Rede von Dr. Theodor Waigel (Bundesminister der Finanzen) – Plenarprotokoll 12/242
Teil von Protokoll der 242. Sitzung des 12. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Theodor Waigel (Bundesminister der Finanzen) – Plenarprotokoll 12/242
Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
(Eckart Kuhlwein [SPD]: Jetzt dementiert er
alles, was sie gesagt hat!)
— Seit wann sind Sie ein Prophet und wissen, was ein
anderer sagt, bevor er etwas gesagt hat? Wenn Sie so
prophetisch wären, würden Sie in der SPD eine andere
Stellung einnehmen.
Frau Kollegin Schmidt, Sie haben mir vorgeworfen,
ich hätte in Wittenburg in Mecklenburg-Vorpommern
Wahlkampf gemacht; dort sei ein CDU-Kandidat mit
den Stimmen der PDS gewählt worden. Wahr ist: Ein
CDU-Kandidat hat sich dort zur Wahl gestellt und er
wurde gewählt ohne jede Abstimmung, ohne jede
Kooperation
(Lachen bei der SPD und der PDS/Linke .
Liste)
und ohne den Hintergedanken, daß man, wie Sie in
Magdeburg, nur mit den Stimmen der PDS gewählt
wird. Sie werden dem Mann doch nicht verwehren
können, daß er dort kandidiert. Es ist eine
Unverschämtheit, hier mit solchen Vergleichen zu kommen
und damit Unvergleichbares miteinander vergleichen
zu wollen.
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: So ein armer
Mann!)
Ein Zweites will ich Ihnen sagen, Frau Schmidt. Sie
haben uns unterstellt, wir würden, wenn es darauf
ankommt, mit jedem zusammenarbeiten. Vor fünf
Jahren haben die Republikaner zu unserem Ärger
— und ich hoffe, auch zu Ihrem Ärger — in Bayern bei
der Europawahl und in manchen Kommunen leider
beachtliche Erfolge erzielt: 10 %, 15 %, 18 %, in
manchen Bereichen sogar 20 %.
— Hören Sie einmal zu! Das könnte vielleicht nicht
schaden.
Bei der letzten Europawahl ist es uns gelungen,
diesen Stimmenanteil zu reduzieren und auf weniger
als die Hälfte zurückzuführen.
(Zuruf von der SPD: Da haben wir aber
mitgewirkt!)
Ich halte das für eine ganz große politische Leistung,
die hier erreicht worden ist.
Ich lasse mir deswegen weder von Ihnen, Frau
Schmidt, noch von sonst jemandem unterstellen, wir
würden, wenn es darauf ankommt, mit jedem
zusammenarbeiten.
(Helmut Wieczoreck [Duisburg] [SPD]: Das
stimmt aber!)
Die CSU hat seit 1949 noch mit keiner radikalen Kraft
in Bayern oder in Deutschland zusammengearbeitet.
Nehmen Sie darum Ihren Vorwurf zurück.
Frau Kollegin Schmidt, ich weiß aber nicht, ob Sie
ein Papier vom 8. Dezember 1988 kennen, das in der
„Baracke" gefertigt worden ist, von dem allerdings
Frau Anke Fuchs damals sagte, solche Überlegungen
seien nie zur Grundlage der Politik gemacht worden.
Aber das Papier existiert. Als interne
Positionsbeschreibung der SPD aus der Zeit vor der Europawahl
heißt es dort:
Je besser es der SPD gelingt, den Linienkampf in
der Union zu thematisieren, den Rechtsruck zu
kritisieren, die liberalen Kräfte ob ihrer
Ohnmacht zu bedauern, desto schwerer wird es CDU
und CSU fallen, sich aus der Zwickmühle zu
befreien.
In dem Vermerk wird auch vermutet, daß „eine solche
dauerhafte Inte rvention unsererseits die Chancen der
Rechtsextremen bei der Europawahl steigern wird"
und das der SPD zugute kommt.
(Zurufe von der CDU/CSU: Hört! Hört! —
Unverantwortlich! )
Im Gegensatz zu Ihnen, Frau Fuchs, die Sie 1987 im
Wahlkampf
(Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl: Da waren
Sie doch dabei!)
mir gegenüber nicht fair waren und als falsch
erkannte Dinge in Spots noch permanent haben
laufen lassen,
(Zuruf von der SPD: Das ist schon gar nicht
mehr wahr!)
will ich es sehr fair machen. In der „Süddeutschen
Zeitung" vom 14. Juli 1989 steht noch, daß sich Herr
Rau intern gegen das Papier gewandt hat. Nur, es ist
schon ein Stück aus dem Tollhaus, daß es bei Ihnen
darüber überhaupt eine Diskussion gegeben hat. Sie
hätten das Papier sofort einstampfen und nicht
ankündigen sollen, Sie würden diesen Haushalt
einstampfen, wenn Sie an die Macht kämen.
(Ministerpräsident Oskar Lafontaine [Saar
-
land]: Das ist zu billig!)
Insofern sollten Sie sehr vorsichtig sein, uns Strategien
und anderes zu unterstellen.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Und in Mecklen
burg-Vorpommern paktieren Sie doch mit
der PDS!)
Meine Damen und Herren. Sie haben wieder von
der Gerechtigkeitslücke gesprochen. Sie müssen
einmal zur Kenntnis nehmen: Das obere Viertel der Lohn-
und Einkommensteuerpflichtigen trägt fast drei
Viertel des gesamten Lohn- und
Einkommensteueraufkommens, während die Bezieher von Einkommen bis
zu 22 000 DM wesentlich weniger aufbringen, als
ihrem Prozentanteil entspricht.
Nun höre ich von Herrn Lafontaine etwas über die
Mehrwertsteuer. Jetzt will ich Ihnen etwas sagen.
Während einer der „Troikaner" 1992 gegen die
Mehrwertsteuer polemisierte, hat mich ein anderer
„Troikaner „ aufgefordert, miteinander die Erhöhung
der Mehrwertsteuer nicht um einen, sondern um zwei
Punkte zu beschließen, um so die Finanzprobleme von
damals zu lösen.
Nehmen Sie zur Kenntnis: Sie können diese
Auseinandersetzung haben. Wir führen sie dann auf der Basis
dessen, was die Troika 1992 zur Steuerpolitik gesagt
hat, auch im Jahre 1994. Diese Auseinandersetzung
können Sie jederzeit haben.
(Beifall bei der CDU/CSU —
Ministerpräsident Oskar Lafontaine [Saarland]: Sie laufen
doch immer weg!)
— Vor Ihnen werde ich weglaufen! Wissen Sie, vor
Ihnen läuft in Deutschland wirklich niemand mehr
weg, und ich schon gar nicht. Das dürfen Sie mir
glauben.
(Beifall bei der CDU/CSU —
Ministerpräsident Oskar Lafontaine [Saarland]: Sie sind
allen Diskussionen ausgewichen!)
Ich lasse mir auch von Ihnen, Frau Schmidt, soziales
Gewissen nicht absprechen. Ich komme aus kleinen
Verhältnissen wie Sie auch. Mein Vater war
Maurerpolier und fast jeden Winter arbeitslos. Ich komme aus
Ursberg, einem der größten Behindertenzentren in
Deutschland. Ich weiß, was Not, menschliches Leid
und anderes bedeuten können.
(Horst Kubatschka [SPD]: Das haben Sie aber
längst vergessen!)
Sie werden doch nicht behaupten, daß wir heute,
was Sozialhilfe anbelangt, was Renten und
Durchschnittseinkommen anbelangt, schlechtere
Verhältnisse als 1982 haben. Die Rentenecksätze und anderes
sind doch angehoben worden. Natürlich gibt es Not.
Natürlich gibt es unverschuldete und auch
verschuldete Not, der man gerecht werden muß. Aber man
kann doch dann nicht die Sozialhilfe quasi als
Schande bezeichnen, wie Sie es getan haben.
Gerade um hier die Dinge zu wenden, haben wir
endlich — niemand hat sich darum so gekümmert wie
die CDU/CSU — die Pflegeversicherung eingeführt
und damit eine neue Antwort der Solidarität auf eine
drängende soziale Frage gegeben.
Was die Kinderfreibeträge anbelangt, kann ich
Ihnen nur sagen: Selbst mit einem Kindergeld von
250 DM würden Sie schon in wenigen Jahren das
Existenzminimum nicht mehr sicherstellen können.
Sie müssen das wissen.
(Renate Schmidt [Nürnberg] [SPD]: Hier muß
man dynamisieren!)
Darum bin ich sehr wohl für einen differenzierten
Weg, nämlich den, über den Kinderfreibetrag das
Existenzminimum zu sichern und dann das
Kindergeld anders zu gestalten als jetzt. Denn ich habe es nie
als richtig angesehen, daß der Besserverdienende
ebenso 70 DM für das erste Kind bekommt wie der
andere.
(Renate Schmidt [Nürnberg] [SPD]: Warum
habt ihr es denn gemacht? — Hans Büttner
[Ingolstadt] [SPD]: Warum haben Sie zwölf
Jahre lang nichts gemacht?)
Darm kann ich es endlich verändern. Dann kann ich es
endlich den Familien mit wenig Einkommen und mit
mehr Kindern geben. Dann können wir es tun. Das
halte ich für den richtigen Weg.
Übrigens, warum ist denn der Kinderfreibetrag
unsozial, und auf der anderen Seite wird die Erhöhung
des Grundfreibetrags von 5 600 DM auf 12 000 DM
gefordert, mit einem Ausfall von über 40 Milliarden
DM? Das kommt doch auch dem, der 300 000 oder
400 000 DM verdient, in gleichem Umfang zugute.
Daß Sie sich, Frau Schmidt, nicht zu schade waren
und wieder mit der Mär gekommen sind, es gebe mehr
als 100 Milliarden DM von Steuerausfällen! Nehmen
Sie doch wenigstens eine Stunde Nachhilfeunterricht
bei Herrn Schleußer, der mir jetzt wieder mitgeteilt
hat, daß dies Unfug ist, daß es diese Summe nicht gibt.
Ich habe es auch der Deutschen Steuergewerkschaft
gesagt.
Frau Schmidt, Sie wissen nicht Bescheid. Sie wußten
vor einiger Zeit ja nicht einmal, wie hoch der Haushalt
des Freistaats Bayern ist.
Vielen Dank.
Vizepräsident Helmuth Becker: Meine Damen und
Herren, nächster Redner ist unser Kollege Wolfg ang
Mischnick.
Wolfgang Mischnick (F.D.P.): Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen! Drei
Überlegungen möchte ich meinem Beitrag zu dieser
Debatte voranstellen.
Erstens. Ein Verweilen in der Vergangenheit
erschwert Handeln in der Gegenwart.
Zweitens. Nicht gegen, sondern für etwas zu sein,
das zeigt allein den Weg in die Zukunft.
Drittens. Eine Diskussion in der Politik ist unmöglich
mit jemandem, der die Wahrheit nicht sucht, sondern
glaubt, sie allein zu besitzen.
Das sind ein paar Gedanken, die ich hier zum
Schluß meiner parlamentarischen Tätigkeit
voranstellen wollte.
Es gilt für uns, den Bürgerinnen und Bürgern
unseres Landes verantwortliche Orientierungen zu
geben, und nicht, Stimmungen nachzulaufen. Besteht
nicht die Gefahr, daß unsere Informationsgesell-
Schaft, die wir wollen, zu einer
Schlagzeilengesellschaft verkommt?
(Helmut Wieczorek [Duisburg] [SPD]:
Richtig!)
Der informierte Bürger kann dadurch leicht zum
uninformierten Bürger und dann zum uniformierten
Bürger werden. Dann haben es Radikale — rechts
oder links — leicht; ihr Weizen blüht, wenn dies
geschieht. Hüten wir uns davor!
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU
sowie bei Abgeordneten der SPD und der
PDS/Linke Liste)
Wer in ein politisches Amt gewählt ist, darf seine
Glaubwürdigkeit nicht selbst gefährden. Wir müssen
ein realistisches Gesamtbild dieses Staates vermitteln.
Mahnen ist richtig, ist notwendig — Madigmachen
hilft aber nur den Radikalen. Auch davor sollten wir
uns hüten.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Was der eine oder andere an unterschiedlichen
Gedanken hat, muß diskussionswürdig bleiben und
darf nicht nur um des Verreißens willen in den Orkus
geworfen werden.
Wer jetzt z. B. von einem Debakel in den neuen
Bundesländern spricht, weiß entweder nicht, wovon
er redet,
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das stimmt! Sehr
richtig!)
oder will bewußt Mißmut und Mißgunst schüren und
damit nicht einen, sondern spalten.
Ich sage das doch nicht in Unkenntnis der
Schwierigkeiten, die es noch gibt, sondern ganz im Gegenteil:
in Kenntnis der Schwierigkeiten.
Wir müssen auch deshalb ein realistisches
Gesamtbild des Staates vermitteln, weil derjenige, der das
nicht tut, immer mehr Mitbürger für die Parole
zugänglich macht, die 1992 auch noch zum Wort des
Jahres erklärt wurde: „Politikverdrossenheit" . Der
Wahrheit entsprechend müßte es
„Politikverweigerung" heißen, nicht Politikverdrossenheit.
Man verweigert die Übernahme von
Verantwortung und zieht sich sozusagen privatisiert zurück.
Jeder ist verantwortlich für das, was er tut; aber jeder
ist auch mitverantwortlich für das, was er geschehen
läßt, wobei er weiß, daß er es geschehen läßt.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Für mich war während meiner ganzen Tätigkeit
immer Leitmotiv, daß in einem freiheitlich-
demokratischen Rechtsstaat Rechte und Pflichten aufs engste
miteinander verbunden sind.
1946 habe ich mit meinen jungen Freunden in
Sachsen — LDP-Mitglieder; ich habe mich nie
gescheut, das zu sagen; ich scheue mich auch heute
nicht, daß ich das 1945 gewesen bin — auf Plakaten,
Handzetteln und in Veranstaltungen die Jugend
aufgerufen — auch wenn heute manches, zu dem wir
aufgerufen haben, unverständlich erscheinen wird —:
Bekenne dich zur Arbeit, zur Freiheit, zur
Demokratie, zur Einheit! Es entsprach meiner Erziehung,
meiner Grundeinstellung, dem Gemeinwesen zu
dienen. Wir haben damals bei diesen jungen Menschen
eine Riesenzustimmung gefunden.
Soll ich nun denjenigen, die bereit waren
mitzuwirken, die dann später feststellen mußten, daß die
demokratische Entwicklung nicht so stattfand, die
aber in der Partei geblieben sind, weil sie dort eine
Nische fanden, heute einen Vorwurf machen und sie
damit schlechterstellen als diejenigen, die in der SED
waren? Nein, das kann es nicht sein.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
-
ten der CDU/CSU)
Deshalb kann ich nur herzlich bitten — wenn man
schon aufarbeiten will —, hier nicht davon zu
sprechen. Natürlich meinen wir die PDS-Wähler, die wir
gewinnen wollen. Aber gleichzeitig andere, die bei
der CDU, bei der LDP oder bei anderen Parteien
gewesen sind, auszugrenzen, das kann nicht der
richtige Weg sein. Bitte, überlegen Sie sich das noch
einmal.
Unser Staat gibt jedem einzelnen von uns ein
Bündel von Rechten und Freiheiten. Dafür sollte aber
auch jeder Pflichten für das Gemeinwesen
übernehmen, Mitverantwortung übernehmen in der
Nachbarschaft, im Dorf, in der Stadt oder in der Region. Damit
festigt man das demokratische Fundament dieses
freiheitlichen Staates. Dann gleitet uns die Freiheit
auch nicht aus den Händen. Für uns Liberale ging der
Kampf immer darum, diese Freiheit den Menschen zu
erhalten, sie auszubauen und ihnen begreifbar zu
machen, was sie an dieser Freiheit haben.
Dankbar bin ich dem Schicksal, daß ich noch die
Wiedervereinigung Deutschlands mitgestalten
durfte. Mir wird der 9. November 1989 nie aus dem
Gedächtnis gehen, als wir im Plenarsaal
zusammenkamen und ich meine Landsleute aufforderte, auf den
gepackten Koffern zu bleiben, nicht wegzugehen,
weil ich zu diesem Zeitpunkt schon überzeugt war:
Die Einheit steht vor der Tür; wir haben gepackt, was
wir über Jahrzehnte gemeinsam erreichen wollten.
Als dann der Bundestag gemeinsam die
Nationalhymne sang,
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das war nicht
gemeinsam, die SPD hat nicht mitgesun
gen!)
war das wirklich ein Ereignis, das innerhalb meiner
politischen Tätigkeit zu den Höhepunkten zählte.
Herr Präsident, ich bin etwas erstaunt, daß ich schon
bei zwei Minuten angelangt sein soll.
Vizepräsident Helmuth Becker: Für Sie waren zehn
Minuten angemeldet, Herr Kollege Mischnick.
Wolfgang Mischnick (F.D.P.): Entschuldigung.
Wenn Sie Nachsicht mit mir hätten und mich noch ein
paar Minuten mehr anhörten, wäre ich Ihnen sehr
dankbar.
Vizepräsident Helmuth Becker: Bitte.
Wolfgang Mischnick (F.D.P.): Meine sehr verehrten
Damen und Herren, für uns, die wir in den letzten
Jahrzehnten bereit waren, auf diesen Tag
hinzuarbeiten, geht es jetzt darum, nicht nur die wirtschaftliche
und die soziale, sondern auch die geistige Einheit
herbeizuführen. Das gelingt aber nur, wenn das
Verständnis füreinander über diese jahrzehntelangen
unterschiedlichen Entwicklungen stärker wird. Ich
bin sehr froh darüber, daß das in einem Bereich
offenbar besonders gelungen ist, nämlich bei der
Bundeswehr mit der Eingliederung der NVA.
Ich möchte allerdings auch hinzufügen, daß ich jetzt
im Erzgebirge wieder die Frage hören mußte: Wie ist
es eigentlich möglich, daß diejenigen, die uns die
Pässe verweigert haben, jetzt beim Arbeitsamt
darüber zu entscheiden haben, ob wir Arbeitsplätze
bekommen? Das sind natürlich Punkte, denen wir
nachgehen müssen, we il dies zu Reaktionen führt, die
nicht immer dazu beitragen, das Zusammenwachsen
zu fördern.
Da ich meine Redezeit nicht über das Maß
überschreiten will, lassen Sie mich mit einem Dank
schließen. Ich habe meine politische Tätigkeit in Sachsen
begonnen, ich beende sie jetzt als sächsischer
Abgeordneter. Mein Heimatland Sachsen ist auf dem
Wege, wieder so blühend zu werden, wie es einmal
war. Immer dann, wenn in Sachsen liberale
Grundlagen vorhanden waren, dann war es als Industrie-, als
Kulturland führend in Deutschland. Das wird wieder
erreicht werden.
Ich danke allen, mit denen ich im Parlament
zusammenarbeiten durfte, insbesondere natürlich meinen
politischen Freunden, aber auch denen, die in
anderen Fraktionen tätig waren. Ich kann feststellen, daß
das eigentlich immer eine Zusammenarbeit war, die
von dem Gedanken geprägt war, etwas für unser Land
zu tun.
Ich danke allen Mitarbeitern.
Sehen Sie mir nach, wenn ich sage: Ich danke
meiner Frau, die in 45 Jahren Ehe 40 Jahre
parlamentarische Tätigkeit mitgetragen und ertragen hat.
Tinelein, herzlichen Dank.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU
sowie bei Abgeordneten der SPD und der
Abg. Andrea Lederer [PDS/Linke Liste])
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich Ihnen als
Abschiedsgruß meiner Heimat — neben meiner
Vaterstadt Dresden ist das das Erzgebirge — zurufen:
Ein herzliches Glückauf!
(Anhaltender Beifall bei der F.D.P. und der
CDU/CSU — Beifall bei der SPD, dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg.
Andrea Lederer [PDS/Linke Liste] — Die
Abgeordneten der F.D.P. und der CDU/CSU
erheben sich — Abg. Wolfgang Mischnick
[F.D.P.] wird von Bundeskanzler Dr. Helmut
Kohl und weiteren Mitgliedern der
Bundesregierung sowie von Mitgliedern der
Fraktionen beglückwünscht)
Vizepräsident Helmuth Becker: Sehr geehrter Herr
Kollege Mischnick, das Präsidium schließt sich den
guten Wünschen, die Ihnen jetzt übermittelt worden
sind, in sehr herzlicher Weise an und bedankt sich. Ich
persönlich bedanke mich für eine 25jährige
gemeinsame Arbeit in diesem Haus.
Meine Damen und Herren, jetzt hat unser Kollege
Hans Modrow das Wort.
Dr. Hans Modrow (PDS/Linke Liste): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Haushaltsdebatte sollte
sein, Wahlkampf pur und Schlagabtausch wird
geboten. Der Herr Bundeskanzler ging als Schwergewicht
ans Pult; im Rahmen politischen Schlagabtausches
sieht er mehr wie ein Leichtgewicht aus.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Oje! Im Gegen
-
teil!)
Herr Kohl trinkt öffentlich Wasser, wie er hier
verkündet, und heimlich offensichtlich Wein. Er
spricht von den kommunistischen Kadern und
schimpft auf die PDS. Mir wurde am Sonntag in
Chemnitz ein Bild überreicht — offensichtlich war das
auch ein Kadergespräch —, auf dem zu sehen ist, wie
sich Herr Waigel und Herr Schalck mit dem Ausdruck
großer Freude damals in einem Bet rieb in Karl
Marx-Stadt trafen.
Die Herren Gorbatschow, Schewardnadse, Jelzin,
Horn und viele andere, mit denen der Herr
Bundeskanzler immer wieder spricht und sich trifft, müssen
offensichtlich seit eh und je christlich-demokratische
Eliten gewesen sein. Ich jedenfalls habe sie in anderen
Positionen kennengelernt, getroffen und mit ihnen
diskutiert und beraten.
China und Vietnam befinden sich in einem
Reformprozeß, aber ich habe nicht gehört, daß sie darüber
gesprochen haben, sich nicht mehr als sozialistische
Staaten zu sehen. Die gesellschaftlichen Prozesse sind
und bleiben in Bewegung. Geschichte bleibt nicht
stehen.
Erstaunlicherweise stellt hier unser Herr
Außenminister fest, daß die PDS auch außerhalb der Grenzen
nun schon im Gespräch sei. Ja, das ist in der Tat so. In
Polen, in Ungarn, in der Ukraine und in Belorußland
sind Wahlen abgelaufen, und nicht wenige, die in
diesen Regierungen tätig sind, sind mir gut bekannt.
Der Verteidigungsminister Polens ist jener
Kommandierende der polnischen Flotte, der mit jenem Admiral
gemeinsam über viele Jahre auf der Ostsee Manöver
fuhr, der in der Bundesrepublik Deutschland
demnächst vor ein Gericht soll. Da wird man schon über
diese Vergangenheit sprechen und sie anders sehen,
als die Politiker der Bundesregierung es tun.
Die Realitäten sprechen eine andere Sprache als
jene Wertung von Bewährungsproben und guter
Außenpolitik der Bundesregierung, wie sie hier
vertreten wurden. Es wurde und wird zwar viel von
Europa, auch Gesamteuropa, geredet, notwendige
Initiativen zur Wiederbelebung der KSZE, zur
Schaffung gesamteuropäischer Strukturen der Sicherheit
und Zusammenarbeit gibt es jedoch nicht.
Das vergangene Woche von der Unionsfraktion
vorgestellte, wenig einfühlsame Konzept eines
Kerneuropas hat in manchen Partnerländern die
Vermutung gestärkt, die Deutschen wollten wieder
herumkommandieren. Priorität haben die
Konkurrenzinteressen der stärksten westeuropäischen Staaten. Das
übrige Europa, vor allem Osteuropa, wird für die
nächsten zehn oder zwanzig Jahre zum
Nebenschauplatz degradiert. Bis heute fehlen praktische
Denkansätze zur Lösung der zahlreichen globalen Fragen.
Es kann nicht oft genug gesagt werden: Das
vereinigte Deutschland wäre auf Grund seiner Traditionen
und seiner Geschichte, der Verletzlichkeit seiner
Mittellage, aber auch wegen seines politischen und
ökonomischen Gewichts gut beraten, seine
Selbstbeschränkung, insbesondere den zivilen Charakter
seiner Außenpolitik nicht aufzugeben. Diese Politik hat
es — ebenso wie Japan — zu den führenden
Wirtschaftsmächten nach den USA werden lassen.
Auch in unseren Tagen taugt es nichts,
Großmachtpolitik zu betreiben. Die Bundesregierung sollte
deshalb ihre Finger von allen Versuchen lassen,
Dominanz- und Weltpolitik zu betreiben. Schon die ersten
Gehversuche in dieser Richtung — ich nenne nur
Stichworte wie Jugoslawien und Somalia — zeigen,
wie schnell das in einem Fiasko enden kann.
Meine Damen und Herren, seit Tagen wurde in der
deutschen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, ob die
Anerkennung der Enteignungen von 1945 bis 1949
auf dem Gebiet der ehemaligen DDR eine Bedingung
für die Vereinigung der beiden deutschen Staaten war
oder nicht. Ausgelöst hat sie bekanntlich Michail
Gorbatschow, der nun bei seiner Ankunft in der
Bundesrepublik erklärte, die Deutschen hätten die
Sache selbst zu entscheiden, und nun sollte man sie
auch nicht mehr rückgängig machen.
(Vorsitz: Vizepräsident Dieter-Julius
Cronenberg)
Aber gerade diese Gefahr besteht, wenn diese
Enteignungen nicht als demokratische Konsequenz des
Potsdamer Abkommens und als Ergebnis der
Zweiplus-Vier-Verhandlungen betrachtet werden.
Wenn Helmut Kohl und Hans Modrow heute davon
ausgehen, daß dies in der Tat eine Forderung der
Sowjetunion war, haben sie dafür gewiß ganz
unterschiedliche Motive. Für den Bundeskanzler war diese
Forderung eingehüllt in den Mantel der Geschichte,
und mit diesem Preis wollte er den Mantel packen. Er
ist herausgefordert, an diesem Preis auch in der
Zukunft festzuhalten. Für mich war das Motiv die
Verantwortung der Regierung der DDR, im Prozeß der
Vereinigung der beiden deutschen Staaten die
Interessen von Millionen von Bürgerinnen und Bürgern der
DDR in den Eigentumsfragen zu wahren.
Am 1. März 1990 gab die Regierung der DDR eine
Erklärung zu den Eigentumsfragen ab. Diese
Erklärung wurde am 2. März 1990 den Herren Kohl und
Gorbatschow übermittelt. Am 8. März wurde ich
gerade deswegen von Herrn Kohl mit fürchterlichen
Vorwürfen bedacht. Heute hält er aber an ihr fest —
zum Glück. Am 27. März 1990 erklärte die Regierung
der UdSSR zu dieser Angelegenheit
unmißverständlich:
Unter Berücksichtigung ihrer Rechte und ihrer
Verantwortung in den deutschen
Angelegenheiten tritt die Sowjetunion für die Wahrung der
Gesetzlichkeit der Eigentumsverhältnisse in der
DDR ein, und sie ist gegen die Versuche, die
Vermögensverhältnisse in der DDR im Falle der
Bildung der Währungs- und Wirtschaftsunion mit
der BRD sowie im Falle des Entstehens des
einheitlichen Deutschlands in Frage zu stellen.
Damit waren die Pflöcke für alle nachfolgenden
Positionen der Sowjetunion bei den Zwei-plus-Vier-
Verhandlungen gesetzt.
Heute könnte man geneigt sein zu sagen: Viel Wind
um nichts. Aber schon heute werden mit dem
sogenannten Kompromiß zum Entschädigungsgesetz für
den Ausgleich von Enteignungen in Ostdeutschland
Schlupflöcher gesucht und gefunden, um hier
auszuhöhlen. Mit dem Spiel, die Sowjetunion habe auf die
Anerkennung der Rechtmäßigkeit der Enteignung
gepocht, nie aber auf ihre Unantastbarkeit, wird der
Weg der Aushebelung dieser völkerrechtlichen
Beschlüsse fortgesetzt. Die Bundesregierung steht
hier weiter in hoher Verantwortung.
Ganz offensichtlich geht es um den Grundbesitz und
anderes Eigentum. Es gibt eine große Lobby für jene,
die interessiert sind, hier etwas rückgängig zu
machen. Die Spekulationen und die Diskussionen
gehen weit durch die Presse; die Bundesregierung
gibt Erklärungen ab. Nichts ist auf diesem Gebiet zu
überhören, nichts ist laut genug, kein Palaver, kein
Reden. Hoffentlich steht m an zu den gegebenen
Erklärungen.
Michail Gorbatschow hat beinahe zeitgleich auch
zu einer anderen für den deutschen Einigungsprozeß
gewichtigen Frage Stellung genommen, was der
bundesdeutschen Öffentlichkeit allerdings
weitestgehend vorenthalten wurde.
In einem Schreiben an mich, über das ich den Herrn
Bundeskanzler informiert habe, erinnerte er daran
— hier will ich ihn zitieren —, daß seine deutschen
Partner in allen Verhandlungen über die Vereinigung
versichert haben, es werde keinerlei Diskriminierung
der Bevölkerung der Deutschen Demokratischen
Republik und ihrer politischen Führung zugelassen
werden, das Verhältnis zu den östlichen
Bundesländern werde sich auf keinen Fall nach der Formel von
Siegern und Besiegten gestalten.
(Dr. Uwe-Jens Heuer [PDS/Linke Liste]:
Hört! Hört! — Jürgen Augustinowitz [CDU/
CSU]: Aber Verbrecher müssen bestraft wer
-
den!)
— Von Herrn Gorbatschow ist hier in aller
Eindeutigkeit formuliert — ich wiederhole es —, daß die
Bevölkerung der Deutschen Demokratischen
Republik und ihre politische Führung nicht juristisch zu
verfolgen sind. Was Sie meinen, ist offensichtlich
etwas anderes.
Wenn wir hier schon zu diesen Problemen
miteinander polemisieren: Der Bundeskanzler hat zur Sache
nicht, wie Herr Gysi es gefordert hat, sachlich Stellung
genommen, sondern versucht, ein anderes Pferd
aufzuzäumen. Eines müssen Sie wissen: Das eine ist 1930,
bevor der Faschismus da war, gesagt worden. Die
anderen Redensarten stammen aus der heutigen Zeit.
Das genau ist das Problem.
Wenn Sie schon über die gegenwärtige Situation
der Reps reden — Herr Waigel ist nicht mehr da —,
dann sollte nicht übersehen werden, daß heute alle
Meinungsforschungsinstitute in der Bundesrepublik
vor der Bundestagswahl darauf verweisen, daß etwa
20 % der Wähler der CSU aus dem rechten Spektrum
kommen. Das stellt die Abwanderung dar, die sich
gegenwärtig vollzieht.
Mit dem, was Sie betreiben, wenden Sie sich auch in
der eben erwähnten Frage gegen den Zwei-plus-
Vier-Vertrag. Man sollte hoffen, daß sich die politisch
Verantwortlichen in diesem Lande an diese Tatsache,
die ebenfalls im Zwei-plus-Vier-Vertrag ihren
völkerrechtlich verbindlichen Niederschlag gefunden hat,
erinnern und daß nicht Rache und Haß gegen die
damaligen politischen Führer geschürt wird.
Meine Damen und Herren, wir haben meines
Erachtens nur eine Wahl; sie ist von historischer
Dimension: Entweder wird der Kurs der sozialen
Revanche, der Vergeltung und des Hasses so
fortgesetzt, wie er sich gegenwärtig in diesem Lande
gestaltet, oder es wird bewußt ein Kurs der nationalen
Eintracht, des ideologischen und politischen
Pluralismus unter dem für alle gleichen Schutz des Rechtes
gewählt. Warum sollten nicht Vernunft, Toleranz und
geistige Auseinandersetzung den Weg dieser
Bundesrepublik in die Zukunft bestimmen können? Es geht
nicht an, sich an Nelson Mandela zu wenden und zu
sagen: „Verfahren Sie so, daß Sie Gerechtigkeit
walten lassen! ", während m an hier zur Toleranz nicht
bereit ist.
Ich bin der festen Überzeugung, daß wir nur dann
das Vertrauen anderer Völker haben werden, wenn
wir uns alle zusammen dieser großen
Herausforderung stellen. Die Antwort hängt allein von uns ab.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ich erteile
nunmehr dem Abgeordneten Gerd Poppe das Wort.
Gerd Poppe (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Herr
Präsident! Meine Damen und Herren! Scharfe Töne
im Parlament, zugespitzte Formulierungen, die
deutliche Akzentuierung eigener Positionen zu Lasten des
politischen Widersachers — dies alles ist in der heißen
Phase des Wahlkampfes akzeptabel. Nicht
hinnehmen aber möchte ich — das eint mich mit vielen
Menschen in Ostdeutschland — die falschen
Versprechungen, die Lügen und Verleumdungen, die
Legendenbildungen und Geschichtsfälschungen, von denen
die Wahlkampfaussagen der Koalition häufig geprägt
sind, insbesondere auch in der heutigen Debatte. Da
wird z. B., auf BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bezogen,
nicht nur wider besseres Wissen behauptet, wir
wollten von einem auf den anderen Tag sämtliche
Atomanlagen abschalten; vielmehr werden — das ist nun
wirklich der Gipfel der Infamie — mit BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN auch die ostdeutschen
Bürgerbewegungen in das Phantombild einer PDS-lastigen
Linksfront eingebaut, als hätte es den jahrzehntelangen
Widerstand gegen das SED-Regime und den Herbst
1989 nicht gegeben.
(Konrad Weiß [Berlin] [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Pfui Teufel!)
Dem entspricht andererseits, daß die von Ihnen
übernommenen Blockparteien nachträglich fast zum Hort
des Widerstands umgedichtet werden.
Nun weiß ich zum Glück, meine Damen und Herren
von der Koalition, daß sich nicht alle von Ihnen dieses
Zerrbild zu eigen machen. Ich frage mich aber, was
diejenigen, die so reden, in den letzten vier Jahren
überhaupt von uns beg riffen haben. Diejenigen, die
sich in der DDR viele Jahre für Menschenrechte und
Demokratie eingesetzt haben, stehen nicht als billige
Manövriermasse für derartige Wahlkampfauftritte,
wie wir sie heute zum Teil erlebt haben, zur
Verfügung, und für sie ist der demagogische Auftritt des
Kollegen Glos eine ähnliche Zumutung wie die von
ihm zitierten Passagen aus der Kommunistischen
Plattform.
Zur Außenpolitik: Immer wieder wird behauptet,
wir wollten die Bundeswehr auflösen und aus der
NATO austreten. Auch diese Behauptung wird nicht
dadurch wahr, daß sie ständig wiedergekäut wird.
Nicht wir sind für einen deutschen Sonderweg in der
Außen- und Sicherheitspolitik. Vielmehr kommen
solche Vorschläge ausgerechnet aus der Spitze der
CDU/CSU-Fraktion. Daß die Auslassungen von Herrn
Stoiber zu Maastricht seinerzeit kein Einzelfall waren,
zeigt nun das jüngste Papier zur Europapolitik,
unterschrieben von Herrn Schäuble, Herrn Glos und
anderen. „Was kümmert mich mein Geschwätz von
gestern?" scheint dieses Papier zu sagen. Diese
Haltung ist nicht mehr neu. Jetzt sagen Sie aber schon:
„Was kümmern mich die Verträge, die ich gestern
unterschrieben habe?" Merken Sie denn nicht, daß
Sie dabei sind, die Grundlagen des europäischen
Einigungsprozesses aufzukündigen?
Was wir erleben, ist eine Verschiebung der
Gewichte in der Atlantischen Allianz und in der
Europäischen Union, verbunden mit der Gefahr einer
schrittweisen Rückkehr zu einer deutschen
Großmachtpolitik. 1989/90 wurde das Ende der
europäischen Teilung postuliert. Die deutsche Einheit sollte
direkter Ausgangspunkt der europäischen Einheit
werden. Dieses große Ziel wurde sehr schnell durch
das einer westeuropäischen Besitzstandswahrung
abgelöst, die neuen Demokratien im Osten wurden
zunehmend mit vagen Versprechungen abgespeist.
Nun soll der komplizierte und sensible Prozeß der
gesamteuropäischen Einigung durch eine Politik
zugunsten eines sogenannten Kerneuropa ersetzt
werden. Wenn es nach der Bundesregierung geht, ist
es wohl nur eine Frage der Zeit, bis aus dieser
abenteuerlichen Konstruktion die reale Gefahr eines
Deutschland, das sich für den Nabel der Welt hält,
hervorgeht.
Ich bin, bezogen auf das CDU/CSU-Papier — das sei
Herrn Schäuble und Herrn Glos gesagt —, gegen
Denkverbote jeder Art. Aber durch den Lärm, der mit
diesem untauglichen Gedankenexperiment
verbunden wird, relativieren Sie nicht nur das Atlantische
Bündnis, verprellen Sie nicht nur die sieben bzw. elf
Staaten der Europäischen Union, die Sie zu
zweitrangigen deklassieren, tragen Sie nicht nur dazu bei, daß
sich Wirtschaftsreform und demokratische
Erneuerung im Osten weiter verzögern; Sie bewirken auch,
daß der Traum von Europa, der vor fünf Jahren so viele
Menschen im Osten in Bewegung gesetzt hat,
verblaßt. Das ist nicht das Modell, das der 1990
beschworenen Rolle des vereinigten Deutschland entspricht,
das die Gedanken europäischer Demokraten von
Delors bis Havel aufgreift, das Maast richt,
Partnerschaft für den Frieden, UNO und KSZE
weiterentwikkelt, sondern es ist ein Modell, das Wasser auf die
Mühlen von Separatisten, Nationalisten und
Demagogen aller Couleur gießt und das alte Ängste bei
unseren europäischen Nachbarn aufleben läßt.
Dabei gibt es wahrlich genug Probleme in Europa
zu lösen. Aber Bundesregierung und Koalition
machen nicht die Demokratisierung der EU, nicht die
Entflechtung ihres bürokratischen Apparates zu ihren
Schwerpunktthemen, sie interessieren sich nicht für
eine europäische Arbeitsmarkt- und
Beschäftigungspolitik, nicht für eine ökologisch orientierte
Steuerpolitik, sie verlieren kein Wort über das Versagen der
Außen- und Sicherheitspolitik in der Europäischen
Union, geschweige denn über die Unfähigkeit, durch
rechtzeitige wirtschaftliche und politische
Einwirkung Konflikte friedlich beizulegen und Kriege wie im
ehemaligen Jugoslawien zu verhindern.
Dafür reden Sie um so mehr über militärische
Einsätze, als würde die vielbeschworene neue Rolle
Deutschlands vor allem in der Entsendung von
Soldaten bestehen. Statt Abrüstung voranzutreiben,
offensiv orientierte Verbände und Waffensysteme
abzubauen, zur Überwindung des Systems der nuklearen
Abschreckung beizutragen, fällt Ihnen nichts anderes
ein als die Bildung von militärischen
Krisenreaktionskräften. Der von Ihnen für 1995 vorgesehene
Verteidigungshaushalt — einschließlich der
Zusatzhaushalte, in denen es Verteidigungsausgaben gibt —liegt
immer noch in einer vergleichbaren Größenordnung
zu dem des Jahres 1983, also der Zeit, als die beiden
großen Militärblöcke ihre aufeinander gerichteten
Raketen installierten.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist nicht
wahr!)
— Ja, es gibt Kürzungen gegenüber den letzten
Jahren; aber vergleichen Sie die Zahlen von 1995
einmal mit denen von 1983.
(Zuruf von der CDU/CSU: Er ist wesentlich
kleiner geworden!)
Obendrein wollen Sie die Exportkontrollen für
Rüstungsgüter lockern und uns dies als europäische
Harmonisierung verkaufen. Das Ergebnis wird
natürlich ein Anstieg des Rüstungsexports sein.
Seit vier Jahren präsentieren Sie sich in der Pose des
Gewinners des Kalten Krieges. Aber ich frage: Worin
lagen Ihre Bemühungen, die heißen Kriege zu
verhindern, die seitdem ausgebrochen sind? Das als
erfolgreiche Außenpolitik auszugeben ist schon recht
unverfroren. Ohne jeden Anflug von
Veränderungswillen so weitermachen zu wollen ist nicht nur
phantasielos, sondern auch gefährlich.
Seit Monaten stellt die Bundesregierung ihre
Außenpolitik als die einzig mögliche dar; leider hat
auch einmal der SPD-Vorsitzende diese Darstellung
bestätigt, als er sagte, er würde die Außenpolitik
Helmut Kohls fortsetzen. Wir meinen, daß dem
Erfordernis einer politischen Wende auch eine veränderte
Prioritätensetzung in der Außenpolitik entspricht, vor
allem die konsequente Zivilisierung der
Außenpolitik.
Die Bundesregierung hat in den letzten Jahren das
genaue Gegenteil getan. Sie hat nicht nur einmal mit
Arroganz die sensiblen Beziehungen zu unseren
Nachbarn beschädigt. Wir hören — der
Außenminister hat es heute unterlassen, weil der Bundeskanzler
schon davon sprach —, wie solche Forderungen wie
die nach dem Sitz im Sicherheitsrat
gebetsmühlenartig vorgetragen werden, im Sinne des „Wir sind
wieder wer". Aber wenn aus Krisenregionen
hoffnungsvolle Signale zu uns dringen — siehe Südafrika,
Nordirland, Israel und Palästina, trotz aller von
Terroristen zu verantwortenden Rückschläge —, so ist
immer nur von den Bemühungen ausländischer
Diplomaten zu hören, aus Norwegen, aus Schweden, den
USA usw. Ich frage: Wann hört man in solchen
Zusammenhängen jemals von deutscher
Außenpolitik?
Durchaus gibt es manchmal trotz einer gewissen
Neigung zum Theatralischen hoffnungsvolle Zeichen:
die Begegnung zwischen Kohl und Jelzin in Berlin, die
Rede von Herzog in Warschau. Ich schöpfe dann
sogleich Hoffnung, frage mich aber: Wo ist denn die
Initiative des deutschen Außenministers, um die
deutsch-tschechische Verstimmung zu beheben?
Oder: Wo war er, als zum Zeitpunkt der Schmidbauer
-
Reise nach Moskau alle Medien so berichteten, als
bestünde ganz Rußland einzig aus einem
Mafiagestrüpp gewissenloser Atomschmuggler?
Ein Erbpachtrecht einer Partei auf das Auswärtige
Amt kann es nicht geben, zumal man sich fragen muß,
was aus den liberalen Werten, die eben noch einmal
so eindrucksvoll von Herrn Mischnick genannt
wurden, geworden ist. Ein Beispiel soll genügen: der
Widerspruch zwischen den vollmundigen
Bekundungen zu den Menschenrechten, die wir auch heute
wieder gehört haben, und dem nahezu devoten
Verhalten gegenüber den Verantwortlichen für das
Pekinger Massaker von 1989.
Wie Sie wissen, fällt das Abrücken der F.D.P. — oder
mindestens eines Teils von ihr — von diesen liberalen
Werten nicht nur mir auf. Diese Kritik wird
authentisch und mit tiefem E rnst aus ihren eigenen Reihen
vorgetragen.
Es gibt also Gründe genug, wie ich meine, für eine
außenpolitische Wende, Gründe genug auch gegen
diese Idee vom Kerneuropa. Den Vertretern solcher
Thesen sind die demokratischen, ökologischen und
sozialen Defizite in Deutschland, in Europa und in der
Welt immer noch nicht genug. Sie wollen nun auch
noch den Teufel mit dem Beelzebub austreiben, mit
der Errichtung einer Wohlstandsfestung,
möglicherweise eines deutschen autoritären National- und
Hegemonialstaates. Selbst wenn diese deutsch-
nationale Geisterbeschwörung in meist etwas subtileren
Tönen vorgenommen wird — auch Herr Schäuble sagt
das natürlich nicht so offen —, selbst wenn es sich um
nichts anders handeln sollte als um eine Art
Wahlkampfmanöver zum Einsammeln abgedrifteter
Konservativer, selbst dann wäre das unverantwortlich.
Abschließend bleibt mir nur festzustellen, daß wir
für den von Ihnen aufgebauten Linksfrontpopanz
nicht zur Verfügung stehen, eher schon für die
Verteidigung der zunehmend gefährdeten liberalen
Werte. Nicht wir sind eine Gefahr für Deutschland und
Europa; die Gefahr liegt in der Fortsetzung Ihrer
Politik.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ich erteile
nunmehr dem Ministerpräsidenten des Landes
Thüringen, Herrn Dr. Vogel, das Wort.
Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel (Thüringen):
Sehr verehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Nachdem gestern und heute
nicht weniger als drei Kollegen aus den A-Ländern die
Gelegenheit genutzt haben, hier zu sprechen, ist es
vielleicht angebracht, daß auch ein Ministerpräsident
aus einem unionsgeführten Land ein paar
Bemerkungen in der Grundsatzdebatte dieser Woche macht.
(Beifall bei der CDU/CSU — Anke Fuchs
[Köln] [SPD]: Solange es sie noch gibt!)
Nachdem bisher ausschließlich
Ministerpräsidenten aus den alten Ländern das Wort ergriffen haben, ist
es vielleicht angebracht, daß auch ein Repräsentant
aus den jungen Ländern das Wort nimmt, zumal ja von
diesem Pult aus bereits viel über diese Länder
gesprochen worden ist.
Ich habe mich nicht gemeldet, um die Klage und das
Lamento noch zu verstärken, sondern ich habe mich
gemeldet, um in aller Bescheidenheit zwei Dinge
festzustellen:
Erstens. Von den Menschen in den jungen Ländern
ist in ungewöhnlich kurzer Zeit in einer beispiellosen
Kraftanstrengung Ungewöhnliches geleistet
worden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der F.D.P. und der SPD)
Dies verdient auch den Respekt, die Hochachtung,
den Dank und die Anerkennung, ja die Bewunderung
der alten Länder.
Zweitens. Von den alten Ländern, insbesondere von
den Partnerlände rn , vor allem aber vom Bund ist in
ungewöhnlichem Maße geholfen worden. Es hat sich
ein Finanztransfer vollzogen, der in der Kürze der Zeit
und in seiner Höhe ohne Beispiel ist. Es verdient
Anerkennung, ja Bewunderung der jungen Länder,
daß diese Hilfe geleistet worden ist.
Herr Kollege Scharping hat jüngst die jungen
Länder bereist. Am Ende seiner Reise hat er gesagt, er
habe kaum Ansatzpunkte für eine erfolgreiche soziale
und wirtschaftliche Entwicklung erkennen können.
Meine Damen und Herren, ich weiß nicht, wo Herr
Scharping war.
Ich weiß auch nicht, wer ihn geführt hat.
Nur eines weiß ich sicher: Wer nüchtern und offenen
Auges durch die neuen Länder geht,
(Zuruf von der CDU/CSU: Vor allen Dingen
nüchtern!)
sieht, was alles neu entstanden ist und täglich neu
entsteht.
Die Aussage, man könne nichts an sozialer und
wirtschaftlicher Entwicklung sehen,
(Zuruf von der CDU/CSU: Ist mißbilligend
und kränkend!)
kränkt die Männer und Frauen in den neuen Ländern,
die angepackt und die Kane aus dem Dreck gezogen
haben.
Mit meinen zwei einleitenden Bemerkungen zu den
Menschen in den neuen und in den alten Ländern
wollte ich eigentlich nur sagen, daß in der
Legislaturperiode in den neuen Ländern, die überall zu Ende
geht, oder in den vier Jahren seit der Wirtschafts- und
Währungsunion die Grundlagen für die
wiedererstandenen Lander gelegt worden sind, und zwar in
allen Lebensbereichen.
Die Grundlagen sind geschaffen. Der Umbau ist
weit vorangetrieben worden, und zwar nicht nur in der
Wirtschaftspolitik. Eine neue Rechtsordnung ist
entstanden, neue Verfassungen sind verabschiedet
worden. Es gibt ein neues Sozialsystem, ein neues
Gesundheitswesen und ein neues Bildungswesen. Die
Forschungs- und Hochschullandschaft hat sich
verändert. Ebenso gibt es Veränderungen in der
Landwirtschaft und beim Umweltschutz. Ein beachtlicher
Umbau ist vollzogen worden.
Natürlich stehen dabei Arbeit und Wirtschaft im
Mittelpunkt. Die Wirtschaftsdaten sind zur Zeit gut,
teilweise sogar sehr gut. Das ist objektiv so, auch wenn
die eine Seite im Hause gerne hätte, wenn die Daten
noch ein bißchen besser wären, und die andere Seite
im Hause gerne hätte, daß die guten Nachrichten erst
etwas später kämen. Aber objektiv ist die
Wirtschaftsentwicklung gegenwärtig erfreulich.
Nur, meine Damen und Herren, Wirtschaft und
Arbeit sind nicht Selbstzweck, sondern wir haben
ebenso Verantwortung für die Schwachen. Diese
Verantwortung hat gleichen R ang; denn die Soziale
Marktwirtschaft wird letztlich daran gemessen, ob sie
— jedenfalls in der Zielsetzung — allen, die arbeiten
können, Arbeit gibt und ob sie kranken und alten
Menschen, Behinderten und Verfolgten helfen
kann.
Der Bundeskanzler hat selber heute durch die
Darstellung der Situation der meisten Rentner von
1989 und 1994 ein überzeugendes Beispiel gegeben.
Noch vorhandene ungerecht erscheinende
Benachteiligungen wollen wir im Rentenbereich beseitigen.
Es wird dazu eine Gesetzesinitiative der jungen
Länder geben.
Ein anderes Beispiel ist der Rechtsanspruch auf
einen Kindergartenplatz, in westlichen Ländern heftig
diskutiert. Bei uns ist der Anspruch für Kinder ab dem
30. Lebensmonat längst gesetzlich festgelegt, und ein
Landeskindergeld ist eingeführt.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P.
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Was die Wirtschaft betrifft, so ist für uns
festzustellen, daß der Privatisierungsprozeß nahezu
abgeschlossen ist. Am Beispiel Thüringen heißt das: 2 400
Thüringer Treuhandunternehmen sind privatisiert;
14 Betriebe sind noch im Angebot.
Unser Bruttoinlandsprodukt ist zu niedrig; aber die
Zuwachsraten geben Anlaß zu Optimismus: 8 % in
den neuen Ländern, bei uns in Thüringen im letzten
Jahr 12 %, im vorletzten Jahr 11,8 %. Die Vorhersagen
für 1994 sind erfreulicherweise wieder zweistellig.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Herr
Ministerpräsident, sind Sie bereit, eine Zwischenfrage
der Abgeordneten Frau Schulte zu beantworten?
Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel (Thüringen):
Jawohl.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Bitte sehr,
Frau Kollegin.
Brigitte Schulte (Hameln) (SPD): Herr
Ministerpräsident, zu meinem großen Erstaunen habe ich in der
„Süddeutschen Zeitung" vom 29. Juni 1994 die
Statistik zum Bruttoinlandsprodukt je Einwohner 1993
gefunden und möchte von Ihnen erklärt haben,
warum Thüringen an letzter Stelle steht. Es hat nach
der Spannweite der Wirtschaftskraft mit 16 400 DM
Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner mit Abstand die
letzte Stelle erreicht. Daß der Bundesdurchschnitt bei
38 300 DM liegt, ist eine andere Sache. Aber auch bei
den neuen Bundesländern liegt Thüringen an letzter
Stelle. Vielleicht erklären Sie uns das hier.
Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel (Thüringen):
Gnädige Frau, Sie sollten sich das Protokoll kommen
lassen und das, was ich gerade gesagt habe, lesen. Ich
habe auf diese Frage gerade geantwortet.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Nein, Sie haben
schöngeredet!)
Ich habe nämlich darauf hingewiesen, daß das
Bruttoinlandsprodukt bei uns besonders niedrig ist. Das
habe ich gerade gesagt. Sie können das nachlesen. Es
liegt nicht an letzter Stelle —.
(Brigitte Schulte [Hameln] [SPD]: Das steht
aber hier!)
— Entschuldigung, glauben Sie alles, was in der
Zeitung steht? —, aber wir liegen, zusammen mit
Mecklenburg-Vorpommern nicht gut. Um so
erfreulicher ist es, daß wir die höchsten Steigerungsraten
unter allen Ländern haben, weil wir nur so davon
wegkommen.
Um so erfreulicher ist es, daß Thüringen und
Sachsen die Wachstumsregion Nummer eins in ganz
Europa ist.
Auch von niedrigem Niveau kommt man nur weg,
wenn das Bruttoinlandsprodukt rascher steigt als das
anderer Länder. Während das Bruttoinlandsprodukt
der anderen Länder um 8 % steigt — ich wiederhole
das noch einmal für die Frau Kollegin —, steigt es bei
uns Gott sei Dank um 12 %. Daß es so niedrig war, hat
seinen Grund: Wir haben nämlich den
Umwandlungsprozeß schneller als in den anderen neuen Ländern
vorgenommen, und damit ist die Privatisierung der
Treuhandbetriebe rascher vollzogen worden, was
schneller zu einer Basissituation führte, von der wir
aber Gott sei Dank wegkommen. Es ist richtig, daß die
Exportaufträge zu niedrig sind. Es ist auch richtig, daß
uns die traditionellen Ostmärkte noch immer nicht das
bringen, was sie einmal gebracht haben.
Meine Damen und Herren, natürlich sind wir
deshalb auf Hilfe angewiesen. Der Haushalt 1995 sieht
150 Milliarden DM für die wirtschaftliche und soziale
Integration vor. Das ist erfreulich. Aber ich füge hinzu,
wir brauchen das auch. Wir sind darauf angewiesen,
nicht weil wir für immer am Tropf hängen wollen,
sondern weil wir nur vom Tropf wegkommen, wenn
wir schnell zusätzliche Hilfe bekommen. Wir sind in
diesem Punkt mit dem Haushalt einverstanden, weil
er uns diese Stabilität gibt.
Die Haushalte in den jungen Ländern 1995 stehen
auf einer völlig anderen Basis als die
Übergangshaushalte bisher, weil durch die Entscheidung zum
Solidarpakt die Einbeziehung der Länder in den
Finanzausgleich auf einer völlig anderen Basis gegeben ist.
Unsere Steuerdeckungsquote im Haushalt 1994
betrug 26 %, unsere Steuerdeckungsquote nach dem
Solidarpakt im Haushalt 1995 46 %.
(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Sehr
gut!)
Unsere Neuverschuldung im Jahre 1994 betrug
24 %, unsere Verschuldung im Haushalt 1995 wird
7,7 % betragen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
-
ordneten der F.D.P.)
Um die konkreten Auswirkungen des Solidarpaktes
zu sehen: Es muß von uns allerdings auch gesagt
werden, die im Haushalt 1995 des Bundes
vorgesehene Begrenzung der Arbeitslosenhilfe auf zwei
Jahre kann nicht unsere Zustimmung finden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abge
ordneten der SPD)
Diese Frage war Teil des Verhandlungspakets beim
Solidarpakt. Wir sind nicht damit einverstanden, das,
was wir damals einvernehmlich zum Schluß
beschlossen haben, jetzt in einzelnen Stücken noch einmal
nachserviert zu bekommen. Hier widersprechen
wir.
Es gibt, meine Damen und Herren, erhebliche
regionale Unterschiede in der wirtschaftlichen Ent-
Ministerpräsident Dr. Be rnhard Vogel (Thüringen)
wicklung in den neuen Ländern insgesamt und auch
in den einzelnen Ländern. Sie sind vor allem auf die
mangelhafte Verkehrsinfrastruktur zurückzuführen.
Nur durch den zügigen Ausbau der
Verkehrsinfrastruktur werden wir gleichwe rtige
Lebensbedingungen wirklich erreichen. Es ist ein großer Fortschritt,
daß nahezu alle künstlich gerissenen Lücken bei Bahn
und Straße zwischen den alten und neuen Ländern
inzwischen geschlossen sind oder sich das Schließen
im Bau befindet. Aber entscheidend ist für uns, daß die
Verkehrsprojekte „Deutsche Einheit" verwirklicht
werden.
Meine Damen und Herren, wer Arbeitsplätze in den
jungen Ländern schaffen wi ll , muß Straßen und
Schienen ausbauen. Deswegen sind die Beschlüsse von
Bundestag und Bundesrat hierzu für uns eine
Lebensfrage. Sie müssen bei der Südharz-Autobahn, bei der
Bahnverbindung Mitte Deutschland und auch bei der
Autobahn von Nürnberg über Erfurt nach Magdeburg
durchgeführt werden.
Wer uns wirklich helfen will, darf uns diese Hilfe
nicht versagen. Ich habe vorhin gesagt: Die
Grundlagen sind geschaffen. Vieles ist auf den Weg gebracht.
Nach den Aussagen aller Umfrageinstitute, die ich zu
diesem Punkt kenne, sagen zwei Drittel der Thüringer
und Thüringerinnen, daß sie ihre persönliche
Situation und ihre wirtschaftlichen Zukunftsaussichten
positiv bewerten.
Wie Herr Klose heute früh zu der Beurteilung
kommen kann, es herrsche eine miese Stimmung, ist
mir völlig unklar und unverständlich. Er muß Herrn
Scharping auf der vorhin zitierten Fahrt begleitet
haben.
Nur, meine Damen und Herren, trotz dieser
Aussage ist dies für mich kein Grund zur Zufriedenheit,
sondern im Gegenteil Anlaß, uns um die
Benachteiligten mehr als bisher zu kümmern, die Sorgen und
Ängste vor allem der Generation zwischen 50 und 60
und der arbeitslosen Frauen noch ernster zu nehmen
und zu begreifen und hier auch deutlich
auszusprechen: Es gibt noch immer viele Menschen, die an dem
in Gang gekommenen Aufschwung bisher nicht
teilnehmen. Sie müssen unser Wollen spüren, daß diese
Entwicklung für alle gilt und eben nicht nur für die, die
der Aufschwung schon erreicht hat.
Das heißt, Wesentliches bleibt noch zu tun, die
Aufgaben sind noch lange nicht gelöst. Oder es kann
auch so ausgedrückt werden: Es ist wie beim
Hausbau. Wenn man einen guten Architekten hat, braucht
man ein Drittel der Zeit zur Errichtung des Rohbaus
und zwei Drittel der Zeit zum Ausbau. Der neue
Rohbau ist ganz fraglos errichtet. Beim Ausbau ist
noch viel zu tun. Wir haben keinen Grund, die
Schwierigkeiten, die noch vor uns liegen,
geringzuachten; aber wir haben auch keinen Grund, uns von
ihnen überwältigen zu lassen.
Wir haben Schwierigeres gemeistert, als noch zu
meistern ist. Zu den Schwierigkeiten, die wir zu
bewältigen haben, gehört auch unsere eigene
Vergangenheit. Bei der Diskussion, die in den jungen
Ländern in diesem Zusammenhang geführt wird,
möchte ich uns, die wir hier leben konnten,
Zurückhaltung empfehlen. Ich möchte denen, die eine solche
Situation nicht erleben mußten, empfehlen, vorsichtig
mit vorschnellen Urteilen zu sein. Ich jedenfalls
versuche, mich zurückzuhalten, und ich weiß nicht, wie
ich mich verhalten hätte, wenn ich nicht in Göttingen,
sondern 15 Kilometer weiter östlich geboren wäre.
Es war jedenfalls sehr viel leichter, auf höchster
Ebene mit den SED-Funktionären zu verhandeln, als
vor Ort in Greiz oder Altenburg zu entscheiden, was
man wegen der Berufschancen seines Sohnes oder
seiner Tochter an Kompromissen eingeht oder
nicht.
Meine Damen und Herren, der verehrte Herr
Kollege Lafontaine, die Wunderwaffe aus dem
Musterland Westdeutschlands,
hat gestern einen richtigen Satz gesagt.
(Zurufe von der CDU/CSU: Aber nur
einen!)
— Ja, einen will ich zitieren. Er hat davon gesprochen,
wenn man die Telefonhäuschen sehe, dann solle m an
an Helmut Kohl denken. — Meine Damen und Herren,
das tun die Leute bei uns; denn erst seit Helmut Kohl
mit die Wiedervereinigung herbeigeführt hat, gibt es
die Telefonhäuschen.
Und das ist sehr viel wichtiger als die anderen
Fragen.
Aber er hat darüber hinaus gestern die Ost-CDU in
Mitverantwortung für den Mauerbau genommen.
Verehrter Herr Kollege Lafontaine: Das geht nicht!
Wer das tut — heute zu lesen auch in den
Zeitungen —, verrät völlige Unkenntnis hinsichtlich der
Lebenssituation der Menschen zur Zeit der DDR, und
er verrät noch größere Unkenntnis hinsichtlich der
heutigen Lebenssituation dieser Menschen.
Ich möchte ihn einladen, einmal ohne Fernsehkamera
und Öffentlichkeit zu kommen, um mit mir einen
Kreisverband zu besuchen, der sich neu konstituiert
hat, wo 40 % nach der Wende eingetreten sind, wo 10
oder mehr Prozent aus dem Demokratischen Aufbruch
stammen oder woanders herkommen, wo allerdings
auch Mitglieder sind, die seit 10, 20 Jahren und länger
der Ost-CDU angehört haben.
— Sie sollten bitte zuhören, sonst müssen Sie hinterher
noch einmal nachfragen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU —
Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Das Oberlehrer
-
hafte ist geblieben!)
— Entschuldigen Sie, Frau Fuchs, es gibt gelegentlich
Themen, bei denen man nicht nach
parlamentarischem Brauch verfahren sollte.
Es mag ja sein, daß es Verbindungen gab, daß da
einer war, der gemeinsame Sache mit der SED
gemacht hat. Das mag ja sein. Genauso wie leider
nicht alle Sozialdemokraten gezwungen werden
mußten, sich mit der SED zwangsvereinigen zu lassen.
Es gab auch dort, meine Damen und Herren, natürlich
den einen oder anderen, der leider viel zu früh
gemeinsame Sache gemacht hat.
(Zuruf des Abg. Horst Kubatschka [SPD] —
Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Sie haben sich
angepaßt!)
Nur, meine Damen und Herren, darum geht es doch
gar nicht
in der Debatte, die wir jetzt führen. Es geht doch nicht
um das Fehlverhalten einzelner gegenüber vielen, die
durchgehalten haben, sondern es geht darum, wie wir
es beurteilen, daß es wieder eine Partei gibt, die sich
ganz ausdrücklich zur Nachfolgepartei der SED
erklärt und deren heutiges Programm für die Zukunft
an Lenin und der Oktoberrevolution festhält. Es geht
darum, meine Damen und Herren,
daß es wieder eine Partei gibt, die aus der Geschichte
nichts gelernt hat.
Wer diese Unterscheidung zwischen der Frage, wie
sich der einzelne verhalten hat, und der heutigen
Kaderpartei der PDS nicht macht, der wird dem, was
sich zur Zeit in der Bundesrepublik vollzieht, nicht
gerecht.
Meine Damen und Herren, es geht doch nicht um
gegenseitige Vorwürfe, um das Nachrechnen, ob es
irgendwo in irgendeiner Ecke Deutschlands
irgendeinen Bürgermeister gibt, der so oder so gewählt
worden ist, sondern es geht um die Einsicht, daß wir
Grund haben, ein bißchen stolz darauf zu sein, daß es
in der alten Bundesrepublik Bürgerinnen und Bürger
gab und gibt, die die beste deutsche Verfassung, daß
Grundgesetz, niedergeschrieben und sie 40 Jahre
gelebt haben.
Es geht darum, daß es Anlaß gibt, stolz darauf zu
sein, daß in der DDR deutsche Bürgerinnen und
Bürger lebten, die die erste f riedliche und erfolgreiche
demokratische Revolution in Deutschland zustande
gebracht haben.
Meine Damen und Herren, es geht darum, daß wir
zu diesem Punkt uns unserer Vergangenheit nicht zu
schämen brauchen — weder der Vergangenheit in der
ehemaligen DDR noch der Vergangenheit in der alten
Bundesrepublik. Es wäre, glaube ich, sehr viel besser,
wenn wir uns darauf verständigen könnten, daß im
Westen viel Hilfe und im Osten ungeheure
Kraftanstrengung war und ist, und daß im Westen viel
Aufbauarbeit geleistet worden ist und damit ein
Leuchtturm errichtet war, an dem sich viele orientiert
haben, daß sich aber im Osten die Menschen die
Freiheit bewahrt haben, auf die Straßen zu gehen,
sobald das möglich war.
Wenn man das bedenkt, dann muß man, glaube ich,
ein bißchen vorsichtig sein, allzu kleinkariert
Debatten und Auseinandersetzungen mitunter da und dort
anzulegen. Ich glaube, von dieser Situation aus ist es
auch verständlich, daß etwa gerade dieser Tage
Michail Gorbatschow bei seinem Besuch in Thüringen
die Leute fragte: Was sagt Ihr denn jetzt? Habe ich das
richtig gemacht mit der Wiedervereinigung damals?
Sie haben alle gesagt: Selbstverständlich.
Zu Tausenden haben sie es gesagt. Meine Damen und
Herren, das ist die Grundlage, auf der wir diesen
Aufbau betreiben, wofür wir aber noch sehr viel Hilfe
brauchen.
Ich schließe noch einen Dank an, der mit diesem
Thema nichts zu tun hat. Ich möchte mich beim
Deutschen Bundestag für die Zustimmung zur
Grundgesetzänderung gestern bedanken. Wir erfüllen
damit die Zusage des Einigungsvertrags, und wir
vermeiden einen Konflikt zwischen Bundestag und
Bundesrat.
Ich möchte mich ausdrücklich für die Zustimmung
zum Entschädigungs- und Ausgleichsleistungsgesetz
bedanken,
und zwar — sehen Sie mir das bitte nach — vor allem
wegen der Vertriebenen-Zuwendungsregelung.
Wir können den Vertriebenen nicht ihre Verluste
ausgleichen, aber wir setzen jetzt wenigstens ein
kleines Zeichen. Ich bedanke mich ausdrücklich, daß
es gelungen ist, daß dieser Bundestag dieses Zeichen
noch setzt.
Herzlichen Dank dafür.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Meine
Damen und Herren, ich erteile nunmehr der
Bundesministerin für Frauen und Jugend, Frau Dr. Angela
Merkel, das Wort.
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen
und Jugend: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Herr Lafontaine hat uns hier in zwei Tagen immer
wieder verdeutlicht, daß er 1990 alles gewußt hat über
die Schwierigkeiten, über die Probleme, die es im
Zusammenhang mit der deutschen Einheit gegeben
hat.
Aber ich sage: Wir haben damals im Osten gemerkt,
daß Herrn Lafontaine die deutsche Einheit nicht paßt.
Es gab in den alten Bundesländern Diskussionen
— und ich nehme das gar niemandem übel — über
ganz andere Probleme, über die Fragen der
Freizeitgesellschaft, die Herrn Lafontaine damals sehr
beschäftigt haben, und es paßte ihm nicht. Das haben
die Menschen in den neuen Bundesländern, in der
damaligen DDR, gemerkt, und deshalb hat die SPD
keine Mehrheiten bekommen, als es um die
Bundestagswahl ging.
Ich sage Ihnen: Wenn Sie heute mit offenen Augen
durch die neuen Bundesländer fahren — manche von
Ihnen scheinen das ja gar nicht zu tun —, dann werden
Sie sehen, daß wir in schwierigen Zeiten des
Umbruchs Unglaubliches geschafft haben.
Und ich sage Ihnen noch etwas dazu: Wir haben
dieses dank der Hilfe aus den alten Bundesländern
geschafft, wir haben es aber vor allen Dingen auch
geschafft, weil wir als CDU daran geglaubt haben, daß
die Menschen Mut, Initiative, Tatkraft haben, und
weil wir ihnen geholfen haben, diese in Taten
umzusetzen.
Das hat dazu geführt, daß wir nicht nur die alten
Wege der alten Bundesrepublik in den neuen Ländern
gegangen sind, sondern daß wir neue Wege
beschritten haben. Ansonsten hätten wir heute keine Straßen,
hätten wir keine Autobahnspatenstiche und vieles
andere mehr auch noch nicht, und wir werden in den
nächsten Jahren zeigen, daß wir auch in ganz anderen
Bereichen neue Wege gehen, sei es bei der
Privatisierung im kommunalen Bereich oder bei vielem
anderen mehr.
Darauf können die Menschen in den neuen
Bundesländern — ich zumindest bin es — stolz sein, darauf,
inzwischen zu wissen: Wir können viele Dinge alleine,
und wir können einen Beitrag zu dem vereinigten
Deutschland leisten, so daß es ein neues Land wird,
ein bereichertes Land, und wir sind dankbar, aber
gleichzeitig auch stolz auf das, was wir geschafft
haben.
Meine Damen und Herren, nun hat Herr Scharping
uns heute vorgeworfen, wir würden die eigentlichen
Probleme der Menschen nicht kennen. Ich muß Ihnen
sagen, als Frauen- und Jugendministerin kenne ich
die Probleme und die Freuden junger Menschen und
von Frauen. Es gehört für mich zu den schönsten
Erlebnissen, wenn ich Jugendliche bei der Eröffnung
eines Jugendclubs treffe und sie mir sagen,
heutzutage müsse man sich ja um alles selber kümmern, aber
wenn man es dann täte, hätte man direkt auch
Erfolg.
Das ist es, was für mich freiheitliche Gestaltung des
eigenen Lebens bedeutet — sich mühen dürfen, nicht
immer reglementiert werden, keine Übermacht des
Staates, sondern ein Ansporn dazu, die eigenen
Möglichkeiten zu entfalten.
Das, meine Damen und Herren, haben wir geschafft,
und ich weiß sehr wohl, daß dies noch nicht für alle
Menschen in den neuen Bundesländern gilt, aber die
vielen Beispiele, wo es uns gelungen ist, werden der
Ansporn und der Katalysator dafür sein, daß es uns für
mehr und mehr gelingt und wir eine gerechte Gesell
-
schaft in den neuen Bundesländern aufbauen
können.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg.
Dr. Gisela Babel [F.D.P.])
Meine Damen und Herren, ich sage dies ganz
besonders in Richtung der Ministerpräsidenten aus
den alten Bundesländern, die uns gestern und heute
mit ihren Worten beehrt haben. Begleiten Sie doch
einmal Herrn Stolpe, wenn er Wahlkampf in
Brandenburg macht! Da werden Sie merken, daß er unsere
Methoden genau anwendet. Er weiß, daß er die
Menschen ermutigen muß und durch Panikmache
und das Schüren von Angst überhaupt nichts
erreicht,
und deshalb sage ich nur: Begleiten Sie ihn, dann
werden Sie es sehen.
Ich sage Ihnen auch: Allerdings erwarten wir — und
das erwarten die Menschen in den neuen
Bundesländern ganz besonders —, daß wir mit einer Zunge in Ost
und West sprechen. Das fehlt uns bei der SPD an
vielen Stellen ganz immens.
Ein Beispiel sage ich Ihnen sofort, Frau Matthäus-
Maier. Der Truppenübungsplatz in Wittstock soll
beibehalten werden, und zwar als
Tiefflugübungsplatz. Das Land Brandenburg bringt dagegen einen
entsprechenden Antrag im Bundesrat ein. Dieser
Antrag wird abgelehnt mit der Mehrheit der Länder
und unter anderem vom Ministerpräsidenten
Scharping aus Rheinland-Pfalz. Richtig sagen wir als CDU,
denn wir brauchen auch Truppenübungsplätze im
Osten.
Herr Scharping ist jetzt im Sommer auf
Wahlkampftour in Wittstock und natürlich auf der Seite der
Demonstranten, die sich gegen den
Bundesverteidigungsminister wehren. Herr Scharping ermutigt dort
diese Demonstranten und sagt, wehrt euch gegen den
Bundesverteidigungsminister, wählt mich, und
anschließend werdet ihr sehen, werden wir keinen
Truppenübungsplatz in Wittstock haben. So genau
macht man die Einheit nicht, im Westen so, im Osten
so, scheinbar immer auf der Seite der Menschen, aber
mit verschiedenen Zungen.
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Ministerin,
sind Sie bereit, eine Zwischenfrage der Frau
Abgeordneten Matthäus-Maier zu beantworten?
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen
und Jugend: Ja, bin ich.
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Abgeordnete,
bitte schön.
Ing rid Matthäus-Maier (SPD): Frau
Bundesministerin, haben sie in dieser Sache einmal ganz persönlich
Rudolf Scharping angesprochen? Denn ich will Ihnen
sagen, warum ich diese Frage stelle. Es gibt auch
Dinge, wo wir uns als Sozialdemokraten ärgern, daß
Rheinland-Pfalz im Bundesrat anders abstimmt, als
wir es möchten.
— Ja, langsam. — Die Nachfragen haben dann immer
ergeben: Das ist das politische Geschäft; Rheinland
-
Pfalz hat eine Koalitionsregierung, und — das wissen
sie ganz genau aus Berlin und aus anderen Ländern,
wo Sie regieren — in einer Koalitionsklausel steht, daß
der Koalitionspartner, wenn etwas streitig ist, darauf
beharren darf, das dann im Bundesrat nicht anders
abgestimmt wird. — Ich sehe, daß ein Kollege nickt.
Wir sollten fair miteinander umgehen und sagen: In
allen Koalitionsregierungen gibt es solche
Absprachen.
Deshalb meine Frage an Sie: Haben Sie ihn einfach
mal persönlich gefragt, ob das nicht der Hintergrund
ist?
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen
und Jugend: Darum geht es überhaupt nicht, ob ich
ihn gefragt habe. Ich sage Ihnen, hier sind Vorwürfe
erhoben worden. Da ist nicht einer von uns gefragt
worden. Darm soll man doch nicht so tun, als würde
über alles, was hier in den letzten zwei Tagen
besprochen wurde, nun jeweils der andere befragt.
Ich sage Ihnen nur: Rheinland-Pfalz hat gegen die
Aufhebung dieses Truppenübungsplatzes gestimmt.
So wie Sie tagelang und immer den Herrn
Bundeskanzler von der Geburtenrate bis sonstwohin für alles
verantwortlich machen, mache ich Herrn Scharping
wenigstens für das Abstimmungsverhalten in seinem
Lande verantwortlich.
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Ministerin, der
Abgeordnete Brecht möchte auch eine Frage stellen.
Herr Abgeordneter, ich möchte Sie allerdings bitten,
nicht wie die Vorgängerin das gleich zu einer
Kurzintervention ausarten zu lassen. Bitte sehr.
Dr. Eberhard Brecht (SPD): Frau Ministerin, wenn
Sie so vehement die Gleichheit im vereinigten
Deutschland einklagen, ist Ihnen eigentlich bekannt,
wie sich die Zahl der Truppenübungsplätze und der
Standorte zwischen Ost und West verteilt? Und ist
Ihnen klar, daß z. B. bei den Standorten der Osten
Deutschlands wesentlich schlechter wegkommt als
der Westen Deutschlands?
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen
und Jugend: Also, ich spreche jetzt über das, wovon
ich Kenntnis habe. Da kann ich nur sagen: In
Mecklenburg-Vorpommern ist die Bundeswehr der größte
Arbeitgeber nach dem öffentlichen Dienst. Der
Bundesverteidigungsminister wird acht Marinetechnik
schulen im Westen schließen, um eine in
Mecklenburg-Vorpommern zu eröffnen.
(Zuruf der Abg. Brigitte Schulte [Hameln]
[SPD])
— Wir haben acht Marinetechnikschulen im Westen.
So ist es. Da können Sie lachen, Sie können es auch
sein lassen. Machen Sie sich kundig.
Ich sage Ihnen nur: Das ist die Armee der Einheit,
die auch aus dem Westen Einheiten abzieht, die für
uns von Nutzen sind. Deshalb sind wir zufrieden in
Mecklenburg-Vorpommern, und die anderen Dinge
können wir dann klären.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg. Dr.
Gisela Babel [F.D.P.] —Abg. Brigitte Schulte
[Hameln] [SPD] meldet sich zu einer Zwi
schenfrage)
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Schulte, die
Ministerin hat mir signalisiert, weitere Fragen wolle
sie nicht beantworten.
Ich möchte ein bißchen an das Haus appellieren,
sich zurückzuhalten. Wir sind in der Zeit so, daß es
sehr, sehr spät wird. Und der Herr Finanzminister wird
erneut gebeten, seine Zwischenrufe vom
Abgeordnetenplatz aus zu machen.
Dr. Angela Merkel, Bundesministerin für Frauen
und Jugend: Ich möchte jetzt gerne noch auf ein
anderes Thema kommen, das in den letzten Tagen
hier eine Rolle gespielt hat. Und zwar, daß Sie als
Sozialdemokraten in der gesamten Debatte immer
wieder leugnen, daß es bei Ihnen eine
Zusammenarbeit, und zwar auf hoher Ebene, mit der PDS gibt.
Ich muß Ihnen entgegnen: Als erstes sind Sie dabei,
uns dafür verantwortlich zu machen, welche
Stimmenergebnisse die PDS hat. Ich frage Sie einmal: Wie
erklären Sie sich dann — Frau Fuchs, wenn Sie mir
eine Sekunde zuhören würden — die hohen
Stimmenergebnisse der PDS bei den Kommunalwahlen in
Brandenburg? Bei einer tollen Landesregierung und
bei der kommunalen Selbstverwaltung, an die Sie
wohl mindestens so sehr glauben werden wie ich,
kann doch nicht alles Schuld des Bundes sein, daß es
doch immer noch Menschen gibt, die bei so
hervorragenden Persönlichkeiten nicht von den
kommunalpolitischen und landespolitischen Fähigkeiten der SPD
überzeugt wären.
Ich sage Ihnen deshalb: Lassen Sie doch das
Gerede, als seien wir auch noch für die Ergebnisse
zuständig, die Oppositionsparteien erzielen! Fragen
Sie sich statt dessen einmal, ob Sie ein richtiges Bild
von der Lage in den neuen Bundesländern malen, von
dem sich die Menschen angesprochen fühlen, auch
die Menschen, die heute noch nicht klarkommen.
Diese Frage sollten Sie sich redlicherweise einmal
stellen.
Was hat der Landesvorsitzende der SPD in
Mecklenburg-Vorpommern, Herr Ringstorff, der immerhin
noch Parteiratsvorsitzender ist, gesagt?
(Zuruf von der SPD: Er wird Ministerpräsi
dent!)
— Herr Ringstorff, der immerhin heute erst einmal
Parteiratsvorsitzender der SPD ist — das ist doch ein
relativ hoher Posten —, sagt: Es geht eigentlich nur um
eines: konservative Mehrheiten brechen, und zwar
egal, mit wem.
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Das hat er
nicht gesagt! Das ist eine Unwahrheit!)
— Warten Sie ab! Er sagte nämlich weiter: Wir haben
ja mehr Berührungspunkte mit der PDS in vielen
Fragen, insbesondere der Sozialpolitik, als mit den
Konservativen. Wenn sich die PDS von ihrer
„Kommunistischen Plattform" etwas befreien würde, würden
der Zusammenarbeit eigentlich überhaupt keine
Hindernisse mehr im Wege stehen.
Auf diese Weise haben wir in unserem L and vier
Landräte und einen Oberbürgermeister von der SPD,
die in Personalabsprachen mit der PDS gewählt
wurden, und zwar so, daß die PDS jeweils einen Posten
abbekommen hat, nämlich den Posten des
Kreistagspräsidenten.
Das können Sie überhaupt nicht abstreiten. Das
Ganze hat seine Fortsetzung gefunden in Sachsen-
Anhalt, wo Sie Herrn Höppner überhaupt erst mit den
Stimmen der PDS ins Amt bekommen haben.
— Frau Matthäus-Maier, Sie schreien immer so, und
es wird davon nicht wahrer. Es ist so, wie ich es Ihnen
sage.
(Zuruf der Abg. Ingrid Matthäus-Maier
[SPD])
Jetzt sage ich Ihnen noch folgendes. Sie versuchen,
den Angriff abzuwehren, indem Sie in infamer Weise
die Zeit der früheren Ost- CDU hervorzerren und so
tun, als hätte die CDU damals etwas in markanter
Weise zu sagen gehabt. Nun erkläre ich Ihnen: Ich
habe zu denen gehört, die die Aufarbeitung der
Vergangenheit auch der CDU in der früheren DDR mit
vorangetrieben haben, vom Dresdner Parteitag über
die Weimarer Erklärung. Wir haben das bei uns in
intensiver Weise gemacht, und ich würde nie
behaupten, daß der Prozeß abgeschlossen ist.
Es ist doch geradezu abwegig, heute mit
irgendwelchen alten Grußbotschaften zu argumentieren. Gehen
Sie doch bitte auf den nächsten Gewerkschaftstag und
versuchen Sie, dort bei dem DGB-Vorsitzenden und
anderen Funktionsträgern auch Grußbotschaften
herauszuholen! Ich könnte Ihnen dann auch noch meine
Marxismus-Leninismus-Arbeit zeigen — ich habe sie
leider nicht mehr —, und ich sage Ihnen: Wenn Sie in
der früheren DDR gelebt hätten, hätten Sie solche
Sachen auch verfaßt.
Heute geht es doch darum, wie und auf welcher
Grundlage wir die Zukunft gestalten wollen.
— Warten Sie ab! Es geht heute darum: Auf welcher
Grundlage wollen wir die Zukunft gestalten? Für mich
aber ist eine Partei, die sagt, sie ist alles, aber auf
keinen Fall antikommunistisch, einfach auf dem
Holzweg, weil sie keine Lehren aus der Geschichte
gezogen hat.
Wenn Sie da nicht zustimmen, frage ich Sie wirklich,
ob Sie nicht auch auf dem Holzweg sind.
Deshalb zum Abschluß meine dringende Bitte an
Sie: Lassen Sie uns das Schicksal und das Leben der
Menschen in der früheren DDR ganz ruhig be trachten
und aufarbeiten. Aber lassen Sie bitte nicht zu, daß
Parteien, die sich heute wieder mit dem
Kommunismus brüsten, an die Macht und in die Verantwortung
kommen! Das setzt das Schicksal der gesamten
Bundesrepublik aufs Spiel. Dieser Überzeugung bin ich,
und es wäre traurig, wenn Sie nicht der gleichen
Überzeugung wären. Herzlichen D ank!
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ich erteile
nunmehr dem Abgeordneten Dr. Ulrich B riefs das
Wort.
Dr. Ulrich Briefs (fraktionslos): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Diese Debatte findet statt
inmitten einer gefährlichen, einer geradezu
beängstigenden Entwicklung. Als wir im Januar 1987 in den
11. Deutschen Bundestag kamen, hätte niemand von
uns auch nur im geringsten gedacht, daß es wenige
Jahre später nicht mehr die Systemkonfrontation und
nicht mehr die Sowjetunion, dafür aber ein
wiedervereinigtes Deutschland geben würde.
Heute, vielleicht gerade die Zahl von Jahren weiter,
die es erlaubt, ein erstes, halbwegs fundiertes Urteil
über die danach folgende Entwicklung abzugeben,
muß man sagen: Was ein allgemeines freudiges,
befreiendes Umbruchserlebnis hätte werden können,
ist in vielen Aspekten und für Millionen von
Menschen vor allem auch zur Quelle von Angst und Not
geworden.
Insbesondere die in Westdeutschland bereits vorher
vorhanden gewesenen sozialen Widersprüche sind
noch schärfer geworden. Zu dem Millionenheer der
Arbeitslosen in Westdeutschland ist ein relativ noch
größeres derartiges Millionenheer im Osten
Deutschlands hinzugekommen.
Der Wiedervereinigungsboom am Ende einer
ungewöhnlich langen wirtschaftlichen
Aufschwungperiode hat konsequent — darauf konnte man sich
einrichten — zur größten Wirtschafts - und
Arbeitsmarktkrise in der Nachkriegsgeschichte überhaupt
geführt. An diesem Punkt wird bereits mindestens
einer von drei großen Fehlern und Versäumnissen
dieser Bundesregierung, dieser Koalition deutlich.
Es war ein Fehler sondergleichen, den gewaltigen
Prozeß des Zusammenführens von west - und
ostdeutscher Wirtschaft so plan- und konzeptionslos, so ohne
alle Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen, insbesondere
was die Arbeitsplätze im Osten betrifft, vor sich gehen
zu lassen, wie es diese Bundesregierung getan hat.
Dies ist und wird sein — insbesondere vor dem
Hintergrund der weiteren politischen Entwicklung —
ein wesentlicher Bestandteil der historischen Schuld
dieser Bundesregierung und der sie tragenden
Kräfte.
Hinzu kommt als zweiter grundlegender Fehler der
auch bereits vor 1989 vor allem aus Gründen radikal
marktwirtschaftlicher Ideologie betriebene
Sozialabbau, der ein weiteres Millionenheer von Armen, von
Obdachlosen, von Ausgegrenzten, von sozial
Schwachen und Hilflosen geschaffen hat.
Diese bewußte Politik hat das Land sozial gespalten
wie nie zuvor. Dadurch und durch das Versagen bei
der wirtschaftspolitischen Überleitung auf die
Bedingungen des vereinigten Landes ist eine gefährliche
und in der Zukunft womöglich geradezu b risante oder
explosive Situation entstanden.
Ein ökonomisch und technologisch mode rnes, in
vielen Bereichen hochmodernes, allerdings mit
riesigen überschüssigen Produktionsmöglichkeiten
ausgestattetes Land ist nunmehr konfrontiert mit riesigen
und sich weiter verschärfenden sozialen
Widersprüchen, wobei jeweils Millionen von Menschen
betroffen sind, Menschen, die das irgendwie auch politisch
verarbeiten müssen.
Dieses Land ist zudem konfrontiert mit gewaltigen
inneren strukturellen Problemen, die mit dem
hochmodernen, aber eben weit überdimensionierten
Produktions- und Wirtschaftsapparat dieses Landes, der
zudem inzwischen hochgradig weltweit verflochten
ist, verbunden sind.
Dieses Land ist auch in besonderer Weise
konfrontiert mit den zwangsläufig von der modernen
Produktionsweise ausgehenden Umweltschäden und
Umweltgefahren. Das weiß jeder. Es ist konfrontiert mit
den vielfältigen Problemen, die im Zusammenhang
mit der säkularen Benachteiligung von Frauen in der
Gesellschaft und mit der Versagung von
Beteiligungsrechten in den Betrieben und in anderen Bereichen
der Gesellschaft stehen.
In dieser brisanten Situation, die schnell explosiv
werden kann, spielt diese Bundesregierung und
spielen die sie tragenden politischen Kräfte mit dem
Feuer. Statt sich systematisch und konsequent der
Ursachen und der Bekämpfung der unsozialen Folgen
anzunehmen, beginnen sie — teils grob fahrlässig,
teils politisch absichtlich und bewußt — das Spiel mit
dem Feuer eines neuen Nationalismus, und das in
einem Land, das bis heute nicht wirklich die Zeit des
Nationalsozialismus und seiner furchtbaren
Verbrechen verarbeitet hat.
Das ist bereits heute der größte und folgenschwerste
Fehler dieser Bundesregierung und dieser Koalition.
Er ist Ausdruck einer exakt falschen und insbesondere
vor der deutschen Geschichte verantwortungslosen
Politik dieser Bundesregierung und dieser Koalition in
einer zugegebenermaßen alles andere als leichten
Situation, wie sie sich nach dem weltgeschichtlichen
Umbruch der endachtziger Jahre in Europa und in
Deutschland herausgebildet hat.
Es besteht die Gefahr, daß Geister bereits gerufen
worden sind oder weiterhin noch gerufen werden, die
nicht mehr zu beherrschen sind, die nicht mehr
zurückzuholen sind und die eines Tages dieses Land
in neue politische und womöglich auch militärische
Abenteuer führen können.
Wie sagte Brecht, die deutsche Geschichte
meinend, sinngemäß: Karthago war noch mächtig nach
dem ersten Punischen Krieg; es war noch da nach dem
zweiten; es war nicht mehr aufzufinden nach dem
dritten.
Die Renationalisierung der deutschen Politik, die
nicht aus der extremen Rechten gekommen ist,
sondern aus der deutschen konservativen Mitte, ist im
Zusammenhang mit der vielleicht viel zu leicht
zustande gekommenen Wiedervereinigung das
Hauptproblem der weiteren politischen Entwicklung
in Deutschland. Es ist ein Prozeß, der leider läuft und
der, fürchte ich, gerade unsere Beziehungen zu
unseren westeuropäischen Nachbarn, auf die ich auch aus
persönlichen Gründen sehr, sehr viel Wert lege — in
den Niederlanden, in Paris usw. ansässig —, sehr stark
beeinträchtigen kann. Er hat sie schon in bestimmten
Aspekten beeinträchtigt. Das will ich einmal ganz
deutlich dazu sagen.
Man fühlt sich in Pa ris heute an manchen Punkten
— etwa im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten
zum 50. Jahrestag der Befreiung von Pa ris — geradezu
stigmatisiert, wenn man sieht, daß dort an jeder Ecke
französische Bürger — zum Teil ganz normale Bürger,
die nicht in irgendwelchen politischen
Zusammenhängen aufgefallen sind — von Deutschen
hingerichtet und massakriert worden sind. Das gehört zu
unserer Geschichte; das dürfen wir nicht vergessen.
Wenn ich mir nun vorstelle, diese Bundesregierung
und diese Koalition würden mit ihrer
scheibchenweisen Restauration, mit dem Sozialabbau, mit dem
Gewurstel in der Wirtschafts- und Technologiepolitik
nach dem 16. Oktober 1994 vier Jahre so
weitermachen können, wird mir weiter angst und bange — noch
viel stärker.
(Zuruf von der CDU/CSU: Darm sind Sie ja
nicht mehr da!)
Sich vorzustellen, es würde vier Jahre in der
Haushaltspolitik und im Haushaltsausschuß — das habe ich
vier Jahre erlebt — so weitergehen wie in den
abgelaufenen vier Jahren, reicht schon, um weitere
gehörige Angst zu erzeugen. Aber, gerade auch nach
dieser Debatte — das kann ich zum Schluß, glaube ich,
anmerken — gilt: Wenn in der Politik und bei
Wahlentscheidungen Rationalität und
Problemorientierung den Ausschlag geben, wird es dazu nicht
kommen.
Es könnte allerdings sein, daß die Situation im
Osten, an der diese Bundesregierung ein gerüttelt
Maß an Schuld trägt, ein Wahlergebnis bringt, das
eine Ablösung dieser Bundesregierung und dieser
Koalition verhindert. Jedem und jeder muß klar sein,
daß eine Konstellation wie in Sachsen -Anhalt
bundesweit von den Beteiligten nicht gewollt wird, nicht
hingenommen würde und deshalb auch nicht
praktiziert werden kann. Der Westen ist in diesem Punkt
entscheidend anders als der Osten.
Herr Präsident, ich komme zum Schluß.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ja, das ist
auch nötig.
Dr. Ulrich Briefs (fraktionslos): Wie nie zuvor in der
Geschichte der Bundesrepublik hat es die
Wahlbevölkerung am 16. Oktober in der Hand, z. B. durch eine
hohe Wahlbeteiligung und durch gezieltes Splitten
von Erst- und Zweitstimme — das gilt vor allem für den
Osten, und zwar in dem Zusammenhang, den ich jetzt
angesprochen habe — den weiteren Marsch in
neoautoritäre Verhältnisse zu verhindern.
Herr Präsident, ich danke Ihnen.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Das Wort
hat nunmehr der Abgeordnete Rudolf Krause
(Bonese).
(Zurufe von der CDU/CSU: Ein Extremist
nach dem anderen! Auch der ist nicht mehr
lange dabei!)
Dr. Rudolf Karl Krause (Bonese) (fraktionslos): Herr
Präsident! Meine Damen und Herren! Deutsche
Politik war und muß eine auf alle Deutschen auf dieser
Welt ausgerichtete Politik bleiben. Der Staat ist die
nationale Solidargemeinschaft. Gerade in den vier
Jahren nach der Wiedervereinigung unseres
Vaterlandes funktioniert diese nationale
Solidargemeinschaft.
Es wäre unredlich, etwas anderes zu sagen als Dank
den deutschen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die
durch ihre fleißige Arbeit, durch ihre Sozialleistungen
ermöglichen, daß für die Rentner in den neuen
Ländern, daß für die Vorruheständler, daß für die Kranken
diese Solidargemeinschaft funktioniert. Es muß Ziel
der Politik sein, daß der deutsche Arbeitgeber und der
deutsche Arbeitnehmer auch in der Zukunft in der
Lage sein werden, diese Sozialleistungen zu
bezahlen.
Meine Schwiegereltern gehören zu denen, die als
ganz normale Bürger der DDR zum Teil bis zum
70. Lebensjahr gearbeitet haben. Zusammen
bekommen sie jetzt eine Rente von 3 000 DM. Sie haben ein
schuldenfreies Haus. Sie leben materiell und auch
sonst glücklich und zufrieden. Damit teilen sie das Los
vieler in den neuen Ländern, die ein Leben lang
gearbeitet haben.
Ob es richtig ist oder nicht, lasse ich dahingestellt:
Aber es war möglich — dazu habe auch ich
beigetragen —, daß alle, die in der LPG gearbeitet haben, beim
Rentenrecht wie Arbeiter und Angestellte behandelt
wurden. Es gibt heute Ehepaare auf dem Lande, die
2 500 bis 3 200 DM Rente erhalten, die ihr Land
schuldenfrei aus der LPG herausbekommen haben,
die den Sozialismus dadurch besser überlebt haben
als viele Bauern in Westdeutschland die EG. Diese
Ehepaare verfügen jetzt über das Vierfache an
Haushaltsnettoeinkommen im Monat gegenüber
denjenigen, die 8 km weiter hinter der niedersächsischen
Grenze wohnen.
Ich sage das mit der Pflicht zur Dankbarkeit.
Letztendlich ermöglicht der, der deutsche Waren und
Dienstleistungen kauft, daß die Sozialbeiträge
gezahlt werden. Ich sage das auch mahnend für die
Zukunft: Wir müssen in einer nationalen
Verantwortung bleiben, wenn der Staat als nationale
Solidargemeinschaft weiterhin bezahlbar bleiben soll.
Ich will in meiner Rede heute aber auch noch etwas
anderes sagen. Wir in der ehemaligen DDR haben
deutschlandpolitische Debatten im Fernsehen, im
Deutschlandfunk als Höhepunkte empfunden. Wir
haben an den Sendern geklebt, wir haben auf jedes
Wort gelauscht, das sich mit uns Deutschen in der
damaligen DDR beschäftigt hat. Jeder einzelne war
sich als Angehöriger des deutschen Volkes ständig
bewußt, daß wir potentiell auch Staatsbürger der
Bundesrepublik Deutschland sein könnten, was wir
dann auch geworden sind.
Was heißt das aber in der jetzigen Verantwortung?
Genauso wie wir uns als Angehörige des deutschen
Volkes gefühlt haben und auch fühlen konnten, muß
sich diese und auch jede zukünftige deutsche
Regierung für alle Deutschen auf dieser Welt verantwortlich
fühlen, so wie es 40 Jahre eine Verantwortung für die
Deutschen in der ehemaligen DDR gab.
Ich hatte in den letzten Jahren die Gelegenheit, in
einigen anderen Ländern zu sein und dort mit
Deutschen zu sprechen. Es sind ganz unterschiedliche
Erwartungen, es sind ganz unterschiedliche
Bedingungen, es sind ganz unterschiedliche Wünsche, und
es sind ganz unterschiedliche Sorgen und Nöte, für die
sich auch in Zukunft die Regierung eines starken,
freien, demokratischen Deutschland verantwortlich
fühlen muß.
Am wichtigsten ist das wohl für die Deutschen in der
Sowjetunion. Ich denke da vor allem an die Deutschen
in Mittelasien. Es kann dort sehr schnell zu
Verhältnissen kommen, wie sie jetzt in Bosnien sind. Es
besteht eine akute Bürgerkriegsgefahr, und es ist
notwendig, jeden Deutschen, der das möchte, aus
diesem Krisengebiet herauskommen zu lassen und
ihm hier wieder eine Heimstatt zu geben.
Eine ganz andere Frage ist es mit den Deutschen in
der Slowakei. Sie wohnen dort seit Jahrhunderten, sie
wollen dort auch wohnen bleiben. Aber noch immer
gelten dort die Benes-Dekrete, die völkerrechtswidrig
waren und Nachkriegsunrecht und Kriegsverbrechen
darstellten, auch wenn sie damals von einer
demokratisch gewählten Regierung erlassen wurden. Ich
würde also ganz intensiv jede Regierung in
Deutschland darum bitten, hier Unrecht zu beseitigen, auch
soweit es vor 1939 in Polen und nach 1945 in anderen
europäischen Ländern aufgetreten ist.
Zu den Deutschen in Südafrika, Südwestafrika,
Südamerika, Mittelamerika: Hier gibt es wieder eine
andere Situation, für die wir uns aber auch
verantwortlich fühlen müssen.
— Das hat man auch gesagt, als es um die Deutschen
in der DDR ging, und das haben diejenigen gesagt, die
bei Erich Honecker auf dem roten Teppich Schlange
standen. Wir haben Verantwortung für alle Deutschen
in dieser Welt!
Es ist notwendig, daß bei den wirtschaftlichen
Umbrüchen Deutsche in der ganzen Welt eine
Solidarität, auch eine kommerzielle Solidarität, entwickeln,
die in anderen Nationen dieser Erde vorbildlich
funktioniert; ich sage ausdrücklich: vorbildlich
funktioniert.
Wenn ich z. B. an die deutsche Gruppe in Deutsch
-
Südwest, jetzt Namibia, denke: Sie erwartet von uns
nicht nur, daß wir Kulturaustausch betreiben,
vielleicht sogar auch nach wie vor bezahlen. Zur Zeit ist es
so, daß nur kulturelle und kirchliche Bindungen die
tragenden Elemente der Verbindung sind. Es muß
dazu kommen, daß diejenigen, die im Ersten und im
Zweiten Weltkrieg unschuldig interniert waren, weil
sie Deutsche waren, jetzt auch in die
Solidargemeinschaft hineingenommen werden.
Das meine ich vor allem auch, was den H andel
angeht. Es gibt durchaus die Möglichkeit, nicht Geld
zu zahlen, was bei der gegenwärtigen Haushaltslage
die deutschen Steuerzahler und damit die
Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft noch mehr
belasten würde. Nein, man kann Bedingungen
schaffen, daß Waren aus Betrieben, in denen Deutsche
arbeiten, die von deutschen Unternehmern geleitet
werden, gewisse Präferenzen auf dem deutschen und
auf dem europäischen Markt erhalten. Man kann eine
Solidargemeinschaft wiederherstellen, wie sie bis
1914 bestanden hat, wie sie uns aber auch andere
Nationen dieser Erde vorbildlich vorleben.
Ich wünsche mir, daß auch zukünftige Bundestage
immer wieder Gelegenheit finden, sich der Aufgabe,
Interessenvertreter aller Deutschen auf dieser Erde zu
sein, würdig zu erweisen.
Ich danke für die Aufmerksamkeit.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Meine
Damen und Herren! Ich möchte diesen Komplex jetzt
abschließen. Dazu brauche ich vorher noch Ihre
Zustimmung, daß ich die Reden des Bundesministers
Carl-Dieter Spranger zum Haushalt des
Entwicklungshilfeministeriums und des Bundesministers
Volker Rühe zum Verteidigungshaushalt zu Protokoll
nehmen darf.*) Ich nehme an, das Haus ist damit
einverstanden. — Dann wird das so geschehen.
Bevor wir zur Sozialpolitik kommen, muß ich noch
einige Abstimmungen vornehmen. Interfraktionell ist
vereinbart worden, daß die Tagesordnung um den
Zusatzpunkt 15 erweitert wird: Zweite und dritte
Beratung des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs
zur Änderung des Wohngeldsondergesetzes und des
Wohngeldgesetzes und Beratung der
Beschlußempfehlung des Ausschusses für Gesundheit zum Bericht
der Bundesregierung über die Behandlung von
Lebensmitteln mit ionisierenden Strahlen.
Diese Vorlagen sollen ohne Aussprache behandelt
werden, allerdings macht der Abgeordnete Dr. Seifert
von seinem Recht Gebrauch, zur Abstimmung etwas
zu sagen.
Meine Damen und Herren, ich rufe den
Zusatzpunkt 15 auf:
a) Zweite und dritte Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung des Wohngeldsondergesetzes und
des Wohngeldgesetzes
— Drucksache 12/8408 —
b) Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Ausschusses für Gesundheit
zu der Unterrichtung durch die
Bundesregierung
Bericht der Bundesregierung über die
Behandlung von Lebensmitteln mit
ionisierenden Strahlen
— Drucksachen 11/7574, 12/8439 —
Herr Dr. Seifert, Sie haben das Wort.
*) Anlage 2
Dr. Ilja Seifert (PDS/Linke Liste): Herr Präsident!
Meine Damen und Herren! Wenn heute eine
Änderung des Wohngeldsondergesetzes beschlossen wird
— ich kann jetzt schon sagen, daß wir dem zustimmen
werden, weil wir natürlich nicht dagegen sind, daß
zumindest zeitweilig den Menschen dort eine
Entlastung zuteil wird —, zeigt das zunächst einmal, daß die
Regierung, wenn sie will, sehr schnell etwas Positives
tun kann. Meistens will sie es nicht.
Es zeigt aber auch, daß die Salamitaktik fortgesetzt
wird, daß den Menschen immer nur so viel Luft
gelassen wird, daß sie gerade nicht ersticken. Sinnvoll
wäre es, diese Regelung bis mindestens Ende 1996
festzulegen und in der Zwischenzeit durch einen
Mietenstopp dafür zu sorgen, daß Ruhe auf dem
ostdeutschen Wohnungsmarkt eintritt und daß in der
Zwischenzeit Konzeptionen erarbeitet und umgesetzt
werden können, die wirklich ein gesamtdeutsches
und gerechtes Mietsystem in Kraft setzen können.
(Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Das
mußte doch mal gesagt werden!)
Für die jetzt zu verabschiedende
Wohngeldsonderregelung wäre es allerdings wichtig gewesen, daß
nicht nur die Heizkosten weiterhin anteilig
berücksichtigt werden, sondern daß auch die
Wohngeldtabellen erweitert würden und daß Freibeträge für
Menschen mit Behinderungen und Alleinerziehende
analog dem Wohngeldgesetz West eingeführt
würden. Bedauerlicherweise ist das nicht der Fall.
Trotzdem werden wir uns, wie gesagt, der Zustimmung
nicht verweigern, weil es einige Vorteile enthält, die
wir gerne haben wollen.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Ich stelle
den Entwurf zur Änderung des
Wohngeldsondergesetzes und des Wohngeldgesetzes in der
Ausschußfassung zur Abstimmung.
Ich bitte diejenigen, die der Beschlußempfehlung
auf der Drucksache 12/8454 zustimmen wollen, um
das Handzeichen. — Dagegen? — Enthaltungen? —
Damit ist das Gesetz in zweiter Lesung einstimmig
angenommen.
Wer dem Gesetzentwurf in der
dritten Beratung
als Ganzem zuzustimmen wünscht, den bitte ich, sich
zu erheben. — Dagegen? — Enthaltungen? — Damit
ist der Gesetzentwurf in dritter Lesung einstimmig
angenommen.
Ich lasse jetzt über die Beschlußempfehlung des
Ausschusses für Gesundheit zu dem Bericht der
Bundesregierung über die Behandlung von Lebensmitteln
mit ionisierenden Strahlen abstimmen.
Wer stimmt der Beschlußempfehlung auf
Drucksache 12/8439 zu? — Wer stimmt dagegen? —
Enthaltungen? — Bei Enthaltung von PDS/Linke Liste ist die
Beschlußempfehlung einstimmig angenommen.
Meine Damen und Herren, im Rahmen der
Haushaltsdebatte rufe ich nunmehr den Bereich
Sozialpolitik auf. Der Ältestenrat schlägt Ihnen eine
Debattenzeit von ca. drei Stunden vor. Ich nehme an, das Haus
ist damit einverstanden.
Ich erteile zunächst dem Bundesminister für Arbeit
und Sozialordnung, Dr. Norbert Blüm, das Wort.
Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Ich nehme im zwölften Jahr an den
Haushaltsberatungen in der Konstellation Opposition: SPD,
Regierung: CDU/CSU und F.D.P teil. Es dreht sich
immer um die variantenreiche Wiederholung eines
einzigen Themas: Kaputtsparen. Ich wette mein
bescheidenes Vermögen, daß Herr Schreiner, der
nach mir redet, dieses Wort wieder gebrauchen
wird.
Im Wahlkampf steigert sich die Etikettierung „zwölf
Jahre Kaputtsparen" zum Ruin für Deutschland,
geschmückt mit dem Vorwurf der „Sozialen
Demontage". Das einzige, was in diesen zwölf Jahren
demontiert wurde, waren die drei Kanzlerkandidaten der
SPD.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Dietrich Austermann [CDU/CSU]: Engholm
auch noch! Die Älteren werden sich an ihn
erinnern!)
Das Ergebnis ist, daß Sie jetzt mit drei
Schattenkanzlern in den Wahlkampf ziehen.
(Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]:
Das ist der Dreier ohne Steuermann!)
Ich setze dem Vorwurf des Kaputtsparens das Wort
„Rettungssparen" dagegen.
— Ich werde Ihnen das gleich erklären. — Wir sparen
nicht für die reichen Leute, wir sparen nicht für die
Ölscheichs. Wir sparen für die Lohnempfänger, wir
sparen für die Rentner. Denn daß wir die
Preissteigerungsrate unter 3 % gedrückt haben, halte ich für den
größten sozialen Erfolg dieser Regierung in dieser
Legislaturperiode.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Lachen bei der SPD)
— Ja, das haben Sie nie kapiert. Das weiß ich.
Was hat Schmidt gesagt? — 5 % Inflation seien
weniger schlimm als 5 % Arbeitslosigkeit. Am Schluß
hatte er beides. Hätten wir eine Preissteigerung von
5%,
bedeutete dies einen Kaufkraftverlust in Höhe von
40 Milliarden DM, der zu Lasten der Rentner und
Lohnempfänger ginge. Eine Reduzierung der
Preissteigerung um 1 % bringt für die Leute eine
Kaufkraftsteigerung von rund 20 Milliarden DM. Das ist
Verteilungspolitik ohne Paragraphen, ohne Lärm, ohne
Spektakel. Aber die Leute können sich davon mehr
kaufen, und das ist sozial.
Ich mache es noch deutlicher: Eine Verringerung
der Preissteigerung um 1 % bringt so viel wie 2 %
Lohnerhöhung. Wissen Sie, warum? —
Weil von der Lohnerhöhung bei den Empfängern nur
die Hälfte ankommt, weil die andere Hälfte an das
Finanzamt und die Sozialversicherungen geht.
Bei der Senkung der Preissteigerungsrate
entspricht die Brutto- der Nettowirkung. Dazwischen
liegt kein Tara. Damit haben Sie ja ohnehin
Schwierigkeiten.
— Ihr Kanzlerkandidat kennt doch die Tara nur aus
dem Lied „Taritara", der glaubt doch, das sei ein
russischer Mädchenname.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU und der F.D.P.
— Dr. Klaus Rose [CDU/CSU]: Das Ännchen
von Tara!)
Ich stelle fest: Preissenkungen kommen bei den
Rentnern, bei den Lohnempfängern ohne Abstriche
an. Deshalb müssen wir sparen, um die Inflation
zurückzudrängen, müssen wir sparen, um
Preissteigerungen zurückzudrängen. Das halte ich für eine
wichtige sozialpolitische Aufgabe.
Ich habe ja zugehört, aber man muß das, was Sie
wollen, sortieren. Sie wollen die Schulden abbauen,
die Steuern senken und die Ausgaben steigern. Das ist
ungefähr das, was ich in den zwei Tagen gehört habe.
Das ist der sozialdemokratische Triathlon:
Schwimmen, Laufen und Fliegen gleichzeitig.
(Horst Kubatschka [SPD]: Sie haben keine
Ahnung vom Sport!)
Sie wollen Schulden abbauen, Ausgaben erhöhen und
Steuern senken.
Herr Dreßler, mein Schatten, den ich leider
vermisse
— wenn das Licht ausgeht, sieht man die Schatten
nicht mehr —,
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU und
der F.D.P.)
sagt, Sie wollten die Sozialleistungen erhöhen. Herr
Lafontaine hat davon gesprochen, auch die
Sozialleistungen müßten gekürzt werden. Was sagt Scharping?
Sie müßten geprüft werden. — Meine Damen und
Herren, wir wählen keine Bundesregierung zum
Prüfen — dafür haben wir den Bundesrechnungshof —,
wir wählen die Regierung zum Regieren. Deshalb
kann man mit dieser Politik nicht weiterkommen.
Ich gebe — zugegebenermaßen nachträglich —
eine zweite Rechtfertigung für das Sparen, für
Konsolidierung im Sozialbereich: Ohne die Stabilisierung
in der Rentenversicherung, in der
Krankenversicherung, in der Arbeitslosenversicherung hätten wir die
Herausforderungen der deutschen Einheit gar nicht
bewerkstelligen können, wir wären
zusammengebrochen. Ein halbes Jahr, nachdem ich mein Amt
übernommen habe, wäre die Rentenversicherung
zahlungsunfähig gewesen. Wir haben konsolidiert und
damit ermöglicht, daß der Sozialstaat Deutschland
eine der größten Herausforderungen in den letzten
100 Jahren bestanden hat.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU —
Dr. Wolfgang Weng [Gerlingen] [F.D.P.]:
Sehr richtig!)
Das werden Sie doch nicht bestreiten.
Noch einige Bemerkungen: Die letzten
Rentenzahlungen in der DDR lagen bei 16,7 Milliarden Ostmark.
Wissen Sie, was wir nach dem Haushalt, den wir jetzt
besprechen, im nächsten Jahr für die Rentner
ausgeben? Es sind nicht mehr 16,7 Milliarden Ostmark,
sondern 66 Milliarden DM — für das gleiche Gebiet
und die gleiche Rentnerzahl. Ist hier jemand in diesem
Hohen Haus, der bestreitet, daß die Rentner die
Gewinner der deutschen Einheit sind? Wir sollten froh
darüber sein; denn diese Generation hat viel
mitgemacht.
Trotz Preissteigerung handelt es sich immer noch um
einen Kaufkraftgewinn.
Ich will noch ein Beispiel nennen: Die
durchschnittliche Rente in der ehemaligen DDR betrug zwischen
470 und 602 Mark. Ab 1. Juli 1994 liegt die Eckrente
bei 1 451 DM. Ist das mehr oder weniger?
Bei den Sonderversorgungssystemen, die kaum zu
durchschauen waren, kam es zu Beschränkungen.
— Diese Sonderversorgungssysteme umfassen
330 000 Mitbürger. Zu Beschränkungen kommt es
höchstens bei 40 000 oder 50 000.
Ich mache darauf aufmerksam, daß die frei
gewählte Volkskammer eine Obergrenze von 2 010
festgesetzt hatte und wir diese auf 2 700 erhöht haben.
Auch in den neuen Bundesländern kann es nämlich
keine Rentner geben, die eine höhere Rente erhalten,
als es die Beitragsbemessungsgrenze hergibt.
Ansonsten hätten wir eine Zweiklassengesellschaft.
(Dr. Ilja Seifert [PDS/Linke Liste]: Haben wir
doch sowieso!)
— Wissen Sie, wozu ich die meisten Briefe bekommen
habe? Sie werden sich wundern. Es ging um die Rente
von Herrn Honecker. Darüber haben sich die Bürger
in den neuen Ländern beschwert. Sie haben es so
gesehen, daß alte Privilegien im neuen Deutschland
Gültigkeit behalten.
Ich will dazu ausdrücklich sagen, daß eine
Überführung nie vollständig gerecht sein kann und daß wir mit
Pauschalierungen und Typisierungen arbeiten
mußten. Wir haben diese Überleitung aber, verehrte Frau
Kollegin Fuchs — jeder in der SPD sollte sich daran
erinnern —, im Konsens verabschiedet.
Deshalb sollten wir jetzt dazu stehen.
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Das tun wir
doch!)
Für den, der konstruktive Vorschläge hat, wie man die
Gerechtigkeit verbessern kann, werde ich immer
offen sein; denn es gibt — das gebe ich zu — keine
befriedigende Einzelfallregelung. Das ist nun einmal
so. Wenn man überführt, hat man nicht unendlich viel
Zeit. Dann kann man nicht genau prüfen, sondern
muß typisieren und pauschalieren. In jeder
Typisierung und Pauschalierung aber liegt etwas
Unbefriedigendes. Das will ich ausdrücklich anerkennen.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Herr
Bundesminister, der Abgeordnete Dr. Seifert möchte Sie
gerne etwas fragen. Sind Sie bereit, die Frage zu
beantworten?
Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Ja.
Vizepräsident Dieter-Julius Cronenberg: Bitte
schön.
Dr. Ilja Seife rt (PDS/Linke Liste): Herr Minister
Blüm, ich habe die Frage, ob es sich nicht in Ihrem
eigenen Selbstverständnis — ich frage nicht nach
dem, wie ich daran herangehen würde — bei der
Rente um Eigentum desjenigen handelt, der jahrelang
eingezahlt hat, und ob unter diesem Gesichtspunkt
eine Deckelung, ob bei 2 010, bei 2 700 oder wo auch
immer, überhaupt gerechtfertigt ist, wenn die
Menschen doch eingezahlt haben.
Dr. Norbert Blüm, Bundesminister für Arbeit und
Sozialordnung: Erstens haben sie das nicht bei allen
Sonderversorgungssystemen. Zweitens füge ich noch
einmal hinzu, daß eine Rente jenseits der
Beitragsbemessungsgrenze deshalb nicht entstehen kann, weil
sonst in Sachen deutscher Einheit zwei verschiedene
Rentenniveaus entstünden. Ich weise darauf hin, daß
das System von 64 Sonder- und Zusatzsystemen kaum
zu durchschauen war und daß ein Teil dieser Systeme
nicht auf Beitrag, sondern auf staatlichen
Zuwendungen basiert hat.
(Dr. Ilja Seifert [PDS/Linke Liste]: Wollen Sie
sagen, daß Ihr Rentensystem durchschaubar
ist?)
— Ja, es ist deshalb durchschaubar, weil es sich an den
Löhnen orientiert und nicht vom guten Willen und der
Laune der Regierungen abhängt. Das war die alte
Honecker-Rente. Wenn er gute Laune hatte, hat er
erhöht.
Gott sei Dank haben wir jetzt eine lohnbezogene
dynamische Rente. Das halte ich für einen großen
Gewinn für die Rentner in den alten wie auch in den
neuen Bundesländern.
Daran lasse ich nicht wackeln. Allen, die neue,
modische Vorstellungen z. B. von einer mit Steuern
finanzierten Grundrente haben, kann ich nur sagen:
Das ist ein Betrug gegenüber denjenigen, die ein
Leben lang arbeiten und Beitrag zahlen. Bei einer
Grundrente in Höhe von 1 200 DM muß ein
Durchschnittsverdiener 27 Jahre lang arbeiten, in den neuen
Ländern sogar 32 Jahre. Ich frage Sie: Warum sollte er
arbeiten, wenn er auch ohne Arbeit 1200 DM Rente
bekäme? Das ist eine Aussteigerprämie. Mit mir gibt
es das nicht!
Außerdem würde sie 240 Milliarden DM kosten.
Wenn sie durch Steuern finanziert würde — es gibt
diese Vorschläge —, müßten wir die Mehrwertsteuer
von 15 % auf 31 % erhöhen. In welchem
Wolkenkukkucksheim werden diese Diskussionen eigentlich
geführt?
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Ihr
Parteifreund!)
Für eine kapitalgedeckte allgemeine Rente müßten
wir 10 Billionen DM Deckungskapital haben. Das ist
das Dreifache des deutschen Volksvermögens.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Biedenkopf läßt
grüßen!)
Mich bringen Sie von der Spur überhaupt nicht ab. Ich
bin der Dammwächter der guten alten lohnbezogenen
Rente. Darauf können sich die Rentner verlassen.
Wir haben nicht nur gespart. Wir haben auch
weiterentwickelt. Wir haben die Reform der
Hinterbliebenenversorgung durchgeführt,
Erziehungszeiten ins Rentenrecht eingeführt.
(Helmut Wieczorek [Duisburg] [SPD]: Weiß
das der Biedenkopf auch?)
Es ist nicht so, als hätten wir den ganzen Tag nur
gespart. Wir haben gestaltet: Pflegezeiten,
Kinderbetreuungszeiten. Wir haben die Wartezeit für die
Rentner von 15 auf 5 Jahre gesenkt. Für die Nichtfachleute:
Das bedeutet, früher hat man 15 Jahre Beitrag zahlen
müssen, um einen Anspruch auf Altersrente zu
bekommen. Meine Mutter hat 12 Jahre Beitrag
gezahlt und hat keine Altersrente bekommen. Wir
haben diese Zeit auf 5 Jahre gesenkt und damit vielen
Frauen den Zugang zur Altersrente überhaupt erst
geschaffen. Wir haben 150 000 Witwen in der DDR
zum erstenmal einen Anspruch auf Renten beschafft.
780 000 Witwen in der DDR haben ihre monatliche
Rente durch unsere Rentenversicherung um 240 DM
erhöht. Ich frage Sie: Ist das nichts? Wie kommen Sie
eigentlich dazu, vom „Kaputtsparen" zu sprechen?
Wir haben heute, meine Damen und Herren auch
draußen, einen höheren Bundeszuschuß zur
Rentenversicherung, als der Haushalt des
Bundesarbeitsministers im letzten Jahr der Regierung Helmut Schmidt
überhaupt ausgemacht hat. Da betrug der Haushalt
des gesamten Arbeitsministeriums 59,1 Milliarden
DM. Heute haben wir nur für die Rentenversicherung
72 Milliarden DM. Jetzt wird gleich Herr Schreiner
kommen und sagen, wir hätten alles kaputtgespart.
Nein, wir haben die Rente gesichert,
Erziehungszeiten eingeführt, die Reform der
Hinterbliebenversorgung durchgeführt. Wir haben den Rentnern in den
neuen Ländern geholfen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der F.D.P. —
Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Wir sind uns
doch einig bei der Rente!)
— Gut. Wenn wir einig sind, dann lassen Sie auch Ihre
Kahlschlagtheorien weg.
Wir konnten die Beiträge von 19,2 % auf 18,6 %
senken. Das sind im nächsten Jahr 8 Milliarden DM
mehr in den Kassen von Arbeitgebern und
Arbeitnehmern. Als der Rentenversicherungsbeitrag nur um
0,2 Prozentpunkte stieg, hat die ganze Öffentlichkeit
davon gesprochen. Wenn er jetzt um 0,6
Prozentpunkte sinkt, spricht kaum jemand davon.
(Konrad Gilges [SPD]: Er macht gleich seine
eigenen Zwischenrufe! — Heiterkeit bei der
SPD — Abg. Ingrid Matthäus-Maier [SPD]
meldet sich zu einer Zwischenfrage)
— Bitte.
Relationen
- part_of → Protokoll der 242. Sitzung des 12. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Theodor Waigel (Rede)