Rede von Andrea Wicklein (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.
Text
Rede von Andrea Wicklein (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Warum die Biomasse nur in Wärme, Energie oder
Kraftstoffe umwandeln, wenn daraus auch hochwertige
Biokunststoffe hergestellt werden können? Ist es nicht viel
sinnvoller, den Rohstoff Pflanze mehrfach zu nutzen, für
die Chemie und als Energieträger? Und warum befinden
sich in den Regalen unserer Supermärkte bisher kaum
Verpackungen, die aus Pflanzen hergestellt sind?
Diese Fragen beschäftigen mich, seit ich in meinem
Wahlkreis ein Forschungsinstitut besucht habe, dass sich
mit der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe
beschäftigt. Dort und auch an vielen anderen Orten in
Deutschland findet Grundlagenforschung statt. Dort
werden Verfahren entwickelt, den Rohstoff Biomasse in
einer Bioraffinerie für die Chemie nutzbar zu machen –
übrigens lange Zeit ohne staatliche Förderung, ohne
staatliche Zielvorgaben und klare Strategien.Ich bin deshalb sehr froh, dass in den letzten Jahren
sowohl in der chemischen Industrie als auch in der Politik
ein Umdenken erfolgt ist. Die Chancen und Potenziale
der stofflichen Nutzung nachwachsender Rohstoffe
werden inzwischen erkannt. Dafür sprechen das
Verbundvorhaben „Bioraffinerie“ des
Bundeslandwirtschaftsministeriums, das Programm „BioEnergie 2021“ des
Bundesforschungsministeriums, der
Bioraffineriekongress, unterstützt durch das Bundesumweltministerium,
oder die enormen Forschungsanstrengungen der
chemischen Industrie selbst. Das zeigt, dass wir bereits ein
großes Stück vorangekommen sind.
Jetzt muss es aber darum gehen – und das ist auch
Kern des vorliegenden Koalitionsantrages –, die
bestehenden Forschungs- und Entwicklungspotenziale auf
nationaler und europäischer Ebene zu bündeln und in ein
Gesamtkonzept zur Biomassenutzung einzubetten. Wie
kann das geschehen? Zunächst brauchen wir
schnellstmöglich eine ressortübergreifende Biomassestrategie des
Bundes. Diese muss im nationalen Biomasseaktionsplan
des zuständigen Bundeslandwirtschaftsministeriums
enthalten sein. Daraus müssen konkrete Zielvorgaben und
Schwerpunkte für die weitere Forschungsförderung
abgeleitet werden.
Darüber hinaus muss zügig ein Bioraffineriecluster
mit Sitz in Ostdeutschland aufgebaut werden, das
länderübergreifend die vielfältigen Kompetenzen im Bereich der
Bioraffineriesystemtechnik bündelt. Im Osten deshalb,
weil hier seit über einem Jahrzehnt Forschung und
Entwicklung zum Thema „industrielle stoffliche Verwertung
nachwachsender Rohstoffe“ stattfindet, die Institute
bereits in engem Verbund mit Hochschulen und
Unternehmen zusammenarbeiten und auch das Deutsche
Biomasse-Forschungszentrum hier beheimatet ist.
Schließlich müssen wir die Ergebnisse des
Sachstandsberichts des Büros für Technikfolgenabschätzung
ernst nehmen, in dem enormer Entwicklungsbedarf bei
der technischen Umsetzung festgestellt worden ist.
Konkret bedeutet das, dass wir ganz gezielt mit Pilot- und
Demonstrationsanlagen die bestehenden Verfahren prüfen
und deren Machbarkeit untersuchen müssen.
Um es deutlich zu sagen: Für den Technologie- und
Forschungsstandort Deutschland wird ganz
entscheidend sein, wie wir diesen Innovationsprozess gestalten.
Deutschland ist in Europa der Chemiestandort Nummer
eins. Wir müssen darauf achten, dass dies auch in den
Zeiten des Rohstoffwandels hin zu den nachwachsenden
Rohstoffen so bleibt. Dafür müssen wir schon jetzt die
Weichen richtig stellen, übrigens auch in Ausbildung und
Lehre an Schule und Universitäten, um die Fachkräfte
von morgen schon heute für das Thema Chemie aus
Biomasse zu begeistern.
Uns muss klar sein: Im Energiebereich gibt es mit der
Sonnenenergie, der Windkraft oder der Geothermie
durchaus Alternativen zur Biomasse. Im Chemiebereich,
dessen erdölbasierte Produkte unseren Alltag heute mehr
denn je bestimmen, ist Biomasse die einzige Alternative
zum Erdöl. Deshalb ist es wichtig, nach den effizientesten
Nutzungsmöglichkeiten und Nutzungsfolgen der
nachwachsenden Rohstoffe zu suchen und dafür politisch dieZu Protokoll gegebene Reden
richtigen Rahmenbedingungen zu setzen. Ich bin sicher,
dass uns dies im Rahmen eines integrierten
Biomassegesamtkonzeptes und der zügigen Finanzierung eines
Bioraffinerieclusters gelingen kann.