Rede von Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 8: Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,.
Text
Rede von Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
bin sehr dankbar dafür, dass ich als Erste das Wort habe,
obwohl es um Anträge der Oppositionsfraktionen geht.
(Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Qualität setzt
sich durch!)
Das zeigt deutlich, dass wir bei diesem Thema die
Meinungsführerschaft übernommen haben.
(Beifall bei der CDU/CSU – Ina Lenke [FDP]:
Wo bleiben denn die Finanzen?)
Das kann man auch an so einer formellen Stelle einmal
klarmachen. – Vielen Dank.
In die Debatte ist – das brauche ich Ihnen nicht zu
sagen, weil Sie alle an dem Thema interessiert sind – in
den letzten Monaten eine unglaubliche Bewegung
gekommen. Da hat sich in kurzer Zeit mehr getan als in
den Jahren zuvor. Ich selber habe in der Kommune lange
Jahre Verantwortung getragen und verzweifelt für mehr
Kinderbetreuung gekämpft. Die Uhren haben mehr oder
minder stillgestanden. Jetzt haben wir etwas erreicht.
Das begrüßen natürlich auch die Kollegen der SPD-
Fraktion. Das weiß ich, und da sitzen wir alle in einem
Boot. Ich danke der Familienministerin dafür, dass wir
hier auf einem so guten Weg sind.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN]: Welche Familienministerin? – Ute
Kumpf [SPD]: Menschenskind, endlich sind
Sie aufgewacht!)
Sie hat eine Lawine losgetreten, und nicht nur das: Sie
hat auch Nägel mit Köpfen gemacht; was sie getan hat,
Dr. Eva Möllringwar ein erster Meilenstein. Sie hat die Vertreter von
16 Ländern und vor allen Dingen die Vertreter der
Kommunen an einen Tisch gebracht. Wir, die CDU, haben
immer gesagt: Kinderbetreuung fällt in erster Linie in
die Verantwortung der Kommunen. Deswegen ist es
so wichtig, dass man die Kommunen zwecks Klärung
der Finanzierungswege an den Tisch holt.
Die Ministerin hat das Ziel – die Zahlen brauche ich
Ihnen nicht zu nennen; jeder hier kennt sie auswendig –,
die Notwendigkeit und die Aufgabenverteilung geklärt.
Deswegen müssen wir heute nicht mehr darüber
diskutieren – dafür bin ich dankbar –, ob Angebote zur
Betreuung unserer Kinder – damit meine ich auch die
Kinder bis zu drei Jahren – in Deutschland notwendig sind.
Gott sei Dank ist diese Frage geklärt.
Der nächste Schritt muss jetzt sein, die Frage zu
beantworten, wie wir die Aktivitäten und die Mittel so
steuern können, dass die Familien diejenigen Angebote
bekommen, die sie für ihre Lebensplanung brauchen.
Wie wir alle wissen, ist der Bedarf vor Ort völlig
unterschiedlich.
Ich möchte das einmal anhand meines Wahlkreises
– er ist ziemlich groß; ich weiß, dass auch andere
Kollegen große Wahlkreise vertreten – erläutern.
Dort gibt es Eltern, deren Arbeitgeber groß ist. Diese
Eltern wollen, dass sich die – staatlichen –
Kinderbetreuungsplätze möglichst unweit der Bundesstraße befinden,
auf der sie zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Noch lieber
wäre ihnen, wenn die Kinderbetreuung in demjenigen
Betrieb wäre, in dem sie arbeiten.
Dafür hat ihr – womöglich sehr sozialer – Betrieb bisher
allerdings noch nicht gesorgt.
(Ina Lenke [FDP]: Aber der hat doch nicht
eine staatliche Aufgabe!)
– Frau Lenke, Sie erklären nachher, was für ein Betrieb
das ist. – So viel zur Problematik der
Betriebskindergärten.
Außerdem gibt es Familien, die in kleinen Gemeinden
auf dem Land leben. Dort kann man gar keine
staatlichen Krippenplätze vorhalten, weil der Bedarf
vollkommen unterschiedlich ist und rasch wechselt. Dort will
man Tagesmütter, Stundenkontingente und Flexibilität
haben. Man muss sich dafür einsetzen, dass
Kinderbetreuung ohne bürokratischen Aufwand möglich ist und
nicht durch Auflagen vollkommen überfrachtet wird.
Last, not least gibt es Eltern, die Landwirte sind.
Deren Kinder sind in der Regel ganztägig in der Familie
und auf dem Hof. Ich sage Ihnen: Auch sie leisten ihren
Anteil an der Erziehung, und deswegen möchte ich sie
an dieser Stelle nicht vergessen.
Für alle diese Familien und nicht nur für einen Teil
müssen wir ein Angebot vorhalten. Hinzu kommt, dass auch im Hinblick auf die
Betreuungszeiten völlig unterschiedliche Bedürfnisse bestehen.
Die meisten Mütter mit kleinen Kindern wollen Teilzeit
arbeiten. Viele brauchen einen Ganztagsplatz, und
andere brauchen eine Kinderbetreuung nur zu Randzeiten,
weil sie andere Hilfen haben und die verschiedenen
Kinderbetreuungsmöglichkeiten kombinieren wollen. Wir
brauchen also einen Markt der Möglichkeiten und
nicht nur ein Angebot. Deshalb ist es wichtig, dass die
Kommunen jetzt klug vorgehen und überlegen, was sie
vor Ort tun können, um den Familien einen solchen
Markt zu eröffnen, damit sie entscheiden können –
bisher können sie das nicht –, was für ihr Kind gut ist und
was für die Berufstätigkeit der Eltern richtig ist.
Wir in Niedersachsen haben jetzt ein neues Modell
geschaffen. Für dieses Modell sind 100 Millionen Euro
zur Verfügung gestellt worden. Wie ich gern mit einem
Schmunzeln feststelle: Das ist für ein Bundesland wie
Niedersachsen eine Menge Geld. Mit diesem Geld sollen
die Kommunen neue Modelle ausprobieren können. Ziel
ist, dass Tagesmütter – ich erlebe es – gestärkt,
qualifiziert und vernetzt werden können.
Es klappt in den verschiedenen Regionen schon ganz
gut, und es wird noch besser. Ich denke, das ist der Weg,
den wir einschlagen müssen. Um einen Markt der
Möglichkeiten zu schaffen, müssen wir die Eltern mit ins
Boot nehmen. Die Eltern müssen die finanziellen Mittel
haben, um Erziehung durch andere Personen zu
gestalten und zu organisieren. Die Nachfrage wird zeigen,
welche Angebote notwendig sind. Aber die Eltern
müssen sie auch bezahlen können.
Deswegen bin ich der Meinung: Lassen Sie uns die
Eltern bitte nicht außen vor lassen; lassen Sie uns sie
nicht vergessen; lassen Sie uns sie stärken! Ein
Rechtsanspruch ist sicherlich gut gemeint, gibt den Eltern aber
Steine statt Brot. Denn es muss ein ganz klares Angebot
definiert werden und dadurch engen Sie die
Möglichkeiten der Eltern schon ein. Damit machen Sie den Markt
der Möglichkeiten schon im Vorfeld kaputt.
Wenn wir erreicht haben, dass Kinder gut aufgehoben
sind, dass sie gefördert werden, dass die Eltern
Auswahlmöglichkeiten vor Ort haben und dass sie die Preise
bezahlen können, dann sind wir ein gutes Stück
vorangekommen.
Eines möchte ich noch anfügen: Das Kindergeld
werden wir nicht antasten.
(Krista Sager [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Müssen Sie ja auch gar nicht!)
Danke schön fürs Zuhören.
(Beifall bei der CDU/CSU – Krista Sager
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo soll das
Geld denn jetzt herkommen?)