Rede von Johannes Volkmann (CDU/CSU) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10 und 11: Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,.
Text
Rede von Johannes Volkmann (CDU/CSU) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Herr Präsident! Sehr geehrter Herr Botschafter! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Zehntausende
ukrainische Juden, Zehntausende jüdische Ukrainer wurden in
zwei Tagen Ende September 1941 unter deutschem
Befehl in Babyn Jar erschossen. Und der Verweis auf lokale
Kollaboration darf nicht dem durchschaubaren Interesse
der Relativierung deutscher Verantwortung dienen, Herr
Kollege Rothfuß.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der Linken – Dr. Rainer Rothfuß
[AfD]: Das ist doch überhaupt nicht mein
Interesse! Das ist eine böse Unterstellung!)
Dieses Massaker war ein Baustein im singulären
Menschheitsverbrechen der Shoah, ein Verbrechen, das
hier in Berlin geplant wurde. Es ist wichtig, dass der
Deutsche Bundestag in dieser Woche des 85. Jahrestages
gedenkt; denn zu lange war die Ukraine ein blinder Fleck
in unserer Erinnerungskultur. Auch heute bestätigen
manche Reden, was der Historiker Timothy Snyder
2022 feststellte: Die Deutschen haben die Ukraine nicht
als Subjekt, sondern als Objekt betrachtet.
Zu oft wurde das Schicksal der besetzten Völker im Osten
Europas unter der Überschrift „Sowjetunion“
verschlagwortet, nur um damit die Gleichsetzung zu Russland zu
meinen. Es ist an der Zeit, diese verzerrten mentalen
Landkarten zu korrigieren.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Die Ukraine wurde im 20. Jahrhundert zugleich Opfer
des deutschen und des russischen Imperialismus. Und der
geistige Ballast des Molotow-Ribbentrop-Paktes, der den
Völkern im östlichen Europa ihre Selbstbestimmung, ihre
kulturelle Eigenständigkeit und ihre freie
Bündniszugehörigkeit abspricht, muss überwunden werden.
Man kann der Vergangenheit nicht gedenken und die
Gegenwart einfach ausblenden. Es liegt auch in unserer
Hand, ob die Millionenmetropole Kyjiw in diesem
Winter eine bewohnbare Stadt bleibt – auch für die
Nachfahren der Überlebenden des Massakers. Wer der Ukraine
in ihrem Selbstverteidigungskampf die Hände fesseln
will, der legalisiert Putins gegenwärtige Verbrechen. Er
zerstört aber auch jede ehrliche Gedenkkultur an die
Verbrechen der Vergangenheit. Putins Regime missbraucht
Geschichtspolitik als kognitive Waffe. Erinnerungen an
die Sowjetverbrechen durch Tschekisten, auch auf
ukrainischem und deutschem Boden, werden systematisch
verschwiegen und umgedeutet. Memorial wurde
verboten, die Gedenkstätten wurden geschlossen, der eigene
Angriffskrieg wurde in die Rhetorik des Stalinismus
eingebettet.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, unser Gedenken an
die von uns Ermordeten wäre ohne konsequentes
Handeln für die heute Lebenden wertlos. Das gilt
gleichermaßen für jüdisches Leben wie für die Ukraine. Ja, mehr
noch: Unsere Tatenlosigkeit wäre Hohn. Ich bitte Sie
um Zustimmung.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → 85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
- part_of_vorgang → 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar - Erinnerung bewahren, historische Verantwortung stärken und die Ukraine auf ihrem Weg in Freiheit
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