polradar

Rede von Andrea Wicklein (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152

dip / rede 04.12.2008 · WP 16 · Original ↗

Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.

Im Graph öffnen

Text

Rede von Andrea Wicklein (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152 Warum die Biomasse nur in Wärme, Energie oder Kraftstoffe umwandeln, wenn daraus auch hochwertige Biokunststoffe hergestellt werden können? Ist es nicht viel sinnvoller, den Rohstoff Pflanze mehrfach zu nutzen, für die Chemie und als Energieträger? Und warum befinden sich in den Regalen unserer Supermärkte bisher kaum Verpackungen, die aus Pflanzen hergestellt sind? Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich in meinem Wahlkreis ein Forschungsinstitut besucht habe, dass sich mit der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe beschäftigt. Dort und auch an vielen anderen Orten in Deutschland findet Grundlagenforschung statt. Dort werden Verfahren entwickelt, den Rohstoff Biomasse in einer Bioraffinerie für die Chemie nutzbar zu machen – übrigens lange Zeit ohne staatliche Förderung, ohne staatliche Zielvorgaben und klare Strategien.Ich bin deshalb sehr froh, dass in den letzten Jahren sowohl in der chemischen Industrie als auch in der Politik ein Umdenken erfolgt ist. Die Chancen und Potenziale der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe werden inzwischen erkannt. Dafür sprechen das Verbundvorhaben „Bioraffinerie“ des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das Programm „BioEnergie 2021“ des Bundesforschungsministeriums, der Bioraffineriekongress, unterstützt durch das Bundesumweltministerium, oder die enormen Forschungsanstrengungen der chemischen Industrie selbst. Das zeigt, dass wir bereits ein großes Stück vorangekommen sind. Jetzt muss es aber darum gehen – und das ist auch Kern des vorliegenden Koalitionsantrages –, die bestehenden Forschungs- und Entwicklungspotenziale auf nationaler und europäischer Ebene zu bündeln und in ein Gesamtkonzept zur Biomassenutzung einzubetten. Wie kann das geschehen? Zunächst brauchen wir schnellstmöglich eine ressortübergreifende Biomassestrategie des Bundes. Diese muss im nationalen Biomasseaktionsplan des zuständigen Bundeslandwirtschaftsministeriums enthalten sein. Daraus müssen konkrete Zielvorgaben und Schwerpunkte für die weitere Forschungsförderung abgeleitet werden. Darüber hinaus muss zügig ein Bioraffineriecluster mit Sitz in Ostdeutschland aufgebaut werden, das länderübergreifend die vielfältigen Kompetenzen im Bereich der Bioraffineriesystemtechnik bündelt. Im Osten deshalb, weil hier seit über einem Jahrzehnt Forschung und Entwicklung zum Thema „industrielle stoffliche Verwertung nachwachsender Rohstoffe“ stattfindet, die Institute bereits in engem Verbund mit Hochschulen und Unternehmen zusammenarbeiten und auch das Deutsche Biomasse-Forschungszentrum hier beheimatet ist. Schließlich müssen wir die Ergebnisse des Sachstandsberichts des Büros für Technikfolgenabschätzung ernst nehmen, in dem enormer Entwicklungsbedarf bei der technischen Umsetzung festgestellt worden ist. Konkret bedeutet das, dass wir ganz gezielt mit Pilot- und Demonstrationsanlagen die bestehenden Verfahren prüfen und deren Machbarkeit untersuchen müssen. Um es deutlich zu sagen: Für den Technologie- und Forschungsstandort Deutschland wird ganz entscheidend sein, wie wir diesen Innovationsprozess gestalten. Deutschland ist in Europa der Chemiestandort Nummer eins. Wir müssen darauf achten, dass dies auch in den Zeiten des Rohstoffwandels hin zu den nachwachsenden Rohstoffen so bleibt. Dafür müssen wir schon jetzt die Weichen richtig stellen, übrigens auch in Ausbildung und Lehre an Schule und Universitäten, um die Fachkräfte von morgen schon heute für das Thema Chemie aus Biomasse zu begeistern. Uns muss klar sein: Im Energiebereich gibt es mit der Sonnenenergie, der Windkraft oder der Geothermie durchaus Alternativen zur Biomasse. Im Chemiebereich, dessen erdölbasierte Produkte unseren Alltag heute mehr denn je bestimmen, ist Biomasse die einzige Alternative zum Erdöl. Deshalb ist es wichtig, nach den effizientesten Nutzungsmöglichkeiten und Nutzungsfolgen der nachwachsenden Rohstoffe zu suchen und dafür politisch dieZu Protokoll gegebene Reden richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Ich bin sicher, dass uns dies im Rahmen eines integrierten Biomassegesamtkonzeptes und der zügigen Finanzierung eines Bioraffinerieclusters gelingen kann.

Relationen