Rede von Dieter Grasedieck (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Drucksachen 16/9757, 16/11152 –.
Text
Rede von Dieter Grasedieck (SPD) – Drucksachen 16/9757, 16/11152
Vor wenigen Wochen hat die Internationale Energie-
Agentur ihren jährlichen Energieausblick präsentiert.
Ihre Prognosen für die Energiemärkte brachte sie mit
folgendem Satz auf den Punkt:
„Das Weltenergiesystem steht an einem
Scheideweg.“
Die Suche nach Energiekonzepten für die Zukunft
bleibt damit eine der größten Herausforderungen des
neuen Jahrhunderts. Die drei wesentlichen Ansprüche an
eine nachhaltige Energiepolitik sind uns allen klar:
Erstens müssen wir die Energieversorgung in
Deutschland trotz aller globalen Risiken langfristig
absichern. Unser Land darf nicht in Abhängigkeiten
geraten, sondern muss seinen Energiebedarf, so gut es geht,
selbst stillen können.
Zweitens müssen wir schwindende, fossile
Energieträger mehr und mehr durch neue, regenerative
Energiequellen ersetzen.Drittens müssen wir mit Blick auf den Klimawandel
den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid weiter
reduzieren.
Der Antrag, über den wir heute debattieren, zeigt Wege
auf, wie wir diesen Herausforderungen mit Erfolg
begegnen können. Indem wir die industrielle Nutzung
nachwachsender Rohstoffe weiter erforschen und entwickeln,
schaffen wir die beste Basis für eine zukunftsfähige
Energieversorgung.
Meine Fraktion unterstützt mit Nachdruck folgende
Forderungen: Wir brauchen ein bundesweites Netzwerk,
um die weitere Erforschung von Biomasse für unsere
Industrien möglichst effizient und effektiv ausgestalten zu
können. Wir benötigen für die kommenden Jahre und
Jahrzehnte klare Zielvorgaben, um die
Forschungsförderung als Bestandteil einer integrierten Biomassestrategie
passgenau aufzubauen. Und nicht zuletzt müssen wir die
wissenschaftliche Grundlagenforschung in diesem
Bereich stärker als bisher auch in der Lehre an unseren
Hochschulen verankern.
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung
sieht im Konzept der Bioraffinerien und der Förderung
der Weißen Biotechnologien ein hohes
Innovationspotenzial für den Wissenschafts- und den Wirtschaftsstandort
Deutschland. Auch im vorliegenden Antrag wird
entschieden diese Position vertreten. Besonders für die
450 000 Beschäftigten der chemischen Industrie ist die
geforderte Forschungsstrategie von immenser
Bedeutung. Schon jetzt beträgt der Anteil der nachwachsenden
Rohstoffe in der chemischen Industrie gut 10 Prozent.
Dieser Anteil wird in Zukunft weiter wachsen; denn die
bisher genutzten fossilen Energieträger werden knapper.
Nachwachsende Rohstoffe sind vor diesem
Hintergrund eine Alternative, auf die wir nicht verzichten
können und dürfen. Jetzt kommt es darauf an, durch
gebündelte, bundesweite Forschungsanstrengungen die neuen
Energiequellen der nachwachsenden Rohstoffe zu
erschließen. Mit Spannung erwartet meine Fraktion den
nationalen Biomasseaktionsplan, den das
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz federführend erarbeitet. Voraussichtlich Mitte
2009 soll dieser Aktionsplan auch im europäischen
Kontext Perspektiven aufzeigen, wie wir Energietechnologien
fördern, wie wir Marktanreizprogramme schaffen und
sinnvolle Rahmenbedingungen für die gesteigerte
Nutzung von Biomasse gestalten können.
Ich bin hocherfreut, dass sich viele der Forderungen
unseres Antrages in diesem Aktionsplan wiederfinden
lassen. Dazu gehören an erster Stelle Forderungen nach
einer ressortübergreifenden Forschungsstrategie, die
wichtige Fragen von Umweltschutz, Wirtschaftlichkeit
und Energieeffizienz in einem starken Konzept vereint.
Dazu gehören auch Forderungen für präzise
Nachhaltigkeitskriterien bei importierter Biomasse, die in meinen
Augen eine sinnvolle finanzielle Förderung von
Biokraftstoffen erst ermöglichen.
Wir alle wissen: Deutschland befindet sich in einem
internationalen Wettbewerb um die besten
Energietechnologien. Mit dem Aufbau eines Forschungsnetzwerkes zurZu Protokoll gegebene Reden
industriellen Nutzung von Biomasse können wir die
Bundesrepublik langfristig an der Spitze dieses Wettbewerbs
positionieren. Das Ministerium für Bildung und
Forschung hat angekündigt, die Erforschung der Weißen
Biotechnologien an Hochschulen und außeruniversitären
Einrichtungen in den kommenden Jahren mit 100
Millionen Euro unterstützen zu wollen. In großer
Übereinstimmung mit den Forderungen der Regierungsfraktionen von
SPD und CDU/CSU hat die Bundesregierung außerdem
ressortübergreifend ein Cluster zur Förderung der
Bioraffinerie in Mitteldeutschland erarbeitet. Nun bleibt zu
hoffen, dass dieses Konzept im Rahmen der
Klimaschutzinitiative des Umweltministeriums realisiert wird.
All diese Teilerfolge machen deutlich: Es bewegt sich
vieles in Deutschland, um den Herausforderungen in der
Energiepolitik gewachsen zu bleiben. Noch sind viele
Fragen offen, wenn wir über eine verstärkt industrielle
Nutzung nachwachsender Rohstoffe sprechen. Das sind
vor allem Fragen nach möglichen Konflikten des
Biomasseausbaus mit der Nahrungsmittelproduktion und Fragen
nach möglichen Konflikten zwischen Biomasse und
bewährten Energieträgern. Diese Fragen sollten uns erst
recht ermuntern, die Erforschung von Biomasse gerade
an unseren Hochschulen strategisch voranzubringen.
In unserem Antrag wird besonderer Wert auf eine
verstärkt wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den
flankierenden Themen Biodiversität, Bodenfruchtbarkeit
und Wirkungsgrad von Biomasse gelegt. Auch in diesen
Punkten gibt es zahlreiche Übereinstimmungen mit den
Förderprogrammen der Bundesregierung. Dieser
Konsens ist Grundlage für einen verantwortungsvollen
politischen Umgang mit den Energieträgern der Zukunft.
Lassen Sie uns daher in diesen Bereichen die
Forschung intensiver fördern! Lassen Sie uns die
notwendigen Rahmenbedingungen für eine verstärkt industrielle
Nutzung von Biomasse schaffen, und lassen Sie uns auch
weiterhin gemeinsam überlegen, wie wir vorhandene
Forschungskompetenzen strategisch aufeinander
abstimmen können. Dann ist Deutschland auf den globalen
Wandel in der Energiepolitik bestens vorbereitet.