gesetzentwurf
unter dem Gesichtspunkt der Grundrechte geprüft
und sieht keine Bedenken. Der Gesetzentwurf
enthält eine ausgewogene Regelung, die sowohl die
Interessen der Arbeitnehmer als auch die Belange der
Forschung berücksichtigt.
Die Bundesregierung begrüßt die
Veränderungen, die jetzt im Rahmen des parlamentarischen
Verfahrens durch den Bundesrat und den
Bundestagsausschuß für Bildung und Wissenschaft
eingebracht worden sind, weil wir glauben, daß damit das
Gesetz noch weiter verbessert werden konnte.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich
abschließend die Überzeugung der Bundesregierung
noch einmal zum Ausdruck bringen: Auch dieses
neue Zeitvertragsgesetz für den wissenschaftlichen
Bereich wird einen Beitrag dazu leisten, die
Leistungsfähigkeit der Hochschulen und der
Forschungseinrichtungen zu sichern und die
Berufschancen junger Wissenschaftler zu verbessern.
Ich bedanke mich bei den Kollegen des
Bundestagsausschusses für Bildung und Wissenschaft für
die zügige Beratung dieses Gesetzentwurfs der
Bundesregierung.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Cronenberg: Weitere
Wortmeldungen liegen mir nicht vor. Ich schließe die
Aussprache.
Wir kommen nunmehr zur Einzelberatung und
Abstimmung über Tagesordnungspunkt 15 a, den
von der Bundesregierung eingebrachten Entwurf
eines Beschäftigungsförderungsgesetzes. Ich rufe
die Art. 1 bis 15, Einleitung und Überschrift in der
Ausschußfassung auf. Wer den aufgerufenen
Vorschriften zuzustimmen gedenkt, den bitte ich um
das Handzeichen. — Gegenprobe! — Das erste war
die Mehrheit. Die aufgerufenen Vorschriften sind
angenommen.
Wir treten nunmehr in die
dritte Beratung
ein und kommen zur Schlußabstimmung. Meine
Damen und Herren, die Fraktion der SPD hat
gemäß § 52 unserer Geschäftsordnung namentliche
Abstimmung verlangt.
Wer dem Gesetzentwurf als Ganzem
zuzustimmen wünscht, den bitte ich, die Abstimmungskarte
mit Ja, wer dagegen stimmen oder sich der Stimme
enthalten will, den bitte ich, die entsprechende
Abstimmungskarte in die hier vorne aufgestellten
Urnen zu legen.
Während der Auszählung werde ich über die
Entschließungsanträge abstimmen lassen. Ich bitte Sie,
sich darauf einzustellen.
Ich eröffne die namentliche Abstimmung.
Ist noch ein Mitglied des Hauses anwesend, das
seine Stimme nicht abgegeben hat? — Nein.
Ich schließe die Abstimmung und bitte die
Schriftführer, mit der Auszählung zu beginnen.
Ich bitte, wieder Platz zu nehmen, damit wir, wie
angekündigt, über die Entschließungsanträge
abstimmen können. Diejenigen Kolleginnen und
Kollegen, die sich an der Abstimmung nicht beteiligen
wollen, bitte ich, den Saal zu verlassen.
(Anhaltende Unruhe)
— Dies war eine ernstgemeinte Aufforderung; auch
an die Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP.
Wir stimmen jetzt über den
Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU und der FDP auf
Drucksache 10/3271 ab. Wer dem zuzustimmen
wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. —
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Der
Entschließungsantrag ist angenommen.
Wir kommen nun zur Abstimmung zu
Tagesordnungspunkt 15 b. Wer der Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Arbeit und Sozialordnung auf
Drucksache 10/3206 unter Nr. 1 zuzustimmen
wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. —
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Die
Beschlußempfehlung ist angenommen.
Wir kommen nun zur Einzelberatung der
Abstimmung über den Tagesordnungspunkt 15 c, den von
der Bundesregierung eingebrachten Entwurf des
Gesetzes über befristete Arbeitsverträge mit
wissenschaftlichem Personal an Hochschulen und
Forschungseinrichtungen. Ich rufe die Art. 1 bis 4,
Einleitung und Überschrift in der Ausschußfassung
auf. Wer den aufgerufenen Vorschriften
zuzustimmen wünscht, den bitte ich um das Handzeichen. —
Gegenprobe! — Enthaltungen? — Die aufgerufenen
Vorschriften sind angenommen.
Wir treten in die
dritte Beratung
ein und kommen zur Schlußabstimmung. Wer dem
Gesetz als Ganzem zuzustimmen wünscht, den bitte
ich, sich zu erheben. — Wer stimmt dagegen? —
Das Gesetz ist somit als Ganzes angenommen.
Meine Damen und Herren, bis zur Bekanntgabe
des Abstimmungsergebnisses unterbreche ich
nunmehr die Sitzung. —
Meine Damen und Herren, ich kann Ihnen im
Interesse einer schnellen Heimkehr mitteilen, daß
die Fraktionen damit einverstanden sind, daß wir
nunmehr den Zusatzpunkt 4 der Tagesordnung
beraten. Deshalb rufe ich Zusatzpunkt 4 der
Tagesordnung auf:
Zweite und dritte Beratung des von den
Fraktionen der CDU/CSU und FDP
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Stärkung der Finanzgrundlagen der gesetzlichen
Rentenversicherung (RVFinanzG)
— Drucksache 10/2889 —
a) Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Arbeit und
Sozialordnung (11. Ausschuß)
— Drucksache 10/3207 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Günther
Heyenn
Frau Dr. Adam-Schwaetzer
b) Bericht des Haushaltsausschusses (8.
Ausschuß) gemäß § 96 der Geschäftsordnung
— Drucksache 10/3212 —
Berichterstatter:
Abgeordnete Sieler
Dr. Friedmann
Frau Seiler-Albring
Kleinert (Marburg)
(Erste Beratung 124. Sitzung)
Meine Damen und Herren, nach einer
interfraktionellen Vereinbarung sind für die Aussprache
zwei Stunden vorgesehen. — Ich höre keinen
Widerspruch. Dann ist so beschlossen worden.
Wird das Wort zur Berichterstattung gewünscht?
— Das ist nicht der Fall. Dann gebe ich dem
Abgeordneten Müller (Wesseling) das Wort. Herr
Abgeordneter, Sie haben das Wort.
(Unruhe)
Ich habe aber noch einmal die eindringliche Bitte,
doch die Gespräche außerhalb des Saales führen zu
wollen.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Oder zuzuhören,
Herr Präsident!)
Müller (Wesseling) (CDU/CSU): Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! „Der
hohe Stand unserer Alterssicherung findet seinen
Ausdruck in dem erreichten hohen Rentenniveau."
Wenn wir diesen Satz des früheren Bundeskanzlers
Helmut Schmidt als Meßlatte nähmen, schnitten
wir im Vergleich zur SPD-Regierungszeit sehr gut
ab.
(Zuruf von der SPD: Na, na!)
1980, als Sie noch an der Regierung waren, meine
Damen und Herren von der SPD, und Ihr damaliger
Kanzler diesen Satz prägte, lag das
Nettorentenniveau nach 45 Versicherungsjahren bei 71,1 %, nach
40 Jahren bei 63,2 %.
1984, also zwei Jahre nach dem
Regierungswechsel, hatten wir ein Nettorentenniveau von 73,4 %
bzw. 65,3 %.
Ich denke, man braucht kein großer
Rechenkünstler zu sein, um festzustellen, daß wir uns mit
unserer Rentenpolitik sehr gut sehen lassen
können,
(Zuruf der Abg. Frau Fuchs [Köln] [SPD])
insbesondere dann, wenn man dabei auch noch die
Halbierung der Inflationsrate berücksichtigt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die niedrige Inflationsrate, meine Damen und
Herren, ist die größte soziale Tat, die unsere
Regierung erreicht hat.
(Zuruf des Abg. Lennartz [SPD])
Es ist daher schon ein wenig abenteuerlich, wenn
die SPD in diesen Wochen immer wieder von der
Verarmung bei den Rentnern spricht.
(Zuruf des Abg. Bueb [GRÜNE])
Dies ist Panikmache und Wahlkampfpropaganda,
nichts anderes.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Und die Rente
wird auf Pump gezahlt!)
Den Rentnern ging es im vergangenen Jahr besser
als zum Ende der Regierung Schmidt. Daran wird
sich auch in diesem Jahr nichts ändern.
Wir haben in den vergangenen Jahren aber nicht
nur das Nettorentenniveau erhöhen können,
sondern wir haben — und dies war unsere
vordringlichste Aufgabe — die Renten sicher gemacht. Als
Norbert Blüm im Herbst 1982 die notwendige
Bestandsaufnahme in der Rentenkasse machte, war
dies alles andere als ein Freudentag für ihn, erst
recht nicht für die Rentner und die Beitragszahler,
die treu und brav ihre Beiträge eingezahlt hatten.
(Dr. George [CDU/CSU]: Das ist die alte
Armut der SPD!)
Die Rentenversicherung, meine Damen und
Herren, stand damals vor dem finanziellen Ruin. Ihre
Reserven waren nahezu aufgebraucht, und für das
Jahr 1983 mußte das Schlimmste befürchtet
werden. Die Missetaten der SPD-Regierung waren und
sind offensichtlich. Immer wieder griff die damalige
Regierung Schmidt in die Rentenkasse, um Lücken
im Haushalt zu schließen. Ich erinnere nur an die
Kürzung des Bundeszuschusses um 3,5 Milliarden
DM im Jahre 1981.
Vizepräsident Cronenberg: Herr Abgeordneter,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Kirschner?
Mü ller (Wesseling) (CDU/CSU): Nein.
Angesichts dieser Pfuscharbeiten der SPD am
Rentenbau mußte die jetzige Bundesregierung eine
Vielzahl von Maßnahmen ergreifen, um die
Zahlungsfähigkeit der Rentenversicherung zu sichern.
(Bindig [SPD]: Das trauen Sie sich nicht!)
Sie hat diese Aufgabe entschlossen angepackt.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Auf Pump!)
Durch Leistungsanpassungen und Einnahmenver
-
besserungen wurde die Finanzlage der Rentenver
sicherung für die Zeiträume von 1983 bis 1987 um
insgesamt 89 Milliarden DM verbessert. Die
Renten, meine Damen und Herren, sind heute so sicher
wie das Amen in der Kirche.
(Lachen bei der SPD und den GRÜNEN)
Kein Rentner braucht um seine Rente zu bangen.
An der pünktlichen Zahlung der Renten gibt es
keinen Zweifel. Und wir werden nicht müde werden,
dies den Bürgern immer wieder zu sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, wir werden nicht
zulassen, daß Schindluder mit den Renten getrieben
wird. Ich wende mich dabei ganz besonders an Sie,
meine Damen und Herren von der SPD. Machen
Sie keine Politik, insbesondere keinen Wahlkampf,
auf dem Rücken der alten Menschen.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Gucken Sie sich
mal Ihre Anzeigen an!)
Kritisieren Sie, aber diffamieren Sie nicht. Wir
haben eine Rentenversicherung für alle Bürger in
unserem Lande. Die Rentenversicherung ist kein Feld,
auf dem man — auch im nordrhein-westfälischen
Wahlkampf — sein parteipolitisches Süppchen
kochen kann.
(Zuruf von der SPD: Bangemann!)
Mit dem heute zur Verabschiedung stehenden
Gesetzentwurf, der eine Stärkung der
Finanzgrundlage der gesetzlichen Rentenversicherung vorsieht,
leisten wir unseren Beitrag zur mittelfristigen
Sicherung der Renten. Durch diese mittelfristige
Sicherung können wir uns zugleich der zweiten
Herausforderung mit der nötigen Sorgfalt und ohne
zeitlichen Druck stellen, nämlich der umfassenden
Strukturreform der Rentenversicherung.
Diese Strukturreform dürfen wir aber nicht übers
Knie brechen, wie dies die Opposition will. Sie will
die anstehenden Herausforderungen quasi in einem
Aufwasch erledigen.
(Dr. George [CDU/CSU]: „Erledigen" — in
Anführungszeichen!)
Doch solch übereiltes Handeln lehnen wir ab. Wir
halten es da lieber mit dem Sprichwort: „Gut Ding
will Weile haben." — Hektik und Nervosität wären
die falschen Antworten auf die Herausforderungen
einer langfristigen Sicherung. Die Fraktionen von
CDU/CSU und FDP haben daher den einzig
richtigen Weg gewählt. Sie haben einen Gesetzentwurf
vorgelegt, der die Rentenfinanzen mittelfristig
sichert
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Offenbarungs
eid!)
und den Überlegungen für eine Strukturreform
genügend Raum gibt.
Die Gründe, warum wir diesen Gesetzentwurf
eingebracht haben und heute verabschieden wollen,
sind allen bekannt: Mehrausgaben bei der
Rückkehrförderung für Ausländer von über 2
Milliarden DM und um 1,2 Milliarden DM geringere
Beitragseinnahmen auf Grund von niedrigeren
Lohnabschlüssen sowie Streik und Aussperrung in 1984
Deutscher Bundestag — 10.Wahlperiode — 133. Sitzung. Bonn, Freitag, den 19. April 1985 9895
Müller (Wesseling)
haben Maßnahmen zur mittelfristigen Sicherung
der Renten notwendig gemacht.
(Frau Fuchs [Köln] [SPD]: Und die Kür
-
zung der Beiträge der Bundesanstalt an
die Rentenversicherung!)
Unsere Maßnahmen im Rentenfinanzierungsgesetz
beziehen alle in die Verantwortung mit ein, die
Beitragszahler, die Rentner und den Bund. Sie sollen
und müssen gemeinsam einen Beitrag zur weiteren
Stärkung der Rentenfinanzen leisten.
Meine Damen und Herren, wir erhöhen —
erstens — die Beiträge zur Rentenversicherung für
eine befristete Zeit vom 1. Juni dieses Jahres bis
zum 31. Dezember 1986 von 18,7 auf 19,2 % und
senken in demselben Zeitraum die Beiträge zur
Arbeitslosenversicherung von 4,4 auf 4,1 %. Zweitens:
Wir erhöhen weiter den
Krankenversicherungsbeitrag der Rentner. Er wird am 1. Juli dieses
Jahres auf 4,5%, im Juli des kommenden Jahres auf
5,2 % und ein Jahr später,
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Entwurf einer Entschließung des Rates über den Beitrag der örtlichen Beschäftigungsinitiativen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit (EG-Dok.
- part_of_vorgang → Entwurf einer Entschließung des Rates zur Förderung der Beschäftigung von Jugendlichen (EG-Dok. 6594/83) (G-SIG: 10000156)
- part_of_vorgang → Gesetz über steuerliche Maßnahmen zur Förderung des schadstoffarmen Personenkraftwagens (G-SIG: 10020303) (Geschäftsordnungsantrag auf Aufsetzung auf die TO)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Stärkung der Finanzgrundlagen der gesetzlichen Rentenversicherung (RVFinanzG) (G-SIG: 10020361) (3. Beratung)
- part_of_vorgang → Mitteilung der Kommission der Europäischen Gemeinschaften an den Rat über die Förderung der Beschäftigung von Jugendlichen (EG-Dok. 6594/83)
- part_of_vorgang → Vorschlag für eine Richtlinie des Rates zum Schutz der Arbeitnehmer vor der Gefährdung durch chemische, physikalische und biologische Agenzi
- spoke_in ← Alfons Müller (Rede)
- spoke_in ← Anke Fuchs (Rede)
- spoke_in ← Eberhard Bueb (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Günther Heyenn (Rede)
- spoke_in ← Irmgard Schwaetzer (Rede)
- spoke_in ← Manfred Reimann (Rede)
- spoke_in ← Norbert Blüm (Rede)
- spoke_in ← Rudolf Seiters (Zur Geschäftsordnung BT)
- spoke_in ← Wolfgang Mischnick (Rede)