Rede von Dr. Klaus Kinkel (Bundesminister des Auswärtigen) – Plenarprotokoll 12/242
Teil von Protokoll der 242. Sitzung des 12. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Klaus Kinkel (Bundesminister des Auswärtigen) – Plenarprotokoll 12/242
Meine Damen und Herren, vor einer Woche — es ist
schon darauf hingewiesen worden — haben die
letzten russischen Soldaten Deutschland verlassen.
(Helmut Wieczorek [Duisburg] [SPD]: Das ist
aber eine Neuigkeit!)
Damit ist die Nachkriegsepoche für Deutschland zu
Ende gegangen.
Morgen verabschieden wir die Westalliierten. Sie
bleiben uns als Freund und Bündnispartner
verbunden und in Deutschland präsent. Dafür danken wir,
vor allem aber danken wir für die schützende Haltung
in der Zeit des Kalten Krieges.
Einige hören das nicht gerne, aber ich sage es
trotzdem deutlich: Man muß wirklich lange suchen,
bis man in der deutschen Geschichte einen Abschnitt
findet, in dem außenpolitisch in so kurzer Zeit soviel
erreicht worden ist.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Wir genießen weltweit Anerkennung und Vertrauen.
Das Ende des Ost-West-Konflikts hat uns die
Wiedervereinigung gebracht. Deutschl and hat endlich den
Zustand erreicht, daß es mit allen seinen Nachbarn,
eigentlich erstmals in der Geschichte, in Freundschaft
und Partnerschaft verbunden ist.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Wer hätte vor vier Jahren gedacht, daß der deutsche
Bundespräsident zum 50. Jahrestag des Warschauer
Aufstandes eingeladen wird und daß deutsche
Soldaten den französischen Nationalfeiertag in Paris auf
den Champs-Élysées mitfeiern können? Präsident
Clinton hat uns bei seinem ersten offiziellen Besuch
als Schlüsselpartner in Europa bezeichnet.
Ja, ohne Fortune — wie Bismarck gesagt hat — geht
es nicht. Diese Erfolge sind aber vor allem das
Ergebnis einer langfristig angelegten, konsequenten
und zielgerichteten Politik dieser Koalition und dieser
Regierung.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Vor allem — auch das ist vorhin schon einmal gesagt
worden —: Wir haben die Chance der
Wiedervereinigung am Schopf gepackt, als andere zauderten und
zögerten.
(Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Da klatscht
keiner!)
Mit dieser Bilanz brauchen wir uns nicht zu
scheuen, in einigen Wochen vor den Wähler zu treten.
Am 16. Oktober wird darüber entschieden, ob unsere
bewährte Politik der Bündnis- und
Partnerschaftsfähigkeit fortgesetzt wird oder wieder Sonderwege an
ihre Stelle treten. Wir können deutlich und klar sagen:
Das Ausland vertraut dieser Koalition, vertraut dieser
Regierung, vertraut der Außenpolitik, die wir gemacht
haben und die wir weiterhin betreiben werden.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Das ist — viele sind sich darüber vielleicht nicht
mehr im klaren — mit das wichtigste Kapital, das wir
haben. Denn wir sind eine große Wirtschafts- und
Industrienation und bleiben hoffentlich auch eine
große Kulturnation. Wir dürfen uns nicht zu sehr auf
uns selber fokussieren. Es kann uns nicht egal sein,
wie wir nach außen hin wirken, welches Ansehen wir
draußen haben. Deshalb können wir stolz darauf sein,
daß wir viele Freunde und Partner haben und großes
Ansehen und Vertrauen gewonnen haben.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
-
ten der CDU/CSU)
Ich möchte doch noch ein Wort zur PDS sagen.
(Dr. Uwe Küster [SPD]: Sagen Sie auch etwas
zur LDPD und zur NDPD?)
Die Tatsache, daß diese Partei in diesem Land wieder
etwas zu sagen, mitzubestimmen hat, hat nicht nur bei
einer übergroßen Mehrheit in diesem Land Sorge und
Angst produziert;
(Beifall der Abg. Monika Brudlewsky [CDU/
CSU])
auch das Ausland sieht das mit großem Mißtrauen.
Fragen Sie doch einmal die mittel- und
osteuropäischen Länder, was sie dazu sagen, daß ausgerechnet
diejenigen, die für 40 Jahre einer wahrhaftig anderen,
nicht zu unterstützenden Außenpolitik verantwortlich
waren, in Deutschland wieder sollen mitgestalten
dürfen.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU —
Ministerpräsident Oskar Lafontaine [Saar
land]: In Osteuropa ist es doch genauso! Wer
regiert denn in Osteuropa? — Helmut Wiec
zorek [Duisburg] [SPD]: Sagen Sie etwas zur
LDPD! — Dr. Hans Modrow [PDS/Linke
Liste]: Sie haben keine Ahnung!)
Die Bundesregierung jedenfalls wird sich auch
weiterhin nicht das zurechtmalen, was einige wollen,
sondern ihre Außenpolitik auf die neue Weltlage und
die veränderten Herausforderungen ausrichten. Sie
wird sich in Europa, aber auch in den Vereinten
Nationen ihrer gewachsenen Verantwortung stellen,
nicht als Einzelkämpfer, sondern wie bisher als
zuverlässiger Mannschaftsspieler — ohne Machtallüren,
mit Verantwortungsbewußtsein und dem Sinn für das
Machbare.
Meine Damen und Herren, leider gibt es in dieser
schnellebigen Welt kein Ausruhen. Wir stehen mitten
in neuen Situationen, vor neuen notwendigen
Entscheidungen. Deutschland muß mit seinem
gewachsenen Gewicht dafür sorgen, daß Europas Zukunft von
Gemeinsamkeit und nicht wieder von Nationalismus
bestimmt wird.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Weder in Deutschland noch in Europa darf
Renationalisierung je wieder eine Chance bekommen. Das
heißt: Europa auf Integrationskurs halten, die
Europäische Union vertiefen und erweitern.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Wem Europa am Herzen liegt, für den kann es eben
kein Entweder-Oder geben. Für die Bundesregierung
— das sage ich nicht nur als deutscher Außenminister,
sondern auch für die Europäische Union — heißt
Europa das Europa der Zwölf, ab 1. Januar 1995
hoffentlich der Sechzehn, mit der Option des Beitritts
für die mittel- und osteuropäischen Umbruchländer.
Das haben wir beschlossen; dabei bleibt es.
Jedes Mitglied der Union und jeder neu
hinzukommende Partner soll die Chance haben, sich in diese
Integration mit einzubringen.
(Beifall bei der F.D.P. und der CDU/CSU —
Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Was sagen Sie zu
Herrn Schäuble?)
Nicht spalten, sondern integrieren — an diesem Kurs
werden wir festhalten. Natürlich darf es kein Europa
erster und zweiter Klasse geben; das will auch
niemand.
(Dr. Herta Däubler-Gmelin [SPD]: Weiß das
Herr Schäuble?)
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum
deutsch-französischen Motor. Ich möchte deutlich
unterstreichen: Niemand hat die Absicht, niemand
darf sie aber auch haben, daraus ein deutsch-
französisches Direktorium in Europa zu machen. Europa
kann nicht allein auf deutsch-französischen Schultern
gedeihen. So wichtig die deutsch-französische Achse
ist — ohne die Beiträge der anderen, insbesondere
ohne Großbritannien, Spanien oder Italien, kann aus
der europäischen Integration nichts werden.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Der Fahrplan für die Vertiefung ist da:
Regierungskonferenz 1996, Wirtschafts- und Währungsunion
1997, spätestens 1999. An unserem klaren Ja zu
diesen Schritten ist nicht zu rütteln, allerdings auch
nicht an der Grundvoraussetzung st rikter
Stabilitätskriterien.
Bei der Sitzung des Europäischen Rats in Essen wird
die Heranführung der mittel- und osteuropäischen
Nachbarn ein Hauptthema sein. Wir arbeiten
gegenwärtig zusammen mit der Kommission hierfür eine
Strategie aus. Kern ist die möglichst weitgehende
Einbeziehung in die politische Zusammenarbeit in
allen Bereichen und die entsprechende
Rechtsangleichung schon vor dem eigentlichen Beitritt. Wir haben
bereits damit begonnen, die Fachminister mit an den
Tisch zu holen; das muß die Regel werden. Die
Entwicklung bei den Beitrittskandidaten muß mit der
Union verzahnt werden. Die Räder müssen schon
beim Beitritt ineinanderlaufen, so daß das
gesamteuropäische Getriebe nicht blockiert.
Die nächsten Kandidaten für Europaabkommen
sind die baltischen Staaten und Slowenien.
Was für die alten Mitgliedstaaten gilt, gilt auch für die
neu hinzukommenden. Wir wollen möglichst alle an
Bord haben. Darauf können sich gerade auch unsere
östlichen Nachbarn verlassen. Es ist wichtig, ihnen
das so zu sagen.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Meine Damen und Herren, zur europäischen
Handlungsfähigkeit gehört natürlich auch eine
europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik, die die
-
sen Namen wirklich verdient. Da gibt es Kritik — zum
Teil zu Recht, zum Teil aber auch zu Unrecht, weil wir
doch erhebliche Schritte weitergekommen sind.
Die gestrige Konferenz der Außenminister der
Europäischen Union und der Staaten des südlichen Afrika
ist dafür ein weiterer Beweis. Der Startschuß für eine
neuartige Kooperation zwischen diesen beiden
Regionen ist — das kann ich, glaube ich, sagen — gelungen.
100 Tage Mandela haben ein Hoffnungszeichen für
den ganzen afrikanischen Kontinent gesetzt. Darauf
hat die Europäische Union — das ist ganz wichtig —,
u. a. durch diese Konferenz, kreativ geantwortet.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Auch im Nahost-Friedensprozeß gibt es Hoffnung,
steht die Europäische Union mit ihrer finanziellen
Unterstützung vorne. Wir haben als Bundesregierung
mit der Eröffnung unseres Verbindungsbüros in Je ri
-cho ein Zeichen gesetzt. Deutsche und europäische
Politik sind in dieser für Europa so existentiell
wichtigen Nachbarregion besonders gefordert.
In wenigen Tagen werden die Außenminister aller
EU- und ASEAN-Staaten auf meine Einladung hin
nach Deutschland kommen. Gleichzeitig werden
deutsche und asiatische Unternehmer in Stuttgart
konkrete Kooperationsprojekte erörtern. Wir wollen
dadurch den politischen Dialog und die
Zusammenarbeit der Wirtschaft gerade mit dieser ungeheuer
wichtigen asiatisch-pazifischen Region, wo im
Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes die Musik
spielt, verzahnen.
Unsere Außenpolitik weiß, welche Bedeutung
gerade in Zukunft der asiatisch-pazifischen Region
zukommt. Der deutschen Wirtschaft kann ich nur
sagen: Da ist in der Vergangenheit viel verschlafen
worden. Wir werden — das ist mir gerade bei unserem
EU/ASEAN-Treffen in Bangkok wieder
klargeworden — sehr aufpassen müssen, daß wir in der
Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit unseres Landes von
dieser Region nicht in Kürze überholt werden, wenn
wir nicht zum Teil schon überholt sind. Wir müssen auf
die wirtschaftliche Dynamik dieser Region achten und
sehen, daß dort die Hälfte der Menschheit lebt,
allerdings auch die größte Zahl der Menschen auf
dieser Erde, die in Not sind.
Zur Sicherung des Standorts Deutschland — das
wird sehr oft vergessen — gehören auch unser
kulturelles Ansehen und die enge kulturelle Verflechtung
mit dem Ausland.
Ausländischen Führungsnachwuchs bei uns
auszubilden ist eine der besten strategischen
Zukunftsinvestitionen. Da tun wir mit unserer Außenstelle in Berlin
außerordentlich viel, wo wir die jungen Menschen aus
den anderen Ländern ausbilden.
Meine Damen und Herren, der Konflikt im
ehemaligen Jugoslawien bleibt zentraler Prüfstein für die
gemeinsame europäische Außen- und
Sicherheitspolitik. Uns allen, der Völkergemeinschaft und allen
Beteiligten, ist es leider noch nicht gelungen, dort
endgültig zu einem Frieden zu kommen. Eine
Lockerung der Sanktionen, die wir bei unserem nächsten
Fünfertreffen zumindest theoretisch vorgesehen
haben, setzt weitere Taten von Milosevic und nicht nur
Worte voraus. Milosevic muß zulassen, daß
Beobachter an die geschlossene Grenze kommen. Er muß dafür
sorgen, daß wirklich keine Waffen mehr an die
bosnischen Serben geliefert werden. Er muß vor allem
Kroatien und Bosnien-Herzegowina in den inte
rnational festgelegten Grenzen anerkennen.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Solange er das nicht tut, hat die
Völkergemeinschaft, haben vor allem wir den Eindruck, daß noch
nicht sicher ist, daß aus einem Saulus wirklich ein
Paulus geworden ist.
(Hans-Ulrich Klose [SPD]: Was hat er denn zu
Kosyrew gesagt?)
Wir müssen den internationalen Druck auf die
bosnischen Serben erhöhen. Es kann nicht wahr sein,
daß letztlich eine Million Menschen mit einer absolut
uneinsichtigen Führung die friedliche Lösung in
dieser Region verhindern. Eine Aufhebung des
Waffenembargos, insbesondere von amerikanischer Seite
verlangt, kann und darf wirklich nur das
allerallerletzte Mittel sein.
In diesem Konflikt ist es schwer, Optimist zu
bleiben. Zu oft sind wir alle, auch ich persönlich,
enttäuscht worden. Trotzdem dürfen wir nicht
nachlassen, auch weiterhin alles zu tun, um vielleicht doch
noch zu einer Lösung zu kommen.
Mit der Verwaltung, die Hans Koschnick in Mostar
übernommen hat, tut er etwas im Namen Europas, was
konkret Versöhnung und Wiederaufbau bedeutet.
Dafür verdient er Achtung und Unterstützung.
(Beifall bei der F.D.P., der CDU/CSU und der
SPD)
Ich war bei seiner Einführung dort. Es sind
schreckliche Eindrücke, die man dort gewinnt. Er leistet dort
eine mehr als unterstützungswürdige Arbeit für uns
alle.
Hoffnung auf das Ende des Blutvergießens und eine
Versöhnung gibt es jetzt auch in Nordirland. Die
Menschen in ganz Irland sehnen den Frieden herbei.
Ich habe gestern in Berlin zusammen mit dem irischen
Außenminister Spring an alle Seiten appelliert, die
jetzt bestehende Chance auf einen Dialog und auf
Vernunft nicht wieder wegzubomben. Wir werden uns
am kommenden Wochenende bei dem informellen
Treffen in Usedom mit dieser Thematik befassen.
Wenn hier im Rahmen der Haushaltsdebatte über
Außenpolitik gesprochen wird, dann muß auch die
jüngste Serie von Versuchen erwähnt werden,
nukleares Material in unser Land zu schmuggeln. Das ist
eine schlimme Sache. Ein Warnsignal ist notwendig.
Wir müssen gegenüber Rußland, Weißrußland,
Kasachstan und der Ukraine auf bessere
Sicherungsmaßnahmen drängen.
Wir wollen von der Europäischen Union her die
notwendige finanzielle Unterstützung über das
PHARE-Programm geben. Wir wollen bei den G-
7-Staaten, bei den Europäern und auch im
Sicherheitsrat diese Thematik aufnehmen. Ich kann nur die
Forderung aus meinem Zehn-Punkte-Katalog
wiederholen: Wir müssen die Gefahren an der Quelle
bekämpfen, d. h. wir brauchen ein inte rnationales
Plutoniumregime.
Meine Damen und Herren, europäische
Schicksalsgemeinschaft heißt auch gemeinsame Sicherheit und
Verteidigung. Mit der Partnerschaft für den Frieden
hat die NATO ein flexibles Instrument geschaffen, um
Europa auch hier zusammenzuführen. Wenn
Warschau und Prag uns näherrücken — das ist ja Gott sei
Dank der Fall —, darf die Distanz zu Kiew und Moskau
dadurch nicht größer werden. Europa muß das Signal
des russischen Rückzugs aus Mitteleuropa
aufnehmen, als Partner und als Freund.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
-
ten der CDU/CSU)
Denn nach wie vor gilt: Ohne Rußland kann es in
Europa keine stabile Friedensordnung geben.
Meine Damen und Herren, Deutschl and muß sein
größeres Gewicht voll hinter einen realistischen und
wirksamen weiteren Multilateralismus stellen. Zur
UNO habe ich bereits Stellung genommen. Auch nach
dem Urteil von Karlsruhe ist es mit Sicherheit nicht
Ziel deutscher Außenpolitik, die Bundeswehr in alle
Ecken der Welt zu schicken, wo es knallt und nach
Pulver riecht. Nein, nochmals — ich habe es
wiederholt erklärt —: Es muß und es wird bei der bewährten
Kultur der Zurückhaltung bleiben.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Wenn die SPD immer wieder davon spricht, es drohe
die Militarisierung deutscher Außenpolitik, dann ist
das ein absurder und langsam ein böswilliger
Vorwurf. Auch da fordere ich Sie auf: Legen Sie endlich
auch insoweit einmal eine andere und neue Platte auf.
Es bleibt dabei: Militärische Gewalt ist und bleibt das
letzte Mittel. Es geht nicht darum, daß wir unsere
deutschen Soldaten jetzt immerwährend an die Front
schicken, sondern es geht darum, daß wir im Rahmen
der Völkergemeinschaft und der Vereinten Nationen
die Pflichten übernehmen, die andere auch haben,
und die Verantwortung, die andere vor uns
übernommen haben. Darum geht es, um nicht mehr und nicht
weniger.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Die SPD findet im übrigen auch nach dem
Karlsruher Urteil aus ihrer Verweigerungsecke nicht heraus.
Den in der UNO-Charta vorgesehenen Fall, daß ein
Einsatz der Staatengemeinschaft im alleräußersten
Notfall eben auch mit Waffen erforderlich ist, einfach
wegzudenken genügt nicht. Da sage ich Ihnen: Es
wird im Ausland sehr genau beobachtet, wie Sie sich
in dieser Beziehung weiter verhalten, auch und
gerade nach dem Urteil. Regierungsfähigkeit zeigen
Sie jedenfalls mit einer solchen Einstellung, was
Außenpolitik anbelangt, wahrhaftig nicht.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Wir setzen weiter auf die Kraft der präventiven
Diplomatie, auf Vertrauensbildung und auf
Früherkennung von Konflikten. Der beste Beweis dafür ist
unsere KSZE-Politik. Diese Organisation ist der
einzige umfassende Rahmen gesamteuropäischer
Sicherheitskooperation; er umspannt die USA und
Kanada wie alle Nachfolgestaaten der ehemaligen
Sowjetunion. Diesen Rahmen zu stärken haben wir
uns vorgenommen.
Ich habe für das Budapester Gipfeltreffen am 5. und
6. Dezember zusammen mit meinem
niederländischen Kollegen — ganz bewußt mit meinem
niederländischen Kollegen — folgendes vorgeschlagen:
Erstens. Bei Konflikten unter den Mitgliedern muß
die Devise lauten: zunächst die KSZE befassen.
Zweitens. Kommt die KSZE allein nicht weiter,
werden die übrigen KSZE-Mitglieder gegenüber den
Konfliktparteien im Rahmen der Vereinten Nationen
geschlossen vorgehen.
Drittens. Der Aufenthalt fremder Streitkräfte zur
Friedenswahrung in KSZE-Mitgliedstaaten muß dem
Geist und dem Buchstaben der KSZE entsprechen und
von ihr mandatiert und kontrolliert werden. Das gilt im
übrigen auch für den GUS-Bereich.
Diese Vorschläge haben, wie es im Augenblick
aussieht, in Budapest eine gute Chance, daß sie sich
durchsetzen.
Meine Damen und Herren, angesichts der globalen
Verflechtung in unserer Zeit müssen wir auch in
diesem strategischen, globalen Rahmen
außenpolitisch denken und handeln. Sicherheit und Wohlstand
für unser Land — daran liegt uns ja wohl allen — heißt
heute auch, unser Gewicht zur Geltung zu bringen,
gegen alle Versuche, Protektionismus durch die
Hintertür einzuführen; das heißt vor allem eben auch,
einen Beitrag zur Lösung der Menschheitsaufgaben
zu leisten, zur Bekämpfung von Armut,
Umweltzerstörung und Bevölkerungsexplosion.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Das Schicksal der Menschen in Zaire, Ru anda und
anderen Brandherden dieser Erde darf und wird uns
nicht gleichgültig sein.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Den Menschenrechten muß weiterhin unser ganz
besonderes Engagement gelten: den Geschundenen,
den Erniedrigten und den Vergessenen. Unsere
Außenpolitik darf sich nicht nur an Interessen
orientieren, sie ist und bleibt werteorientiert.
Meine Damen und Herren, nur wenn wir im
globalen Wettbewerb an der Spitze mithalten, werden wir
auch unseren Beitrag zur Lösung der großen
Menschheitsprobleme leisten können. Das sind
Klimaveränderungen, Umweltbelastungen, Artenschwund,
Bevölkerungszuwachs, Bodenerosionen, Migration und
Flüchtlingselend.
Sie wissen, vorgestern hat in Kairo die
Weltbevölkerungskonferenz begonnen. Jährlich wächst die
Weltbevölkerung um nahezu 100 Millionen
Menschen. 90 % dieses Wachstums entfallen auf die ärme
-
ren Länder. In vielen Ländern des Südens ist die Hälfte
der Bevölkerung unter 22 Jahre alt und hat kaum
Zukunftsperspektiven. Dies ist Nährboden für
Extremismus und Fanatismus. Im Norden Afrikas stoßen
einige Länder — das sollten wir nicht vergessen —
unmittelbar an die Europäische Union.
Die Großkatastrophen in Afrika haben den Bedarf
an humanitärer Hilfe immens anwachsen lassen. Die
Spenden- und Hilfsbereitschaft unter den Bürgern
unseres Landes ist bewundernswe rt .
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Ich möchte gern von diesem Pult im Deutschen
Bundestag all den Menschen, die gerade in letzter Zeit
unwahrscheinlich viel getan haben — in persönlicher
Hilfe und durch finanzielle Unterstützung —, für die
Bundesregierung und für die Koalition, sehr herzlich
danken.
(Beifall bei der F.D.P. sowie bei Abgeordne
ten der CDU/CSU)
Es sind in erster Linie die Hilfswerke und natürlich
auch die Behörden gefordert, um dafür zu sorgen, daß
die Hilfe tatsächlich vor Ort kommt. Ich sage aus ganz
bestimmtem Grunde: Hier darf es jetzt kein
Schaulaufen und keine Profilierungsbestrebungen geben. Das
ist das, was wir im Augenblick am wenigsten
brauchen.
Ich habe vorige Woche mit den Vertretern aller
Hilfswerke gemeinsam beraten, wie sich unsere
Hilfsbemühungen national und inte rnational wirksamer
koordinieren lassen. Dafür wird der Arbeitsstab
„Humanitäre Hilfe" im Auswärtigen Amt von mir weiter
ausgebaut. Aber es wird auch notwendig sein, daß
weitere materielle und personelle Verstärkung in
diesen Bereich kommt.
Deutschland hat Interessen wie jedes andere Land.
Indem wir sie offen definieren, gewinnen wir
Vertrauen und Berechenbarkeit. Wir wissen allerdings:
Unsere Geschicke sind unauflöslich mit denen
unserer Nachbarn verbunden und verflochten. Das prägt
unsere Politik.
Mit unseren Partnern verbindet uns die
gemeinsame Orientierung an universalen Werten: der
Würde des Menschen und dem Schutz seiner Rechte.
Wir wollen, daß sich gerade auch unsere östlichen
Nachbarn dieser Wertegemeinschaft voll zugehörig
fühlen können. Paul Claudel hat einmal gesagt, es sei
Deutschlands Berufung, die Nationen Europas
zusammenzuführen.
Von dieser Berufung wird sich die deutsche
Außenpolitik auch in Zukunft leiten lassen. Sie war, ist und
bleibt bei dieser Koalition und bei dieser Regierung
gut aufgehoben. Das Ausland weiß das, schätzt das;
die Bürger in diesem Lande, glaube ich, auch.
Vielen Dank.
(Anhaltender Beifall bei der F.D.P. — Beifall
bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Helmuth Becker: Meine sehr
verehrten Damen und Herren, ich erteile jetzt unserer Frau
Kollegin Renate Schmidt das Wort.
Renate Schmidt (Nürnberg) (SPD): Liebe Kollegen!
Liebe Kolleginnen! Meine sehr geehrten Herren und
Damen! Lieber Herr Glos, ich freue mich ja so
ungeheuer, wie sehr Sie meine Bierzeltreden zur Kenntnis
nehmen. Offensichtlich ärgert es Sie ungeheuer, daß
der Unterhaltungswert nicht aller CSU-Kollegen ganz
so hoch ist wie meiner.
(Beifall bei der SPD — Anke Fuchs [Köln]
[SPD]: Das ist wahr!)
Es freut mich auch ungeheuer, daß Sie zur Kenntnis
nehmen, daß ich etwas barock bin. Aber vielleicht
werden auch Sie auf Ihre älteren Tage noch lernen,
Frauen auf Grund ihrer politischen Inhalte zu
beurteilen und nicht auf Grund ihres Aussehens. Vielleicht
gewöhnen Sie sich irgendwann einmal Ihre alten
Chauvi-Allüren hier in diesem Parlament ab.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Kollegin,
gestatten Sie eine Zwischenfrage?
Renate Schmidt (Nürnberg) (SPD):
Selbstverständlich, wenn mir das nicht angerechnet wird.
Michael Glos (CDU/CSU): Frau Kollegin Schmidt,
sind Sie bereit, zur Kenntnis zu nehmen, daß —
Franken zuliebe — „fränkisch barock" bei mir ein
Kompliment bedeutet?
Renate Schmidt (Nürnberg) (SPD): Lieber Herr
Glos, ich nehme bei fast allem, was Sie sagen, zur
Kenntnis, daß Sie es immer ein bißchen anders
gemeint haben, als Sie es gesagt haben.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Ich habe auch mit großer Freude zur Kenntnis
genommen, Herr Glos, wie informiert Sie über den
Anstieg der Zahl der Mitarbeiter in der
Ministerialbürokratie in Niedersachsen sind, der in der letzten Zeit
stattgefunden hat. Vielleicht sollte man auch da eher
vor der eigenen Tür kehren und sich den
entsprechenden Anstieg der Ministe rialbürokratie in Bayern in
den letzten zehn Jahren anschauen, der nämlich 10 %
beträgt.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Vielleicht sollte man auch zur Kenntnis nehmen,
daß wir in Bayern die größte Staatskanzlei im ganzen
Bundesgebiet haben. Vielleicht sollte man dort
abbauen und sparen, bevor man andere in dieser
Frage angreift.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Dann, lieber Herr Glos und alle anderen Vorredner,
möchte ich doch noch zwei oder drei Sätze zu Ihrer
Kampagne — insbesondere auch in meinem schönen
Heimatland — betreffend die Volksfront sagen. Herr
Glos, sind Sie bereit, zur Kenntnis zu nehmen, daß Ihr
Parteivorsitzender, der sehr verehrte Herr Minister
Waigel, am 17. August Wahlkampf in Mecklenburg-
Vorpommern gemacht hat? Das ist noch nichts
Anrüchiges. Aber er hat das dort mit einem Bürgermeister
gemacht, der eindeutig mit den Stimmen der PDS zum
Bürgermeister gewählt worden ist. Das ist kein
Einzelfall, sondern diese Fälle wiederholen sich in den
neuen Bundesländern dauernd.
Ich darf einmal zitieren: „Die PDS bemüht sich
intensiv um Lösungen und leistet konkrete Arbeit."
Das ist nicht meine Meinung, sondern das ist die
Meinung eines CDU-Landrats im Landkreis Prignitz,
der ebenfalls mit den Stimmen der PDS in sein Amt
gekommen ist, um zu verhindern, daß ein SPD-
Mitglied in dieses Amt kommt. Insoweit ist Ihre
Kampagne schlicht und einfach reine Heuchelei.
Wenn es Ihnen um Machterhalt geht, sind Sie bereit,
mit jedem zu paktieren.
Herr Schäuble kann im Moment offensichtlich nicht
da sein, aber ich möchte mich doch in einigen Punkten
gerne auch mit dem auseinandersetzen, was er gesagt
hat. Herr Schäuble hat uns hier vorgeworfen, wir
würden aus der Kernenergie aussteigen wollen. Das
ist zweifelsohne richtig. Wir wollen das. Es ist
sicherlich auch richtig, daß unser Ziel, so etwas in zehn
Jahren zu erreichen, ein sehr ehrgeiziges Ziel ist. Ich
glaube nicht, daß das eingehalten werden kann. Wir
sind keine Illusionisten.
Aber das, was ich Ihnen vorwerfe, ist Ihre absolute
Phantasielosigkeit. Sie können sich nicht vorstellen,
was es bedeuten würde, endlich regenerative
Energien von ihren Benachteiligungen zu befreien, ohne
daß wir sie bevorzugen wollen.
Meine große Sorge ist, daß wir wieder einmal den
Zug in die Zukunft verschlafen, so ähnlich wie bei den
Fax-Geräten: bei uns erfunden und irgendwo anders
in der Welt produziert.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Meine große Sorge ist, daß wir nicht mehr sehen, was
die anderen eigentlich vorhaben. Die Amerikaner
wollen in den nächsten zehn Jahren ihren Anteil an
Solarenergie jedes Jahr mindestens verdoppeln. Die
Japaner haben ähnliches vor. Die Australier haben
jetzt Solarzellen mit Silicium entwickelt, das nur noch
einen Verschmutzungsgrad von 10 % des bisherigen
hat, und hoffen, in zehn Jahren mit Kohle
konkurrenzfähig zu sein.
Und was machen wir? Wir sehen zu, wir warten ab,
und wir beobachten interessiert. So die Antwort an
meinen Kollegen Kubatschka, der eine Kleine
Anfrage an die Bundesregierung zum Thema
regenerative Energien gestellt hat.
Wenn doch auch wir das endlich machen würden
und mit wirklichen Energiesparprogrammen
verbinden würden! Es ist nicht so, wie es mir Herr Bötsch
— er ist im Moment nicht da — letztes Mal
vorgeworfen hat, der sagte, ich wolle unsere Kühlschränke mit
einem Fahrraddynamo betreiben. So ein Krampf!
Energiesparen bedeutet, Energie effizienter
auszunutzen, bedeutet Blockheizkraftwerke, bedeutet die
Verabschiedung von zentralen Strukturen.
Das wollen wir in Angriff nehmen; wir wollen
anfangen. Wir wissen, daß das Problem nicht in sieben
oder acht Jahren zu lösen ist. Wir wissen, daß wir bis
dahin unseren Energiebedarf nicht mit regenerativen
Energien decken können. Aber wir sagen: Wir wollen
heute anfangen und nicht wieder den anderen
hinterherdackeln, die uns zeigen, wie man es macht.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN — Abg. Dr. Kurt
Faltlhauser [CDU/CSU] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
— Bitte, Herr Faltlhauser.
Vizepräsident Helmuth Becker: Frau Kollegin
Schmidt läßt die Zwischenfrage des Kollegen
Faltlhauser zu. Bitte, Kollege Faltlhauser.
Dr. Kurt Faltlhauser (CDU/CSU): Frau Kollegin
Schmidt, würden Sie angesichts der Tatsache, daß der
Freistaat Bayern seinen Strombedarf zu 60 % aus der
Kernenergie bezieht, also zu einem wesentlich
höheren Prozentsatz als im Bundesdurchschnitt, doch
sehen, daß diese Lücke, wenn man diese
Kernkraftwerke in 10, 20 oder vielleicht 25 Jahren abschalten
wollte, nach allen Untersuchungen, die es gibt, mit
regenerativen Energien, bestenfalls zu etwa 10 %
— wenn wir großzügig sind und Phantasie walten
lassen, vielleicht zu 20 % — geschlossen werden
könnte? Sehen Sie, Frau Kollegin Schmidt, daß
dadurch die große Lücke, die durch das Eliminieren
der Kernenergie entsteht, niemals geschlossen
werden könnte? Sehen Sie also, wenn Sie einen
derartigen Vorschlag machen und mit den Grünen in eine
Koalition wollen, nicht, daß Sie dadurch die
Energiebasis Bayerns zerstören würden?
Renate Schmidt (Nürnberg) (SPD): Herr
Faltlhauser, ich bin keine Illusionistin. Natürlich dauern
manche Dinge ein bißchen länger, als man es gerne hätte.
Natürlich ist das Projekt „Deckung unseres
Energiebedarfs mit Solarenergie, Thermalwärme und
anderen regenerativen Energien" ein Projekt, das unter
Umständen eine Genera tion länger dauert.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Aber die wollen
doch schnell abschalten, die Genossen!)
— Man muß auch mit dem Abschalten beginnen, Herr
Glos. Das heißt doch nicht, alles auf einmal zu
machen.
Aber man muß einmal damit beginnen. Man muß
sich doch etwas zutrauen. M an muß doch den
Menschen vertrauen, daß ihr Erfindungsreichtum noch
nicht am Ende ist. Man muß doch endlich einmal einen
Schritt vorwärts gehen und in die Zukunft investieren
und nicht nur immer in die Vergangenheit.
Nun noch zu einem weiteren Punkt, den Herr
Schäuble geäußert hat: Er hat hier ja bitter beklagt,
daß das Entwicklunsghilfeministerium mit dem
Außenministerium zusammengelegt werden soll. Ich
muß sagen, für mich gilt: Die Qualität von
Entwicklungspolitik zeigt sich nicht in der Anzahl der
Minister, die in einer Regierung vertreten sind, sondern in
der Höhe des Etats, der zur Verfügung gestellt wird,
und was damit gemacht wird. Da muß ich sagen: Es ist
nicht besonders berauschend, was diese Regierung
bisher geleistet hat.
Dann wurde der Kollege Lafontaine von Herrn
Schäuble kritisiert, weil er doch tatsächlich sagt:
Versicherungsfremde Leistungen, die in der
Arbeitslosenversicherung und in der Rentenversicherung für
Transferleistungen in die neuen Bundesländer
erbracht werden, sollten nicht über Beiträge finanziert
werden. Ich frage mich, was an diesem Projekt
eigentlich falsch ist. Heute zahlen nur Arbeiter und
Angestellte sowie ihre Arbeitgeber, d. h. also
Handwerksmeister und mittelständische Betriebe mit einem
hohen Personalkostenanteil. Die sind alleine dafür
„zuständig", 50 Milliarden DM jährlich in die neuen
Bundesländer zu transferieren. Dieses wäre eine
Aufgabe aller Erwerbstätigen, also auch von
Selbständigen, von Freiberuflern, auch von Beamten, auch von
uns, den Abgeordneten. Das können wir doch nicht
denen allein überlassen.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Damit könnten wir Lohnnebenkosten senken, mehr
Wettbewerbsfähigkeit erreichen und zusätzlich auch
noch einen Beitrag zu mehr sozialer Gerechtigkeit
leisten.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN)
Herr Schäuble hat auch noch gesagt, daß er für
unsere Genera tion ungeheure Chancen sieht. Damit
hat er recht. Wir haben eine Chance, daß Ideologien so
nicht mehr bestehen. Es ist eine ungeheure Chance für
uns und unsere Zukunft, daß es den Ostblock nicht
mehr gibt. Er hat zu Recht darauf hingewiesen, daß
das Nutzen dieser Chancen darauf beruht, daß bei uns
Solidarität praktiziert wird.
Nur, das ist ein Appell. Wie ist die Wirklichkeit? Da
sage ich: Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren
von der Union und von der F.D.P., sehen offensichtlich
die Qualität von Sozialpolitik dadurch bewiesen, daß
die Ausgaben für Soziales besonders hoch sind. Es ist
heute hier die Zahl von insgesamt 1 Billion DM
genannt worden. Diese Summe stimmt zweifelsohne.
Nur, Sie bezeichnen es als Ausweis Ihrer sozialen
Gesinnung, daß Sie in Anbetracht dieser Billion
angeblich nur ganz minimale Kürzungen
beabsichtigen. Was sind denn in Ihren Augen schon 4 Milliarden
DM Kürzungen in der Arbeitslosenhilfe in Anbetracht
dieser Riesensumme? Ich sage Ihnen: Diese
Betrachtungsweise ist in beiden Punkten falsch. Wenn 20
Prozent dieser Billion — die auch in einem hohen
Ausmaß, zu über zwei Dritteln, über
Versicherungsbeiträge der Betroffenen aufgebracht wird —,
wenn 20 Prozent all dieser Ausgaben für
Arbeitslosenhilfe, Arbeitslosengeld und Sozialhilfe ausgegeben
werden, wenn die Sozialhilfeleistungen in der
Bundesrepublik Deutschland den höchsten Stand seit dem
Krieg erreicht haben, dann ist das für mich kein
Ausweis der Qualität von Sozialpolitik, sondern dann
ist das ein Beweis für das Versagen von Sozialpolitik,
von Arbeitsmarktpolitik und von Wirtschaftspolitik,
kein Beweis für deren Qualität!
Herr Waigel hat am Wochenende — zumindest dem
Vernehmen nach, ich kann es jetzt nicht als ein
wörtliches Zitat belegen, ich habe es nur in der
Zeitung gelesen — angeblich gesagt, er verstehe das
Gerede von der zunehmenden Armut in unserem
Land nicht. Herr Waigel, wenn es stimmen sollte, daß
Sie das gesagt haben: Haben Sie eigentlich mal zur
Kenntnis genommen, was unsere bayerischen Bezirke
sagen? Alle sieben sagen, sie erhoffen sich Zuschüsse
für die Sozialhilfeleistungen, weil sie nicht mehr in der
Lage sind, das allein zu finanzieren.
Haben Sie zur Kenntnis genommen, daß in meinem
heimatlichen Bezirk Mittelfranken CSU und SPD
gemeinsam gegen den Freistaat Bayern klagen? Sie
sagen: So kann es mit den Belastungen durch
Sozialhilfe nicht weitergehen. Eigentlich wäre das Land
zuständig, Hilfe zu leisten. Wir machen so nicht mehr
weiter.
Und, Herr Waigel, wenn Sie das Gerede von Armut
nicht verstehen, dann sage ich: Sie haben
offensichtlich eine eingeschränkte Sicht auf die Menschen!
Warum begeben Sie sich nicht einfach einmal zu den
Menschen, in eine Arbeitsloseninitiative? Hören Sie
sich mal an, was Ihnen diese Menschen erzählen,
Menschen übrigens, die teilweise mit 45 Jahren drei
Jahre arbeitslos sind, sich hundertfach, ja
zweihundertfach bemüht haben, einen Arbeitsplatz zu
finden.
Mir ist in einer Diskussion beim Deutschen
Familienverband von einem Mann gesagt worden, daß er
nicht mehr wisse, was er tun solle. Er habe vor drei
Jahren ein Haus gebaut, 1 700 Mark Belastungen, drei
kleine Kinder; er bekomme jetzt 2 000 Mark
Arbeitslosengeld, weil seine Firma pleite gegangen sei. Er sei
bereit, nahezu jeden Job anzunehmen. Dieser Mann
hat erzählt, ihm sei von seiner Arbeitsvermittlerin
gesagt worden, er sei nicht mehr oder nur schwierig
vermittelbar. Diesen Mann — er sah noch ziemlich
knackig aus — habe ich dann gefragt, wie alt er
sei.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Keinen
Chauvinismus!)
— Ich darf doch auch mal, Herr Glos. Was Sie können,
kann ich schon lange.
Darauf antwortete er mir, er sei 42 Jahre und auf
Grund seines Alters schwer vermittelbar.
Ich kenne aus meiner Bürgersprechstunde, aus der
Post, die mich erreicht, 42jährige, 45jährige, 47
jährige, 49jährige. Ich wäre heute mit meinen 51 Jahren
auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar, Sie,
Herr Glos, auch nicht mehr. Aber es kann doch nicht
angehen, daß wir Menschen, die eigentlich noch 10,
20 Jahre Erwerbstätigkeit vor sich haben müßten,
sagen: Ihr seid nichts mehr wert, ihr werdet nicht mehr
gebraucht. Geht nach Hause, schaut, wie ihr über die
Runden kommt. Das kann doch nicht das Richtige in
der Politik sein!
In einer der kirchlichen Arbeitsloseninitiativen in
meiner Heimatstadt haben Arbeitslose gesagt, sie
seien bereit, unter Ta rif zu arbeiten, deutliche
Abstriche beim Arbeitsentgelt hinzunehmen. — Reaktion
gleich Null.
Ihre Politik — die sagt, wir wollen die
Arbeitslosenhilfe auf zwei Jahre begrenzen und dann Sozialhilfe
zahlen — damit zu begründen, man wolle Druck
ausüben, damit diese Menschen wieder arbeiten, ist
doch in Anbetracht von 3,6 Millionen Arbeitslosen
und 300 000 offenen Stellen schlicht und einfach
schon mathematisch unsinnig.
Begeben Sie sich doch irgendwann mal in eine
Obdachlosensiedlung! Mich läßt zumindest der
Gedanke, daß 500 000 Kinder in
Obdachlosensiedlungen leben und zusätzlich noch Kinder zunehmend
auf der Straße sind, weil sie nicht einmal mehr in einer
Obdachlosensiedlung Unterkunft finden, nicht
ruhen.
Mich läßt auch der Gedanke nicht ruhen, daß es in
der Zwischenzeit 3 Millionen ältere Frauen in
unserem Land gibt, die von Kleinstrenten leben und die
sich im Winter entscheiden müssen, ob sie im
Wintermantel ihre Suppe essen oder ob sie auf die Suppe
verzichten und eine warme Stube haben wollen.
Ich halte es für ungeheuerlich, daß in dem Entwurf
des Kirchenpapiers vom „Armutsrisiko Kinder"
geredet wird; ich wiederhole: vom „Armutsrisiko Kinder" .
1,4 Millionen Kinder in unserem Land leben von
Sozialhilfe. Ich bitte Sie, sich nur einmal vorzustellen,
was es für diese Kinder — aber auch für ihre
alleinerziehenden Mütter oder ihre Familien — bedeutet,
wenn sie bei jeder Klassenfahrt, bei jedem Ausflug
„krank" werden, weil sie nämlich das Geld nicht
haben, das für die Fahrtkosten notwendig ist, und weil
sie das Geld nicht haben, das notwendig ist, um sich
die Cola oder die Limo bei der Einkehr in der
Gaststätte zu kaufen — 1,4 Millionen Kinder!
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das ist nicht die
Wirklichkeit!)
Ich weiß nicht, ob einen so etwas ruhig lassen kann
und wieso man sagen kann, man verstehe das Gerede
von der zunehmenden Armut in unserem L and
nicht.
Ich wundere mich auch ein ganz klein bißchen,
wieso Sie diesem Entwurf eines Kirchenpapiers
plötzlich so absolut ablehnend gegenüberstehen. Als 1982
von den Kanzeln Hirtenbriefe wegen der angeblich
verfehlten Politik von Helmut Schmidt und dessen
angeblicher Schuldenpolitik verlesen worden sind, da
haben Sie kräftig Beifall geklatscht. Jetzt sollen die
Kirchen ihren Mund halten. So geht es nicht, meine
Herren, so kann man damit nicht verfahren!
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN)
Nein, meine sehr geehrten Damen und Herren, Sie
haben einen beschränkten Blick auf die Menschen,
und Sie reden selbstzufrieden von Aufschwung. Ich
freue mich wie alle, daß Wirtschaftsdaten besser
ausschauen. Das will ich überhaupt nicht negativ
bewerten. Aber ich rede von einem Aufschwung erst,
wenn es nicht nur ein Aufschwung für Aktienbesitzer,
für Tantiemenbezieher in Großkonzernen ist, sondern
wenn es ein Aufschwung ist für Arbeiter und
Angestellte, für Rentnerinnen und Rentner und für die
3,6 Millionen registrierten Arbeitslosen. Dann kann
man von Aufschwung reden.
Herr Glos, ich weiß gar nicht, woher Sie Ihre Zahlen
eigentlich nehmen. Sie haben vorhin gesagt — ich
habe es hoffentlich richtig gehört —, daß die
Arbeitslosenzahlen gesunken seien.
Jetzt ist immer die Frage: Was vergleicht man?
Wenn man die Arbeitslosenzahlen mit dem jeweiligen
Vergleichsmonat des Vorjahres vergleicht, dann sind
die Arbeitslosenzahlen bundesweit überall gestiegen,
im Freistaat Bayern zwischen 10 und 20 % in jedem
einzelnen Monat.
(Beifall bei der SPD — Anke Fuchs [Köln]
[SPD]: Das ist die Wahrheit!)
Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren,
beschränken Ihren Blick auf die sogenannten
Leistungsträger.
(Dr. Kurt Faltlhauser [CDU/CSU]: In Bayern
haben wir die niedrigste Arbeitslosigkeit!
Sagen Sie das einmal!)
— Ich verstehe Sie im Moment nicht gut, Herr
Faltlhauser. Vielleicht melden Sie sich lieber. — Sie haben
einen etwas eingeschränkten Leistungsbegriff. Ihr
Leistungsbegriff bezieht sich ausschließlich auf das
Monatseinkommen und auf das, was auf dem
Bankkonto ist. Ich möchte hier kein Mißverständnis
aufkommen lassen. Natürlich braucht man in jedem Land
— auch wir brauchen sie — Eliten. Natürlich braucht
man Leistungsträger, die hart arbeiten, die sich
überdurchschnittlich einsetzen und hohe Verantwortung
übernehmen.— Die haben dann auch hohe
Einkommen. Auch wir gehören zu denen. — Deshalb darf man
diese Menschen nicht dafür beschimpfen, daß sie das
tun.
(Zuruf des Abg. Dr. Christoph Schnittler
[F.D.P.])
— Ja, selbstverständlich nicht. Ohne die kommt man
nicht aus.
Aber es gibt doch noch die anderen Leistungen.
Rudolf Scharping hat von ihnen gesprochen. Es gibt
auch die Leistung der Kleinstrentnerin, der
ehemaligen Trümmerfrau, die, wie gesagt, heute nicht weiß,
wie sie über die Runden kommen soll, und zwar nur
deshalb, weil früher für sie im Handel oder auch in der
Hauswirtschaft keine Beiträge gezahlt worden sind
und sie deshalb heute nichts hat.
Es gibt auch die Leistung der Familien, die mit
einem Einkommen versuchen, mehrere Kinder
großzuziehen, und es gibt die Leistung der Menschen, die
unverschuldet nach einem langen Arbeitsleben
arbeitslos geworden sind. Ich weiß nicht, wie es Ihnen
geht. Mich berührt so etwas noch.
Mich hat vor einigen Wochen in Erlangen ein Mann
angesprochen. Der hätte in diesem Gespräch beinahe
angefangen, zu weinen. Er hat gesagt: Frau Schmidt,
ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Ich bin vor
einigen Wochen arbeitslos geworden. Ich bin 52 Jahre
alt. Ich war sofort beim Arbeitsamt. Dann hat mir
meine Vermittlerin gesagt, ich sei mit meinen 52
Jahren nicht mehr vermittelbar, ich solle nach Haus
gehen, ihr die Zeit nicht stehlen. — Dann hat er
gefragt, wie es denn jetzt eigentlich für ihn ausschaut.
Das war an dem Wochenende, als zum erstenmal in
der Zeitung stand, daß die Arbeitslosenhilfe auf zwei
Jahre begrenzt werden soll.
Dann hat er gesagt: Ich bekomme jetzt noch so
ungefähr zwei Jahre Arbeitslosengeld, dann kommt
die Arbeitslosenhilfe — maximal zwei Jahre, wenn es
nach Ihnen ginge —, und dann, was kommt dann?
Dann käme — ich sage „käme", denn sie kommt
vielleicht auch nicht — die Sozialhilfe.
Zuerst muß er vielleicht sein Auto verkaufen, in
jedem Fall muß er sein Sparguthaben plündern. Und
wenn es dann so vom örtlichen Sozialamt entschieden
wird, muß er vielleicht sogar noch seine
Lebensversicherung beleihen.
Und dann, meine sehr geehrten Herren und Damen
— wenn es nach Ihnen geht —, steht dieser Mensch so
57, 58 Jahre alt, der seine Reserven aufgebraucht hat,
plötzlich vor dem Nichts. Dann werden seine Kinder
gefragt, ob sie den Vater mit unterhalten können. Und
was das für manche für eine Schande ist, das können
Sie sich vielleicht doch noch vorstellen.
(Michael Glos [CDU/CSU]: Das ist doch
keine Schande!)
Und dann kommt, meine sehr geehrten Herren,
nach einem 35jährigen Arbeitsleben wie in diesem
Fall die nackte Rente. Alles andere ist weg, was man
sich erarbeitet hat. Und solche Leute, die 35 Jahre
gearbeitet und Steuern und die Beiträge gezahlt
haben, wollen Sie in die Sozialhilfe abdrängen. Woher
nehmen Sie eigentlich das Recht, Herr Waigel, in
Ihrem Parteinamen noch das Wörtchen „sozial"
führen zu wollen?
Und Sie erreichen noch einen anderen Effekt.
(Ingrid Matthäus-Maier [SPD]: Genau! —
Anke Fuchs [Köln] [SPD]: Keine Langzeitar
-
beitslosen!)
All diejenigen Langzeitarbeitslosen, die in der
Sozialhilfe sind, haben Sie, ohne einen Finger krumm zu
machen, aus der Arbeitslosenstatistik heraus —
wunderbar! So kann man Arbeitslosigkeit auch
bekämpf en.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir sind
keine Sozialromantiker. Wir wissen natürlich, daß
nicht jeder Arbeitslose von Natur aus — nur weil er
arbeitslos ist — ein guter Mensch ist. Wir wissen
natürlich, daß es auch bei den Sozialhilfeempfängern
Menschen gibt, die die Sozialhilfe mißbrauchen. Für
solchen Mißbrauch — sei es bei der Arbeitslosenhilfe
und der Sozialhilfe, sei es bei anderen Leistungen —
gibt es bei den Sozialdemokraten nicht die geringste
Sympathie, denn für uns sind das Verstöße gegen die
Solidarität, die selbstverständlich aufgespürt werden
müssen.
Aber weil Sie so einen eingeschränkten Blick, einen
Blick nur auf einen Teil dieser Gesellschaft haben,
sehen Sie eben nur diesen Mißbrauch. Den anderen
Mißbrauch sehen Sie überhaupt nicht, nämlich die
Tatsache, daß in unserem Land nach einer Schätzung
der Steuergewerkschaft jährlich 340 Milliarden DM
an Steuern nicht gezahlt werden. Würden wir nur ein
Viertel dessen realisieren können, müßten wir uns um
so manche Sparmaßnahme in diesem Land keinerlei
Gedanken mehr machen.
Indem Sie in Ihren Programmen
Selbstverständlichkeiten wie die Tatsache wiederholen, daß
Sozialhilfeempfänger auch zu gemeinnützigen Arbeiten
herangezogen werden können, schüren Sie Sozialneid,
und zwar den Sozialneid von oben nach unten. Das ist
infam, weil er die Schwächsten der Schwachen in
dieser Gesellschaft trifft.
Meine sehr geehrten Damen und Herren, unsere
Forderung nach sozialer Gerechtigkeit ist keine
Forderung, die eine Minderheit in dieser Gesellschaft
betrifft. Das ist keine Minderheitenpolitik, sondern
unsere Forderung nach sozialer Gerechtigkeit
bedeutet Politik für alle, weil sozialer Friede nicht etwas ist,
was nur einem Teil der Gesellschaft nutzt, sondern
etwas, was uns allen nutzt, was mehr Sicherheit
bedeutet, was mehr Freiheit bedeutet. Deshalb
müssen wir, die Stärkeren, akzeptieren, daß wir, wenn wir
den sozialen Frieden erhalten wollen, auch bereit sein
müssen, im Verhältnis zu unserer Stärke dazu
beizutragen, daß er erhalten werden kann.
Deshalb, meine sehr geehrten Damen und Herren,
werden wir uns daranmachen, die Hauptursachen
von Armut in unserem Land zu bekämpfen. Eine
dieser Hauptursachen ist, in einem Ballungsgebiet zu
wohnen, die Miete nicht mehr bezahlen zu können
und unter Umständen obdachlos zu werden. Deshalb
werden wir uns daranmachen, daß sich
Bodenspekulation in diesem Land nicht mehr lohnt. Wir werden
dafür sorgen, daß wir endlich wieder Mieten haben,
die sich Menschen auch leisten können.
Wir werden dafür sorgen, daß Wohnungen nicht
schneller in teuere Eigentumswohnungen
umgewandelt werden, als die Kommunen überhaupt
nachkommen, neue zu bauen.
Damit auch hier kein Mißverständnis aufkommt,
will ich sagen: Es ist ja immer erstaunlich, mit welch
eigenartigen Dingen, die man hört, hier argumentiert
wird. Man fragt sich: Woher kommen die überhaupt
darauf? Wir werden doch nicht die Häuslebauer
bestrafen. Wir sind doch froh, daß sich die Menschen
Häuser bauen können. Denn wer sich ein Haus bauen
kann, der geht aus einer Mietwohnung heraus, und
die wird für andere frei. Wieso wollten wir die
bestrafen wollen?
Wir haben in unserem Programm eindeutig stehen:
Wenn das Bundesverfassungsgericht entscheidet, daß
es Veränderungen bei der Bewertung von Vermögen,
das aus Grundbesitz stammt, geben muß, werden wir
dafür sorgen, daß diejenigen, die eigengenutzte
Eigentumswohnungen oder Häuser haben, eben nicht
mehr zahlen. Das haben wir uns zum Anliegen
gemacht. Sie können doch nicht einfach solche
Gerüchte in die Welt setzen.
Wir werden dafür sorgen, daß Altersarmut
bekämpft wird. Das ist unser Projekt einer sozialen
Grundsicherung, die dazu dienen soll, daß die
Kleinstrentnerinnen, die sich nicht zum Sozialamt trauen,
eben nicht mehr entscheiden müssen, ob sie eine
warme Stube oder ein warmes Essen haben wollen.
Wir werden in der Zukunft für eine vorbeugende
Sozialpolitik sorgen, weil wir nämlich sagen: Die
nächste Generation der armen Kleinstrentnerinnen
wird heute produziert, wenn wir weiter zulassen, daß
versicherungsfreie Beschäftigungsverhältnisse, mit
560 DM entlohnt, in unserem Land explosionsartig
zunehmen.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Ilja
Seifert [PDS/Linke Liste])
Wir werden auch nicht zulassen, daß
Langzeitarbeitslose bestraft werden. Denn wir wollen
Arbeitslosigkeit bekämpfen und nicht etwa die Arbeitslosen.
Wir haben auch etwas dagegen, daß die
Stopand-go-Politik dieses Haushalts weitergeht. Denn die
4 Milliarden DM, die der Bundeshaushalt bei der
Arbeitslosenhilfe einspart, müssen dann über die
Sozialhilfe irgendwo wieder gezahlt werden — aber
nicht vom Bund, nicht von den Ländern, sondern von
den Kommunen, die sowieso schon auf dem letzten
Loch pfeif en.
Allein im Freistaat Bayern eine Mehrbelastung der
Kommunen zwischen 350 und 500 Millionen DM.
Wir werden dafür sorgen, daß es endlich einen
fairen Familienleistungsausgleich, einen
Kinderleistungsausgleich gibt. Denn es ist unerträglich, daß die
Menschen, die gut verdienen, für ihr Kind pro Monat
derzeit 251 DM bekommen, und die Menschen, die
Durchschnittsverdiener sind, maximal 135 DM, und
zwar über eines der kompliziertesten Systeme, das
man sich überhaupt vorstellen kann: über Kindergeld
einkommensabhängig, Kindergeldzuschlag, wenn
man es nicht ausnutzen kann, und Kinderfreibeträge.
Kein Mensch kann mehr kalkulieren, was ihm
überhaupt zusteht. Wir werden dort Bürokratie sparen.
Wenn nun Herr Waigel ankündigt, daß er im
nächsten Jahr den Kinderfreibetrag auch noch erhöhen
wird, so bedeutet das, daß dann pro Kind in den
obersten Einkommensgruppen 295 DM anfallen und
in den niedrigsten wiederum nur ein Betrag von unter
150 DM. So kann das doch nicht weitergehen.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Dr. Ilja
Seifert [PDS/Linke Liste])
Wie er dieses Projekt finanzieren will, hat uns der
liebe Herr Waigel wohlweislich verschwiegen. Von
Seriosität kann bei diesem Haushalt wie bei dem
vorhergehenden keine Rede sein.
ich freue mich auf den Wechsel, und wir werden ihn
gemeinsam gestalten.
(Anhaltender lebhafter Beifall bei der SPD —
Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Vizepräsident Helmuth Becker: Meine sehr
verehrten Damen und Herren, ich erteile jetzt dem Herrn
Bundesfinanzminister Theo Waigel das Wo rt .