85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
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85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8152
21. Wahlperiode 23.09.2026
Antrag
der Abgeordneten Robin Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring, Dr. Anton
Hofreiter, Claudia Roth, Dr. Sebastian Schäfer, Sara Nanni, Jeanne Dillschneider,
Ayse Asar, Julian Joswig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
85 Jahre Massaker von Babyn Jar – Deutschlands historische Verantwortung für
die Ukraine
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschland trägt eine besondere historische Verantwortung für die Ukraine und
den Frieden in ganz Europa. Unter den Sowjetrepubliken wurde die Ukraine
während des Zweiten Weltkriegs am längsten besetzt, hatte bis zu 8 Millionen zivile
und militärische Opfer zu beklagen und war Schauplatz unzähliger deutscher
Kriegsverbrechen. Zugleich hatte das Land mit etwa 6 Millionen ukrainischen
Soldaten in der Roten Armee einen erheblichen Anteil am Sieg der Alliierten über
die deutsche Nazi-Diktatur und damit an der Befreiung Deutschlands. Dieser
Geschichte und der daraus resultierenden historischen Verantwortung Deutschlands
muss stärker Rechnung getragen werden.
Die Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert ist geprägt von einer Abfolge
vielfältiger menschenverachtender Verbrechen und tiefgreifendem Leid. Das Gebiet
der heutigen Ukraine gehörte zu den wichtigsten Schauplätzen des post-
imperialen Kriegs nach dem Zusammenbruch des russischen Zarenreiches, dessen
ehemaligen Territorien die Bolschewiki ab 1918 zu großen Teil eroberten. Wenige
Jahre später wurden große Teile der Ukraine zum Ort des von Stalin befohlenen
Terrors und einer bewusst herbeigeführten verheerenden Hungerkatastrophe, dem
sogenannten Holodomor. Der Holodomor (von ukrainisch „holod“ – Hunger;
„moryty“ – umbringen) beschreibt die gezielte und massenhafte Tötung durch
Hunger, der Millionen Menschen in der Ukraine zum Opfer fielen. Der
massenhafte Hungertod war keine Folge von Missernten, sondern von der politischen
Führung der Sowjetunion unter Josef Stalin verantwortet. Aus heutiger
Perspektive liegt eine historisch-politische Einordnung des Menschheitsverbrechen
Holodomor als Völkermord nahe. Es ging Stalin und seinen Gehilfen darum, der
Ukraine das nationale Rückgrat zu brechen und sie in die endgültige Unterwerfung
zu zwingen.
Mit dem sog. Hitler-Stalin-Pakt von August 1939, der den Beginn des Zweiten
Weltkriegs markiert, wurde die Ukraine – wie auch Polen, das Baltikum und
Moldau – zum Opfer imperialer geopolitischer Machtpolitik. Dieser Pakt war der
grausame Höhepunkt eines gemeinsamen deutsch-russischen Imperialismus auf
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Kosten der Menschen und Länder in Ostmitteleuropa. Als deutsche und
sowjetische Truppen Polen besetzten, fiel Ostgalizien, heute Teil der Westukraine, unter
sowjetische Kontrolle. Der Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen
Ostmittel- und Osteuropa war dabei von einer besonderen Radikalität geprägt. Er
wurde nicht allein gegen gegnerische Soldatinnen und Soldaten geführt, sondern
ausdrücklich auch gegen die Zivilbevölkerung. Staaten sollten zerstört,
Gesellschaften ausgelöscht und Menschen versklavt oder ermordet werden. Ein
zentrales Element dieser Politik war die systematische, massenhafte Ermordung der
jüdischen Bevölkerung.
Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941
wurde auch die Ukraine zu einem zentralen Schlachtfeld des in Deutschland
sogenannten „Russlandfeldzuges“ – und zu einem der Schauplätze des nun
beginnenden Völkermords an den Jüdinnen und Juden. Einsatzgruppen der SS töten
bereits in den ersten Wochen zahlreiche Menschen; wenig später wurden auch
Frauen, Kinder und ganze Gemeinden Opfer dieser Gewalt. Schon vor der
Wannseekonferenz im Januar 1942 hatten die Mordeinheiten Hunderttausende
erschossen. Insgesamt stammte der größte Teil der während des Krieges getöteten
jüdischen Bevölkerung aus Polen und den besetzten Gebieten der Sowjetunion,
darunter mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine.
Viele dieser Verbrechen fanden unmittelbar vor Ort auf dem Gebiet der heutigen
Ukraine statt. So wurden Ende August 1941 nahe Kamjanez-Podilskyj 23.000
jüdische Menschen ermordet. Wenige Wochen später führten die deutschen
Mordeinheiten in der Schlucht von Babyn Jar am Stadtrand von Kyjiw das vermutlich
größte Einzelmassaker der nationalsozialistischen Besatzungszeit durch: Am 29.
und 30. September 1941 wurden dort 33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder
erschossen. Bis zum Abzug der deutschen Besatzer im Herbst 1943 verloren an
diesem Ort bis zu 100.000 Menschen ihr Leben, darunter sowjetische
Kriegsgefangene, Roma sowie weitere Verfolgte. Babyn Jar steht damit stellvertretend für
die Zerstörung jahrhundertealter jüdischer Lebenswelten sowie für die
Verfolgung und Ermordung weiterer Opfergruppen des nationalsozialistischen
Vernichtungskrieges in der Ukraine und in ganz Osteuropa. Die Verbrechen des
nationalsozialistischen Deutschlands auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und in den
weiteren Republiken der ehemaligen Sowjetunion fanden in der deutschen
Erinnerungskultur lange nicht die Aufmerksamkeit, die ihrer historischen Bedeutung
entspricht. Viele Opfer und ihre Nachkommen blieben über Jahrzehnte
weitgehend unsichtbar. Die Aufarbeitung dieser blinden Flecken bleibt eine zentrale
Aufgabe deutscher Erinnerungspolitik. Babyn Jar steht auch symbolisch für die
tragende Rolle der deutschen Wehrmacht bei der Ermordung des osteuropäischen
Judentums. Walter von Reichenau, Oberbefehlshaber der Sechsten Armee, die
Kyjiw miterobert hatte, war direkt an der Vorbereitung des Massenmords an der
jüdischen Bevölkerung beteiligt. Zuvor hatte er im August 1941die Ermordung
von 90 jüdischen Kindern in Bila Zerkwa angeordnet. An den Verbrechen waren
neben deutschen Einheiten auch lokale Kräfte beteiligt, wie es in vielen besetzten
Regionen der Fall war. Zugleich verfolgten verschiedene ukrainische
Gruppierungen eigene Ziele, insbesondere das Streben nach Unabhängigkeit von der
sowjetischen Herrschaft. Diese Hoffnungen wurden jedoch von der
nationalsozialistischen Politik enttäuscht, die keinerlei eigenständigen ukrainischen Staat vorsah.
Die historischen Akteure und Bewegungen jener Zeit werden bis heute
unterschiedlich bewertet. Sie sind und bleiben Teil komplexer erinnerungspolitischer
Debatten und bedürfen fortdauernder Aufarbeitung.
Der Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands im Osten
Europas richtete sich nicht allein gegen die jüdische Bevölkerung. Auch große Teile
der slawischen Bevölkerung waren von systematischer Gewalt, Ausbeutung und
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Vertreibung betroffen. Die Ukraine spielte als landwirtschaftlich bedeutende
Region eine zentrale Rolle in den Expansionsplänen des NS-Regimes und wurde
daher besonders stark ausgeplündert. Millionen Menschen litten unter Hunger,
Zwangsarbeit und Deportationen. Ein erheblicher Teil der Kriegsopfer der
Ukraine waren Zivilistinnen und Zivilisten.
Hunderttausende Menschen wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland
verschleppt und mussten dort unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Nach
ihrer Rückkehr in die Sowjetunion wurden viele von ihnen erneut verfolgt und
stigmatisiert. Auch sowjetische Kriegsgefangene waren extremen Bedingungen
ausgesetzt; ein großer Teil von ihnen überlebte die Gefangenschaft nicht.
Die Geschichte der Ukraine im 20. Jahrhundert ist damit eine Geschichte von
Gewalt, Leid und Verlust, aber auch von Erinnerung und dem fortdauernden
Bemühen um Aufarbeitung. Ein sensibles und differenziertes Verständnis dieser
Vergangenheit bleibt eine wichtige Voraussetzung für ein respektvolles Gedenken
und eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur.
II. Der Deutsche Bundestag erklärt:
Deutschland bekennt sich zu seiner besonderen historischen Verantwortung
gegenüber der Ukraine und den weiteren Ländern Mittel- und Osteuropas.
Wir gedenken den Opfern des deutschen Nationalsozialismus. Wir gedenken den
Opfern von Babyn Jar. Das Massaker von Babyn Jar, das sich in diesem Jahr zum
85. Mal jährt, war eine von NS-Deutschland organisierte und durchgeführte
Massenerschießung, die zu den größten Mordaktionen des Holocaust zählt und heute
ein besonders grausam herausragendes Zeugnis der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik und der barbarischen Kriegsverbrechen der deutschen Nazi-
Diktatur in Osteuropa darstellt.
Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus ist nicht
allein eine historische Verpflichtung. Sie stärkt das demokratische Bewusstsein und
wirkt Antisemitismus, Rassismus, Geschichtsrevisionismus und anderen
menschenfeindlichen Ideologien entgegen. Die Erinnerung an die
nationalsozialistischen Verbrechen in der Ukraine und den weiteren Staaten Mittel- und Osteuropas
ist Teil unseres gemeinsamen europäischen Gedächtnisses. Sie muss dauerhaft
einen sichtbaren Platz in der deutschen Erinnerungskultur erhalten.
Im Lichte des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine,
der zugleich ein Angriff auf unsere gemeinsame europäische Friedens-,
Sicherheits- und Werteordnung darstellt, setzt sich der Bundestag weiter dafür ein, dass
für imperiales Großmachtstreben und Unterdrückung in Europa kein Platz mehr
sein wird.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. mittels intensiverer Bildungsarbeit und Kulturprojekten in der Ukraine
und in Deutschland, Erinnerungsdialoge und ein verantwortungs- und
würdevolles Gedenken und Erinnern an die deutsch-ukrainische Geschichte zu fördern,
insbesondere die Vermittlung der Geschichte des deutschen Vernichtungskrieges in
der Ukraine, die Dokumentation von Zeitzeugenberichten sowie den Austausch
zwischen Gedenkstätten, Museen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zu stärken;
2. die Ukraine auf allen Ebenen weiter und stärker bei der Verteidigung
ihres Rechts auf Selbstbestimmung, ihrer Unabhängigkeit, ihrer Freiheit, ihrer
territorialen Integrität und ihrer Souveränität zu unterstützen;
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3. die Ukraine als Opfer des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands
stärker politisch, finanziell, humanitär und militärisch zu unterstützen.
Berlin, den 22. September 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
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