Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
40 Reden und Erklärungen – die Suche findet sie einzeln
- Rede von Marina Schuster (FDP) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Monika Knoche (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Gernot Erler (Staatsminister im Auswärtigen Amt) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Elke Hoff (FDP) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Hans Raidel (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Hans Raidel (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Gabriele Groneberg (SPD) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Gabriele Groneberg (SPD) – Plenarprotokoll 16/95
- Rede von Ulla Schmidt (Bundesministerin für Gesundheit) – Drucksache 16/5049
- Rede von Detlef Parr (FDP) – Drucksache 16/5049
- Rede von Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) – Drucksache 16/5049
- Rede von Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/5049
- Rede von Dr. Carola Reimann (SPD) – Drucksache 16/5049
- Rede von Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/5049
- Rede von Maria Eichhorn (CDU/CSU) – Drucksache 16/5049
- Rede von Dr. Margrit Spielmann (SPD) – Drucksache 16/5049
- Rede von Oskar Lafontaine (DIE LINKE) – Drucksache 16/4845
- Rede von Gitta Connemann (CDU/CSU) – Drucksache 16/4845
- Rede von Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) – Drucksache 16/4845
- Rede von Anette Kramme (SPD) – Drucksache 16/4845
- Rede von Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/4845
- Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksache 16/4845
- Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksache 16/4845
- Rede von Dirk Niebel (FDP) – Drucksache 16/4845
- Rede von Andrea Nahles (SPD) – Drucksache 16/4845
- Rede von Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE) – Drucksache 16/4845
- Rede von Klaus Brandner (SPD) – Drucksache 16/4845
- Rede von Brigitte Zypries (Bundesministerin der Justiz) – Von der
- Rede von Jörg van Essen (FDP) – Von der
- Rede von Ulla Jelpke (DIE LINKE) – Von der
- Rede von Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Von der
- Rede von Joachim Stünker (SPD) – Von der
- Rede von Joachim Stünker (SPD) – Von der
- Rede von Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Von der
- Rede von Joachim Stünker (SPD) – Von der
- Rede von Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
- Rede von Hartmut Koschyk (CDU/CSU) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
- Rede von Hartmut Koschyk (CDU/CSU) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
- Rede von Jürgen Koppelin.Jürgen Koppelin (FDP) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
- Rede von Ute Kumpf (SPD) – Höll, Dr. Axel Troost, Werner Dreibus,
Text
Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 16/95Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht
95. Sitzung
Berlin, Freitag, den 27. April 2007
I n h a l t :Tagesordnungspunkt 26:
Beschlussempfehlung und Bericht des
Auswärtigen Ausschusses zu dem Antrag der
Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung
deutscher Streitkräfte an der Friedensmission
der Vereinten Nationen im Sudan (UNMIS)
auf Grundlage der Resolution 1590 (2005)
des Sicherheitsrates der Vereinten
Nationen vom 24. März 2005 und weiterer
Mandatsverlängerungen durch den
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
(Drucksachen 16/4861, 16/5142, 16/5143) . .
Brunhilde Irber (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Marina Schuster (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU) . . .
Monika Knoche (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . .
Kerstin Müller (Köln) (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Gernot Erler, Staatsminister AA . . . . . . . . . . .
Elke Hoff (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Hans Raidel (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . .
Gabriele Groneberg (SPD) . . . . . . . . . . . . . . .
Anke Eymer (Lübeck) (CDU/CSU) . . . . . . . .
Namentliche Abstimmung . . . . . . . . . . . . . . .
Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Tagesordnungspunkt 27:
a) Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zum Schutz vor den Gefahren des
Passivrauchens
(Drucksache 16/5049) . . . . . . . . . . . . . . . .
9701 A
9701 D
9703 A
9703 D
9705 A
9706 B
9707 C
9708 D
9709 C
9710 D
9712 A
9713 A
9715 C
9713 Bc) Antrag der Abgeordneten Birgitt Bender,
Bärbel Höhn, Ulrike Höfken, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN: Wirksamen
Schutz vor Passivrauchen im
Arbeitsschutzgesetz verankern
(Drucksache 16/4761) . . . . . . . . . . . . . . .
d) Antrag der Abgeordneten Birgitt Bender,
Bärbel Höhn, Ulrike Höfken, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN: Schutz vor
Passivrauchen im Deutschen Bundestag
direkt umsetzen
(Drucksache 16/4957) . . . . . . . . . . . . . . .
in Verbindung mit
Zusatztagesordnungspunkt 7:
Antrag der Abgeordneten Detlef Parr, Daniel
Bahr (Münster), Heinz Lanfermann, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP:
Nichtraucherschutz praktikabel und mit
Augenmaß umsetzen
(Drucksache 16/5118) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ulla Schmidt, Bundesministerin BMG . . . . .
Detlef Parr (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Horst Seehofer, Bundesminister BMELV . . .
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) . . . . . . . . .
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dr. Carola Reimann (SPD) . . . . . . . . . . . . . .
Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Maria Eichhorn (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . .
Dr. Margrit Spielmann (SPD) . . . . . . . . . . . .
9713 C
9713 C
9713 C
9713 D
9717 B
9719 C
9721 A
9722 B
9723 B
9724 B
9725 B
9727 A
II Deutscher Bundestag – 16. Wahlperiode – 95. Sitzung. Berlin, Freitag, den 27. April 2007Tagesordnungspunkt 28:
Antrag der Abgeordneten Werner Dreibus,
Hüseyin-Kenan Aydin, Dr. Dietmar Bartsch,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der
LINKEN: Deutschland braucht
Mindestlöhne
(Drucksache 16/4845) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Oskar Lafontaine (DIE LINKE) . . . . . . . . . . .
Gitta Connemann (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . .
Dr. Heinrich L. Kolb (FDP) . . . . . . . . . . . . . .
Anette Kramme (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Brigitte Pothmer (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Andrea Nahles (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dirk Niebel (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Andrea Nahles (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE)
(Erklärung nach § 31 GO) . . . . . . . . . . . . .
Klaus Brandner (SPD)
(zur Geschäftsordnung) . . . . . . . . . . . . . . .
Tagesordnungspunkt 29:
– Zweite und dritte Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten
Entwurfs eines Gesetzes zur Sicherung
der Unterbringung in einem
psychiatrischen Krankenhaus und in einer
Entziehungsanstalt
(Drucksachen 16/1110, 16/5137) . . . .
– Zweite und dritte Beratung des vom
Bundesrat eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zur Reform des Rechts
der Unterbringung in einem
psychiatrischen Krankenhaus und in einer
Entziehungsanstalt
(Drucksachen 16/1344, 16/5137) . . . .
Brigitte Zypries, Bundesministerin BMJ . . . .
Jörg van Essen (FDP) . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Siegfried Kauder (Villingen-Schwenningen)
(CDU/CSU) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ulla Jelpke (DIE LINKE) . . . . . . . . . . . . . . . .
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Joachim Stünker (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . .
Jerzy Montag (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Joachim Stünker (SPD) . . . . . . . . . . . . . . . . .
9728 B
9728 C
9729 D
9732 A
9733 B
9734 B
9735 A
9736 B
9736 C
9737 B
9737 D
9738 C
9738 C
9738 D
9739 C
9740 C
9741 D
9742 C
9743 C
9744 B
9744 DTagesordnungspunkt 31:
Beschlussempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend
– zu dem Antrag der Abgeordneten
Dr. Barbara Höll, Dr. Axel Troost,
Werner Dreibus, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der LINKEN:
Elternbeitragsfreie
Kinderbetreuung ausbauen
– zu dem Antrag der Abgeordneten Ekin
Deligöz, Volker Beck (Köln), Grietje
Bettin, weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN: Leben und Arbeiten mit
Kindern möglich machen
– zu dem Antrag der Abgeordneten Ekin
Deligöz, Krista Sager, Kai Gehring,
weiterer Abgeordneter und der
Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN: Kinder fördern und
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
stärken – Rechtsanspruch auf
Kindertagesbetreuung ausweiten
(Drucksachen 16/453, 16/552, 16/1673,
16/3219) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
in Verbindung mit
Zusatztagesordnungspunkt 8:
Antrag der Abgeordneten Ina Lenke, Carl-
Ludwig Thiele, Sibylle Laurischk, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der FDP:
Sofortprogramm für mehr
Kinderbetreuung
(Drucksache 16/5114) . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) . . . . . . . . . . . .
Irmingard Schewe-Gerigk (BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN) (zur Geschäftsordnung) . .
Hartmut Koschyk (CDU/CSU) (zur
Geschäftsordnung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Jürgen Koppelin (FDP) (zur
Geschäftsordnung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Ute Kumpf (SPD) (zur Geschäftsordnung) . .
Nächste Sitzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten . . . . .
Anlage 2
Amtliche Mitteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . .
9745 B
9745 C
9745 C
9747 A
9747 A
9747 C
9747 D
9748 D
9749 A
9749 D
95. Sitzung
Berlin, Freitag, den 27. April 2007
Beginn: 9.00 UhrPräsident Dr. Norbert Lammert:
Die Sitzung ist eröffnet.
Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich begrüße Sie alle
herzlich und wünsche uns allen einen guten Morgen und
einen erfolgreichen Tag. Es gibt heute Morgen überhaupt
keine Ankündigungen, sodass wir in der glücklichen
Situation sind, ohne weiteren Verzug in die
Tagesordnung einsteigen zu können.
Ich rufe Tagesordnungspunkt 26 auf:
– Beratung der Beschlussempfehlung und des
Berichts des Auswärtigen Ausschusses (3.
Ausschuss) zu dem Antrag der Bundesregierung
Fortsetzung der Beteiligung deutscher
Streitkräfte an der Friedensmission der Vereinten
Nationen im Sudan (UNMIS) auf Grundlage
der Resolution 1590 (2005) des
Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 24. März 2005
und weiterer Mandatsverlängerungen durch
den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
– Drucksachen 16/4861, 16/5142 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Eckart von Klaeden
Brunhilde Irber
Marina Schuster
Wolfgang Gehrcke
Dr. Uschi Eid
– Bericht des Haushaltsausschusses (8. Ausschuss)
gemäß § 96 der Geschäftsordnung
– Drucksache 16/5143 –
Berichterstattung:
Abgeordnete Herbert Frankenhauser
Lothar Mark
Jürgen Koppelin
Michael Leutert
Alexander Bonde
Hierzu liegt ein Entschließungsantrag der Fraktionen
der CDU/CSU und SPD, FDP und Bündnis 90/Die
Grünen vor. Ich will darauf hinweisen, dass wir über die Be-schlussempfehlung später namentlich abstimmen
werden, also irgendwann kurz nach 10 Uhr; denn diese
Aussprache soll nach einer interfraktionellen
Vereinbarung eine Stunde betragen. – Ich höre dazu keinen
Widerspruch.
Ich eröffne die Aussprache und erteile zunächst der
Kollegin Irber das Wort. – Sie hat so früh noch nicht mit
ihrem Glück gerechnet.
(Heiterkeit)
Bitte schön, Frau Kollegin Irber.
(Beifall bei der SPD)
Brunhilde Irber (SPD):
Guten Morgen, Herr Präsident! Sehr geehrte
Kolleginnen und Kollegen! Dass wir uns heute mit der
Verlängerung des UNMIS-Mandates beschäftigen, ist
konsequent und richtig. Es ist auch richtig, dass wir es
beschließen. Es gibt in diesem Zusammenhang einen
interfraktionellen Entschließungsantrag zum Thema
Darfur, der Ausdruck dafür ist, dass wir bei diesem Thema
nicht nur den Süden des Sudan betrachten dürfen,
sondern den Gesamtsudan im Blick haben müssen. Ich freue
mich, dass wir hier an einem Strang ziehen und sich die
Fraktionen zu einem interfraktionellen Antrag
entschließen konnten. Herzlichen Dank dafür.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Niemand kann bestreiten, dass die 10 000 Soldaten
und 715 Polizisten – darunter maximal 75 deutsche
Soldaten – wesentlich zur Stabilität im Südsudan
beigetragen haben. Sichtbares Ergebnis sind die Flüchtlinge, die
wieder in ihre Heimat zurückkehren können und sich
dort eine Existenz aufbauen wollen. Ich selbst war in
Juba und habe mich von den Bemühungen überzeugt,
die dort unternommen werden. Ich möchte an dieser
Stelle den zivilen und militärischen Kräften, die sich
dort bemühen, meinen sehr herzlichen Dank
aussprechen.Redetext
Brunhilde Irber(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und der
FDP sowie bei Abgeordneten des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Einer der entscheidenden Sätze aus dem
Regierungsantrag ist für mich der folgende:
Die Entwicklung im Südsudan kann aber nicht
losgelöst von der erschreckenden humanitären und
politischen Situation in Darfur gesehen werden.
Deshalb ist und bleibt es eines der wichtigsten Ziele
– dies kommt in dem Antrag zum Ausdruck –, dass der
unabhängige Allparteiendialog in Darfur und ein
nationaler Dialog aller demokratischen Kräfte stattfinden
können. Diese Dialoge kann und muss die internationale
Staatengemeinschaft mit allen Mitteln unterstützen.
Allerdings ist es dazu dringend erforderlich, dass die
Waffen schweigen, und zwar auf allen Seiten.
Wir haben in den letzten Tagen und Wochen das
unsägliche Leid von Millionen von Menschen, die
Anschläge auf die AMIS-Soldaten und den dreisten
Missbrauch der UN-Farben an Flugzeugen der
sudanesischen Armee gesehen. Dieser Verstoß gegen
Art. 100 der UN-Charta ist besonders niederträchtig und
muss scharf verurteilt werden.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Mit der Zustimmung der sudanesischen Regierung zum
sogenannten „schweren Unterstützungspaket“ sind
große Hoffnungen verbunden. Die diplomatischen
Bemühungen des UN-Generalsekretärs und seines
Sonderbeauftragten Jan Eliasson scheinen Früchte zu tragen.
Wir sind damit einen kleinen Schritt in die richtige
Richtung weitergekommen. Ich kann nur hoffen, dass
damit auch die Chance besteht, die humanitäre Hilfe
wieder in geordnete Bahnen zu lenken.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Anerkennenswert ist die Zustimmung Khartoums
zum zweiten Unterstützungspaket. Wir müssen aber
jetzt auch ein glaubhaftes politisches Signal setzen,
damit sich Baschir keinen weiteren Wortbruch mehr leisten
kann.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Deshalb fordern wir die unverzügliche Umsetzung
dieser zweiten Stufe der vereinbarten AU/UN-
Hybridmission. Jede Verzögerung wird zur Ausweitung von
UN-Sanktionen führen. Sollte dies im Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen nicht durchsetzbar sein, fordern wir
die Bundesregierung auf, sich für einen
Sanktionsmechanismus der EU einzusetzen.
Nur damit kein Missverständnis entsteht: Wir reden
hier nicht mehr von diffusen Ankündigungen, sondern
von konkreten Maßnahmen gegen Mitglieder der
sudanesischen Regierung. Ankündigungen ohne
Konsequenzen darf es nicht mehr geben.Wir dürfen dabei aber auch eigene Fehler nicht aus
den Augen verlieren. Ich denke hier an die
Kriegsgewinner, die Waffenschieber und Geschäftemacher.
Kollege Wolfgang Wodarg hat es bereits während der letzten
Sitzung des Europarates am 19. April 2007 erwähnt. Es
kann nicht sein, dass parallel zu den Bemühungen für
den Frieden im Sudan europäische Unternehmen mit
Verbrechern paktieren.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD, der CDU/
CSU, der LINKEN und des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
An dieser Stelle müssen wir vor der Haustür Europas
mit eisernem Besen kehren. Wer sich auf solche Weise
bereichert und so Tod und Leid vieler Menschen in Kauf
nimmt, sollte mit allen rechtlichen Mitteln zur
Verantwortung gezogen werden.
Ist Frieden im Sudan in Anbetracht der komplexen
Konfliktlage eine unlösbare Aufgabe? Wird dieses
riesige Land 2008 oder 2009 ein stabiles Umfeld für
Wahlen überhaupt gewährleisten können?
Im Zusammenhang mit den Wahlen im Kongo habe
ich mir ähnliche Fragen gestellt. Der Einsatz der
internationalen Schutztruppe wurde kontrovers diskutiert.
Heute kann man sagen: Das Risiko hat sich gelohnt.
Alle Parteien im Sudan müssen an den
Verhandlungstisch zurückkehren. Dies gilt für diverse
Rebellengruppen ebenso wie für die sudanesische Regierung. Wir
brauchen einen gesamtsudanesischen Dialog, damit die
Zukunft dieses Landes gestaltet werden kann. Und wir
sollten die moderaten Kräfte in der Regierung in
Khartoum unterstützen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen
beschlossene AU/UN-Hybridmission wird die
Voraussetzungen dafür verbessern und die humanitäre Hilfe vor
Ort ermöglichen. Wie viel politischer Druck dafür
aufgebaut werden muss, wird sich zeigen. Was notwendig ist,
um jetzt die zweite Umsetzungsphase zu realisieren,
fordern wir in unserem Entschließungsantrag. Ich bitte Sie,
diesem heute zuzustimmen.
Ich bitte natürlich auch darum, dem UNMIS-Antrag
zuzustimmen, der ein unverändertes Mandat für die Zeit
bis zum 15. November 2007 mit bis zu 75 Soldaten
ausstellt, wobei immer nur 38 oder 39 im Einsatz sind. Der
Einsatz kostet 800 000 Euro.
An dieser Stelle möchte ich unseren Militärs danken,
die sich dieser Aufgabe unterziehen. Es ist nicht leicht,
im Sudan unter diesen Umständen zu agieren, zu
beobachten und dabei zu helfen, Frieden im Südsudan zu
schaffen und die Implementierung des Comprehensive
Peace Agreement voranzubringen, aber natürlich auch
dafür zu sorgen, dass die anderen Teile des Sudans dabei
nicht außer Acht gelassen werden.
Herzlichen Dank. Ich bitte Sie um Ihre Zustimmung.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Das Wort erhält nun die Kollegin Marina Schuster,
FDP-Fraktion.
(Beifall bei der FDP)
Marina Schuster (FDP):
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Die Bundeswehr leistet mit ihrer Beteiligung
am UNMIS-Einsatz im Südsudan trotz der sehr
schwierigen Bedingungen vor Ort eine gute und sehr wertvolle
Arbeit. Ich möchte eines gleich zu Beginn deutlich
machen: Wer diesen Einsatz als Symbolik bezeichnet, weiß
nicht, wie die tägliche Arbeit dort aussieht. Ich konnte
mich – genauso wie die Kollegin Irber und andere – in
Juba im Südsudan davon überzeugen, dass die
Bundeswehr sehr hohes Ansehen genießt.
Nach 20 Jahren Bürgerkrieg und schätzungsweise
2 Millionen Toten ist der Nord-Süd-Friedensvertrag
die einzige Chance auf dem Weg zu dauerhaftem
Frieden. Die Umsetzung des Comprehensive Peace
Agreements hinkt leider hinterher, gerade bei solchen
wichtigen Institutionen wie der National Petroleum
Commission. Auch aufgrund der Spannungen um die
Region Abyei und der zunehmenden Sorge hinsichtlich
der Wahlen 2009 bildet der UNMIS-Einsatz einen
wichtigen Stabilitätsfaktor. Trotz aller Schwierigkeiten vor
Ort gibt es deutliche Zwischenerfolge. Es ist deutlicher
denn je: Nur mit dem Comprehensive Peace Agreement
geht man den Weg zu dauerhaftem Frieden. Die FDP-
Fraktion wird dem vorliegenden Verlängerungsantrag
zustimmen, weil wir diesen langfristigen Prozess
unterstützen wollen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich die
Rahmenbedingungen des Einsatzes nicht verändert haben,
wie es im Mandatsantrag heißt. Ein Beispiel:
Glücklicherweise kehren zunehmend mehr Flüchtlinge in den
Süden des Landes zurück. Aber wie geht es dort für die
Menschen weiter? Die entscheidende politische Frage
ist: Spüren die Menschen vor Ort die Friedensdividende?
Zudem hat die Bundesregierung zu Recht darauf
hingewiesen, dass die Situation im Südsudan nicht losgelöst
von der Lage in Darfur betrachtet werden kann. Die
Situation in dieser Krisenregion ist nach wie vor
alarmierend. Die hoffnungsvollen Signale von Präsident Baschir
hat er leider kurz darauf wieder relativiert. Nun spricht
er nicht mehr von 3 000 UN-Blauhelmen, sondern nur
noch von Technikern und Ingenieuren. Diese gezielte
Verzögerungstaktik scheint sich also leider
fortzusetzen.
Ich begrüße es daher und freue mich, dass sich die
Fraktionen im Deutschen Bundestag mit Ausnahme der
Linksfraktion nach intensiven Verhandlungen auf einen
interfraktionellen Entschließungsantrag geeinigt haben,
der den Druck verstärken kann. (Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Denn das ist ein deutliches Signal in Richtung
Khartoum.
Ich vermisse allerdings von der Bundesregierung und
der EU-Ratspräsidentschaft bislang eine deutliche
Reaktion auf einen aktuellen, sehr ernsten Vorgang. Nach
Erkenntnissen der Vereinten Nationen hat der Sudan
Flugzeuge weißlackiert, mit UN-Hoheitszeichen versehen
und hat damit illegal Waffen und Munition nach Darfur
transportiert und wohl auch zivile Ziele bombardiert.
Die „New York Times“ hat ein Foto von einer solchen
Maschine veröffentlicht. Der Missbrauch von UN-
Kennzeichen zu Kriegszwecken ist nicht nur ein
unglaublicher politischer Skandal, sondern auch ein schwerer
Verstoß gegen das Völkerrecht.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU, der SPD
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Herr Staatsminister Erler, Sie haben sich bei meiner
Frage danach im Auswärtigen Ausschuss darauf
bezogen, dass dies eine UN-interne Angelegenheit sei, der
man nun nachgehe. Ich verlange von der EU-
Ratspräsidentschaft allerdings etwas mehr als solche allgemeinen
Verweise.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nächster Redner ist der Kollege Hartwig Fischer,
CDU/CSU-Fraktion.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Hartwig Fischer (Göttingen) (CDU/CSU):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
Situation in Darfur ist unerträglich. Es geht heute
Morgen eigentlich um zwei Bereiche. Diese möchte ich
deutlich aufzeigen, weil wir in der Diskussion mit der
Bevölkerung leider feststellen, dass dies nicht bekannt ist. Es
geht auf der einen Seite um die Absicherung des
Friedensprozesses im Südsudan durch die Verlängerung des
UNMIS-Mandates. Es geht auf der anderen Seite um
friedenschaffende Maßnahmen mit AMIS und einer
eventuell verbreiterten Mission von UN und AMIS in
Darfur.
Nach 20 Jahren Bürgerkrieg im Südsudan gab es vor
zwei Jahren einen Friedensschluss. UNMIS ist die
Voraussetzung für den Wiederaufbau und die Stabilisierung
des Friedens im Südsudan. Es wurde eine
Übergangsregierung gebildet. Diese Übergangsregierung hat sich
eine Verfassung gegeben. Viele von uns kennen diese
Verfassung. Sie ist vorbildlich für die Entwicklung in
diesem Teil des Sudans. Das war die
Grundvoraussetzung, um eine neue Infrastruktur mit der
Weltgemeinschaft zu schaffen: Verwaltungsaufbau, Wasser, Straße,
Energie, Agrarstruktur, Bildung und Gesundheit.
Das war die Voraussetzung dafür, dass die Menschen
aus den Flüchtlingslagern, zum Beispiel in Kenia, zu-
Hartwig Fischer (Göttingen)rückkommen konnten. In ein Flüchtlingslager in Kenia
sind vor 22 Jahren innerhalb weniger Wochen 40 000
Menschen geflohen. Innerhalb von 20 Jahren, in denen diese
Menschen nicht zurückkehren konnten, ist die Zahl der
Flüchtlinge in diesem Lager allein durch Geburten von
40 000 auf 120 000 gewachsen. Das heißt, es gibt eine
ganze Generation, die in einem Flüchtlingslager
aufgewachsen ist, die jetzt im Südsudan in Sicherheit leben
will.
Mit UNMIS und 38 Beobachtern der Bundeswehr
kann ein entscheidender Beitrag geleistet werden. Fünf
Soldaten sind in Stabsverwendungen – wir haben uns
im Ausschuss am Mittwoch darüber informieren lassen –,
33 Soldaten sind in den Sektoren eingesetzt. Ich
beschreibe die Aufgaben von einigen der fünf Soldaten:
Der Chief of Staff ist mit für die Überwachung des
Friedensvertrages zuständig. Er koordiniert unter anderem
den Einsatz der UNMIS-Militärbeobachter. Der Chief J 2,
der in Khartoum im Hauptquartier sitzt, gibt die
Sicherheitslage für die Gesamtmission entsprechend den
eingehenden Einzelberichten weiter. Der Chief J 7 koordiniert
die Einsatzausbildung des Personals vor Ort. Er bildet
die neu eingetroffenen internationalen Militärbeobachter
anlassbezogen aus und nimmt gleichzeitig die
Weiterbildung des Personals im Einsatz vor. Der sogenannte
Senior Staff Officer Monitoring and Verification ist im
Bereich der weiteren Auswertung von Berichten und
Meldungen der Militärbeobachter eingesetzt.
In Richtung der Linken, die immer den Eindruck
vermitteln wollen, wir seien dort mit Waffen unterwegs,
sage ich ausdrücklich: Alle 38 Militärbeobachter sind
unbewaffnet. Sie unterstützen die Gesamtmission mit
rund 9 500 UNMIS-Soldaten.
All dies ist die Grundlage für die Wahlen, die im
Jahr 2009 im Sudan stattfinden sollen. Es ist auch die
Grundlage für das Referendum, das 2011 stattfinden
soll. Es ist die Grundlage für eine dauerhafte Befriedung
des Südsudans. Deshalb wird unsere Fraktion dem
Antrag der Bundesregierung auf Verlängerung von UNMIS
zustimmen.
Hier mache ich den Schnitt zu AMIS und Darfur. Ich
bin ausgesprochen dankbar dafür, dass wir uns trotz
schwieriger Verhandlungen auf einen interfraktionellen
Antrag einigen konnten. An zwei, drei Punkten – ich
sage gleich etwas dazu – hätte ich mir eine Verschärfung
des Antrages vorstellen können.
(Zuruf des Abg.Jürgen Trittin [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
– Herr Trittin, ich sage gleich etwas dazu.
Vier Jahre Krieg, Rebellen gegen Rebellen, vier Jahre
Krieg, Rebellen gegen Regierung, vier Jahre Krieg,
Regierung mit Rebellen. Die Lage ist also vollkommen
unüberschaubar. Gleichzeitig gibt es Waffenlieferungen
von der Regierung an die Rebellen. Das heißt, hier
führen nicht nur Rebellen innerhalb des Volkes einen Krieg,
sondern auch die Regierung einen Krieg gegen das
eigene Volk. In der Bilanz bedeutet das: rund 3 Millionen
Flüchtlinge und Binnenvertriebene, 250 000 bis 300 000 Tote,
täglich Flucht, Hunger, Durst, Misshandlung,
Vergewaltigung und Mord. 400 000 Menschen – ich habe das
schon in der letzten Debatte gesagt – sind in Kutum seit
Monaten unversorgt. Natürlich sind wir alle froh, dass
die Regierung Baschir jetzt einer ersten UN-Mission
zugestimmt hat. Ich zweifle aber immer noch sehr an den
Zusagen von Baschir. In den vergangenen Jahren haben
wir immer wieder erlebt, dass Zusagen im letzten
Moment zulasten der Bevölkerung von Darfur
zurückgezogen wurden.
Die UN-Berichte und die UN-Resolutionen sind eine
Chronik des Leidens in Dafur. Die Mission, die jetzt
fortgesetzt und verstärkt werden soll, ist dringend
notwendig. Die 3 000 Soldaten, die im Rahmen einer
sogenannten Hybridmission von Afrikanischer Union und
UN vorgesehen sind, reichen nicht annähernd aus, sind
aber ein erster Schritt. Sie wissen, dass Kofi Annan
bereits im vergangenen Herbst 22 000 Mann gefordert hat.
Er hat gesagt, das sei die einzige Chance, dort einen
Friedensprozess einzuleiten.
Ich habe Herrn Staatsminister Erler letztens gesagt,
vielleicht kann das Auswärtige Amt zur Information eine
spezielle Internetseite aufbauen. Das ist nicht mehr
nötig: Schauen Sie einmal bei Google Earth nach! Die
haben etwas gemacht, worauf man stolz sein kann: Zeitnah
werden jede Woche Satellitenbilder von jedem
größeren Flüchtlingscamp eingestellt, sodass man genau
vergleichen kann, wie sich die Situation der Menschen dort
entwickelt. Dies bedeutet zusätzlichen öffentlichen
Druck. Ich sage auch vor dem Hintergrund von
Einsätzen der Bundeswehr im Ausland: So etwas ermöglicht
auch mehr Information für unsere Bevölkerung, die
solchen Einsätzen oft sehr skeptisch gegenübersteht und
uns Politikerinnen und Politiker fragt, ob der Einsatz
denn notwendig ist.
Zu den schärferen Formulierungen im
interfraktionellen Antrag sage ich für meine Fraktion ganz offen:
Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass in der
Flugverbotsfrage nicht nur ein Prüfauftrag erteilt wird.
(Gert Weisskirchen [Wiesloch] [SPD]:
Sondern?)
Ich persönlich und die große Mehrheit meiner Fraktion
halten ein Flugverbot für absolut notwendig, gerade vor
dem Hintergrund dessen, was die Kollegin Schuster
angesprochen hat: dass weiß angestrichene Maschinen der
Regierung Bomben bringen, während die Menschen
unten meinen, sie bekämen Hilfsgüter. Es ist pervers, was
die dortige Regierung macht.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Ich danke allen, die an diesem interfraktionellen
Antrag mitgearbeitet haben. Ich bitte Sie, sich bei Google
Earth über diese Dinge zu informieren. Sie können dort
mehr erfahren als auf allen anderen Wegen. Ich hoffe im
Interesse der Menschen in Darfur, dass wir eine große
Hartwig Fischer (Göttingen)und breite Zustimmung zu dem interfraktionellen Antrag
bekommen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Ich erteile das Wort der Kollegin Monika Knoche,
Fraktion Die Linke.
(Beifall bei der LINKEN)
Monika Knoche (DIE LINKE):
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine Herren und
Damen! Die Linke hofft sehr, dass der Prozess der
Friedensbildung im Sudan vorankommt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Ihr könnt ja
zustimmen!)
UNMIS hat zweifelsfrei dazu beigetragen, das
Friedensabkommen im Südsudan zu sichern. Diese positive
Bilanz würdigen wir. Denn obgleich man sich für diese
Militärpräsenz auf Kapitel VI und VII der UN-Charta
bezieht, zeichnet sich diese Mission durch
Friedfertigkeit aus. Es wäre also töricht und, wie ich meine,
politisch fahrlässig, die deutsche Kriegsbeteiligung in
Jugoslawien oder die Tornadoeinsätze in Afghanistan nach
Kapitel VII in einem Atemzug mit der Mission im Sudan
zu nennen.
(Beifall bei der LINKEN)
Deutsche Kriegsbeteiligungen sind und bleiben für uns
unannehmbar.
(Beifall bei der LINKEN)
Im Sudan geht es aber um etwas anderes. Hier ist die
Frage zu beantworten, wie ein Umlenken von der
militärischen auf eine rein zivile Konfliktbearbeitung
erreicht werden kann. Wir Abgeordnete müssen genau
hinschauen, was das Land Sudan jetzt am dringlichsten
braucht. Ich denke, die Bevölkerung, die
Konfliktparteien müssen die Erfahrung machen, dass es sich lohnt,
Frieden zu schließen, in Frieden zu leben. Ihre
vordringlichsten Probleme sind nämlich das Landrecht, der
Zugang zu Wasser und zu Weideland und die
Wüstenbildung als Folge des Klimawandels. All das ist
beständiger Quell von Auseinandersetzungen. Wie die
Einnahmen aus dem Verkauf von Rohstoffen zwischen den
Volksgruppen aufgeteilt werden, beschwert ebenfalls
den Frieden und schürt Konflikte, auf die sich ethnische
und religiöse Konflikte aufsetzen.
„Frieden muss von innen wachsen“, sagt der
Evangelische Entwicklungsdienst, Frieden brauche
gesellschaftliche Beteiligung, gerade von jenen, die die
Zivilgesellschaft ausmachen. Das verweist meines Erachtens
darauf, dass das deutsche Engagement eine starke
Investition in den zivilen Friedensdienst sein muss.
(Beifall bei der LINKEN)
Zwei Millionen Menschen waren von den
grauenvollen Zuständen im Sudan betroffen. 250 000 neue Flücht-linge sind zu versorgen. Es ist hochkompliziert, die
Rebellen auf eine konsistente Position zu einen und die
Integration der ehemaligen Kämpfer zu bewerkstelligen.
Das sind schon für sich genommen immense
Anforderungen. Hinzu kommt der Mangel an Schulen und
Gesundheitsversorgung. Wer sich all das vor Augen führt,
stellt fest: Zur Lösung dieser Aufgaben bedarf es ganz
anderer Kräfte. UNDP, UNHCR und UNFEM, das sind
die richtigen Adressen. Da kann es Sie, meine sehr
geehrten Herren und Damen, die Sie heute ein weiteres
Mal die Bereitstellung von de facto 38 von 75
Militärbeobachtern beschließen, doch eigentlich nicht
zufriedenstellen, dass sich der Beitrag Deutschlands auf ein zu
eng gefasstes Verständnis von Peacekeeping reduziert.
Zu UNMIS ist auch zu sagen: Wir sollten nicht
vergessen, dass eine lang andauernde Militärpräsenz
erhebliche negative Auswirkungen hat. Strukturen der
Fremdbestimmung und Abhängigkeit greifen Platz. Es
entwickelt sich eine an das Militär angedockte
Ökonomie. Korruption und die Ausbreitung von Prostitution
sind sozusagen die Kollateralschäden eines militärischen
Friedenseinsatzes.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Waren Sie eigentlich schon einmal im
Südsudan?)
Wenn Sie gestern Abend der entwicklungspolitischen
Debatte gefolgt wären, hätten Sie bestätigt bekommen,
dass das die tatsächlichen Auswirkungen der Präsenz
jeglichen Militärs sind.
(Beifall bei der LINKEN)
Deshalb spreche ich mich gegen die Engführung aus,
UNMIS als Blauhelmeinsatz zu bewerten. Für uns geht
es darum, dass gefestigte zivile Strukturen entstehen.
Wir wollen dafür sorgen, dass die Bevölkerung über die
Wahlen im Jahre 2009 hinaus bis zum Referendum im
Jahre 2011 die gelebte Erfahrung macht, dass die
internationale Gemeinschaft all ihr Können darauf richtet, die
Ursachen der Konflikte zu bearbeiten. Hier muss
selbstverständlich auch China einbezogen werden; denn dieses
Land investiert angesichts der aufgeteilten Ölmärkte der
Welt in hochriskante Staaten. Die Frage des
Ressourcenzugangs ist auch eine Friedensfrage. Das müssen wir
immer im Blick behalten.
(Beifall bei der LINKEN)
Das Land Sudan braucht zivile Infrastrukturarbeit,
Mediation und eine gerechte Verteilung der
Erdöleinnahmen.
Die Linke sagt: Es ist richtig, internationale
Polizeikräfte einzusetzen. Demobilisierung und der Schutz
ziviler Akteurinnen sind notwendig. Das kann Polizei
leisten. Aber bei 100 Millionen Euro für 10 000 Soldaten,
750 Militärbeobachter und 700 Polizisten haben wir
schon den Eindruck, dass es sich um ein Missverhältnis
handelt.
Ich gebe gerne zu: Die 38 deutschen Soldaten, die im
Rahmen von UNMIS eingesetzt werden, schaden einem
zivilen Auftrag nicht. Aber es stellen sich die Fragen:
Was nützt mehr? Was ist effektiver? Was ist nachhalti-
Monika Knocheger? Was ist besser? Welche Instrumente sind am
wirkungsvollsten, um Stabilität und Friedensgewinn zu
erzielen? Hier kommt die Linke zu einem anderen
Ergebnis als Sie. Denn die Annahme, dass Militär alles
Zivile auch leisten könne oder sogar zivile Schritte
ersetzen könne, ist falsch.
(Beifall bei der LINKEN)
Nicht militärisch, auch nicht militärisch-zivil,
sondern zivil muss die Hilfe sein. Insofern sticht das
Argument nicht, ohne Militärpräsenz hätte es keinen
Friedensprozess gegeben. Niemand spricht sich generell
gegen Blauhelmeinsätze aus. Aber wir müssen darüber
diskutieren, worin der spezifisch deutsche
Friedensbeitrag besteht.
Nicht zuletzt möchte ich noch darauf hinweisen:
Vielleicht hat sich die ehemalige rot-grüne Regierung
erhofft, durch die Beteiligung an UNMIS bessere Chancen
auf einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu haben.
Diese Höhenflüge sind vorbei. Heute müssen wir uns
genau ansehen, welches Engagement Deutschland im
Sudan leistet. Wir Linken sind nicht der Meinung, dass die
Fortsetzung der Beteiligung Deutschlands an UNMIS
für den Frieden und für das innere Wachsen des Friedens
wirklich dienlich ist. Wir plädieren für einen
ausgeprägten zivilen und humanitären Beitrag und stimmen dem
Antrag der Regierung nicht zu.
(Beifall bei der LINKEN – Hartwig Fischer
[Göttingen] [CDU/CSU]: Das haben wir auch
nicht erwartet!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Kerstin Müller ist die nächste Rednerin für die
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen.
Kerstin Müller (Köln) (BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als
im Januar 2005 das Nord-Süd-Friedensabkommen im
Sudan abgeschlossen wurde, hatten wir alle große
Hoffnungen – das ist hier schon zum Ausdruck gebracht
worden –, dass es nach mehr als 20 Jahren Bürgerkrieg zu
einer friedlichen Entwicklung im Süden kommen und
dieser Prozess sogar positiv auf die anderen Konflikte
im Sudan ausstrahlen würde.
In dem jüngsten Bericht des UN-Generalsekretärs an
den Sicherheitsrat wird leider die umgekehrte
Entwicklung aufgezeigt. Der Nord-Süd-Friedensprozess ist in
einer absolut kritischen Phase. Fachleute sehen sogar die
Gefahr, dass er völlig entgleisen könnte. Der
Friedensprozess im Osten des Sudans stagniert, und die Gewalt
im Westen des Landes, in Darfur, eskaliert. Im Süden ist
die Sicherheitslage angespannt. Zuletzt gab es in
Malakal sogar wieder Kämpfe; ich glaube, Sie haben es
erwähnt, Herr Kollege Fischer. Es gibt Probleme bei der
Grenzziehung in strittigen Provinzen, bei der Bildung
integrierter Armeeeinheiten, bei der Demobilisierung der
Milizen und vor allem – das ist natürlich sehr schlecht –
auch bei der Vorbereitung der für 2009 geplanten
gesamtsudanesischen Wahlen.Meine Damen und Herren, auch liebe Kolleginnen
und Kollegen von der Linken, der PDS, vor diesem
Hintergrund zu sagen, die unbewaffneten Beobachter, die
sich in dieser Mission befinden, würden „nicht schaden“,
empfinde ich erstens als eine unglaubliche Missachtung
der sehr wichtigen Arbeit, die sie dort leisten,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
und zweitens als eine insgesamt wirklich unglaubliche
Ignoranz gegenüber den für diesen Friedensprozess
erforderlichen Notwendigkeiten. UNMIS ist auch in
Zukunft für den Friedensprozess nötig.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU und der FDP)
Es geht um unbewaffnete Militärbeobachter. Das
müsste Ihnen ja eigentlich entgegenkommen. Das ist
auch kein symbolischer Beitrag; vielmehr ist unsere
Unterstützung für UNMIS der größte Beitrag aller
Europäer. Die Militärbeobachter leisten bei der
Vertrauensbildung zwischen den Bürgerkriegsarmeen Wichtiges und
sorgen für die Einhaltung der Truppenrückzüge.
Ich will das hier einmal sagen: Nach meinen
Informationen leisten unsere Soldaten dort einen sehr
schwierigen, risikoreichen und strapaziösen Dienst. Sie sind bei
dieser Aufgabe, als Unbewaffnete dort zu vermitteln, auf
sich allein gestellt. Ich denke, ich spreche auch in Ihrem
Namen, wenn ich diesen Soldaten hier unseren Dank
ausspreche.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der CDU/CSU, der SPD und der FDP)
Wir werden der Verlängerung dieses Mandats daher
natürlich zustimmen.
Zu Darfur. Die Gewalt in Darfur hat inzwischen
negative Rückwirkungen auf den Nord-Süd-
Friedensprozess und ist fast zur Hauptgefahr geworden, weil es
immer noch nicht gelungen ist, das Morden in Darfur zu
stoppen. Seit Abschluss des Nord-Süd-Friedensvertrages
hat sich die Lage sogar noch verschlechtert.
Ich bin sehr froh, dass es uns gelungen ist, vor dem
Hintergrund dieser Situation hier einen interfraktionellen
Antrag zustande zu bringen. Das ist vielleicht nur ein
kleiner Beitrag, aber ich hoffe, dass das ein starkes
Signal an die sudanesische Regierung in Khartoum ist,
nämlich dass wir ein Ende der Gewalt fordern und dass
wir fordern, dass endlich eine robuste UNO-Truppe ins
Land gebracht wird, die die Menschen dort schützt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)
Der interfraktionelle Antrag ist natürlich auch eine
Aufforderung an die Bundesregierung und eine
Ermutigung: Setzen Sie sich mit den darin genannten Mitteln
für ein Ende der Gewalt in Darfur ein! Sorgen Sie dafür,
dass die sudanesische Regierung einen hohen Preis
zahlt, wenn sie ihr Katz-und-Maus-Spiel mit der
internationalen Gemeinschaft fortsetzt und die Umsetzung der(B)
Kerstin Müller (Köln)20 000-köpfigen gemeinsamen Friedensmission der
Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union weiter
verhindert!
Natürlich hätten auch wir uns an der einen oder
anderen Stelle etwas schärfere Formulierungen gewünscht.
Ich will nur noch einmal zu bedenken geben – ich
glaube, das ist uns allen klar –, was die Zusagen des
Sudans in der Vergangenheit wert waren.
Ich hoffe, die Zusage der zweiten Phase bei AMIS
– 3 000 Soldaten und sechs Kampfhubschrauber – wird
umgesetzt. Das ist zweifelsfrei ein wichtiger Schritt. Wir
wissen – das muss uns allen klar sein –: Zusagen des
Sudans waren in der Vergangenheit leider auf die Dauer
nicht viel wert. Deshalb können wir uns nicht erleichtert
zurücklehnen. Der internationale Druck muss
aufrechterhalten werden. Weiterhin muss uns klar sein, dass der
Sudan der dritten und entscheidenden
Aufstockungsphase für AMIS mit 10 000 zusätzlichen Soldaten nicht
zugestimmt hat. Ebenso wenig hat er einer UNO-
Kommandostruktur oder der Beteiligung nicht afrikanischer
Soldaten zugestimmt. Auch das wird nur geschehen,
wenn der internationale Druck aufrechterhalten wird.
Diese Instrumentarien sind im Antrag benannt. Wenn der
Sudan seine Zusagen nicht einhält, dann müssen klare
Fristen gesetzt und gezielte Sanktionen gegen die
Verantwortlichen des Regimes verhängt werden, damit
endlich Soldaten ins Land kommen und die Menschen vor
der Gewalt geschützt werden können, zumindest
diejenigen, die in den Flüchtlingslagern sind.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
CDU/CSU)
Wir hätten uns gewünscht, dass diese Sanktionen
nicht nur für die zweite Aufstockungsphase, sondern
auch für die Gesamtmission gelten. Wir sind uns hier
aber einig, dass wir letztlich die Gesamtmission
brauchen. Wir dürfen der sudanesischen Regierung kein
Schlupfloch für ihr zukünftiges Katz-und-Maus-Spiel
lassen.
Auch ich möchte noch einmal dieses schamlose
Beispiel nennen. Auf der einen Seite wird gerade verhandelt,
und es gibt eine Zusage. Auf der anderen Seite ist man
dort so dreist, Flugzeuge, die Waffen nach Darfur
transportieren, umzulackieren, mit dem UN-Logo zu versehen
und als UNO-Flugzeuge zu tarnen. So viel Dreistigkeit
angesichts des Bemühens der internationalen
Gemeinschaft, entsprechende Vereinbarungen zu treffen, ist
wirklich nicht zu überbieten. Ich teile die Auffassung des
Kollegen Fischer: Dem Bestreben, über Darfur eine
Flugverbotszone zu verhängen, wurde mit diesem
völkerrechtswidrigen Verhalten ein zusätzlicher Grund
gegeben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und der FDP)
Auch uns ist natürlich klar: UNO-Truppen sind das
eine. Es braucht natürlich einen Friedensvertrag. Nur
Friedensgespräche werden zu einem dauerhaften Frieden
führen. Wir brauchen aber beides gleichzeitig: neue Frie-densverhandlungen mit allen Konfliktparteien, die die
Europäische Union unterstützen kann, was sie mit dem
Sonderbeauftragten tut, und eine entsprechend Truppe,
die die Menschen schützt. Ich bin sehr froh darüber, dass
wir heute mit dem interfraktionellen Antrag ein klares
Signal nach Khartoum setzen und dass wir uns in einer
wichtigen Menschenrechtsfrage einig sind und
gemeinsam handeln. Ich hoffe, dass dieses Signal in Khartoum
vielleicht doch noch gehört wird.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Für die Bundesregierung erhält nun der Staatsminister
Gernot Erler das Wort.
Gernot Erler, Staatsminister im Auswärtigen Amt:
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Die
Bundesregierung hat am 28. März beschlossen, das
UNMIS-Mandat bis zum 15. November dieses Jahres
zu verlängern, um die Umsetzung des Nord-Süd-
Friedensabkommens im Sudan weiter unterstützen zu
können. Das Mandat bleibt unverändert. Wir erwarten den
Sicherheitsratsbeschluss für eine Verlängerung um sechs
Monate bis zum nächsten Montag. Unser Antrag sieht
dieses Mal eine Dauer von sieben Monaten vor, damit
wir bei der zu erwartenden nächsten Verlängerung durch
die Vereinten Nationen nach der UNO-Entscheidung im
Deutschen Bundestag unseren konstitutiven Beschluss
treffen können. Die Obergrenze liegt weiter bei 75
einzusetzenden Kräften. Im Augenblick – das ist erwähnt
worden – sind es 38 Soldaten und fünf Polizisten, die
dort ihren Dienst tun. Die Aufgabe lautet Beobachtung
und Kontrolle, um die weitere Umsetzung dieses
wichtigen Friedensabkommens sicherzustellen.
Was ist der bisherige Stand des CPA? Es gibt
Fortschritte beim Rückzug der Konfliktparteien. Das hat
UNMIS ermöglicht, sich aus dem Osten der Region
– aus Kassala – zurückzuziehen. Es vollzieht sich ein
Prozess der Rückkehr der Flüchtlinge; aber er ist noch
zögerlich. Es gibt einen wichtigen Fortschritt bei der
Beendigung des Terrors, der von der LRA, der Lord’s
Resistance Army, also von ugandischen Rebellen, ausgeht.
Es hat gerade gestern wieder Gespräche gegeben; die
Südregierung vermittelt erfolgreich.
Aber nach wie vor ist die internationale
Unterstützung zur Umsetzung des Friedensabkommens
notwendig. Es ist noch nicht gelungen – wir streben das an –,
integrierte Verbände aus den früheren kämpfenden
Gruppen zu bilden. Es gibt immer wieder – Kerstin
Müller hat gerade wieder darauf hingewiesen –
aufflammende Kämpfe, zum Beispiel im November letzten
Jahres in Malakal.
Natürlich steht dies in einem Gesamtkontext zu der
Situation im Sudan. Ich kann nur sagen: Die Situation ist
nach wie vor beunruhigend, ja in Darfur sogar
bestürzend.
Staatsminister Gernot Erler(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Die nüchternen Zahlen lassen das Ausmaß des Elends
allenfalls ahnen. Sie lauten: bis zu 300 000 Tote, mehr als
2 Millionen Flüchtlinge, allein im letzten Jahr 250 000
zusätzliche Flüchtlinge. 4 Millionen Menschen sind von
Hilfe von außen abhängig. 1 Million Menschen werden
von der Hilfe von außen gar nicht mehr erreicht. Jede
Woche gibt es Angriffe auf und Beraubungen von
Helfern. Die Übergriffe der Aktivitäten auf den Tschad und
die Zentralafrikanische Republik haben längst zu einer
Regionalisierung der Instabilität geführt. Bisher ist es
leider nicht gelungen, auch hier eine UN-Mission
wirksam einzusetzen.
Es ist zu begrüßen, dass nach langem Ringen mit der
sudanesischen Regierung nun eine Zustimmung zur
zweiten Phase, zur Erweiterung der AMIS-Mission, also der
Mission der Afrikanischen Union, stattfinden kann. Aber
es wird noch schwierig sein, die 3 000 Soldaten, die
AMIS verstärken sollen, zu rekrutieren und die
entsprechende Logistik und Finanzierung sicherzustellen. Vor
dem Spätsommer wird das nicht der Fall sein. Deswegen
gibt es keine andere Alternative, als die AMIS-Mission
– sie reicht leider nicht aus, um die Bevölkerung wirklich
zu schützen – fortzuführen. Es gehört zu den Erfolgen der
deutschen EU-Ratspräsidentschaft, dass wir es – auch
durch das gute Beispiel Deutschlands, das 20 bis
25 Millionen Euro zur Verfügung stellen wird – geschafft
haben, die Finanzierung sicherzustellen.
Parallel dazu finden intensive Bemühungen statt, die
Rebellengruppen untereinander in einen
Verständigungsprozess zu führen und sie möglichst dazu zu bringen,
dass sie das DPA, also das Darfur Peace Agreement,
akzeptieren und sich damit gemeinsam auf eine
Friedenskonzeption verständigen.
Insgesamt haben wir hier eine komplexe Aufgabe vor
uns. Sie umfasst mindestens sechs Felder bzw.
Herausforderungen:
Einmal geht es darum, weiter Gespräche mit der
sudanesischen Regierung zu führen, damit sie der dritten
Phase der hybriden, gemeinsamen Mission aus
afrikanischen und UN-Kräften mit über 20 000 Soldaten
zustimmt.
Zweitens ist nach wie vor Druck auszuüben. Das
passiert in den Reihen der Vereinten Nationen mit der
Debatte über Sanktionen. Ich darf Ihnen, Frau Schuster,
Frau Müller und Herrn Fischer, deutlich sagen: Natürlich
ist das ein unglaublicher Missbrauch der
hochangesehenen UN-Symbole. Das kann so nicht bleiben.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Aber wir haben zu respektieren, dass sich die Vereinten
Nationen entschlossen haben, das erst einmal genau zu
untersuchen.
(Gabriele Groneberg [SPD]: Eben!)
Dann wird es eine angemessene Reaktion geben, an der
natürlich auch wir uns beteiligen werden. Drittens liegt die Arbeit mit den Rebellen vor uns, um
sie gemeinsam auf ein Friedenskonzept zu verpflichten.
Es gibt viertens die Aufgabe, AMIS weiter zu befähigen,
und fünftens die Aufgabe, das UN-Paket auch
tatsächlich einsatzfähig zu machen. Man darf nicht
unterschätzen, was das bedeutet. Das sechste Arbeitsfeld umfasst
die Fortsetzung der humanitären Hilfe zum konkreten
Schutz der in Not befindlichen, wehrlosen Bevölkerung.
Ich finde, diese Debatte sollte auch Anlass sein,
unseren hohen Respekt vor und unseren Dank für den Mut
der zivilen Helfer, die in dieses Land gehen, zum
Ausdruck zu bringen.
(Beifall im ganzen Hause)
All das ist komplex und langwierig, und der Erfolg ist
keineswegs sicher. Aber gerade deswegen brauchen wir
UNMIS weiter. Deshalb bittet die Bundesregierung Sie,
der Verlängerung dieses Mandates zuzustimmen. Denn
alle diese Aufgaben lassen sich nur dann lösen, wenn es
wenigstens beim Nord-Süd-Konflikt gelingt, den
Friedensweg weiterzugehen. Dazu ist die internationale
Hilfe mit UNMIS weiterhin notwendig. Wir bitten Sie
um Ihre Zustimmung.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nächste Rednerin ist die Kollegin Elke Hoff für die
FDP-Fraktion.
(Beifall bei der FDP)
Elke Hoff (FDP):
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen!
Liebe Kollegen! Frau Knoche, eigentlich wollte ich
nicht näher auf das eingehen, was Sie in Ihrer Rede
vorgetragen haben. Ich möchte Ihnen an dieser Stelle nur
einen guten Rat geben, nämlich dem Beispiel Ihres
Fraktionskollegen Paul Schäfer zu folgen und selber in den
Sudan zu fahren.
(Hartwig Fischer [Göttingen] [CDU/CSU]:
Richtig!)
Dann sollten Sie noch einmal Ihre Rede lesen und sie
dahin befördern, wo sie hingehört.
(Beifall bei der FDP und der SPD sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich bin sehr dankbar, dass heute fast alle Fraktionen
unseren Bundeswehrsoldaten einen herzlichen Dank
für die Leistung aussprechen, die sie vor Ort in einer
unbewaffneten Militärmission erbringen. Ich bin auch sehr
froh, dass diese Leistung zur Kenntnis genommen wird.
Leider lag in der Vergangenheit die nötige
Wertschätzung an der einen oder anderen Stelle – sei es in Form
von finanzieller Unterstützung, sei es bei der
Postversorgung oder Ähnlichem – im Argen. Insofern kann es
heute einen Schub bewirken, dass wir mit großem
Interesse verfolgen, was unsere Soldaten vor Ort leisten.
Elke HoffIch selber würde mich auch freuen, wenn wir viel
mehr Informationen und Berichte – auch schriftlich –
über die Erfahrungen der Soldatinnen und Soldaten vor
Ort bekommen können. Denn auch nach Auffassung der
FDP-Bundestagsfraktion handelt es sich bei diesem
Mandat um einen sinnvollen und wichtigen Beitrag zur
Implementierung des Friedensvertrages von Nairobi.
Wie fragil die Stabilität im Südsudan ist, konnte man
bei den bewaffneten Auseinandersetzungen in Malakal
im November letzten Jahres beobachten. Leider kommt
die Umsetzung des Friedensvertrages viel langsamer
voran als notwendig. Weder die Rückverlegung der
Truppen noch die konsequente Entwaffnung der
ehemaligen Konfliktparteien ist bisher erreicht worden, obwohl
diese Punkte essenzielle Bestandteile des Vertrages sind.
Den zu entwaffnenden Gefolgsleuten der ehemaligen
Konfliktparteien muss aber auch gleichzeitig eine
Perspektive aufgezeigt werden, wie sie in Zukunft für ihren
eigenen Lebensunterhalt sorgen können. Dabei ist die
verantwortliche Institution DDR heillos überfordert.
Insofern wäre ich froh, wenn wir auch diesen Prozess
seitens der internationalen Staatengemeinschaft viel stärker
unterstützen würden.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Dazu muss neben den zivilen Perspektiven auch die
Einbindung in die aufzustellenden integrierten
Verbände zählen. Diese sollten aus den ehemaligen
Soldaten der sich bekämpfenden Konfliktparteien gebildet
werden. Auch dieses Vorhaben kommt seit Monaten
nicht voran. Diese integrierten Verbände müssen aber in
Zukunft das Rückgrat einer sich selbst tragenden
Stabilität im Sudan werden. Hier muss UNMIS deutlich
größere Anstrengungen unternehmen.
Außerdem müssen die Grundlagen für das im Jahr
2011 anstehende Referendum über Teilung oder Einheit
des Sudans geschaffen werden. Diese werden nach
unserer Auffassung nur auf der Grundlage einer belastbaren
Volkszählung Akzeptanz finden. Ohne diese droht das
Aufbrechen neuer Rivalitäten.
Im Hinblick auf diese politischen Herausforderungen
steht die Bundesregierung in der Pflicht, innerhalb der
Vereinten Nationen, aber auch im Rahmen der EU-
Ratspräsidentschaft und des G-8-Vorsitzes diese dringend
notwendigen Prozesse zu beschleunigen. Deutschland
muss im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft darauf
hinwirken, dass die Rolle der Afrikanischen Union in
der Krisenprävention, Konfliktbeilegung und
Friedenskonsolidierung gestärkt wird. Wir müssen eine
angemessene Gesprächsgrundlage auch mit der sudanesischen
Regierung finden, damit wir unter Beweis stellen
können, dass uns die Entwicklung im Sudan am Herzen
liegt.
(Beifall bei der FDP sowie der Abg. Brunhilde
Irber [SPD])
Die nächsten Jahre werden von erheblicher
Bedeutung dafür sein, ob es gelingen wird, in Zentralafrikaeine Stabilisierung herbeizuführen. Meine lieben
Kolleginnen und Kollegen, ich kann Sie nur ermuntern, sich
vor Ort selber ein Bild von der Situation zu machen.
Vieles, was uns hier als sehr einfach erscheint, ist nämlich
vor Ort unglaublich schwierig und langwierig. Ich
denke, hier können wir als Parlamentarier persönlich
eine wichtige Unterstützung leisten.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, der SPD und des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Das Wort hat nun der Kollege Hans Raidel, CDU/
CSU-Fraktion.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Hans Raidel (CDU/CSU):
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Wer den Menschen im Sudan, in Darfur,
wirklich helfen will, muss dem Antrag der Bundesregierung
heute zustimmen. Der deutsche Beitrag war bisher
notwendig. Er ist auch in der Zukunft weiterhin wichtig und
hilfreich. Auch ich danke der Bundeswehr sehr herzlich.
Ich freue mich als Verteidigungspolitiker, dass dieser
Einsatz hier so gelobt wird. Wenn Sie das bei den
Haushaltsberatungen 2008 mit dem notwendigen Geld
unterfüttern, hat die Sache Hand und Fuß. Ich bin gespannt.
Wir unterstützen die Bundesregierung in ihrem
Bemühen, den Friedensprozess voranzutreiben,
fraktionsübergreifend mit einem entsprechenden Antrag. Die
Linken schließen sich weiter aus und erweisen sich damit
wieder einmal als Maulhelden; ich will das einmal so
sagen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Wer den Antrag ablehnt, untergräbt die
Friedensbemühungen im Allgemeinen und damit auch die Autorität
der UNO, der AU, der EU und vielleicht auch der G 8.
Er schränkt vor allem deren Handlungsfähigkeit ein. Wir
wären durch eine Ablehnung in keiner besonders guten
Position, da man die Hilfswilligkeit Deutschlands
kritisch betrachten und unter Umständen infrage stellen
würde. Weil wir derzeit den Vorsitz des EU-Rates und
auch der G 8 haben, beobachtet man genau, wie wir uns
in diesen Fragen verhalten.
Hier wurden positive Signale gesetzt. Ich will das gar
nicht kleinreden. Aber die internationalen Beobachter,
die internationale Presse sehen das etwas kritischer. Wer
den Antrag heute ablehnt, muss wissen, dass dem
Genozid in Darfur dadurch weiter Vorschub geleistet wird.
Wer wegschaut, wenn Kinder, Frauen und Männer
weiter wahllos getötet werden und Vergewaltigungen an der
Tagesordnung sind, erweist der Sache keinen guten
Dienst. Dörfer werden nach wie vor dem Erdboden
gleichgemacht, Viehherden werden gestohlen oder
getötet, Ernten werden vernichtet und ganze
Bevölkerungsgruppen werden vertrieben. Das ist die Realität.
Hans RaidelWer ablehnt, muss wissen, dass der Konflikt sich auch
auf die Nachbarregionen, zum Beispiel den Tschad,
auszuweiten beginnt und dass damit eine Destabilisierung
der ganzen Region stattfindet. Dieser Brandherd droht
sich möglicherweise in ganz Afrika auszubreiten. Auch
das muss man zur Kenntnis nehmen.
Um was geht es eigentlich? Neben religiösen und
ethnischen Fragen geht es – wie immer – um viel Geld, da
Öl, Kupfer, Uran und andere Bodenschätze reichlich
vorhanden sind. Es geht dabei natürlich auch um einen
gerechten Finanzausgleich zwischen Nord und Süd. Wir
wissen, dass es sich nicht um einen reinen Rebellenkrieg
handelt, sondern dass die Regierung an vielen
Gräueltaten selbst beteiligt ist und dafür verantwortlich
gemacht werden muss.
Wir wissen auch, dass diese Regierung alle
Friedensbemühungen mehr hintertreibt, als dass sie sie fördert,
und dass nach wie vor eine mangelnde
Kooperationsbereitschaft besteht. Im Prinzip sabotiert sie alle
Friedenspläne und hält sich nicht an bereits geschlossene
Abmachungen. Selbst wenn in Bereichen Fortschritte erzielt
worden sind, ist das Friedensabkommen weiter wackelig
und in vielen Punkten in seiner Wirksamkeit fraglich.
Die Überwachung des Friedensabkommens
gestaltet sich also sehr schwierig. Das gilt auch für die
Auflösung und Rückführung der Truppen. Unsere
Bundeswehr leistet im ihr zugedachten Rahmen nach wie vor
einen wichtigen Beitrag bei Logistik und Beratung.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Wir wissen aber, dass ausländische Soldaten, zum
Beispiel in Darfur, die Lage nicht beherrschen und die
Sicherheit nicht garantieren können. Dafür ist Darfur viel
zu groß. Die Kongomission lässt grüßen. Der Frieden
muss also von innen kommen. Zunächst muss es für
Darfur eine politische Lösung geben.
(Beifall der Abg. Brunhilde Irber [SPD])
Erst dann kann Militär helfen und zur Stabilisierung
beitragen.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Natürlich sind wir dafür, dass politischer Druck
ausgeübt wird und dass es zu Sanktionen über die UNO, die
EU, die G 8, die USA und auch andere kommen sollte
und müsste. Aber Somalia lässt grüßen. Wir dürfen,
können und wollen uns ein zweites Somalia auf keinen Fall
leisten. Daraus müssen wir für unsere weiteren
diplomatischen und sonstigen Bemühungen lernen.
Lassen Sie mich auch China und Russland
ansprechen. Der Widerstand gegen verschärfte Maßnahmen
beispielsweise der UNO muss von diesen Ländern
eingestellt werden. Sie müssen ihre wirtschaftlichen
Interessen hintanstellen. Es darf nicht passieren, dass China
und Russland die Ausbeutung der Rohstoffe betreiben
und der Rest der Welt – insbesondere die UNO, die EU
und damit auch wir – für die humanitären Fragen von
der medizinischen Versorgung bis hin zur Welthunger-hilfe zuständig ist. Auch darüber muss man in diesem
Zusammenhang reden.
Unser gemeinsames Anliegen muss es sein, Hilfe zur
Selbsthilfe für den Sudan, insbesondere für Darfur, zu
organisieren, aber langfristig auch für ganz Afrika
anzubieten. Das heißt, die bisherigen Instrumentarien und
Hilfen sind zu überdenken, neu zu formulieren und
effizienter zu gestalten. Good Governance wäre ein gutes
Stichwort dafür.
Wir begrüßen deshalb ausdrücklich, dass die Frau
Bundeskanzlerin in Heiligendamm das Thema Darfur
und das Thema Sudan auf die Tagesordnung nehmen
wird und hier neue Perspektiven aufzeigen will, –
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Herr Kollege, Sie müssen bitte zum Schluss kommen.
Hans Raidel (CDU/CSU):
– dass eine neue Afrikapolitik insgesamt auf den Weg
gebracht werden soll, mit der vielleicht neue
Perspektiven für diesen Kontinent eröffnet werden können. Wir
unterstützen jede Initiative, die hier weiterhilft.
Wir bitten herzlich, dem Antrag der Bundesregierung
zuzustimmen. Die CDU/CSU stimmt diesem Antrag und
dem Entschließungsantrag selbstverständlich zu.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Ich erteile das Wort der Kollegin Gabriele Groneberg,
SPD-Fraktion.
(Beifall bei der SPD)
Gabriele Groneberg (SPD):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Sehr geehrte Damen und Herren! Wir haben viel Zeit
gehabt, um uns mit der Situation im Sudan, im Südsudan
und in Darfur zu beschäftigen. Dazu ist auch schon viel
gesagt worden. Natürlich ist auch deutlich gemacht
worden, dass die Diskussion für die Menschen draußen
deswegen so verwirrend ist, weil es um zwei vollkommen
unterschiedliche Regionen geht, nämlich Südsudan und
Darfur.
Darfur steht für Krieg, Mord, Gewalt, Not, Hunger
und für Menschen, die seit Jahren aus ihrer Region vor
allem in die Nachbarländer flüchten. Die Nachbarländer
haben – Herr Raidel hat es schon angesprochen – damit
ihre eigenen Probleme. Lange Zeit galt dies auch für den
Südsudan.
Als wir uns mit unserer Entscheidung vom April 2005
entschlossen haben, uns an der friedenssichernden
Mission UNMIS zu beteiligen, haben wir natürlich auch eine
Reihe von Aufgaben übernommen. Ich will deutlich
herausstellen, was wir im Bereich der Folgearbeiten –
darunter fallen der Wiederaufbau und existenzsichernde
Maßnahmen für die Bevölkerung – leisten.
Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns nicht
nur an den Einsätzen zur Absicherung des Friedensab-
Gabriele Gronebergkommens beteiligen. Für uns ist ebenfalls ganz wichtig,
die Bedingungen für die Menschen vor Ort zu
verbessern, damit eine friedliche Entwicklung möglich sein
kann.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Hartwig
Fischer [Göttingen] [CDU/CSU])
Ich muss ganz offen sagen: Es macht mich jedes Mal
geradezu fassungslos, wenn ich die Vertreter der
Fraktion Die Linke zu diesem Thema sprechen höre. Wie
kann man einen zivilen Friedensdienst fordern, wenn
noch nicht einmal die Sicherheit vor Ort für diejenigen,
die diese Hilfe leisten wollen, gewährleistet ist?
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP)
Es ist doch verantwortungslos, Menschen dort
hinzuschicken und zu sagen: „Dann macht mal!“, wenn die
notwendigen Bedingungen für die Arbeit vor Ort von
uns nicht gewährleistet werden. Ich finde das
unverantwortlich; es tut mir leid. Ich bin mir sicher, die anderen
Kollegen sehen das ebenso.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Humanitäre Hilfe und Nothilfe werden von uns und
den anderen internationalen Gebern seit Jahren geleistet,
und das wohlgemerkt nicht nur für den Südsudan,
sondern vor allen Dingen auch für die Region Darfur. Diese
Hilfe ist aber eben keine dauerhafte Aufbauhilfe; durch
sie wird zum Beispiel keine Infrastruktur geschaffen.
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Einen kleinen Augenblick, bitte, Frau Kollegin
Groneberg.
Ich darf die Kolleginnen und Kollegen, die sich in den
letzten Minuten entschlossen haben, das Finale dieser
Debatte vor der Abstimmung noch mitzuerleben, bitten,
ihre Plätze aufzusuchen und dem Rest dieser Debatte
konzentriert zu folgen, bis wir zu den Abstimmungen
kommen.
Vielleicht warten Sie noch einen Augenblick, bis wir
das realisiert haben. – Bitte sehr, Frau Kollegin
Groneberg.
Gabriele Groneberg (SPD):
Vielen Dank, Herr Präsident. – Ich setze meine
Ausführungen fort. Wir haben die jahrelang praktizierte
Entwicklungszusammenarbeit, die wir aufgrund des
Bürgerkriegs eingestellt hatten, im Jahr 2005 wieder
aufgenommen. Seitdem unterstützen wir mit 10 Millionen
Euro den Multi-Donor Trust Fund für den Südsudan.
Dieser Fonds, der von vielen Gebern gespeist wird, sorgt
für den Aufbau der dringend notwendigen Infrastruktur
in den Bereichen Agrar, Wasserversorgung, Bildung und
Gesundheit. Hiermit wird ein Leben und Arbeiten in
einer total zerstörten Region erst überhaupt wieder
möglich.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)Zwei deutsche Experten kümmern sich vor Ort explizit
um die Koordination der Maßnahmen der Geber im
Bereich Wasserversorgung.
Darüber hinaus kümmern wir uns auf Basis einer
bilateralen Vereinbarung ebenfalls mit deutschen Experten
vor Ort um den Aufbau eines Staatswesens. Dieses
Projekt unterstützen wir mit einer Summe von 3 Millionen
Euro. Natürlich ist es neben dem Aufbau der
lebensnotwendigen Infrastruktur ganz wichtig, der Regierung im
Südsudan dabei zu helfen, rechtsstaatliche
demokratische Strukturen und eine entsprechende Verwaltung
aufzubauen. Nur dadurch kann dafür gesorgt werden, dass
die Menschen auf Dauer unabhängig von ausländischer
Hilfe werden und sich selber helfen können. Bis dies
möglich ist, wollen wir natürlich unseren Beitrag leisten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Alle Kolleginnen und Kollegen, die bereits vor Ort
gewesen sind – man muss natürlich einmal vor Ort
gewesen sein, um beurteilen zu können, was da vor sich
geht –, sind davon überzeugt, dass der unbedingte Wille
der Menschen zum Aufbau vorhanden ist. Wir haben
Menschen erlebt, die mit aller Kraft daran arbeiten,
ihrem Land eine rechtsstaatliche und demokratische
Verfassung zu geben und ihrer Bevölkerung damit auch eine
Perspektive zum Leben, vor allen Dingen natürlich erst
einmal zum Überleben zu geben. Wir wollen unseren
Anteil dazu leisten. Ich sage das hier noch einmal ganz
deutlich.
Die positiven Entwicklungen machen Mut, Hilfe auch
in der Zukunft zu leisten. Das ist die positive und
mutmachende Seite. Die andere Seite, das Elend in Darfur,
vergessen wir darüber natürlich nicht. Ich bin froh, dass
wir uns auf einen gemeinsamen Antrag verständigen
konnten. Hierzu wurde ja schon sehr viel gesagt, ebenso
zum konkreten Handlungsbedarf. Damit wird deutlich,
was wir noch zu leisten haben.
Ich bin Herrn Erler dankbar, dass er insbesondere auf
einen Punkt eingegangen ist: Im Zusammenhang mit den
schlimmen Dingen, die da passieren, findet häufig eine
Legendenbildung statt. Sie haben die Geschichte mit den
vermutlich als UN-Flugzeuge getarnten
Waffentransporten erwähnt. Ich sage bewusst: vermutlich. Es gibt
nämlich Anzeichen dafür, dass es sich hierbei nicht um
Flugzeuge der Regierung des Nordens gehandelt hat,
sondern hier andere Umstände eine Rolle spielten. Ich
möchte das an dieser Stelle nicht erläutern, weil es
untersucht wird. Ich bin froh darüber, dass wir uns darum
kümmern. Man muss auch vorsichtig sein, wenn man
solche Legenden bildet, weil es nicht hilft, bei den
Menschen Verständnis dafür zu wecken, dass wir uns um
solche Sachen intensiv kümmern und auch mit einer
Regierung zusammenarbeiten müssen, um den Menschen dort
zu helfen.
Wir alle sind der festen Überzeugung, dass eine
positive Entwicklung im Süden nicht nur die Voraussetzung
für einen dauerhaften Frieden in der Region ist; sie ist
sicherlich ebenso ausschlaggebend für eine Lösung des
Gabriele GronebergDarfurkonflikts. Wir stimmen der Verlängerung der
Beteiligung an der Friedensmission natürlich zu.
Wir wollen das noch einmal verbinden mit einem von
Herzen kommenden Dank an alle dort tätigen
internationalen Soldaten und Helfer, aber natürlich ganz speziell
an diejenigen darunter, die aus Deutschland kommen
und sich unter wirklich schwierigen Bedingungen
bemühen, zu helfen.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
bei Abgeordneten der FDP und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Bevor ich der Kollegin Anke Eymer das Wort als
letzter Rednerin in dieser Debatte erteile, bitte ich vor allem
die Kollegen im hinteren Teil des Saales noch einmal
darum, Platz zu nehmen. Wir beginnen mit der
Abstimmung erst nach Schluss der Aussprache.
Bitte, Frau Eymer.
Anke Eymer (Lübeck) (CDU/CSU):
Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Am Beginn dieses Jahrhunderts
blicken wir in Afrika auf viele positive Aufbrüche. Es gibt
mehr Demokratie, mehr Sicherheit und vor allen Dingen
mehr wirtschaftliches Wachstum. Der Blick auf die
Krisen im Sudan zeigt allerdings auch einen der
bedrohlichsten Gegensätze zu diesen guten Aufbrüchen und zu
dem, was der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki als
afrikanische Renaissance bezeichnet hat. Der Sudan ist
der flächengrößte Staat des Kontinents, mehr als
siebenmal so groß wie Deutschland. Die Entwicklungen in
dieser Region haben natürlich Auswirkungen rundherum.
Die schlimmen Menschenrechtsverletzungen und
Verbrechen im Westen des Landes, in Darfur, die
Ausschreitungen im Osten des Sudans und der sogenannte
Nord-Süd-Konflikt zeigen, wie groß die Gefahr ist, dass
der Sudan zerreißen könnte. Millionen Menschen sind
auf der Flucht oder haben in kriegerischen
Auseinandersetzungen ihr Leben bereits verloren.
Von den Entwicklungen im Sudan sind die
Nachbarstaaten wie die Zentralafrikanische Republik oder der
Tschad längst betroffen. Auch hier ist mittlerweile die
Stabilität der staatlichen Strukturen gefährdet. Der
Druck durch große Flüchtlingszahlen oder durch
bewaffnete Übergriffe aus dem Gebiet des Sudans stellt ein
gefährliches Potenzial dar. Derart instabile Regionen,
zerfallende Staaten oder ethnisch bzw. religiös geschürte
Krisen dienen dem internationalen Terrorismus,
müssen frühzeitig erkannt und frühzeitig bekämpft werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Neben diesen sicherheitsstrategischen Überlegungen
ist es aber auch das Leid von Millionen von Flüchtlingen
und Gewaltopfern, das uns im humanitären Bereichfordert. Es muss Hilfsorganisationen ermöglicht werden
– das klang heute Morgen in dieser Debatte schon
mehrfach an –, ihre Arbeit geschützt zu tun. Wie schwierig
die Lage im Sudan ist, zeigt der Rückzug ganzer
Hilfsorganisationen, die wegen mangelnder Sicherheit ihre
Arbeit nicht fortsetzen können. Daher hat die
internationale Staatengemeinschaft mit der grundlegenden
Resolution des Sicherheitsrats 1590 vom März 2005 den
richtigen Weg beschritten.
Die weiteren Mandatsverlängerungen, die es seither
gegeben hat, zeigen nur die Konsequenz dieses
notwendigen Engagements. Mit der United Nations Mission in
Sudan, der UNMIS, leistet die internationale
Staatengemeinschaft einen wichtigen Beitrag dazu, das
Friedensabkommen von Nairobi erfolgreich umzusetzen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Ein über 20-jähriger Bürgerkrieg zwischen dem nach
Unabhängigkeit strebenden Südsudan und der
Zentralregierung kann so beendet werden.
Auch wenn die Umsetzung hinter dem Zeitplan
zurückbleibt, sind wesentliche Erfolge, insbesondere bei
der Rückverlegung der Truppen der Konfliktparteien,
erzielt worden. In weiten Teilen des Südsudan können die
Menschen wieder in relativer Sicherheit leben und
Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren. Wie fragil der
Status quo ist, haben die aufflackernden
Auseinandersetzungen im November vergangenen Jahres gezeigt. Die
Verlängerung von UNMIS ist daher eine notwendige
Konsequenz, um den Friedensprozess weiter zu
unterstützen und abzusichern.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD sowie der Abg. Kerstin Müller [Köln]
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Der Sicherheitsrat der Vereinten Nation wird das
UNMIS-Mandat daher in diesen Tagen ohne inhaltliche
Änderungen um weitere sieben Monate verlängern.
Weder die Rahmenbedingungen noch Inhaltliches haben
sich wesentlich geändert. Vor diesem Hintergrund sehe
ich zur Verlängerung der deutschen Beteiligung an dem
Einsatz der Vereinten Nationen keine vertretbare
Alternative.
Ein herzliches Dankeschön gilt noch einmal unseren
deutschen Soldaten. Sie leisten im Sudan einen
wichtigen Beitrag zum politischen und wirtschaftlichen
Wiederaufbau.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP
und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir wollen jetzt endlich abstimmen. Ich bitte noch
einmal um Ihre Zustimmung.
Danke schön.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten der FDP und des BÜND-
NISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Ich schließe die Aussprache.
Bevor wir zu den Abstimmungen kommen, möchte
ich dem Kollegen Walter Kolbow zu seinem heutigen
Geburtstag herzlich gratulieren.
(Beifall)
– Ich hoffe, dass die Breite der Zustimmung sich auch
im anschließenden Abstimmungsverhalten
niederschlägt. Jedenfalls würde das sicher einem seiner
Geburtstagswünsche entsprechen.
Wir kommen zur Beschlussempfehlung des
Auswärtigen Ausschusses auf Drucksache 16/5142 zum Antrag
der Bundesregierung „Fortsetzung der Beteiligung
deutscher Streitkräfte an der Friedensmission der Vereinten
Nationen im Sudan“. Der Ausschuss empfiehlt, diesen
Antrag auf Drucksache 16/4861 anzunehmen. Es ist
namentliche Abstimmung verlangt. Ich bitte die
Schriftführerinnen und Schriftführer, die vorgesehenen Plätze
einzunehmen. – Sind die Plätze an den Urnen besetzt? –
Das scheint überall der Fall zu sein. Dann eröffne ich die
Abstimmung.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, gibt es noch
jemanden, der hier ist und nicht abgestimmt hat? – Das scheint
nicht der Fall zu sein. Dann schließe ich die
Abstimmung und bitte die Schriftführerinnen und Schriftführer,
mit der Auszählung zu beginnen. Wir geben das
Ergebnis der Abstimmung später bekannt.
Ich komme nun zur Abstimmung über den
Entschließungsantrag der Fraktionen der CDU/CSU, der SPD, der
FDP und des Bündnisses 90/Die Grünen auf Drucksache
16/5144. Wer stimmt für diesen Entschließungsantrag? –
Es wäre schon schön, wenn sich der eine oder andere
unter den Anwesenden an dieser Abstimmung beteiligte.
Ich frage noch einmal, wer für den Entschließungsantrag
der Fraktionen der CDU/CSU, der SPD, der FDP und
des Bündnisses 90/Die Grünen stimmt. – Jetzt bekommt
die Sache allmählich Volumen. Wer möchte dagegen
stimmen? – Wer enthält sich der Stimme? – Das Erste
war die Mehrheit. Dann ist der Entschließungsantrag
angenommen.
Ich bitte diejenigen, die an der weiteren Debatte nicht
teilnehmen können oder wollen, den Plenarsaal zügig zu
verlassen und insbesondere dringende Staatsgespräche
im Foyer fortzusetzen. – Auch die Beratung des
nächsten Tagesordnungspunktes findet im Sitzen statt, mit
Ausnahme der aufgerufenen Redner.
Ich rufe die Tagesordnungspunkte 27 a, c und d sowie
den Zusatzpunkt 7 auf:
27 a) Erste Beratung des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zum Schutz
vor den Gefahren des Passivrauchens
– Drucksache 16/5049 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)
Ältestenrat
Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und
Geschäftsordnung
Innenausschuss Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Ausschuss für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung
Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit
c) Beratung des Antrags der Abgeordneten Birgitt
Bender, Bärbel Höhn, Ulrike Höfken, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN
Wirksamen Schutz vor Passivrauchen im
Arbeitsschutzgesetz verankern
– Drucksache 16/4761 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Arbeit und Soziales (f)
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Gesundheit
d) Beratung des Antrags der Abgeordneten Birgitt
Bender, Bärbel Höhn, Ulrike Höfken, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion des BÜNDNIS-
SES 90/DIE GRÜNEN
Schutz vor Passivrauchen im Deutschen
Bundestag direkt umsetzen
– Drucksache 16/4957 –
ZP 7 Beratung des Antrags der Abgeordneten Detlef
Parr, Daniel Bahr (Münster), Heinz Lanfermann,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der FDP
Nichtraucherschutz praktikabel und mit
Augenmaß umsetzen
– Drucksache 16/5118 –
Überweisungsvorschlag:
Ausschuss für Gesundheit (f)
Ausschuss für Wirtschaft und Technologie
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz
Ausschuss für Arbeit und Soziales
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für
diese Aussprache eine Stunde vorgesehen. – Ich höre
keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort erhält zunächst
die Bundesministerin Ulla Schmidt.
(Beifall bei der SPD)
Ulla Schmidt, Bundesministerin für Gesundheit:
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich
muss gestehen, dass ich angesichts der Debatten der
letzten Jahre manchmal nicht mehr geglaubt habe, dass ich
eines Tages hier stehen könnte, um einen Gesetzentwurf
zum Schutz der Nichtraucher und Nichtraucherinnen
einzubringen.
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Maria
Eichhorn [CDU/CSU])
Deshalb bin ich sehr froh, dass dies heute der Fall ist.
Denn eines ist deutlich – man kann es nicht oft genug
betonen –: Tabak ist das Gesundheitsrisiko Nummer
eins. Dabei sind die Gefahren des Passivrauchens lange
Bundesministerin Ulla SchmidtJahre unterschätzt worden. Erst in den letzten Jahren hat
hier ein Umdenkungsprozess eingesetzt. Vielleicht hat
auch das Vorgehen der anderen europäischen Länder mit
dazu beigetragen, dass die Diskussion über
Nichtraucherschutz in Deutschland einen anderen Stellenwert
erhalten hat.
Da immer noch davon gesprochen wird, dass mit
einem Gesetz zum Schutz der Nichtraucherinnen und
Nichtraucher die Freiheit der Raucherinnen und Raucher
eingeschränkt wird, lassen Sie mich an dieser Stelle
noch einmal einige Fakten zum Passivrauchen nennen.
Die massive Gesundheitsgefährdung durch
Passivrauchen ist eindeutig erwiesen. Die Zahlen des
Deutschen Krebsforschungszentrums werden in keiner
wissenschaftlichen Diskussion in Zweifel gezogen.
Bezogen auf die Todesfälle – nachgewiesenermaßen 3 300
pro Jahr – sind die Schätzungen eher konservativ, vor
allem im Vergleich mit Ergebnissen und Studien der
Vereinigten Staaten, des US-Departments of Health and
Human Services. Die kommen, bezogen auf die
Bevölkerung der USA von 300 Millionen Menschen, auf circa
48 000 Todesfälle pro Jahr infolge Passivrauchens. Fakt
ist: Menschen sterben auch in Deutschland durch
Passivrauchen, etwa 2 150 an koronaren Herzerkrankungen,
770 infolge eines Schlaganfalls, 260 an Lungenkrebs
und 60 infolge einer chronisch-obstruktiven
Lungenerkrankung. Das sind nur einige Beispiele von Menschen,
die sterben müssen, weil sie nicht genügend geschützt
werden. Ich könnte die Liste fortsetzen.
Was uns besonders erschrecken sollte, sind die
Wirkungen auf Kinder. Im Jahr 2005 gab es nach Angaben
des Statistischen Bundesamtes 298 Fälle von
plötzlichem Kindstod. Etwa 60 Fälle davon gehen auf
Passivrauchen im Haushalt sowie auf vorgeburtliche
Schadstoffbelastungen zurück, weil die Mütter während der
Schwangerschaft rauchten. Auch der Anteil von
Krankenhauseinweisungen bei Atemwegserkrankungen ist
bei Kindern, die in ihrer häuslichen Umgebung
Tabakrauch ausgesetzt werden, 40 bis 60 Prozent höher als bei
Kindern, die in Haushalten aufwachsen, die nicht durch
Rauch belastet sind. Deshalb ist es höchste Zeit, dass wir
handeln, zumal wir wissen, dass alle Wege, die wir in
den letzten Jahren beschritten haben und die auf
Freiwilligkeit beruhten, nicht zum Erfolg und nicht wirklich
zum Schutz der Nichtraucherinnen und Nichtraucher
beigetragen haben.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Ich sage ganz deutlich: Im Mittelpunkt unseres
Gesetzes steht der Schutz der Nichtraucherinnen und
Nichtraucher. Wir wollen, dass das Rauchen grundsätzlich in
allen Einrichtungen des Bundes verboten ist, das heißt
in Behörden, Dienststellen, Gerichten,
bundesunmittelbaren Körperschaften, Anstalten und Stiftungen, in
öffentlichen Verkehrsmitteln, zum Beispiel in Bussen,
Bahnen, Taxen oder Fahrgastschiffen, sowie in
Personenbahnhöfen der öffentlichen Eisenbahn. Wir wollen
die Regelungen des Arbeitsschutzes verbessern und den
Jugendschutz verschärfen, indem das Alter für die
Abgabe von Zigaretten von 16 auf 18 Jahre angehoben
wird. Ich bin wirklich sehr froh, dass der Bundestag ent-schieden hat, dass die Regelungen dieses Gesetzes auch
für ihn selbst gelten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Eine Entscheidung, die den Bundestag auf Dauer
ausgenommen hätte, hätte uns alle in der Öffentlichkeit
unglaubwürdig gemacht. Deshalb halte ich das für einen
sehr wichtigen und positiven Schritt, den wir gegangen
sind.
(Jörg van Essen [FDP]: Es gibt niemanden, der
etwas anderes wollte!)
Lassen Sie mich an dieser Stelle darauf hinweisen,
dass für uns der Nichtraucherschutz und die Fortsetzung
der Kampagne „Rauchfrei“ zwei Seiten einer Medaille
sind. Nichtraucherschutz ist das eine; das andere sind die
Prävention, damit junge Menschen erst gar nicht mit
dem Rauchen beginnen, und die Bemühungen, damit
diejenigen, die rauchen, den Weg finden, mit dem
Rauchen aufzuhören. Das gehört ganz eng zusammen. Ich
bin sehr froh, dass aufgrund der Kampagne „Rauchfrei“,
die wir gemeinsam auf den Weg gebracht haben,
mittlerweile 60 000 Menschen komplett mit dem Rauchen
aufgehört haben und dass sich binnen fünf Jahren die Quote
der rauchenden Jugendlichen um fast 30 Prozent – von
28 Prozent auf 20 Prozent – verringert hat.
(Beifall bei der SPD)
Mit diesem Gesetzentwurf und den sich parallel in der
Diskussion befindenden Nichtraucherschutzgesetzen der
Länder ist Deutschland nicht länger Schlusslicht beim
Nichtraucherschutz in Europa, sondern arbeitet sich in
die Spitzengruppe vor. Der Gesetzentwurf der
Bundesregierung wird nicht allen Bürgerinnen und Bürgern den
uneingeschränkten Schutz vor den Folgen des
Passivrauchens bringen. Wir brauchen auch die Gesetze, die von
den Ländern auf den Weg gebracht werden. Wir
brauchen die eindeutigen Entscheidungen der Parlamente in
unseren Bundesländern.
(Beifall bei der SPD)
Trotzdem werden Millionen Menschen profitieren: die
Beschäftigten des Bundes, die Bürgerinnen und Bürger
in den Bundesverwaltungen, die Menschen in
öffentlichen Verkehrsmitteln und auch diejenigen, die dieses
Hohe Haus besuchen.
Auch die Regelungen im Arbeitsschutz werden
präzisiert, indem klargestellt wird, dass ein Rauchverbot für
einen gesamten Betrieb oder zumindest für Teile eines
Betriebes ausgesprochen werden kann. Das ist im
Übrigen nicht nur ein sinnvolles, sondern auch ein
kostengünstiges Instrument; die Arbeitgeber reden ja oft von
den Kostenbelastungen der verschiedenen Maßnahmen.
Die Arbeitsstättenverordnung regelt das Verhältnis
zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Deshalb waren
Regelungen zum Schutz Dritter, also der Gäste in
Gaststätten, über die Arbeitsstättenverordnung nicht möglich.
Weitergehende Regelungen im Arbeitsschutz sind erst
dann denkbar, wenn die Länder ihre Gesetze zum
Nichtraucherschutz erlassen haben. Ich sage deshalb noch ein-
Bundesministerin Ulla Schmidtmal deutlich: Wir hoffen auf klare Regelungen in Bezug
auf Gaststätten; wir hoffen nicht auf
Ausnahmeregelungen, die nachher die Regel werden. Erfahrungen und
Studien aus anderen Ländern wie zum Beispiel Irland
zeigen, dass sich der Gesundheitszustand der
Beschäftigten in den Gastronomiebetrieben nach Einführung von
Rauchverboten in kurzer Zeit verbessert hat. Das, was
dort möglich ist, dürfen wir nicht versäumen, indem wir
keine klaren Regelungen für die Gaststätten haben.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Wir appellieren hier an die Länderparlamente. Sie
sind gefordert, gemeinsame Lösungen durchzusetzen.
Ich sehe in vielen Ländern Bemühungen, ich sehe aber
auch Zögerlichkeit und Unentschiedenheit. Angesichts
des Gesetzes, das wir heute auf den Weg bringen, und
der Debatten der letzten Monate und Wochen bin ich von
einem fest überzeugt: Die Bürgerinnen und Bürger in
unserem Land werden es sich auf Dauer nicht gefallen
lassen, wenn es unterschiedliche Regelungen gibt.
(Detlef Parr [FDP]: „Es sich nicht gefallen
lassen“! Das kann doch nicht wahr sein!)
Jeder, der in Land A lebt, wird den gleichen
Gesundheitsschutz für sich in Anspruch nehmen wollen, wie ihn
die Menschen in Land B haben. Davon können wir
ausgehen, und da sollte die Debatte hingehen. (Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Gemeinsam können Bund und Länder beweisen, dass
sie in der Lage sind, auf verschiedenen Ebenen für das
gleiche Ziel zu streiten. Wenn wir heute im Bundestag
ein eindeutiges Zeichen setzen, werden andere diesem
Zeichen folgen. Das hat uns die Debatte in den letzten
Wochen gezeigt. Ich glaube, wir sollten auf diesem Weg
gemeinsam und entschlossen weitergehen. Die
Nichtraucherinnen und Nichtraucher werden es uns danken.
Danke schön.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Bevor wir in der Debatte fortfahren, gebe ich das von
den Schriftführerinnen und Schriftführern ermittelt
Ergebnis der namentlichen Abstimmung über die
Beschlussempfehlung des Auswärtigen Ausschusses zum
Antrag der Bundesregierung „Fortsetzung der
Beteiligung deutscher Streitkräfte an der Friedensmission der
Vereinten Nationen im Sudan“ bekannt: Abgegebene
Stimmen 552. Mit Ja haben gestimmt 497, mit Nein
haben gestimmt 32. 23 Kolleginnen und Kollegen haben
sich der Stimme enthalten. Damit ist die
Beschlussempfehlung angenommen.(D)Endgültiges Ergebnis
Abgegebene Stimmen: 552;
davon
ja: 497
nein: 32
enthalten: 23
Ja
CDU/CSU
Ulrich Adam
Ilse Aigner
Peter Albach
Peter Altmaier
Dorothee Bär
Thomas Bareiß
Norbert Barthle
Dr. Wolf Bauer
Günter Baumann
Ernst-Reinhard Beck
(Reutlingen)
Veronika Bellmann
Dr. Christoph Bergner
Otto Bernhardt
Clemens Binninger
Carl-Eduard von Bismarck
Renate Blank
Peter Bleser
Antje Blumenthal
Dr. Maria Böhmer
Wolfgang Börnsen
(Bönstrup) Klaus Brähmig
Michael Brand
Helmut Brandt
Dr. Ralf Brauksiepe
Georg Brunnhuber
Gitta Connemann
Leo Dautzenberg
Hubert Deittert
Alexander Dobrindt
Maria Eichhorn
Anke Eymer (Lübeck)
Georg Fahrenschon
Ilse Falk
Dr. Hans Georg Faust
Enak Ferlemann
Ingrid Fischbach
Hartwig Fischer (Göttingen)
Dirk Fischer (Hamburg)
Axel E. Fischer (Karlsruhe-
Land)
Dr. Maria Flachsbarth
Klaus-Peter Flosbach
Herbert Frankenhauser
Dr. Hans-Peter Friedrich
(Hof)
Erich G. Fritz
Jochen-Konrad Fromme
Dr. Michael Fuchs
Dr. Peter Gauweiler
Dr. Jürgen Gehb
Norbert Geis
Eberhard Gienger
Dr. Reinhard Göhner Josef Göppel
Peter Götz
Dr. Wolfgang Götzer
Ute Granold
Reinhard Grindel
Hermann Gröhe
Michael Grosse-Brömer
Markus Grübel
Manfred Grund
Monika Grütters
Karl-Theodor Freiherr zu
Guttenberg
Olav Gutting
Holger Haibach
Uda Carmen Freia Heller
Michael Hennrich
Jürgen Herrmann
Bernd Heynemann
Ernst Hinsken
Peter Hintze
Robert Hochbaum
Klaus Hofbauer
Franz-Josef Holzenkamp
Joachim Hörster
Anette Hübinger
Hubert Hüppe
Susanne Jaffke
Dr. Peter Jahr
Dr. Franz Josef Jung
Andreas Jung (Konstanz)
Bartholomäus Kalb
Hans-Werner Kammer
Steffen Kampeter Alois Karl
Bernhard Kaster
Siegfried Kauder (Villingen-
Schwenningen)
Volker Kauder
Eckart von Klaeden
Jürgen Klimke
Julia Klöckner
Jens Koeppen
Kristina Köhler (Wiesbaden)
Manfred Kolbe
Norbert Königshofen
Dr. Rolf Koschorrek
Hartmut Koschyk
Thomas Kossendey
Michael Kretschmer
Gunther Krichbaum
Dr. Martina Krogmann
Johann-Henrich
Krummacher
Dr. Hermann Kues
Dr. Karl A. Lamers
(Heidelberg)
Dr. Norbert Lammert
Katharina Landgraf
Dr. Max Lehmer
Paul Lehrieder
Ingbert Liebing
Eduard Lintner
Patricia Lips
Dr. Michael Luther
Stephan Mayer (Altötting)
Wolfgang Meckelburg
Präsident Dr. Norbert LammertDr. Michael Meister
Dr. Angela Merkel
Friedrich Merz
Laurenz Meyer (Hamm)
Maria Michalk
Dr. h. c. Hans Michelbach
Philipp Mißfelder
Dr. Eva Möllring
Marlene Mortler
Dr. Gerd Müller
Hildegard Müller
Carsten Müller
(Braunschweig)
Stefan Müller (Erlangen)
Michaela Noll
Dr. Georg Nüßlein
Franz Obermeier
Eduard Oswald
Henning Otte
Rita Pawelski
Dr. Peter Paziorek
Ulrich Petzold
Dr. Joachim Pfeiffer
Sibylle Pfeiffer
Beatrix Philipp
Ronald Pofalla
Ruprecht Polenz
Daniela Raab
Thomas Rachel
Hans Raidel
Dr. Peter Ramsauer
Peter Rauen
Eckhardt Rehberg
Katherina Reiche (Potsdam)
Klaus Riegert
Dr. Heinz Riesenhuber
Franz Romer
Kurt J. Rossmanith
Dr. Christian Ruck
Albert Rupprecht (Weiden)
Peter Rzepka
Anita Schäfer (Saalstadt)
Hermann-Josef Scharf
Hartmut Schauerte
Dr. Andreas Scheuer
Karl Schiewerling
Georg Schirmbeck
Bernd Schmidbauer
Christian Schmidt (Fürth)
Andreas Schmidt (Mülheim)
Ingo Schmitt (Berlin)
Dr. Ole Schröder
Bernhard Schulte-Drüggelte
Uwe Schummer
Wilhelm Josef Sebastian
Horst Seehofer
Kurt Segner
Bernd Siebert
Thomas Silberhorn
Johannes Singhammer
Jens Spahn
Erika Steinbach
Christian Freiherr von Stetten
Gero Storjohann
Andreas Storm
Max Straubinger
Thomas Strobl (Heilbronn)
Lena Strothmann Michael Stübgen
Hans Peter Thul
Antje Tillmann
Arnold Vaatz
Andrea Astrid Voßhoff
Gerhard Wächter
Marco Wanderwitz
Kai Wegner
Marcus Weinberg
Peter Weiß (Emmendingen)
Gerald Weiß (Groß-Gerau)
Ingo Wellenreuther
Karl-Georg Wellmann
Annette Widmann-Mauz
Klaus-Peter Willsch
Elisabeth Winkelmeier-
Becker
Matthias Wissmann
Dagmar Wöhrl
Wolfgang Zöller
Willi Zylajew
SPD
Dr. Lale Akgün
Gerd Andres
Niels Annen
Ingrid Arndt-Brauer
Rainer Arnold
Ernst Bahr (Neuruppin)
Doris Barnett
Dr. Hans-Peter Bartels
Klaus Barthel
Sören Bartol
Sabine Bätzing
Dirk Becker
Uwe Beckmeyer
Klaus Uwe Benneter
Dr. Axel Berg
Ute Berg
Petra Bierwirth
Lothar Binding (Heidelberg)
Kurt Bodewig
Clemens Bollen
Gerd Bollmann
Dr. Gerhard Botz
Klaus Brandner
Willi Brase
Bernhard Brinkmann
(Hildesheim)
Edelgard Bulmahn
Marco Bülow
Ulla Burchardt
Martin Burkert
Dr. Michael Bürsch
Christian Carstensen
Marion Caspers-Merk
Dr. Peter Danckert
Karl Diller
Martin Dörmann
Dr. Carl-Christian Dressel
Elvira Drobinski-Weiß
Garrelt Duin
Detlef Dzembritzki
Sebastian Edathy
Siegmund Ehrmann
Hans Eichel
Gernot Erler
Petra Ernstberger Karin Evers-Meyer
Annette Faße
Elke Ferner
Gabriele Fograscher
Rainer Fornahl
Gabriele Frechen
Dagmar Freitag
Peter Friedrich
Sigmar Gabriel
Martin Gerster
Iris Gleicke
Günter Gloser
Renate Gradistanac
Angelika Graf (Rosenheim)
Dieter Grasedieck
Kerstin Griese
Gabriele Groneberg
Wolfgang Grotthaus
Wolfgang Gunkel
Hans-Joachim Hacker
Bettina Hagedorn
Klaus Hagemann
Alfred Hartenbach
Michael Hartmann
(Wackernheim)
Hubertus Heil
Reinhold Hemker
Rolf Hempelmann
Dr. Barbara Hendricks
Gustav Herzog
Petra Heß
Gabriele Hiller-Ohm
Stephan Hilsberg
Iris Hoffmann (Wismar)
Frank Hofmann (Volkach)
Eike Hovermann
Klaas Hübner
Christel Humme
Lothar Ibrügger
Brunhilde Irber
Johannes Jung (Karlsruhe)
Josip Juratovic
Johannes Kahrs
Dr. h. c. Susanne Kastner
Ulrich Kelber
Christian Kleiminger
Hans-Ulrich Klose
Astrid Klug
Dr. Bärbel Kofler
Walter Kolbow
Fritz Rudolf Körper
Karin Kortmann
Rolf Kramer
Anette Kramme
Ernst Kranz
Nicolette Kressl
Volker Kröning
Dr. Hans-Ulrich Krüger
Angelika Krüger-Leißner
Jürgen Kucharczyk
Helga Kühn-Mengel
Ute Kumpf
Dr. Uwe Küster
Christine Lambrecht
Christian Lange (Backnang)
Waltraud Lehn
Helga Lopez
Gabriele Lösekrug-Möller Dirk Manzewski
Lothar Mark
Caren Marks
Katja Mast
Hilde Mattheis
Markus Meckel
Petra Merkel (Berlin)
Dr. Matthias Miersch
Ursula Mogg
Marko Mühlstein
Detlef Müller (Chemnitz)
Michael Müller (Düsseldorf)
Gesine Multhaupt
Franz Müntefering
Andrea Nahles
Thomas Oppermann
Holger Ortel
Heinz Paula
Johannes Pflug
Joachim Poß
Christoph Pries
Florian Pronold
Dr. Sascha Raabe
Mechthild Rawert
Maik Reichel
Gerold Reichenbach
Dr. Carola Reimann
Christel Riemann-
Hanewinckel
Walter Riester
Sönke Rix
René Röspel
Dr. Ernst Dieter Rossmann
Karin Roth (Esslingen)
Ortwin Runde
Anton Schaaf
Axel Schäfer (Bochum)
Bernd Scheelen
Dr. Hermann Scheer
Dr. Frank Schmidt
Ulla Schmidt (Aachen)
Silvia Schmidt (Eisleben)
Renate Schmidt (Nürnberg)
Heinz Schmitt (Landau)
Olaf Scholz
Ottmar Schreiner
Reinhard Schultz
(Everswinkel)
Swen Schulz (Spandau)
Ewald Schurer
Frank Schwabe
Dr. Angelica Schwall-Düren
Dr. Martin Schwanholz
Rolf Schwanitz
Rita Schwarzelühr-Sutter
Wolfgang Spanier
Dr. Margrit Spielmann
Jörg-Otto Spiller
Dr. Ditmar Staffelt
Andreas Steppuhn
Ludwig Stiegler
Rolf Stöckel
Christoph Strässer
Dr. Peter Struck
Joachim Stünker
Dr. Rainer Tabillion
Jörg Tauss
Dr. h. c. Wolfgang Thierse
Präsident Dr. Norbert LammertJörn Thießen
Franz Thönnes
Hans-Jürgen Uhl
Rüdiger Veit
Simone Violka
Jörg Vogelsänger
Dr. Marlies Volkmer
Hedi Wegener
Andreas Weigel
Petra Weis
Gunter Weißgerber
Gert Weisskirchen
(Wiesloch)
Dr. Rainer Wend
Lydia Westrich
Dr. Margrit Wetzel
Andrea Wicklein
Heidemarie Wieczorek-Zeul
Dr. Dieter Wiefelspütz
Engelbert Wistuba
Dr. Wolfgang Wodarg
Waltraud Wolff
(Wolmirstedt)
Heidi Wright
Uta Zapf
Manfred Zöllmer
Brigitte Zypries
FDP
Jens Ackermann
Dr. Karl Addicks
Daniel Bahr (Münster)
Rainer Brüderle
Angelika Brunkhorst
Ernst Burgbacher
Patrick Döring
Mechthild Dyckmans
Jörg van Essen
Ulrike Flach
Otto Fricke
Paul K. Friedhoff
Horst Friedrich (Bayreuth)
Dr. Edmund Peter Geisen
Dr. Wolfgang Gerhardt
Hans-Michael Goldmann
Dr. Christel Happach-Kasan
Elke Hoff
Birgit Homburger
Michael Kauch
Hellmut Königshaus
Gudrun Kopp
Heinz Lanfermann Sibylle Laurischk
Harald Leibrecht
Ina Lenke
Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger
Michael Link (Heilbronn)
Markus Löning
Horst Meierhofer
Patrick Meinhardt
Jan Mücke
Burkhardt Müller-Sönksen
Dirk Niebel
Hans-Joachim Otto
(Frankfurt)
Detlef Parr
Cornelia Pieper
Jörg Rohde
Frank Schäffler
Dr. Konrad Schily
Marina Schuster
Dr. Hermann Otto Solms
Dr. Max Stadler
Dr. Rainer Stinner
Florian Toncar
Christoph Waitz
Dr. Guido Westerwelle
Dr. Volker Wissing
Hartfrid Wolff (Rems-Murr)
Martin Zeil
BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN
Kerstin Andreae
Marieluise Beck (Bremen)
Volker Beck (Köln)
Cornelia Behm
Birgitt Bender
Grietje Bettin
Alexander Bonde
Ekin Deligöz
Dr. Thea Dückert
Dr. Uschi Eid
Hans-Josef Fell
Kai Gehring
Anja Hajduk
Britta Haßelmann
Winfried Hermann
Peter Hettlich
Priska Hinz (Herborn)
Ulrike Höfken
Dr. Anton Hofreiter
Bärbel Höhn Ute Koczy
Sylvia Kotting-Uhl
Fritz Kuhn
Renate Künast
Markus Kurth
Undine Kurth (Quedlinburg)
Monika Lazar
Dr. Reinhard Loske
Anna Lührmann
Nicole Maisch
Jerzy Montag
Kerstin Müller (Köln)
Winfried Nachtwei
Omid Nouripour
Brigitte Pothmer
Krista Sager
Irmingard Schewe-Gerigk
Dr. Gerhard Schick
Silke Stokar von Neuforn
Hans-Christian Ströbele
Dr. Harald Terpe
Jürgen Trittin
Wolfgang Wieland
Josef Philip Winkler
Margareta Wolf (Frankfurt)
Nein
DIE LINKE
Karin Binder
Dr. Lothar Bisky
Eva Bulling-Schröter
Sevim Dağdelen
Dr. Diether Dehm
Werner Dreibus
Dr. Dagmar Enkelmann
Wolfgang Gehrcke
Heike Hänsel
Lutz Heilmann
Hans-Kurt Hill
Cornelia Hirsch
Inge Höger
Ulla Jelpke
Dr. Lukrezia Jochimsen
Katja Kipping
Monika Knoche
Jan Korte
Katrin Kunert
Oskar Lafontaine
Ulrich Maurer
Dorothée MenznerKornelia Möller
Elke Reinke
Volker Schneider
(Saarbrücken)
Dr. Herbert Schui
Dr. Ilja Seifert
Frank Spieth
Dr. Kirsten Tackmann
Dr. Axel Troost
Jörn Wunderlich
fraktionslos
Henry Nitzsche
Enthalten
CDU/CSU
Norbert Schindler
SPD
Gregor Amann
Petra Hinz (Essen)
FDP
Miriam Gruß
Dr. Heinrich L. Kolb
Jürgen Koppelin
Gisela Piltz
DIE LINKE
Hüseyin-Kenan Aydin
Dr. Martina Bunge
Roland Claus
Klaus Ernst
Diana Golze
Dr. Gregor Gysi
Dr. Barbara Höll
Dr. Hakki Keskin
Dr. Gesine Lötzsch
Wolfgang Nešković
Petra Pau
Paul Schäfer (Köln)
Dr. Petra Sitte
Alexander Ulrich
Sabine Zimmermann
fraktionslos
Gert WinkelmeierWir setzen die Aussprache zum
Tagesordnungspunkt 27 fort. Das Wort erhält der Kollege Detlef Parr,
FDP-Fraktion.
(Beifall bei der FDP)
Detlef Parr (FDP):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! „Auf zum
letzten Gefecht!“, so könnte man die heutige Debatte
zum Nichtraucherschutz überschreiben; denn vor Beginn
der Sommerpause 2006 setzte ein Kampagne ein, die
zunächst nur das Sommerloch auszufüllen schien, sichdann aber zu einer erbitterten Auseinandersetzung
entwickelte – der Beitrag von Frau Ministerin Schmidt hat
das noch einmal bestätigt –: hochemotional, teils
fanatisch, oft radikal.
(Zurufe von der SPD: Oh!)
Ich könnte Bände füllen mit E-Mails voller
Beschimpfungen, bis hin zu Beleidigungen, nur weil die FDP
andere Wege zum Nichtraucherschutz gehen will.
In den letzten Monaten habe ich mich oft gefragt:
Rechtfertigt das Thema wirklich diesen Stil der Diskus-
Detlef Parrsion, einen Stil, der bis hinein in den Alltag vieler
Menschen wirkt, der polemisiert, diskriminiert und damit
eine Stimmungslage erzeugt, die unserer Gesellschaft
nicht guttut?
(Beifall bei der FDP)
Alles andere als ein Sommermärchen war das.
Dabei ist völlig unbestritten: Rauchen ist
gesundheitsschädlich. Das ist auf jeder Zigarettenpackung
nachzulesen und prangt unübersehbar auf jeder Litfaßsäule, das
ungewollte Passivrauchen eingeschlossen. Diese
Tatsachen sind den Menschen längst bekannt. Sie reagieren
auch darauf. Die aktuellen Zahlen der Bundeszentrale
für gesundheitliche Aufklärung belegen eindrucksvoll in
den letzten Jahren einen kontinuierlichen Rückgang des
Rauchens auch und besonders bei Jugendlichen. Die
Raucherquote bei den 12- bis 17-Jährigen zum Beispiel
ist von 28 Prozent 2001 auf 20 Prozent 2005 gesunken.
Deshalb ist und bleibt es für die FDP zielführend, diesen
Weg der Eindämmung des Rauchens fortzusetzen und
mit dem Nichtraucherschutz eng zu verknüpfen.
(Beifall bei der FDP)
Bedarf es dazu weiterer staatlicher Restriktionen und
Gängelungen des Einzelnen? Die laufende Diskussion
über Rauchverbote hat eher das Gegenteil bewirkt. Die
Deutschen rauchen unbeirrt weiter. Die Menge
versteuerter Zigaretten stieg im ersten Quartal dieses Jahres
sogar um fast 7 Prozent im Vergleich zum ersten Quartal
2006. Bei Zigarren und Zigarillos ist ein Zuwachs von
46 Prozent zu verzeichnen. Eine ähnliche Entwicklung
ist im vermeintlichen Vorbildland Italien festzustellen.
Verbotspolitik zahlt sich also nicht aus.
(Beifall bei der FDP)
Hier zitiere ich gerne Altbundespräsident Roman
Herzog:
Immer als Erstes an ein Verbot zu denken, ist
typisch deutsch und typisch falsch.
(Beifall bei der FDP – Lothar Binding [
Heidelberg] [SPD]: Das ist doch Unsinn!)
Das gilt auch für die beabsichtigte Anhebung des
Abgabealters bei Tabakwaren von 16 auf 18 Jahre. Vor
dem Hintergrund der sinkenden Zahl jugendlicher
Raucher mag ein solcher Eingriff das Gewissen mancher
Kollegen beruhigen. Erfolg versprechend ist es aber
nicht. Er ist vielmehr ein weiteres Beispiel für die
Unberechenbarkeit des Handelns der Bundesregierung; denn
vor gerade erst vier Monaten sind die
Zigarettenautomaten nach erheblichen Investitionen auf ein Chipsystem
umgestellt worden, das dem Jugendschutz dient und den
Zugang für Jugendliche erschwert. Zudem wird die Zahl
der Automaten drastisch reduziert. Statt die
Auswirkungen zunächst einmal abzuwarten und zu bewerten, tut
die Bundesregierung nun übereilt den nächsten Schritt.
Das ist Aktionismus pur.
(Beifall bei der FDP)
Angesichts einer solchen Unzuverlässigkeit der
Regierung zeigen sich viele Gastronomen in unserem Landverunsichert. Versetzen Sie sich doch einmal in die Lage
eines Ihrer Bekannten oder Freunde, der kürzlich ein
Bistro oder eine Gaststätte eröffnet hat! Die Debatte geht
nicht spurlos an ihm vorbei. Er denkt über
Veränderungen nach. Eine Zielvereinbarung der Bundesregierung
mit seinem Berufsverband gibt ihm Zeit bis 2008, für
seine Gaststätte und seine Gäste eine einvernehmliche
Lösung zu finden. Nach einem Jahr kündigt die
Regierung diese Vereinbarung einseitig auf und stoppt damit
einen gerade eingeleiteten Prozess neuer
nichtraucherfreundlicher Regelungen. Würden Sie – selbst als
gutwilliger Gastronom – jetzt noch an Investitionen in
Umbauten oder Belüftungsanlagen denken, da ein radikales
Rauchverbot als Damoklesschwert über Ihnen schwebt?
(Lachen bei der SPD)
Wohl eher nicht!
Aber weil es solche Möglichkeiten und die
Bereitschaft, sie zu nutzen, gibt, Frau Bätzing, führt das
Gerede vom bundesweiten Flickenteppich beim
Rauchverbot ins Leere. Auch hier will ich den
Altbundespräsidenten Roman Herzog zitieren. Er hat recht, wenn er in
einem „Focus“-Interview „so was nur mit Lachen
verfolgt“ und Spielräume lassen will. Auf die Frage, ob es
problematisch sei, wenn es von Land zu Land
Unterschiede gebe, antwortet er:
(Lothar Binding [Heidelberg] [SPD]: Er ist ein
kluger Mann, natürlich!)
Überhaupt nicht. Das gibt es doch in x anderen
Bereichen auch. Wenn ich in fremde Wohnungen
gehe, muss ich doch auch die Hausfrau fragen, ob
ich rauchen darf. Alles andere ist doch bloß
Prinzipienreiterei.
Genau das ist es.
(Beifall bei der FDP – Widerspruch bei der
SPD)
Ich wünsche mir diese Gelassenheit des
Exbundespräsidenten, die Sie nun wieder konterkarieren, in der
Diskussion auch von Ihnen hier und in den Bundesländern.
Viele Rauchfreiexperten setzen sich – Frau Ministerin
Schmidt hat das gerade wieder getan – für ein totales
Rauchverbot in der Gastronomie ein, um die dort
Beschäftigten zu schützen.
(Sabine Bätzing [SPD]: Genau!)
Dass auch in dieser Frage mehr Gelassenheit vonnöten
ist – hören Sie genau zu! –, zeigt ein Blick in den Report
der Cancer Research UK, European Cancer Leagues,
European Heart Network und anderen, überschrieben
„Lifting the Smokescreen“. Dort finden sich folgende
Fakten: 92 Prozent der geschätzten Todesfälle durch
Passivrauchen insgesamt gehen auf Belastungen zu
Hause zurück. In die Privatsphäre können wir mit
Gesetzen ohnehin nicht hineinwirken.
(Daniel Bahr [Münster] [FDP]: Aber in die
Autos!)
– Stimmt, auch das Rauchen in Autos sollte ursprünglich
verboten werden.
Detlef ParrNun kommt die entscheidende Passage. Bei den
nichtrauchenden Servicekräften in der Gastronomie
haben die Wissenschaftler, bezogen auf 25 Länder mit
400 Millionen Einwohnern, 325 Tote jährlich ermittelt,
für Deutschland 13. Ich überlasse Ihnen gerne das
Hochrechnen der Gesundheitsrisiken.
Anstelle staatlicher Gängelung brauchen wir mehr
positive Anreize für Verhaltensänderungen. Ein
aktuelles Beispiel: Die Helios-Kliniken, ein
Gesundheitskonzern, belohnen Beschäftigte, die auf dem Klinikgelände
und während der Arbeitszeit nicht rauchen, mit einem
zusätzlichen Urlaubstag. Eine schriftliche Erklärung
genügt; auf eine offizielle Kontrolle wird verzichtet und
auf Eigenkontrolle gesetzt.
Ganz anders wären die Folgen eines gesetzlichen
Rauchverbotes: Bußgelder sind zwingend, Kontrollen
erforderlich. In einigen Bundesländern wird sogar der
Einsatz einer Raucherpolizei erwogen. Ich sehe schon
die Herren in Trenchcoat, mit hochgeschlagenem
Kragen und Schlapphut auf uns zukommen. Eine tolle
Vorstellung.
„Der Freie beugt und bindet sich aus Einsicht“, so
Verfassungsrichter Udo Di Fabio vorgestern Abend bei
der Friedrich-Naumann-Stiftung. Die FDP bleibt dabei:
Wir setzen weiterhin auf Aufklärung, präventive
Maßnahmen und Selbstverantwortung, auf einen sich auf
lange Sicht selbst tragenden Prozess, bei dem der
Einzelne sein Verhalten aus eigenem Antrieb ändert, statt es
gedankenlos durch staatliche Verbotspolitik verändern
zu lassen. Wir brauchen mehr Vorbilder als Vorschriften.
(Beifall bei der FDP – Lothar Binding [
Heidelberg] [SPD]: Sie haben das mit den Vorbildern
falsch verstanden, glaube ich!)
Es ist erfreulich, dass die Bundesregierung mit ihrem
Gesetzentwurf einen gemäßigten Kurs ansteuert. Es ist
interessant, in den Gesetzentwurf hineinzuschauen. Sie
rennen bei uns in vielen Bereichen offene Türen ein. Ich
kenne keine S-Bahn, in der ich rauchen darf. Manche
Passage könnte sogar unseren Positionspapieren
entnommen worden sein. Nach dem blamablen Scheitern
der ersten gesetzgeberischen Bemühungen der
Bundesregierung – Sie erinnern sich, dass die Große Koalition
die Folgen der Föderalismusreform schlicht übersehen
hat – scheint sie sich nun am EU-Parlament zu
orientieren.
Der Blick nach Brüssel ist interessant. Das EU-
Parlament musste das totale Rauchverbot lockern, weil die
Akzeptanz im EU-Parlament fehlte. Bei uns im
Bundestag soll das Rauchen in abgetrennten Räumen möglich
bleiben und dem effektiven technischen
Nichtraucherschutz als Mittel innovativer Gesundheitsförderung
Raum gegeben werden. Solche Ausnahmeregelungen
werden von der FDP begrüßt. Sie helfen, den Grundsatz
der Verhältnismäßigkeit zu wahren.
Lassen Sie uns bei der Diskussion den Grundsatz der
Verhältnismäßigkeit wahren und Wege jenseits der
Radikalität und Totalität gehen! Lassen Sie uns der Vernunft
Vorfahrt geben! Ich hoffe, dass wir in den
Ausschussberatungen hierüber eindringlich miteinander diskutierenkönnen. Ich freue mich auf die weiteren Diskussionen
im Plenum und in den Ausschüssen.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der FDP – Dr. Martina Bunge
[DIE LINKE]: Wir freuen uns darauf! –
Dr. Margrit Spielmann [SPD]: Wir uns auch!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nächster Redner ist der Bundesminister Horst
Seehofer.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD)
Horst Seehofer, Bundesminister für Ernährung,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz:
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Ich habe schon nicht mehr gehofft, dass wir
dieses Ziel noch erreichen würden; denn das Thema
besserer Schutz der Nichtraucher beschäftigt uns in
Deutschland seit sage und schreibe 15 Jahren. Herr Parr, es ist
schon eigenartig, dass Sie von Hektik, Hysterie und
Unüberlegtheit reden, wenn nach 15 Jahren eine
Entscheidung getroffen wird.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN – Detlef Parr [FDP]: Sie haben nicht
genau zugehört! – Jörg van Essen [FDP]: Wer
schlechte Argumente hat, hört nicht zu!)
Ich bin 1992 Gesundheitsminister geworden. In
diesem Jahr hat uns das Thema zum ersten Mal im
Deutschen Bundestag beschäftigt. Ich denke, es ist höchste
Zeit, dass wir eine klare Entscheidung treffen.
Ich möchte heute noch einmal fünf Punkte festhalten.
Erstens. Es geht nicht um die Diskriminierung der
Raucher, sondern um den Schutz der Nichtraucher.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie
bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Wir beurteilen und bewerten keine Lebensstile, aber es
ist unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, Herr
Parr, die Nichtraucher dort, wo Menschen
zusammentreffen, zu schützen, insbesondere die Kinder und die
Schwangeren in unserem Lande.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
der SPD – Detlef Parr [FDP]: Da sind wir uns
einig! – Otto Fricke [FDP]: Dann müssen Sie
das auch zu Hause machen!)
Zweitens. Es gibt keinen gefährlicheren Stoff für die
Gesundheit der Menschen als Tabakrauch,
insbesondere in Innenräumen. Das ist unbestritten. Ich möchte
einen Vergleich anstellen: In der Risikoklasse der
gefährlichsten Stoffe ist Tabakrauch vergleichbar mit Asbest.
Asbest haben wir 1993 in Deutschland verboten. Viele
Tausend Menschen sind daran gestorben. Es gibt zwar
viele Institute und Einrichtungen in Deutschland, aber
das Deutsche Krebsforschungszentrum Heidelberg ist
Bundesminister Horst Seehoferdas seriöseste. Die Studien stützen sich auf die
Erkenntnisse dieses Forschungszentrums.
(Detlef Parr [FDP]: Dann müssen Sie den
Tabak grundsätzlich verbieten und auf
Steuereinnahmen verzichten!)
Ich halte fest: Tabakrauch ist der
gesundheitsschädlichste Stoff in Innenräumen, er führt zu vielen Tausend
Todesfällen.
Herr Parr, Sie haben behauptet: Eine bessere Lüftung,
und dann ist das Problem gelöst. Ich bitte Sie, lesen Sie
noch einmal die Studie: 70 Stoffe im Tabakrauch sind
krebsauslösend, halten sich so lange, dass sie aus
Innenräumen auch durch eine bessere Belüftung nicht entfernt
werden können. Eine bessere Belüftung löst das Problem
also nicht.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Wir diskutieren hier im Parlament im Bereich der
Ernährung, im Bereich der Agrarwirtschaft oft über
abstrakte Gefahren, so im letzten Jahr über den H5N1-
Virus, und betreiben Vorsorge. Über konkrete
Gesundheitsschädigungen mit tödlichem Ausgang reden wir
hingegen zu wenig.
(Frank Spieth [DIE LINKE]: So ist es!)
Deshalb ist es wichtig, dass wir ins Bewusstsein rufen:
Tabakrauch ist gesundheitsschädlich, in vielen Fällen
tödlich.
(Detlef Parr [FDP]: Völlig einig!)
Drittens. Auch ich bin ein Anhänger von
Freiwilligkeit in einem freien Staat. Aber wir müssen sehen, dass
wir seit einem Dutzend Jahren Freiwilligkeit
propagieren im Hinblick auf Gastronomie, auf Krankenhäuser,
auf öffentliche Gebäude.
(Detlef Parr [FDP]: Es gibt auch gute
Beispiele!)
– Wir müssen feststellen, es gibt gute Beispiele, aber
einen Durchbruch haben wir nicht geschafft. –
(Detlef Parr [FDP]: Ein bisschen mehr Geduld
müssen wir schon haben!)
In ganzen 2 Prozent der deutschen Krankenhäuser
existiert ein wirkungsvoller Nichtraucherschutz. Dabei sind
Krankenhäuser Einrichtungen, von denen man eigentlich
annehmen möchte, dass das Bewusstsein dort so
entwickelt ist, dass man sich in Gegenwart kranker
Menschen mit dem Rauchen zurückhält. Doch nein, so etwas
erfolgt nicht.
(Detlef Parr [FDP]: Wir haben ein Gesetz in
NRW!)
Ich habe 1998 im Bundestag eine Rede gehalten und
für Freiwilligkeit geworben, aber schon damals gesagt:
Wenn die Freiwilligkeit in der Praxis nicht zu
verändertem Verhalten führt, müssen wir an ein Gesetz denken.
Ich stelle fest – das muss man zugeben, auch wenn man
ein Anhänger von Freiwilligkeit ist und der Eigenverant-wortung den Vorrang gibt –: Die Freiwilligkeit ist
gescheitert.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Herr Parr, wir sollten Freiheit richtig definieren: Die
Schranke der Freiheit ist die Verantwortung. Die Freiheit
des Rauchers endet dort, wo der Schutz des
Nichtrauchers beginnt. Das ist die Definition von Freiheit.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN –
Detlef Parr [FDP]: Das haben viele erkannt!)
Viertens. Von Bürokratie kann keine Rede sein.
Denken Sie etwa an die Fortschritte, die die Fluglinien
erreicht haben! Da gibt es keine Raucherpolizei oder
Ähnliches.
(Detlef Parr [FDP]: Hotels, Deutsche Bahn –
ohne Gesetz!)
Das wird eine gesamtgesellschaftliche Übereinkunft
werden.
(Detlef Parr [FDP]: Ist es doch schon in vielen
Bereichen!)
Mir haben viele Wirte und Gastronomen gesagt: Wenn
der Gesetzgeber das festlegt, ist es für sie leichter,
einfacher in der Praxis, als wenn sie in ihrer Gastronomie in
jedem Einzelfall für Nichtraucherschutz kämpfen
müssen. Das ist der Punkt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
Fünftens. Wir haben uns auf die öffentlichen Gebäude
konzentriert, auf die Orte, an denen Menschen
zusammenkommen. Ich bin froh, dass sich die Haltung der
Länder in der heißumstrittenen Frage der Gastronomie
anzugleichen beginnt, dass die Länder, die das auf der
Bund-Länder-Konferenz noch anders gesehen haben,
mittlerweile mit uns übereinstimmen, dass es nur dann
praktikabel ist, wenn man eine klare Regelung trifft,
nämlich ein Rauchverbot in Gaststätten,
(Detlef Parr [FDP]: Sheriff!)
rauchen nur in sauber abgeschlossenen Nebenräumen.
Das ist eine klare Regelung. Ich appelliere an die
Bundesländer, in ihren Parlamenten möglichst einheitliche
Regeln zu verabschieden. Alles andere würden die
Menschen nicht verstehen.
Ein Letztes: Ich betrachte das, worüber wir heute
debattieren und was wir hoffentlich in absehbarer Zeit
verabschieden, als einen Quantensprung für den
Gesundheitsschutz in der Bundesrepublik Deutschland. Ich bin
froh, dass ich nach einiger Diskussion jetzt die
Zustimmung des Personalrats in meinem eigenen Ministerium
habe.
(Daniel Bahr [Münster] [FDP]: Das hat ja auch
lange genug gedauert!)
Bundesminister Horst SeehoferLiebe Kollegin Schmidt, auch das
Verbraucherschutzministerium ist jetzt wie das Gesundheitsministerium
eine rauchfreie Behörde. Das ist eine gute Entwicklung.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜ-
NEN)
An die Adresse der FDP möchte ich noch einmal
sagen: Sie werden feststellen, dass sich die Menschen,
wenn dieses Gesetz mit klaren Regelungen
verabschiedet worden ist und die Länderparlamente gehandelt
haben, in wenigen Jahren die Debatte, die wir in
Deutschland über dieses Thema 15 Jahre lang geführt haben,
nicht mehr erklären können. Dann wird das eine
Selbstverständlichkeit sein.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Martina Bunge ist die nächste Rednerin für die
Fraktion Die Linke.
(Beifall bei der LINKEN)
Dr. Martina Bunge (DIE LINKE):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Herr Minister Seehofer, auch wenn ich Ihnen in vielem,
was Sie in Ihrer Rede gesagt haben, zustimmen kann, als
Quantensprung würde ich den Gesetzentwurf, der heute
vorgelegt wurde, nicht bezeichnen.
Der Akt der Gesetzgebung zum Schutz vor
Tabakrauch und zur Herstellung europäischer bzw.
internationaler Normalität auch in Deutschland hätte zu einer
Sternstunde des Parlaments werden können, wenn hier
und heute ein Gesetzentwurf aus der Mitte des
Parlaments vorgelegt worden wäre, der konsequent für einen
wirklich umfassenden Schutz in allen öffentlichen
Räumen und auf allen Ebenen, vom Bund bis in die
Kommunen, gesorgt hätte.
(Beifall bei der LINKEN)
Stattdessen diskutieren wir über einen Gesetzentwurf
und drei Anträge sowie über einen Gruppenantrag, durch
den ein konsequenter Schutz gewährleistet würde, der
sich allerdings noch in der Tiefe des parlamentarischen
Raums befindet.
Das Rauchen hat in Deutschland, wie in vielen
Ländern, eine lange Tradition. Hier wie überall wirkt
Nikotin auf die Psyche. Insofern wird diese Debatte natürlich
hochemotional geführt, auch in meiner Fraktion. Trotz
allem sollten wir aber nicht vergessen: Es geht um die
Rechte der 73 Prozent der Bevölkerung, die
Nichtraucherinnen bzw. Nichtraucher sind. Es geht vor allen
Dingen um die Kinder und Jugendlichen. Es geht um die
Vermeidung von Leid durch Tod und schwere
Erkrankungen. Es geht um die Minderung der horrenden
Kosten, die für das Gesundheitssystem entstehen, und um
die Senkung anderer Folgekosten. Nicht zuletzt geht es
um den Willen von 70 Prozent der Wählerinnen und
Wähler. Auch das sollten wir immer bedenken. Für den Schutz vor Schadstoffen – Herr Minister
Seehofer hat das ausgeführt – gilt in Deutschland
Bundesrecht, beispielhaft konsequent umgesetzt im
Hinblick auf Asbest. Warum sieht es beim Schutz vor dem
Schadstoff Rauch, der mindestens ein vergleichbares
Gefahrenpotenzial aufweist, anders aus, und das, obwohl
Millionen Menschen, insbesondere Frauen, am
Arbeitsplatz mit diesem Schadstoff konfrontiert sind?
Der Arbeitsschutz und die Arbeitsstättenverordnung
sind Bundesrecht. Aber es soll juristisch nicht möglich
sein, dass der Bundestag den Weg für einen umfassenden
Nichtraucherschutz vom Bund bis in die Kommunen
ebnet? Ich denke, es wäre eine Bankrotterklärung vor dem,
was wir beschlossen haben, wenn wir nicht nach einem
möglichen Weg suchen. Gesetze sind keine
Naturereignisse, sondern sie werden von Menschen gemacht. Man
sollte sie, wenn das Erfordernis besteht, auch ändern
können.
(Beifall bei der LINKEN sowie der Abg.
Ulrike Höfken [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN])
Ich denke allerdings, dazu fehlt der tatsächliche
Wille. Ein beredtes Beispiel ist der Bundestag selbst.
Am 8. März dieses Jahres haben wir auf Antrag des
Bündnisses 90/Die Grünen eine Debatte über das
geplante Rauchverbot im Bundestag geführt. Der
Ältestenrat beeilte sich, noch an diesem Tag zu vermelden, dass
es im Bundestag genauso geregelt werde, wie es im
Gesetz vorgesehen werde, und dass das parallel geschehe.
Aber bis heute ist noch keine Regelung getroffen
worden. Die Frau Ministerin sagt zwar, das sei geklärt. Aber
ich frage: Wo? Mir ist keine schriftliche Regelung
bekannt. Es sind lediglich Änderungsanträge zum
vorliegenden Gesetzentwurf angekündigt. Also hat der
Bundestag es nötig, die Pflichten, die dieses Gesetz mit sich
bringt, formal auf sich übertragen zu bekommen. Das
hätten wir beispielgebend in der Zeit von Anfang März
bis heute selbst auf den Weg bringen müssen.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN)
Nun möchte ich noch auf eine ewige Debatte
eingehen und klarstellen: Der Schutz vor dem Schadstoff
Tabak ist nicht identisch mit dem Verbot des Rauchens. Zu
rauchen oder nicht zu rauchen, ist die Entscheidung
eines jeden Einzelnen, die auch ich respektiere, Herr Parr.
Mit dem Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen
sollen Nichtraucher und Raucher davor geschützt
werden, den mit dem Rauchen einhergehenden Belastungen
nicht permanent und unausweichlich ungewollt
ausgesetzt zu sein.
Natürlich erschöpft sich der Gesundheitsschutz in
Sachen Tabakrauch nicht im Rauchverbot für öffentliche
Einrichtungen. Ich plädiere selbstverständlich für einen
Dreiklang: erstens alles zu tun, um Kinder und
Jugendliche von dem Einstieg abzuhalten, zweitens
Nichtraucherinnen und Nichtraucher vor dem Tabakrauch zu schützen
und drittens Raucherinnen und Raucher zu motivieren,
auszusteigen und ihnen beim Entzug zu helfen. Insofern
tragen Sie mit Ihrem Antrag – ich spreche die FDP an –
Dr. Martina BungeEulen nach Athen. Ich denke, eigentlich geht es Ihnen
darum, ein konsequentes Rauchverbot zu verhindern.
Sie haben Helios-Kliniken als Beispiel angeführt. Die
Helios-Kliniken praktizieren es. Für die Kliniken besteht
ein Rauchverbot, und sie motivieren die
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aufzuhören; denn es ist erwiesen,
dass Verbote und Ächtungen an der einen Stelle und die
Prävention an der anderen Stelle das Nichtrauchen
erleichtern und den Mainstream verändern helfen. Ich
denke, das ist ein Gesamtansatz.
(Beifall bei Abgeordneten der LINKEN)
Nun liegt der Gesetzentwurf der Bundesregierung
vor: ein Rauchschutz mit eingeschränkter Reichweite
auf Bundesebene. Die Länder werden uns peu à peu die
Farben des Flickenteppichs präsentieren. Hier und heute
wird mit der Gesetzgebung für die Bundesrepublik
begonnen. Damit wird für lange Zeit festgezurrt, wie der
Schutz vor Tabakrauch in Deutschland aussieht.
Der Gruppenantrag, mit dem wir mehr wollten, hat
sich unseres Erachtens damit erledigt. Wir, die
Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Linksfraktion,
ziehen unsere Unterschriften zurück, damit die Initiatoren
– wie Herr Binding das beispielsweise auch gegenüber
meinem Kollegen Spieth erst neulich dokumentiert hat –
den Wählerinnen und Wählern nicht nach wie vor Sand
in die Augen streuen, wonach in nächster Zeit noch eine
umfassende Lösung möglich ist.
(Birgitt Bender [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Das ist aber nicht der einzige Grund für
den Rückzug!)
So schnell kommt die Gelegenheit, die es heute gibt,
nicht wieder.
(Beifall bei der LINKEN)
Seit den 90er-Jahren – Herr Minister Seehofer hat es
angesprochen – quält sich der Deutsche Bundestag mit
dem Nichtraucherschutz. Jetzt werden zwar endlich
Nägel mit Köpfen gemacht, aber leider in völlig
unzureichender Weise. Es schmerzt mich, dass wir uns
international so blamieren und Chancen für Besseres vergeben
haben.
Ich danke.
(Beifall bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Das Wort erhält nun die Kollegin Bärbel Höhn,
Bündnis 90/Die Grünen.
Bärbel Höhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Nach einer Studie des Deutschen
Krebsforschungszentrums in Heidelberg sterben in Deutschland jedes Jahr
3 300 Menschen an den Folgen des Passivrauchens.
Mitarbeiter in Gaststätten haben ein 30 bis 50 Prozent
höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken, als andere
Menschen in dieser Gesellschaft. Das müsste eigentlich
Anlass genug sein, ganz umfassend, ganz konsequentund ganz schnell etwas gegen das Passivrauchen zu tun
und für den Nichtraucherschutz einzutreten. Mein
Vorwurf ist, dass Sie das versäumt haben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Passivrauchen ist in der Tat nicht nur eine bloße
Belästigung, sondern auch eine schwerwiegende
Gesundheitsgefahr. Es ist wirklich beschämend, dass
Deutschland in diesem Punkt in der EU auf dem letzten Platz
steht. Frau Merkel hat immer gesagt, Deutschland solle
Nummer eins sein. Das Deutschland bei diesem Punkt
der letzte Platz gebührt, ist auch dieser Bundesregierung
zu verdanken, weil sie nur dann etwas unternommen hat,
wenn sie durch den Druck der Öffentlichkeit dazu
getrieben wurde. Diesen letzten Platz hätte sie gut korrigieren
können, wenn sie mutig nach vorne gegangen wäre. Das
ist unser Vorwurf.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Detlef Parr [FDP]: Warum haben Sie dann
vorher nichts getan?)
Liebe Frau Schmidt und lieber Herr Seehofer, der
Gesetzentwurf, den Sie heute vorlegen, ist eine einzige
Enttäuschung.
(Detlef Parr [FDP]: Sieben Jahre lang haben
Sie nichts Besseres getan!)
Er ist nämlich lückenhaft und von Mutlosigkeit geprägt;
denn genau die Bereiche, die wirklich ernsthaft
angegangen werden müssen, die Gastronomie, die Diskotheken
und die Bars, bleiben vollkommen ausgeklammert. Das
zeigt auch den Geist, der momentan in der Koalition
herrscht: Eigentlich will man das Thema nicht angehen.
Sie haben hier also keinen konsequenten
Nichtraucherschutz, sondern ein Nichtraucherschutz light
vorgelegt. Dieser hat genau denselben Makel wie die
Lightzigaretten: Den Menschen soll ein gutes Gefühl gegeben
werden, aber es ist tatsächlich hochgradig
gesundheitsgefährdend. Deshalb ist dieser Gesetzentwurf keine gute
Lösung.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Am schwersten wiegt, dass die Bundesregierung die
wirklich am stärksten durch Rauch belasteten Bereiche
nicht geregelt hat, sodass ein Flickenteppich droht.
Nordrhein-Westfalen hat schon angekündigt, dass kleine
Kneipen vom Rauchverbot ausgenommen werden und
dass die Gastwirte selber entscheiden sollen, was sie
machen.
(Detlef Parr [FDP]: Sehr vernünftig!)
Ich muss ehrlich sagen: Die Gastwirte werden zum
Sündenbock der Politik, die nicht bereit ist, zu
entscheiden. Das ist das Problem, das wir zum Beispiel in
Nordrhein-Westfalen erleben. Die Gastwirte sind zu Recht
empört darüber, dass die Politik nicht bereit ist, hier
konsequent vorzugehen. Liebe Frau Schmidt, Sie beklagen
den Flickenteppich, den Sie selbst verursacht haben,
denn im Rahmen der Arbeitsstättenverordnung hätten sie
selbst auf Bundesebene agieren und eine bundesweit
einheitliche Regelung erreichen können.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Bärbel HöhnNicht nur Nordrhein-Westfalen plant Sonderwege.
Wer in Halle ein Bier trinkt, der muss mit
Beeinträchtigungen seiner Gesundheit rechnen, die in der
Nachbarstadt Leipzig verboten sind. Hier gibt es ganz dicht
nebeneinanderliegende Städte, die unterschiedliche
Regelungen haben. In Berlin, Brandenburg und Thüringen
soll in Raucherräumen Selbstbedienung gelten. In den
übrigen Ländern werden die Beschäftigten weiter zum
Bedienen in den blauen Dunst geschickt. Das ist ein
Chaos, das die Bundesregierung zu verantworten hat. Es
fehlt der politische Wille, hier einen echten
bundesweiten Nichtraucherschutz zu installieren.
Deshalb haben wir, die Grünen, von Anfang an eine
klare Position vertreten.
(Jörg van Essen [FDP]: Was war in den
vergangenen sieben Jahren?)
Wir haben klar und deutlich gesagt, welches die
Instrumente sind. Wir haben gesagt: Von Düsseldorf bis
Dresden wollen wir denselben Schutz der Gesundheit
der Bevölkerung. Wer will eigentlich verantworten, dass
wir in Deutschland im Bereich der Gesundheit in Bars,
Gaststätten und Diskotheken einen unterschiedlichen
Schutz der Bevölkerung haben? Das ist keine Lösung,
die in irgendeiner Art und Weise akzeptiert werden kann.
Deshalb sage ich: Gehen Sie noch einmal in sich! Sie
haben heute die Anhörung beschlossen. Ändern Sie
Ihren Gesetzentwurf, schaffen Sie eine klare Lösung, oder
stimmen Sie dem Antrag der Grünen zu! Wir haben
gezeigt, wie es geht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Jörg van Essen [FDP]: Das haben Sie nicht! In
den sieben Jahren, in denen Sie in der
Regierung waren, ist nichts geschehen!)
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nächste Rednerin ist die Kollegin Carola Reimann,
SPD-Fraktion.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Dr. Carola Reimann (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Man kann es kaum glauben, aber die aktuelle Debatte
ist schon wieder ein Jahr alt. Seit über einem Jahr
diskutieren wir über das Passivrauchen und über Maßnahmen
zum Schutz vor den wissenschaftlich nachgewiesenen
Gesundheitsgefahren. Ausgelöst wurde die Debatte durch
das Scheitern der Dehoga-Selbstverpflichtung, durch
Veröffentlichungen des Deutschen
Krebsforschungszentrums sowie durch den daraufhin von SPD-Abgeordneten
initiierten Gruppenantrag zum Schutz vor Passivrauchen,
für den wir breite Unterstützung erfahren haben. Für
diese Unterstützung möchte ich den Kolleginnen und
Kollegen an dieser Stelle noch einmal danken.
(Beifall bei der SPD)
Trotz dieser intensiven und monatelangen Debatte
haben viele leider immer noch nicht verstanden, worüber
wir bei der Frage des Nichtraucherschutzes eigentlich
reden.(Detlef Parr [FDP]: Das würde ich Ihnen nicht
unterstellen!)
Es geht nämlich nicht um stinkende Räume, um
verrauchte Kleidung oder um vergilbte Vorhänge. Es geht
auch nicht nur um unangenehme Belästigungen der
Nichtraucher. Es geht um eine eindeutig nachgewiesene
Gesundheitsgefährdung.
(Dr. Martina Bunge [DIE LINKE]: So ist es!)
Betroffen sind nicht nur die Raucher, sondern auch all
diejenigen, die in öffentlichen Gebäuden, am
Arbeitsplatz und auch in Gaststätten, Kneipen und Discos zum
Mitrauchen gezwungen sind.
(Vorsitz: Vizepräsident Dr. Hermann Otto
Solms)
Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass Passivrauchen
das Risiko für chronische Erkrankungen, die tödlich
enden können, erhöht. Ein Blick in die wissenschaftlichen
Publikationen zeigt: Wir reden nicht nur von
Augenbrennen, sondern auch von Herzerkrankungen,
Schlaganfällen und Lungenkrebs.
(Detlef Parr [FDP]: Sie sorgen für die
risikofreie Gesellschaft!)
Die Ministerin hat die Zahlen genannt.
Diese traurige Tatsache kann man auch angesichts der
gerade in diesem Haus immer wieder vorkommenden
Relativierungen und der Verharmlosungen, insbesondere
der Tabakindustrie, gar nicht oft genug erwähnen. Wir
alle kennen diese Floskeln. Da wird von Freiwilligkeit,
Genuss und Toleranz gesprochen. Leider hat Rauchen
für die überwiegende Zahl der Raucher mit
Freiwilligkeit so viel zu tun wie Schokolade mit Abnehmen,
nämlich gar nichts. Es handelt sich um eine Sucht, und die
allermeisten Raucher rauchen, weil sie abhängig sind.
Deshalb laufen auch alle Regelungen, die nur auf
Freiwilligkeit beruhen, ins Leere. Aus diesem Grund ist an
dieser Stelle der Gesetzgeber gefragt.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Mit dem nun vorliegenden Gesetzentwurf zum Schutz
vor den Gefahren des Passivrauchens machen wir den
ersten wichtigen Schritt hin zu einem wirksamen
Nichtraucherschutz. Damit rücken wir auch auf europäischer
Ebene, Kollegin Höhn, wieder auf die vorderen Plätze
vor. Frau Höhn, man kann ja monieren, dass man das
alles hätte früher haben können. Natürlich hätten wir das
gern früher umgesetzt. Aber mir ist aus Ihrer Zeit als
Ministerin in Nordrhein-Westfalen keine Initiative bekannt,
mit der Sie dies angeschoben hätten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU – Detlef Parr [FDP]: Das ist wohl
wahr!)
Neben der Anhebung der Altersgrenze für die Abgabe
von Tabakwaren und für das Rauchen in der
Öffentlichkeit von 16 auf 18 Jahre wird es in öffentlichen
Einrichtungen des Bundes und in bestimmten Einrichtungen des
öffentlichen Personenverkehrs generelle Rauchverbote
Dr. Carola Reimanngeben. Das Gleiche muss natürlich für uns alle hier im
Deutschen Bundestag gelten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Es wird allerhöchste Zeit, dass wir insoweit auch in
unserem Haus Klarheit schaffen.
Mit dem vorliegenden Gesetzentwurf sind wir auf
dem richtigen Weg. Die Erfahrungen aus anderen
Ländern haben gezeigt, dass sich der Gesundheitszustand
von Angestellten nach Einführung von Rauchverboten
innerhalb ganz kurzer Zeit erheblich verbessert. Das gilt
insbesondere für Angestellte in der Gastronomie.
Hier sind wir bei dem zweiten entscheidenden Schritt
– dies ist schon mehrfach angeklungen –, der nun
möglichst bald von den Bundesländern umgesetzt werden
muss: ein umfassendes, einheitliches Rauchverbot in
den Gaststätten. Denn es kann nicht sein, dass die
Angestellten, die den Gefahren des Passivrauchens bislang
am stärksten ausgesetzt waren, von diesem Schutz
ausgenommen werden; ganz zu schweigen von den Gästen,
darunter auch Kinder und Jugendliche.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Einige Länder haben inzwischen Gesetzentwürfe auf
den Weg gebracht. Selbst Herr Wulff – lange Zeit als
vorderster Kämpfer für den Raucher-Status-quo bekannt –
scheint jetzt erkannt zu haben, dass er mit seiner Position
auf verlorenem Posten steht.
(Detlef Parr [FDP]: Er ist genötigt worden!)
Nur, Ankündigungen sind natürlich noch keine Gesetze.
Solange diese Gesetzentwürfe noch nicht verabschiedet
worden sind, ist Vorsicht angebracht. Das hat uns die
Erfahrung aus den letzten Monaten und Jahren gelehrt.
Nach über einem Jahr Diskussion muss man sagen:
Es wird nun endlich Zeit, dass wir auf der Bundesebene
durch das Gesetz zum Schutz vor Passivrauchen für alle
Bundesbehörden, im öffentlichen Personenverkehr und
auch im Deutschen Bundestag sowie auf Landesebene
durch Gesetze, die Angestellte und Gäste in Gaststätten
vor den Gefahren des Passivrauchens wirksam schützen,
klare Regelungen schaffen. Das sind längst überfällige
Maßnahmen – das haben wir hier häufig gehört –, die
durch zahlreiche wissenschaftliche Studien gestützt und
im Übrigen, Herr Parr, von der großen Mehrheit der
Bevölkerung unterstützt werden.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat jetzt die Kollegin Birgitt Bender vom
Bündnis 90/Die Grünen.
Birgitt Bender (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Lange hat
es gedauert. Aber inzwischen ist immerhin eine breite
Mehrheit in diesem Haus der Auffassung, dass es zumSchutz vor Passivrauch auch staatlicher Regelungen
bedarf; das ist schon etwas. Nur die FDP spricht noch
von staatlicher Gängelung. Ich muss Ihnen, Herr Kollege
Parr, wirklich sagen: Sie wissen genauso gut wie ich,
dass Rauchen bzw. Nikotinabhängigkeit eine
Suchterkrankung ist. Wir alle wissen, dass derjenige, der auf
diese Weise erkrankt ist
(Detlef Parr [FDP]: Das gilt doch nicht für alle
Raucher!)
und dadurch nur noch eingeschränkt die Fähigkeit zur
Eigenverantwortung hat,
(Jörg van Essen [FDP]: Jetzt aber ein bisschen
vorsichtig!)
nicht das beste Beispiel für die Fähigkeit und
Bereitschaft ist, Verantwortung für die Gesundheit anderer zu
übernehmen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD sowie bei Abgeordneten der
LINKEN)
Das zeigt die Erfahrung; denn sonst gäbe es diesen
Regulierungsbedarf nicht.
Ganz besonders abwegig finde ich – auch das sage ich
in Richtung der FDP – das Hohelied auf den
Flickenteppich der Regelungen in den Ländern.
(Detlef Parr [FDP]: Was ist denn schlimm
daran?)
– Herr Kollege Parr, in welcher historischen Situation
befinden wir uns? Vielleicht in der Zeit vor der
Schaffung des Deutschen Bundes, als es zwischen den
Ländern noch Zollschranken gab? Sie vergleichen die
Situation eines Bundeslandes allen Ernstes mit der eines
Privathaushaltes, den man nicht regulieren kann.
(Detlef Parr [FDP]: Das war das Zitat von
Herrn Herzog!)
Aber glücklicherweise, Herr Kollege, gibt es auf der
Rheinbrücke zwischen Mannheim und Ludwigshafen
keine Zollschranken und Ähnliches mehr.
(Daniel Bahr [Münster] [FDP]: Dann hätten
Sie der Föderalismusreform nicht zustimmen
sollen, Frau Bender!)
Damit gibt es auch einen Bedarf, dass überall gleiche
Regeln bestehen. Eigentlich müsste das eine Partei wie
die Ihre auch deswegen verstehen, weil das etwas damit
zu tun hat, dass Unternehmer, die zum Beispiel eine
Gaststätte oder einen anderen Betrieb eröffnen wollen,
16 unterschiedliche Gesetzbücher studieren müssen, um
sich zu entscheiden, wo sie ihren Betrieb eröffnen. Das
kann doch wohl nicht wahr sein.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der SPD – Jörg van Essen [FDP]:
Haben die Grünen der Föderalismusreform
zugestimmt oder nicht?)
Jetzt zur Koalition. Der bekundete Wille freut uns ja;
aber leider, Frau Ministerin Schmidt, fehlt es an der
Birgitt BenderKonsequenz. Ich lese zum Beispiel fast jeden Tag beim
Frühstück in der Zeitung:
(Dr. Uwe Küster [SPD]: Aber nur nach der
ersten Zigarette!)
Jetzt hat die Koalition beschlossen: Der Bundestag wird
rauchfrei. Keine zwei Stunden später begebe ich mich
zur Sitzung des Gesundheitsausschusses. Was sehe ich
dort? Auf dem Weg in den Sitzungssaal muss ich die
Qualmwolken durchqueren, die die rauchenden
Kollegen aus dem Gesundheitsausschuss verbreiten.
(Zurufe von der SPD: Was? – Nicht alle!)
Insofern frage ich Sie: Was sollen dann diese
Bekundungen?
Wir könnten es schnell erreichen – unser Antrag dazu
liegt vor –, dass die Hausordnung des Bundestages
geändert und ein allgemeines Rauchverbot beschlossen wird,
auch für die Gastronomie.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der LINKEN sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der SPD)
Wenn Sie angeblich dafür sind, stellt sich die Frage, was
uns dann noch daran hindert, dies zu tun.
Stattdessen wollen Sie unseren Antrag erst einmal an
den Ausschuss überweisen und reden jetzt darüber, den
Nichtraucherschutz im Bundestag in dem Gesetz zu
berücksichtigen, das aber erst im Herbst in Kraft treten
soll. Warum beabsichtigen Sie das? Neulich war die
Einbeziehung des Bundestages noch ein
verfassungsrechtliches Problem, Frau Ministerin Schmidt. Ich kann mich
nicht erinnern, dass seitdem die Verfassung geändert
worden ist. Also ist es offenbar ein Problem des
politischen Willens.
In vielen anderen Punkten des Gesetzentwurfs – zum
Beispiel beim Arbeitsschutz – sind Sie ebenfalls nicht
konsequent. Ich glaube, dass wir Ihnen bei diesem
Thema noch einigen Dampf machen werden.
(Dr. Uwe Küster [SPD]: Aber keinen blauen
Dunst!)
Wir freuen uns schon auf die weitere Debatte.
Danke.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Das Wort hat jetzt die Kollegin Maria Eichhorn von
der CDU/CSU-Fraktion.
Maria Eichhorn (CDU/CSU):
Herr Präsident! Meine lieben Kolleginnen und
Kollegen! Herr Bundesminister Seehofer, bereits Anfang der
90er-Jahre habe ich den Entwurf eines
Nichtraucherschutzgesetzes im Deutschen Bundestag unterstützt,
damals ohne Erfolg. Heute bin ich davon überzeugt, dass
der Gesetzentwurf, den wir heute in den Bundestag
einbringen, mit großer Mehrheit verabschiedet wird. Dennder Nichtraucherschutz ist in Deutschland in den letzten
Monaten ein gutes Stück vorangekommen.
Die große Mehrheit der Bevölkerung erwartet, dass
der Gesetzgeber endlich handelt und die Menschen
besser vor den Gefahren des Passivrauchens schützt. Die
große Zahl von Briefen, die auch mich als
Drogenbeauftragte der CDU/CSU-Fraktion erreichen, beweist, Herr
Parr, dass den Menschen dieses Thema sehr am Herzen
liegt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Fast 70 Prozent der deutschen Bevölkerung sind
Nichtraucher. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle
für Suchtfragen sind 55 Prozent der Nichtraucher
unfreiwillig dem Tabakrauch ausgesetzt. Das Deutsche
Krebsforschungszentrum hat ermittelt, dass fast die Hälfte der
erwerbstätigen Nichtraucher in Deutschland am
Arbeitsplatz und knapp ein Drittel aller Nichtraucher in der
Freizeit davon betroffen sind.
Dass Rauchen und Passivrauchen Krebs erregen, ist
unbestritten. Das wurde heute schon mehrfach betont,
aber man kann nicht oft genug darauf hinweisen. Der
Zigarettenkonsum ist auch das größte Gesundheitsrisiko
für viele andere Erkrankungen. Die durch das Rauchen
verursachten Gesundheitskosten betragen nach
Berechnungen des Deutschen Krebsforschungszentrums rund
17 Milliarden Euro. Auf die dadurch verursachten
Todesfälle wurde schon mehrfach hingewiesen.
Verehrte Kolleginnen und Kollegen von der FDP, Sie
haben in Ihrem Antrag geschrieben und auch hier betont,
dass ein generelles Rauchverbot nicht notwendig ist. Sie
müssen aber zur Kenntnis nehmen, dass der jahrelange
Appell, freiwillig etwas für den Nichtraucherschutz zu
tun, kaum gefruchtet hat. Zwar wurden in manchen
Bereichen Nichtraucherzonen eingerichtet, die
Untersuchungen des Deutschen Krebsforschungszentrums
belegen jedoch, dass die Belastung mit krebserregenden
Stoffen auch dort gefährlich hoch ist, weil keine
räumliche Trennung erfolgt. Auch die freiwillige
Vereinbarung mit dem Deutschen Hotel- und Gaststättenverband
hat nichts gebracht. Die Vorgaben wurden bei weitem
nicht erreicht.
(Beifall des Abg. Lothar Binding [Heidelberg]
[SPD])
Daher ist es folgerichtig, dass zwei Drittel der
Bevölkerung einen gesetzlichen Nichtraucherschutz fordern.
Der Bund kann ihn jedoch nur in den Bereichen regeln,
für die er zuständig ist, Frau Höhn. Ende Februar
beschloss das Bundeskabinett die Einführung eines
generellen Rauchverbots in bundeseigenen Einrichtungen,
öffentlichen Verkehrsmitteln und Personenbahnhöfen.
Der vorliegende Gesetzentwurf – nicht mehr und nicht
weniger – wird heute eingebracht. Alles andere müssen
die Länder besorgen, Frau Höhn.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das
hätten Sie aber anders machen können!)
Dieser Gesetzentwurf schafft die Möglichkeit,
gesonderte und entsprechend gekennzeichnete Räume
vorzuhalten, in denen das Rauchen gestattet ist, wenn
Maria Eichhorninsgesamt eine ausreichende Anzahl von Räumen zur
Verfügung steht.
Aber wichtig ist – gerade für mich –, dass es sich
nicht um Arbeits- oder Diensträume handeln darf. Die
genauen Kriterien, beispielsweise für die Einrichtung
von Raucherräumen, müssen in einer
Rechtsverordnung festgelegt werden. Dabei geht es um die baulichen
Anforderungen sowie die Art und Weise der Belüftung
dieser Raucherräume. Verstöße gegen die
Bestimmungen des Gesetzes können als Ordnungswidrigkeit mit
Bußgeldern bis zu 1 000 Euro geahndet werden.
Nun gibt es verschiedene Organisationen, die in ihren
Stellungnahmen Zweifel äußern, ob dieses Gesetz
tatsächlich greift, und auf Vorschriften anderer Länder
verweisen. Meine Damen und Herren von der Opposition,
wir werden diese Einwendungen im Rahmen des
Gesetzgebungsverfahrens natürlich eingehend prüfen.
Der vorliegende Gesetzentwurf der Bundesregierung
enthält auch Regelungen zur Verbesserung des
Arbeitsschutzes. Durch Erweiterung des § 5 Abs. 1 der
Arbeitsstättenverordnung wird klargestellt, dass
insbesondere ein allgemeines Rauchverbot für den gesamten
Betrieb dem Schutz der nichtrauchenden Beschäftigten
dient. Weitergehende Regelungen für den
Gaststättenbereich, wie sie die Grünen in ihrem Antrag fordern,
können aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht getroffen
werden.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Warum eigentlich nicht?)
– Der Petitionsausschuss hatte darüber beraten und das
eindeutig festgestellt. Lesen Sie das bitte im Protokoll
nach.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Das haben wir gemacht!)
Regelungen zum Nichtraucherschutz in der Gastronomie
fallen unter das Gaststättenrecht. Wir müssen zur
Kenntnis nehmen, dass die Länder dafür zuständig sind und
der Bund hier keine Regelungskompetenz hat.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Eben nicht! Wir haben hier andere
Möglichkeiten!)
– Frau Höhn, ich muss Sie fragen: Die Grünen waren
sieben Jahre in der Regierung,
(Annette Widmann-Mauz [CDU/CSU]: So ist
es!)
warum haben Sie nichts getan? Heute reden, aber vorher
nichts tun!
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Zu Recht erwarten unsere Bürgerinnen und Bürger, in
allen öffentlichen Einrichtungen, Diskotheken, Theatern
und in der Gastronomie vor dem Passivrauchen
geschützt zu werden. Ich appelliere an die Länder, die
dazu notwendigen Regelungen zügig umzusetzen und
keinen Flickenteppich an Vorschriften zu hinterlassen.Für mich ist die italienische Regelung nach wie vor
beispielhaft. Sie beinhaltet ein generelles Rauchverbot in
öffentlichen Gebäuden, Theatern, Kinos und in der
Gastronomie. Die Wirte haben dort die Möglichkeit,
separate, durch eine selbstschließende Tür abgetrennte
Raucherräume zu errichten, in denen allerdings nicht bedient
werden darf. Das heißt, die Arbeitnehmer in der
italienischen Gastronomie sind – genau wie alle anderen
Arbeitnehmer auch – umfassend vor den
Gesundheitsgefährdungen des Passivrauchens geschützt. Herr Parr,
ich konnte mich davon überzeugen, dass diese Regelung
ohne großen bürokratischen Aufwand funktioniert. Herr
Minister Seehofer hat es bereits gesagt. Es ist eine
Selbstregulierung. Die Bevölkerung passt sozusagen
selber auf, dass dieses Gesetz eingehalten wird. Auch die
Angestellten in der deutschen Gastronomie haben ein
Recht auf einen rauchfreien Arbeitsplatz.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Selbstverständlich muss für den Deutschen
Bundestag das Gleiche gelten wie für die Angestellten in den
Bundesbehörden. Der Beschluss der Koalitionsspitzen
vom Dienstag ist eindeutig. Er besagt, dass der
Gesetzentwurf, der heute beraten wird, „voll und ganz auf den
Deutschen Bundestag Anwendung findet“.
(Zuruf von der LINKEN)
Danach ist Rauchen zukünftig in den Gebäuden des
Deutschen Bundestages generell verboten und nur noch
in abgetrennten und gekennzeichneten Raucherräumen
gestattet. Ich halte es für richtig – ich habe das vorher
von Herrn Koschyk bestätigt bekommen –, dass die
Regelung zum Nichtraucherschutz im Bundestag möglichst
zeitgleich mit der Regelung für die Bundeseinrichtungen
in Kraft tritt,
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU –
Hartmut Koschyk [CDU/CSU]: Mit dem
Gesetz!)
also mit diesem Gesetz. Eine schnelle Umsetzung, wie
die Grünen sie fordern, ist damit gewährleistet.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
„Schnell“ kann man das nicht nennen!)
Rauchverbote schützen nicht nur die Nichtraucher,
sondern führen auch zu einem Rückgang des
Zigarettenkonsums. Herr Parr, den von Ihnen genannten
Zahlen kann ich eine andere Zahl entgegensetzen. Nach
Angaben der „Ärzte-Zeitung“ haben ein Jahr nach der
Einführung des italienischen
Nichtraucherschutzgesetzes bereits 500 000 Italiener gänzlich mit dem Rauchen
aufgehört. Das ist doch was!
(Beifall bei der SPD)
Wir Erwachsene sollten mit gutem Beispiel
vorangehen. Angesichts der Tatsache, dass Jugendliche heute
bereits im Alter von durchschnittlich 11,8 Jahren erstmals
zur Zigarette greifen, sind die Erwachsenen gefordert,
einen Verzicht auf Zigaretten vorzuleben. Daher begrüße
ich, dass Zigaretten nach diesem Gesetzentwurf künftig
erst ab 18 Jahren abgegeben werden dürfen.
(Detlef Parr [FDP]: Und Sie glauben, das
wirkt?)
Maria EichhornGanz wichtig ist auch die Prävention. Wir begrüßen
es daher sehr, dass es an den Schulen mittlerweile
regelmäßige wirkungsvolle Aktionen gibt. Durch frühzeitige
Aufklärung und durch gutes Vorbild müssen junge
Menschen vor der Tabaksucht unbedingt bewahrt werden.
Wir sind auf einem guten Wege, auch in Deutschland
endlich einen umfassenden Nichtraucherschutz zu
verwirklichen. Wir werden den Gesetzentwurf zügig
beraten, damit er fristgerecht, wie vorgesehen, zum 1.
September dieses Jahres umgesetzt werden kann.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Als letzte Rednerin zu diesem Tagesordnungspunkt
hat jetzt die Kollegin Dr. Margrit Spielmann von der
SPD-Fraktion das Wort.
(Beifall bei der SPD)
Dr. Margrit Spielmann (SPD):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Kolleginnen und
Kollegen! Ein altes Sprichwort besagt: „Aller guten
Dinge sind drei.“ Nach zwei erfolglosen Anläufen zur
Verbesserung des Nichtraucherschutzes, die wir in den
letzten zehn Jahren – oder sogar in den letzten 15 Jahren,
wie ich erfahren habe – gemacht haben, beraten wir
heute in erster Lesung ein Gesetz zum Schutz vor den
Gefahren des Passivrauchens. Herr Minister Seehofer,
ich denke auch, wir erleben in diesem Problemfeld einen
Quantensprung.
Wir wissen alle, diesem Gesetzentwurf sind
vielfältige Bemühungen vorausgegangen. Der Entwurf ist für
mich sozusagen eine Antwort unter anderem auf den
öffentlichen Druck, der in letzter Zeit durch die Medien
ausgeübt wurde.
(Detlef Parr [FDP]: Das ist wohl wahr!)
Die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes erwarten
von uns – Herr Parr, 72 Prozent haben sich für einen
Schutz vor Passivrauchen ausgesprochen – eine
schützende gesetzliche Regelung.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
In besonderer Weise haben die Institute – ich nenne
beispielsweise das Deutsche Krebsforschungszentrum in
Heidelberg – durch ihre Forschungsergebnisse –
immerhin sterben pro Jahr 3 200 Menschen an den Folgen
des Passivrauchens – zu dieser durchaus positiven
öffentlichen Diskussion beigetragen. Ich denke, wir sollten
diesen Instituten einmal für ihren Beitrag zur heutigen
Debatte danken.
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Bärbel
Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Auch dieses persönliche Wort sei mir gestattet: Hilfreich
war auch das Engagement unseres Kollegen Lothar
Binding.
(Beifall bei der SPD – Daniel Bahr [Münster]
[FDP]: Warum darf er nicht reden?)Vor uns liegt ein erster Entwurf. Viele von uns – dazu
zähle auch ich – hätten sich zum Schutz vor
Passivrauchen ein wenig mehr gewünscht. Mir ist der
Gesetzentwurf nicht umfassend genug. Aber wir haben eine
Anhörung vereinbart und sollten diese auch für entsprechende
Veränderungen nutzen.
Wir müssen uns noch mehr Gedanken machen, ob wir
die Arbeitsstättenverordnung ändern können, um einen
wirklichen Arbeitsschutz zu gewährleisten.
(Bärbel Höhn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Richtig!)
Wir müssen über die verlängerte Frist für die
Automatenhersteller reden. Es wurde schon gesagt: Wenn wir
den Jugendschutz ernst nehmen, dann sollten wir dafür
sorgen, dass die Heraufsetzung der Altersgrenze
zeitgleich auch für die Abgabe von Zigaretten an Automaten
erfolgt und nicht erst 22 Monate später.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der
Abg. Maria Eichhorn [CDU/CSU])
Ich denke, das Datum 1. Juli 2009 ist für uns nicht
hinnehmbar.
Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir gegen
Verstöße gegen das Gesetz vorgehen.
(Detlef Parr [FDP]: Jetzt wird es spannend!)
Herr Parr, ich will dafür keine Polizei mit
hochgestelltem Kragen. Ich könnte mir durchaus andere
Regelungen vorstellen.
(Detlef Parr [FDP]: Hoffentlich!)
Wir müssen uns überlegen, wie wir den Bundestag
explizit in das Gesetz einbeziehen; denn der Bundestag
als öffentliches Gebäude kann nicht von den Regelungen
des Gesetzes ausgenommen werden. Dazu gehört auch,
dass sich alle Abgeordneten daran halten.
(Zuruf der Abg. Birgitt Bender [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
– Frau Bender und liebe Kolleginnen und Kollegen von
der Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen, wir werden
Ihren Antrag natürlich in die Diskussion einbeziehen
und positiv würdigen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Zuruf
von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Heute
abstimmen!)
Es ist auch zu prüfen, ob wir die Definition von
Raucherräumen im Gesetz ändern müssen. Es kann
nicht sein, dass eine gesetzliche Definition so wie die
vorliegende zu den Raucherräumen auf Lobbydruck
entsteht.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen,
lassen Sie mich zum Schluss noch einen für mich als
Gesundheitspolitikerin wichtigen Aspekt erwähnen.
Parallel zum Gesetz sollten wir verstärkt Konzepte
unterstützen, die den Menschen helfen, mit dem Rau-
Dr. Margrit Spielmannchen aufzuhören. Lassen Sie uns in der Anhörung und in
der folgenden Debatte auch über Maßnahmen zum
Beispiel zur zielgruppenspezifischen Prävention, also
insbesondere über Präventionsmaßnahmen für Kinder und
Jugendliche, diskutieren. Wir sollten diese
Aufklärungsangebote – das wäre mir ein großes Anliegen – unter
Einbeziehung verschiedener Berufsgruppen konzipieren;
hier möchte ich in besonderer Weise die Pädagogen und
die Ärzte erwähnen.
Vielen Dank.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
CDU/CSU)
Vizepräsident Dr. Hermann Otto Solms:
Ich schließe die Aussprache.
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlagen auf
den Drucksachen 16/5049, 16/4761 und 16/5118 an die
in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse
vorgeschlagen. Sind Sie damit einverstanden? – Das ist der
Fall. Dann sind die Überweisungen so beschlossen.
Wir kommen nun zum Antrag der Fraktion des
Bündnisses 90/Die Grünen auf Drucksache 16/4957. Die
Fraktion des Bündnisses 90/Die Grünen wünscht
Abstimmung in der Sache, die übrigen Fraktionen
wünschen Überweisung, und zwar federführend an den
Ältestenrat und mitberatend an den Ausschuss für
Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung, den
Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz, den Ausschuss für Arbeit und Soziales sowie an
den Ausschuss für Gesundheit.
Die Abstimmung über den Antrag auf
Ausschussüberweisung geht nach ständiger Übung vor. Ich frage
deshalb: Wer stimmt für die beantragte Überweisung? –
Gegenstimmen? – Enthaltungen? – Die Überweisung ist
damit mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen und der
FDP-Fraktion gegen die Stimmen der Fraktion Die
Linke und von Bündnis 90/Die Grünen beschlossen.
Damit stimmen wir heute über den Antrag auf
Drucksache 16/4957 nicht ab.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 28 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Werner
Dreibus, Hüseyin-Kenan Aydin, Dr. Dietmar
Bartsch, weiterer Abgeordneter und der Fraktion
der LINKEN
Deutschland braucht Mindestlöhne
– Drucksache 16/4845 –
Nach einer interfraktionellen Vereinbarung ist für die
Aussprache eine halbe Stunde vorgesehen, wobei die
Fraktion Die Linke fünf Minuten erhalten soll. Gibt es
Widerspruch? – Das ist nicht der Fall. Dann ist so
beschlossen.
Bevor ich die Aussprache eröffne, bitte ich die
Kolleginnen und Kollegen, die an dieser Aussprache nicht
teilnehmen wollen, den Saal zu verlassen, damit die
übrigen der Aussprache folgen können. – Vielen Dank.Ich eröffne nun die Aussprache und erteile als erstem
Redner das Wort dem Kollegen Oskar Lafontaine von
der Fraktion Die Linke.
(Beifall bei der LINKEN)
Oskar Lafontaine (DIE LINKE):
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Wir haben in wenigen Tagen eine Wahl.
(Jörg van Essen [FDP]: Aha! Deshalb reden
Sie schon wieder!)
Vor Wahlen neigen die politischen Parteien zu einem
bestimmten Verhalten: Sie geben Versprechen ab.
(Lachen des Parl. Staatssekretärs Gerd
Andres)
Nun ist das mit Versprechen häufig so, meine Damen
und Herren, dass diejenigen, denen Versprechen gegeben
werden, diese im Gedächtnis behalten, diejenigen aber,
die die Versprechen abgeben, dazu neigen, die
Versprechen sehr schnell wieder zu vergessen.
So ist das auch vor dieser bremischen Wahl. Ich
beginne nicht bei der Erklärung der SPD, sondern mit
einem Plakat der CDU, das einem doch die Sprache
verschlägt.
(Der Redner zeigt ein Plakat)
Vor der Wahl plakatiert die CDU: Gegen Lohndumping –
für 7,50 Euro Mindesteinkommen.
(Beifall bei der LINKEN – Gitta Connemann
[CDU/CSU]: Mindesteinkommen, nicht
Mindestlohn!)
– Die besondere Schlauheit, die Sie auf dieses Plakat
gebracht zu haben meinen, besteht darin, dass Sie von
einem Mindesteinkommen pro Stunde sprechen. Wer
kann sich ein solch unsinniges Konstrukt überhaupt
erklären? Meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn
Sie hier versuchen, mit „7,50 Euro pro Stunde“ die
Wählerinnen und Wähler in die Irre zu führen, dann ist das
dummer, dreister Wahlbetrug. Nichts anderes ist dazu zu
sagen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos])
Eine Milderung ergibt sich auch dann nicht, wenn
beispielsweise Ihr Spitzenkandidat in der Sprache nicht
sauber ist und noch immer von gesetzlichem
Mindestlohn spricht. Insofern sollten Sie hier mit sich zu Rate
gehen, inwieweit Sie sich nicht einfach einmal dazu
durchringen, den Wählerinnen und Wählern das zu
sagen, was Sie wirklich meinen.
Wir reden heute aber auch über eine Erklärung der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, die mit einer
Unterschriftenaktion verbunden ist und die wir im Inhalt
natürlich in vollem Umfang unterstützen.
(Anton Schaaf [SPD]: Mach jetzt ein
Ausrufezeichen, dann reicht es ja!)
Oskar LafontaineIch lese einmal die wesentlichen Passagen vor:
Deutschland ist gemessen an der
gesamtwirtschaftlichen Leistung so reich wie nie zuvor.
Das stimmt wirklich.
Trotzdem arbeiten viele Menschen den ganzen Tag,
können aber sich und ihre Familien vom
erarbeiteten Lohn nicht ernähren. Armutslöhne sind
ungerecht und unsozial. Sie missachten die Leistung der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Das ist ein
Skandal.
(Beifall bei der LINKEN – Zuruf von der LIN-
KEN: Recht haben die Sozialdemokraten!)
Wer voll arbeitet, muss davon leben können.
Deshalb werden wir Schluss machen mit dem
Lohndumping.
Wenn man solche Worte liest, dann denkt man doch:
Hier ist eine Truppe zusammengekommen, um ihren
Worten endlich Taten folgen zu lassen. Wir werden aber
sehen, dass auch hier Ihren Worten wieder keine Taten
folgen werden. Das ist eine Schande.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Gert
Winkelmeier [fraktionslos] – Andrea Nahles
[SPD]: Das stimmt doch gar nicht! – Dr. Uwe
Küster [SPD]: Der hat es mit der Wahrheit
nicht so genau!)
In Deutschland diskutieren wir schon viele Jahre über
den gesetzlichen Mindestlohn. Das ist keine neue
Entwicklung. Spätestens seit dem Fall der Mauer sind
immer wieder Fälle hochgekommen, in denen i
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.