Protokoll der 242. Sitzung des 12. Deutschen Bundestages
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Protokoll der 242. Sitzung des 12. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 12/242
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
242. Sitzung
Bonn, Mittwoch, den 7. September 1994
Inhalt:
Erinnerung an die erste Sitzung des Deut
-
schen Bundestages 21409A
Begrüßung der Präsidentin des Südtiroler
Landtages, Frau Dr. Kasslatter-Mur, und
ihrer Delegation 21409B
Erweiterung der Tagesordnung 21486B
Tagesordnungspunkt 2:
a) Fortsetzung der ersten Beratung des von
der Bundesregierung eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes über die
Feststellung des Bundeshaushaltsplans für
das Haushaltsjahr 1995
(Haushaltsgesetz 1995) (Drucksache 12/8000)
b) Beratung der Unterrichtung durch die
Bundesregierung: Der Finanzplan des
Bundes 1994 bis 1998 (Drucksache
12/8001)
Hans-Ulrich Klose SPD 21409 D
Michael Glos CDU/CSU . . . . . . . . 21417 D
Dr. Hermann Otto Solms F.D.P. 21422 C
Dr. Gregor Gysi PDS/Linke Liste . . . . 21426A
Joseph Fischer, Staatsminister (Hessen) . 21429C
Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler . . . . 21434 B
Rudolf Scharping, Ministerpräsident (Rhein
land-Pfalz) 21442C
Dr. Wolfgang Schäuble CDU/CSU . . . 21450D
Dr. Klaus Kinkel, Bundesminister AA . . 21460 A
Renate Schmidt (Nürnberg) SPD . . . . 21465A
Michael Glos CDU/CSU 21465A
Dr. Kurt Faltlhauser CDU/CSU . . . . 21466A
Dr. Theodor Waigel, Bundesminister BMF 21470A
Wolfgang Mischnick F.D.P. . . . . . . . 21471 D
Dr. Hans Modrow PDS/Linke Liste . . . 21473 C
Gerd Poppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN 21475B
Dr. Bernhard Vogel, Ministerpräsident
(Thüringen) 21477 A
Brigitte Schulte (Hameln) SPD . . . 21478B
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin
BMFJ 21480D, 21524B
Ingrid Matthäus-Maier SPD 21481 D, 21489C,
21512 D
Dr. Eberhard Brecht SPD 21482B
Dr. Ulrich Briefs fraktionslos 21483 C
Dr. Rudolf Karl Krause (Bonese) fraktions
los 21485A
Dr. Norbert Blüm, Bundesminister BMA 21487 A
Dr. Ilja Seifert PDS/Linke Liste . . . 21488C
Ottmar Schreiner SPD 21491 D
Julius Louven CDU/CSU . . . . . . 21492 C
Dr. Reinhard Göhner CDU/CSU . . . 21493 A
Hans-Gerd Strube CDU/CSU 21495B
Dr. Bruno Menzel F D P 21497 B
Petra Bläss PDS/Linke Liste 21499B
Konrad Weiß (Berlin) BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN 21500 D
Heinz-Adolf Hörsken CDU/CSU . . . 21502D
Günther Heyenn SPD 21505 C
Dieter-Julius Cronenberg (Arnsberg)
F.D.P. . . . . . . . . . . . . . . . 21507 A
Hannelore Rönsch, Bundesministerin
BMFuS 21510B
Klaus Riegert CDU/CSU 21514A
Ingrid Matthäus-Maier SPD 21514 D
Dr. Christine Bergmann, Senatorin (Berlin) 21515A
Anke Fuchs (Köln) SPD . . . 21519B, 21524A
Dr. Bruno Menzel F D P 21522C
Hannelore Rönsch , (Wiesbaden) CDU/
CSU 21523D
Dr. Ursula Fischer PDS/Linke Liste . . 21526B
Christina Schenk fraktionslos 21528B
Dr. Ulrich Briefs fraktionslos 21529B
Dr. Peter Struck (zur GO) . . . 21530C, 21531D
Joachim Hörster CDU/CSU (zur GO) . . 21530D,
21532 A
Dr. Bruno Menzel F.D.P. (zur GO) . . . . 21531B
Zusatztagesordnungspunkt 15:
a) Zweite und dritte Beratung des vom
Bundesrat eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Änderung des
Wohngeldsondergesetzes und des
Wohngeldgesetzes (Drucksachen 12/8408,
12/8454, 12/8457)
b) Beratung der Beschlußempfehlung und
des Berichts des Ausschusses für
Gesundheit zu der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Bericht der Bundesregierung über die
Behandlung von Lebensmitteln mit
ionisierenden Strahlen (Drucksachen
12/7574, 12/8439)
Dr. Ilja Seifert PDS/Linke Liste (Erklärung
nach § 31 GO) 21486 C
Nächste Sitzung 21532 C
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten . 21533* C
Anlage 2
Zu Protokoll gegebene Reden zu
Tagesordnungspunkt 2 (Haushaltsgesetz 1995)
Volker Rühe, Bundesminister BMVg . . . 21533* C
Carl-Dieter Spranger, Bundesminister
BMZ 21535* C
Anlage 3
Amtliche Mitteilungen 21537* A
242. Sitzung
Bonn, den 7. September 1994
Beginn: 9.00 Uhr
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Liebe Kolleginnen
und Kollegen! Die Sitzung ist eröffnet. Ich möchte Sie
ganz herzlich heute morgen begrüßen. Vielleicht darf
ich trotz allen Eifers heute morgen daran erinnern, daß
heute vor 45 Jahren der Deutsche Bundestag zu seiner
ersten Sitzung in Bonn zusammentrat
(Beifall bei der CDU/CSU, der F.D.P., der
SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
und daß der damalige Parlamentspräsident sagte, daß
dieses Parlament aufgerufen sei, die Vollendung der
Einheit und Freiheit Deutschlands in freier
Selbstbestimmung zu vollenden.
Wenn wir uns nach 45 Jahren heute erinnern, was
möglich geworden ist, dann ist das ein sehr
glücklicher Tag. Ich finde, das sollten wir uns heute in
Erinnerung rufen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der F.D.P. und der
SPD)
Abweichend von unseren sonstigen
Gepflogenheiten möchte ich doch heute auf der
Ehrentribühne die Präsidentin des Südtiroler Landtags, Frau
Dr. Kasslatter-Mur, und ihre Delegation begrüßen.
(Beifall)
Wir haben soeben über den europäischen
Einigungsprozeß gesprochen, über die besondere Situation in
Südtirol und über das Minderheitenproblem. Ich
denke, Sie gehören in Europa fest dazu und wollen
auch dazugehören. Herzlich willkommen.
Wir setzen nun die Haushaltsberatungen fort:
a) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über
die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für
das Haushaltsjahr 1995 (Haushaltsgesetz
1995)
— Drucksache 12/8000 —
Überweisung:
Haushaltsausschuß
b) Beratung der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Der Finanzplan des Bundes 1994 bis 1998
— Drucksache 12/8001 —
Überweisung:
Haushaltsausschuß
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für
die heutige Aussprache neun Stunden vorgesehen.
Sind Sie damit einverstanden?
(Wilhelm Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Und
wenn nicht?)
— Es bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig. —
(Heiterkeit)
Das ist der Fall. Dann ist das so beschlossen.
Ich eröffne die Debatte zur Politik für Deutschland
mit den Einzelplänen des Bundeskanzleramtes, des
Auswärtigen Amtes sowie der Ministe rien der
Verteidigung und für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung.
Das Wort hat der Fraktionsvorsitzende Ulrich
Klose.
Hans-Ulrich Klose (SPD): Sehr verehrte Frau
Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist gute
Übung bei der parlamentarischen Diskussion über
den Etat des Bundeskanzleramtes, die Politik der
Bundesregierung insgesamt zu bilanzieren. Weil ich
diese Bilanz aus der Sicht der Opposition formuliere
und weil wir uns wenige Wochen vor der
Bundestagswahl befinden, ist der Zusammenhang dieser Debatte
mit dem Wahlkampf unübersehbar.
Ich halte das, verehrte Kolleginnen und Kollegen,
wenn wir uns ein Mindestmaß an persönlichem
Respekt und Fairneß im Verhältnis zueinander
bewahren, nicht für einen Nachteil.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Zwar wird es immer mehr Mode,
Wahlauseinandersetzungen generell als verlogen, abstoßend oder
zumindest unappetitlich darzustellen. Mancher
öffentlichen Einlassung folgend kann man Anstand,
Intelligenz und wahre politische Größe offenbar nur
beweisen, wenn man sich von
Parteiauseinandersetzungen fernhält.
(Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Herr Klose,
und gegen die eigene Partei!)
Um es sehr deutlich zu sagen, ich halte diesen Dünkel
gegenüber Parteipolitik und
Wahlauseinandersetzungen für ziemlich hochmütig und ignorant.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
F.D.P. sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert [PDS/
Linke Liste])
Wahlkämpfe als Kernbestandteil unserer
Demokratie belegen immer wieder eine wichtige Erkenntnis,
die sich nicht nur Berufspolitiker zu eigen machen
sollten. Es gibt in der Politik keine absoluten
Wahrheiten, und es sind auch nur Mehrheiten, keine
Götter, die über eher richtige oder eher falsche Politik
entscheiden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der F.D.P.)
Das Ringen um politische Mehrheiten für
bestimmte Argumente und am Ende für bestimmte
politische Entscheidungen mag langwierig und
manchmal quälend sein. Wer es aber als lästig oder
gar überflüssig empfindet, der sollte wissen, daß eine
freiheitliche Demokratie anders nicht zu haben ist.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Meine Damen und Herren, eine politische Bilanz
markiert Soll und Haben. Wir anerkennen — ich habe
das schon mehrfach gesagt —, daß diese
Bundesregierung die Chance zur deutschen Einheit ergriffen und
die staatliche Vereinigung Deutschlands vollzogen
hat. Wir respektieren, daß insbesondere Sie, Herr
Bundeskanzler, gegen manchen Widerstand aus den
eigenen Reihen dem Kurs zur Bildung der
Europäischen Union treu geblieben sind. Wir haben Sie dabei,
wie Sie zugeben müssen, unterstützt — nachhaltiger
als viele Ihrer Parteifreunde.
(Beifall bei der SPD — Widerspruch bei der
CDU/CSU)
Wir nehmen uns deshalb auch das Recht, schon an
diesem Punkt eine aktuelle kritische Bemerkung
einzufügen.
Europa hat nach dem Niedergang des
Kommunismus und nach Überwindung der Teilung jetzt die
Chance, zu größerer Einheit zusammenzuwachsen.
Die Europäische Union ist Magnet für viele, vor allem
in Osteuropa: ein Magnet der Hoffnung. Ich finde es
ganz und gar abwegig und schädlich, just in dieser
Zeit und während der deutschen Präsidentschaft die
Einheit der Europäischen Union öffentlich in Frage zu
stellen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der F.D.P. und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Ich rede — Sie ahnen es — von dem jüngst
vorgestellten europapolitischen Programm der Union, das Sie
möglichst schnell wieder aus dem Verkehr ziehen
sollten. Dabei weiß ich, daß ein Europa der
unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Vertrag von
Maastricht angelegt ist. Wenn nämlich die
Voraussetzungen für die europäische Währungsunion, an denen
wir unbeirrt festhalten, nicht von allen Mitgliedern der
Union zum frühest vorgesehenen Zeitpunkt erfüllt
sind, dann gehen die einen voran, und die anderen
folgen.
Wer aber jenseits von Maastricht die Union in ein
gutes Kerneuropa und in ein nicht so gutes Resteuropa
aufteilt, der spaltet, der liefert den Gegnern Europas in
den skandinavischen Ländern Argumente gegen
Europa, der gefährdet die Chance zur größeren
Einheit.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der F.D.P.)
Daß es ausgerechnet der Vorsitzende der größeren
Koalitionspartei ist, der dies betreibt, wundert und
irritiert mich stark.
(Joachim Poß [SPD]: Fraktion, nicht Partei!)
Glauben Sie denn ernsthaft, Herr Kollege Schäuble,
daß Ihre Vorstellungen die Zögernden anspornen und
die Hoffenden ermutigen werden? Das Gegenteil ist
richtig. Das Mißtrauen wächst, es wächst
bedauerlicherweise auch in Frankreich, allenthalben
Kopfschütteln und besorgte Fragen. Verantwortliche
Politik, Herr Kollege Schäuble, ist das nicht.
(Beifall bei der SPD)
Verantwortliche Politik muß die Wirkung
einkalkulieren, deutsche Politik ganz besonders. Druck und
Drohgebärden bringen Europa nicht voran, sondern
stärken, fürchte ich, jene Kräfte, die uns geistig
-
politisch ins 19. Jahrhundert zurückführen wollen.
Dazu haben Sie — ohne Absicht, unterstelle ich —
beigetragen.
(Beifall bei der SPD)
Sie, Herr Bundeskanzler, sollten die Diskussion in
Ihren Reihen schnellstens beenden und zu jener
Klarheit in Sachen Europa zurückkehren, die Sie
— ich habe ja mit Lob begonnen — bisher
ausgezeichnet hat. Sie haben doch bei der Auswahl des künftigen
Kommissionspräsidenten zur Genüge erfahren, wie
der Rest Europas auf deutsch-französische
Alleingänge reagiert.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Meinen Sie, die Reaktion auf deutsche Alleingänge
wäre besser? Nein, die Wirkung ist fatal und für die
Folgezeit schädlich. Deshalb sollten Sie das Papier
nicht nur verbal zurückstufen als Diskussionspapier
aus der Fraktion; Sie sollten es aus dem Verkehr
ziehen — je eher, desto besser, am besten heute in
dieser Debatte.
(Beifall bei der SPD und beim BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Lassen Sie mich eine weitere Bemerkung
hinzufügen. Ich habe nichts dagegen — im Gegenteil —, daß
die Bundesregierung die Mitgliedschaft im
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als Ständiges
Mitglied anstrebt. Daß aber dies das herausragende Ziel
deutscher Außenpolitik sei, wie uns der Herr
Außenminister durch Reden und Tun beinahe jeden Tag zu
demonstrieren versucht, das kann ich nicht
akzeptieren.
(Beifall bei der SPD — Bundesminister
Dr. Klaus Kinkel: Wir werden gefordert!)
Ich bezweifle im übrigen, daß der Rest der Welt auf die
Deutschen als Mitglied im Kreis der Großmächte
geradezu sehnsüchtig wartet.
Wer die gemeinsame europäische Außen- und
Sicherheitspolitik anstrebt — das tun Sie doch —, der
kann meinetwegen den europäischen Sitz im
Sicherheitsrat forde rn. Er sollte aber nicht übersehen, daß
Europa im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
durch Frankreich und Großbritannien sehr stark
vertreten ist. Noch ein europäisches Land, das wäre für
den Rest der südlichen Welt eher eine Zumutung. Und
eine Zumutung für dieses Parlament ist es, wenn uns
ständig erzählt wird, niemand habe etwas dagegen,
alle seien dafür.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Hans
Klein [München] [CDU/CSU]: Außenpolitik
ist für Sie nichts, Herr Klose!)
Im übrigen, Herr Außenminister. das
wiedervereinigte Deutschland hat schon heute großen Einfluß.
Der Einfluß könnte noch größer sein und konstruktiver
genutzt werden, wenn Sie sich auf die anstehenden
Probleme konzentrierten und nicht ständig leidend
auf Ihre mindere Rolle in der zweiten Reihe der
Weltpolitik verweisen würden. Einfluß gewinnt man
vor allem durch zielstrebige Arbeit und persönliches
Vertrauen, das einem nicht automatisch, sozusagen
institutionell zuwächst. Man muß es sich erwerben.
In diesem Zusammenhang will ich auf der
Habenseite Ihrer Politik, Herr Bundeskanzler, durchaus
registrieren, daß Sie es geschafft haben, gute, sehr
gute Beziehungen zu den Repräsentanten wichtiger
Mächte zu entwickeln.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
F.D.P. sowie bei der CDU/CSU)
Niemand sollte den Wert solcher persönlicher
Beziehungen unterschätzen. Bei dem einen oder anderen
Freundschaftsbeweis werden Sie uns aber ein Lächeln
oder Schmunzeln gestatten. Das wird Ihnen, Herr
Bundeskanzler, die Freude am gemeinsamen
Saunagang mit Boris Jelzin sicher nicht verderben.
(Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Nein!)
So weit, meine Damen und Herren, zur Habenseite.
Nun zum Soll, zunächst ganz nüchtern in Zahlen und
Stichworten.
Fast 4 Millionen registrierte, tatsächlich nahezu
5 Millionen Arbeitslose, darunter 1 Million
Langzeitarbeitslose, Tendenz steigend. Über 3 Millionen
Menschen, die von Sozialhilfe leben müssen, darunter
über 1 Million Kinder und Jugendliche. Über 100 000
obdachlose Menschen, darunter auch Kinder. Ein
Fehlbestand von gut 2 Millionen Wohnungen. Eine
Verschuldung des Bundes allein von 1,4 Billionen DM.
Eine Steuer- und Abgabenlast, die gut 10 % höher
liegt als jene des Jahres 1982. Eine
Einkommensverteilung von unten nach oben, Rückgang des privaten
Verbrauchs, Stagnation des Binnenmarktes, eine
Modernisierungslücke in Forschung, Entwicklung
und Hochtechnologie. Eine Umweltbilanz, die einem
Luftballon gleicht: viel aufgeblasene Luft. Und
schließlich: wachsende Kriminalität. Die Statistik
— der Herr Bundesinnenminister wird es zugeben —
nennt nur die Zahlen und sagt nichts über die
veränderten Qualitäten.
So weit die Zahlen und Stichworte, meine Damen
und Herren. Es geht aber nicht um Zahlen, sondern es
geht um Menschen. Es geht um die Hoffnungen, die
Chancen und die Schicksale von Millionen Menschen
in Deutschland: jungen Menschen, die schon in der
Schule befürchten müssen, daß ihr Einstieg ins
Arbeitsleben mißlingt, auch wenn sie sich noch so
anstrengen, oder denen, die in der Berufsausbildung
stehen und wissen, daß die Übernahme in ein
Beschäftigungsverhältnis nicht stattfindet. Da sind die Kinder
— eine Million mittlerweile —, deren Eltern von
Sozialhilfe leben und denen in der Schule auf oft
bittere Weise beigebracht wird, daß man auf solche
Eltern nicht stolz sein darf.
Ich nenne die Langzeitarbeitslosen, die öffentlich
als Versager gebrandmarkt sind, was ihre Chance,
eine Arbeit zu finden, zusätzlich mindert. Da sind die
vielen normalen Lohnempfänger, die sich
krummlegen und doch nicht die Gewißheit haben, daß es bis
zum Monatsende oder für den Urlaub reicht. Da sind
die Facharbeiter in der p rivaten Wirtschaft und im
öffentlichen Dienst, denen die Herren Rexrodt und
Lambsdorff jede Woche einmal bescheinigen, daß sie
keine Leistungsträger sind, und denen die Steuer- und
Abgabenprogression jede Belohnung für vermehrte
Leistungsanstrengung wieder wegfrißt.
(Zustimmung bei der SPD)
Da sind schließlich die Familien mit mehreren
Kindern und normalem Einkommen, die von dieser
Regierung im Kinderlastenausgleich benachteiligt
werden und die bis heute nicht einmal die steuerliche
Behandlung bekommen haben, die das
Bundesverfassungsgericht für notwendig hält.
(Zuruf von der SPD: Verfassungsbruch!)
Dies, Herr Bundeskanzler, ist die andere Seite Ihrer
Bilanz. Wer sich seiner Erfolge rühmt, der muß die
Verantwortung für die Mißerfolge übernehmen.
(Beifall bei der SPD)
Die Lasten tragen Sie ja ohnehin nicht; die tragen die
Menschen.
Wie diese Bundesregierung mit Menschen, mit
ihren Fähigkeiten und Hoffnungen seit Jahren
verfährt, das ist es, was eigentlich die Krise unserer
Gesellschaft ausmacht. Wenn die, die etwas leisten
wollen, die Chance dazu nie erhalten, wenn die, die
als Arbeiter und Angestellte etwas leisten,
benachteiligt werden, weil sie nicht als Leistungsträger be
trachtet werden, wenn die, die unverschuldet mit dem
Schicksal der Arbeitslosigkeit oder des Angewiesen
-
Seins auf Sozialhilfe konfrontiert werden, zu
Versagern gestempelt und abgeschrieben werden, wenn
die Freude über Kinder durch materielle Belastung in
der Familie erstickt wird, wenn man nirgendwo mehr
eine Chance sieht für sich selber und jedenfalls für die
Kinder, wirklich voranzukommen, wenn das alles so
ist oder von vielen so gesehen wird, dann entsteht ein
soziales Klima in unserem Gemeinwesen, das
katastrophale Folgen haben könnte und sie in
unübersehbaren Ansätzen schon hat.
(Beifall bei der SPD)
Kriminalität und Extremismus — ich weiß es —
haben nicht allein materielle Ursachen. Daß aber Not,
Bedrückung und Ungerechtigkeit den Nährboden für
fortwuchernde Gewalttätigkeit bilden, das ist doch
wirklich nicht zu bestreiten.
(Beifall bei der SPD)
Die Menschen in Deutschland sind nicht besser,
aber auch nicht schlechter als anderswo.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Eine großartige
Erkenntnis!)
Ich glaube deshalb nicht daran, daß
Rücksichtslosigkeit, Neid, Haß und Gewalttätigkeit irgend etwas mit
deutschem Charakter zu tun haben, genausowenig
wie ich daran glaube, daß wachsende Enttäuschung,
Hoffnungslosigkeit oder Resignation vieler Menschen
vom Kleinmut der Deutschen zeugt. Nein, es ist die
Politik dieser Bundesregierung, die diese Gesellschaft
auseinandertreibt und entsolidarisiert.
(Beifall bei der SPD)
Diese Gesellschaft lebt nicht mehr im Frieden mit sich
selbst.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
Die Zweidrittelgesellschaft, die mein Parteifreund
Peter Glotz vor zirka fünfzehn Jahren als bedrohliche
Vision diagnostizierte, ist heute Realität. Zwei Dritteln
geht es gut und immer besser, und einem Drittel geht
es schlecht und immer schlechter.
(Beifall bei der SPD — Dr. Die trich Mahlo
[CDU/CSU]: Eine Riesenrede!)
In einer solchen Gesellschaft gedeihen
Rücksichtslosigkeit und schrankenloser Egoismus, gilt die
Fähigkeit zur Ellbogenkonkurrenz als Primärtugend, wird
Gewalt ein beinahe identitätsstiftendes Mittel der
Konfliktlösung. Und das nach 13 Jahren geistig
-
moralischer Führung und Erneuerung, Herr
Bundeskanzler! Sie haben sie versprochen. Welch klägliches,
nein, bitteres Resultat!
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Hans
Modrow [PDS/Linke Liste])
Insofern, Herr Bundeskanzler, stimme ich Ihrer
Einschätzung durchaus zu. Es handelt sich bei der
Bundestagswahl am 16. Oktober in der Tat um eine
Richtungsentscheidung — nur anders, als Sie meinen.
Es geht darum, ob diese Gesellschaft durch
Ungerechtigkeit und Täuschung weiter entsolidarisiert und
nach innen friedloser wird oder ob sozialdemokratisch
geführte Politik den Menschen in Deutschland wieder
das Vertrauen gibt, daß es gerecht zugeht in diesem
Lande.
(Beifall bei der SPD)
Gerechtigkeit bedeutet nicht Gleichmacherei.
Gerechtigkeit bedeutet: Jeder soll eine Chance haben,
mit eigener Leistung den Lebensunterhalt für sich und
seine Familie zu verdienen. Gerechtigkeit bedeutet:
Wer durch Arbeitslosigkeit, Alter oder Krankheit in
materielle oder psychische Not gerät, der hat
Anspruch darauf, daß die Gemeinschaft ihm hilft,
wieder auf die Füße zu kommen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Nirgendwo in der
Welt!)
Gerechtigkeit bedeutet: Der Staat hat durch seine
Steuerpolitik nicht dafür zu sorgen, daß immer mehr
Geld dorthin fließt, wo ohnehin schon reichlich
vorhanden ist, sondern dorthin, wo die Menschen es nötig
brauchen, weil sonst nichts da ist, was ihnen helfen
könnte.
(Beifall bei der SPD)
Gerechtigkeit heißt schließlich, Verhältnisse zu
schaffen, die es nicht nur den Privilegierten erlauben, für
sich und ihre Kinder an einer besseren, glücklicheren
Zukunft zu arbeiten.
Um diese Richtungsentscheidung geht es am
16. Oktober: ob wir wieder zu einer Gesellschaft
zurückfinden, die sich gleichsam selbst im Spiegel
anschauen kann, ohne sich schämen zu müssen,
(Beifall bei der SPD)
oder ob es so weitergeht mit der Ungerechtigkeit, mit
der Chancenlosigkeit für viele, mit sozialer Kälte für
die einen und geschützten Privilegien für die anderen.
Um diese Richtungsentscheidung geht es in der Tat
13 Jahre nach der geistig-moralischen Wende.
(Beifall bei der SPD)
Wir kennen Ihre Argumente, Herr Bundeskanzler,
und auch die des Bundesfinanzministers, daß nämlich
die — gar nicht zu bestreitenden — Belastungen alle
samt und sonders mit der deutschen Einheit
zusammenhängen, eine Argumentation, die buchhalterisch
nicht völlig falsch, die politisch gleichwohl irritierend
ist, weil sie die Einheit zur Belastung erklärt und
geradezu mit dem Finger auf die Menschen im Osten
zeigt: Seht hin, die sind schuld!
(Beifall bei der SPD — Adolf Roth [Gießen]
[CDU/CSU]: So ein Quatsch!)
Die deutsche Einheit, meine Damen und Herren, ist
ein Glücksfall, über den ich mich auch freuen würde,
wenn das alles noch viel mehr Geld kosten würde.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der F.D.P. — Zuruf von
der CDU/CSU: Aha! — Jochen Feilcke
[CDU/CSU]: Wissen das Ihre Genossen?)
— Hatten Sie daran bei mir je einen Zweifel?
(Zuruf von der F.D.P.: Wenigstens einer!)
Daß es jetzt aber soviel kostet, hat zum einen mit der
Erblast der SED zu tun, was die SED-Nachfolgerin
PDS hartnäckig zu verschweigen sucht, zum anderen
mit verfehlter Politik dieser Bundesregierung, was
wiederum Sie, meine Damen und Herren von der
Koalition, so gern vergessen machen möchten.
(Beifall bei der SPD)
Sie sind verantwortlich für die Treuhandpolitik. Sie
haben mit dem Prinzip Rückgabe vor
Entschädigung ein Investitionshemmnis erster Ordnung
gesetzt.
(Beifall bei der SPD)
Sie haben den Menschen in Ost und West, was die
Belastungen und Chancen der Einheit angeht, die
Unwahrheit gesagt. Sie haben durch Ungerechtigkeit
bei der Finanzierung der deutschen Einheit die
Bereitschaft der Deutschen zur Solidarität auf nahezu
null reduziert.
(Beifall bei der SPD)
Die Gestaltung der deutschen Einheit ist eine
Jahrhundertaufgabe, die mit normaler Haushaltspolitik
nicht zu bewältigen ist. Das hätten Sie wissen und den
Menschen sagen müssen. Es gab Alternativen.
Stellen Sie sich einen Moment lang vor, Sie, diese
Bundesregierung, hätten noch in Zeiten guter
Konjunktur und damit noch in Zeiten, als die westdeutsche
Bevölkerung durchaus opferbereit war, neben
notwendigen Steuererhöhungen auch eine
Vermögensabgabe gefordert, eine Art Lastenausgleich, von dem
öffentlich z. B. der damalige Bundespräsident, meine
Kollegin Ingrid Matthäus-Maier und Wolfgang
Thierse gesprochen haben. Vergegenwärtigen Sie
sich, daß eine solche Maßnahme, zum richtigen
Zeitpunkt eingeführt, entscheidend dazu beigetragen
hätte, das gigantische Ausmaß der jetzigen
Staatsverschuldung zu vermeiden!
(Beifall bei der SPD)
Es wäre damit zugleich die Hochzinspolitik der
Bundesbank vermieden worden. Die
Preissteigerungen wären niedriger gewesen. Durch einen Zinssatz
auf „normalem" Niveau wäre ein günstigeres
Investitionsklima entstanden, was sich unmittelbar auf die
Arbeitsmarktbilanz ausgewirkt hätte. Deutschland
wäre bei weitem nicht in dem Maße
kapitalimportierendes Land geworden, wie es das seit einigen Jahren
ist. Selbst die europäischen Verstimmungen,
insbesondere mit Frankreich, wären unterblieben, weil
keiner unserer europäischen Nachbarn den Eindruck
gewonnen hätte, gezwungenermaßen über ebenfalls
hohe Zinssätze und deren konjunkturdrosselnde
Effekte faktisch die deutsche Einheit mitfinanzieren
zu müssen.
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Von welchem Land reden Sie?)
Ich weiß, nicht allen Schwierigkeiten wären wir
entgangen; aber wir würden heute bedeutend besser
dastehen, wenn die Bundesregierung offen und
ehrlich gesagt hätte, was Sache ist.
Die Solidarität der Deutschen, ihre
Opferbereitschaft, war jedenfalls nach dem Fall der Mauer groß.
Das ist heute anders, weil viele Menschen in Ost und
West sich getäuscht sahen und sehen und weil sie das
Gefühl haben, ungerecht behandelt zu werden. Das ist
doch auch so: Die große Mehrheit der
Durchschnittsverdiener, die beitragzahlenden Arbeitnehmer tragen
eine größere Last als die anderen. Nicht die starken
Schultern tragen stärker, sondern die schwachen. Das
ist ungerecht. Die Leute wissen das, und wir sagen
das.
(Beifall bei der SPD)
Wenn wir es sagen, dann hören wir von Ihnen, von
seiten der Koalition, immer wieder die gleiche Litanei:
Wir, die Sozialdemokraten, neideten den Eliten ihre
Stellung, ihren Einfluß, ihr Geld oder ihr Vermögen.
Nein, wir neiden den Eliten nichts. Wir haben auch gar
keinen Grund dazu, denn viele davon gehören ja zu
uns.
Ganz abgesehen davon, daß ökonomisch und
handwerklich eben eine ganze Menge dafür gesprochen
hätte, eine wirkliche Gemeinschaftsanstrengung aller
Deutschen zur Bewältigung der deutschen Einheit
einzufordern, ging und geht es auch um den Konsens
und den Gemeinsinn in dieser Gesellschaft.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Wie soll denn gemeinsame Verantwortung, ein
identitätsstiftendes, gemeinsames Engagement für dieses
große politische Projekt deutsche Einheit entstehen,
wenn nicht alle gleichermaßen angesprochen und
gefordert sind?
Ist es glaubhaft, daß ausgerechnet die Eliten
geschont werden müssen, weil sie sonst die politische
Gefolgschaft aufkündigen? Glauben Sie ernsthaft, die
Eliten, denen es doch leichter fällt, Schwierigkeiten
der Politik zu überblicken, würden sich überfordert
oder gar in ihrer Leistungsbereitschaft gehemmt
sehen, wenn sie tragen müßten, was sie ohne Risiko
tragen könnten?
Nein, es gibt für diese Politik der Bundesregierung
im Grunde nur eine einzige Erklärung: Es ist so schön
einfach, sich an die zu halten, die sich nicht ganz so gut
wehren können wie die Stärkeren und
Einflußreichen.
(Beifall bei der SPD)
Das ist die Erklärung, Herr Bundeskanzler. Sie
haben es sich einfach gemacht. Sie haben an sich und
die Regierung nicht einmal den Anspruch gestellt,
einen großen gesellschaftlichen Konsens und eine
gemeinsam geschulterte Verantwortung
herbeizuführen. Im Ergebnis fehlt jede Aufbruchstimmung, es
mangelt an Phantasie. Das Gefühl, daß wir
gemeinsam wirklich an etwas Großem, an etwas Historischem
arbeiten, stellt sich nicht mehr ein; ich fürchte, es ist
auf Dauer verloren.
(Widerspruch bei der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Um es insoweit zusammenzufassen: Die Stimmung
ist mies, die Opferbereitschaft weg;
(Lachen bei der CDU/CSU und der. F.D.P.)
aus der Freude über den Glücksfall der Geschichte
wurde ein Belastungsdiskurs. Mittlerweile kommen
sogar einige Leute im Westen auf die Stammtischidee,
politisches Wohlverhalten im Osten einzufordern,
solange man aus dem Westen Transferzahlungen
leistet. Die PDS wird für diese Art Wahlkampfhilfe
dankbar sein. Es ist ein Elend.
(Beifall bei der SPD)
Daß wir trotz dieses Elends die deutsche Einheit am
Ende zum Erfolg führen, wir, die Deutschen, davon
bleibe ich fest überzeugt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Wo denn?)
Aber es wird wegen der vielen Fehler, für die diese
Regierung verantwortlich ist, länger dauern, mehr
kosten und mit größeren Schmerzen verbunden sein,
als nötig gewesen wäre.
(Beifall bei der SPD)
Die bisweilen laut, häufiger leise geäußerte Sorge,
daß wir heute weiter als noch vor drei oder vier Jahren
davon entfernt sind, ein Volk zu sein, reflektiert eine
Entwicklung, die sich um Gottes willen nicht
fortsetzen darf.
Meine Damen und Herren, daß etwas nicht in
Ordnung ist in unserer Gesellschaft, registrieren nicht
nur wir Sozialdemokraten. Die Kirchen denken
darüber nach, dringliche Mahnungen gibt es aus dem
Bereich der Wissenschaft.
(Zuruf von der CDU/CSU: Die werden falsch
zitiert!)
Aber auch in der Union beklagt z. B. der Kollege
Schäuble die gesellschaftlichen Identitätsverluste
und das Schwinden des Wir-Gefühls. Er sucht nach
einer neuen — wie er sagt — „Bindekraft".
Daß Sie, Herr Kollege Schäuble, bei Ihrem
Nachdenken die Verantwortung konservativer Politik für
die von Ihnen beklagte Entwicklung erkennen und
bekennen, das wäre gewiß zuviel verlangt. Da will ich
Sie nicht überfordern. Daß Sie aber ausgerechnet das
Nationale als „Bindekraft" für eine konfliktive
Gesellschaft wählen — „gemeinsame Werte", „nationale
Zusammengehörigkeit" , „Rückbesinnung auf unsere
nationale Identität" sind Ihre Worte —, das finde ich
problematisch, um es sehr milde zu formulieren.
(Beifall bei der SPD)
Damit es, Herr Kollege Schäuble, kein
Mißverständnis zwischen Ihnen und mir gibt: Ich gehöre nicht zu
denen, die Sie wegen dieser Auffassung für einen
überzeugten oder gar ex tremen Nationalisten
halten.
(Jochen Feilcke [CDU/CSU]: Das ist ja
gnädig!)
Mit Verlaub, ich halte Sie jedenfalls für viel zu klug,
um auf nationalistische Leimruten zu kriechen. Was
Sie betreiben, könnte man jedoch als „taktischen"
Nationalismus bezeichnen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Sie wollen die Anrufung des Nationalei
instrumentalisieren, um die verlorengegangenen Wertbindungen
in der Gesellschaft zu ersetzen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Das Nationale gewissermaßen als Surrogat für
verlorengegangenen Gesellschaftskitt!
Ihnen, Herr Schäuble, und allen anderen, die in
ähnliche Richtungen denken und argumentieren, rate
ich mit großem Ernst, aufzuhören mit diesem Spiel. Es
ist ein Spiel mit dem Feuer!
(Beifall bei der SPD)
Für Nachahmer mit ganz anderen Absichten, als Sie
sie haben, setzen Sie ein verdammt schlechtes
Zeichen. Dazu drei Argumente. Noch argumentieren wir
ja; wir versuchen es mindestens.
Erstens. Es ist ein Irrtum zu glauben, das Nationale
könne man anrufen, um instabile gesellschaftliche
Verhältnisse durch kollektive Sinnstiftung zu
beruhigen. Werden die Verhältnisse dann wirklich instabil,
entgleitet der Nationalismus dem rationalen Diskurs
und gewinnt explosive Zerstörungskraft durch die
Dynamik eines verselbständigten politischen
Prozesses.
(Beifall bei der SPD)
Wer an einen angeblich gesunden Nationalismus
glaubt und ihn predigt, der nimmt letztlich in Kauf,
daß unkontrollierbarer, explosiver Chauvinismus
daraus erwächst.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
Es ist — finde ich — irritierend, daß man das im Jahre
1994 in Deutschland betonen muß.
(Beifall bei der SPD)
Zweitens. Die Anrufung des Nationalen ist so
überflüssig wie ein Kropf. Mit den Worten von Hans
Barbier von der „Fr ankfurter Allgemeinen Zeitung"
— ich zitiere —:
Die Bundesrepublik hat ihren Platz in der Welt
40 Jahre lang gefunden, ohne das Nationale auch
nur zu vermissen. Wer es heute — mit allen
Risiken, die diese Chiffre in Deutschland nun
einmal hat — in den politischen Prozeß einführt,
der ist begründungspflichtig. Wozu ist das gut,
wird das gebraucht, wem schadet das?
Es ist nicht gut, sage ich; es funktioniert nicht; und es
wird auch nicht gebraucht.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Die gesellschaftlichen Konflikte können wir rational
lösen, durch bessere Politik, ohne auf ontologische
Sinnstiftung zu verweisen, die letztlich einem
totalitären Anspruch verpflichtet ist.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Zudem weiß doch hier jeder — fast jeder -, daß die
Anrufung des Nationalen uns im Verhältnis zu
unseren Partnern schadet. Die Betonung des Nationalen
wird unweigerlich zu einem Verlust an
Berechenbarkeit führen. Das über l ange Zeit aufgebaute Vertrauen
in die Verläßlichkeit deutscher Politik wäre tangiert.
Sie sehen doch, Herr Kollege Schäuble, wie irritiert
die europäischen Regierungen auf Ihre jüngsten
Europavorschläge reagieren!
(Beifall bei der SPD)
Drittens. Auch „taktischer" Nationalismus ist — ich
wiederhole es — ein schlechtes Zeichen. Es ist
jedenfalls schwer, nationalistisch gefärbten Haß, Gewalt
und Ausländerfeindlichkeit zu bekämpfen, und zwar
mit jener Entschlossenheit, die ich bei der
Bundesregierung ohnehin vermisse, wenn ich dem Nationalen
in einem anderen Zusammenhang eine Weihestätte
einrichte.
(Dr. Wolfgang Schäuble [CDU/CSU]: Wer tut
denn das? — Bundeskanzler Dr. Helmut
Kohl: Wer hat denn das getan?)
Wie viele, frage ich mich, frage ich Sie, werden in der
Lage sein, das eine von dem anderen zu
unterscheiden?
(Beifall bei der SPD)
Noch einmal, meine Damen und Herren: Ich rate
Ihnen, ja ich bitte Sie, diesen Geist nicht aus der
Flasche zu lassen.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Oh Gott!)
Die Nation geht uns nicht verloren und der
Patriotismus auch nicht. Genügt es nicht, daß wir unser Land
lieben und daß wir an die Menschen glauben, um
Zuversicht zu stiften? Ich denke: ja.
(Beifall bei der SPD)
Sicher bin ich jedenfalls, daß wir Ersatzreligionen
— das ist nicht Ihr Wort —, insbesondere solche mit
einem stark infizierenden Charakter, nicht
brauchen.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, auch der
Antikommunismus ist als Bindekraft in einer
auseinanderdriftenden Gesellschaft höchst ungeeignet;
(Zuruf von der CDU/CSU: Aha!)
denn zum einen liegt glücklicherweise die Zeit des
Kalten Krieges hinter uns, und zum anderen ist der
Kommunismus — Gerhard Schröder hat es gestern so
formuliert — mausetot.
(Widerspruch bei der CDU/CSU — Dr. Kurt
Faltlhauser [CDU/CSU]: Ist putzmunter!)
Wir werden es wahrscheinlich alle noch erleben, daß
auch die letzten kommunistischen Bastionen, größere
und kleinere, in absehbarer Zukunft implodieren.
Der Kommunismus ist tot, der Antikommunismus
freilich lebt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD —
Bundesminister Dr. Theodor Waigel: Gott sei
Dank!)
„Taktischer Antikommunismus" ist wahrscheinlich
die richtigere Bezeichnung.
(Dr. Kurt Faltlhauser [CDU/CSU]: Gysi ist
quicklebendig!)
Denn es ging und geht den taktischen
Antikommunisten in Wahrheit nur um eines: Mit der Kritik am
Kommunismus soll die Sozialdemokratie gejagt und
getroffen werden.
(Beifall bei der SPD — Wilhelm Schmidt
[Salzgitter] [SPD]: Am meisten von den
Blockflöten! — Zurufe von der CDU/CSU)
Es ist schon komisch, wenn es nicht so bitter wäre:
Während der Kommunismus seit seinem Bestehen die
Sozialdemokratie zu seinem vornehmsten Feind
erklärte — „Sozialdemokratismus" —,
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
versuchen die taktischen Antikommunisten
unentwegt zu suggerieren, Sozialdemokratie und
Kommunismus seien zwei Seiten einer Medaille. „Alle Wege
des Sozialismus führen nach Moskau", „Volksfront"
— und jetzt „rote Socken".
(Anhaltende Zurufe von der CDU/CSU:
Magdeburg! — Glocke der Präsidentin)
— Frau Präsidentin, mich irritiert das alles relativ
wenig. Ich muß Ihnen nämlich ein kleines
persönliches Geheimnis erzählen: Ich habe seit vier Wochen
Ohrenprobleme, höre relativ schlecht, mit dem
rechten noch schlechter als mit dem linken Ohr. Sie
können deshalb rufen, was Sie wollen, ich höre es eh
nicht. Das hat manchmal Vorteile.
(Beifall und Heiterkeit bei der SPD —
Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]: Ein
bißchen blind sind Sie auch!)
Meine Damen und Herren, ich will nicht allzuweit in
die Vergangenheit zurückgehen.
Vergangenheitsbewältigung ist eine schwierige Sache, und Politiker,
zumal in Wahlkampfzeiten, haben ganz offensichtlich
Schwierigkeiten im Umgang mit der Wahrheit.
Aber vielleicht erinnern sich einige auf der rechten
Seite dieses Hauses noch daran, wie von ihnen damals
versucht worden ist, mit dem Schüren von
Kommunistenangst die GRÜNEN zu bekämpfen und die
tatsächliche oder vermeintliche Zusammenarbeit mit
Sozialdemokraten zu denunzieren. Das war doch so;
es gibt dafür zahlreiche Belege in den Protokollen.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Das hat sich durch Zeitablauf inzwischen erledigt.
Heute gibt es sowohl bei Konservativen wie bei
GRÜNEN — jenen, die man die Wertkonservativen
nennt — Überlegungen, ob nicht auch Schwarz-Grün
ginge. Und ich sage Ihnen: Es wird sehr spannend,
dies weiter zu verfolgen.
Die GRÜNEN jedenfalls sind als Gespenst nicht
mehr brauchbar. Glücklicherweise gibt es ein neues
Gespenst, die PDS. Ob die PDS eine kommunistische
Partei ist, ist zwar nicht eindeutig belegt, aber die
PDS — —
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
— So ist das halt mit der Argumentation und der
Wahrheitsfindung. Ich verstehe auch Sie nicht, Herr
Schäuble; es tut mir wahnsinnig leid. Sie müssen es
mir hinterher sagen.
Aber — das füge ich dem ersten Satz hinzu — die
PDS ist die Nachfolgepartei der SED. Sie duldet in
ihren Reihen eine „kommunistische Plattform", und
sie verweigert bis zum heutigen Tage eine Klärung
ihres ideologischen Standorts.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Es gibt also, wie ich zugebe, Klärungsbedarf.
(Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Ja!)
Aber um Aufklärung geht es der Union und dem Herrn
Bundeskanzler gar nicht. Ihn interessiert auch
weniger die PDS als vielmehr die Macht. Um der Macht
willen wird die PDS instrumentalisiert, um einmal
mehr die SPD zu diffamieren;
(Beifall bei der SPD — Widerspruch bei der
CDU/CSU — Dr. Hermann Otto Solms
[F.D.P.]: Magdeburg!)
eine ziemlich absurde Kampagne, die im Osten kaum
jemand versteht, die mehr zur Spaltung als zur Einheit
beiträgt und die erkennbar zu nichts Gutem führen
kann.
Vollends absurd wird diese Situation, wenn man
sich vergegenwärtigt, daß es gerade die Politik dieser
Bundesregierung ist, die entscheidenden Anteil daran
hat, daß die PDS in den sogenannten neuen Ländern
bei Wahlen so stark geworden ist.
(Beifall bei der SPD)
Haben Ihnen, Herr Bundeskanzler, Ihre Parteifreunde
im Osten Deutschlands noch nicht gesagt, warum die
Menschen dort PDS wählen? Haben sie Ihnen noch
nicht gesagt, was in den Köpfen und Herzen von
Menschen geschieht, die, nachdem sie die Freiheit
endlich erlangt haben, von geldgierigen Raubrittern
betrogen, wegen einer idiotischen
Restitutionsregelung um ihr bißchen Eigentum gebracht, wegen
sogenannter Staatsnähe pauschal mit der Kappung
ihrer Rentenbezüge bestraft werden und die ihr
Selbstwertgefühl verloren haben, weil ihr Leben, ihre
Existenz von heute auf morgen nichts mehr we rt sein
soll?
(Beifall bei der SPD — Zuruf von der CDU/
CSU: Genau diese Argumentation ist mies!
— Weitere anhaltende Zurufe von der CDU/
CSU und der F.D.P.)
Ist das noch nicht zu Ihnen vorgedrungen, Herr
Bundeskanzler? Wird Ihnen nur der organisierte Jubel
vorgeführt,
(Dr. Cornelie Sonntag-Wolgast [SPD]: Ja!)
und haben Sie die ohnmächtige Wut, die hilflose
Enttäuschung und das Gefühl, unablässig be trogen zu
werden, ohne sich wehren zu können, noch nie
wirklich wahrgenommen? Dann schauen Sie sich
endlich einmal die wahren Keimzellen der PDS-
Erfolge im Osten Deutschlands an: die Enttäuschung
und Hoffnungslosigkeit als Resultat verfehlter Politik,
Ihrer Politik, Herr Bundeskanzler!
(Beifall bei der SPD — Dr. Kurt Faltlhauser
[CDU/CSU]: Ihr macht sie hoffähig!)
Um jeden Zweifel zu zerstreuen, sage ich mit aller
Deutlichkeit: Wer immer in der letzten Zeit meinte,
den Rat geben zu müssen, die SPD dürfe in ihrer
Behandlung der PDS die historische Spaltung der
Arbeiterbewegung nicht wiederholen, der irrt
fundamental.
(Ina Albowitz [F.D.P.]: Na, na!)
Einmal ganz abgesehen davon, daß ich nicht
anzugeben wüßte, was „Arbeiterbewegung" heute konkret
und real bedeuten könnte, scheint mir das eher ein
übriggebliebenes ideologisches Konstrukt zu sein.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Hört! Hört!)
Aber entscheidender ist: Die Spaltung der
Arbeiterbewegung war historisch unvermeidlich und
notwendig, und sie ist nicht rückgängig zu machen. Denn es
war die Spaltung zwischen freiheitlicher und
demokratischer Bewegung hier und unfreier, am Ende
totalitärer Bewegung dort.
(Beifall bei der SPD)
Freiheit und Unfreiheit, Demokratie und
Unterdrükkung können keine politischen Brüder oder
Schwestern sein, und sie dürfen es auch niemals werden.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Von dieser geschichtlichen Erfahrung wird die
deutsche Sozialdemokratie niemals auch nur einen
Millimeter abweichen.
(Jochen Feilcke [CDU/CSU]: Siehe Sachsen
-Anhalt!)
Weil das aber unsere mehr als ein Jahrhundert
dauernde Geschichte und Tradition ist — und unsere ist
besser als Ihre —,
(Beifall bei der SPD)
brauchen wir uns von den Koalitionsparteien
Belehrungen in Sachen Demokratie nicht anzuhören.
(Beifall bei der SPD)
Die PDS ist unser politischer Gegner, und zwar vor,
in und nach Wahlen.
(Lachen bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Wir werden aber, mögen die taktischen
Antikommunisten noch so heulen und johlen, nicht den Fehler
machen, die Wähler der PDS zu stigmatisieren.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Lachen
und Widerspruch bei der CDU/CSU)
Die wählen zu einem nicht unerheblichen Teil die
PDS, weil sie sich bereits ausgegrenzt fühlen. Was soll
denn das, den Schaden zu verdoppeln, statt zumindest
ein bißchen Gespür für die verzweifelte Situation
vieler Menschen aufzubringen? Ich hoffe doch sehr,
daß CDU und CSU nicht dem Irrtum unterliegen, sie
könnten ihre selbstgeschaffenen Probleme vergessen
machen, indem sie die PDS-Wähler ausgrenzen und
die SPD diffamieren.
Radikalisierten Protest kann man ignorieren; das ist
wohl wahr. Über kurz oder lang aber werden Sie mit
dieser Taktik gegen die Wand laufen; dann jedenfalls
ist es für das Weglaufen zu spät.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, in meiner ersten Rede
als Fraktionsvorsitzender habe ich den englischen
Schriftsteller John le Carré zitiert. Ich zitiere ihn heute,
am Ende der Legislaturperiode, erneut: Der
Kommunismus habe zwar verloren, aber ob der Kapitalismus
gewonnen habe, sei noch nicht entschieden. Ich
wiederhole dies, um heute wie damals deutlich zu
machen, daß die westliche Welt vor gigantischen
Herausforderungen steht. Bis heute ist höchst fraglich,
ob wir diese Herausforderungen bewältigen werden.
Es ist nicht einmal klar, ob wir es wollen, ob wir
überhaupt ernsthaft den Versuch machen, die
Probleme zu lösen.
Dabei waren noch nie in der Geschichte der
Menschheit die Gefahren für ihr Überleben
wissenschaftlich so genau vermessen und prognostiziert. Es
herrscht eigentlich kein Mangel an plausiblen und
zumeist pragmatischen Lösungsmöglichkeiten.
(Dr. Jürgen Rüttgers [CDU/CSU]: Jetzt zitie
-
ren Sie Schäuble!)
Aber es passiert fast nichts, jedenfalls zu wenig.
„Wir Wissenschaftler", schreibt H ans Joachim
Schellenhuber, „sind wie Lotsen auf einem
Vergnügungsdampfer, die genau wissen, daß wir auf einen
Eisberg stoßen, wenn wir so weitermachen. Dem
Kapitän zu sagen, er solle den Kurs ändern, ist
zwecklos, weil sich die Gesellschaft gerade so schön
vergnügt. Deshalb berechnen wir, wie lange es noch
bis zum Aufprall dauert und wie wir die Leute in die
Boote bringen."
Das Bild stimmt, meine Damen und Herren,
abgesehen davon, daß ich Zweifel habe, ob es dann die
Rettungsboote noch geben wird.
Es sind ja keine Katastrophengemälde; es ist
ausrechenbare Zukunft, daß bestimmte bedrohliche oder
besorgniserregende Entwicklungen auf unserer Welt
mit exponentieller Geschwindigkeit wachsen.
(Dr. Kurt Faltlhauser [CDU/CSU]: Das ist ein
Katastrophengemälde! Unglaublich!)
„Exponentiell" will sagen: Nach langen Phasen von
Ruhe und Stabilität, in denen sich nichts zu verändern
scheint, treten katastrophale Konsequenzen
überfallartig hervor und treffen die Menschen nicht nur
unerwartet und unvorbereitet, sondern auch bar jeder
Handlungsmöglichkeit.
Zu den gegenwärtigen exponentiellen
Entwicklungen,
sagt Dieter Lutz,
gehören zum Beispiel das
Bevölkerungswachstum, die Konzentration der sogenannten
Treibhausgase und die Gefährdung der Ozonschicht,
die Luftverschmutzung und die
Klimaveränderungen, das Artensterben und die
Vernichtungswirkung von Waffen.
Ich füge meinerseits hinzu: das beinahe
epidemische Anwachsen von Irrationalität, religiös
verbrämtem politischen Fundamentalismus und terroristischer
Gewalt.
Noch ein, zwei oder drei Menschenleben werden
wir, jedenfalls hier in Westeuropa, vielleicht oder
hoffentlich leben können, ohne daß wir uns durch
diese Entwicklungen sonderlich beeinträchtigt
fühlen. Aber jeder weiß doch: Wenn wir diese Zeit, in der
uns scheinbar kaum etwas fehlt oder uns nichts
geschieht, nicht nutzen, um die beschriebenen
Entwicklungen zu stoppen, werden sie uns am Point of no
return überrollen. Das ist die Herausforderung.
Damit sich keiner täuscht, welchen Weg wir bis zu
diesem Point of no return bereits zurückgelegt haben:
Diese Herausforderung ist der Politik in aller Welt seit
mindestens 20 Jahren bekannt. Jurek Becker hat die
Situation exakt beschrieben:
Wir sitzen in einem Zug mit allem Komfort, mit
Klimaanlage und Speisewagen. Die Fenster sind
geschlossen, alles funktioniert. Wir merken nur
nicht, daß die Strecke ständig bergab geht.
Meine Damen und Herren, es ist doch wahr: Zu
lange treibt unser Land ohne echten Sinn für
gemeinsame Ziele und Verantwortlichkeiten dahin.
(Beifall bei der SPD)
Zu viele Menschen sind schon zu lange arbeitslos oder
leben im sozialen Abseits. Zu groß sind die Schäden an
der Natur, die wir zukünftigen Generationen
zumuten. Zu wenig werden die Chancen genutzt, die
unsere Techniker entwickeln könnten und die in
unserer Wirtschaft liegen, um zu mehr Beschäftigung
und zu einer umweltverträglichen Entwicklung zu
gelangen.
Wir Sozialdemokraten wollen und werden die
Orientierungskrise und die Unsicherheit vieler
Menschen überwinden. Die Kluft zwischen unserem
Wissen über die sozialen und ökologischen
Gefährdungen und den praktischen Konsequenzen darf nicht
noch tiefer werden.
(Beifall bei der SPD)
Wir werden die Regierungspolitik der folgenlosen
Ankündigungen beenden, weil um Gottes willen aus
enttäuschten Hoffnungen und Verdrossenheit keine
Abkehr von unserer Demokratie erwachsen darf. Wir
nehmen die Sorgen der Menschen ernst, aber wir
wollen ihnen zugleich Mut machen, sich wie in den
70er Jahren mit uns für Demokratie und Reformen zu
engagieren.
(Beifall bei der SPD)
Ziel unserer Politik ist es, daß jeder Bürger eine
verläßliche Existenzgrundlage und die gerechte
Chance auf sozialen Aufstieg hat. Dies erfordert eine
intelligente, im Dialog entwickelte, marktkonforme
und pragmatische Industriepolitik mit ehrgeiziger
ökologischer Zielsetzung.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Zurufe
von der CDU/CSU)
Deshalb steht der von uns allen getragene soziale und
ökologische Umbau unserer Volkswirtschaft an erster
Stelle einer sozialdemokratischen Reformpolitik. Dies
ist unser eigentliches Reformprojekt.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, es geht um eine
Richtungsentscheidung. Es hat keinen Sinn, darum
herumzureden. Am 16. Oktober steht die Alternative zur
Wahl, sich weiter so durchzuwursteln oder einen
neuen politischen Anfang zu wagen.
(Beifall bei der SPD)
Wir wollen eine bessere und gerechtere Politik. Das
sind wir unserem Land und unseren Kindern
schuldig.
(Anhaltender Beifall bei der SPD)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Als nächster spricht
der Kollege Michael Glos.
Michael Glos (CDU/CSU): Frau Präsidentin! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Lassen Sich mich
ein paar Worte zum Kollegen Klose sagen. Erstens.
Die Mahnung hinsichtlich der leisen Töne hätten Sie
gestern an Herrn Lafontaine und Herrn Schröder
richten sollen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Zweitens. Wenn Sie von mieser Stimmung
gesprochen haben, dann können Sie nur die Stimmung in der
SPD gemeint haben. Wenn Sie von fehlenden
gemeinsauren Zielen in unserem Land gesprochen haben,
dann haben Sie wieder nur von Ihrer Partei
gesprochen.
(Beifall bei der CDU/CSU — Helmut
Wieczorek [Duisburg] [SPD]: Hör' auf mit dem
Quatsch!)
Drittens. Ihre heutige Distanzierung von Herrn
Scharping, der der Architekt der Koalition in
Magdeburg war, war sehr interessant. Es ist ja auch bekannt,
daß Sie diese Koalition nicht eingefädelt hätten.
Insofern finde ich diese Klarstellung sehr gut.
Sie haben gesagt: Um der Machterhaltung willen
wird die PDS instrumentalisiert. Ich frage: Wer hat
denn die PDS instrumentalisiert, indem man sich mit
den Stimmen aus der PDS zum Ministerpräsidenten
hat wählen lassen?
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Joachim Poß [SPD]: Sie!)
Das von Ihnen angesprochene „no return" muß doch
für den Kommunismus in diesem Land gelten.
Viertens und letztens. Sie haben heute gezeigt, Herr
Kollege Klose, daß man auch mit leisen Tönen
unverschämt sein kann, wenn ich Ihre Ausführungen in
bezug auf Herrn Schäuble nehme.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Das ist
wahr!)
Wir verabschieden morgen die letzten alliierten
Soldaten aus Berlin. Ich möchte an dieser Stelle den
Amerikanern, Briten und Franzosen für ihren Schutz
und ihre Opfer für die Freiheit unserer Hauptstadt
danken.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Ohne diese großartige Hilfe unserer westlichen
Partner und unserer europäischen Freunde wäre es nicht
gelungen, das Joch des Kommunismus
abzuschütteln.
Wir möchten, daß dieses Europa weiter ausgebaut
wird, daß es da, wo es möglich ist, vertieft wird, daß es
kein Closed Shop für die jetzt zu ihm gehörenden
Länder bleibt, sondern daß es sich auch für andere
Länder öffnet. Darüber diskutieren wir, und darüber
denken wir nach. Bei uns gibt es kein Denkverbot.
Genau das steht in dem von Herrn Schäuble, mir und
anderen vorgelegten Papier.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Vor einer Woche haben wir feierlich die letzten
russischen Soldaten als Freunde von deutschem
Boden verabschiedet — ein großer und historischer
Tag deutscher Geschichte. Es ist der Politik von CDU
und CSU, der Politik von Konrad Adenauer und Fr anz
Josef Strauß und ihrer Nachfolger Helmut Kohl und
Theo Waigel zu verdanken, daß dies so Früchte
trägt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
In ganz Deutschland herrschen Freiheit und
Rechtsstaatlichkeit, aber auch wirtschaftlicher Aufschwung
und soziale Sicherheit, und der Arbeitsmarkt hat sich
schneller gewendet, als wir es alle zu hoffen gewagt
haben.
(Zuruf von der SPD: Wo denn?)
Die Zahl der Arbeitslosen ist erstmals wieder
rückläufig, und die der Kurzarbeiter ist sehr deutlich
zurückgegangen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
-
ordneten der F.D.P.)
In- und ausländische Investoren haben wieder
Vertrauen zu Deutschland. Die D -Mark ist heute stabiler
und härter denn je, sie ist eine internationale
Ankerwährung und genießt weltweit hohes Vertrauen. Die
Inflationsrate sinkt weiter. Das ist die sozialste Politik
für breite Bevölkerungsschichten, die man machen
kann.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Die neuen Bundesländer sind die Wachstumsregion
Nummer eins in Europa, mit höheren Wachstumsraten
als die Wachstumsregionen Südostasiens.
Die Sozialleistungen in Deutschland sind weiterhin,
auch international gesehen, auf dem allerhöchsten
Stand. Das ist Politik für die Menschen, meine sehr
verehrten Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
ordneten der F.D.P.)
Vieles, ja das allermeiste von dem, was wir
durchgesetzt haben, gerade in puncto
Haushaltskonsolidierung, in puncto wirtschaftlicher Weichenstellung,
mußte gegen die Verweigerungshaltung und gegen
die Destruktion der Sozialdemokraten durchgesetzt
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
ordneten der F.D.P. — Dr. Wolfgang Weng
[Gerlingen] [F.D.P.]: Leider wahr!)
In einer historisch wichtigen Phase deutscher
Geschichte gefährden SPD und GRÜNE mit ihrer
Politik der Sonderwege unsere auf Frieden und
Freiheit, auf Vertrauen und Stabilität ausgerichtete
Außenpolitik, aber sie gefährden auch durch eine auf
Verweigerung und Aussteigermentalität gegründete
Wirtschafts - und Energiepolitik die wirtschaftlichen
und finanziellen Fundamente unseres Landes.
Deutschlands Zukunft wäre auf das höchste
gefährdet, wenn eine Front aus GRÜNEN, SPD und der
kommunistischen PDS die Verantwortung für unser
Land bekäme.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
ordneten der F.D.P.)
Die SPD — Herr Scharping kann es ja korrigieren—
ist in allen zentralen Fragen tief gespalten,
unglaubwürdig und nicht regierungsfähig.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Die Zweifel an den Fähigkeiten von Herrn Scharping
wachsen mittlerweile doch insbesondere in den
Reihen der SPD. Selbst bei Ihnen traut ihm niemand mehr
viel zu,
(Detlev von Larcher [SPD]: Das möchten Sie
gern!)
seit man weiß, daß er brutto nicht von netto
unterscheiden kann.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Deswegen erleben wir ja auch eine Uraufführung
im deutschen Oppositionstheater: Die SPD tritt mit
einem Team von Kanzlerkandidaten an, einer Troika,
frei nach Karl Valentin: Der eine soll morgens, der
andere an geraden Tagen und der Dritte nur montags
und freitags regieren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Schlimmer ist der Kanzlerkandidat einer Partei vor
der Wahl noch nie demontiert worden; nach der Wahl
hat die SPD ihre Kandidaten allemal demontiert.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Im krassen Gegensatz zum russischen
Pferdeschlitten — das ist ja die klassische Troika — zieht bei der
SPD-Troika jeder in eine andere Richtung.
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]: Ein
Dreier ohne Steuermann!)
Vor allen Dingen ist das Niedersachsen-Roß schon
nach Hause ge trabt, meine sehr verehrten Damen und
Herren.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Die Einbindung von Herrn Schröder in diese Troika
hat doch nur bedeutet: Es darf nach der Wahl keine
strahlenden Verlierer geben, sondern alle müssen mit
in den Sog des Niedergangs hineingezogen
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Aus diesem Grunde gab es auch das Werben um
diesen Niedersachsen-Schimmel.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Wir haben doch
noch gar nicht Karneval!)
Ich möchte gern etwas zu Ihrer
Regierungsmannschaft sagen, Herr Scharping; nicht zu allen, weil es
sich nicht lohnt, aber einen Teil der Leute möchte ich
doch kurz streifen. Interessant ist z. B. der
Schattenaußenminister Verheugen, der warnte, der
Plutoniumschmuggel sei von der Bundesregierung inszeniert.
Ich kann nur sagen: Der amoklaufenden SPD ist in
ihrem Verzweiflungskampf jedes Mittel zur
Verleumdung der Bundesregierung recht.
(Zurufe von der CDU/CSU: Sehr wahr!)
Da Herr Verheugen ohnedies nur Platzhalter für
Joschka Fischer ist — er ist schon anwesend —, der
künftig Vizekanzler und Außenminister werden soll,
lohnt es sicher nicht, sich weiter mit ihm
auseinanderzusetzen.
Herr Klose hat vorhin — in unnachahmlich
larmoyanter Weise — die Probleme der Dritten Welt
beschrieben. Ich nehme das sehr ernst. Aber dann
sorgen Sie, Herr Klose, dafür, daß m an nicht einfach
das Entwicklungsministerium, das Ministe rium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit, streicht und es
künftig bei Herrn Joschka Fischer ins Außenministerium
eingliedert. Das ist doch unglaublich, das ist doch ein
Schlag gegen die Dritte Welt!
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
-
ordneten der F.D.P.)
Das Landwirtschaftsministerium — und die Bauern
werden es Ihnen danken — soll ein Wurmfortsatz des
Umweltministeriums der Greenpeace-Aktivistin
Monika Griefahn werden.
(Lachen und Zurufe von der CDU/CSU)
Damit werden die Landwirte von der SPD als
ökologischer Störfall eingestuft.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)
Wenn Frau Griefahn künftig die Agrarpreise und die
Konditionen für deutsche Bauern in Brüssel
aushandeln muß, dann tritt ein Zustand ein, der dazu führt,
daß sie die Bauern anschließend auf ihre „rote
Artenschutzliste" setzen kann, denn dann sind sie vom
Aussterben bedroht.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)
Wer die deutsche Landwirtschaft zum Anhängsel
einer ökomarxistischen Steinzeitpolitik machen wi ll ,
macht sich der Vernichtung Zigtausender
Familienbetriebe schuldig.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Dies zeigt, daß die SPD die Landwirtschaft
abgeschrieben hat.
(Peter Conradi [SPD]: Als Kabarettist ist der
nicht gut genug!)
— Weil Sie gerade den Zuruf „Kabarettist" machen:
Daran können auch die kabarettistischen Bierzelt
nummern, die von Renat Schmidt i Bayer zur
Verwirrung der Landwirtschaft veranstaltet werden,
nichts ändern, meine sehr verehrten Damen und
Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Auftritte erinnern sowieso mehr an eine Operette
von Lehär
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: An welche
denn?)
als an solide und seriöse politische Alternativen zur
bayerischen Staatsregierung.
(Bundesminister Dr. Theodor Waigel: Sehr
wahr!)
Obwohl sich Herr Schröder wieder in sein Land
zurückgezogen hat, möchte ich ihm doch noch ein
paar Worte widmen. Seine wirtschaftspolitische
Visitenkarte, sein Empfehlungsschreiben: 10,2 %
Arbeitslosigkeit. Mit dem Saarland von Herrn Lafontaine
liefert sich Herr Schröder einen Wettlauf bei den
Negativbilanzen. Dort liegt die Arbeitslosenquote bei
12 %. Der Freistaat Bayern hingegen hat trotz
erheblicher Strukturprobleme im Durchschnitt eine
Arbeitslosenquote von 6,5 %.
Nirgendwo sind Personalausgaben und
Neuverschuldung in den Jahren 1990 bis 1993 stärker
gestiegen als in Niedersachsen.
(Dr. Peter Struck [SPD]: Reden Sie nicht so
falsch daher!)
Auch andere Länder hatten die Finanzierung der
Wiedervereinigung zu verkraften. Allein die
Ministerialbürokratie — und das ist entlarvend — wurde um
20 % aufgebläht.
(Dr. Peter Struck [SPD]: Lächerlich!)
Wie glaubhaft ist demnach Herr Schröder?
(Detlev von Larcher [SPD]: Das sehen Sie am
Wahlergebnis!)
Er ist da so wenig glaubhaft wie in der Energiepolitik,
in der er sich nicht hatte durchsetzen können. Frau
Simonis hat vor Ausstiegsbeschlüssen von SPD und
GRÜNEN gewarnt: „Wir dürfen die Menschen nicht
belügen." Ich kann mich ihr nur anschließen. Wer
vorgibt, die deutschen Kernkraftwerke abschalten zu
können, der gefährdet den Wirtschafts- und
Industriestandort Deutschl and und unsere Umwelt in
eklatanter Weise.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Nun zum Finanzjongleur und
Steuerhinterzieherfreund — Sie haben ja Johannes Zwick Asyl
gewährt —, dem Schulden-Oskar aus dem Saarland:
Herr Lafontaine, Sie haben hier gestern eine
demagogische, eine schäbige Vorstellung gegeben.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: War sehr gut!)
Vor allen Dingen haben Sie durch Ihre fälschenden
Darstellungen, was die Verschuldung des Bundes in
den letzten Jahren betrifft, gezeigt, daß Sie die
deutsche Einheit immer noch ablehnen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Herrn Lafontaine, dem Schulden-Oskar von der Saar,
die Verantwortung für die deutschen Finanzen zu
übertragen, hieße doch, den Bock zum Gärtner zu
machen. Wer dies tut, handelt genauso töricht wie der
Trägerverein eines Lyzeums, der einen Rotlichtbaron
zum Präfekt beruft.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Ich gehe eine Wette ein, daß in diesem Fall die
Keuschheit der jungen Damen trotzdem weniger
gefährdet wäre als im umgekehrten Fall die Stabilität
der D-Mark bei einem Finanzminister Lafontaine.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Lafontaine und Schröder sind, obwohl von der SPD
groß herausgestellt — auch das geht in der
Öffentlichkeit unter —, in Wirklichkeit doch nur zweite Wahl, da
sich Edzard Reuter und Karl - Otto Pöhl für Scharpings
Verliererteam zu schade gewesen sind. Oder liegt es
etwa an der Bezahlung? Beide Herren sind ja auch
dafür bekannt, daß sie nur für sehr viel Geld tätig
werden.
(Freimut Duve [SPD]: Tolle programmatische
Erklärung!)
Ich möchte mich jetzt ein bißchen mit einer neuen
Institution befassen, die auf uns zukommen soll,
nämlich den sogenannten Beratern. Frau Steilmann
will ihre Zweitstimme der CDU und Helmut Kohl
geben. Das war das Vernünftigste, was ich bisher von
ihr gehört habe.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Jens Reich hat laut „Bild"-Zeitung vom 5.
September angekündigt: Ich wähle BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN.
Dann gibt es noch die Talk-Show-Ministerin Regine
Hildebrandt. Ich bin überzeugt, Herr Scharping, die
wird Sie mehr nerven als Ihnen nutzen; Ihnen wird es
gehen wie den deutschen Fernsehzuschauern.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Außerdem ist von ihr der Ausspruch bekannt — ich
zitiere —: In der SED-Nachfolgepartei PDS gibt es
„eine Menge guter Leute, mit denen wir
zusammenarbeiten können" .
Dann haben Sie ja auch noch Herrn Goeudevert
berufen. Er war früher einmal mal bei Ford; dann ist er
in den Vorstand von VW übergewechselt; dann hat
Herr Schröder als Großaktionär von VW dafür gesorgt,
daß er rausgeworfen worden ist, weil man ihm die
Sanierung dieses Konzerns nicht zugetraut hat, und so
ist er nun frei, Berater für Sie zu sein.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Ich kann nur sagen: Mit dieser Mannschaft und
diesen persönlichen Beratern ist bei Gott kein Staat zu
machen. Was Herr Scharping hier der staunenden
Öffentlichkeit aufgetischt hat, ist weniger ein Dream-
Team als vielmehr ein Panikorchester, das letzte
Aufgebot trauriger Schatten. Wenn es eines Beweises
bedurft hätte, die SPD hat ihn damit geliefert. Sie ist
nicht regierungsfähig, weil sie auch personell keine
überzeugenden Alternativen hat.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
-
ordneten der F.D.P.)
Das Scharping-Panikorchester mit grünen Trommlern
und PDS-Einbläsern steht für Stillstand und
Niedergang, für Ungewißheit und instabile Verhältnisse.
(Dr. Peter Struck [SPD]: Lauter dumme Sprü
che! Ein primitives Niveau! Ein Schwätzer
sind Sie! Nur noch dumme Sprüche! Wei
tere Zurufe von der SPD)
— Nun hören Sie doch mal zu; jetzt lese ich aus der
Tageszeitung „Die Welt" vor; jetzt spitzen Sie einmal
einen Moment Ihre Ohren. Die „Welt" vom 5.
September, also vor drei Tagen, schreibt über die Folgen
eines rot -grünen Bündnisses:
Die Folgen eines solchen Bündnisses wären
unabsehbar: Mit gewaltigen Kursstürzen der
Aktienmärkte auf breiter Front müßte man schon
am 17. Oktober rechnen. So sicher wie das Amen
in der Kirche ist bei einer Regierungsbeteiligung
der Grünen ... auch eine beispiellose Welle der
Kapitalflucht ... Der vorsichtige wirtschaftliche
Aufschwung erlitte eine Vollbremsung. Die
Forschungsabteilungen der Großkonzerne würden
ins Ausland verlegt.
(Zurufe von der SPD)
— Ich weiß, das wollen Sie alles nicht hören.
Die Arbeitslosigkeit würde steigen. Das
internationale Gewicht Deutschlands würde von einem
Tag auf den anderen in den freien Fall
übergehen. Die internationale Konstante Helmut Kohl
fiele weg.
Ein Schreckensszenario!
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Detlev von Larcher [SPD]: So schürt man
Politikverdrossenheit! — Werner Schulz
[Berlin] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Münchner Lach- und Schießgesellschaft ist
das! — Weitere Zurufe von der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Ich glaube, wir
müssen einen Augenblick warten, bis wir hier wieder
reden können.
Michael Glos (CDU/CSU): Ich kann Edzard Reuter
gut verstehen, der zum „König von Berlin" gekrönt
werden will und nicht die Ochsentour in einer solchen
Mannschaft antreten will, um in der Politik Karriere zu
machen. Er weiß offensichtlich auch, warum er sich
nicht Herrn Scharping als Berater zur Verfügung
gestellt hat; sonst müßte er sich nämlich mit einer
solchen Fraktion auseinandersetzen, wie Sie es sind,
meine sehr verehrten Damen und Herren.
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Das trifft uns
sehr!)
Aber er hat Herrn Scharping einen kleinen
Trostpreis gegeben: Er hat ein Buch von ihm vorgestellt. Ich
zitiere aus der Rede, die er aus diesem Anlaß gehalten
hat:
Die Verteufelung von Innovationsprojekten wie
der Raumfahrt und der Bio- und Gentechnologie
oder des Jäger 90
— so Edzard Reuter —
hat hochqualifizierte Arbeitsplätze nicht in
Deutschland, sondern anderswo in der Welt
geschaffen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Auch der jüngste Schulterschluß zwischen
Altkanzler Schmidt und Alt-Juso Scharping kann nicht davon
ablenken, daß dieser 1982 von der jetzigen Troika auf
Grund seines Festhaltens an den sogenannten
Sekundärtugenden davongejagt worden ist.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Wäre der selbsternannte Weltökonom, der Versager
und Schuldenmacher der ausklingenden 70er Jahre,
nicht nur älter, sondern zwischendurch auch weiser
geworden, hätte er Rudolf Scharping für sein
Magdeburger Zusammenspiel mit den Erben von Stalin und
Honecker geohrfeigt statt umarmt.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Ich habe eine politische Jackpot-Frage. Auf wen ist
wohl folgender Satz zurückzuführen? Die
Jungsozialisten sehen den Grund für die Strukturkrisen im
kapitalistischen System und — ich zitiere jetzt
wörtlich —
treten gleichfalls für die Vergesellschaftung der
entscheidenden Bereiche in der Industrie,
Finanzsektor, Handel und Dienstleistungen ein;
... kurzfristig ist die Durchsetzung einer
Preiskontrolle zum Beispiel für Grundnahrungsmittel
notwendig.
(Freimut Duve [SPD]: Ahlener Programm!)
— Nein, es ist weder das Ahlener Programm noch das
Kommunistische Manifest. Ich kann das Rätsel lösen:
Es handelt sich um eine Entschließung der
Jungsozialisten in der SPD vom 7. September 1974,
unterschrieben vom damaligen stellvertretenden
Bundesvorsitzenden Rudolf Scharping.
(Lachen bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Seit Sachsen-Anhalt und dem 26. Juni wissen wir:
Die SPD scheut nicht einmal davor zurück, um das
Linsengericht eines Ministerpräsidentenposten willen
auch den Kommunisten wieder Einfluß auf die
deutsche Politik einzuräumen. In Magdeburg wird erprobt,
was für Bonn geplant ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Das ist das, was wir als Volksfront und was Herr
Hintze zu Recht als Linksfront darstellt. Die PDS ist
nichts anderes als die alte SED: gleiche Mitglieder,
gleiche Organisation, gleiche Funktionäre, gleiche
Kader, gleiche Kassen und Konten. Nur der Name ist
geändert worden.
„Ich hätte natürlich tausendmal lieber mein Leben
in der DDR verbracht als in dem Deutschl and, in dem
ich jetzt leben muß" — so Sarah Wagenknecht,
Vertreterin der kommunistischen Plattform im
Vorstand der PDS in „Kennzeichen D" am 27. Juli 1994.
Der Landesvorsitzende der PDS in Mecklenburg,
Holter, sagt, das Staatswesen der Bundesrepublik
Deutschland gehöre abgeschafft.
Im Grundsatzprogramm der PDS heißt es:
Wir sind uns einig, daß die Herrschaft des Kapitals
überwunden werden muß.
An anderer Stelle — das muß uns zu denken
geben —:
Dem historischen Ereignis der sozialistischen
Oktoberrevolution von 1917 verdankt die
Menschheit grundlegende günstige
Entwicklungen im 20. Jahrhundert.
Schließlich will die kommunistische PDS die
Spaltung Deutschlands auf Dauer im Grundgesetz durch
die Einführung einer eigenen „Ostkammer" im
Bundestag festschreiben.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir sind
nicht auf einem Auge blind wie die SPD. Wir
bekämpfen Radikale von rechts und von links.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Sie hätten unserem Land und auch dem internationa
-
len Ansehen unseres Landes viel erspart, wenn Sie
nicht absichtlich Obstruktionspolitik zur
Begünstigung auch der Rechten in diesem Land bet rieben
hätten.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Wir hätten uns viel erspart, wenn die SPD beim neuen
Asylgesetz rechtzeitig auf uns gehört hätte.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Durch ihre Verweigerungshaltung hat die SPD den
Nährboden für Frey, Schönhuber und Konsorten
bereitet.
(Widerspruch bei der SPD)
Aus parteitaktischen Gründen war man vor der Wahl
in Baden-Württemberg zu keiner Lösung bereit und
hat damit bewußt die Reps gefördert. Das ist eine
Tatsache.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Frau Renate Schmidt, die fränkisch-barocke
Ausgabe von Regine Hildebrandt, hat damals noch sehr
weitsichtig, wie es ihre Art ist, verkündet — und ich
zitiere wieder —:
Durch das neue Asylrecht wird kein einziger
Asylant weniger nach Deutschl and kommen.
Heute sind es über 70 % weniger, gegenüber dem
Höchststand sogar 85 % weniger. Wer sich so irrt, dem
kann man keine Regierungsverantwortung
übertragen, weder in Bayern noch in Deutschland.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Richtig ist: Die SPD hat in Sachsen-Anhalt den
Grundkonsens der Demokraten aufgekündigt, in
Deutschland keine gemeinsame Sache mit Parteien zu
machen, die nicht auf dem Boden der Demokratie
stehen. — Ich habe deswegen aus den Programmen
zitiert. — Der Schulterschluß mit den Verbrechern an
Mauer und Stacheldraht, den Henkern von Bautzen
um eines Ministerpräsidentenpostens willen zerstört
die Gemeinsamkeit der Demokraten. Genau hier, an
dieser Stelle, wird die Gemeinsamkeit gestört, meine
sehr verehrten Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Zuruf der Abg. Anke Fuchs [Köln] [SPD])
— Frau Kollegin, wenn Sie mir nicht glauben, dann
glauben Sie Klaus von Dohnanyi, der sagt:
Wer jetzt glaubt, er kann Tolerierungs- und
Koalitionsabsprachen mit der PDS treffen, der
ruiniert Deutschland.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Die SPD hat zum Erfolg der PDS in den neuen
Ländern auf erschreckende Weise beigetragen. Auch
Herr Klose hat es heute wieder getan, indem er die
gewaltigen Aufbauleistungen in den neuen
Bundesländern diskriminiert hat, statt die Ursache für die
Arbeitslosigkeit und die wirtschaftlichen
Schwierigkeiten dort beim Namen zu nennen: Es war die
sozialistische und die kommunistische
Vergangenheit, die Arbeitsplätze dort ruiniert und zerstört hat.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Herr Scharping trägt für diese unheilvolle
Entwicklung die Verantwortung. Einer seiner engsten
Mitarbeiter ist Leiter der Staatskanzlei in Magdeburg. Herr
Scharping, Sie haben die Suppe eingebrockt, Sie
müssen auch dafür sorgen, daß das wieder in Ordnung
kommt. Sie sind nur glaubhaft in Ihren Beteuerungen,
dieses Magdeburger Modell nicht in Bonn
praktizieren zu wollen, wenn Sie diesen Spuk dort schnellstens
beenden und mit Demokraten zusammenarbeiten.
Danke schön.
(Anhaltender Beifall bei der CDU/CSU —
Beifall bei der F.D.P. — Dr. Peter Struck
[SPD]: Das war der Müllermeister! Wäre er
doch Müller geblieben! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Es spricht jetzt der
Fraktionsvorsitzende Hermann Solms.
Dr. Hermann Otto Solms (F.D.P.): Frau Präsidentin!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Liebe
Kollegen, beruhigen Sie sich doch! Wir müssen Sie
ertragen, und Sie müssen uns ertragen. So ist das in
dieser Debatte. Wir haben gestern Herrn Lafontaine
auch ertragen müssen. Das war nicht gerade
angenehm.
(Unruhe bei der SPD)
Wir haben eine harte Debatte, eine
Wahlkampfdebatte. Die führen Sie genauso wie wir. Bitte achten Sie
das!
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Nein, das ist nicht
wahr, das ist niveaulos! — Weitere Zurufe
von der SPD)
Frau Präsidentin, Sie haben kürzlich gesagt, daß wir
nun die arbeitsreichste und politisch bedeutsamste
Legislaturperiode seit dem Wiederaufbau in den 50er
Jahren hinter uns haben. Ich füge hinzu: auch die
erfolgreichste Legislaturpe riode.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Wie heißt es in der Bibel? — An ihren Taten sollt ihr sie
erkennen und nicht an Wunschvorstellungen oder
Bildern, die hier gemalt werden, um bestimmte
Wirkungen zu erzielen.
(Beifall bei der F.D.P.)
Herr Klose, wenn Sie sagen, die Stimmung sei mies,
dann frage ich, wo im Lande Sie denn eigentlich
herumkommen.
(Beifall bei der F.D.P.)
Haben Sie denn heute nicht die Zeitung gelesen?
Gerade heute steht im Wirtschaftsteil: 70 000 weniger
Arbeitslose, steigende Auftragseingänge, steigende
Umsätze, Exporterfolge. — Ja, das ist doch was!
Kürzlich hat mich ein amerikanischer Professor, ein
Wirtschaftsprofessor, besucht. — Es ist ja immer gut,
objektive Zeugen zu nennen. — Der hat vor vier
Jahren die neuen Bundesländer bereist und jetzt
wieder.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Sie lesen Zeitun
-
gen, und wir reden über Menschen! Das ist
der Unterschied!)
Er sagte, es wäre für ihn völlig unfaßbar, was sich in
den neuen Bundesländern getan habe. Es wäre
jenseits jeder realen Vorstellung. Das sagte ein
ausgewiesener Experte.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Ich glaube ihm mehr als Ihnen, und ich fahre auch
selbst mit offenen Augen durch unser Land und sehe,
was passiert ist.
Es geht darum, den Menschen, die in den neuen
Ländern noch nicht die Vorteile haben, Mut
einzuflößen und ihnen zu sagen: Es gibt eine Perspektive für
dich, und wir werden daran weiter arbeiten. — Man
kann doch nicht hingehen und sagen: Diese
Perspektive gibt es nicht. Es ist alles katastrophal, und es wird
alles noch schlimmer. — Das wäre keine
verantwortliche Politik.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Gerade die Politik für den Aufbau in den neuen
Bundesländern — was die Wirtschaft anbetrifft, was
das Sozialsystem anbetrifft, was den Wohnungsbau
anbetrifft — ist mustergültig. Ich will hier nur einige
Fakten nennen: Wir haben jetzt ein Wachstum von
10 % beim Bruttoinlandsprodukt. Das ist die stärkste
Wachstumsregion in Europa. So etwas war doch
vorher nicht vorstellbar.
(Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Jawohl!)
Wir haben in den wenigen Jahren mehr als 650 000
neue selbständige Existenzen bekommen. Vorher
gab es ja fast gar keine.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Wir haben 40 000 Einzelbetriebe privatisiert. Wir
investieren in diesem Jahr allein 160 Milliarden DM
nur in den neuen Bundesländern. Die Staatswirtschaft
ist nahezu vollständig privatisiert. 1,5 Millionen
Arbeitsplätze konnten gesichert oder neu geschaffen
werden.
Die Renten sind gesteigert worden. Das ist
überhaupt die größte Leistung in meinen Augen.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Wollten Sie doch
gar nicht!)
Vor der deutschen Einheit, Frau Fuchs, hat die DDR
16 Milliarden Ostmark für ihre Rentner ausgegeben.
Heute werden für die Rentner in den neuen
Bundesländern 66 Milliarden DM ausgegeben, also das
Vierfache — und dazu noch mit einer dreifachen
Kaufkraft.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Das ist die größte soziale Leistung, die in diesem Land
und überhaupt in Europa jemals vollbracht wurde. Ich
bitte Sie, das zu würdigen;
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]:
Richtiges Geld!)
denn Sie haben ja daran mitgewirkt. Sie haben ja das
Rentengesetz mit verabschiedet.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Sie sind doch
dagegen!)
Herr Klose, wenn Sie sich dann wegen der
ungleichen Behandlung der Intelligenzrenten ereifern, so
haben Sie da einen Punkt genannt, den wir noch
einmal korrigieren müssen. Nur, Sie und auch Herr
Dreßler haben seinerzeit das mitbeschlossen. Herr
Dreßler hat genauso darauf gedrungen, daß es diese
pauschale Abwertung gibt. Sie können sich doch
davon nicht so einfach distanzieren.
Meine Damen und Herren, wir haben formal eine
Haushaltsdebatte. Herr Lafontaine hat uns ja hier
gestern einiges geboten.
(Ministerpräsident Oskar Lafontaine [Saar
-
land]: Da können Sie etwas lernen!)
— Ich habe dabei gelernt, daß ein Ministerpräsident in
diesem Hause die Abgeordneten und die Vertreter der
Regierung der Lüge bezichtigen darf, wir aber nicht
gleichberechtigt entgegnen dürfen. Dann werden wir
vom Präsidenten abgemahnt.
(Manfred Richter [Bremerhaven] [F.D.P.]:
Das nennt man Parlamentarismus!)
Also, Lüge ist bewußte Äußerung von Unwahrheit.
Das haben Sie selbst, Herr Lafontaine, in
ausreichendem Maße gestern hier geboten.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Nun will ich doch einmal auf einige Einzelheiten
kommen: Sie wollen sich ja nun als die Partei
darstellen, die der Gerechtigkeit in Deutschland zum
Durchbruch verhelfen will.
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]: Im
Saarland kann er der Presse vielleicht verbie
ten, das zu schreiben!)
Dabei heben Sie immer wieder ab auf die
Steuerbelastung sowie auf die sogenannte Fehlentwicklung
bei der Steuerbelastung.
Die Gerechtigkeit in unserem Steuersystem liegt in
unserem progressiven Steuertarif. Das wissen Sie
genausogut wie ich, weil Sie diesem progressiven
Tarif bei jeder Änderung zugestimmt haben. Das heißt
— ich sage es einmal so, daß es jeder versteht —: Die
kleinen Einkommensbezieher zahlen überhaupt
keine Lohn- und Einkommensteuer. Das
Existenzminimum muß noch ausgeweitet werden. Die, die etwas
mehr verdienen, zahlen 19 %. Dann steigt der Ta rif
linear an, und die Hochverdienenden zahlen 53 %.
Hier ist also ein ganz klares Gerechtigkeitsprinzip
enthalten. Dies heißt im Fachchinesisch: Besteuerung
nach der individuellen Leistungsfähigkeit.
Wenn Sie jetzt einen Solidarzuschlag in Höhe von
7,5 % erheben, dann zahlt wieder der Kleine nichts,
keinen Solidarzuschlag. Der Wenigverdienende zahlt
bei 19 % nur einen Solidarzuschlag von 1,4 %, und der
Hochverdienende zahlt einen Solidarzuschlag von
4 %. Das hat zum Ergebnis, daß der
Wenigverdienende dann zusammen etwas mehr als 20 % bezahlen
muß, während der Spitzenverdiener 57 % bzw.
— wenn Sie die Kirchensteuer dazu rechnen — 60 %
bezahlen muß. Daran sehen Sie, daß dieses ein
gerechtes System ist.
Sie stellen dagegen die Ergänzungsabgabe für die
sogenannten, von Ihnen so definierten
Besserverdienenden. Was heißt denn das? — Das heißt, daß die
Wenigerverdienenden keinen Beitrag leisten, aber
bei 60 000 DM Jahreseinkommen auf einen Schlag
10 % mehr geleistet werden muß.
(Zuruf von der CDU/CSU: Brutto oder
netto?)
Wer in unserer Republik verdient denn 60 000 DM
und mehr? — Im Westen gibt es kaum einen
Facharbeiter, der weniger verdient.
(Widerspruch bei der SPD)
Sie treffen alle Facharbeiter. — Entschuldigung, ich
habe mir gerade die Tarife angeschaut,
beispielsweise im Baugewerbe, in der Automobilindustrie, in
der chemischen Industrie, in der Energiewirtschaft.
Überall haben Sie Löhne, die darüber liegen. Und das
ist die Unehrlichkeit von Ihnen,
(Detlev von Larcher [SPD]: Nein, das ist von
Ihnen unehrlich!)
das zu bestreiten. Sie sagen ihrer eigenen Klientel
nicht, daß Sie sie so zusätzlich belasten wollen, einer
Klientel, auf die wir angewiesen sind.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, zählen Sie doch einmal
zusammen, was Sie alles an zusätzlichen Belastungen
fordern: Arbeitsmarktabgabe, Ergänzungsabgabe,
Vermögensabgabe. — Die Vermögensabgabe ist
übrigens ein ganz besonders interessanter Gegenstand.
1,5 % zur Vermögensteuer von 1 % heißt: In zehn
Jahren werden die Sparer und
Wohneigentumsbesitzer um 25 % ihres Vermögens gebracht,
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]:
Einschließlich der Lebensversicherung! —
Siegfried Hornung [CDU/CSU]: Enteignet!)
in 50 Jahren um das halbe Vermögen. —
Erbschaftsteuererhöhung noch obendrauf, Wegfall der
Einheitswerte, Besteuerung nach den Verkehrswerten,
Mineralölsteuer bis zu 5 DM pro Liter — ich kann nur
sagen: Sparer, näht euch die Taschen zu,
Häuslebauer, schließt die Türen ab. Wenn die SPD
drankommt, noch mit den GRÜNEN und der PDS
zusammen, dann wird es euch an den Kragen gehen.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Das sind Fakten. Sie brauchen doch nur in Ihren
Programmen zu lesen; da steht das drin.
Meine Damen und Herren, in dieser
Legislaturperiode ist also nicht nur für den Osten, sondern auch für
den Westen viel Gutes getan worden. Ich erinnere nur
an die Reform des Gesundheitswesens, an das
Asylrecht, an den Abbau der Subventionen. Es heißt
immer, die Subventionen seien nicht abgebaut
worden. In Wirklichkeit sind die Subventionen seit 1990
um 50 Milliarden DM abgebaut worden.
(Beifall bei Abgeordneten der F.D.P.)
Nur auf Grund der neuen Subventionen für die neuen
Bundesländer ist das Gesamtvolumen nicht niedriger
geworden. Aber diese Subventionen wollten und
brauchen wir.
Wohnungsbau — eine besondere Erfolgsstory;
2 Millionen neue Wohnungen in einer
Legislaturperiode.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Fehlen!)
Wir haben die Fertigstellung mehr als verdoppelt. Das
sind Fakten; dem können Sie leider nichts
entgegensetzen.
(Beifall des Abg. Dr. Wolfgang Weng [Gerlin
-
gen] [F.D.P.] — Widerspruch bei der SPD)
Meine Damen und Herren, leider haben Sie, was die
Verbrechensbekämpfung anbetrifft, Ihre
Blockadehaltung auch gestern abend im Vermittlungsausschuß
nicht aufgegeben.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Das ist empö
rend!)
Sie mahnen ununterbrochen an, wir sollten auf diesem
Gebiet etwas tun, aber wenn es um die Sache geht,
verweigern Sie Ihre Mitarbeit.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Und was noch viel schlimmer ist: Die Zuständigkeit für
Polizei und Justiz liegt bei den Ländern. Ihre
Landesinnen- und -justizminister hätten längst eine Reform
bei Polizei und Justiz durchführen müssen, damit
diese adäquater handeln können. Wir brauchen mehr
Polizisten, besser ausgebildete, besser ausgestattete
Polizisten, damit sie auf der Straße auch tätig sein
können.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Hier tun Sie nichts, weil das heißt, mehr Geld zur
Verfügung zu stellen.
Meine Damen und Herren, die SPD hat sich gerade
in dieser wichtigen Zeit des Auf- und Umbaus in
Deutschland zur Partei entwickelt, die die
notwendigen Reformen verhindert — die SPD, die einmal unter
Willy Brandt als Reformpartei angetreten war, die die
Gesellschaft erneuern wollte. Heute ist sie die Partei,
die die Reformen blockiert.
Man kann sich nicht einerseits als
Rechtsstaatspartei rühmen, andererseits aber zentrale Grundrechte
wie den Schutz des Eigentums oder den Schutz der
Privatsphäre zur Disposition stellen.
(Beifall bei der F.D.P. — Anke Fuchs [Köln]
[SPD]: Jetzt kommt wieder die Eigentums
partei!)
Man kann nicht einerseits Verbrechensbekämpfung
fordern und andererseits dort, wo man die
Verantwortung dafür trägt, dieses nicht mit bewirken. Man kann
sich nicht einerseits zum Fürsprecher der Arbeitslosen
machen und andererseits diese Interessen dem
Machtkartell der Tarifparteien opfern. Man kann
nicht einerseits neue Arbeitsplätze versprechen,
andererseits diejenigen mit Steuern und Abgaben
bedrohen, die durch Mehrleistungen und
Investitionen solche Arbeitsplätze schaffen wollen.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Eine Partei, die sich ernsthaft um die
Regierungsverantwortung bemüht, kann dies so nicht tun. M an
kann, Herr Scharping, die Koalitionsparteien nicht
gleichzeitig links und rechts überholen. Wer das
versucht, der wird einen Auffahrunfall verursachen
und bleibt dann liegen. Vor diesem Schicksal stehen
Sie nun.
Deswegen haben sie jetzt Herrn Schröder in Ihr
Triumvirat geholt; er soll natürlich Mitverantwortung
für die Niederlage tragen. Aber, ich glaube, Sie haben
sich da ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Denn wenn es
möglich sein sollte, daß Sie eine Mehrheit mit der PDS
bilden können — und Sie haben abgelehnt, dieses zu
tun —, dann wird er Sie beiseite räumen und selbst die
Macht übernehmen.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Mich interessiert der Vorgang in Magdeburg doch
sehr. Reinhard Höppner hat vor der Wahl gesagt: nicht
mit der PDS. Nach der Wahl macht er es mit der PDS.
Jetzt sagt er, aber er sei es gar nicht gewesen.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Scharping war
das!)
Herr Scharping sagt, er sei es auch nicht gewesen.
Herr Schröder sagt, er unterstütze dies, aber er habe es
nicht veranlaßt. Und von Verheugen sieht man seit
Wochen nichts mehr, er ist untergetaucht. Ich frage
mich. Wer trägt eigentlich die Verantwortung
dafür?
(Beifall der Abg. Uta Würfel [F.D.P.])
Wenn Sie schon die Regierungsgeschäfte hier
übernehmen wollen, dann müßten Sie auch den Mut
haben, sich Ihrer Verantwortung zu stellen und zu
sagen: Das haben wir veranlaßt, wir halten das für
richtig.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Um deutlich zu machen, auf was Sie sich da
einlassen, will ich einen anderen Schröder zitieren, der
glaubwürdiger ist: Richard Schröder. Er hat nämlich
gesagt: „Die PDS ist eine Partei der Ausbeuter,
rücksichtslos beutet sie das Ressentiment, die
Unzufriedenheit, den Ost-West-Gegensatz, den
Oppositionsgeist Jugendlicher aus." Für den ostdeutschen
Theologen Richard Schröder ist der mögliche
Koalitionspartner seines niedersächsischen Namensvetters
eine unsolide, illusionistische Partei, deren Ziel es ist,
die deutsche Einheit zu erschweren und die Gräben
zwischen Ost und West zu vertiefen.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Ich kann dem nichts hinzufügen. Herr Gysi kann
sich ja anschließend damit auseinandersetzen. Denn
er ist auch mitverantwortlich dafür, daß in dem
Programm der PDS heute noch steht: „Dem
welthistorischen Ereignis der sozialistischen Oktoberrevolution
von 1917 verdankt die Menschheit grundlegende
günstige Entwicklungen im 20. Jahrhundert. " Ich bin
wirklich neugierig, wo diese günstigen
Entwicklungen zu finden sein sollen.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum
Abschluß noch sagen: Gerade die jüngsten
europapolitischen Planspiele aus den Reihen dieses Hauses
(Freimut Duve [SPD]: Nennen Sie doch den
Namen!)
und die durch sie hervorgerufenen Irritationen bei
unseren europäischen Freunden und Nachbarn sind
Beleg dafür, welch große Verantwortung der F.D.P.
gerade auf dem Gebiet der Außen-, Europa- und
Sicherheitspolitik künftig zukommt.
(Freimut Duve [SPD]: Jetzt sind wir verant
-
wortlich für das, was Herr Schäuble gesagt
hat!?)
Die F.D.P. steht für eine verläßliche und
verantwortungsbewußte, wertorientierte Außenpolitik. Wir
werden die Kooperation der bewährten Institutionen
NATO, die die potentiellen Partner der SPD
abschaffen wollen, WEU, KSZE und Vereinte Nationen als
einzigen Garanten einer Friedensordnung
weiterentwickeln. Die F.D.P. ist Garant für die Berechenbarkeit
deutscher Außenpolitik und H andlungsfähigkeit in
der Regierung der Koalition der Mitte.
Klaus Kinkel ganz persönlich steht dafür.
(Beifall bei der F.D.P.)
Ich möchte einmal fragen, wer in der Bevölkerung ihn
denn austauschen wollte, womöglich gegen Joschka
Fischer oder Günter Verheugen. Da kann es einem
nur kalt den Rücken herunterlaufen.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU)
Nein, Außenpolitik muß verläßlich und
berechenbar sein. Es darf nicht den Eindruck geben, deutsche
Sonderwege könnten wieder möglich sein,
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Hat Herr Schäuble
aber vorgetragen!)
so wie es die GRÜNEN in ihrem Programm
ankündigen. Deshalb soll die Außenpolitik in den bewährten
Händen bleiben.
(Beifall bei der F.D.P.)
Wir haben vier Jahre harter Arbeit hinter uns. Ich
meine, das Bild klart sich jetzt auf. Wir sehen, daß die
Arbeit gut war.
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Herr Kollege Sohns,
gestatten sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Duve?
Hermann Otto Solms (F.D.P.): Nein, ich bin am
Ende, Frau Präsidentin.
(Lachen bei der SPD — Detlev von Larcher
[SPD]: Sie sind am Ende, ja!)
Wir sehen, daß wir die Grundlage für eine
gedeihliche Zukunft gelegt haben. Wir können den Wählern
nur empfehlen, die Verantwortung wieder in die
Hände der bewährten Politiker zurückzugeben, die
diese verantwortungsvolle und erfolgreiche Politik
betrieben haben.
Vielen Dank.
(Anhaltender Beifall bei der F.D.P. — Beifall
bei der CDU/CSU)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Als nächster spricht
der Abgeordnete Gregor Gysi.
(Siegfried Hornung [CDU/CSU]: Jetzt
kommt der Koalitionspartner — Weiterer
Zuruf von der CDU/CSU: War das nicht zu
verhindern?)
Dr. Gregor Gysi (PDS/Linke Liste): Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren! Bei dem Stil der Debatte,
der hier von Herrn Glos eingeführt worden ist, wird
einem natürlich himmelangst davor, daß das auch
noch verstärkt nach dem 16. Oktober 1994 seine
Fortsetzung finden könnte. Ich finde, es gibt Grenzen
der politischen Geschmacklosigkeit, die man sich
selbst in diesem Hause leisten kann.
(Beifall bei der PDS/Linke Liste)
Ich sage Ihnen, eines wird nicht funktionieren
— was allerdings teilweise auch bei Herrn Klose
durchschimmerte —, nämlich die Trennung der PDS
einerseits von ihren Wählerinnen und Wählern
andererseits. Diese Art von Stigmatisierung funktioniert
auch nicht. Sie wissen schon, was sie wählen. Sie sind
nicht dümmer als andere Wählerinnen und Wähler
und bringen mit ihrer Abstimmung eine bestimmte
Absicht zum Ausdruck. Wenn Sie uns beleidigen und
beschimpfen, dann beleidigen Sie eben 20 % der
ostdeutschen Bevölkerung, die die PDS gewählt
haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Nein!)
— So ist es zweifellos. Sie haben sie als „Henker von
Bautzen" und ähnliches bezeichnet.
Im übrigen beweisen Sie immer wieder Ihre
absolute Geschichtsunkenntnis. Sie wissen ja nicht einmal,
was eine kommunistische Partei ist. Sonst würden Sie
nicht so albern über Dinge urteilen, von denen Sie
nichts verstehen.
(Widerspruch bei der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Ich bin schon einigermaßen entsetzt, Herr Solms,
daß Sie aus dem Programm der PDS zitieren, es
offensichtlich aber nie gelesen haben, sondern ein
Flugblatt der CDU benutzen. Sonst hätten Sie nämlich
festgestellt, daß in dem Programm steht, daß zwei
Ergebnisse positiv sind: der Kampf gegen den
Faschismus und die Niederschlagung des Faschismus bei den
Kämpfen um Stalingrad etc. und der Zusammenbruch
des Kolonialsystems, der natürlich mit ein Ergebnis
der Oktoberrevolution ist. Danach kommt eine ganz
scharfe Kritik an den Ergebnissen der
Oktoberrevolution, was nämlich Demokratie, Menschenrechte,
Effizienz und anderes bet rifft. Aber daß Sie das nicht zur
Kenntnis nehmen wollen, zeigt, daß Sie versuchen,
mit ganz einseitigen Darstellungen — und das sind
letztlich auch Lügen und Heuchelei — Wahlkampf zu
führen. Ich sage Ihnen: Das wird Ihnen nichts
bringen.
(Ignaz Kiechle [CDU/CSU]: Bautzen! —
Zuruf von der CDU/CSU: Stasi-Offiziere
kandidieren!)
Denn die Ergebnisse Ihrer eigenen Politik sind viel zu
extrem und negativ, als daß man sie übersehen
könnte. Sie gehen deshalb ja auch von
Schicksalswahlen aus.
Ich kann Ihnen im übrigen die Heuchelei auch an
einem anderen Beispiel belegen. Alle regen sich über
Sachsen-Anhalt auf, sprechen vom Traditionsbruch
der SPD und was sie da alles für Vokabeln benutzen.
Warum sprechen Sie eigentlich nie über
Brandenburg? In Brandenburg haben wir schon länger eine
Minderheitsregierung, und dort wird manches Gesetz
mit den Stimmen der PDS verabschiedet; das ist dort
Usus. Wissen Sie, warum Sie nicht von Brandenburg
sprechen? Weil die F.D.P. mit in der Regierung sitzt
und auch die Mehrheit zusammen mit der PDS
nutzt
(Zurufe von der CDU/CSU: Bei Stolpe wun
-
dert uns gar nichts mehr! — Zum Beispiel
beim Stolpe-Ausschuß!)
und weil Sie sich nicht trauen, Ihren Koalitionspartner
anzugreifen. Das ist der einzige Grund.
Im übrigen gibt es in Brandenburg noch extremere
Dinge, worüber wir, finde ich, auch nachdenken
müßten. Dort bringen nämlich CDU und PDS
gemeinsam Gesetzentwürfe und Anträge ein, die zum Teil
sogar Erfolg haben, nämlich dann, wenn sie etwas
Vernünftiges für die Brandenburgerinnen und
Brandenburger bringen.
Nein, das ist alles blanke Heuchelei. Sie versuchen
etwas, was wirklich schlimm ist. Sie versuchen
nämlich, den Kalten Krieg, der in Europa eigentlich
beendet ist, in dieser Gesellschaft fortzusetzen. Damit
spalten Sie diese Gesellschaft in höchst
unangenehmer Art und Weise.
(Beifall bei der PDS/Linke Liste sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Ich sage Ihnen noch etwas. Sie lenken mit Ihrer
ganzen Debatte „Zukunft statt Linksfront" davon ab,
daß die wirkliche Gefahr in dieser Gesellschaft ganz
eindeutig von rechts ausgeht. Daß diese Gefahr heute
so groß ist, haben Sie wegen Ihrer Politik in den
vergangenen Jahren zu vertreten.
(Ignaz Kiechle [CDU/CSU]: Sie sind ein
Heuchler!)
Herr Bundeskanzler, Sie haben die Mitglieder, die
Sympathisanten und die Wählerinnen und Wähler der
PDS als rotlackierte Faschisten beschimpft.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Zu Recht! —
Zuruf von der SPD: Das hat Schumacher
gesagt!)
Das ist eine Ungeheuerlichkeit sondergleichen.
Wissen Sie, daß es in unserer Partei nicht wenige
Mitglieder gibt, die zwischen 1933 und 1945 in
Konzentrationslagern und Zuchthäusern der Nazis saßen?
Haben Sie vielleicht eine gewisse Vorstellung, was es
für solche Menschen bedeuten muß, gleichgesetzt zu
werden mit ihren Henkern und Folterern?
(Zuruf von der CDU/CSU: Wie viele haben
Sie in Bautzen umgebracht?)
Im übrigen bekennen sich alle, die sich in
irgendeiner Form zur PDS bekennen oder sie wählen, damit
auch zum aktiven Antifaschismus. Nehmen Sie das
schlimme Wort zurück! Denn wir wissen von der
Asyldebatte, was Worte anrichten können. Am
Anfang standen die schlimmen Worte von der
Asylantenschwemme, von den Wirtschaftsflüchtlingen, von
der Asylantenflut, davon, daß das Boot voll ist, und von
der durchmischten und durchraßten Gesellschaft, und
erst danach brannten die Häuser und die Menschen
selbst, die mit solchen Worten diffamiert worden
sind.
Wenn Sie das nicht zurücknehmen, übernehmen
Sie unmittelbare moralische und politische
Mitverantwortung für jede Gewalttat, die gegen Linke in dieser
Gesellschaft in Zukunft begangen wird.
(Dr.-Ing. Dietmar Kansy [CDU/CSU]: Üble
Hetzerei!)
— Ja, das ist nun einmal das schlimmste Ergebnis der
Ära dieser Koalition, daß sich überall in dieser
Gesellschaft Nationalismus, Antisemitismus und
Rechtsextremismus verbreiten.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das ist eine
Unterstellung!)
Dabei geht es ja nicht nur um Erscheinungen in der
Gewaltszene, sondern wir haben inzwischen
Zeitungen und Publikationen, die diese Themen
entsprechend bearbeiten. Wir haben intellektuelle Zirkel.
Kurzum, dieser Rechtsextremismus kommt aus der
Mitte der Gesellschaft.
Aber es gibt dafür natürlich auch soziale Ursachen.
Diese sozialen Ursachen sind meines Erachtens von
Ihnen ebenso mit gesetzt worden. Es gibt eine
Außenpolitik, die das unterstreicht. Denn unmittelbar
nachdem die russischen Truppen abgezogen sind, fordert
Herr Schäuble eine Kernunion mit Frankreich und
den Beneluxstaaten. Wer aber einem Europa
mehrerer Geschwindigkeiten das Wort redet, der legt die Axt
an zur Spaltung der Europäischen Union, der schürt
letztlich eben auch Nationalismus und Chauvinismus
und be treibt Großmachtpolitik. Er will bestimmen,
wer in Europa in der ersten Reihe sitzen soll und wer
nicht.
Dazu paßt dann eben auch, daß mit allen Mitteln
gefördert wird, daß die Bundeswehr weltweit
eingesetzt wird, als ob gewachsene politische
Verantwortung in dieser Welt nur militärisch wahrgenommen
werden könnte, als ob nicht das Nord-Süd-Problem
und andere große Konflikte unserer Zeit in erster Linie
politisch, ökonomisch, sozial, kulturell und
zivilisatorisch anzupacken wären und eben nicht militärisch.
Der Bundesverteidigungsminister hat ja eine
Richtlinie herausgegeben, in der jetzt schon steht, daß das
Militär auch zum Schutz des Welthandels
international eingesetzt werden kann. Das bedeutet doch wohl
übersetzt: zur Durchsetzung deutscher
Wirtschaftsinteressen.
Schauen wir uns die Ergebnisse der Wirtschafts-
und Sozialpolitik an, dann wird deutlich, daß diese
Gesellschaft immer tiefer gespalten wird, aber nicht in
Ost und West, sondern in Reich und Arm, in
privilegiert und unterprivilegiert.
Die Arbeitslosigkeit ist offiziell im Westen auf 8 %,
im Osten auf 15 % angestiegen. Über vier Millionen
Menschen sind inzwischen als Arbeitslose registriert.
Hinzu kommen noch Millionen
Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger, Menschen im
Vorruhestand, in Umschulungs- und
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die in dieser Statistik eigentlich
noch hinzuzufügen wären. Die Zahl der
Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger selbst
ist z. B. seit 1982 bis heute auf 4 Millionen verdoppelt
worden.
Die Staatsschulden von Bund, Ländern und
Gemeinden explodierten von 600 Milliarden DM auf
über 2 000 Milliarden DM.
(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Durch die
Erblast!)
Die Geldwertentwertung ging weiter. Die Kaufkraft
nahm deutlich ab. Steuern und Abgaben stiegen. Die
Armut nahm bedenklich zu.
(Zuruf von der CDU/CSU: Schämen Sie sich
nicht?)
Der Deutsche Gewerkschaftsbund und
Wohlfahrtsverbände, die zum Teil Ihnen nahestehen, geben an,
daß über 7 Millionen Menschen in der
Bundesrepublik in Armut leben. Fast 1 Million Menschen sind
inzwischen obdachlos und vegetieren auf den Straßen
und in Notunterkünften. Unter diesen Obdachlosen
befinden sich über 100 000 Kinder, die obdachlos
geboren wurden und geblieben sind. Für eine so
reiche Gesellschaft wie die der Bundesrepublik ein
durch nichts zu entschuldigender Skandal.
Der Herr Bundesfinanzminister wird nicht müde,
darauf hinzuweisen, daß die ganze zusätzliche
Verschuldung nur mit dem Aufbauwerk Ost
zusammenhängt.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Stimmt doch
auch!)
Das ist eindeutig unwahr. Die Bruttoausgaben für den
Osten von 1991 bis 1994 betrugen nach Ihren eigenen
Zahlen 405,5 Milliarden DM. Das ist die Bruttosumme.
Sie ziehen schon nicht ab, was Sie im Osten an
Einnahmen haben. Ich frage mich, warum nicht.
(Bundesminister Dr. Theodor Waigel: Er hat
gestern nicht zugehört!)
Diese Einnahmen betrugen nämlich im gleichen
Zeitraum 198 Milliarden DM. Dann reduziert sich für
einen Zeitraum von vier Jahren der Nettobetrag auf
207,5 Milliarden DM.
Wenn Sie dann noch das abziehen, worauf alle
Menschen in diesem Land Anspruch haben —
Kindergeld, Erziehungsgeld und ähnliches, und zwar
unabhängig davon, ob sie in Mecklenburg-Vorpommern
oder Bayern leben —, so ist das ein Be trag von
165,9 Milliarden DM. Dann bleiben für vier Jahre als
wirkliche Sonderausgaben gerade mal 41,6
Milliarden DM übrig, d. h. etwa 10 Milliarden DM pro Jahr.
Das ist die Realität. Damit läßt sich eine Steigerung der
Staatsverschuldung um 1 400 Milliarden DM mit
Sicherheit nicht erklären.
(Peter Harald Rauen [CDU/CSU]: So haben
Sie früher gerechnet!)
Ich behaupte, daß Sie damit spalten, weil Sie
nämlich, indem Sie eine falsche Summe nennen, die
Ostdeutschen täglich demütigen und ihnen sagen,
daß sie eigentlich zu teuer sind, während Sie den
Westdeutschen das Gefühl geben, daß Sie sozusagen
in ihr Portemonnaie greifen müssen, um die
Ostdeutschen zu bezahlen, was nicht wahr ist. Wer eine solche
Politik macht, spaltet.
Und Sie werfen uns vor, zu spalten. Ich sage Ihnen:
Wer die objektiven Benachteiligungen der
Ostdeutschen benennt und sich dafür einsetzt, daß sie
abgebaut werden, der spaltet nicht, im Gegenteil: Der
leistet seinen Beitrag zur Einheit.
Wer hindert Sie denn daran, diese
Benachteiligungen abzubauen? Dadurch wäre die Spaltung doch
schon zu einem großen Teil überwunden.
(Beifall bei der PDS/Linke Liste)
Dafür sind Beispiele genannt worden. „Rückgabe vor
Entschädigung" ist eine ganz klare Benachteiligung.
Nur, die SPD hat dem Vertrag, in dem das stand,
zugestimmt, Herr Klose. Auch der Rentenkappung
haben Sie zugestimmt. Es freut mich ja, wenn Sie das
jetzt korrigieren.
(Dr.-Ing. Dietmar Kansy [CDU/CSU]: Sie
müssen sich ihm schon anpassen!)
Aber Sie verlangen von uns Aufarbeitung der
Geschichte; dann muß ich das auch von Ihnen
verlangen. Dazu hätte gehört, daß Sie sagen: Wir haben da
zuerst mitgemacht, sehen das inzwischen aber anders.
Das wäre ehrlich gewesen.
(Beifall der Abg. Andrea Lederer [PDS/Linke
Liste] )
Dabei habe ich vieles, was wir an Geld durch die
Einheit einsparen, noch gar nicht berechnet, was Sie
immer weglassen. Ich erinnere nur an
Transitpauschale und viele andere Dinge. Wenn Sie das einmal
richtig berechnen würden, käme etwas ganz anderes
heraus.
(Dieter-Julius Cronenberg [Arnsberg]
[F.D.P.]: Vier mal vier bleibt vier?)
— Wissen Sie, Sie argumentieren doch immer
wirtschaftlich. Da will ich Ihnen einmal etwas sagen:
Warum erwähnen Sie denn nie, welchen Boom es für
die westdeutsche Wirtschaft bedeutete, daß der
Binnenmarkt Ost dazukam, daß sie jährlich Waren und
Dienstleistungen im Wert von 200 Milliarden DM
zusätzlich im Osten verkauft hat — was die Rezession
hier verschoben hat —, daß 85 % der ehemaligen
volkseigenen Industrie jetzt Eigentum westdeutscher
Unternehmen sind?
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
Sie können doch nicht bestreiten, daß einige da ein
Riesengeschäft gemacht haben. Es gibt Gewinner der
Einheit; aber es gibt eben auch viele Verliererinnen
und Verlierer. Daß das nicht sozial ausgewogen
abgelaufen ist, haben Sie durch Ihre Politik zu
verantworten.
(Peter Harald Rauen [CDU/CSU]:
Hemmungsloser Schwätzer!)
Wenn Sie Massenarbeitslosigkeit bekämpfen
wollen, dann reicht Ihr „Weiter so" nicht aus. Selbst ein
Konjunkturanstieg führt nicht dazu, daß
Arbeitslosigkeit abgebaut wird. Die meisten Unternehmen sind
heute in der Lage, die Auftragszahlen zu erhöhen,
ohne eine einzige neue Arbeitskraft einzustellen.
(Peter Harald Rauen [CDU/CSU): Er hat das
Land ruiniert, und jetzt redet er so!)
Versuchen Sie, über wirkliche Reformen
nachzudenken!
Natürlich brauchen wir eine gesetzliche
Beschränkung der Zulässigkeit von Überstunden, eine Kürzung
der Arbeitszeit; und wir brauchen ein anderes
Investitionsklima.
(Zuruf von der CDU/CSU: Zynismus!)
Ein anderes Investitionsklima werden Sie aber nicht
erreichen, solange die permanent steigenden
Unternehmensgewinne in erster Linie zu den Banken
getragen und nicht investiert werden, und zwar deshalb,
weil das Finanzkapital viel stärker privilegiert ist als
das Produktionskapital.
(Georg Gallus [F.D.P.]: Sie verstehen doch
nichts von Wirtschaft!)
Denn fast jede Tätigkeit in der Wi rtschaft ist
steuerpflichtig, aber praktisch überhaupt keine Tätigkeit an
den Banken.
Wir werden das nur ändern, wenn wir auch das
Abgabensystem ändern. Es bleibt nicht länger
gerechtfertigt, daß zwei Unternehmen — das eine mit
20 Beschäftigten, das andere mit 500 Beschäftigten —
bei gleichem Umsatz völlig unterschiedliche Abgaben
in die Sozial- und sonstigen Versicherungssysteme zu
zahlen haben: das eine nämlich nur für 20, das andere
für 500 Beschäftigte.
Lassen Sie uns als Berechnungsgrundlage Umsatz
und Gewinn nehmen, und schon haben wir eine echte
Beschäftigungsförderung in dieser Gesellschaft. Es
würde nicht als erstes über den Abbau von
Arbeitsplätzen nachgedacht werden, wenn der Umsatz
einmal zurückgeht, weil dann eben auch die Abgaben
zurückgehen würden.
(Peter Harald Rauen [CDU/CSU]: Die ganze
DDR war eine Beschäftigungsgesellschaft! —
Georg Gallus [F.D.P.]: Bankrottgesell
-
schaft!)
Lassen Sie uns etwas gegen die
Steuerhinterziehung tun. Wissen Sie, gerade Sie werden besonders
aktiv, wenn irgendwo in Hamburg oder in Erfurt eine
Sozialhilfeempfängerin 10 DM zuviel hat: Da schicken
Sie ganze Kontrollgruppen hinterher. Aber daß in
diesem Land 130 Milliarden DM Steuern hinterzogen
werden, interessiert Sie nicht, weil es Ihre Klientel ist,
die diese Steuern hinterzieht. Deshalb schonen Sie
diese Leute so.
(Beifall bei der PDS/Linke Liste)
Damit könnte man eine Menge Arbeitsplätze
schaffen, gerade auch do rt , wo wir genügend Arbeit haben,
nur zuwenig Arbeitsplätze: im Bereich Verkehr, im
Bereich Ökologie, im Bereich Bildung, im Bereich
Kultur, im Gesundheitswesen und in vielen anderen
Bereichen.
(Zuruf von der CDU/CSU: So spricht ein
Kommunist! — Weiterer Zuruf von der CDU/
CSU: Ja, aber ein schlechter Kommunist!)
Ich sage Ihnen auch etwas zu Ihrem Wohnungsbau.
Auch die Wohnungsbauförderung ist im Grunde
genommen skandalös.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
— Ja, dann nehmen Sie doch bitte die konkreten
Zahlen: 1989 wurden in den neuen Bundesländern
noch 90 000 Wohnungen gebaut, 1990 waren es noch
60 000. Dann ging das auf 16 000 herunter, danach
sogar auf 13 000; jetzt, 1994, sind wir wieder bei über
20 000 angelangt.
(Peter Harald Rauen [CDU/CSU]: Sie sind ein
hemmungsloser Schwätzer!)
Insgesamt waren es im letzten Jahr über 400 000
Wohnungen.
Wissen Sie, wie viele Sozialwohnungen darunter
waren? 70 000. Das heißt, überwiegend haben Sie gar
nicht Sozialwohnungen gefördert, sondern Sie haben
solche Wohnungen gefördert, mit denen später
Mietwucher betrieben wird, was bedeutet: Sie haben
wieder Ihre Klientel bedient. Sie haben selbst die
Wohnungsbauförderung genutzt, um Reiche reicher
und Arme ärmer zu machen. Das ist eine Tatsache.
Deshalb sage ich Ihnen: Es wird höchste Zeit, daß
diese Politik eine andere wird.
Bei aller Kritik werden wir einen
Regierungswechsel natürlich nicht stoppen, obwohl die SPD vieles
mitgemacht hat: Abschaffung des Asylrechts,
Solidarpakt, der den Sozialabbau erst einleitete. Über das
Prinzip Rückgabe vor Entschädigung und vieles
andere habe ich schon gesprochen. Dennoch sage ich:
Wir werden alles unterstützen, was in Richtung
Antimilitarismus und Feminismus geht, was zu mehr
Bildung und Kultur führt, was Arbeitslosigkeit abbaut,
was Chancengleichheit in Kultur und Bildung
wiederherstellt.
Ich bin froh, daß die ideologische Schere aus der
Zeit der DDR in Kultur und Bildung überwunden ist.
Aber Sie werden mich nicht dazu bringen
zuzustimmen, daß statt dessen eine soziale Schere eingeführt
wird. Beide Scheren müssen überwunden werden, das
ist das Entscheidende.
Wissen Sie, Herr Bundeskanzler, Sie fahren durch
das Land und machen falsche Versprechungen.
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Herr Gysi, Ihre
Redezeit ist beendet.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Dr. Gregor Gysi (PDS/Linke Liste):Das ist der letzte
Satz.
Bei den vielen Ang riffen, Frau Präsidentin, ist es
schwierig, sie alle abzuwehren. Es wird höchste Zeit,
daß wir in Fraktionsstärke zurückkehren und hier
längere Redezeiten bekommen. Das würde ja dann
passieren.
Sie, Herr Bundeskanzler, versprechen erneut
blühende Landschaften und erzählen überall, daß Sie es
am 16. Oktober 1994 noch einmal wissen wollen. Die
PDS wird ihren Beitrag dazu leisten, daß Sie es auch
erfahren.
Danke schön.
(Beifall bei der PDS/Linke Liste)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Als nächster spricht
der Staatsminister für Umwelt, Energie und
Bundesanlegenheiten, Joschka Fischer.
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Frau
Präsidentin! Meine Damen und Herren! Eine
neue Regierung ist notwendig geworden, weil
sich die alte ... als unfähig erwies,
(Zuruf von der CDU/CSU: Moment, wir sind
noch nicht weg!)
gemeinsam die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen,
das Netz sozialer Sicherheit zu gewährleisten und
die zerrütteten Staatsfinanzen wieder in Ordnung
zu bringen.
(Zuruf von der CDU/CSU: In Hessen!)
Ende des Zitats.
So Originalton Helmut Kohl. Recht hat er gerade hier
und heute mit diesen weisen, prophetisch-
selbstkritischen Worten aus seiner Regierungserklärung aus
dem Jahre 1982. Eine bessere Zusammenfassung der
Ist-Situation, eine bessere Zusammenfassung der
Leistungsbilanz Helmut Kohls könnte heute nicht
gegeben werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Bilanz und Erblast der Regierung Kohl vier Jahre
nach der Einheit sind überaus deprimierend. Was Sie
heute versucht haben, das sind die blühenden
Landschaften Teil zwei. Aber das wird Ihnen nicht
gelingen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie haben Toma
-
ten auf den Augen!)
Die Fakten sprechen eine andere Sprache.
Die schlimmste Erblast ist die grassierende
Massenarbeitslosigkeit in Ost und West. Im Westen beträgt
sie 8,2 %, im Osten 14,7 %; so die offiziellen Zahlen.
Nimmt man noch die versteckte Arbeitslosigkeit
hinzu, kommt man auf wesentlich höhere Zahlen.
Angesichts dieses Dramas der Massenarbeitslosigkeit
hat sich die Regierung seit langem aus jeder aktiven
Arbeitsmarktpolitik verabschiedet und läßt statt
dessen die Dinge tatenlos treiben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Einheitspolitik dieser Regierung ist völlig
gescheitert. Die blühenden Landschaften waren
blühender Unfug, Herr Bundeskanzler. Wir finanzieren
heute die Einheit auch nicht aus den
Steuerzuwächsen, wie Sie das damals im Westen verkündet haben.
Die Absage an eine aktive staatliche Industriepolitik
und das selige Vertrauen auf die westdeutschen
Marktkräfte haben sich als ein historischer Irrtum
sondergleichen erwiesen.
Wir finanzieren heute Massenarbeitslosigkeit, weil
diese Regierung aus marktwirtschaftlich-
ideologischer Verblendung heraus nicht in der Lage war, sich
beizeiten von ihren Rosinenträumen der Marktkräfte
im Osten zu verabschieden und die industriellen
Kerne zu erhalten. Die Unternehmen dort hatten
keine Chance, sich auf die Marktwirtschaft
einzustellen, und so finanzierten wir nicht Arbeit, sondern
Arbeitslosigkeit. Das ist Ihr ureigenster Beitrag zu
dem Debakel in den neuen Bundesländern.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD — Peter
Harald Rauen [CDU/CSU]: Frieden und
Sozialismus!)
Meine Damen und Herren, wenn man an ein Leben
nach dem Tode glaubt und wenn Franz Josef Strauß
heute morgen den Glos gehört hat, muß er den Kopf in
eine Gewitterwolke gesteckt haben, um das nicht
mitzubekommen, so mies und so elend daneben war
dieser Auftritt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Aber wenn Sie, meine Damen und Herren, und Sie,
Herr Bundeskanzler, neuerdings nachts schon von
roten Socken träumen und sich im Traum schon eine
rote Zipfelmütze über die Nase ziehen, dann sage ich
Ihnen: Es ist das Ergebnis Ihrer Politik, das Sie in den
Wahlergebnissen der PDS wiederfinden können,
direkt und unmittelbar.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Enttäuschung derjenigen, die „Helmut,
Helmut! " rufend über die Marktplätze zogen, als Sie mit
der D-Mark wie mit einer Monstranz durch die neuen
Bundesländer zogen
(Zurufe von der CDU/CSU und der F.D.P.)
und Versprechungen machten, von denen Sie wußten,
daß Sie sie nicht würden halten können, führt heute
unmittelbar zur Stimmabgabe für die PDS. Das wissen
Sie ganz genau.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Was Sie jetzt versuchen, ist, die PDS durch völlig
unqualifizierte Angriffe hochzureden. Was Sie jetzt
versuchen, ist, die Rechnung hinzubekommen, daß
am Ende die Stimmabgabe für die PDS eine
Reformalternative in diesem L ande am 16. Oktober verhindern
soll. Das ist alles, was Sie betreiben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei der SPD)
Eine weitere schlimme Erblast der Ära Kohl ist die
explodierende Staatsverschuldung, das direkte
Ergebnis jener völlig verfehlten Einheitspolitik, die
allein auf die selbstheilenden Kräfte des Marktes und
auf eine verantwortungslose Schuldenpolitik zur
Finanzierung des Aufbaus Ost vertraut hat.
Die Regierung Kohl begann 1982 mit 600 Milliarden
DM öffentlichen Schulden und hinterläßt heute bei
ihrem Abtritt mehr als 2 000 Milliarden DM öffentliche
Schulden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Falsch!)
Und Theo Waigel gilt immer noch als ein
Riesenfinanzminister.
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Ist er auch!)
— Sehr gut. — Und weil er ein Riesenfinanzminister
ist, werden Sie mir zustimmen, daß wir in den astro
-
nomischen Karten das größte schwarze Loch nach ihm
benennen sollten.
(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ
NEN und bei der SPD)
Denn er wirkt ähnlich auf die öffentlichen Finanzen.
Wir nennen es das Theo-Waigel-Loch.
Ich will es Ihnen noch weiter erklären:
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Das müßt ihr
gerade erklären!)
In jedem schwarzen Loch, das zur Materievernichtung
wie er zur Vernichtung von Steuereinnahmen führt,
sitzt ein schwarzer Zwerg, der dies veranlaßt.
Insofern, meine Damen und Herren, kann ich Ihnen
nur sagen: Theo Waigel und Helmut Kohl sind
verantwortlich für ein Debakel der Staatsfinanzen. Wenn
eine rot-grün-regierte Koalition, wenn ein
sozialdemokratischer Bundeskanzler auch nur einen Teil
dieser Staatsschulden zu verantworten hätte, Sie
hätten doch zur Revolution und Konterrevolution in
einem aufgerufen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD — Peter Hintze [CDU/CSU]:
O weh!)
Es kommt noch besser: Sie haben damals
Steuererhöhungen rigoros ausgeschlossen. Ich erinnere mich
an jene bundesweite Anzeigenkampagne der CDU/
CSU: „Es bleibt dabei: Keine Steuererhöhungen für
die deutsche Einheit!" Hier habe ich es schwarz auf
weiß. Das kommt nicht aus der Propagandaschmiede
der SPD und auch nicht der GRÜNEN, sondern das
kommt direkt aus dem Konrad-Adenauer-Haus.
(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Regen
Sie sich doch nicht so auf!)
Sie wußten damals schon, daß dies nicht zu halten
ist. Sie haben bewußt die Unwahrheit gesagt, Herr
Bundeskanzler, und das nennt man eine Lüge.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Es war Ihre Steuerlüge.
Diese Steuerlüge hatte es in sich, denn direkt nach
der Bundestagswahl hagelte es Steuererhöhungen
und Abgabenerhöhungen. Zählen wir nur mal ein
paar auf: die Erhöhung der Mehrwertsteuer,
Versicherungssteuer, Kfz-Steuer, Mineralölsteuer,
Erhöhung der Tabaksteuer, höhere Beiträge zur
Arbeitslosenversicherung und zur Rentenversicherung und
schließlich der Solidaritätszuschlag von 7,5 %.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Warum schreien
Sie so?)
— Ja, Herr Glos, daß Ihnen das nicht gefällt, ist mir
schon klar. Sie sind vor der letzten Bundestagswahl
mit einer Steuerlüge angetreten.
(Siegfried Hornung [CDU/CSU]: Alkohol
steuer!)
Daß Ihnen da die Aufzählung dieser Fakten nicht
gefällt, ist mir völlig klar. Trotzdem werden Sie es sich
anhören müssen.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Am meisten stört
ihn die Alkoholsteuer!)
Eine weitere Erblast Kohl: Herr Bundeskanzler, Sie
haben dieses Land entsolidarisiert. Das zeigen die
Fakten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD — Widerspruch bei der
CDU/CSU)
Sie haben dieses Land, angetrieben von der F.D.P., in
die soziale Kälte geführt.
(Lachen bei der CDU/CSU — Dieter-Julius
Cronenberg [Arnsberg] [F.D.P.]: Das
glauben Sie doch selbst nicht!)
— Doch. — Die Zahl der Sozialhilfeempfänger hat sich
unter Ihrer Regierung von 2 auf 4 Millionen Menschen
verdoppelt, darunter 100 000 Kinder. Die
Sozialhilfekosten explodieren und ruinieren die kommunalen
Finanzen. Schauen Sie sich doch mal den Zustand der
städtischen Finanzen an, für den Sie die
Verantwortung tragen, weil Sie viele Leistungen vom Bund auf
die kommunale Ebene verlagert haben, ohne
zusätzliche Einnahmemöglichkeiten für die Städte zu
erschließen, egal welche Mehrheiten in diesen
Städten regieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD — Zuruf von der F.D.P.: Mit
Zustimmung der SPD!)
Aber es ist noch schlimmer: Wohnungsnot und
unbezahlbare Mieten sind eine bittere Realität im
vereinigten Deutschland in Ost und West. Mehr als
7 Millionen Deutsche leben unterhalb der
Armutsgrenze. Nahezu 1 Million Menschen sind obdachlos
und hausen auf der Straße.
Ich frage Sie, Herr Bundeskanzler: Wo bleibt
angesichts der wachsenden Armut, die Sie politisch zu
verantworten haben, eigentlich Ihr christliches
Menschenbild? Diese Antwort würde mich angesichts der
schlimmen sozialen Realitäten in diesem L and
wirklich interessieren.
(Abg. Hannelore Rönsch [Wiesbaden] [CDU/
CSU] meldet sich zu einer Zwischenfrage)
Präsidentin Dr. Rita Süssmuth: Herr Minister
Fischer, gestatten Sie eine Zwischenfrage der
Abgeordneten Rönsch?
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Nein,
meine Redezeit ist zu beengt, als daß ich jetzt eine
Zwischenfrage zulassen könnte.
Der Hinweis auf das christliche Menschenbild
bringt mich zu einer anderen Frage, meine Damen
und Herren: Wie steht es nach zwölf Jahren
Kanzlerschaft von Helmut Kohl eigentlich um den
Kernbereich seiner christlichen Politik, um die Familie, um
die Kinderfreundlichkeit dieser Gesellschaft?
(Klaus Bühler [Bruchsal] [CDU/CSU]:
Hervorragend! — Michaela Geiger [CDU/CSU]:
Sehr gut! — Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: So
gut wie nie zuvor!)
Ist in den zwölf Jahren der Regierung von Helmut Kohl
unsere Gesellschaft kinderfreundlicher,
familienfreundicher geworden?
(Zuruf von der CDU/CSU: Ja!)
Haben Sie mehr Steuergerechtigkeit, eine
verbesserte Wohnungssituation und eine gerechte
Lastenverteilung zugunsten der Familien und
kindererziehender Eltern herbeigeführt?
(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Ja!)
Davon kann doch keine Rede sein. Das Gegenteil ist
richtig.
Noch heute, nach zwölf Jahren christlicher
Regierung Kohl, sind Eltern oder gar Alleinerziehende mit
Kindern die Lastesel des bundesdeutschen
Steuersystems und des Generationenvertrags unseres
Rentensystems.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Das ist die ganze, die bittere Wahrheit dieser sich
christlich nennenden Regierung. Am schlimmsten
trifft es die alleinerziehenden Frauen.
(Vorsitz: Vizepräsident Dieter-Julius Cro
-
nenberg)
In Ostdeutschland kam es nach der Einheit zu einem
katastrophalen Zusammenbruch der Geburtenrate.
Diese Entwicklung hat sehr viel mit Wohnungsnot, mit
Frauenarbeitslosigkeit, mit verlorenen Möglichkeiten
der Kinderbetreuung und anderen abgewickelten
Dingen zu tun. Eine schlimmere Kritik der Menschen
an der Kohlschen Einheitspolitik als diese
bedrükkende Tatsache dürfte es für einen Christdemokraten
eigentlich nicht geben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Aber damit halten Sie sich nicht allzulange auf,
sondern verkünden, wie gesagt, den Aufschwung. Sie
verkünden: Es geht voran, die Landschaften werden
blühen; glaubt mir noch weitere vier Jahre! — Ich
glaube nur, Sie werden die Gelegenheit dazu nicht
mehr bekommen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Schwach, sehr
schwach!)
Schauen wir uns die Umweltpolitik an. Gerade jetzt
in der Wirtschaftskrise ist die Umweltpolitik nicht
mehr vor allen Dingen eine Frage des nachsorgenden
Umweltschutzes, sondern die entscheidende
Standortfrage der Zukunft. Eine Industriegesellschaft, die
jetzt nicht ökologisch umbaut
(Dr. Herta Däubler-Gmelin [SPD]: Richtig!)
und ihre Strukturen radikal auf das 21. Jahrhundert,
d. h. auf eine wachsende Weltbevölkerung, auf einen
dramatisch wachsenden Weltmarkt umstellt und mit
Energiewende, mit Verkehrswende, mit ökologischer
Steuerreform Ernst macht, wird die Standortfrage des
21. Jahrhunderts nicht mehr lösen können.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
In dieser Hinsicht kommt von Ihnen gar nichts. Die
Reisekosten nach Rio hätten Sie sich wirklich
schenken können.
(Georg Gallus [F.D.P.]: Die einzigen, die dort
aktiv waren, waren die Deutschen!)
— Es ist doch ein Trauerspiel, Herr Gallus. Die
Umweltpolitik dieser Regierung erschöpft sich in
endlosen Ankündigungen. 60 Ankündigungen sind
ein Töpfer; so heißt die neue Maßeinheit für Nichtstun
in der Umweltpolitik.
(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN und bei der SPD)
Sie haben die Umweltpolitik doch bei der
Großindustrie abgegeben.
(Bundesminister Dr. Klaus Kinkel: Schreien
Sie doch nicht so!)
— Herr Kinkel, es täte Ihnen vielleicht nicht schlecht,
wenn auch Sie ein bißchen lauter wären. Dann
werden Sie am Ende gewählt.
(Bundesminister Dr. Klaus Kinkel: Aber Sie
sollen nicht so laut schreien!)
— Doch, das müssen Sie sich schon anhören. Ich
mußte mir Herrn Glos und Ihren
Fraktionsvorsitzenden auch anhören.
(Dr. Jürgen Rüttgers [CDU/CSU]: Herr
Präsident, warum schreit der Herr so? — Weitere
Zurufe von der CDU/CSU)
— Ich nehme Rücksicht auf Ihr feines Gehör, Herr
Abgeordneter Rüttgers, würde mir aber wünschen,
daß Sie mit Ihrem Mäusegehör ähnlich sorgsam, wie
Sie das jetzt tun, auch die feinen nationalen Töne Ihres
Fraktionsvorsitzenden hören.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
In der Umweltpolitik haben Sie doch schon längst
die Kompetenz an die Indust rie abgegeben.
(Friedhelm Ost [CDU/CSU]: Quatsch!)
Wer anders als die Autoindustrie macht denn in
diesem Lande die Verkehrspolitik? Wer macht
Energiepolitik? — Die Stromunternehmen. Wer macht
Abfallpolitik? — Dieses unsägliche Duale System
Deutschland mit seinem Grünen Punkt.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Jetzt kommt es
raus!)
Das ist die Realität der Umweltpolitik. Das
Gentechnikgesetz hat konsequenterweise die
Chemieindustrie gleich selbst geschrieben.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Das alte
Klassenkampfgeschwätz!)
— Das ist kein Klassenkampfgeschwätz, sondern die
deprimierende Bilanz der von Ihnen politisch zu
verantwortenden Realität, Herr Hintze.
(Beifall bei der SPD)
Das ist das, was Sie hinterlassen haben und womit wir
aufräumen werden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das fehlt uns
noch!)
— Machen Sie sich keine Sorge. Das packen wir mit
Entschlossenheit an. Wenn Ihnen das fehlt,
bekommen Sie es auch.
(Abg. E rika Steinbach [CDU/CSU] meldet
sich zu einer Zwischenfrage)
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Frau
Kollegin, der Redner hat zu erkennen gegeben, daß er
keine Zwischenfragen zuläßt. — Das ist doch richtig,
Herr Minister?
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Ja, so ist
es.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Fragen kann er
sowieso nicht beantworten!)
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Dann bitte
ich Sie, sich wieder zu setzen.
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Herr
Präsident, meine Damen und Herren, ich sage nochmals:
Wenn wir mit dem ökologischen Umbau jetzt nicht
Ernst machen, dann werden wir auch die zentrale
Chance der Schaffung der notwendigen vier
Millionen zusätzlichen Arbeitsplätze vertun.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Richtig!)
Eine Regierung, die jetzt nicht begreift, daß wir mit
den traditionellen Stärken der deutschen Wirtschaft
nicht in das 21. Jahrhundert erfolgreich werden
eintreten können,
(Siegfried Hornung [CDU/CSU]: Aber mit
Ihrer Politik!)
versündigt sich an der Zukunft dieses Landes.
(Beifall bei Abgeordneten des BÜNDNIS
-
SES 90/DIE GRÜNEN und der SPD)
Das wird nämlich zum Stillstand führen; und dieser
Stillstand wird Rückschritt bedeuten.
Deswegen, meine Damen und Herren, brauchen
wir eine Energiepolitik, die den Durchbruch zu einer
Energiesparwirtschaft schafft und auch das nationale
Forschungsziel formuliert: Markteinführung der
erneuerbaren Energieträger innerhalb der kommenden
zehn Jahre. Wir brauchen eine Umweltsteuerreform,
die mit der Umlastung weg von den
Arbeitseinkommen, hin zum Rohstoff, zum Energieverbrauch Ernst
macht. Wir brauchen deswegen eine
Primärenergiesteuer; dabei darf nicht gezögert und gezaudert
werden. Wir brauchen auch eine kontinuierliche,
sukzessive Erhöhung der Mineralölsteuer;
(Wolfgang Zöller [CDU/CSU]: Immer nur
Steuererhöhung! — Horst Seehofer [CDU/
CSU]: Steuern! Steuern! Steuern!)
denn nur so werden wir tatsächlich die nötigen Mittel
für eine Investitionsoffensive bei den öffentlichen
Verkehrsträgern bekommen. — Das alles wird von
dieser Regierung nicht angepackt.
Lassen Sie mich aber zum Schluß noch eines
ansprechen: Der Bundeskanzler Helmut Kohl wird nicht
mehr die Kraft haben, — —
(Lachen bei der CDU/CSU — Zuruf von der
CDU/CSU: Die anderen brauchen doch
gleich drei!)
— Ich möchte Ihnen — und da muß ich dem
Bundeskanzler fast ein Lob aussprechen —, wenn Sie sich
über Schattenkabinette aufregen, nur eines sagen:
Nehmen Sie Kohl hier weg, dann wirft die ganze
Truppe nicht einmal mehr Schatten! Das ist doch die
Realität.
(Heiterkeit und Beifall beim BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN und bei der SPD)
Sie wissen das doch. Schauen Sie es sich doch an: Die
Landesgruppe der CSU ist auf Glos gekommen. Ihnen
muß es bitter schlecht gehen, meine Damen und
Herren, wirklich bitter schlecht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD — Bundesminister Dr.
Theodor Waigel: Prima Mann!)
— Prima Mann? Ich glaube Ihnen, daß Ihnen das
gefällt. Wenn da ein stärkerer Mann wäre, hätten Sie
Probleme, Herr Waigel. Das ist mir völlig klar.
(Heiterkeit bei der SPD — Weitere Zurufe des
Bundesministers Dr. Theodor Waigel)
Ich gebe es an Sie weiter: Sie sind ein prima Mann.
Weiter so!
(Heiterkeit beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN und bei der SPD)
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ich
möchte die beiden Herren bitten, den Dialog an
anderer Stelle fortzusetzen. Die Regierungsbank ist
nicht der geeignete Ort, mit Zwischenrufen
einzugreifen.
(Bundesminister Dr. Theodor Waigel: Ja, ich
weiß schon! Ich sehe ihn aber von einer Seite,
von der Sie ihn nicht sehen! — Heiterkeit bei
der CDU/CSU)
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Ich möchte
zum Schluß ein Problem ansprechen: Die Alternativen
sind in der Tat Stillstand oder ökologische und soziale
Erneuerung. Diese Bundesregierung wird das nicht
mehr packen. Der Kanzler will es noch einmal wissen,
aber eher aus sportlichem Ehrgeiz, nicht weil ihn die
innenpolitischen Probleme wirklich noch
interessierten.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Der Rest der Truppe hat weder das Talent noch die
Kraft, es anzupacken.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das ist eine
Unverschämtheit!)
Was Sie aber anpacken werden, ist absehbar: Es
wird — jetzt hören Sie gut zu, Herr Kinkel; denn Sie
sitzen mitten drin — eine zunehmend nationalistische
Prestigepolitik nach außen sein.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD — Lachen
bei der CDU/CSU)
Ich sage Ihnen: Das wird die Konsequenz sein, wenn
diese Mehrheit an der Regierung bleibt.
Wo sind Sie denn mit Ihrer Jugoslawien-Politik
gelandet? Wo sind Sie mit Ihrer Somalia-Politik gelan
-
det? Wo sind Sie mit Ihren Krisenreaktionskräften
gelandet?
(Georg Gallus [F.D.P.]: Das ist eine Unver
schämtheit!)
Es ist doch ein Irrsinn, daß deutsche Soldaten im
Ausland wieder auftreten. Als wenn der Welt 40 Jahre
lang etwas gefehlt hätte! Das Gegenteil war der Fall:
Solange deutsche Soldaten im Bündnis waren, im
Ausland jenseits der Bündnisgrenzen aber nicht
aufgetreten sind, war das eine Zeit des Friedens.
(Lachen und Widerspruch bei der CDU/CSU
und der F.D.P.)
— Ja, so lange herrschte in Europa eine Zeit des
Friedens. Vorher gab es in Europa zwei Weltkriege.
(Horst Seehofer [CDU/CSU]: Das ist ja unge
heuerlich! — Weitere Zurufe von der CDU/
CSU)
— Das gefällt Ihnen nicht, meine Damen und
Herren.
Deswegen sage ich Ihnen: Was Herr Schäuble jetzt
mit seinem Vorschlag gemacht hat, das liegt auf
derselben Linie wie der ständige Sitz im
Sicherheitsrat.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Vizepräsident Dieter -Julius Cronenberg: Meine
Damen und Herren, ich mag Verständnis für Ihre
Erregung haben, bitte aber doch sehr, nicht so laut zu
sein, daß der Redner für diejenigen, die zuhören
wollen, nicht mehr zu verstehen ist.
Herr Minister, Sie muß ich darauf aufmerksam
machen, daß die Redezeit, die Sie jetzt zusätzlich, über
die ursprüngliche Redezeit hinaus, in Anspruch
nehmen, auf Kosten der Fraktion des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN geht. Sie kennen die Usancen des
Hauses, nicht?
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Ja, ja.
Vizepräsident Dieter -Julius Cronenberg: Nicht, daß
ich nachher Beschwerden bekomme. — Nun fahren
Sie fort.
Staatsminister Joseph Fischer (Hessen): Herr
Präsident! Meine Damen und Herren! Dennoch, an diesem
Punkt ist es mir wichtig — —
(Michael Glos [CDU/CSU]: Sind Sie mit dem
Außenminister verwandt?)
— Das hat nichts mit dem Außenminister zu tun,
sondern ist ein zutiefst innenpolitisches Problem.
Sie, Herr Schäuble, wissen ganz genau, welche
Büchse der Pandora Sie öffnen.
(Michael Glos [CDU/CSU]: So ein Unfug!)
Sie, Herr Schäuble, wissen ganz genau, daß der
Vorschlag, den Sie gemacht haben, nichts damit zu
tun hat, die europäische Einigung voranzubringen,
sondern faktisch darauf hinauslaufen wird, die
deutschen Bindungen in Europa zu lockern und in
Richtung eines deutschen Hegemonialanspruchs zu
gehen.
(Lachen bei der CDU/CSU)
Sie, Herr Schäuble, wissen ganz genau, daß die
Umsetzung Ihrer Vorschläge das Gegenteil von dem
bewirken wird, was Sie angeblich vorhaben. Es wird
nicht zu einer Vertiefung der europäischen Einigung
führen. Vielmehr hantieren Sie mit Dynamit, das,
wenn es losgeht, den europäischen Einigungsprozeß
sprengen wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD)
Dann haben Sie genau die Situation, daß
innenpolitisch von einer ratlosen, vom Antikommunismus
befreiten Union, die das Bindemittel nicht mehr hat,
auf den, wie Sie es nannten, Kitt der Nation
zurückgegriffen wird. In der Ära nach Kohl wird die Union
zunehmend an nationale Traditionsbestände
vordemokratischer Art anknüpfen.
(Dr. Wolfgang Freiherr von Stetten [CDU/
CSU]: So ein Quatsch!)
Das werden Sie in Außenpolitik umsetzen.
Das ist für mich die zentrale Entscheidung am
16. Oktober. Wenn diese Regierung dranbleibt, wird
sie aus innenpolitischer Schwäche einem neuen
Nationalismus den Weg bereiten und dies in
außenpolitische Abenteuer umsetzen.
(Peter Hintze [CDU/CSU]: Hetze!)
Deswegen, meine Damen und Herren, muß sie
dringend abgewählt werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
PDS/Linke Liste — Peter Hintze [CDU/CSU]:
Seht her! SPD und PDS klatschen! — Eduard
Oswald [CDU/CSU]: Da ist das rot-grüne
Bündnis sichtbar!)
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Meine
Damen und Herren, ich erteile nunmehr dem
Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl das Wort.
Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler (von der CDU/CSU
und der F.D.P. mit Beifall begrüßt): Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Damen und Herren!
Haushaltsdebatte ist im Wahljahr natürlich auch ein Stück
gelebter Wahlkampf. Sie haben völlig recht, Herr
Klose. Das ist so. Ich beschwere mich nicht. Aber ich
bin, muß ich sagen, nach zwölf Jahren jetzt so
gebeutelt, daß ich mich nur noch mühsam ans Pult
schleppe.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU —
Heiterkeit bei der F.D.P.)
Wissen Sie, wenn man so viele Leute auf Ihrer Seite
hat aussitzen müssen, dann bleibt einem gar nichts
anderes mehr übrig, als stehenzubleiben.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU —
Heiterkeit bei der F.D.P.)
Herr Klose, ich will Ihnen jetzt nicht schaden. Jeder
weiß, daß ich für Sie besondere Sympathie empfinde.
Aber Ihr Gesicht war schon interessant, als eben der
denkbare und in Ihrer Kombination erwünschte
Vizekanzler und Außenminister gesprochen hat.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Selbst Ministerpräsident Oskar Lafontaine war einen
Moment betroffen, und bei dem will das etwas
heißen.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Ich finde, darauf muß man nicht viel sagen.
Wir sollten jetzt wirklich zu den
Auseinandersetzungen, zu den wirklichen Themen kommen, die
natürlich auch im Wahlkampf eine Rolle spielen. Es ist
ganz klar, daß da nach beiden Seiten auch zugelangt
wird. Ich bin völlig mit Ihrer Eingangsbemerkung
über jene einverstanden, Herr Klose, die an uns
überheblich Kritik üben, weil wir miteinander
kämpfen. Wenn wir es nicht täten, würden die gleichen
Leute schreiben: Sie haben alles unter dem Tisch
ausgekungelt. — Lassen Sie uns also frisch, fröhlich,
frei — das ist wieder nationalistisch! —
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU —
Heiterkeit bei der F.D.P.)
miteinander kämpfen. Auch ich tue es.
Meine Damen und Herren, Sie können mit mir
reisen. Dann werden Sie sehen, Herr Klose, daß in
Frankfurt an der Oder 10 000 Leute nicht
zusammengekarrt werden, sondern daß sie kommen und daß auf
allen Plätzen, wo ich vor vier Jahren war, die Leute
wiederkommen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
-
ordneten der F.D.P.)
Natürlich kommen auch andere. Das ist ein freies
Land. Das einzig wirklich gute Zitat von Rosa
Luxemburg lautet: Freiheit ist immer die Freiheit des
Andersdenkenden.
(Dr. Gregor Gysi [PDS/Linke Liste]: Mehr
haben Sie nicht gelesen!)
Dann sollen auch die anderen kommen! Ich lade Sie
ein, einmal mitzugehen. Dann sehen Sie übrigens die
letzten roten Fahnen. Man sieht sie nur noch in Kuba
und dort, wo die PDS versucht, wieder Fuß zu fassen —
heute bei uns in Deutschland.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Herr Kollege Klose, das Kompliment muß ich Ihnen
machen: Sie sind schon ein Könner, wie Sie hier so
auftreten. Das war wirklich Hamburger Stil.
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]:
Staatsmännisch!)
Sie haben uns erst einmal ein paar anständige
Komplimente gemacht. Danach haben Sie uns bewiesen,
wie man richtig zuschlagen kann, ohne gleich
grobschlächtig zu werden, wie wir das gestern erlebt
haben. Das hat mir gefallen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Das hat mich eigentlich auf die Idee gebracht, Herr
Ministerpräsident Scharping, Sie zu fragen: Warum
haben Sie den Kollegen Klose nicht auch noch in die
„Troika" aufgenommen?
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P. — Michael Glos [CDU/
CSU]: Eine Quadriga!)
Statt mit einer Troika würde man es ja auch mit einer
Quadriga machen können. Aber jetzt habe ich gehört,
warum das nicht geht: Es wäre ja wieder
Nationalismus, meine Damen und Herren.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Also: Es war gekonnt, Respekt. Es war
Miesmacherei auf hohem Niveau. Insofern kommen Sie dem
deutschen Zeitgeist, wie er sich in wichtigen, nicht
zuletzt in Hamburg gedruckten Erzeugnissen äußert,
weit entgegen.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU
sowie bei Abgeordneten der F.D.P.)
Aber, Herr Klose, das Land, von dem Sie gesprochen
haben, ist nicht diese Bundesrepublik, in der wir
gemeinsam leben. Deswegen, finde ich, sollten wir bei
allem Wahlkampf doch — wie man zu sagen pflegt —
die Kirche im Dorf lassen.
Auch zu folgendem möchte ich ein Wort sagen. Herr
Ministerpräsident Scharping, ich habe natürlich mit
großem Interesse und gebannt Ihre Ausführungen in
Dortmund gehört,
(Freimut Duve [SPD]: Da hätten Sie mal
kommen sollen!)
wie umgekehrt Sie die meinen; das gehört sich so. Wir
geben zumindest vor, wir würden es tun, auch wenn
wir es gar nicht gemacht haben. Auch das gehört zum
Stil. Aber eines habe ich nicht ganz verstanden,
nämlich daß Sie gesagt haben: Die drei, die jetzt
antreten, sind alle besser als der gegenwärtige
Amtsinhaber. Ich frage Sie, meine Damen und Herren:
Warum kommen Sie denn dann mit dreien?
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Jetzt sitze ich zwölf Jahre auf diesem bzw. auf dem
Platz in dem anderen Saal.
(Ministerpräsident Oskar Lafontaine [
Saarland]: Entschieden zu l ange!)
— Ich bin ja einverstanden damit, daß Sie sagen:
Entschieden zu l ange. Ich sage aber: Ich sitze
darauf.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Bis jetzt sind schon sechs gegen mich angetreten.
Zuerst kam Hans-Jochen Vogel, dem ich meinen
besonderen Respekt — auch weil es für ihn vielleicht
die letzte Plenarsitzung ist — ausdrücklich noch
einmal bekunden möchte. Wir haben miteinander
viele Schlachten ausgetragen, und jeden Tag denke
ich mit mehr Wehmut an Sie, wenn ich andere sehe.
Auch das gehört dazu.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Dann kam Johannes Rau. Er hat sich als
bibelmächtig erwiesen.
(Zuruf von der SPD)
— Ja, natürlich; ich sage ja weiter gar nichts. Ich habe
doch etwas Positives über ihn gesagt.
Dann kam Oskar Lafontaine, der jetzt wieder da ist.
Danach war Björn Engholm an der Reihe, von dem Sie
schon gar nicht mehr reden. Er galt doch als der Enkel,
der alles wegwischt. Jetzt kommt Rudolf Scharping.
Und bei dem letzten weiß ich nicht: Ist er schon da oder
ist er noch nicht da? Er kommt sicherlich; 1998 will er
es versuchen: Gerhard Schröder.
Ich habe überhaupt nichts dagegen. Bloß eines fällt
mir schon auf. Da Sie doch vor ein paar Monaten hier
das Ende der Ära Kohl verkündeten und da jetzt sogar
Fernsehsendungen mich zu einem Phänomen
umwidmen, empfinde ich eine gewisse Genugtuung
darüber, daß ich hier stehe, daß ich mein Glas Wasser
trinken kann und daß noch eine Menge Leute bereit
sind, die Union und die Koalition zu wählen. Das
macht mir Spaß und Freude!
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Herr Kollege Klose, Sie haben es ja schwer; das gebe
ich zu. Denn Sie sind doch ein kundiger Thebaner.
Welche Kritikpunkte an unserer Außenpolitik haben
Sie eigentlich gefunden? Nach langem Suchen — ich
glaube nicht einmal, daß Sie es waren, der es
gefunden hat, denn dazu halte ich Sie für viel zu
einsichtig — haben Ihre Mitarbeiter jetzt zwei Sachen
gefunden. Die erste ist: Wir strebten in unangemessener Eile
in den Weltsicherheitsrat. Aber, lieber Herr Kollege
Klose, das ist doch barer Unsinn; erlauben Sie das
Wort. Wir streben dort überhaupt nicht hinein.
Vielmehr hat die von Ihnen erwähnte Dritte Welt durch
den Vorsitzenden der Blockfreien, den Präsidenten
Suharto aus Indonesien, vor Jahr und Tag schon laut
verkündet: Die Blockfreien — das ist eine riesige
Mehrheit in den Vereinten Nationen — wünschen,
daß Deutschl and und Japan in den Weltsicherheitsrat
kommen, und verbinden das natürlich mit dem
Wunsch, daß zwei Länder aus Asien, nämlich Indien
und Indonesien, eines aus Südamerika, Brasilien, und
eines aus Afrika, Nigeria, ständige Sitze im
Weltsicherheitsrat erhalten.
Sollen wir jetzt sagen „Wir wollen das überhaupt
nicht"? Das verstünde doch kein Mensch.
(Hans-Ulrich Klose [SPD]: Das ist doch gar
nicht der Punkt, um den es geht!)
Wir, auch der Minister Klaus Kinkel, sagen ganz
einfach: Wir drängen uns überhaupt nicht vor,
sondern wir nehmen die Gelegenheit wahr. Wenn wir
jetzt nichts machen würden, würden Sie doch
kommen und sagen: Ihr vertut jede Chance. Also: Was
soll's?
(Helmut Wieczorek [Duisburg] [SPD]: Das
war nichts!)
— Das ist doch die Wahrheit, auch wenn es Ihnen
schwerfällt.
Das Zweite, das hier gilt, weiß auch jeder, nämlich
daß diese Bundesregierung und diese Koalition — hier
beziehe ich ausdrücklich frühere Kollegen,
beispielsweise Hans-Dietrich Genscher, mit ein — in diesen
zwölf Jahren vieles getan haben, um das Ansehen
Deutschlands in der Welt zu festigen und
voranzubringen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Natürlich ist wahr: Wir hatten auch Glück, wir
haben Fortune gehabt. Aber wir haben die Chance
auch genutzt. Herr Klose, es stünde Ihnen gut an,
zuzugegeben oder zu sagen: In der modernen
Geschichte der Deutschen gab es niemals einen
Zeitpunkt, da die Beziehungen zwischen Deutschland
— seiner Regierung, von mir aus auch dem
Regierungschef — und Rußland, den Vereinigten Staaten
von Amerika, Großbritannien und Frankreich so
exzellent waren wie heute. Das ist ein Riesenerfolg.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Wir haben doch binnen weniger Wochen drei
unvergeßliche Ereignisse erlebt bzw. werden sie
morgen erleben. Ich nenne als erstes den französischen
Nationalfeiertag am 14. Juli. 50 Jahre nachdem
deutsche Soldaten als Kriegsgefangene über die
Champs-Elysées getrieben wurden, sind deutsche
Soldaten, unsere Söhne, mit ihren französischen
Kameraden aus dem Eurocorps bei der Parade zum
14. Juli in Paris gewesen. Das ist eine großartige Geste
von François Mitterrand, für die wir und ich dankbar
sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Nach kurzem Zögern hat eine riesige Mehrheit der
französischen Öffentlichkeit, auch die Mehrheit der
Angehörigen der Résistance-Bewegung, dieser Geste
zugestimmt.
Zweitens. Wir haben dieser Tage bei der
Verabschiedung russischer Soldaten aus Deuschland in
Berlin eindrucksvolle Stunden erlebt. Es war doch
wirklich wie die Erfüllung eines Traumes, daß die
letzten russischen Soldatenjetzt abziehen — 50 Jahre,
nachdem die Sowjetarmee das deutsche Reichsgebiet
erreicht hatte, mit dem vor Augen, was Deutsche in
der damaligen Sowjetunion getan hatten — und daß
sie zum Abschied ein Lied für Deutschl and dichten
und komponieren.
Ich meine, wer hier nicht empfunden hat, daß uns
allen eine historische Stunde, die Frieden und Zukunft
verheißt, geschenkt wurde, dem ist sowieso nicht zu
helfen.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Morgen schließlich werden wir die Alliierten, die
uns geholfen haben, Frieden und Freiheit in der alten
Bundesrepublik zu erhalten — Amerikaner, Briten
und Franzosen — , aus Berlin verabschieden. Ich finde,
wir haben viel Grund zur Dankbarkeit, daß wir das
erleben dürfen.
Das war nicht nur die Leistung einer Regierung oder
gar eines Mannes. Da haben viele mitgeholfen, und
ich schließe hier alle meine Amtsvorgänger
ausdrücklich ein. Aber, meine Damen und Herren, es ist eben
gelungen. Einen kleinen Beitrag, so glaube ich,
konnte ich wie die Kollegen im Kabinett und andere
auch dazu leisten. Wenn wir das jetzt sagen, dann ist
das doch eigentlich ganz selbstverständlich.
Herr Klose, stellen Sie sich einmal vor, mein
Vorgänger, der in der Inszenierung viel begabter war als
ich, hätte diese Möglichkeiten gehabt. Am Rhein hätte
es von der Mündung bis zum Bodensee laute
Lobeshymnen gegeben. Also: Seien Sie mit uns ein bißchen
gnädig, wenn wir uns darüber freuen!
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
Herr Klose, nun haben Sie zu dem älteren
Phänomen noch ein jüngeres hinzuerfunden. Also, wenn
man das hört, was Sie da alles über den Kollegen
Schäuble sagen, dann muß ich wirklich fragen: Was
soll denn das? Sie wissen, das ist doch alles blühender
Unsinn; das wissen Sie so gut wie ich. Das ist wirklich
blühender Unsinn.
(Widerspruch bei der SPD — Helmut Wiec
-
zorek [Duisburg] [SPD]: Kann er sich nicht
selber wehren? — Weitere Zurufe von der
SPD)
Ich werde gleich ein Wort dazu sagen. Zunächst
jedoch will ich die Sache noch einmal auf den Punkt
zurückführen.
(Zurufe des Abg. Freimut Duve [SPD])
— Auch mit lauter Stimme vorgetragen werden Ihre
Argumente nicht besser; das habe ich Ihnen früher
schon einmal gesagt.
(Heiterkeit und Zustimmung bei der CDU/
CSU)
Sie sind als Bariton erwünscht; aber mit Ihrer
Fähigkeit als Zwischenrufer ist es nicht so arg weit her.
Ich will noch einmal sagen, worum es eigentlich
geht. Einige Kollegen aus der Bundestagsfraktion,
darunter auch der Kollege Schäuble, haben in der
Diskussion über die gegenwärtige Europapolitik eine
Reihe von Denkanstößen — so heißt es
ausdrücklich — auf den Weg gebracht, Denkanstöße, über die
man diskutieren kann und über die man
selbstverständlich zum Teil auch unterschiedlicher Meinung
sein kann.
(Zuruf von der SPD: Fünf Wochen vor der
Wahl!)
Das ist doch völlig in Ordnung. Sie haben dies im Blick
auf die Überprüfungskonferenz in zwei Jahren in die
Diskussion gebracht,
(Zuruf von der SPD: Auf den 16. Oktober!)
und sie sprechen das aus, was andere ja ebenfalls
aussprechen. Ich bin wegen Ihrer Kritik etwas
überrascht, da sich ein Mitglied Ihrer Mannschaft — ich
habe das Zitat hier; ich will Sie damit nicht
behelligen —, der Herr Peter Glotz — einer der Vordenker; so
wird er doch immer genannt; Quer- und Vordenker
gibt es ja überall —, nun klar und deutlich zu diesem
Papier und dieser Diskussion bekannt hat. Das muß
doch möglich sein. In London wird das gesagt und in
Paris und anderswo. Wir ändern doch nicht die
Grundpositionen der Deutschen, die wir immer
eingenommen haben, wenn wir weiterdenken, was geschehen
soll. Wir waren und wir bleiben Motor der
Entwicklung in Europa.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Den Satz Adenauers
Deutsche Einheit und europäische Einigung sind
zwei Seiten der gleichen Medaille
können Sie jeden Tag fünfmal von Wolfgang
Schäuble hören. Das ist genau unsere Meinung, und
sie bleibt es.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P.)
Das Zweite ist: Unsere europäischen Partner
können sich auf uns verlassen; natürlich können sie sich
auf uns verlassen. Wer war denn in den letzten zwölf
Jahren immer wieder der Motor in Europa? Es waren
doch diese Koalition und diese Bundesregierung.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der
F.D.P.)
Ich weiß nicht, wie oft ich in Sitzungen der
Gemeinschaft wie auch in öffentlichen Reden gesagt habe:
Wir wollen noch Weiter vorankommen; wir wollen den
Vertrag von Maast richt 1996 weiterentwickeln; aber
wir wollen eines nicht — das betone ich noch einmal;
auch das habe ich hier von diesem Pult aus schon
gesagt —: Wir wollen auf keinen Fall, daß das
langsamste Schiff im Geleitzug das Tempo der
europäischen Entwicklung bestimmt; wir wollen, daß weiter
vorangegangen wird.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Ich habe noch manche Auseinandersetzung mit der
britischen Kollegin Margaret Thatcher im Ohr. Sie
wollte immer nur eine Art gehobene Freihandelszone.
Das ist das, was auch noch heute einige wollen. Wir
wollen die politische Union in Europa. Das ist unser
Ziel, und das will Wolfgang Schäuble genauso.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Nicht mehr und nicht weniger steht auch in diesem
Papier. Ob die Formulierungen in jeder Weise, vor
allem nach den Regeln des diplomatischen
Sprachgebrauchs, nun der Weisheit letzter Schluß sind, lasse ich
einmal völlig offen. Aber warum soll ein M ann wie
Wolfgang Schäuble, der ja kein Regierungsamt hat,
der aber einer der wesentlichen Leute in unserer
Union ist, nicht einmal den Leuten außerhalb Europas
sagen
(Heidemarie Wieczorek-Zeul [SPD]:
Außerhalb Europas?)
„Glaubt nicht, daß die Deutschen aufgeben! Wir
wollen die Europäische Union!"?
(Abg. Freimut Duve [SPD] meldet sich zu
einer Zwischenfrage)
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Herr
Bundeskanzler, sind Sie bereit, eine Zwischenfrage
zuzulassen?
Dr. Helmut Kohl, Bundeskanzler: Nein.
Von Wolfgang Schäuble können Sie genauso lesen,
daß er für die Erweiterung der Europäischen Union
eintritt, da doch jeder weiß, daß das eine wesentliche
Voraussetzung für Frieden in Europa ist. Das gilt
beispielsweise für Polen, sobald die Polen selbst es
wollen und entsprechende ökonomische Fortschritte
gemacht haben; das gilt ebenso für Tschechien,
Ungarn oder die Slowakei. Also, jetzt bauen wir doch
hier aus diesem Papier keinen Popanz auf!
(Widerspruch bei der SPD)
— Natürlich wollen Sie das; Sie wollen ablenken, und
ich sage Ihnen gleich, wovon Sie ablenken wollen.
Herr Klose, wir brauchen keinen
Nachhilfeunterricht in Sachen Europa. Wir haben doch die Sache
vorangetrieben. Was habe ich denn von meinem
Vorgänger übernommen? Das Schlagwort
„Eurosklerose". So war es 1982. Heute haben wir die
Europäische Union.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Wir, CDU und CSU — das gilt genauso für die
Kollegen der F.D.P.; ich darf das so sagen —, bleiben
Europa-Parteien ohne Wenn und Aber. Aber wir
wollen wirklichen Fortschritt. Wir wollen jetzt nicht
darüber reden, daß es Leute gibt, auch in der Union,
die weitere Fortschritte bei der europäischen
Einigung gar nicht wollen.
Im übrigen, es ist wahr: Sie haben in vielen Fällen
zumindest freundlich geschwiegen. Aber Ihr Beitrag
hält sich schon in Grenzen. Das, was die SPD — es ist ja
nicht zufällig so gekommen — mit ihren
Abgeordneten im Europäischen Parlament im Gegensatz zu
vielen anderen getan hat — ich meine den Vorschlag,
Jacques Santer nicht zu wählen und nicht zu
unterstützen —, war gewiß nicht ein sehr
integrationsfreundlicher Akt.
(Zuruf des Ministerpräsidenten Oskar Lafon
-
taine [Saarland])
— Aber das hat doch damit gar nichts zu tun. Sie
wissen doch, daß das alles nicht stimmt. Es gab doch
gar nicht diesen Alleingang.
Aber Sie haben ja jetzt eine Chance. Ich denke, daß
die Entscheidung, daß Frau Dr. Wulf-Mathies jetzt als
Kommissarin nach Brüssel geht, eine gute Sache ist.
Dorthin kommt eine kompetente Dame. Das ist gut;
denn andere, die dorthin wollten, wären nicht gut
gewesen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
ordneten der F.D.P.)
Da das eine Rolle spielte, will ich auch hier ein
kurzes Wort zu dem Thema Zusammenarbeit mit der
PDS sagen. Meine Damen und Herren, wie die Sache
hier dargestellt wird, entspricht überhaupt nicht den
Realitäten. Wir wollen noch einmal festhalten, um was
es geht: Es geht um den Grundkonsens der
demokratischen Parteien in Deutschland seit Gründung der
Bundesrepublik Deutschland 1949. Um nichts anderes
geht es. Damals wie heute gilt für uns der Satz: Es gibt
keine Zusammenarbeit mit Radikalen oder
Extremisten von rechts und links, d. h., weder mit den
Neonazis noch mit Kommunisten gibt es eine
Gemeinsamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.)
Meine Damen und Herren, damit es ganz klar ist
— das ist ja nicht von mir erfunden worden —: Der
Wiederbegründer der deutschen Sozi
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → 2. Untersuchungsausschuß der 12. Wahlperiode "Treuhandanstalt" (G-SIG: 12001679)
- part_of_vorgang → Bericht der Bundesregierung über die Behandlung von Lebensmitteln mit ionisierenden Strahlen (G-SIG: 12000274)
- part_of_vorgang → Bericht der Bundesregierung über die gesetzlichen Rentenversicherungen, insbesondere über die Entwicklung der Einnahmen und Ausgaben, der Sc
- part_of_vorgang → Legislative Entschließung mit der Stellungnahme des Europäischen Parlaments zu dem Vorschlag für eine Verordnung des Rates zur Festlegung de
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