Rede von Johannes Schraps (SPD) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 10 und 11: Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,.
Text
Rede von Johannes Schraps (SPD) – Wagener, Agnieszka Brugger, Deborah Düring,
Vielen Dank, Herr Präsident. – Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Sehr geehrter Herr Botschafter! Leider sind die
Worte von Karin Prien, dass geschichtsverzerrende
russische Narrative auch hier im Bundestag missbräuchlich
verbreitet werden, durch die Rede meines Vorredners
bestätigt worden.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN und der Linken – Dr. Rainer
Rothfuß [AfD]: Wissenschaft!
Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages!)
Deshalb werde ich darauf nicht vertieft eingehen, sondern
mich dem eigentlichen Thema dieser Debatte widmen,
nämlich dem Gedenken.
Als ein Nachbar bei Frau Nartowa in der damaligen
Melnikow-Straße an die Tür klopft, um sie auf das
Geschehen vor dem Haus aufmerksam zu machen, da ahnt
die Kyjiwer Lehrerin noch nicht, was sie später am Tag zu
diesem Morgen des 29. September 1941 in ihrem
Tagebuch festhalten wird. Ich zitiere:
„Ich renne auf den Balkon hinaus und sehe
Menschen, die in einer schier endlosen Kolonne
vorüberziehen; sie füllen die ganze Straße und die
Bürgersteige aus. Es gehen Frauen, Männer, junge
Mädchen, Kinder, Greise, ganze Familien. Viele
führen ihr Hab und Gut auf Schubkarren mit sich,
aber die meisten tragen ihre Sachen auf den
Schultern. Sie gehen schweigend, leise. Es ist
unheimlich.“
Was die Augenzeugin hier festhält, ist der Marsch
dieser Menschen in Richtung Babyn Jar – einer Schlucht am
Stadtrand von Kyjiw, nur wenige Kilometer von ihrem
bisherigen Leben entfernt. Viele von ihnen glauben, sie
würden umgesiedelt. Die deutschen Besatzer hatten die
jüdische Bevölkerung Kyjiws aufgefordert, Kleidung,
Dokumente, Wertsachen mitzubringen. Was sie nicht
wussten: Am Ende ihres Weges warteten deutsche
Mordkommandos.
Die Wehrmacht hatte Kyjiw erst zehn Tage vorher
besetzt. Am 29. und 30. September dann wurden
innerhalb von nur zwei Tagen in der Schlucht von Babyn Jar
mehr als 33 000 jüdische Männer, Frauen und Kinder
erschossen. Es war eines der größten Einzelmassaker
des Zweiten Weltkriegs auf europäischem Boden.
Ausgeführt wurde dieses Verbrechen von Angehörigen der
SS, unterstützt von der Polizei und abgesichert durch
die Wehrmacht. Es war ein deutsches Verbrechen. Und
Babyn Jar blieb auch danach ein Ort des Mordens: In den
folgenden zwei Jahren wurden dort unter anderem Sinti
und Roma, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und
Zwangsarbeiter und zahlreiche ukrainische Zivilistinnen
und Zivilisten ermordet.
Wir kennen hier in Deutschland Auschwitz; wir
kennen die Bilder der Konzentrations- und
Vernichtungslager. Doch der systematische Massenmord an den
europäischen Jüdinnen und Juden hatte bereits vor Ort in den
besetzten Gebieten Osteuropas begonnen. Dieser
sogenannte Holocaust durch Kugeln ist in unserer
Erinnerungskultur bis heute leider deutlich weniger präsent.
(Johannes Volkmann [CDU/CSU]: Sehr
richtig!)
Und das gilt auch für Babyn Jar, obwohl dieser Ort – das
haben wir in der Debatte bisher auch schon hören
können – für die Geschichte des Holocausts von
herausgehobener Bedeutung ist. Deshalb ist es wichtig, verehrte
Kolleginnen und Kollegen, dass wir heute hier im
Plenum mit diesen Anträgen an Babyn Jar erinnern.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Dieser 85. Jahrestag ist aber mehr als ein Anlass zum
Gedenken; er ist eben auch eine Verpflichtung zur
Erinnerung an die rund 1,5 Millionen ermordeten Jüdinnen
und Juden in der Ukraine, an die rund 2,2 Millionen
Menschen, die zur Zwangsarbeit aus der Ukraine
verschleppt wurden. Diese Erinnerung muss bewahrt
werden.
Wir müssen historische Forschungen unterstützen,
Archive zugänglich machen und die Bildungs- und
Vermittlungsarbeit stärken. Gerade junge Menschen müssen
erfahren, was in Babyn Jar geschehen ist, wer die Opfer
waren und wer die Täter. Denn Erinnerung geschieht
nicht von selbst; sie braucht Orte, sie braucht Quellen,
sie braucht Wissenschaft, und sie braucht Menschen,
die diese Geschichte erzählen.
Doch auch Gedenken allein wird unserer historischen
Verantwortung nicht gerecht. Wir sprechen heute über
Babyn Jar in einem Moment, in dem die Ukraine erneut
einem brutalen Angriffskrieg ausgesetzt ist. Die
Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands und der
heutige russische Angriffskrieg sind historisch sicher
nicht gleichzusetzen. Und doch – wie auch Karin Prien
bereits vollkommen zu Recht angesprochen hat –: Wir
müssen klar benennen, wie Putin die Erinnerung an den
Zweiten Weltkrieg und den Kampf gegen
Nazideutschland missbraucht, um seinen schon bald fünf Jahre
andauernden Angriffskrieg gegen die Ukraine zu
rechtfertigen.
Besonders erschütternd war deshalb, dass am 1. März
2022, ganz kurz nach Beginn der Vollinvasion, russische
Raketen in unmittelbarer Nähe der Gedenkstätte Babyn
Jar einschlugen. Gleichzeitig stellt Russland die
Souveränität und die historische Eigenständigkeit der Ukraine
infrage. Uns mahnt das, dass wir uns mit den blinden
Flecken unserer eigenen Erinnerungskultur
auseinandersetzen müssen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg.
Isabelle Vandre [Die Linke])
Und aus unserer historischen Verantwortung
gegenüber der Ukraine erwächst Verpflichtung für die
Gegenwart. Deutschland trägt Verantwortung dafür, die Ukraine
bei der Verteidigung ihrer Freiheit und Souveränität zu
unterstützen. Das bedeutet, der Ukraine auch weiterhin
die Unterstützung zukommen zu lassen, die sie braucht.
Das bedeutet, ihren Wiederaufbau langfristig zu
begleiten. Das bedeutet, Kriegsverbrechen konsequent
aufzuklären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu
ziehen.
Und das bedeutet auch, der Ukraine eine europäische
Perspektive zu eröffnen. Ihr Weg in die Europäische
Union ist nicht nur eine geopolitische Frage; es ist auch
eine Entscheidung darüber, in welchem Europa wir
eigentlich leben und zu welchem Europa wir gehören
wollen. Für uns ist vollkommen klar: Es soll ein Europa
bleiben, in dem Grenzen nicht mit Gewalt verschoben
werden, in dem souveräne Staaten selbst über ihre
Zukunft entscheiden und in dem Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit verteidigt wird.
Ich möchte zum Schluss ausdrücklich den Kolleginnen
und Kollegen von Bündnis 90/Die Grünen für ihren
Antrag danken. Auch ich hätte mir gewünscht, dass wir, wie
beim Gedenken an den Holodomor, diese Erinnerung
gemeinsam über Fraktionsgrenzen hinweg tragen
können. Denn Babyn Jar ist kein Thema einer einzelnen
Fraktion; es ist Teil unserer deutschen Geschichte, und
die Verantwortung, die daraus erwächst, ist eine
gemeinsame.
Vielen herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → 85 Jahre Massaker von Babyn Jar - Deutschlands historische Verantwortung für die Ukraine
- part_of_vorgang → 85. Jahrestag des Massakers von Babyn Jar - Erinnerung bewahren, historische Verantwortung stärken und die Ukraine auf ihrem Weg in Freiheit
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