Rede von Roland Claus (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Roland Claus (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/133
Ich beantworte Ihre beiden Fragen jeweils mit Ja.
Selbstverständlich finde ich es gerechtfertigt, dass ichmich mit Ihrem Bericht befasse. Sie sollten sich das auch
wünschen.
Wenn sich Ihre Logik darin erschöpfte, dass nur
diejenigen über den Schlussbericht der Enquete-Kommission
reden dürften, die ihr auch angehörten, stellten Sie sich
kulturell ein Armutszeugnis aus.
(Beifall bei der LINKEN – Volker Kauder
[CDU/CSU]: Das heißt, Sie waren nicht da
und haben Ihre Aufgabe nicht gemacht! –
Dorothee Bär [CDU/CSU]: Sie missbrauchen
das Parlament!)
Was ich in der Sache darlegen und ausführen will, hat
mit der Würdigung dessen zu tun, was an kulturellen
Gemeinsamkeiten und Unterschieden in 40 Jahren
deutscher Teilung zu besprechen ist. Ich will Ihnen ein
Beispiel nennen. Die kleine, so subversive DDR hat es
sogar geschafft, mehr Heinrich-Böll- und Siegfried-
Lenz-Bücher zu verkaufen als die Bundesrepublik
Bücher von Stefan Heym und Christa Wolf. Ich glaube, das
hatte auch etwas mit den Preisen zu tun.
Sie müssen keine Sorge haben. Ich habe zu viele
persönliche Freunde aus Kultur und Kunst an den Westen
verloren, um mir die DDR schönzureden. Aber ich
behaupte: Der kulturelle Lebensalltag in der DDR war dem
kulturellen Lebensalltag Österreichs ähnlicher als dem
kulturellen Lebensalltag Rumäniens. Die DDR hat 1990
kulturell vieles in die Einheit eingebracht – die Zahlen in
Ihrem Bericht belegen das –, vor allem das
Selbstverständnis, Kultur und Bildung sozial nicht zu teilen; sie
sollen allen zugänglich sein. Ich finde, dass diese
Osterfahrungen, insbesondere Erfahrungen aus der DDR,
aber auch Erfahrungen mit gesellschaftlicher
Transformation gegenwärtig brachliegen und nicht von dieser
Gesellschaft genutzt werden.
(Beifall bei der LINKEN – Jörg van Essen
[FDP]: Die DDR zeichnete sich nicht durch
besondere Zugänglichkeit aus!)
Deutschsprachige Rockmusik war eher und mehr
ost- als westdeutsch. Ich sage das trotz oder wegen
großer Zuneigung zu Heinz Rudolf Kunze, Nena, Klaus
Lage und anderen. Dass viele Ostrocker in den Westen
gingen, lag nicht daran, dass sie den Westen so toll
fanden, sondern daran, dass sie nicht aushalten konnten, wie
wir in der DDR den Sozialismus vergeigt haben.
Anna Seghers, Erwin Strittmatter, Willi Sitte, Konrad
Wolf, Hermann Kant haben Millionen fasziniert. Ihre
Verbundenheit mit der DDR genügt heute aber, sie
kulturhistorisch zu verbannen.
In Deutschland ist der Zugang zu Bildung und Kultur
heute in zunehmendem Maße von sozialen
Unterschieden beeinflusst. Das nenne ich kulturfeindlich.
(Beifall bei der LINKEN – Hans-Joachim Otto
[Frankfurt] [FDP]: Oh, mein Lieber!)
Wo gesellschaftlicher Reichtum und – noch schneller –
die Kinderarmut größer werden, ist kultureller Notstand
nicht weit.
Roland ClausNoch immer sind Zeit und Chance zur Umkehr. Mit
historischem Abstand wächst zuweilen die Souveränität,
mit Geschichte umzugehen. Deshalb fordere ich noch
einmal dazu auf, kulturelle, mentale Unterschiede
zwischen Ost und West als Herausforderung für die
Kulturpolitik zu begreifen und sie nicht schlechthin zu
überwinden. Diese Unterschiede sollten wir als Chance
begreifen.