Protokoll der 68. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 68. Sitzung des 11. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 11/68
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
68. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988
I n h a l t :
Tagesordnungspunkt 22:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Müntefering, Conradi, Amling, weiterer
Abgeordneter und der Fraktion der SPD: Die
Wohnungsgemeinnützigkeit erhalten und
stärken (Drucksache 11/1389)
Müntefering SPD 4627 B
Dr. -Ing. Kansy CDU/CSU 4629 C
Frau Oesterle-Schwerin GRÜNE 4633 A
Grünbeck FDP 4634 D
Jahn (Marburg) SPD 4636 D
Dr. Schneider, Bundesminister B M B a u . . 4638 D
Conradi SPD 4641B
Schulhoff CDU/CSU 4643 C
Mischnick FDP (Erklärung nach § 30 GO) 4645 C
Conradi SPD (Erklärung nach § 30 G O ) . 4645 D
Abstimmung zu Tagesordnungspunkt 8:
Gesetz zu dem Übereinkommen vom 10. April
1984 über den Beitritt der Republik
Griechenland zu dem am 19. Juni 1980 in Rom
zur Unterzeichnung aufgelegten
Übereinkommen über das auf vertragliche
Schuldverhältnisse anzuwendende Recht
(Drucksachen 11/1611, 11/1951) 4646 A
Tagesordnungspunkt 23:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Dr. Vollmer, Frau Olms und der
Fraktion DIE GRÜNEN: Übernahme des Berliner
Document Centers für NS-Akten durch die
Bundesrepublik Deutschland (Drucksache
11/1926)
Frau Olms GRÜNE 4646 B
Neumann (Bremen) CDU/CSU 4648 A
Frau Hämmerle SPD 4650 A
Lüder FDP 4651C
Dr. Waffenschmidt, Pari. Staatssekretär
BMI 4652 C
Tagesordnungspunkt 24:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Frau Teubner, Frau Oesterle-Schwerin und
der Fraktion DIE GRÜNEN: Maßnahmen zur
Einpassung der Einzelhandelsnutzung in
das übergeordnete Gesamtsystem der
städtischen Entwicklung (Drucksache 11/1645)
Frau Teubner GRÜNE 4654 A
Oswald CDU/CSU 4655 D
Scherrer SPD 4657 C
Grünbeck FDP 4659 B
Dr. Riedl, Parl. Staatssekretär B M W i . . . 4660 C
Tagesordnungspunkt 25:
a) Zweite und dritte Beratung des von den
Abgeordneten Frau Dr. Däubler-Gmelin,
Bachmaier, Klein (Dieburg), Dr. Pick,
Schmidt (München), Schütz, Singer,
Stiegler, Wiefelspütz, Dr. de With, Dr.
Vogel und der Fraktion der SPD
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung der Strafprozeßordnung (§140
Abs. 1 Nr. 4 StPO) (Drucksachen 11/816,
11/1933)
b) Beratung der Beschlußempfehlung und
des Berichts des Rechtsausschusses zu
dem Antrag der Abgeordneten Frau
Nickels und der Fraktion DIE GRÜNEN:
Keine Zwangsverteidiger für Blinde
(Drucksachen 11/624, 11/1933)
Singer SPD 4662 C
Eylmann CDU/CSU 4663 C
Frau Nickels GRÜNE 4663 D
Kleinert (Hannover) FDP 4664 C
Engelhard, Bundesminister BMJ 4665 A
Nächste Sitzung 4665 D
Anlage 1
Liste der entschuldigten A b g e o r d n e t e n . . 4666* A
68. Sitzung
Bonn, den 10. März 1988
Beginn: 17. 30 Uhr
Vizepräsident Stückten: Meine Damen und Herren!
Ich eröffne die 68. Sitzung des Deutschen
Bundestages.
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 22 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten
Müntefering, Conradi, Amling, Dr. Böhme (Unna),
Erler, Großmann, Frau Hämmerle, Dr.
Hauchler, Huonker, Menzel, Dr. Niese, Oesinghaus,
Reschke, Scherrer, Weiermann, Lohmann
(Witten), Nehm, Schmidt (Salzgitter), Dr. Sperling,
Wartenberg (Berlin), Jahn (Marburg), Dr.
Vogel und der Fraktion der SPD
Die Wohnungsgemeinnützigkeit erhalten und
stärken
- Drucksache 11/1389 -
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Ausschuß für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau
(federführend)
Finanzausschuß
Haushaltsausschuß
Nach Vereinbarung des Ältestenrats sind für die
Beratung 90 Minuten vorgesehen.
(Kleinert [Marburg] [GRÜNE]: Sind wir denn
beschlußfähig, Herr Präsident?)
Ist das Haus damit einverstanden? — Ich sehe und
höre keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen.
Das Wort hat Herr Abgeordneter Müntefering.
Müntefering (SPD): Herr Präsident! Meine Damen
und Herren! Wir beraten ein Gesetz, bei dem Herr
Stoltenberg federführend ist. Herr Stoltenberg ist
nicht hier.
(Zurufe von der SPD: Warum?)
Wir beraten unter Protest hier weiter. Ich stelle noch
einmal klar: Wir lassen uns in unserer
parlamentarischen Arbeit nicht aufhalten. Doch es ist nicht in
Ordnung, daß der Finanzminister, der dieses Gesetz, in
dem wohnungs- und sozialpolitischer Sprengstoff
sondergleichen steckt, angeleiert hat, nicht hier ist,
wenn es im Parlament beraten wird.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Man kann nur hoffen, daß er die Botschaft noch hört
und hierherkommt solange hier noch debattiert wird.
Die Millionen Mieter draußen, die davon betroffen
sind, werden ja registrieren, wie wenig Herr
Stoltenberg an dem interessiert ist, was er im Deutschen
Bundestag beschließen lassen will.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN -
Dr. Möller [CDU/CSU]: Ich denke, wir
beraten einen Antrag der SPD und kein
Gesetz!)
Es geht bei diesem Aspekt des Steuerpakets darum,
daß der Bundesfinanzminister den gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen und einem großen Teil der
Genossenschaften ihren Status nehmen will. Das
bedeutet, daß acht Millionen Mieter in ihrem
Mieterschutz sofort oder mittelfristig beschränkt werden.
Das bedeutet, daß Mieten steigen.
(Widerspruch bei der CDU/CSU)
Das bedeutet, daß die Versorgung der sozial
Schwachen in den großen Städten noch weniger als bisher
gewährleistet ist.
Das ist der Gegenstand dieser Debatte. Deshalb
gehört der Herr Bundesfinanzminister hierher.
(Beifall bei der SPD)
Was der Herr Finanzminister Stoltenberg plant, ist
ein Affront gegen dieses Parlament. Wir haben vor
knapp einem Jahr den Bericht des 3.
Untersuchungsausschusses zur Kenntnis genommen und
einvernehmlich festgestellt: Die
Wohnungsgemeinnützigkeit ist ein wichtiges Gut; sie bleibt erforderlich; sie
soll erhalten und novelliert werden. — Wenn ein
Finanzminister ein knappes halbes Jahr, nachdem das
Parlament dies festgestellt hat, das Aus für die
Wohnungsgemeinnützigkeit in ein neues Gesetz schreibt,
ist auch das ein Affront gegen dieses Haus. Und Sie
stimmen dabei mit.
(Beifall bei der SPD - Dr. -Ing. Kansy [CDU/
CSU]: Es steht doch gar nicht das Gesetz zur
Diskussion, sondern ein Antrag von Ihnen!)
Was Herr Stoltenberg, der Finanzminister, kühl
plant, ist ein Wortbruch dieser Regierung und der
Union. Der zuständige Bauminister und die CDU- und
CSU-Landesregierungen und viele von Ihnen haben
immer wieder den Fortbestand und die
Weiterentwicklung der Gemeinnützigkeit gefordert. Herr
Dr. Schneider, Herr Echternach, Herr Kansy und die
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Müntefering
Herren Diepgen und Strauß und Späth, alle haben
sich bis in die letzten Tage immer mit der festen und
richtigen Überzeugung gemeldet: Wir brauchen die
Gemeinnützigkeit weiterhin. Herr Dr. Schneider hat
das besonders deutlich am 6. Oktober 1987 gesagt. Ich
will das zitieren, was er da gesagt hat, weil es gut und
richtig ist:
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Er ist ohnehin
gut!)
Eine rein fiskalische Beurteilung der
Wohnungsgemeinnützigkeit greift zu kurz.
Nun kommt ein Satz, den Herr Häfele für Herrn
Stoltenberg sicher mitnimmt:
Hier scheint es mir häufig bei den Kritikern der
Steuerbefreiung an der nötigen Sachkunde über
die Strukturen der Wohnungsmärkte zu fehlen.
Das sagt der Bundesbauminister: Der
Bundesfinanzminister weiß da wohl nicht so richtig Bescheid. Der
Bundesbauminister hat ja recht.
Was Herr Stoltenberg plant, ist in diesem Hause und
auch in den Ländern und im Lande insgesamt bei
Sachkennern nicht mehrheitsfähig. Der
Bundesfinanzminister erzwingt, erpreßt in dem Steuerpaket,
daß auch die hier im Hause, die es besser wissen
— Herr Schneider, Herr Echternach, Herr Kansy und
all die anderen — für die Abschaffung der
Wohnungsgemeinnützigkeit stimmen. Er erpreßt das. Es ist nicht
Ihre Überzeugung, da bin ich sicher. Sie sollten
aufstehen und dagegen Sturm laufen!
(Beifall bei der SPD)
Was Herr Stoltenberg plant, ist ein Schlag gegen die
Mieter. Fast eine Million der betroffenen Wohnungen
unterliegen schon heute nur noch der
gemeinnützigkeitsrechtlichen Bindung. Diese Wohnungen werden
mit der Entscheidung gegen die
Wohnungsgemeinnützigkeit in den freien Markt überführt, wie Sie das
zu nennen belieben.
Im Lande Nordrhein-Westfalen sind die Spielräume
für Mieterhöhungen erfragt worden. Im Durchschnitt
ist eine Mieterhöhung um 1 DM pro m2 pro Monat
möglich. Der Erhöhungsspielraum zwischen den
immer noch niedrigen Mieten der sozial- und
gemeinnützigkeitsrechtlich gebundenen Wohnungen und
den Mieten der Wohnungen auf dem freien Markt
reicht von 1 DM bis zu 2, 89 DM. 1 DM bis 2, 89 DM
Mieterhöhungsmöglichkeiten! Im ersten Jahr, meine
Damen und Herren, kann um 30 % erhöht werden. Im
vierten Jahr kann noch einmal um 30 % erhöht
werden bis hin zur Vergleichsmiete. Das bedeutet: Es
wird Mieterhöhungssprünge hohen Ausmaßes geben.
Die Gefahr ist da. Sie verursachen sie mit diesem
Gesetz.
Was Herr Stoltenberg plant, ist unverantwortlich
gegenüber den Städten; denn in den
Bedarfsschwerpunkten ist die Versorgung, insbesondere der sozial
Schwachen, längst noch nicht gewährleistet. Wenn
die Möglichkeit des Zusammenwirkens, wie sie heute
besteht, zwischen Städten und gemeinnützigen
Unternehmen und Genossenschaften nicht mehr
gegeben ist, wird die Versorgung noch schlechter werden.
Sehen Sie sich an, was in München dazu gesagt
worden ist. 80 000 Wohnungen sind von dem Gesetz
betroffen. Das wird Mieterhöhungen bedeuten. Das wird
aber auch bedeuten, daß insbesondere die sozial
Schwachen noch schwerer als bisher in
bedarfsgerechte Wohnungen zu vermitteln sind.
Was Herr Stoltenberg plant, ist eine Frechheit
gegenüber den Genossenschaften. Angeblich — so liest
man es ja zunächst — sind die Genossenschaften von
dieser Neuregelung ausgenommen. Aber dann
kommt der Nachsatz: Sie sind nur insoweit
ausgenommen, als sie nur Vermietungsgenossenschaften sind.
Genossenschaften sind aber von ihrer Tradition her
immer auch Wohnungsbaugenossenschaften. So hat
die Wohnungsgenossenschaft einmal angefangen.
Der ganze Gedanke beruht auf dem Neubau.
(Zurufe von der CDU/CSU: Neue Heimat!)
Deshalb ist es ganz wichtig, daß die
Genossenschaften die Möglichkeit behalten, als Bauträger tätig zu
bleiben. Deshalb ist es unredlich, wenn hier so getan
wird, als ob die Genossenschaften ausgenommen
seien. Auch die Genossenschaften und ihre Mieter
sind von dem betroffen, was Herr Stoltenberg Ihnen
unterschiebt.
Was Herr Stoltenberg plant, ist eine
Verschleuderung von Sozialvermögen. Das
Bruttoanlagevermögen der betroffenen Unternehmen liegt bei 480
Milliarden DM. Das sind Wohnungen und alles, was
dazugehört. Das ist quasi ein Stiftungsvermögen. Das ist
ein Vermögen, das nur für Wohnen und für alles, was
damit zusammenhängt, eingesetzt werden darf. Nun
wird es freigegeben, wie Sie sagen. Das ist eine
schöne „Freiheit". Es wird aus allen Bindungen
freigegeben. Auch deshalb muß man gegen dieses
Gesetz sein.
Die Unternehmen werden die Mieten massiv
erhöhen müssen,
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Quatsch!)
weil sie überleben wollen. Denn wenn zustande
kommt, was in dem Gesetz steht, daß beim Übergang
in die neue Struktur, in die gemeinnützigkeitsfreie
Zeit, der Buchwert besteuert wird, werden die
Unternehmen, wenn sie überleben wollen, Mieten erhöhen.
Sie werden überleben wollen. Damit werden die
Mieter erneut zur Kasse gebeten werden.
Wenn Ihnen nun all die
gemeinnützigkeitsrechtlichen, die wohnungspolitischen und sozialpolitischen
Argumente nicht eingehen, Herr Häfele und Herr
Stoltenberg, dann ist auch noch festzustellen: Das,
was Sie hier vorlegen, was Sie hier planen, ist eine
Milchmädchenrechnung. Das ist ja nun wirklich das
letzte, was einem Finanzminister passieren sollte. Es
steht in dem Gesetz: Das bringt uns 100
Millionen DM, wenn die Steuerfreiheit entfällt. Es mag ja
sein, daß es 100 Millionen DM bringt. Aber welche
neuen Möglichkeiten für diese Unternehmen ergeben
sich denn, wenn sie anschließend als freie
Unternehmen alle steuerlichen Möglichkeiten wahrnehmen,
bis hin zu der Berücksichtigung von Verlusten aus
Vermietung und Verpachtung? Es wird beim Bund
draufgezahlt, und es wird nicht gewonnen. Auch das
wissen Sie. Deshalb ist es falsch, zu behaupten, das sei
ein Punkt, an dem die Steuerreform nun unbedingt
festhalten müsse.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das macht die
Neue Heimat doch über ihre
Tochtergesellschaften!)
Herr Stoltenberg hat wirklich Pech mit seinem
Steuerpaket. Es ist nicht nur schlimm in seinen
Konsequenzen, sondern es ist auch schlecht vorbereitet.
Das hat ihm vorgestern der bayerische
Ministerpräsident schriftlich gegeben. Der Ministerrat des
Freistaates Bayern hat vorgestern festgestellt, „wegen der
bei den Koalitionsverhandlungen nicht aufgezeigten,
aber jetzt zutage getretenen Probleme" sei
mindestens eine Verfahrensänderung erforderlich. Man
erinnert sich: Das hatten wir in Sachen Quellensteuer ja
schon einmal. Die bayerische Regierung bescheinigt
dem Bundesfinanzminister, daß er bei den
Koalitionsverhandlungen offensichtlich nicht ausreichend
informiert hat und die Probleme, die mit dem verbunden
sind, was er nun hier vorschlägt, nicht deutlich
gemacht hat. Ich finde, das ist eine richtige
Bewertung.
Nun kommt die bayerische Staatsregierung zu dem
Ergebnis:
Die Streichung der Steuervergünstigung der
Gemeinnützigen Wohnungsunternehmen und die
Aufhebung des
Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts sollen zumindest aus dem Paket der
Steuerreform 1990 herausgenommen werden.
Gut so. Wörtlich heißt es weiter:
Damit würden alle Beteiligten Zeit gewinnen, das
Für und Wider einer Aufhebung des
Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts einerseits und seiner
Fortsetzung und Reform andererseits ohne
Zeitdruck abzuwägen.
(Beifall bei der SPD)
Das Land Bayern sagt: Bundesregierung und
Finanzminister, nehmt dieses Stück Wohnungspolitik
aus diesem Gesetz heraus; es gehört nicht dahin.
Dann werden die Fachleute, die etwas von
Wohnungs- und Städtebau und von Sozialpolitik
verstehen, getrennt darüber reden, wie man mit diesem
Thema weiter verfahren soll.
Die SPD-Bundestagsfraktion begrüßt den Beschluß
des Landes Bayern. Wir sind bereit, mit denen, die
guten Willens sind, an einer Novellierung der
Wohnungsgemeinnützigkeit und an deren Fortbestand
und deren Stärkung zu arbeiten. Denn es ist im
Interesse der betroffenen Menschen, der Mieter und aller
sonstigen Betroffenen, erforderlich, daß wir die
gemeinnützige Wohnungswirtschaft als Teil unserer
Sozialpolitik und unserer Wohnungspolitik auch für die
Zukunft behalten.
Das ist nun die Einladung an Herrn Häfele, wenn
schon Herr Stoltenberg nicht da ist: Er möge
hierhinkommen und erklären: Jawohl, wir sind bereit; wir
nehmen das heraus. — Dann werden wir von vorne
anfangen, zu diskutieren, und sinnvolle Lösungen
suchen.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Stücklen: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Kansy.
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Zunächst einmal
bin ich dem Kollegen Jahn dankbar. Wir hatten als
Wohnungsbaupolitiker noch nie so ein schönes
Auditorium wie heute,
(Zustimmung des Abg. Bohl [CDU/CSU])
wenn ich auch eigentlich geglaubt habe, wir redeten
über den SPD-Antrag „Die
Wohnungsgemeinnützigkeit erhalten und stärken" und würden nicht eine
polemische Wiederauflage der Mietendebatte des
Winters 1982/83 veranstalten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren von der SPD, wenn Sie
sagen, das gemeinnützige Verhalten der
Wohnungsunternehmen sei in Gefahr, erwidere ich: Keiner
hindert ja die Unternehmen, künftig weiter
gemeinnütziges Verhalten zu zeigen.
Richtig ist: Die Gemeinnützigkeit war in ihrer
hundertjährigen Geschichte nie so sehr in Gefahr wie in
der Zeit, in der Ihre Genossen im Aufsichtsrat und
Vorstand der Neuen Heimat 300 000 Wohnungen an
einen Bäcker namens Schiesser verscherbelt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deswegen, glaube ich, ist es schon ein starkes Stück,
wenn ausgerechnet Sie sich hier zum Kritiker
gemeinnütziger Unternehmen machen wollen, die eine neue
Zukunft suchen.
Meine Damen und Herren, die Diskussion um die
Wohnungsgemeinnützigkeit ist viel älter als die
Diskussion um die Steuerreform. Dies ist auch
verständlich, denn die Ursprünge der
Wohnungsgemeinnützigkeit liegen bereits ein ganzes und die gesetzlichen
Grundlagen ein halbes Jahrhundert zurück.
Während die ursprünglichen Ideen des
gemeinschaftlichen Wohnens heute durchaus noch aktuelle
Bedeutung haben, hat sich die Unternehmensstruktur
vielfach so geändert, daß sie den ursprünglichen
Ansätzen und auch den gesetzlichen Regelungen nicht
mehr voll gerecht wird. Deswegen, Herr Kollege
Müntefering, ist es doch nicht verwunderlich, daß es keine
einzige politische Kraft — auch nicht die
Sozialdemokraten im Fachausschuß —, keinen einzigen
Fachgutachter und keinen einzigen Verband gibt, die die
Auffassung vertreten würden, der Status quo könne oder
müsse erhalten werden.
(Beifall des Abg. Grünbeck [FDP])
Das einzige, worüber wir streiten, ist die Gestaltung
von Änderungen. Es geht also nicht um das Ob,
sondern es geht um das Wie. Deswegen geht das, was Sie
hier vorgetragen haben, an der Sachdiskussion
vorbei.
Wir hatten zunächst die Bund-Länder-
Kommission „Wohnungsgemeinnützigkeit" der Bauminister.
Diese hat, Herr Dr. Schneider, eine Beibehaltung der
Wohnungsgemeinnützigkeit nach Novellierung
empfohlen.
Dann hatten wir vom Bundesfinanzminister
eingesetzt Herr Staatssekretär Häfele, die Hofbauer-Kom-
Dr. -Ing. Kansy
mission. Diese hat eine Aufhebung der
Wohnungsgemeinnützigkeit empfohlen.
Dann hatten wir den Untersuchungsausschuß
„Neue Heimat" — tatsächlich, Herr Müntefering —,
der die Beibehaltung empfohlen hat, aber nach den
schlimmen Erfahrungen mit der Neuen Heimat
wesentliche Veränderungen des
Gemeinnützigkeitsrechtes gefordert hat, insbesondere stärkere
Kontrollen und stärkere Bindungen. Das ist wiederum von der
gemeinnützigen Wohnungswirtschaft selber als
Status quo minus, also negativ in die Diskussion
eingeführt worden.
Nun sind tatsächlich die Ministerpräsidenten der
Bundesländer einschließlich des Freistaates Bayern
aus unterschiedlichen Gründen teils für, teils gegen
die Wohnungsgemeinnützigkeit. Dann hat die
gemeinnützige Wohnungswirtschaft selber mit der
Vorlage eines Positionspapiers, genannt „Der lange
Weg", ihrerseits eine Bestandsaufnahme gemacht
und dabei nicht pro und kontra WGG-Novellierung
Stellung genommen, sondern einige Eckpunkte
aufgeführt. Um die Diskussion als Sachdebatte
fortzuführen und nicht als polemische Auseinandersetzung,
möchte ich Sie bitten, sich diese Eckpunkte vor Augen
zu führen.
Erstens — ich zitiere — sagt die gemeinnützige
Wohnungswirtschaft:
Wir fühlen uns keinen abstrakten Regelungen
verpflichtet, die oft genug gar nicht sinnvoll und
praktikabel sind, sondern den Menschen, denen
wir Wohnung geben, sei es zur Miete, sei es zum
Eigentum.
(Zuruf des Abg. Jahn [Marburg] [SPD])
Zweites Zitat: Die gemeinnützige
Wohnungswirtschaft sagt, Herr Jahn:
Die langfristige Vermietbarkeit unserer
Wohnungsbestände ist unser erstes Interesse. Ihrer
Erhaltung, Modernisierung und ständigen
Verbesserung gilt in Zukunft ein Großteil unserer
Anstrengung.
Drittes Zitat:
Wenn es zu einer Novellierung der
Wohnungsgemeinnützigkeit kommt, sorgen Sie bitte dafür,
daß die gesetzlichen Regelungen nicht zu einer
Garrotte werden, die uns die Luft nimmt, die wir
brauchen, unsere Aufgaben verantwortbar zu
erfüllen.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Sie machen eine
Guillotine daraus!)
Nun muß ich ganz ehrlich bekennen: Ich wußte
nicht, was eine Garrotte ist. Ich habe einmal in den
Duden geguckt. Da steht, daß es aus dem Spanischen
kommt und ein würgeschraubähnliches Halseisen
bedeutet, mit dem in Spanien die Todesstrafe durch
Erwürgen vollstreckt wurde.
Welche Option haben wir als Politiker nun vor
diesem Hintergrund? Wir können zunächst einmal den
Vorstellungen der Bund-Länder-Kommission und des
Untersuchungsausschusses „Neue Heimat" folgen
und eine Novellierung vornehmen. Das ist eine reale
Möglichkeit.
Aber dies bedeutet u. a.: Erstens. Der heutige
Wohnungsbestand der gemeinnützigen Gesellschaften
wird alleinige Wohnungsreserve für
Problemgruppen in der Zukunft mit der Gefahr einer Gettobildung,
die wir in vielen Großstadtsiedlungen heute bereits
beobachten können. Zweitens. Die Kommunen
erhalten weitgehende Belegungsrechte, ohne letztlich
unternehmerische Verantwortung übernehmen zu
müssen. Drittens. Die Unternehmen dürfen künftig nur ein
räumlich begrenztes Gebiet beackern und müssen
gemeinnützige und nicht gemeinnützige Tätigkeiten
trennen. In der Realität würde das für die heutigen
Unternehmen eine Zerschlagung von Aufgaben
bedeuten, die heute sinnvoll zusammengewachsen sind.
Von zusätzlichen Kontroll- und
Sanktionsmechanismen möchte ich gar nicht reden.
Meine Damen und Herren, alles dies soll vor dem
Hintergrund passieren, daß — was wohl allgemeiner
Konsens ist — die Kostenmietenregelung bestehen
bleibt und Nachsubventionierung nicht in Sicht ist, da
sich der Bund auf Wunsch der Länder aus dem
sozialen Wohnungsbau zurückzieht und auch keine
Rechtsverpflichtung zur weiteren Mitwirkung hat, die
Länder bisher nicht zu erkennen geben, daß sie zur
Nachsubventionierung bereit sind, und für die
Kommunen die Angelegenheit eine Kragenweite zu groß
ist.
Meine Damen und Herren, dies bedeutet
betriebswirtschaftlich nichts anderes als einen
programmierten Substanzverzehr bei den Unternehmen mit dem
Ergebnis, daß sie ihre erklärten Ziele, angemessene
Wohnungen zu angemessenen Preisen zu schaffen,
nicht mehr wahrnehmen können. Genau das ist das
System „Garrotte", wenn wir so weitermachen wie
bisher, ohne uns der neuen Situation zu stellen.
Was ist nun die andere Option? Die andere Option
ist, den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
mehr wirtschaftlichen Handlungsspielraum und
damit allerdings auch Verantwortung zu übertragen. Sie
können in die Lage versetzt werden, aktiver am Markt
zu operieren und durch Befreiung von ursprünglich
sinnvollen, heute hemmenden überbürokratischen
Einflußnahmen auch wohnungspolitisch vernünftiger
und sozial gerechter zu handeln, als das heute
teilweise möglich ist.
Dies bedeutet tatsächlich auch Steuerpflicht, aber,
Herr Kollege Müntefering, überhaupt nicht
automatisch Mieterhöhung.
(Müntefering [SPD]: Das werden Sie ja
sehen!)
Denn die Höhe der Steuern hängt z. B. davon ab,
wieviel in Neubau, Modernisierung und Erhaltung
steuermindernd investiert wird. Dies ist jedoch auch im
unmittelbaren Interesse der Mieter: je mehr
Investitionen, je bessere Wohnqualität, um so niedriger die
Steuern, um so besser für die Menschen, die in diesen
Wohnungen wohnen.
(Müntefering [SPD]: Das ist doch
lebensfremd, was Sie da erzählen!)
Ob allerdings die Rechnungen der Beamten im
Bundesfinanzministerium richtig sind, wird die Zukunft
erweisen. Keiner kann diese Rechnungen so oder so
verifizieren. Sollte es jedoch stimmen, daß 1990
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 3 1
Dr. -Ing. Kansy
30 Millionen DM — am Ende eines längeren
Prozesses vielleicht sogar 100 Millionen DM — Steuern zu
zahlen wären — jetzt hören Sie einmal genau zu, Herr
Kollege Jahn, mit Ihren wüsten Beschuldigungen:
Mietsteigerungen in Höhe von 1 DM pro
Quadratmeter! — Wir haben derzeit 3, 4 Millionen Wohnungen
bei den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen.
Wenn das mit den 30 Millionen DM mehr Steuern im
Jahre 1990 stimmt, dann bedeutet das bei 3, 4
Millionen Mietwohnungen im Schnitt eine Mieterhöhung
von 74 Pfennig pro Wohnung und Monat — ich sage
ausdrücklich: im Schnitt — bzw. 1, 2 Pfennig pro
Quadratmeter und Monat.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU)
Ich sage noch einmal: Falls dies mit diesen 30
Millionen DM stimmt. Wir aber müssen uns hier diese
Polemik bezüglich unverantwortlicher
Mieterhöhungen auf Grund dieser angeblichen Gesetzgebung
anhören, obwohl bisher nur ein Referentenentwurf
vorliegt.
(Müntefering [SPD]: Ach nein!)
Es ist noch nicht einmal eine Kabinettsvorlage, schon
gar nicht eine, die das Parlament passiert hat.
(Müntefering [SPD]: Ach! - Conradi [SPD]:
Das ist echt stark! Deshalb waren Sie in der
Beethovenhalle!)
Meine Damen und Herren; ich bedauere wirklich
sehr, daß Ihnen in dieser schwierigen Diskussion eine
notwendige Änderung der gemeinnützigen
Wohnungswirtschaft zu gestalten nichts anderes einfällt,
als wiederum den Mietern Angst zu machen.
(Frau Oesterle-Schwerin [GRÜNE]: Die
Miter können vor Ihnen doch nur Angst
haben!)
Ich habe es bereits vorhin gesagt: Sie haben damit
wirklich eine üble Tradition aufgenommen, die Sie im
Winter 1982/83 hier schon einmal praktiziert haben.
Damals ist Ihre Mietenlüge wie ein roter Ballon
zerplatzt, und sie wird auch diesmal zerplatzen, wenn wir
handeln und uns von Ihnen nicht ins Bockshorn jagen
lassen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Gemeinnützige Wohnungswirtschaft ist weder eine
Erfindung der Sozialdemokraten noch der CDU, noch
einer anderen Partei, noch einer Bundesregierung.
Gemeinnützige Wohnungsunternehmen gab es
lange, bevor sich der Staat der Gemeinnützigkeit
annahm, bevor er Steuerbefreiung gewährte und damit
die Tätigkeit dieser Unternehmen auch staatlich
honorierte.
Ich frage mich wirklich: Wie kommen Sie vor
diesem Hintergrund eigentlich dazu, diesen
Unternehmen und Unternehmensführungen zu unterstellen, sie
würden plötzlich aus wohnungspolitischen
Wohltätern zu Mietenhaien, die nichts anderes im Sinn
haben, als künftig die Mieter auszupressen? Das ist eine
Verunglimpfung von 1 800 gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen,
(Zurufe von der CDU/CSU — Müntefering
[SPD]: Fragen Sie doch einmal die
bayerische Staatsregierung!)
die bis auf ein paar schräge Vögel — und der
schrägste von allen war die Neue Heimat — über
Jahrzehnte, ja ein ganzes Jahrhundert in diesem Lande
wohltätig gewirkt haben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen selbst
schreiben in ihrer Positionsbeschreibung „Der lange
Weg" — ich zitiere —:
Die Genossenschaften
— und das sind immerhin 1 200 von 1 800
Unternehmen —
haben keine Mieter, sondern Mitglieder und
Nutzer. Die industrieverbundenen
Wohnungsunternehmen haben mit Stiftungskapital für
Werksangehörige Wohnungen gebaut und vermietet.
— Ich zitiere jetzt nur die gemeinnützige
Wohnungswirtschaft.
Bei ihnen spielt die Mitbestimmung der
Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter in den
Aufsichtsräten bei der Vergabe und Mietpreisgestaltung
eine erhebliche Rolle.
— Ich zitiere immer noch:
Die kommunalen Wohnungsunternehmen haben
mit Stiftungsmitteln der Kommunen einen
Versorgungsauftrag auf dieser Ebene zu erfüllen.
Unsere Kollegen in den Kommunalparlamenten
haben auch diesen Versorgungsauftrag zu erfüllen und
brauchen nicht unbedingt bundesgesetzliche
Regelungen, um dort vor Ort sozial zu sein.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Kansy,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Conradi.
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Noch einen Satz, Herr
Präsident; dann gerne eine Zwischenfrage, wenn Sie
die Uhr anhalten.
Die kirchlichen Wohnungsunternehmen — und das
sind viele — sind mit ihrem Verständnis für
familiengerechtes Wohnen auf dem Fundament der
christlichen Soziallehre mit starkem Engagement der
Wohnraumversorgung verpflichtet und brauchen nicht Ihre
gesetzlichen Regelungen dafür, Herr Kollege
Müntefering.
(Müntefering [SPD]: Immer ich!)
Bitte schön, Herr Conradi.
Conradi (SPD): Herr Kollege Dr. Kansy, stehen Sie
noch zu Ihrem Brief vom 20. Januar dieses Jahres an
die Mitglieder der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, in
dem es am Schluß heißt:
Die Wohnungspolitiker der CDU/CSU in Bund
und Ländern bitten Sie
— Ihre Fraktion —
heute, dringend zu helfen, eine politische
Dummheit
— das bezieht sich auf die Abschaffung des
Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts —
zu vermeiden?
So haben Sie damals geschrieben. Stehen Sie noch
dazu?
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Herr Conradi, Sie sind
ein — auch fachpolitisch — sehr erfahrener Kollege.
Es ist immer schlecht, unvollständig zu zitieren.
(Conradi [SPD]: Den ganzen Brief kann ich
doch nicht vorlesen!)
— Nein, ich kann Ihnen aber das Wesentliche
sagen.
(Zuruf von der SPD: Das hat er gerade
vorgelesen!)
— Ich gebe den Damen und Herren, die das möchten
— der Presse, Ihnen allen —, den Brief gern einmal
zur Kenntnis. Ich habe gesagt, es kommt bei dieser
Regelung auf die Konditionen an. Das steht da in
diesem Brief.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist das!)
Und ich habe gesagt, daß wir die Sorgen der
Verbände verstehen, die sie bei der Anhörung äußern,
nämlich daß der Ansatz von Buchwerten statt von
Teilwerten im Referentenentwurf die Unternehmen
in ihrer Absicht hindern könnte — darin steht
übrigens auch ein Konjunktiv; falls Sie den überlesen
haben —, sowohl unternehmerisch vernünftig als auch
sozialverträglich verantwortlich zu handeln. Dies ist
der Kritikpunkt — jawohl — unserer Fraktion über
den Bereich des Wohnungsbaus hinaus an dem
Referentenentwurf. Darüber werden wir uns mit dieser
Bundesregierung unterhalten. Die ersten eineinhalb
Seiten dieses Briefes bestehen aus den Darlegungen,
die ich eben hier gemacht habe. Versuchen Sie nicht,
hier irgendwelche Verfälschungen vorzunehmen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Stücklen: Herr Abgeordneter Kansy,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn
Abgeordneten Jahn?
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Herr Präsident, Sie
hatten die Uhr etwas ungünstig für mich gestoppt. Wenn
Sie jetzt etwas großzügiger sind, werde ich dem
Kollegen Jahn auch noch eine Zwischenfrage gestatten.
— Bitte schön.
(Zuruf von der SPD: Keine Kritik am
Präsidenten!)
Jahn (Marburg) (SPD): Herr Kollege Dr. Kansy,
halten Sie die Auffassung in Ihrem Brief, den der Kollege
Conradi eben schon zitiert hat, aufrecht, wonach Sie
gesagt haben — ich zitiere einen ganzen Absatz
vollständig —: „Leider wird der Referentenentwurf des
BMF durch wohnungspolitisch bedenkliche und
politisch unakzeptable Übergangsbestimmungen den
Anforderungen nicht gerecht, einen gleichermaßen
unternehmerisch vernünftigen wie sozial
verantwortlich neuen Anfang zu machen"?
(Zuruf von der CDU/CSU: Das hat er doch
gerade erklärt!)
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Herr Kollege Jahn, das
habe ich gerade ausgeführt.
(Zuruf von der CDU/CSU: Sehr richtig!)
Da wir in diesen Jahren gemerkt haben, daß hier eine
tatsächliche Opposition nicht stattfindet, haben wir
das als Fraktion gleich vorweggenommen.
(Beifall bei der CDU/CSU - Conradi [SPD]:
Erfolglos!)
Es sind noch einige andere Anmerkungen zu machen.
Da sind z. B. die Fragen der Behandlung der
Einengung des Geschäftsbereichs der Genossenschaften
nur auf Vermietung, des Sparwesens innerhalb der
Gemeinnützigkeit. Über alles das werden wir uns
noch unterhalten.
( V o r s i t z : Vizepräsident Frau Renger)
Frau Präsident, ich stehe zwar kurz vor dem
Schlußsatz, aber damit der Kollege Faltlhauser noch seine
Zwischenfrage stellen kann, unterbreche ich noch
einmal kurz.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Abgeordneter
Faltlhauser, bitte.
Dr. Faltlhauser (CDU/CSU): Herr Kollege Kansy,
würden Sie es für angenehm halten, wenn Sie auf
diese Weise den fragenden Kollegen mitteilen
könnten, daß es Ihr Brief war, der die Finanzpolitiker
veranlaßt hat — auf Grund Ihrer fachkundigen
Ausführungen —, diese Teilwertforderung durchaus zu
akzeptieren und in den Regierungsentwurf zu
übernehmen?
(Sehr gut! bei der CDU/CSU)
Dr. -Ing. Kansy (CDU/CSU): Ich bedanke mich, Herr
Kollege Faltlhauser.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Ich weiß nur nicht, was die anschließenden Redner
der Opposition dann heute noch sagen wollen.
(Bohl [CDU/CSU]: Sehr gut!
Hervorragend!)
Mein letzter Appell. Ich möchte jetzt nicht unbedingt
auf Lafontaine zurückgreifen, der ja jetzt immer zitiert
wird. Aber in einem hat er natürlich recht: Wer nicht
den Mut hat zu neuem Denken, meine Damen und
Herren, der wird politisch ein Dinosaurier. Das gilt
auch in Fragen der Wohnungsgemeinnützigkeit.
Ausnahmsweise gestatte ich mir heute einmal ein
Zitat. Der Minister möge es mir verzeihen; denn sonst
ist es ihm ja vorbehalten, hier klassisch zu zitieren,
meist auf lateinisch, manchmal auf griechisch. Ich will
es einmal auf deutsch machen und, indem ich Schiller
zitiere, einen Appell an die Kolleginnen und Kollegen
der Sozialdemokraten richten:
Nicht was lebendig kraftvoll sich verkündigt,
— auch nicht meine Briefe übrigens —
ist das gefährlich Furchtbare. Das ganz Gemeine
ist das ewig Gestrige, was immer war und
wiederkehrt und morgen gilt, was heute hat gegolten.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 3 3
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat Frau
Oesterle-Schwerin.
Frau Oesterle-Schwerin (GRÜNE): Kolleginnen
und Kollegen! Die Absicht der Bundesregierung, die
Steuerbefreiung der gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen abzuschaffen und damit der
Gemeinnützigkeit den Garaus zu machen, basiert immer auf der
Behauptung, daß der Wohnungsmarkt in der
Bundesrepublik gesättigt ist, basiert auf den Behauptungen,
daß wir genügend Wohnungen haben, daß die Mieten
stabil sind, und basiert auf der Lüge, daß das
Wohngeld dazu in der Lage ist, Mieterinnen und Mieter mit
niedrigem Einkommen tatsächlich und ernsthaft zu
entlasten. Diese Behauptungen, diese Unwahrheiten,
möchte ich sagen, platzen wie Seifenblasen, wenn
man sich die Notfallkarteien der Wohnungsämter, die
langen Listen der Wohnungssuchenden in den
Städten und Gemeinden einmal anschaut.
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Wo sind Sie
gewesen?)
— Das kann ich Ihnen sagen: 3 000
Wohnungssuchende gibt es hier in Bonn, 94 % von ihnen haben ein
Einkommen, das um 20% unter der zulässigen
Einkommensgrenze liegt, 3 000 Wohnungssuchende gibt
es in Karlsruhe, einer Stadt, in der jährlich nur ca.
800 Wohnungen durch Fluktuation frei werden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das stimmt ja gar
nicht!)
4 000 Notfälle gibt es in Stuttgart etc. etc. Ich kann die
Liste beliebig fortführen. Gehen Sie, Herr Kansy und
Herr Grünbeck, doch mal in die Sprechstunde von
einem Wohnungsamt! Da sieht die Welt ganz anders
aus als von dem Sessel eines Parlamentariers.
(Grünbeck [FDP]: Sie glauben, daß wir noch
nicht dort waren? Wir waren schon da!
Wollen Sie das Wohngeld abschaffen!)
Wir sind gestern im Ausschuß leider nicht mehr
dazu gekommen, über das Thema „Wohnen im Alter"
zu reden, aber ich kann Ihnen sagen: Von 12
Millionen alten Menschen, die in der Bundesrepublik leben,
haben 2, 3 Millionen ein Einkommen, das weit unter
800 DM liegt. Die meisten davon sind natürlich
Frauen. Wie sollte es auch anders sein? Bei diesen
Menschen nimmt die Miete natürlich einen ganz
erheblichen Teil des Einkommens ein, und es ist nicht
ein Anteil von bloß 10 bis 20 %, von dem in dem
Jubelbericht der Bundesregierung zu der Lage der Nation
die Rede ist. Davon kann bei diesen Menschen
keineswegs die Rede sein.
(Müntefering [SPD]: Das ist wohl wahr!
- Zuruf von der CDU/CSU: Haben Sie
schon mal etwas von Wohngeld gehört?)
Von 5 Millionen Haushalten älterer Menschen
leben 2 Millionen in Wohnungen ohne
Sammelheizungen oder ohne Bad oder mit WC auf dem Flur.
(Eigen [CDU/CSU]: Was haben Sie gegen
eine Einzelheizung?)
Das ist die Wohnungssituation.
In dieser Situation die Wohnungsgemeinnützigkeit
abschaffen zu wollen, das heißt nichts anderes, als
8 Millionen Mieterinnen und Mietern in den Rücken
zu fallen, sie dem sogenannten freien
Wohnungsmarkt auszuliefern, wo sie Mieterhöhungen, Käufen
oder Kündigungen ausgesetzt sein werden.
(Beifall bei den GRÜNEN - Frau Rönsch
[Wiesbaden] [CDU/CSU]: Das ist Ihre Rede
vom letzten Jahr! — Weitere Zurufe von der
CDU/CSU)
— Meine Rede ist ähnlich, weil sich an der Situation
überhaupt nichts geändert hat, und dazu haben Sie
kräftig mit beigetragen, Frau Rönsch.
Die Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit
ist allerdings nicht der erste Schlag der
bundesrepublikanischen Wohnungspolitik gegen Mieterinnen
und Mieter. Mit der Einführung der steuerlichen
Gleichstellung von Neubauten und Käufen aus dem
Altbaubestand, die 1976 — wohlgemerkt — schon
von der SPD-Regierung eingeführt wurde, und mit der
erneuten Begünstigung dieser Käufe durch die
Novellierung der Abschreibung nach § 7b bzw. nach § 10e
ab 1986 begann ein regelrechter Umwandlungsboom.
Allein in Stuttgart sind innerhalb von zehn Jahren
10 400 Altbaumietwohnungen durch Umwandlungen
verlorengegangen.
(Frau Rönsch [Wiesbaden] [CDU/CSU]: Das
sind alles die schlimmen Architekten, Frau
Architektin! - Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]:
Nicht auf die Zwischenrufe eingehen, Frau
Kollegin, da kommt man aus der Fassung!
— Conradi [SPD]: Die Zwischenrufe von
Frau Rönsch sind so, daß man nicht darauf
eingehen muß!)
— Sie sind wahnsinnig niveaulos, aber ich wundere
mich nicht darüber.
(Beifall bei den GRÜNEN und der SPD -
Zuruf des Abg. Dr. Bötsch [CDU/CSU] -
Conradi [SPD]: Das Paar Bötsch/Rönsch!
- Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Ach, der Abriß-
Conradi!)
Durch den völligen Rückzug von Bund und Ländern
aus dem sozialen Wohnungsbau und durch den
Ablauf der Bindungen gibt es von Jahr zu Jahr weniger
Sozialwohnungen, und die, die übriggeblieben sind,
sind durch das degressive Förderungssystem mit der
Zeit so teuer geworden — Herr Möller, das sage ich
auch zu Ihnen — daß sie nur noch von
Besserverdienenden oder von solchen Menschen bewohnt werden
können, deren Miete vom Sozialamt übernommen
wird.
Kolleginnen und Kollegen, die Abschaffung der
Steuerfreiheit für gemeinnützige
Wohnungsunternehmen wird dem Staat die 100 Millionen DM, die
Stoltenberg uns davon verspricht, nicht einbringen.
Ich sage extra: Er verspricht sie uns. Selber kann er
gar nicht so naiv sein, daran zu glauben. Was
Stoltenberg hier macht,
(Zuruf von der CDU/CSU: Dr. Gerhard!)
das nennt man im besten Fall eine
Milchbübchenrechnung.
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD - Dr. -
Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das ist
geschlechtsneutrale Bezeichnung? — Dr. Möller [CDU/
CSU]: Jetzt kommen Sie auf ein besonders
hohes Niveau!)
In Wirklichkeit ist es nichts anderes als die
Vortäuschung falscher Tatsachen. Falls es dennoch zu
geringen Steuermehreinnahmen kommen wird, werden
diese durch die notwendigen Wohngeldausgaben, die
den Mieterhöhungen folgen werden, weit übertroffen
werden.
Wir gehen also davon aus, daß Stoltenberg ganz
genau weiß, daß die Abschaffung der Steuerfreiheit
der gemeinnützigen Wohnungsunternehmen kein
adäquates Mittel ist, mit dessen Hilfe der Staat seine
Einnahmen vergrößern kann. Die Maßnahme hat
vielmehr den Zweck, die Wohnungsgemeinnützigkeit als
unliebsame Konkurrentin der sogenannten freien
Vermieter zu zerstören.
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Manche Freie
werden sich noch wundern!)
Erfreulicherweise wurde die These von der
Sättigung des Wohnungsmarktes und von den stabilen
Preisen erst vor kurzem von Bundesminister
Schneider selbst widerlegt. So sagte er doch vor potentiellen
Investoren in Kiel am 18. Februar dieses Jahres, daß
inzwischen Anzeichen zu einer
Angebotsverknappung zu erkennen seien. In einigen Stadtregionen,
insbesondere im süddeutschen Raum, sei bereits ein
deutlicher Anstieg der Mieten zu spüren. Steigende
Mieten seien ein marktwirtschaftliches Signal dafür,
daß Wohnungen gebraucht werden. — Sehr richtig,
Herr Minister. — Ich zitiere weiter: „Es zeigt sich, daß
das Wort von der Sättigung der Wohnungsmärkte eine
vorschnelle Verallgemeinerung gewesen war. "
— Das ist richtig. Bloß haben wir das schon lange
gesagt. Wir wissen das schon lange. Sie sind, Herr
Minister, zwar kein absoluter Schnellmerker,
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Sie kommt in ein
immer höheres Niveau!)
aber mir ist es lieber, Sie merken es jetzt, daß sie
jahrelang die falschen Thesen vertreten haben, als Sie
merken es nie.
(Beifall bei den GRÜNEN und bei der SPD
- Dr. Faltlhauser [CDU/CSU]: Eine
schulmeisterliche Arroganz ist das!)
Der Minister ist schon auf dem richtigen Weg. Wir
fragen uns bloß: Wo bleiben die politischen
Konsequenzen?
(Eigen [CDU/CSU]: Ungeheuerlich, so etwas
zu sagen! Von einem Mann wie Stoltenberg,
von dem jedermann weiß, wie intelligent er
ist! — Lachen und Beifall bei der SPD)
Wir meinen allerdings auch, daß der Minister
Schneider seine Forderung nach der Schaffung neuer
Wohnungen nicht an die Investoren, sondern an seine
eigenen Kollegen auf der Regierungsbank zu richten
hat. Private Investoren — ich habe das vorhin bei der
Fragestunde schon angedeutet — sind weder willens
noch in der Lage, den Wohnungsmangel zu beheben.
Ganz im Gegenteil: Die leben doch von der
Wohnungsverknappung.
(Dr. Möller [CDU/CSU]: So einen Unsinn
habe ich selten gehört! - Eigen [CDU/CSU]:
Und das ist eine Architektin! — Conradi
[SPD]: Ihr wärt froh, ihr hättet einen
Architekten bei euch!)
Kolleginnen und Kollegen, ich komme langsam
zum Schluß.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Unsere Fraktion steht den gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen nicht unkritisch gegenüber. Wir
wissen, daß die gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen die Angriffe, denen sie heute ausgesetzt sind,
teilweise selbst verschuldet haben. Wir wissen, daß
die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen in der
Vergangenheit teilweise eine Geschäftspolitik
betrieben haben, die den Mieterinnen und Mietern ganz
erheblichen Schaden zugefügt hat. Wir wissen auch,
daß die Gemeinnützigkeit nicht so bleiben kann, wie
sie jetzt ist. Dennoch sehen wir in dem Erhalt der
Wohnungsgemeinnützigkeit den einzigen Hebel, mit
dessen Hilfe die Sozialbindung bei Millionen von
Wohnungen, die mit immens hohen öffentlichen Mitteln
gebaut worden sind, für einkommensschwache und
benachteiligte Bevölkerungsschichten erhalten
werden kann.
Wir meinen, daß es sich lohnt, an einem Konzept zu
arbeiten, mit dessen Hilfe die Gemeinnützigkeit zu
ihren ursprünglichen Werten zurückgeführt werden
kann. Wir arbeiten an einem entsprechenden
Gesetzentwurf, und wir werden diesen zu gegebener Zeit
hier vorlegen.
Danke schön.
(Beifall bei den GRÜNEN und der SPD -
Zuruf von der SPD: Zur Wiederbelebung der
Leiche! — Conradi [SPD]: Leichen kann man
nicht wiederbeleben!)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der
Abgeordnete Grünbeck.
Grünbeck (FDP): Frau Präsidentin! Meine sehr
verehrten Damen! Meine Herren! Ich glaube, daß der
SPD-Antrag an den Realitäten des Wohnungsmarktes
völlig vorbeigeht. Die Entwicklung der
Gemeinnützigkeit hat mein Kollege Kansy aufgezeigt. Ich will sie
nicht noch einmal wiederholen. Ich will Ihnen nur
sagen, daß ein Großteil — man kann darüber streiten,
ob es der größere Teil ist — der gemeinnützigen
Wohnungsbauunternehmen ein vitales Interesse an der
Veränderung der
Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzgebung hat.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Die wollen Geld
machen!)
Ich glaube, daß wir zur Kenntnis nehmen müssen,
Frau Kollegin Oesterle-Schwerin, daß wir nicht von
einem gesättigten Wohnungsmarkt reden, sondern
davon, daß sich Angebot und Nachfrage ausgleichen.
Wir haben im Bundesgebiet mehr Wohnungen als
Haushalte.
(Conradi [SPD]: Das stimmt gar nicht!
Getürkte Statistik!)
Wenn das keine ausgeglichene Wohnungsmarktlage
ist, kann ich Ihnen nicht helfen.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Kollege, gestatten
Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Müntefering?
Grünbeck (FDP): Ich würde Sie bitten, mir erst
einmal eine gewisse Redezeit zu geben und Ihre Frage
bis dahin zurückzustellen, Herr Kollege. — Aber,
bitte, wenn Sie solchen Wert darauf legen? —
Vizepräsident Frau Renger: Herr Müntefering zu
einer Zwischenfrage.
Müntefering (SPD): Herr Kollege Grünbeck, ich
wollte Sie wegen Ihrer Einführung nur fragen: Ist der
primäre Gesichtspunkt für Sie der des Interesses der
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen oder der
des Interesses der betroffenen Mieterinnen und
Mieter?
Grünbeck (FDP): Hier steht die Wohnungsgemein -
nützigkeitsgesetzgebung und nicht das Mietrecht
oder der Kündigungsschutz oder Mieterhöhungen zur
Diskussion.
(Frau Olms [GRÜNE]: In den Wohnungen
wohnen doch keine Kaninchen!)
Auf das, was Sie machen wollen, komme ich noch
zurück.
Vizepräsident Frau Renger: Gestatten Sie noch eine
Zwischenfrage des Abgeordneten Jahn (Marburg)?
Grünbeck (FDP): Ich möchte keine Zwischenfragen
mehr gestatten.
Vizepräsident Frau Renger: Gut.
Grünbeck (FDP): Es geht Ihnen ja — und das ist der
Hauptpunkt — heute um etwas ganz anderes. Wer
Ihren Antrag genau liest, der wird feststellen, daß es
Ihnen weder um die Gemeinnützigkeit noch um die
Mieter oder sonst etwas geht. Ihnen geht es vielmehr
um den Wahlkampf in Schleswig-Holstein, den Sie
führen wollen, indem Sie den Minister Stoltenberg auf
das Korn nehmen, und nicht etwa um eine Analyse der
Wohnungsgemeinnützigkeit. Die haben doch in dem
Antrag geschrieben, daß der Herr Stoltenberg das
Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz auslaufen lassen
wolle. Das stimmt nicht. Die Koalition hat mit der
Zustimmung aller Fraktionen und aller
Parteivorsitzenden auf der Grundlage der Ergebnisse der
Hofbauer-Kommission beschlossen, die
Wohnungsgemeinnützigkeit mit der Steuerbefreiung zu beenden.
Damit möchte ich mich beschäftigen.
Sie in der SPD machen für meine Begriffe einen
Fehler. Sie stellen sich den Veränderungen nicht.
Wenn Sie die Veränderungen im Markt nicht
beobachten und nicht darauf reagieren, sondern immer nur
auf das Bestehende verweisen, dann kann ich nur
sagen: Ändern Sie den Titel Ihrer Zeitschrift! Ich habe
neulich mal Ihren „Vorwärts" gelesen. Man müßte
den umtaufen in „Rückwärts".
(Heiterkeit bei der FDP — Jahn [Marburg]
[SPD]: Ha, ha! - Dr. Bötsch [CDU/CSU]:
Herr Grünbeck, Sie zitieren Strauß!)
Ich habe gelesen: Aufwärts geht es mit dem
Einkommen des Chefredakteurs, aber abwärts mit dem Inhalt
des „Vorwärts". Das ist die Problematik, die wir zu
besprechen haben.
(Heiterkeit bei der FDP — Jahn [Marburg]
[SPD]: Das ist aber lustig!)
Was sagt das Hofbauer-Gutachten? Es sagt erstens:
Die steuerliche, die steuerpolitische, die
wirtschaftspolitische und die wettbewerbspolitische Bedeutung
müssen neu überprüft werden.
Zweitens. Die Unternehmen unterhegen
Beschränkungen in der Preisgestaltung und im
Geschäftsbereich. Sie können ihrer Aufgabe nicht voll gerecht
werden. Wir, die Freien Demokraten, wollen, daß sie
sich voll in den Markt stellen, verwalten, nutzen,
bauen, verkaufen, betreuen, sanieren, modernisieren
und Eigentumsmaßnahmen mit bauen und
finanzieren können.
Drittens. Die Steuerbefreiung betrifft die
Körperschaftsteuer, die Vermögensteuer und die
Gewerbesteuer. Das führt zu Vergünstigungen, die an die
Mieter weitergegeben werden sollen. Natürlich haben wir
im Bericht des Untersuchungsausschusses Neue
Heimat festgestellt, daß dies nicht immer geschehen ist
und zu Verzerrungen geführt hat.
Meine Damen und Herren, lassen Sie mich in dieser
Stunde noch etwas sagen: Ich möchte nicht, daß aus
dem Bericht des Untersuchungsausschusses Neue
Heimat Allgemeinschlüsse gegen die großartigen
Leistungen der gemeinnützigen
Wohnungsgesellschaften gezogen werden.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Tun Sie aber
doch!)
Wir sollten die Fehlbelegungen vermeiden. Da kann
ich Ihnen nur eines sagen: Wenn wir dem Hofbauer-
Gutachten folgen, werden Sie feststellen, daß stille
Reserven aus den gemeinnützigen Vermögen
aktiviert und mobilisiert werden und wieder in den
Wohnungsmarkt fließen. Das heißt, daß mehr Wohnungen
gebaut werden. Und wie wollen Sie eigentlich eine
bessere Stabilisierung der Mieten erreichen als durch
ein verstärktes Angebot? Das ist eine uralte Regel, die
sich dann bewahrheitet.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Die Körperschaftsteuerpflicht braucht nicht
geändert zu werden. Eine Gesetzesänderung ist insoweit
nicht erforderlich.
(Conradi [SPD]: Ich wundere mich nicht,
warum Sie keine Zwischenfragen zulassen!
Ich wundere mich wirklich nicht!)
Weitere Abgrenzungen sind über die
Einkommenshöhe möglich. Meine Damen und Herren,
Problemgruppen — was immer das auch sein mag — sind
schwierig zu beschreiben und abzugrenzen, und der
kommunale Spielraum ist groß. Solange die
Kommunen sozial vermieten wollen, können sie das machen.
Da müssen wir nur noch die Rechtslage klären, aber
das ist Sache unserer Juristen.
Der gemeinnützige Wohnungsbauverband hat mir
am 27. November einen Brief geschrieben, und darin
kommt eigentlich zum Ausdruck, daß er den
Änderungen des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes
einschließlich der Aufhebung der Steuerbefreiung zu-
4636 Deutscher Bundestag — 11. Wahlpenode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988
Grünbeck
stimmt, wenn wir bestimmte Konditionen erfüllen. Ich
glaube, wir stimmen doch — zumindest in der
Koalition — darin überein, daß wir uns einmal darüber
unterhalten sollten, was denn diese Konditionen sind.
(Müntefering [SPD]: Was sagen Sie denn zu
Bayern?)
— Ich komme noch darauf zurück. Herr Müntefering,
ich bleibe doch auf keine Frage, die Ihnen auf dem
Herzen brennt, die Antwort schuldig.
(Müntefering [SPD]: Kommen Sie mal
darauf!)
— Das hebe ich mir für den Schluß auf.
Die Wahlmöglichkeiten zu eröffnen, halte ich für
gefährlich, weil Wahlmöglichkeiten natürlich nach
den kritischen Parametern, die wir ansetzen müssen,
sehr schwer zu differenzieren sind. Die Gefahr der
Nachversteuerung haben wir erkannt. Darüber
wollen wir mit den Betroffenen reden. Ich glaube, daß wir
die Gefahr der Nachversteuerung bei der Ansetzung
niedrigster Buchwerte erkannt haben und daß wir zu
einer modifizierten Teilwerteregelung kommen. Die
FDP denkt darüber nach, eine Übergangsregelung zu
schaffen, die möglicherweise — das darf ich im
Auftrage meines Freundes Hans Gattermann mit
verkünden — eine Zwischenlösung als eine fiktive Lösung
nach dem allgemeinen Bewertungsrecht und nach
§ 13 des Körperschaftsteuergesetzes darstellt.
Man muß dabei wissen, wie die Ausgangslage der
Unternehmen ist. Es wird Unternehmen geben, die
mehr oder weniger auf die Bestandssicherung
ausgerichtet sind; die werden andere Interessen haben als
die Unternehmen, die sich über die Aktivierung ihrer
stillen Reserven neue Chancen auf dem
Wohnungsmarkt errechnen. Ich bitte Sie herzlich: Denken Sie
einmal darüber nach, was es bedeutet, wenn wir
massive Aktivierungen der stillen Reserven erreichen und
neue Kapitalinvestitionen in den Wohnungsmarkt
leiten. Das hat Bedeutung für die Beschäftigungspolitik
im Baugewerbe. Das wollen Sie immer haben, aber
dann bringen Sie immer die falschen Vorschläge!
(Müntefering [SPD]: Jetzt zu Bayern!)
— Nein, nein, das müssen Sie mir überlassen, wann
ich über Bayern rede.
Markenschutz, Bestandsschutz für Spareinlagen
und Anwendung der Bauträgerverordnung, das sind
Dinge, über die wir mit den Gemeinnützigen reden
werden. Wir sind auch für den Vertrauensschutz der
Organisation insbesondere im Interesse der
Mitarbeiter. Hier haben wir bei der Neuen Heimat, wo eine
Gewerkschaft Inhaber war, die übelsten Erfahrungen
gemacht, nicht nur im Umgang mit den Mietern,
(Jahn [Marburg] [SPD]: Lassen Sie doch
diese Häme, diese nachtragende Häme!)
sondern auch im Umfang mit den eigenen
Beschäftigten. Das muß man einmal feststellen.
(Beifall bei der FDP - Conradi [SPD]: Der
Geschäftsführer hieß Späth!)
Meine Damen und Herren, ich darf vielleicht noch
eines sagen: Die FDP fühlt sich eigentlich durch das
Hofbauer-Gutachten und auch durch die
Vorstellungen der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft in ihrer
Wohnungspolitik bestätigt. Bei uns können Sie in den
Osnabrücker Beschlüssen von 1980, von vor beinahe
acht Jahren, das nachlesen, was die Hofbauer-
Kommission eigentlich bestätigt hat.
(Müntefering [SPD]: Das ist doch gar nicht
wahr!)
Wir sind sehr froh darüber, daß wir in dieser Frage
eine sachliche Kontinuität entwickelt haben. Alle,
aber auch wirklich alle Sachverständigen haben in
den Stellungnahmen unsere Positionen positiv
beurteilt, bis hin zur Hofbauer-Kommission.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Was nur beweist, daß
Sie bei den Sachverständigen gar nicht
hinhören!)
Ich möchte deshalb darum bitten, daß wir zu diesem
Koalitionsbeschluß stehen. Die FDP steht dazu, daß
wir diesen Koalitionsbeschluß ausführen. Der Herr
Strauß war daran beteiligt, und ich finde es nicht gut,
wenn er im bayerischen Ministerrat seine Meinung
geändert hat. Ich appelliere auch an den
württembergischen Ministerpräsidenten
(Conradi [SPD]: Der ist schon umgefallen!)
— nein, nein —,
(Schmidt [Salzgitter] [SPD]: Wahlkampf!)
an diesem Koalitionsbeschluß festzuhalten.
(Conradi [SPD]: Einen württembergischen
Ministerpräsidenten gibt es gar nicht!)
Denn eines muß man wissen: Die Fortentwicklung
unseres Wohnungsmarktes liegt doch uns allen am
Herzen, und im Interesse der Mieter, aber auch im
Interesse einer aktiven Beschäftigungspolitik werden
wir zu diesem Koalitionsbeschluß stehen und die
Bundesregierung dabei unterstützen.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Jahn (Marburg).
Jahn (Marburg) (SPD): Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! „Die Reserven sind verbraucht. Für
die steigende Nachfrage müssen neue Wohnungen
gebaut werden"; so Bauminister Schneider am 19.
Januar 1988. „Das Wort von der Sättigung der
Wohnungsmärkte ist eine vorschnelle Verallgemeinerung
gewesen"; so Herr Schneider am 18. Februar 1988. Er
ist der für den Wohnungsbau Verantwortliche in
dieser Regierung.
Aber zur gleichen Zeit stellt der Bundesminister der
Finanzen im Referentenentwurf des
Steuerreformgesetzes vom 14. Januar 1988 fest: „Die entspannte Lage
auf dem Wohnungsmarkt zeigt", das Ziel,
„preiswerten Wohnraum für breite Schichten der Bevölkerung
zur Verfügung zu stellen", ist „weitgehend erreicht".
„Der Neubau von Mietwohnungen ist nicht mehr
dringlich."
Die können es nicht länger leugnen, meine Damen
und Herren: Diese Regierung spricht mit zwei
Zungen. Schöne, aber falsche Worte für die Mieter,
tatsächlich aber Entscheidungen gegen die Mieter.
(Beifall bei der SPD)
Der Bauminister hat zwar manchmal richtige
Einsichten, aber der Finanzminister hat das Sagen. Er hat den
jüngsten Anschlag der Bundesregierung auf einen
Eckpfeiler sozialer Wohnungs- und Mietenpolitik zu
verantworten: Er will unter dem Deckmantel der
angeblichen Wohltat der Steuerreform die
Wohnungsgemeinnützigkeit zerschlagen. Das ist Politik gegen
die Mieter durch die Hintertür.
Noch vor einem Jahr haben alle Fraktionen des
Deutschen Bundestages im Schlußbericht des Neue-
Heimat-Untersuchungsausschusses festgestellt, auch
CDU/CSU und FDP: Die Gemeinnützigkeit besitzt
„sowohl objektiv als auch subjektiv eine ,
Garantiefunktion' für den Mieter". Der Grundsatz der
gemeinnützigen Vermögensbindung „behält eine Bedeutung
auch in einer Zeit entspannter und im wesentlichen
ausgeglichener Wohnungsmärkte".
Noch am 6. Oktober verkündete Bauminister
Schneider: „Gemeinnützige Wohnungswirtschaft ist
für einen sozialen Wohnungsmarkt unverzichtbar."
(Müntefering [SPD]: Richtig!)
Drei Tage später war dieses Bekenntnis als
Täuschung entlarvt. Die Abschaffung der
Wohnungsgemeinnützigkeit als Teil der Steuerreform war
beschlossen. Und nun machte sich der Bauminister
eilends zum Erfüllungsgehilfen des Finanzministers. Er
verharmloste und sagte, einschneidende wohnungs-
und mietenpolitische Folgen seien nicht zu
befürchten. Er erwarte, daß sich die gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen auch nach Streichung der
Steuerbefreiung und nach Aufhebung des
Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes freiwillig gemeinnützig
verhielten. Mieterhöhungen seien „theoretisch" bei
höchstens 200 000 Wohnungen zu erwarten.
Kläglicher hat sich ein
Bundeswohnungsbauminister noch nie aus der Wohnungspolitik
verabschiedet.
(Beifall bei der SPD)
Und das zu einer Zeit, in der der Wohnungsneubau
einen seit 1949 einmaligen Tiefstand erreicht hat,
(Zuruf von der CDU/CSU: Weil wir genug
haben!)
obwohl uns erst vor fünf Jahren die Bundesregierung
mit dem Gesetz zur Erhöhung des Angebots an
Mietwohnungen das Gegenteil versprochen hat.
Preiswerter Wohnraum für Durchschnittsbürger
und Bezieher niedriger Einkommen wird zur
Mangelware. In den Ballungsräumen steigen die Mieten. Am
10. Februar hat der Deutsche Städtetag Alarm
geschlagen und gesagt:
In den meisten Städten ist der Mangel an
Sozialwohnungen so groß, daß keine nennenswerten
Leerstände mehr zu verzeichnen sind. Die
Leerstandsquote tendiert gegen Null. Für die
steigende Zahl der Sozialwohnungsberechtigten mit
einem hohen Anteil an Minderverdienenden
stehen immer weniger Wohnungen zur Verfügung.
In den kommenden Jahren wird sich das Angebot
sogar noch stark vermindern.. .
Wer in dieser Lage die Wohnungsgemeinnützigkeit
aufheben und die Steuerbefreiung für gemeinnützige
Wohnungsunternehmen streichen will, handelt
verantwortungslos gegenüber den Mietern,
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Diese
Schlußfolgerung ist absolut falsch!)
gegenüber den Wohnungssuchenden und gegenüber
den Kommunen, denen die Last der
Wohnungsversorgung ihrer Bürger überlassen bleibt.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Die Leidtragenden werden die Mieter sein. Das sind
3, 4 Millionen Haushalte; das sind mindestens 8
Millionen Menschen. Für sie hat die
Wohnungsgemeinnützigkeit „Garantiefunktion". Mit der Aufhebung
dieser „Garantie" entfällt die soziale
Mietpreisbindung, die Verpflichtung, staatlich genehmigte
Musterverträge zu verwenden, mit einem Mieterschutz,
der über den gesetzlichen hinausgeht, und der Schutz
vor spekulativer Verwertung z. B. durch
Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.
Die Privatisierung der gemeinnützigen
Wohnungswirtschaft bedeutet: Die Stellung der Mieter wird
verschlechtert.
Das Darmstädter Institut „Wohnen und Umwelt"
hat in einem Gutachten den „Wert" der
gemeinnützigkeitsrechtlichen Mietpreisbindung mit etwa 80 Pf
pro Qudratmeter und Monat berechnet. So groß ist der
Abstand zwischen den Mieten gemeinnütziger
Wohnungsunternehmen und den freien Marktmieten. Das
eröffnet in den ersten fünf Jahren nach Aufhebung der
Wohnungsgemeinnützigkeit einen Spielraum für
Mieterhöhungen in Höhe von 1, 3 Milliarden DM. Für
den einzelnen Mieter heißt das 50 DM bis 70 DM
Mieterhöhung im Monat.
(Grünbeck [FDP]: Sie haben kein großes
Vertrauen zu den gemeinnützigen
Wohnungsgesellschaften!)
Mieterhöhungen sind für die knapp 1 Million
nichtöffentlich geförderter Wohnungen, die nur den
Bindungen der Gemeinnützigkeit unterliegen, ab 1990
möglich. Weitere 1, 5 Millionen Wohnungen
unterliegen zur Zeit noch den Bindungen des sozialen
Wohnungsbaus. Sie fallen bis 1995 aus den Bindungen
heraus. Das Ergebnis ist: Die Regierung hat nicht nur
die Mieter getäuscht; sie läßt die Mieter auch noch die
Steuerreform bezahlen.
(Zustimmung bei der SPD)
Angeblich weniger Steuern, mit Sicherheit aber
höhere Mieten: Das ist das wahre Gesicht dieser
Regierung.
(Beifall bei der SPD und der Abg. Frau
Oesterle-Schwerin [GRÜNE] — Widerspruch
bei der CDU/CSU)
Die Koalition will das Ende der gemeinnützigen
Wohnungswirtschaft. Wenn sich gemeinnützige
Wohnungsunternehmen in Zukunft dem Wettbewerb
stellen müssen, dann müssen sie den Gesetzen des
Marktes folgen. Der aber ist sozial blind.
(Beifall bei der SPD und der Abg. Frau
Oesterle-Schwerin [GRÜNE])
Den gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
werden neue finanzielle Belastungen entstehen — aus der
Steuerpflicht und wenn man sie zwingt, die Probleme
der teuren, degressiv geförderten Mietwohnungen
alleine zu lösen.
Und schließlich: Bei den gemeinnützigen
Baugesellschaften, denen 2, 4 Millionen Wohnungen
gehören, werden wirtschaftliche Entscheidungen künftig
nicht nur von der Unternehmensleitung, sondern auch
von den Kapitaleignern getroffen.
Die Eigentümer werden ihre gemeinnützigen
Tochtergesellschaften als Finanz- und Ertragsquelle
einsetzen. Heute können sie das nicht. Ihrer
Begehrlichkeit ist ein gesetzlicher Riegel vorgeschoben.
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Meinen Sie
damit die Kommunen oder die Kirchen?)
Weder die öffentliche Hand noch die Kirchen als
Eigentümer gemeinnütziger Wohnungsunternehmen
können sich freiwillig gemeinnützig verhalten. Im
Gegenteil: Unter dem Diktat der leeren Kassen werden
sie jede Möglichkeit nutzen müssen, ihre Einnahmen
aufzubessern. Gemeinden und Kirchen tragen einen
so großen Teil der Steuerausfälle durch die
Steuerreform, daß sie, selbst wenn sie wollten, hier keinen
Ausgleich schaffen können.
(Zuruf von der CDU/CSU: Die Kirchen?)
Damit ist klar: Die Steuerreform bedeutet für die
Mieter gemeinnütziger Wohnungsunternehmen
finanzielle Mehrbelastungen in Milliardenhöhe. Und
wenn die gemeinnützigen Bestände am freien Markt
verwertet werden, droht auch noch der Verlust der
Wohnungen. Die Aufhebung der Gemeinnützigkeit
bedeutet Preisgabe der letzten Wohnraumreserve zur
Versorgung der Menschen, die — aus welchen
Gründen auch immer — am freien Wohnungsmarkt keine
Chance haben.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Kollege, gestatten
Sie eine Zwischenfrage?
Jahn (Marburg) (SPD): Bitte.
Uldall (CDU/CSU): Könnten Sie uns bitte einmal
erklären, in welcher Weise die Kirchen die
Steuerreform finanzieren?
Jahn (Marburg (SPD): Weil die Einnahmen der
Kirchen durch die Steuersenkung — Sie wissen das doch
ganz genau, Herr Kollege —
(Uldall [CDU/CSU]: Nein, sonst würde ich ja
nicht fragen, wenn ich das wüßte!)
in einer sie auf das äußerste belastenden Art sinken
werden infolge ihrer Bindung an die Höhe der
Einkommensteuer.
(Beifall bei der SPD — Widerspruch bei der
CDU/CSU)
Aber muß ich Ihnen, der Sie Finanzpolitiker sind, dies
sagen? Sie wissen das doch viel besser als ich. Sie
hören ja auch die Reaktionen aus den Kirchen
darauf.
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Nicht die
Einnahmen werden sinken, die
Steigerungserwartungen! Differenzieren sollten Sie können!)
Bis vor wenigen Monaten gab es breite
Übereinstimmung bei allen Wohnungs- und Sozialpolitikern
in Bund, Ländern und Gemeinden mit dem
Bauminister, als er sagte:
Die Wohnungspolitik braucht auch künftig die
Hilfe der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft,
um den Sozialauftrag einer angemessenen
Wohnversorgung breiter Schichten der
Bevölkerung erfüllen zu können. . . . Es steht ein
Sozialkapital in Höhe von 450 Milliarden DM auf dem
Spiel. Dieses soziale Pfand soll man nicht ohne
Not aus der Hand geben.
Genau das will die Bundesregierung mit ihrer
Steuerreform tun. Unter dem Vorwand des
Subventionsabbaus soll dieses Sozialvermögen verschleudert
werden — mit einer wohnungspolitisch unhaltbaren
Begründung, die von einer Einschätzung der Lage am
Wohnungsmarkt ausgeht, die nicht einmal der
Bundesbauminister teilt.
Fiskalpolitisch ist die Begründung mehr als
fragwürdig. Die Bundesregierung schätzt die steuerlichen
Mehreinnahmen mit ganzen 100 Millionen DM ein.
Zugleich räumt sie ein, daß erhebliche Mehrausgaben
beim Wohngeld entstehen. Die Gemeinden und
Länder werden sich zudem mit der zusätzlichen Last nicht
abfinden. Der öffentlich geförderte
Mietwohnungsbau der Städte und Länder kann die Wohnversorgung
nicht ohne Bundeshilfe sichern. Das Wohngeld wird
den Menschen nicht helfen, die staatlicher Hilfe
bedürfen. Wohngeld schafft keinen Wohnraum — und
schon gar nicht da, wo er gebraucht wird.
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Und Wohngeld gibt denen kein Dach, die am „freien
Wohnungsmarkt" keins finden.
„Zur Gemeinnützigkeit gibt es keine Alternative"
— das stellte vor wenigen Tagen einer fest, der es
wissen muß: der Regierende Bürgermeister von
Berlin, der Stadt, die den größten Bestand
gemeinnütziger Mietwohnungen in der Bundesrepublik
Deutschland hat. Ich fordere Sie, meine Damen und Herren in
den Regierungsfraktionen, auf: Verhelfen Sie Herrn
Kansy zum Erfolg. Vermeiden Sie eine politische
Dummheit. Ich rufe Ihnen im Namen meiner Fraktion
zu: Besinnen Sie sich endlich wieder auf Ihre
Verantwortung, die auch Sie gegenüber den Mietern in der
Bundesrepublik Deutschland haben.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der
Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und
Städtebau, Herr Dr. Schneider.
Dr. Schneider, Bundesminister für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau: Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Die
gemeinnützige Wohnungswirtschaft wird nicht abgeschafft. Die
Wohnungsgemeinnützigkeit ist auch für die Zukunft
unentbehrlich. Sie muß erhalten und gestärkt werden.
Insoweit stimme ich der SPD zu.
Ihre rechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen
Rahmenbedingungen werden gestärkt, erweitert und
verbessert. Die gemeinnützige Wohnungswirtschaft ist
älter als ihre Steuerfreiheit. Deshalb kann der Wegfall
der Steuerfreiheit auch niemals zur Zerstörung der
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen führen.
Die Beschlüsse der Bundesregierung sind geeignet,
die Wirtschaftlichkeit der gemeinnützigen
Unternehmen und Genossenschaften auf Dauer zu stärken und
den Fortbestand gefährdeter Unternehmen zu
sichern. Und worauf es ganz entscheidend ankommt:
Das Vermögen der gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen bleibt voll erhalten. Ein Verlust an
Sozialwohnungen findet nicht statt. Eine Nachversteuerung
wird es nicht geben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP -
Conradi [SPD]: Wenn das keine Einladung
ist, Kasse zu machen!)
Der Eröffnungsbilanz werden die Teilwerte
zugrunde gelegt. Wäre es anders, hätte ich für den
sozialdemokratischen Protest und Aufschrei sehr wohl
Verständnis.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Bundesminister,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Jahn?
Dr. Schneider, Bundesminister für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau: Bitte sehr, Herr Kollege.
Jahn (Marburg) (SPD): Herr Schneider, und wovon
werden dann in Zukunft die Steuern bezahlt?
(Zuruf von der SPD: Gute Frage!)
Dr. Schneider, Bundesminister für Raumordnung,
Bauwesen und Städtebau: Ich kann nur von dem
reden, was Sache ist.
(Lachen bei der SPD)
Meine Ausführungen sind realitätsbezogen und nicht
wunschbezogen.
Meine heutigen Ausführungen mache ich auf der
Grundlage der Koalitionsbeschlüsse vom Oktober/
November 1987. Ich berücksichtige dabei
selbstverständlich auch, daß die Steuerreformgesetze, also
auch die zum WGG, der Zustimmung des Bundesrates
bedürfen.
(Müntefering [SPD]: Jetzt kommt Bayern!)
In der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft
werden die Reformbeschlüsse der Bundesregierung
unterschiedlich bewertet. Ich habe dafür Verständnis.
Die Kritik wäre auch berechtigt gewesen, wenn es
eben bei den Buchwerten geblieben wäre. Niemand
kann nach dem Beschlußstand innerhalb der Koalition
berechtigterweise den Vorwurf erheben, die
Bundesregierung — vielleicht ich persönlich — stünde nicht
zu ihrem wiederholt abgegebenen Bekenntnis zur
Wohnungsgemeinnützigkeit.
Ich darf mich dabei ausdrücklich auf den Direktor
des Gesamtverbandes der gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen, Herrn Jürgen Steinert, beziehen,
der vor der Verbandsversammlung am 28. November
1987 nach meiner Rede dort erklärt hat — ich
zitiere —:
Wer bei Ihnen
— ich war also gemeint —
genau zugehört hat, insbesondere bei den letzten
Sätzen, und wer sich Ihre Presseäußerungen der
letzten Tage ins Gedächtnis zurückholt, konnte
feststellen, daß Sie die Grundsätze zur
Gemeinnützigkeit, die Sie gestern vertreten haben, heute
nicht leugnen.
Soweit Herr Steinert.
Jetzt sind nicht Emotionen gefordert, sondern
tragfähige und dauerhafte Lösungen. Das Thema
Wohnungsgemeinnützigkeit darf nicht für billige Polemik
und politische Rhetorik mißbraucht werden. Unsere
Mieter dürfen nicht verunsichert werden; denn zu
negativen Reaktionen gibt es keinen Anlaß.
Ich wiederhole: Die Aufhebung der Steuerfreiheit
für gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften
bedeutet nicht die Aufhebung der
Wohnungsgemeinnützigkeit.
(Müntefering [SPD]: Sie führt aber faktisch
dazu!)
Auf Grund der neuen Rechtslage öffnen sich für die
Gesellschaften und Genossenschaften neue und von
ihnen wie von mir seit Jahren geforderte
Möglichkeiten. Die Fähigkeit der Unternehmen, sich
eigenverantwortlich gemeinnützig zu verhalten, wird gestärkt.
Soziales Verhalten wird erleichtert. Die wirtschaftlich
unbegründeten und sozial unerträglichen
Verzerrungen der Mieten können abgebaut werden.
Die Unternehmen können selbstverantwortlich die
immer wieder von diesen geforderte
Unternehmensmiete endlich verwirklichen. Endlich können sie
selbst innerhalb ihrer Bestände den von ihnen für
notwendig erachteten sozialen Lastenausgleich auch in
bezug auf Fehlbeleger durchführen.
(Dr. Möller [CDU/CSU]: Was sie immer
gefordert haben! - Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]:
Dies ist gut im Sinne der Mieter!)
Wir müssen erkennen, daß der Gesetz- und
Verordnungsgeber nicht in der Lage ist, auf unterschiedliche
soziale Anforderungen in den einzelnen
Unternehmen angemessen zu reagieren. Hier ist die
unternehmerische Verantwortung gefordert. Wir müssen es
den Unternehmen und ihren Mietern überlassen, Art
und Umfang der sozialen Leistungen zu bestimmen.
Der Wegfall von Bindungen eröffnet die Möglichkeit,
zusätzliche soziale Dienste einzuführen.
Beispielsweise können die Unternehmen künftig
Betreuungsleistungen und Pflegedienste für ältere Menschen
anbieten. Das sind Aufgaben, über die in einigen
Unternehmen schon heute intensiv nachgedacht wird.
Nach Angaben des Gesamtverbandes
Gemeinnütziger Wohnungsunternehmen beträgt das
Bruttovermögen aller gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
fast 500 Milliarden DM. Der Vorwurf, die
Bundesregierung verschleudere dieses Sozialkapital, indem sie
vorschlage, das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz
aufzuheben, ist böswillig. Der Vorwurf ist nicht nur
unberechtigt, er ist auch ganz und gar unbegründet.
Wir geben kein Sozialkapital preis, wir sichern das
vorhandene Sozialkapital, wir retten es sogar. Wir
sichern die wirtschaftliche Grundlage der
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen.
Meine Damen und Herren, nur wirtschaftlich
gesunde Unternehmen können auf Dauer Wohnungen
bereitstellen und soziale Leistungen erbringen. Der
größte wohnungspolitische und sozialpolitische
Rückschritt wäre ein Zusammenbruch von Unternehmen,
wie der Fall „Neue Heimat" gezeigt hat. Ich verweise
auf den Abschlußbericht des Parlamentarischen
Untersuchungsausschusses zum Fall „Neue Heimat".
Schon vor diesem Untersuchungsausschuß habe ich
am 27. November 1986 darauf hingewiesen, daß sich
aus der Kostenmietbindung und der degressiven
Förderung wirtschaftliche Probleme ergeben, die auch
andere gemeinnützige Unternehmen bedrohen. Die
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen haben mir
gegenüber immer wieder erklärt: „Wir brauchen
keine Kostenmiete, wir verlangen kostendeckende
Mieten!" Kostendeckende Mieten entsprechen der
wirtschaftlichen Notwendigkeit einer sachgerechten
Unternehmensführung und auch der sozialen Logik.
Wer die unternehmerischen Kosten nicht mehr
erwirtschaftet, zerstört die Grundlage seines
Unternehmens. Er nimmt den Zusammenbruch in Kauf.
Kein Mieter wird durch die jetzt vorgesehene
steuerliche Regelung überfordert.
(Müntefering [SPD]: „Überfordert" ist aber
ein schönes Wort!)
Ich sage das mit bestem Gewissen, und ich werde in
dieser Frage genauso recht behalten, wie ich damals
im Zusammenhang mit der kleinen Mietrechtsreform
vom Dezember 1982 recht behalten habe.
(Beifall bei der CDU/CSU - Jahn [Marburg]
[SPD]: Sie haben nicht recht behalten! Die
Lage der Mieter widerlegt Sie!)
Meine Damen und Herren, Steuern zahlt in Zukunft
— ich sage einen wichtigen Satz, Herr Kollege
Jahn —, wer mehr als kostendeckende Mieten
verlangt. Wer sich gemeinnützig verhält und lediglich die
Erstattung der Kosten verlangt, zahlt auch in Zukunft
keine Steuern.
(Müntefering [SPD]: So was an Illusion!)
Wegen der Steuerpflicht muß keine einzige Miete
erhöht werden. Die Steuerpflicht verringert den Anreiz,
Mieten zu erhöhen; denn künftig muß mehr als die
Hälfte der Mehreinnahmen an den Staat abgeführt
werden, sobald die Kostendeckung erreicht ist. Das ist
Realität für jeden, der von Wohnungswirtschaft etwas
versteht.
Die Verantwortung für die Mieten liegt heute
vielfach bei der öffentlichen Hand, bei Staat, Bund, Land,
Gemeinden. In Zukunft bilden die Unternehmer
zunehmend selber die Mieten im Rahmen ihrer sozialen
und wirtschaftlichen Verantwortung. Die
Unterstellung, jetzt würden die Mieter ausgequetscht, ist eine
beleidigende Diskriminierung der gesamten
gemeinnützigen Wohnungswirtschaft,
(Jahn [Marburg] [SPD]: Ach Gott, ach Gott!
Sie sind doch sonst nicht so zimperlich!)
die mein volles Vertrauen besitzt, und eine bewußte
Mißachtung einer über Jahrzehnte bewährten
Tradition. — Herr Kollege Jahn, Sie wissen sehr gut, daß
das, was ich sage, richtig ist.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Nein, das ist nicht
richtig!)
Die Unternehmenspolitik wird bestimmt von
verantwortungsvollen und mündigen Vorständen und
Geschäftsführern und — was hinzu kommt — von
sozial engagierten Betriebsräten und Stadträten sowie
von den Vertretern der Kirchen. Ob zum Beispiel in
München die Mieten der städtischen gemeinnützigen
Wohnungsbaugesellschaften erhöht werden, hat also
der Oberbürgermeister mit seinen Stadträten allein zu
verantworten und sonst niemand,
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
nicht Herr Stoltenberg und nicht die
Bundesregierung.
Im übrigen gibt es gemeinnütziges Verhalten nicht
nur in der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft.
Auch in der freien Wohnungswirtschaft gibt es viele
Vermieter, die vorbildliche soziale Leistungen
erbringen und ein ungetrübtes partnerschaftliches
Verhältnis zu ihren Mietern haben. Das erkenne ich in diesem
Zusammenhang ausdrücklich an.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Mietverhältnisse bei den über 11 Millionen
Haushaltungen, die in Wohnungen der freien
Wohnungswirtschaft leben, sind durch sozialen Frieden
zwischen Mieter und Vermieter gekennzeichnet.
Die gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
haben beharrlich immer wieder mehr wirtschaftliche
und unternehmerische Gestaltungsfreiheit gefordert.
Darum haben wir ja gerungen, bis im Rahmen der
Koalitionsverhandlungen über die Steuerreform
dieser Beschluß gefaßt worden ist. Wir waren noch lange
nicht am Ende, ihnen die geforderte wirtschaftliche
und unternehmerische Gestaltungsfreiheit in dem
Maße zu geben. Es ging nämlich um die Frage nach
dem sozialen Äquivalent für die Steuerfreiheit. Die
Antwort war noch nicht gefunden. Das sage ich
ausdrücklich.
Selbstverständlich übernehmen die
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen künftig das volle
unternehmerische Risiko und eben auch die volle soziale
Verantwortung. Ich bin überzeugt: Sie werden sich
dieser Verantwortung würdig zeigen. Das wird die
Unternehmen zwingen, sich darum zu bemühen, noch
wirtschaftlicher zu arbeiten und die Kosten zu
dekken.
Sie werden den Wettbewerb auf dem
Wohnungsmarkt verschärfen. Sie werden sowohl ihre Bestände
verbessern als auch im Neubau investieren, um die
steuerlichen Absetzungsmöglichkeiten
auszuschöpfen. Der zusätzliche Wettbewerb und das zusätzliche
Angebot kommen letztlich den Mietern zugute.
Dieses Gesetz ist ein mieterfreundliches Gesetz. Ich sage
das aus Überzeugung.
(Sehr richtig! bei der CDU/CSU -
Widerspruch bei der SPD - Jahn [Marburg] [SPD]:
Eine schlimme Überzeugung!)
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 4 1
Bundesminister Dr. Schneider
Die wirtschaftliche Bewegungsfreiheit der
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen setzt Kräfte frei, die
der Staat mit bürokratischen Regelungen niemals für
den Mieter mobilisieren kann.
Die Einkommen der privaten Haushalte werden
weiter zunehmen. Damit werden auch die Nachfrage
nach Wohnungen und die Ansprüche an die Qualtität
der Wohnungen steigen.
Diesen wohnungspolitischen Herausforderungen
können nur wirtschaftlich bewegliche
Unternehmungen gerecht werden.
Wir geben den gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen den Spielraum, ihre wirtschaftliche
Grundlage zu sichern, ihr Sozialkapital zu erhalten und ihre
soziale Handlungsfähigkeit zu verbessern. Dadurch
wird die soziale Absicherung der Wohnungspolitik
dauerhaft gestärkt.
Das ist ein wirtschaftlich schlüssiges und sozial
wirkungsvolles Konzept für eine neue
Wohnungspolitik.
(Müntefering [SPD]: Sie müssen noch ein
Wort zu Bayern und zu dem sagen, was der
Ministerrat beschlossen hat!)
— Was den Beschluß des bayerischen Ministerrats
angeht, habe ich Grund zu der Annahme,
(Conradi [SPD]: Das Haus hört zu!)
daß er unter der Voraussetzung gefaßt worden ist, es
bleibe, wie im Referentenentwurf vorgesehen, in der
Eröffnungsbilanz bei den Buchwerten.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Ach was!)
Da aber die Buchwerte dank der parlamentarischen
Unterstützung und dank der politischen Entscheidung
des Herrn Bundesfinanzministers der Vergangenheit
angehören,
(Dr. Faltlhauser [CDU/CSU]: Jawohl!)
ist die Geschäftsgrundlage für einen Protest gegen
den Wegfall der Steuerfreiheit entfallen.
(Jahn [Marburg] [SPD]: Würden Sie Strauß
das sagen?)
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der Herr
Abgeordnete Conradi.
Conradi (SPD): Frau Präsidentin! Meine Damen und
Herren! Herr Minister, aus Ihrer Rede hat man so
richtig die Begeisterung gespürt, mit der Sie diesen
Gesetzentwurf vertreten.
(Beifall bei der SPD)
Daß Sie so tun, als sei das alles aus Ihrem Haus
gekommen, als hätten Sie das von Anfang an gewollt,
finde ich bedauerlich. Sie sollten den Kakao, durch
den der Bundesfinanzminister Sie gezogen hat, hier
nicht auch nocht trinken.
(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der
SPD und der GRÜNEN)
Wir haben diese Debatte über die von der
Bundesregierung geplante Abschaffung der
Gemeinnützigkeit gegen die Koalitionsfraktion erzwungen, weil wir
befürchten müssen, daß die Zeitnot der
parlamentarischen Beratung des Steuerpakets uns nicht erlaubt,
ernsthaft und sachlich über die geplante Abschaffung
der Wohnungsgemeinnützigkeit zu diskutieren. Die
kurze Zeit, die Sie dem Parlament geben wollen, über
dieses große Steuerpaket zu beraten, ist in
Wirklichkeit eine Beleidigung, eine Herabwürdigung des
Parlaments. Sie sollten darauf verzichten, mit Ihrer
Mehrheit beim Steuerpaket das Parlament zur willfährigen
Magd der Regierung zu machen. Unsere Forderung
ist: Nehmen Sie die Wohnungsgemeinnützigkeit aus
dem Steuerpaket heraus! Lassen Sie uns im Herbst in
Ruhe und sachkundig darüber reden! Aber peitschen
Sie das jetzt nicht durch, das wäre dieses Parlaments
nicht würdig!
(Beifall bei der SPD und den GRÜNEN)
Wir fragen uns: Warum wollen Sie eigentlich die
steuerliche Wohnungsgemeinnützigkeit abschaffen?
Als ersten Grund führen Sie an: Steuergerechtigkeit.
Das ist der blanke Hohn bei einer Koalition, die die
Nachtarbeit der Krankenschwester besteuert, um den
Spitzensteuersatz des Chefarztes herabzusetzen. Da
ist das Argument Steuergerechtigkeit eher komisch.
(Beifall bei der SPD - Dr. Bötsch [CDU/
CSU]: Null Ahnung!)
Aber auch wohnungspolitisch schaffen Sie keine
Steuergerechtigkeit. — Ja, Herr Bötsch, das ärgert Sie,
und deswegen sind Sie so unruhig.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Es stimmt nicht! Es
ist falsch! Es ist schlicht und einfach die
Unwahrheit!)
Die steuerliche Förderung des
Wohnungseigentums wird 1988 auf 2, 1 Milliarden DM geschätzt. Die
Wohnungsgemeinnützigkeit wird mit einem Achtel
davon gefördert. Wenn Sie von Steuergerechtigkeit
reden, dann wird einem übel.
(Abg. Dr. Faltlhauser [CDU/CSU] meldet
sich zu einer Zwischenfrage)
— Bitte, Herr Kollege.
Vizepräsident Frau Renger: Herr Kollege
Faltlhauser, bitte.
Dr. Faltlhauser (CDU/CSU): Herr Kollege Conradi,
würden Sie bitte zur Kenntnis nehmen, daß die
Krankenschwester mit Sicherheit nicht befürchten muß,
daß irgendeine Mark, die sie nachts mit ihrer Arbeit
verdient, jetzt versteuert wird, auf Grund der im § 3b
des Einkommensteuergesetzes vorhandenen
Grenzen?
Conradi (SPD): Wir werden es sehen, Herr Kollege.
Sie hatten vor, die Nachtarbeitszuschläge zu
besteuern. Das wird sich dann bei der Gesetzesberatung ja
zeigen.
(Grünbeck [FDP]: Erst behaupten und dann
nachgucken!)
Sie haben als zweites Argument — das haben Sie,
Herr Grünbeck, hier angeführt — gesagt: Die
Subvention sei eigentlich nicht mehr erforderlich, so die
Hofbauer-Kommission, diese famose Stoltenberg-
Kommission,
(Grünbeck [FDP]: Eine unabhängige
Kommission!)
weil der Gemeinwohlzweck des
Wohnungsgemeinnützigkeitsrechts durch das Zweite
Wohnungsbaugesetz gesichert sei. Dies ist nun wirklich eine
Verhöhnung des Publikums; denn nach dem Zweiten
Wohnungsbaugesetz fördern Sie überhaupt keine
Mietwohnungen mehr. Sie haben die
Wohnungsbauförderung dort auf die Hälfte reduziert, Mietwohnungen
werden gar nicht mehr gefördert. Hier wird auf ein
Gesetz verwiesen, das die Bundesregierung im
Mietwohnungsbau nicht mehr anwendet.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Na, na! Jetzt
übertreiben Sie mal nicht!)
Dann kommt Ihr drittes Argument: 100 Millionen
DM Steuermehreinnahmen. Nun wissen Sie ganz
genau, daß die Mietsteigerungen, die kommen werden,
höheres Wohngeld erfordern. Da sind die 100
Millionen DM, auf die sich der Finanzminister vielleicht
freut, schnell weg. Wenn man einmal die steuerlichen
Verluste aus Vemietung und Verpachtung vergleicht,
dann stellt man fest: Sie betrugen 1983 — das sind die
letzten verfügbaren Zahlen — 14 Milliarden DM, das
140fache dessen, was Sie hier einsparen wollen. Wenn
nur ein Prozent der 3, 5 Millionen Wohnungen, die Sie
aus der steuerlichen Gemeinnützigkeit entlassen
wollen, verkauft werden, ist Ihre ganze
Steuermehreinnahme perdu.
Alle Fachleute sagen: Sie werden mit erheblichen
Steuerausfällen rechnen müssen, weil die
Unternehmen die Gestaltungsspielräume des Steuerrechts voll
ausnutzen werden.
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Dann kann es
doch keine Mieterhöhungen geben!)
Auch der Finanzminister weiß das. Wenn Herr
Stoltenberg ein ehrlicher Mann wäre, dann würde er das
sagen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Er ist ein ehrlicher
Mann!)
Tatsächlich haben Sie ganz andere Beweggründe.
Ein Teil der gemeinnützigen Wohnungsunternehmen
sind Werkswohnungsunternehmen, die in
Jahrzehnten für ihre Arbeitnehmer mit Steuermitteln
Wohnungen gebaut haben. Die wollen jetzt Kasse machen und
die stillen Reserven realisieren. Lothar Späth, der
zuerst gegen die Aufhebung der Gemeinnützigkeit war,
ist inzwischen umgefallen so wie der
Bundesbauminister. Das sind diese Helden, die erst groß reden, sie
seien dagegen, und dann umfallen. Späth verlangt
jetzt nur noch, daß die stillen Reserven auf keinen Fall
nachversteuert werden dürfen. So war er schon als
Geschäftsführer der Neuen Heimat. Bei denen waren
auch die Kapitalinteressen wichtiger als die
Interessen der Menschen, die dort wohnen. Hier soll den
Aktionären der Werkswohnungsunternehmen
ermöglicht werden, die ganzen Steuervorteile der
vergangenen Jahrzehnte zu realisieren, d. h. Kasse zu
machen. Dagegen wird sich der Betriebsrat kaum
wehren können, wenn etwa Arbeitsplätze geltend
gemacht werden.
Der zweite, gewichtigere Grund, Herr Grünbeck
— und das kommt ja vor allem aus Ihrer Ecke — ist:
Am Wohnungsmarkt sollen die lästige Konkurrenz
der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft und ihre
soziale Mietpolitik verschwinden; das wollen Sie nicht
mehr.
(Grünbeck [FDP]: Genau das Gegenteil ist
der Fall!)
Das ist den gewerblichen Wohnungsvermietern ein
Dorn im Auge. Die Banken und die Versicherungen
befürchten nämlich, daß sie ausgangs des
Jahrhunderts ihre Wohnungen auf Grund des
Bevölkerungsrückgangs nicht mehr so gut vermieten können.
Von Herrn Lambsdorff, der hier — so sagt er
selbst — „als Abgeordneter mit privatwirtschaftlichen
Interessen" tätig ist — ich höre, auch für die
Spielautomatenhersteller; wahrscheinlich bekommt er da
gelegentlich drei Freispiele —, kann man ja wohl
annehmen, daß er die Interessen der Versicherungen,
ihre Wohnungsbestände gut zu nutzen, massiv
vertreten hat.
(Grünbeck [FDP]: Wieweit gehen Sie denn
heute noch runter unter die Gürtellinie?)
Es geht hier um eine rüde Interessenpolitik. Die
gemeinnützige Wohnungswirtschaft stört Sie, weil sie
billiger vermietet als andere. Die müssen vom Markt;
bei denen müssen die Mieten hochgebracht werden,
damit man besser absahnen kann.
(Beifall bei der SPD)
Die Vermutung--
(Abg. Grünbeck [FDP] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
— Herr Grünbeck, gleich. Ich darf den Satz noch zu
Ende führen.
Die Vermutung ist ja so abwegig nicht, daß Herr
Lambsdorff jetzt für seine Dienste bei der freien
Wohnungswirtschaft kassiert, so wie er auch damals bei
Flick, als er über die Steuerbefreiung zu entscheiden
hatte, kassiert hat.
Jetzt sind Sie dran.
(Mischnick [FDP]: Das ist eine bodenlose
Unterstellung! - Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Und
alles unter dem Schutz der Indemnität!)
Vizepräsident Frau Renger: Herr Abgeordneter
Grünbeck, bitte.
Grünbeck (FDP): Herr Kollege Conradi, wenn Sie in
der Sache überhaupt noch recht behalten wollen,
dann darf ich Sie einmal fragen, warum die
wohnungsgemeinnützigen Verbände zu uns sagen, sie
würden uns bei der Abschaffung der
Gemeinnützigkeit einschließlich der Steuerbefreiung zustimmen,
wenn wir bestimmte Konditionen erfüllten? Wie
kommen Sie denn dann zu der Behauptung, daß wir die
wohnungsgemeinnützigen Verbände aus ihrer
Vermietertätigkeit verdrängen wollen? Das widerspricht
sich doch.
Conradi (SPD): Nein, Sie wollen die
Wohnungsgemeinnützigkeit abschaffen, Herr Grünbeck. Natürlich
sind die Werkswohnungsunternehmen — das habe
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 4 3
Conradi
ich ja gesagt — dafür, weil es für sie lukrativ ist. Aber
der große Rest der wohnungsgemeinnützigen
Unternehmen will genau das nicht.
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das ist nicht
wahr, Herr Conradi!)
Sie wollen nämlich weiterhin nicht allein nach Markt -
und Kapitalgrundsätzen vermieten, sondern nach
gemeinnützigen. Aber wenn Sie ihnen die
Steuerbefreiung wegnehmen, dann werden sie das nicht mehr
tun.
Was sind die Folgen? Wer wird in Zukunft den
schwächeren Mietern, wer wird denn den
Arbeitslosen — wir waren doch in Köln; wir waren doch in
Hamburg; wir haben doch dort mit den Mietern
geredet —, wer wird der alleinerziehenden Frau, wer wird
dem alten Rentnerpaar, das eine geringe Rente hat,
wer wird den Behinderten, wer wird denen in Zukunft
eine Wohnung geben?
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Wem gehören
denn die Wohnungen, Herr Conradi?)
Die gemeinnützige Wohnungswirtschaft, Herr
Dr. Kansy, hat ja nicht nur einen Beitrag zur
Wohnungsversorgung geleistet; sie hat einen Beitrag zum
sozialen Frieden in dieser Republik geleistet.
(Beifall bei der SPD)
Dieser Beitrag ist gerade jetzt in wirtschaftlich
schwierigen Zeiten notwendig. Denn wenn die zweieinhalb
Millionen Arbeitslosen — und es werden ja
wahrscheinlich mehr — zukünftig nicht nur ihren
Arbeitsplatz, sondern auch ihre Wohnung verlieren, dann
wird der soziale Friede in dieser Republik
beschädigt.
(Beifall bei der SPD - Dr. -Ing. Kansy [CDU/
CSU]: Sie verlieren doch nicht ihre
Gemeinnützigkeit, indem sie steuerpflichtig
werden!)
Sie räumen hier mit einem Prinzip rücksichtslos auf,
das nach dem verlorenen Krieg in allen Parteien
unumstritten war. Damals waren alle der Auffassung, die
Wohnung sei nicht eine Ware, die beliebig zu
wechseln und zu veräußern ist, sondern die Wohnung sei
der Lebensmittelpunkt der Menschen und
Wohnungspolitik sei auch Politik für Lebenskultur. Für Sie
gibt es diesen Begriff nicht mehr. Die Möglichkeit des
sozial sicheren, des nicht allein an Kapitalinteressen
orientierten Wohnens soll verschwinden.
Sie zerschlagen die große Tradition der deutschen
Baugenossenschaften. Nur noch die
Vermietungsgenossenschaften sollen steuerfrei bleiben.
(Grünbeck [FDP]: Sie machen heute ein
Stück Unkultur!)
Die Vermietungsgenossenschaften werden nach der
Regelung, die Sie beschließen werden — das ist zu
befürchten —, ihre Wohnungen ebenfalls
privatisieren. Die bauenden Genossenschaften werden
genauso steuerpflichtig werden wie andere
Unternehmen. Wer sich an die reformerischen Beiträge
erinnert, die die deutschen Baugenossenschaften vor
allem in der Weimarer Zeit zur Wohnkultur und zur
Lebenskultur geleistet haben, der sieht mit
Schrekken, daß hier auch ein Stück lebendiger deutscher
Bau- und Sozialgeschichte ausradiert werden soll.
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Was ändert sich
denn, Herr Conradi? Damals gab es doch
noch keine Steuerfreiheit!)
Aber der Bundeskanzler baut in Berlin ein
Geschichtsmuseum. Dort können unsere Enkel dann
sehen, was Wohnungsgemeinnützigkeit einmal war.
Wir Sozialdemokraten werden bis zum Schluß
gegen Ihre Absicht Sturm laufen, die
Wohnungsgemeinnützigkeit abzuschaffen. Wir wollen nicht die
Abschaffung, sondern wir wollen die Stärkung, die
Reform, die Weiterentwicklung der
Wohnungsgemeinnützigkeit, nicht wegen des abstrakten Prinzips,
sondern wegen der Menschen, die dort wohnen, und
wegen der Millionen anderer Mieter, die auch etwas
davon haben, daß es am Wohnungsmarkt bis heute
einen Bereich gibt, wo nicht allein das Geld bestimmt,
was Sache ist. Ihnen geht es nur ums Geld, um nichts
anderes. Bei Ihnen zählt allein, was gezahlt wird, auch
in der Wohnungspolitik. Uns geht es um die
Menschen. Denen wollen wir erhalten, was aus Mitteln der
Gemeinschaft an gemeinnützigen, sozial
verpflichteten Wohnungen geschaffen worden ist.
(Beifall bei der SPD)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der
Abgeordnete Schulhoff.
Schulhoff (CDU/CSU): Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Damen und Herren. Die Opposition hat
heute wieder einmal gezeigt, nach welchem
Strickmuster sie hier vorgeht. Anstatt mit sachlichen
Argumenten zu kommen, appelliert sie nur an die Neid- und Angstgefühle der Menschen, mal mehr, mal
weniger,
(Zuruf von der SPD: Ach du meine Güte! —
Weitere Zurufe von der SPD)
hier wieder an die Angstgefühle der Menschen.
Gerade Sie, Herr Jahn, hätten doch schweigen
sollen. Ich erinnere an die Jahre 1982 und 1983: Was
haben Sie da gesagt? Sie haben damals einen
besonderen Beinamen bekommen, den ich hier aber nicht
nennen kann, sonst müßte die Frau Präsidentin mich
rügen. Was alles haben Sie prophezeit, auch in
Hamburg? Sie haben an die Wand gemalt:
Mietsteigerungen um 30 %! Was ist letztlich eingetreten? Wir haben
in den letzten Jahren die geringsten
Mietsteigerungen, seitdem es eine Mietenstatistik gibt.
(Hört! Hört! bei der CDU/CSU - Abg. Jahn
[Marburg] [SPD] meldet sich zu einer
Zwischenfrage)
— Lassen Sie mich diesen Punkt erst einmal
behandeln; Sie können gleich fragen. — Sie haben eben
auch den Bereich der Ballungsräume angesprochen.
Ich kann mich erinnern, daß wir gerade in München,
einem Ballungsraum, eine Mietsteigerung von nur
einem Prozent haben. — So, bitte schön, aber das wird
mir von der Zeit nicht abgezogen?
Vizepräsident Frau Renger: Nein, auf keinen Fall.
— Herr Abgeordneter Jahn, Ihre Zwischenfrage, bitte
schön.
Jahn (Marburg) (SPD): Herr Kollege Schulhoff,
erinnern Sie sich noch daran, daß dieser
Bundeswohnungsbauminister hier versprochen hat, daß die
Mieten auf Grund Ihres Mieterhöhungsgesetzes nicht
mehr als die Lebenshaltungskosten steigen werden?
Wollen Sie nun endlich einmal zur Kenntnis nehmen,
daß seit der Abgabe dieses Versprechens von Statistik
zu Statistik die Mieten doppelt so hoch gestiegen sind
wie die Lebenshaltungskosten? Alles, was Ihnen
zugute gekommen ist, ist lediglich die Tatsache, daß Sie
zeitweise geringe
Lebenshaltungskostensteigerungen gehabt haben.
Schulhoff (CDU/CSU): Herr Kollege Jahn, das ist
doch wieder die bekannte übliche Polemik. Ich habe
Ihnen eben doch deutlich gesagt, daß wir in der
Bundesrepublik noch nie so geringe Mietsteigerungen
gehabt haben wie zur heutigen Zeit.
(Zustimmung bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Frau Renger: Gestatten Sie eine
weitere Zwischenfrage, Herr Kollege Schulhoff?
Schulhoff (CDU/CSU): Bitte schön.
Jahn (Marburg) (SPD): Haben Sie sich einmal mit
der Frage befaßt, Herr Kollege Schulhoff, wie stark bei
Durchschnittsverdienern und bei Menschen, die noch
weniger haben, der Anteil an Belastung für Miete in
den letzten Jahren gestiegen ist, nämlich teilweise auf
über 30, 35 und mehr Prozent?
Schulhoff (CDU/CSU): Ich habe mich, Herr Kollege
Jahn, damit befaßt und kann hier deutlich sagen, daß
die Belastung heute geringer ist als zu Ihrer Zeit.
(Beifall bei der CDU/CSU - Müntefering
[SPD]: Sie haben doch keine Ahnung! —
Jahn [Marburg] [SPD]: Das ist doch falsch! -
Weitere Zurufe von der SPD)
Auch Sie, Herr Kollege Conradi, haben bei Ihrem
Rundumschlag die Katze aus dem Sack gelassen.
Ihnen ging es hier nicht um die Gemeinnützigkeit,
sondern Ihnen ging es leider um billige Polemik, wobei
Sie hier auch den Finanzminister in schändlicher Form
diffamiert haben.
(Lachen bei der SPD)
Vizepräsident Frau Renger: Herr Kollege Schulhoff,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten
Grünbeck?
Schulhoff (CDU/CSU): Bitte schön.
Grünbeck (FDP): Herr Kollege Schulhoff, würden
Sie mir zustimmen, daß die Lebenshaltungskosten auf
Grund der Stabilitätspolitik der Bundesregierung
wirklich nur um 0, 7 % und die Mieten dadurch nur um
1, 8 % gestiegen sind und daß die Mietsteigerungsrate
vorwiegend daraus besteht, daß der Wohnraum selbst
um etwa 30 % in der Fläche zugenommen hat?
Schulhoff (CDU/CSU): Natürlich. Ich stimme Ihnen
gern zu. Ich wundere mich nur, daß Herr Jahn das
nicht weiß.
(Heiterkeit und Beifall bei der CDU/CSU)
Lassen Sie mich bitte noch einige finanzpolitische
Aspekte hinzufügen. Finanzhilfen und
Steuervergünstigungen müssen ständig daraufhin überprüft
werden, ob die mit der Subventionierung verfolgten Ziele
überhaupt noch bestehen. Dies ist nicht nur ein Gebot
verantwortungsbewußter Haushaltsführung, sondern
gleichzeitig eine ordnungs-, Wachstums- und
finanzpolitische Daueraufgabe. Ich gebe zu: zweifellos
keine einfache Aufgabe.
So waren auch die Erfolge in der Vergangenheit nur
mäßig. Obwohl man seit Jahren aus allen Bereichen
der Bevölkerung den Ruf nach Subventionsabbau
hört, wird es sehr still, wenn man sich selbst betroffen
fühlt.
(Zuruf von der CDU/CSU: So ist es!)
Deshalb hat es jede Regierung auf diesem Gebiet sehr
schwer; denn es ist immer leichter, etwas zu geben, als
etwas zu nehmen, insbesondere wenn man sich längst
an die Wohltaten gewöhnt hat. Um Privilegien handelt
es sich nämlich immer nur bei den anderen. Wir sehen
das zur Zeit bei der Diskussion um die Steuerreform.
Dabei tragen Sie auch einen großen Teil zur
Verunsicherung bei.
(Lachen bei der SPD - Conradi [SPD]: Herr
Strauß und Herr Späth helfen uns!)
Aber bei der Diskussion über den
Subventionsabbau vergißt man leider auch allzuoft, daß der Abbau
von Subventionen auch unter dem Gesichtspunkt der
steuerlichen Gleichbehandlung gleichgerichteter
Tätigkeiten, und zwar aus wettbewerbspolitischen
und verfassungsrechtlichen Gründen, zu erfolgen hat.
Letztlich, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist
das auch eine Frage der Steuergerechtigkeit.
Wenn man jetzt diese Kriterien zur Beurteilung der
Steuervergünstigung für gemeinnützige Wohnungs-
und Siedlungsunternehmen sowie für Organe der
staatlichen Wohnungspolitik heranzieht, drängt sich
die Frage auf, ob die mit der Steuerfreiheit verfolgten
Ziele nicht längst erreicht sind und ob nicht gerade
durch Beibehaltung der Subventionen der
Wettbewerb mit anderen Unternehmen verfälscht wird.
(Müntefering [SPD]: Bei wem drängt sich das
auf?)
Dabei wird die Frage der Mißwirtschaft und der
Verschleuderung von Milliarden an Steuergeldern durch
die verantwortlichen Funktionäre der Neuen Heimat
außer acht gelassen. Gerade zu Herrn Jahn drängt
sich mir dabei die Frage auf: Wo war er zu dieser Zeit
als oberster Mieterschützer in unserer Republik?
Die große Aufbauleistung — darauf hat Kollege
Grünbeck zu Recht hingewiesen — der Mehrzahl der
gemeinnützigen Wohnungsunternehmen soll nicht
durch das unternehmerische Fehlverhalten einiger
weniger geschmälert werden. Darum geht es auch
nicht. Denn die Diskussion über den Abbau der
Steuervergünstigungen setzte schon vor dem Neue-
Heimat-Skandal ein. Wir wurden eben darauf
hingewiesen, daß es die Hofbauer-Kommission gibt, die das
Gutachten erstellt hat — eine unabhängige
Kommission, Herr Conradi. Ich brauche nicht im einzelnen auf
deren Ergebnisse einzugehen. Wir haben das
gehört.
Durch die Befreiung von Steuern sollte ursprünglich
die Investitionstätigkeit der gemeinnützigen
Wohnungsunternehmen gestärkt und ein Anreiz
geschaffen werden, preiswerten Wohnraum für breite
Schichten der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.
(Conradi [SPD]: Richtig!)
Die entspannte Lage auf dem Wohnungsmarkt zeigt
jedoch, daß diese Ziele weitgehend erreicht sind.
(Conradi [SPD]: 11 000 Wohnungslose in
Köln!)
Wir brauchen uns darüber nicht gegenseitig
aufzuklären. Jeder weiß doch, was auf dem Markt ist. Ich gebe
zu, daß es in einigen Bereichen noch Engpässe gibt.
Aber das rechtfertigt doch nicht insgesamt die
Beibehaltung der Steuerfreiheit.
Hinzu kommt, daß die Mieter bereits durch den
Mieterschutz, die Mietpreisbegrenzung für
Sozialwohnungen sowie durch das Wohngeld vor
wirtschaftlich unzumutbaren Belastungen geschützt sind.
Einer zusätzlichen Fördermaßnahme in Form einer
Steuerbefreiung für gemeinnützige
Wohnungsunternehmen bedarf es meiner Ansicht nach nicht mehr.
(Müntefering [SPD]: Sie werfen alles
durcheinander!)
Ist also die Steuerbefreiung sachlich nicht mehr
gerechtfertigt, so muß die aufgehoben werden. Eine
Ausnahme sollte — wie von der unabhängigen
Sachverständigenkommission vorgeschlagen — für
Wohnungsbaugenossenschaften und -vereine vorgesehen
werden, die sich darauf beschränken, Wohnungen zur
Vermietung an ihre Mitglieder zu errichten. Eine
Steuerbefreiung für Wohnungsbaugenossenschaften
und -vereine ist deshalb gerechtfertigt, weil es sich bei
ihnen um reine Selbsthilfeeinrichtungen handelt.
(Müntefering [SPD]: Wie sich Schulhoff
Wohnungsbaugenossenschaften vorstellt!)
Entsprechend den genossenschaftsrechtlichen
Fördergedanken nimmt die Genossenschaft eine
wirtschaftliche Hilfsfunktion für ihre Mitglieder wahr. Da
der Nutzungswert der Wohnung im eigenen Haus
nicht mehr zu versteuern ist, wäre es nicht
überzeugend, nur deshalb eine Steuer auf das Einkommen zu
erheben, weil sich mehrere Interessenten zu einer
Wohnungsgenossenschaft zusammenschließen. Was
jetzt vorgeschlagen wird, ist meiner Ansicht nach
auch steuersystematisch der richtige Weg.
Die Hofbauer-Kommission hat aber auch
vorgeschlagen — wir haben das eben gehört —, die stillen
Reserven zu besteuern. In diesem Punkt kann ich,
können meine Freunde und konnte Herr Kansy dem
Entwurf nicht folgen. Vielmehr haben wir immer
vorgeschlagen — wir haben heute zum Glück von dem
Herrn Minister gehört, daß
(Dr. -Ing. Kansy [CDU/CSU]: Sie haben sich
versprochen, Herr Kollege! Die Hofbauer-
Kommission hat das nicht vorgeschlagen!)
— Teilwert! Ja, ich bitte um Entschuldigung. Die
Hofbauer-Kommission hat vorgeschlagen, den Teilwert
heranzuziehen, und dem ist die Regierung nicht
gefolgt. Aber ich höre gerade von Herrn Schneider, daß
sie dem folgen und die Teilwerte anrechnen wird. Ich
glaube, hier haben wir eine gute Möglichkeit, auch
gemeinsam den Weg weiterzugehen; denn damit ist
ein ganz wichtiger Kritikpunkt weggefallen. Ich
danke auch Herrn Kansy, daß er immer so vehement
dafür eingetreten ist.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
zusammenfassend möchte ich sagen: Die Abschaffung der
Steuerbefreiung ist aus sachlichen und aus
ordnungspolitischen Gründen gerechtfertigt und sogar
geboten. Sie trägt zu mehr Steuergerechtigkeit bei, und
kein Mieter braucht Angst zu haben.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Frau Renger: Meine Damen und
Herren, ich schließe die Aussprache. Das Wort nach § 30
der Geschäftsordnung hat Herr Abgeordneter
Mischnick.
Mischnick (FDP): Frau Präsidentin! Meine sehr
verehrten Kolleginnen und Kollegen! Der Abgeordnete
Conradi hat hier gesagt, der Abgeordnete Graf
Lambsdorff habe Flick steuerbefreit und anschließend
dafür kassiert.
(Conradi [SPD]: Nein, das habe ich nicht
gesagt!)
Ich weise diese unverschämte Behauptung zurück.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Für mich ist ein Abgeordneter, der Kollegen so
diffamiert, kein Kollege mehr.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU -
Conradi [SPD]: Ich bitte ebenfalls nach § 30
der Geschäftsordnung um das Wort!)
Vizepräsident Frau Renger: Meine Damen und
Herren, nach demselben Paragraphen, nach § 30 der
Geschäftsordnung, hat Herr Abgeordneter Conradi das
Wort.
Conradi (SPD): Frau Präsidentin! Meine Damen und
Herren! Ich habe das sorgfältig formuliert. Wir können
es im Protokoll nachlesen. Ich habe gesagt: „So wie er
als Bundeswirtschaftsminister von Flick Geld in
Empfang nahm, als er über eine Steuerbefreiung für Flick
zu entscheiden hatte." — Dieser Sachverhalt ist bisher
von niemandem bestritten worden, und er entspricht
auch den Tatsachen.
(Zuruf von der CDU/CSU: Das ist genau das
gleiche! - Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Das ist
noch schlimmer! — Mischnick [FDP]: Noch
schäbiger!)
Vizepräsident Frau Renger: Meine Damen und
Herren, wir haben noch den Antrag der Fraktion der SPD
zu überweisen. Der Vorschlag liegt Ihnen mit der
Tagesordnung vor. Gibt es dagegen Widerspruch? —
Dann ist das so beschlossen.
Wir kommen jetzt noch einmal auf den
Tagesordnungspunkt 8 zurück, zu dem Vertragsgesetz mit der
Republik Griechenland, Drucksachen 11/1611 und
11/1951, das sich auf das auf vertragliche
Schuldverhältnisse anzuwendende Recht bezieht, weil hierüber
noch nicht abgestimmt worden ist. *) Der Ausschuß
empfiehlt einstimmig — bei einer Stimmenthaltung
aus der Fraktion DIE GRÜNEN —, den Gesetzentwurf
anzunehmen.
Ich rufe jetzt den Gesetzentwurf mit seinen
Artikeln 1 bis 3, Einleitung und Überschrift, auf. Wer dem
Gesetz als Ganzem zuzustimmen wünscht, den bitte
ich, sich zu erheben. — Die Gegenprobe! —
Enthaltungen? — Bei einigen Enthaltungen so
angenommen!
Ich rufe jetzt den Tagesordnungspunkt 23 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau
Dr. Vollmer, Frau Olms und der Fraktion DIE
GRÜNEN Übernahme des Berliner Document
Centers für NS-Akten durch die
Bundesrepublik Deutschland
- Drucksache 11/1926 -
Überweisungsvorschlag des Ältestenrates:
Innenausschuß (federführend)
Auswärtiger Ausschuß
Rechtsausschuß
Haushaltsausschuß
Im Ältestenrat sind für die Beratung bis zu zehn
Minuten für jede Fraktion vereinbart worden. — Das
ist so beschlossen, weil dagegen kein Widerspruch
erhoben wird.
Das Wort hat die Frau Abgeordnete Olms.
Frau Olms (GRÜNE): Meine Damen und Herren!
Erst in diesen Wochen, 55 Jahre nach der
Machtübergabe an das nationalsozialistische Regime in
Deutschland, geriet das Berliner Document Center in die
öffentlichen Schlagzeilen. In Berlin-Zehlendorf befindet
sich eine wahre Fundstätte mit über 100 Millionen
Aktenblättern, Mitgliederkarteien der NSDAP, der
SS, der SA, des Rasse- und Siedlungshauptamtes, ein
Reichsärzteverzeichnis, die sogenannten
Ariernachweise, Verfahren am berüchtigten Volksgerichtshof,
unzählige Korrespondenzen und allerlei
Ehrerbietungen prominenter Künstler an die damaligen
faschistischen Machthaber.
Es ist bezeichnend für den Umgang mit der jüngsten
deutschen Geschichte, daß nicht etwa aus den Akten
aufgespürte Täter und Komplizen des NS-Regimes
den Aktenstaub der letzten Zeit aufwirbelten, sondern
Schieber und Hehler, vielleicht auch eine
mafiaähnliche Geheimorganisation, wie die „Berliner
Morgenpost" mutmaßte, aber nicht nachweisen konnte. Das
ist deshalb bezeichnend, weil es offensichtlich leichter
war, mit der Gewalt des Geldes Teile dieser Akten aus
dem Document Center herauszuholen, als an die
Akten heranzukommen. Bezeichnend ist das aber vor
allem, weil das Berliner Document Center die enorme
kollektive Verdrängungsleistung von Schuld über die
Verbrechen des Nazi-Regimes symbolisiert. Das
Document Center ist gewissermaßen ein schlummernder
Außenzeuge, ein riesiger Entsorgungspark für die
jüngste deutsche Geschichte.
*) Aufruf dieses Punktes: 67. Sitzung, Seite 4602 A
Mit Ausnahme der Originalakten über Adolf
Eichmann wurden keine weiteren Täter und Komplizen
des NS-Regimes aus dem reichen Aktenberge zutage
gefördert. Än den dort lagernden „heißen Kartoffeln",
wie der amerikanische Leiter des Archivs Simon die
brisanten Materialien bezeichnete, hat sich bis heute
niemand verbrennen können und auch nicht sollen.
Daß uns, der bundesdeutschen und der
internationalen Öffentlichkeit der Spiegel der eigenen
Vergangenheit vorenthalten wird, daran haben viele, allzu
viele Menschen in diesem Land, aber auch die
Regierenden in den USA ein gemeinsames Interesse.
Der stillschweigende und dumpfe Konsens darüber,
die vergilbenden „heißen Kartoffeln" in den Kellern
des Document Center einer öffentlichen und
systematischen Auswertung zu entziehen, beruht zum einen
darauf, nach dem Kriege nicht diejenigen mit ihrer
eigenen Vergangenheit zu kompromitieren, die in
Politik und Wirtschaftsunternehmen führende
Positionen besetzt hatten. Denn „brächte man ihre Namen in
Verbindung mit ihren Aktivitäten" in der NS-Zeit „so
würden sie und die deutsche Regierung in
Schwierigkeiten kommen", wie der Leiter des Document Center
in einer BBC-Sendung vor zehn Jahren freimütig
bekannte.
Vizepräsident Frau Renger: Frau Kollegin,
gestatten Sie eine Zwischenfrage des Herrn Abgeordneten
Penner?
Frau Olms (GRÜNE): Ja.
Dr. Penner (SPD): Frau Kollegin, würden Sie bitte
zur Kenntnis nehmen, daß es seit Gründung der
Zentralstelle zur Verfolgung nationalsozialistischer
Gewaltverbrechen im Jahre 1958 überhaupt keine
Schwierigkeiten für die Mitarbeiter dieser
Dienststelle gegeben hat, die Dokumente des Document
Center auszuwerten?
Frau Olms (GRÜNE): Herr Kollege, ich habe mit
sehr vielen Wissenschaftlern gesprochen, die versucht
haben, an bestimmte Akten heranzukommen, und
denen es sehr schwer gemacht wurde. Ich kann hier
auch einige Namen nennen.
(Beifall bei den GRÜNEN - Dr. Hirsch
[FDP]: Können wir die Namen mal hören,
Frau Kollegin?)
Ich möchte jetzt fortfahren. Diese genannten
Schwierigkeiten liegen in der Historie der
Bundesrepublik Deutschland begründet: Auf der einen Seite
markiert dieser Staat einen Bruch gegenüber dem
Faschismus, auf der anderen Seite aber auch eine
Kontinuität, denn wir wissen, daß viele Beamte aus
dem NS-Regime, viele Unternehmer und eine Reihe
von Politikern, also die Globkes, Lübkes und
Filbingers dies symbolisierten.
Vizepräsident Frau Renger: Gestatten Sie noch eine
Zwischenfrage des Abgeordneten Dr. Hirsch?
Frau Olms (GRÜNE): Ja.
Dr. Hirsch (FDP): Frau Kollegin, da Sie uns eben
erfreulicherweise angeboten haben, daß Sie uns die
Namen der Wissenschaftler nennen wollen, die nach
Ihren Informationen enorme Schwierigkeiten gehabt
haben, an die Unterlagen zu kommen, möchte ich Sie
bitten, uns liebenswürdigerweise zu sagen, um wen es
sich dabei handelt.
Frau Olms (GRÜNE): Ja. Ein Name ist Götz Ali, ein
Historiker aus Berlin.
(Beifall bei den GRÜNEN - Dr. Hirsch
[FDP]: Sie sagten „mehrere"! Können Sie
noch welche nennen?)
— Ich habe die Namen jetzt nicht parat, aber ich kann
Sie Ihnen nachreichen. Einen Namen habe ich ja
genannt.
Die jahrzehntelange deutsch-amerikansiche
Komplizenschaft in Sachen Document Center gründet sich
zweitens auf die neue kollektive Nachkriegsidentität
der westlichen Wertegemeinschaft, gekoppelt mit
einer kollektiven Projektion von Schuld in Gestalt des
alten und neuen Antikommunismus:
Wirtschaftswunder und Kalter Krieg räumten die tatsächliche
Auseinandersetzungen mit der jüngsten Geschichte beiseite.
Wen wundert es da, daß die damalige
Bundesregierung und die USA vor genau 30 Jahren vereinbarten,
eine kritische Durchleuchtung der Vergangenheit
zeitgenössischer Politiker, Unternehmer oder
Künstler auszuschließen, daß nur Behörden und Gerichte
Zugang zum Document Center hatten, „sofern ein
rechtliches Interesse glaubhaft gemacht wird", so
Hans-Jürgen Wischnewski am 2. März 1978? So
ließen sich leichter Rentenansprüche von ehemaligen
Mitgliedern der NSDAP oder der SS ermitteln, als daß
noch lebendige Persönlichkeiten mit ihrer
Vergangenheit kompromittiert würden.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Nach 1967 wollten sich die USA des Document
Centers entledigen, aber die bundesdeutschen
Regierungen wollten nicht. Warum nicht, das enthüllten die
SPD-Politiker Brandt und Dr. Vogel in
erstaunenswerter Offenheit. Als die britische BBC vor zehn Jahren
eine Sendung über das Document Center ausstrahlte
und zu dem Schluß kam, daß ein Teil von
Kriegsverbrechern im westdeutschen Nachkriegsstaat bis dato
in ihren gesellschaftlichen Positionen unbehelligt
geblieben sind, und als daraufhin der ehemalige SPD-
Abgeordnete Karl-Heinz Hansen endlich den freien
Zugang zu den Aktenbergen im Document Center
forderte, trat der damalige SPD-Parteivorsitzende Willy
Brandt auf die Bremse:
Wir wären von allen guten Geistern verlassen,
wenn wir jetzt anfangen würden, das, was vor
35 Jahren ein gewisses Ende gehabt hat, noch
mal aufrollen zu wollen.
Herr Vogel wollte damals den Behauptungen der
BBC-Sendung „in sachlicher Form entgegentreten",
und zwar „schon wegen der verheerenden
internationalen Wirkungen, von den nationalen ganz zu
schweigen", wie er von seinem ehemaligen
Fraktionskollegen Hansen zitiert wird.
So werden die Opfer des Faschismus, vor allem die
über 6 Millionen europäischen Juden, zu
nochmaligen Opfern gemacht: zunächst in den
Vernichtungslagern des NS-Regimes, dann als Opfer der
westdeutschen Staatsraison, wobei die internationale
Reputierlichkeit und der nationale Konsens des „Schwamm
drüber" allemal wichtiger waren als die
gesellschaftliche Auseinandersetzung und Durcharbeitung der
Schuld.
Durch die jüngsten Enthüllungen in der „Berliner
Morgenpost" wissen wir, daß das Berliner Document
Center ganz bewußt nie einer wissenschaftlichen
systematischen Auswertung aller Unterlagen
zugänglich gemacht wurde. Dafür haben sich andere dubiose
Gestalten, Kaufleute und Schieber, vielleicht sogar
eine Geheimorganisation, mit ein bißchen Geld
bedienen können. Ein Londener Militaria-Händler aus der
rechtsradikalen Szene bietet Orginalpapiere aus dem
militärisch gut bewachten Document Center an.
Deutsche Faschisten wie der Verleger Dr. Frey versuchten
über den britischen Historiker David Irving und
andere Personen, Unterlagen aus den Archiven des
Document Center über bekannte Politiker dieses Landes
zu beschaffen, um damit gegebenenfalls zu
erpressen.
Was alles aus diesen Archiven verschwunden ist,
ließe sich jedoch rasch aufklären. Denn nach den
Versicherungen des amerikanischen Außenministers
Shultz und des US-Gesandten Gilmore sind alle
gestohlenen Akten bereits auf Mikrofilm gespeichert.
Wenn dem so ist, dann ließe sich rekonstruieren, also
exakt feststellen, welche Akten gestohlen und
verschoben wurden und ob sich darunter tatsächlich
auch politisch höchst brisantes Material befindet. In
diesem Zusammenhang ist es ein Skandal, daß die
Staatsanwaltschaft nicht wegen Erpressung ermittelt.
Denn das Volumen der Akten deutet in der Tat auf ein
groß angelegtes Unternehmen, wie das ja unter
anderem auch der stellvertretende US-Chefankläger im
Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozeß, Kempner,
vermutet.
Ich frage mich, warum nun auf einmal, nachdem die
„Berliner Morgenpost" die Debatte um das Berliner
Document Center angeschubst hatte, die
Bundesregierung als Reaktion darauf prompt antwortete, man
sei sich mit den amerikanischen Stellen über alle
wesentlichen Fragen bei der Übergabe des Document
Center in deutsche Hände einig. Dabei geht es nicht
um das Gerangel um die angeblich noch nicht
fertiggestellte Mikroverfilmung der Akten. Im Kern geht es
um die Frage, wie das Document Center in aller Stille
in deutsche Hand überführt werden kann, ohne daß es
in vollem Umfang einer breiten Öffentlichkeit für
Forschungszwecke zugänglich gemacht werden muß.
Genau dieses Problem, die Sicherheitsverwahrung
brisanter Akten zu gewährleisten, damit die
Sicherheitsverwahrung für diejenigen erspart bleibt, die sie
verdient hätten — so sinngemäß Karl-Heinz
Hansen —, scheint nunmehr gelöst. Eine zentrale Rolle
kommt dabei dem neuen Bundesarchivgesetz zu, das
der notwendigen Transparenz bei der öffentlichen
Zugänglichmachung der Akten aus dem Document
Center Einhalt gebietet. Allzu Neugierige werden
durch folgende Passage aus diesem Gesetz
abgeschirmt:
Die Benutzung ist nicht zulässig, soweit Grund
zur Annahme besteht, daß das Wohl der
Bundesrepublik Deutschland oder eines ihrer Länder
gefährdet würde oder schutzwürdige Belange
Dritter entgegenstehen.. .
Außerdem wird der Bundesinnenminister im
Einvernehmen mit dem Bundesverteidigungsminister
ermächtigt, eine Benutzungsverordnung zu erlassen,
die eine weitere Restriktion des freien Zugangs
bedeuten würde.
Für uns ist solch eine klammheimliche Entsorgung
der jüngsten deutschen Geschichte nicht hinnehmbar.
Die Übergabe des Berlin Document Center an
deutsche Stellen, die wir befürworten, muß endlich,
43 Jahre nach dem Krieg, eine lückenlose Aufklärung
über die NS-Gewaltherrschaft und die begangenen
Verbrechen ermöglichen. Da darf es keine
Einschränkungen und keine Tabus geben. Das ist das mindeste,
was wir den Opfern des Naziterrors schuldig sind.
(Beifall bei den GRÜNEN)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat Herr
Abgeordneter Neumann (Bremen).
Neumann (Bremen) (CDU/CSU): Frau Präsidentin!
Meine Damen und Herren! Es ist schon eine
erstaunliche Leistung, wie es Ihnen gelingt, Frau Kollegin
Olms, innerhalb von zehn Minuten so viele
wahrheitswidrige Dinge hier vom Podium aus zu verkünden.
(Zuruf von der CDU/CSU: Leider wahr!)
Ich hoffe nur, Sie haben sich das nicht selbst
erarbeitet, sondern es sich aufschreiben lassen.
(Frau Hämmerle [SPD]: Leider wahr!)
Das, was Sie hier vorgetragen haben — ich werde das
an einzelnen Dingen beweisen —, stimmt hinten und
vorne nicht.
Es ist sicherlich unbestritten, daß die 27 Millionen
Akten aus der NS-Zeit, die seit dem Kriege im
Document Center in Berlin unter Obhut der Amerikaner
verwaltet werden, ein umfangreiches zusätzliches
historisch wertvolles Quellenmaterial darstellen, das
der weiteren Erforschung der Nazi-Zeit dient und
dienen kann.
Es ist auch eindeutig, daß dieses Material deutsches
Archivgut im Sinne von § 2 Abs. 8
Bundesarchivgesetz ist und normalerweise unter die deutsche Obhut
gehört. Deshalb fordert die CDU/CSU-Fraktion seit
vielen Jahren, daß die Übergabe dieser Unterlagen
von den Amerikanern an die deutschen Stellen
erfolgt. Die Diskussion darüber ist alt und lang. Ich habe
mir mal die Mühe gemacht, nachzuforschen und
nachzufragen, warum, mit welchen Motiven, es
jeweils zu keiner Übergabe kam.
Das geht los im Jahre 1967. Da kamen
Viermächteverhandlungen dazwischen, die das störten. Dann
kündigte 1979 der damalige Innenminister Baum an,
die Übergabe werde 1981 vollzogen. Die USA
weigerten sich dann wieder. Es gelang auch nicht. Dann gab
es eine Diskussion 1979/80. Es wurde sogar ein
Entwurf eines Abkommens für die Übergabe vorgelegt,
welcher heute im übrigen noch Gegenstand der
Diskussion ist. Dann kamen finanzielle Argumente
— wer soll die Kopien bezahlen? — dazu, mit dem
Ergebnis, daß wir das Material heute immer noch
nicht unter deutscher Obhut haben. Gott sei Dank
sieht es aber nach dem neuesten Stand so aus, als
könne dies bald passieren.
Es ist geklärt, daß die Amerikaner wohl dazu bereit
sind, diese Unterlagen zu übergeben. Sie behalten
sich vor, von allen diesen Dokumenten, Kopien,
Mikrofilme, zu behalten. Das Material ist bisher zu etwa
60% verfilmt; 40% stehen noch aus. Die
Finanzierungsfrage ist geklärt. Das übernimmt die
Bundesrepublik. Normalerweise könnte es jetzt losgehen. Die
Verfilmung dauert aber angeblich noch weitere drei
bis vier Jahre, so daß man realistisch davon ausgehen
könnte, daß im Jahre 1992/93 die endgültige
Übergabe erfolgt. Ich hoffe, daß das Argument der
Amerikaner, man wolle sich mit den anderen Alliierten
konsultieren, nicht ein Vorwand ist, dies erneut zu
verzögern.
Aus all dem geht, wenn man sich damit befaßt, Frau
Kollegin Olms, hervor, daß, so sehr diese Verzögerung
zu bedauern ist, sie keiner der bisherigen
Bundesregierungen anzulasten ist und deshalb auch für
parteipolitische Zwecke nicht verwertbar ist.
(Dr. Hirsch [FDP]: Sehr wahr!)
Die Vorwürfe, die Bundesregierungen — da waren ja
mehrere beteiligt — seien an den Unterlagen aus dem
amerikanischen Document Center über NSDAP-
Mitglieder nicht interessiert und wollten, wie Sie auch
gesagt haben, womöglich Personen des öffentlichen
Lebens decken, die ehemalige Nazis waren, sind
schon allein deshalb abwegig.
Dieser Vorwurf ist auch aus einem anderen Grunde
abwegig. Entgegen dem, was Sie gesagt haben — und
ich komme gleich auf den entsprechenden Professor,
den Sie genannt haben; da haben Sie den falschen
gegriffen —, ist dieses Document Center seit Jahren
für Wissenschaft und Forschung sowie behördliche
Zwecke fast uneingeschränkt zugänglich.
(Frau Olms [GRÜNE]: Behördliche Zwecke,
ja!)
Die Genehmigung für die ausländischen Bürger
erfolgt durch die US-Seite. Es ist bekannt, daß das seit
Jahren völlig problemlos erfolgt.
(Frau Hämmerle [SPD]: Ja!)
Insbesondere was die Amerikaner betrifft, ist es so,
daß die Experten aus dem Simon-Wiesenthal-Center
in Los Angeles, die daran natürlich interessiert sind,
uneingeschränkten Zugang haben. In West-Berlin
erfolgt die Genehmigung durch den Innensenator. Was
die Mehrheit der interessierten deutschen Nutzer
betrifft, erfolgt die Genehmigung auf Empfehlung des
Bundesarchivs.
Hier hat es — das ist nachweisbar — bei all den
Begehren deutscher Wissenschaftler und Forscher,
bei all den Begehren von deutscher Seite, Zugang zu
bekommen, nie ernsthaft einen Problemfall gegeben,
so daß praktisch immer auf Anforderung der Zugang
genehmigt wurde. Allein im letzten Jahr, im Jahre
1987, sind 140 Wissenschaftler als Nutzer in
Document Center in Berlin gewesen.
Auch für die strafrechtliche Verfolgung — das
klang ja bei Ihnen auch an —, für die Verfolgung
strafrechtlich relevanter Momente ist das Document Cen-
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. Marz 1988 4 6 4 9
Neumann (Bremen)
ter uneingeschränkt zugänglich. Herr Penner hat das
durch eine Zwischenfrage angemerkt. Die
Zentralstelle zur Erfassung nationalsozialistischer
Verbrechen in Ludwigsburg hat seit Jahren
uneingeschränkten Zugang und hat das Material durchforstet. Die
Äußerungen des jetzigen Leitenden
Oberstaatsanwalts gehen dahin, daß für Ludwigsburg, weil alles
durchgesehen worden ist, nichts mehr drin ist. In den
60er Jahren sind dort im Document Center
reihenweise Gruppen von Staatsanwälten aus der
Bundesrepublik gewesen und haben die Akten
durchgesehen.
Der Kollege Hirsch hat gesagt, Sie mögen einmal
jemanden nennen, der Schwierigkeiten gehabt hat.
Da nannten Sie in Ihrer Argumentationsnot —
deswegen nehme ich an, daß Sie sich das nicht selbst
erarbeitet haben, sondern haben aufschreiben lassen —
einen Ihnen sehr nahestehenden Professor namens
Götz Ali. Ich entnehme der „taz", die ja nicht der CDU
nahesteht, vom 17. Februar 1988 unter der Überschrift
„Der Zugang spielt nur am Rande eine Rolle" ein Zitat
dieses Götz Ali, den Sie hier als Kronzeugen genannt
haben. Er sagt:
Die Schwierigkeiten des Zugangs des Berliner
Document Center spielen nur am Rande eine
Rolle. Das Problem ist: Es wird viel zu wenig
genutzt, und das liegt auch an der Faulheit der
Historiker.
(Dr. Hirsch [FDP]: Hört! Hört!)
Meine Damen und Herren, hier wird vor der
deutschen Öffentlichkeit unter Hinweis auf einen solchen
Professor ein Eindruck erweckt, der sich schon im
Ansatz als falsch erweist. Sie sollten sich schämen,
hier vor der Öffentlichkeit solche Darstellungen zu
geben!
(Dr. Hirsch [FDP]: Unglaublich! Typisch!)
Das Fazit: Die von Ihnen vielfach — auch jetzt —
erzeugte geheimnisumwitterte Legende, die
bisherigen Zugangsregelungen hätten das Aufdecken von
Verstrickungen führender Persönlichkeiten des
heutigen öffentlichen Lebens oder gar von Straftaten
unmöglich gemacht, ist unzutreffend. Die nach einer
Übernahme des Document Center in deutsche Obhut
geltenden Kriterien des Bundesarchivgesetzes
werden ja heute praktisch schon angewandt.
(Dr. Hirsch [FDP]: So ist es!)
Trotzdem sollte, so finden wir, die Übernahme des
Document Center vorangetrieben werden. Die
kürzlichen Schlagzeilen über den Diebstahl von angeblich
mehreren 10 000 Originaldokumenten aus dem DC
machen deutlich, was möglich ist, wenn solch
wertvolles Archivgut nicht professionell, sondern
unzureichend betreut wird. Deutschen Stellen hierbei einen
Vorwurf zu machen, ist nun wirklich völlig abwegig.
Es ist nachweisbar, daß immer dann, wenn
Verdachtsmomente aufkamen — und die kamen in der Regel
beim Bundesarchiv auf —, dies sofort dem
Innenministerium gemeldet wurde, das das ans
Außenministerium weiterleitete, was wiederum dazu führte, daß
über die Amerikaner die Staatsanwaltschaften in
Berlin eingeschaltet wurden. Das ist nachweisbar. Da gibt
es also überhaupt keine Vorwürfe, die den Vertretern
der bundesdeutschen Behörden und der
Bundesregierung zu machen wären.
Auch ich finde diesen Diebstahl schlimm. Im
Grunde ist es eine Schande, daß mit dem dunkelsten
Kapitel der deutschen Geschichte solche Geschäfte
gemacht werden.
(Sehr richtig! bei der SPD)
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin,
Heinz Galinski, ist nicht ohne Grund beim
amerikanischen Außenminister George Shultz und beim US-
Botschafter Burt vorstellig geworden. Deshalb ist eine
rückhaltlose Aufklärung des Falles unumgänglich.
Lassen Sie mich unsere Position, die der CDU/CSU,
zusammenfassen. Die CDU/CSU tritt für eine
alsbaldige Übernahme der Akten des Document Center in
deutsche Obhut ein, damit die dort lagernden
umfangreichen Bestände professionell archiviert werden,
um sie für Wissenschaft und Forschung
sachverständig aufzubereiten und zu erhalten.
Es ist sinnvoll, daß die Akten weiterhin in Berlin
bleiben. Die Zuordnung dieses Archivs zum
Bundesverwaltungsamt ist — lassen Sie mich das im
Augenblick als meine persönliche Meinung hinzufügen —
unter fachlichen Gesichtspunkten mit Fragezeichen
zu versehen. Zweifelsfrei sind es Unterlagen, die dem
Bundesarchiv gehören, das ja bereits Tausende von
Akten aus der NS-Zeit hat, auch die Akten, die früher
das Document Center hatte, die nicht
personenbezogen waren. Wir wissen, daß dies keine sachpolitische
Frage, sondern eine berlinpolitische Frage ist. Ich
hoffe, daß wir, wenn der Antrag an den
Innenausschuß überwiesen wird, noch einmal darüber reden
können.
Meine Damen und Herren, für die zu
übernehmenden Akten gelten dann selbstverständlich die
Kriterien, die das gerade verabschiedete
Bundesarchivgesetz ausmachen, das die Urteile des
Bundesverfassungsgerichts im Hinblick auf Daten- und
Personenschutz optimal berücksichtigt. Die Forderung der
GRÜNEN, diese Punkte für die Akten des Document
Center rechtswidrig außer Kraft zu setzen, ist mir
unverständlich, insbesondere wenn man bedenkt, meine
Damen von den GRÜNEN, daß die GRÜNEN selbst
bei der Verfolgung von Terroristen peinlich genau
dem Datenschutz den Vorrang geben. Die im
Document Center gespeicherten Millionen von Menschen,
die zum Teil nicht mehr leben, waren nicht alle Nazi-
Verbrecher, sondern vielfach auch einfache Mitläufer,
Mitglieder von NS-Zwangsorganisationen, z. B. von
Kammern und berufsständischen Verbänden. Von
diesen Menschen sind in diesen Akten auch zum Teil
sehr persönliche Fakten, was Gesundheit und andere
Dinge betrifft, enthalten. Ich darf sagen, daß diese
Fakten in dem Falle natürlich nicht von öffentlichem
Interesse sind und des Persönlichkeitsschutzes
bedürfen. Wir haben überhaupt kein Interesse, der
Vertuschung von Schuld das Wort zu reden. Aber, meine
Damen und Herren, es gibt nicht zweierlei Recht. Das
neue Bundesarchivgesetz trägt den wichtigen
grundrechtlichen Maximen ausgewogen Rechnung.
Deshalb wird es auch auf die Akten des Document Center,
die wir hoffentlich bald übernehmen, Anwendung
finden.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat Frau
Abgeordnete Hämmerle.
Frau Hämmerle (SPD): Frau Präsidentin! Meine
Damen und Herren! Der Antrag der Fraktion DIE GRÜ-
NEN begehrt in seinem ersten Absatz die Übernahme
des Document Center in Berlin durch die
Bundesrepublik Deutschland. Liebe Frau Kollegin Olms, wir
stimmen diesem Teil des Antrags zu. Ich möchte mich hier
nun nicht, wie Sie es getan haben, mit Behauptungen
und auch mit Legenden und Mutmaßungen, die ich
nicht beweisen kann, beschäftigen, sondern ich
möchte mich auf Ihren Antrag beziehen.
Das Document Center untersteht bis heute — das
wissen wir — dem amerikanischen Außenministerium
und wurde — ich rufe dies in Erinnerung — 1947 in
einer ehemaligen Abhörzentrale der Gestapo in
Berlin-Zehlendorf eingerichtet. Es enthält — es ist
wichtig, auch dies immer wieder zu sagen, weil man daran
erkennen kann, wie hochinteressant und brisant
dieses Material in der Tat ist — rund 30 Millionen Akten
aus dem Dritten Reich, darunter etwa 60% der
Personalakten der SS und der Waffen-SS. Dies allein sind
schon insgesamt 600 000 Stück.
Den größten Teil der Unterlagen macht mit
10, 7 Millionen Akten die fast komplette
Mitgliederkartei der NSDAP aus, die bei Kriegsende von
amerikanischen Truppen in einer Papiermühle bei
München gefunden wurde. Außerdem gibt es zahlreiche
andere Akten über NS-Organisationen, die hier
bereits angesprochen wurden. Ich möchte sie wegen der
Kürze der Zeit nicht alle noch einmal aufführen.
Unsere Zustimmung zur Übernahme hat nicht nur
damit etwas zu tun, daß im Februar dieses Jahres die
ungeheuerliche Tatsache bekannt wurde, daß etwa
80 000 Akten aus dem Dokument Center
verschwunden sind. Unsere Zustimmung zur Übernahme hängt
auch damit zusammen, daß durch das am 6. Januar
1988 in Kraft getretene Bundesarchivgesetz die
gesetzlichen Voraussetzungen zur Archivierung und
Benutzung von Archivgut geschaffen wurden.
(Dr. Nöbel [SPD]: Sehr gut!)
Frühere Verhandlungen zur Übernahme sind an
allem möglichen gescheitert — das wissen wir —, aber
nach meiner Information nicht zuletzt auch daran, daß
die Amerikaner darauf bestanden und bestehen, alle
Unterlagen auf Mikrofilme zu übertragen und dieses
Unterfangen erst abschließen wollen. Es ist nicht
abgeschlossen, und ich möchte hier an dieser Stelle
sagen, daß die Bundesrepublik den USA bei einer
Übernahme zusichern muß, daß sie auch unter deutscher
Verwaltung des Archivguts die weitere Übernahme
auf Mikrofilme durchführen können. Das Archiv wäre
in der Verwaltung des Bundesarchivs endlich in
adäquaten Händen. Die Akten sind nach dem jetzigen
Stand nicht durchnumeriert. Jüngere Materialien
werden ungekennzeichnet zu älteren dazugegeben.
Wir versprechen uns von den Grundsätzen des
Bundesarchivs und seiner Verwaltung sowie des
Bundesarchivgesetzes hier doch auch eine wesentliche
Verbesserung der äußeren Bedingungen, auch der
Benutzungsbedingungen dieses Archivs.
Eine geordnete und übersichtliche Verwaltung
— davon bin ich überzeugt — würde auch dem
skandalösen Verschwinden von Akten Einhalt gebieten,
und es könnte nach meiner Ansicht so etwas nicht
mehr vorkommen.
(Beifall bei der SPD und des Abg. Neumann
[Bremen] [CDU/CSU])
Vizepräsident Frau Renger: Gestatten Sie eine
Zwischenfrage, Frau Kollegin?
Frau Hämmerle (SPD): Ja, bitte.
Vizepräsident Frau Renger: Frau Oesterle-
Schwerin.
Frau Oesterle-Schwerin (GRÜNE): Frau Kollegin,
kann es sein, daß die Weigerung der damaligen
SPD-Regierung, das Document Center zu
übernehmen --
(Dr. Nobel [SPD]: Hat es noch nie gegeben,
eine SPD-Regierung!)
— Kann es sein, daß die Weigerung der damaligen
SPD/FDP-Koalition, das Document Center zu
übernehmen, auch etwas damit zu tun hat, daß in diesem
Document Center die Akte von Helmut Schmidt
gelagert ist?
(Frau Traupe [SPD]: Ach Gott, langsam wird
es langweilig! — Weitere Zurufe von der
SPD: Oh!)
Frau Hämmerle (SPD): Frau Kollegin, ich kann
Ihnen nur sagen: Dem, was in der damaligen
Diskussion, die Sie jetzt hier aufrühren wollen, von unserer
Seite gesagt worden ist, habe ich nichts
hinzuzufügen.
(Beifall bei der SPD)
Das Verschwinden der Unterlagen aus dem
Document Center erinnerte in weiten Teilen an eine böse
Groteske. Da aber der Umgang mit der Nazi-
Vergangenheit nicht dazu, nämlich zu einer Groteske,
verkommen darf, ist die Übernahme der Akten ein
richtiger Weg. Sachgemäße historische Forschung darf
nicht von Geschäftemacherei, Vertuschung und
möglicher Erpressung abgelöst werden.
(Unruhe)
Das Document Center — bitte, hören Sie mir einmal
ZU;
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Die wollen nicht
hören, die wollen stören!)
das ist eine wichtige politische Aussage auch für
Sie — muß auf eine transparente und politisch
kontrollierbare Weise in deutsche Verwaltung
übergehen.
(Beifall bei der SPD)
Daß die Bestände ganz zweifelsfrei unter das
Bundesarchivgesetz fallen, hat der Herr Kollege
Neumann schon ausgeführt. Denn im Bundesarchivgesetz
steht, daß Archivgut, Unterlagen im Sinne des Geset-
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 5 1
Frau Hämmerle
zes auch Unterlagen des Deutschen Reiches sind, was
hier zweifellos der Fall ist.
In einem weiteren Teil Ihres Antrags fordern Sie,
daß die Schutzfristen des Bundesarchivgesetzes zur
Benutzung von Archivgut für das Document Center
nicht gelten sollen. Diesem Passus Ihres Antrags
können wir nicht folgen. Das Bundesarchivgesetz, das
gegen Ihre Stimmen verabschiedet wurde, sieht
Schutzfristen vor, die ich ganz kurz noch einmal in
Erinnerung rufen möchte: Archivgut darf erst
30 Jahre nach dem Tod des Betroffenen oder, wenn
das Todesdatum nicht festgestellt werden kann,
110 Jahre nach der Geburt des Betroffenen benutzt
werden. Und jetzt, Frau Olms: Wenn diese
Sperrfristen, so wie ich sie jetzt noch einmal vorgelesen habe,
zementiert so dastünden und nicht durch
Sonderregelungen eingeschränkt wären, dann würde ich Ihnen
zustimmen und sofort sagen: Jawohl, man muß diese
Fristen ändern, um das aufzuklären, was, so denke
ich, unser gemeinsames Anliegen ist.
Sie haben nun aber ausgeführt, daß diese
Sonderregelungen Ihr Anliegen gerade unterlaufen. Und ich
sage Ihnen: Die Sonderregelungen ermöglichen eine
Nutzung der Archivunterlagen des Document
Centers. Denn es steht in diesen Sonderregelungen
geschrieben: Bei der Benutzung für ein
wissenschaftliches Forschungsvorhaben oder zur Wahrnehmung
berechtigter Belange können die Schutzfristen
geändert werden. Ich sage Ihnen nach Rücksprache mit
den Experten: Sie können sogar auf Null
heruntergebracht werden.
(Beifall bei der SPD — Neumann [Bremen]
[CDU/CSU]: Das ist sogar in der Mehrzahl
der Fall!)
Und diese Sonderregelungen — und das ist für uns
politisch wichtig, und darum haben wir auch
zugestimmt; wir sind ja im gleichen Ausschuß, Sie wissen
dies — bedürfen nicht — nicht! — der Einwilligung
des Betroffenen. Dies erscheint mir wichtig.
(Frau Olms [GRÜNE]: Und was ist mit den
Belangen der Bundesrepublik
Deutschland?)
Wir sind aber ganz bereit, Frau Olms und meine
Kolleginnen von den GRÜNEN, alle Punkte Ihres
Antrages im Innenausschuß zu beraten.
Meine Damen und Herren, am Montag dieser
Woche wurde bekannt, daß aus der äußersten rechten
Ecke — Sie haben das schon angesprochen —, von
Gerhard Frey und dem britischen Schriftsteller David
Irving, ein Ansinnen an das Document Center
gerichtet wurde. Eine Liste mit 700 Namen von Personen mit
nationalsozialistischer Vergangenheit wurde
eingereicht und Auskunft begehrt. Wenn man sich vorstellt
— ich denke, das können wir alle —, zu welchem
Zweck solche Vorstöße aus dieser Ecke kommen,
dann bin ich froh, daß das Document Center dieses
Ansinnen mit Hinweis auf die geltenden Schutz- und
Sperrfristen zurückgewiesen hat.
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Meine Damen und Herren, es ist uns
Sozialdemokraten
(Dr. Bötsch [CDU/CSU]: Und -innen!)
— und -innen; ich sage das ganz bewußt auch wegen
Ihrer Zwischenfrage, Frau Kollegin Oesterle-
Schwerin — ein großes Anliegen — das wissen Sie so gut wie
ich —, die Zeit der Nazidiktatur weiter zu erhellen. Es
ist uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten
eine Verpflichtung, die aus unserer 125jährigen
Geschichte und nicht zuletzt aus der Verfolgung unserer
Genossinnen und Genossen in jener Zeit erwächst,
keine Übertünchungen und Vertuschungen der NS-
Zeit zuzulassen.
Wir stimmen deshalb der Überweisung Ihres
Antrags an den Innenausschuß zu. Ich versichere Ihnen:
Wir werden dort alle Punkte — auch die, die ich hier
nicht ausdrücklich genannt habe — einer
ausführlichen und verantwortungsbewußten Prüfung
unterziehen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der
Abgeordnete Lüder.
Lüder (FDP): Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten
Damen und Herren! Das Berliner Document Center
enthält eine wichtige und in seiner Massierung und
Zusammensetzung umfassende Dokumentation über
Mitgliedschaften in nationalsozialistischen und
nationalsozialistisch beeinflußten Organisationen, wie
sie nur durch den deutschen Perfektionismus, der sich
auch durch die Maßstäbe nationalsozialistischer
Perversion nicht provozieren ließ, erstellt werden konnte.
Man muß einmal gesehen haben, was dort alles
festgehalten worden ist, was auf den einzelnen Bögen
steht.
Es handelt sich deswegen um eine historisch
wichtige Sammlung, die gerade wir Deutschen brauchen,
um unsere eigene Geschichte aufzuarbeiten. Die
Unterlagen dieses Document Centers aber sollen, dürfen
und können keine Ermittlungsgrundlagen für eine
Neuauflage der Entnazifizierung sein. Sosehr die
unmittelbar nach dem Krieg durchgeführte
Entnazifizierung mit Fehlern behaftet war, sosehr gilt doch auch
der Grundsatz, daß mehr als 40 Jahre danach nicht
der Versuch einer Wiederholung unternommen
werden kann und darf, wenn man nicht gegen den
Grundsatz der Wahrung des Rechtsfriedens verstoßen
will.
Ein Täterschutz ist hier überhaupt nicht hinterfragt,
weil dort nicht Täter, sondern Mitgliedschaften
festgehalten sind. Es sind wichtige Unterlagen, die die
Staatsanwaltschaften brauchten. Es ist dargelegt
worden, daß sie dazu auch genutzt worden sind. Mehr
nicht. Es ist nirgendwo ein Strafverfahren dadurch
behindert worden, daß die Amerikaner dieses Center
unter ihrer Verantwortung haben.
(Frau Oesterle-Schwerin [GRÜNE]: Eine
Mitgliedschaft ist auch eine Tat!)
Aber wir brauchen das Berliner Document Center
für die wissenschaftliche Arbeit. Wir brauchen es,
weil die wissenschaftliche Auswertung der Daten uns
helfen wird, unsere eigene Vergangenheit
aufzuarbeiten, gegebenenfalls besser aufzuarbeiten als
bisher. Deswegen ist die FDP stets dafür eingetreten, daß
das Berliner Document Center in deutsche
Verantwortung übertragen wird. Wir haben die Bundesre-
4 6 5 2 Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988
Lüder
gierung — in welcher Koalition auch immer —
gedrängt, die Verhandlungen mit unseren Alliierten
voranzubringen und zu einem festen Datum der
Übergabe in deutsche Verantwortung zu kommen.
Wir müssen zwar feststellen, daß es nicht dazu
gekommen ist. Aber wir stellen gleichzeitig fest, daß es
nicht an der Bundesregierung lag, wie immer sie
zusammengesetzt war. Ich empfinde es nachgerade als
unverschämt, die Frage nach Helmut Schmidt in
diesem Haus zu stellen.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und der
SPD)
Wir sind einen anderen Umgang miteinander
gewöhnt.
Meine Damen und Herren, wir ermuntern die
Bundesregierung und wir bitten die Alliierten, nunmehr
zügig eine datumsmäßige Konkretisierung der
Übergabe des Center an die deutschen Behörden
festzulegen. Ich stimme den Überlegungen des Kollegen
Neumann zu, daß wir dieses Center auch in Berlin
belassen sollten. Es sind neue Formen der Organisation
denkbar. Ich will zur Überlegung stellen, etwa eine
Nebenstelle des Bundesverwaltungsamts dort zu
institutionalisieren — dafür braucht man kein neues
Personal —, so daß man die sachliche und fachliche
Beratung durch das Bundesverwaltungsamt hat und
trotzdem das Center in Berlin beläßt, denn Berlin, das
Zentrum, von dem vieles im Dritten Reich ausging und
in dem viele Dokumente aufbewahrt sind, sollte auch
die Aufarbeitung der Geschichte mit leisten können.
Meine Damen und Herren, wenn ich sage, daß
dieses Center in deutsche Verantwortung übergehen
soll, so sage ich aber auch gleich: Wir wollen nicht
neue Tätergruppen klassifizieren. Wir wollen, Frau
Kollegin Hämmerle, wie Sie, daß der Übergang
transparent geschieht und daß er auch politisch kontrolliert
verläuft. Hier soll nichts verdeckt werden, hier soll das
Center in den Gepflogenheiten des demokratischen
Staates in deutsche Verantwortung übergehen.
(Beifall bei der Abg. Frau Hämmerle [SPD])
Aber wir sind uns auch darin einig, daß es beim
Datenschutz keine Doppelzüngigkeit geben darf.
Datenschutz ist Persönlichkeitsschutz, und dieses
Persönlichkeitsschutzrecht, daß wir dem — ich will einmal so
sagen — normalen Kriminellen zugestehen, werden
wir auch dem häufig nicht einmal kriminell
gewordenen Mitglied nationalsozialistischer Organisationen
gewähren. Datenschutz darf nicht von politischer
Richtung abhängig gemacht werden. Das Recht dient
dem Schutz der Person, aber dann eben auch jeder
Person.
Meine Damen und Herren, diejenigen, die in den
Dokumenten vermerkt sind, haben in gleichem Maße
Anspruch auf Datenschutz, als wenn sie in anderen
deutschen Archiven vermerkt wären. Ich glaube,
diejenigen, die sich ein bißchen mehr mit dem
Archivgesetz befassen — Frau Kollegin Hämmerle hat da schon
auf einiges hingewiesen —, werden sehen, daß der
Schutz der Persönlichkeit letztlich nur dem einfachen
Mitbürger zukommt, der sich strafrechtlich nichts hat
zuschulden kommen lassen und der, aus welchen
Gründen auch immer, irgendeiner Nebenorganisation
im Dritten Reich angehörte. Es kommt doch darauf an,
daß wir sicherstellen — und das hat das Archivgesetz
sichergestellt —, daß wir über Persönlichkeiten und
auch über wichtige Funktionsträger unserer Republik
Auskünfte erhalten. Dem steht kein Schutz des
Archivgesetzes entgegen. Wir können alles, wir konnten
alles, und selbst unter alliierter Verantwortung
konnten die Strafverfahren abgewickelt werden und
konnten, wie hier schon ausgeführt worden ist, die
Staatsanwaltschaften hineingehen und die Archive
auswerten. Bloß, wenn Sie jetzt kommen und nachschauen
wollen, offenbar nach dem Motto: „Wer ist denn was
und wo gewesen, und wo sammeln wir noch einmal
schnell ein paar Daten, z. B., was können wir denn aus
der Persönlichkeitsakte Helmut Schmidts noch einmal
in diesem Bundestag bringen, oder was können wir
über andere berichten?", dazu soll es nicht dienen. Es
darf kein doppeltes Recht und keine Doppelbödigkeit
im Datenschutz geben.
Mit dieser demokratisch legitimierten, aber auch
demokratisch verantworteten Maßgabe wollen wir
die Bundesregierung ermuntern, die Alliierten zu
drängen, dieses wichtige Center schnell in deutsche
Verantwortung zu übergeben.
(Beifall bei der FDP, der CDU/CSU und bei
Abgeordneten der SPD)
Vizepräsident Frau Renger: Das Wort hat der Herr
Parlamentarische Staatssekretär Dr. Waffenschmidt.
Dr. Waffenschmidt, Parlamentarischer
Staatssekretär beim Bundesminister des Innern: Frau Präsidentin!
Meine sehr verehrten Damen und Herren! Zu dem
Thema „Berlin Document Center" möchte ich für die
Bundesregierung gerne noch an Hand folgender
Punkte einiges ausführen.
Erstens. Wir hörten schon, daß dieses Center bis
heute der US-Mission in Berlin und damit dem
Auswärtigen Amt der USA untersteht. Es ist eindeutige
Meinung der Bundesregierung, daß dies nicht so
bleiben soll. Das Center soll in deutsche Verwaltung
kommen. Seit Jahren ist die Bundesregierung um die
Übernahme der Bestände des Berlin Document
Center intensiv bemüht. Ich möchte hier ausdrücklich für
diese Bundesregierung, aber auch für die
Vorgängerregierungen angesichts der Verdächtigungen, die
völlig unbegründeterweise leider auch heute wieder
einmal von den GRÜNEN ausgesprochen wurden,
sagen: Die Bundesregierungen haben sich um die
Übernahme bemüht, sowohl diese Bundesregierung als
auch ihre Vorgängerinnen, und es besteht kein Anlaß,
Verdächtigungen, wie sie auch in der Anfrage im
Hinblick auf den früheren Bundeskanzler Schmidt hier
ausgesprochen wurden, auszusprechen. Ich weise für
die Bundesregierung die Verdächtigungen der GRÜ-
NEN in diesem Zusammenhang nachdrücklich
zurück.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der
SPD)
Die Verhandlungen unter Federführung des
Auswärtigen Amts waren schwierig und langwierig. Eine
Vielzahl von Problemen mußte gelöst werden. Zum
Beispiel ging es um den Zugang zu den Kopien und
Mikrofilmen. Schon 1979 und 1980 wurde mit den
Deutscher Bundestag — 11. Wahlperiode — 68. Sitzung. Bonn, Donnerstag, den 10. März 1988 4 6 5 3
Parl. Staatssekretär Dr. Waffenschmidt
Amerikanern ein Entwurf eines
Regierungsabkommens ausgehandelt. Den USA wurde ein vollständiger
Satz der Dokumente auf Mikrofilm zugesagt. Er soll
in die Bestände des Nationalarchivs in Washington
übergehen.
Es ist jetzt nach weiteren intensiven Verhandlungen
mit der amerikanischen Seite Anfang 1988 gelungen,
die noch offenen technischen Fragen zu lösen. Diese
Einigung wird durch eine entsprechende Verbalnote
der Amerikanischen Botschaft vom 23. Februar 1988
bestätigt. Demnach werden die Amerikaner zunächst
von den noch nicht verfilmten Unterlagen des BDC
Mikrofilme anfertigen. Die dafür erforderlichen
Kosten gehen zu Lasten des Bundeshaushalts. Die
Bundesregierung geht von einem Gesamtbetrag von 5 bis
6 Millionen DM aus.
Wie schon seit Jahren — das betone ich
ausdrücklich, weil da ein breiter Konsens hier im Hause
bestanden hat und besteht — hat die Bundesregierung
vorsorglich auch im Haushalt 1988 des Innenministers die
für die Mikroverfilmung erforderlichen Mittel
bereitgestellt. Sie können noch 1988 in Anspruch
genommen werden. Die restlichen Mittel sind in der
Finanzplanung der nächsten Jahre berücksichtigt.
Aus alldem ist zu ersehen, daß Verdächtigungen,
diese Bundesregierung oder frühere
Bundesregierungen hätten die Übernahme des BDC in die deutsche
Verwaltung nicht vorangetrieben, falsch sind. Es wird
Nebelwerferpolitik betrieben, wenn man solche
Verdächtigungen ausspricht. Ich weise sie ausdrücklich
zurück. Ganz im Gegenteil: Die Bundesregierung hat
seit Jahren alle erforderlichen fachlichen,
organisatorischen und auch haushaltsmäßigen Voraussetzungen
dafür geschaffen, daß das BDC in deutsche
Verwaltung kommen kann. Sie geht davon aus, daß auch die
noch erforderlichen Konsultationen der Amerikaner
mit den anderen Alliierten die Übernahme nicht
verzögern werden.
Lassen Sie mich, weil dies wohl für die
Gesamtbewertung wichtig ist, einige Bemerkungen zur
bisherigen und künftigen Nutzung der Bestände des BDC
machen. Die Archivalien des BDC stehen schon seit
Jahrzehnten der wissenschaftlichen Forschung zur
Verfügung. Seit Mitte der 60er Jahre besteht eine
ganz enge Zusammenarbeit zwischen dem
Bundesarchiv und dem BDC. Die Kollegen, die sich damit näher
befaßt haben, haben ja schon darauf hingewiesen.
Bei der Benutzung seiner Archivalien bedient sich
das BDC des Bundesarchivs. Die Entscheidung über
die Benutzung kommt gemeinsam zustande. Dabei
werden die Bestimmungen des Bundesarchivgesetzes
entsprechend angewendet. Ich verweise auch für die
Regierung ausdrücklich auf § 5 des
Bundesarchivgesetzes.
Ich glaube, wir dürfen hier auch aus diesem Anlaß
noch einmal feststellen: Nach mühevoller Arbeit
haben wir hier — zwar nicht mit Ihren Stimmen von den
GRÜNEN, aber die anderen Fraktionen — ein sehr
gutes Gesetz verabschiedet, das sich auch bei dieser
Sache bewähren wird. Ich glaube, das können wir
deutlich aussprechen. Die Regelung des § 5 des
Bundesarchivgesetzes stellt weitestgehend sicher
— wirklich weitestgehend; das wurde hier im
einzelnen ausgeführt —, daß die wissenschaftliche Nutzung
schon vor Ablauf der Regelschutzfristen bei
nachgewiesenem Interesse jederzeit möglich ist.
Ich weise vor allem auf dies hin: Auch die Nutzung
der Bestände des BDC zur Verfolgung von Straftaten
war und ist heute jederzeit zulässig. Das ist deutlich zu
sagen, damit hier Legendenbildung
entgegengetreten wird. Ich weise auf eine besondere
Zusammenarbeit hin. So hat die Ludwigsburger Zentrale Stelle zur
Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen die
Berliner Archivalien bereits seit den 60er Jahren
ständig benutzt. Ich glaube, es ist wichtig, dies
festzustellen. Der Kollege Penner hat soeben schon auf diese
Zusammenarbeit hingewiesen.
Lassen Sie mich noch kurz auf das von den GRÜ-
NEN beantragte Großforschungszentrum zur
Erforschung der Geschichte und der Grundlagen des
Nationalsozialismus eingehen. Offensichtlich ist den
GRÜNEN entgangen, daß eigens zu diesem Zweck
Bund und Länder in großer Übereinstimmung schon
in den 50er Jahren das Institut für Zeitgeschichte in
München gegründet haben. Es befaßt sich eingehend
und auf anerkanntem wissenschaftlichen Niveau nur
mit diesen Fragen. Außerdem gibt es an unseren
Universitäten zahlreiche Lehrstühle für Neuere
Geschichte und Zeitgeschichte, die sich diesem
wichtigen Thema zusätzlich widmen. Auch die
Bundeszentrale für politische Bildung, die zum Geschäftsbereich
des Innenministeriums gehört, hat hier intensive
Aufklärungsarbeit über Jahrzehnte geleistet.
Selbstverständlich wird auch im Haus der Geschichte und im
Historischen Museum, wie die Bundesregierung
wiederholt erklärt hat, diese Zeit nicht ausgeklammert
werden, sondern sie wird bearbeitet und
aufgearbeitet werden. Bei dieser Fülle von Aktivitäten besteht
für ein weiteres neues Großforschungszentrum
wahrlich nicht das geringste Bedürfnis.
Ich stelle also fest, meine Damen und Herren,
gerade auch gegenüber diesen unverantwortlichen
Verdächtigungen, die ja heute eingangs der Debatte
ausgesprochen wurden: Diese Bundesregierung und
auch die Vorgängerinnen haben sachgerecht an
dieser schwierigen Materie gearbeitet und werden dies
weiter tun mit der Zielsetzung, die hier quer durch die
Fraktionen vertreten wird, daß das BDC in guter,
sachgerechter Weise in die deutsche Verwaltung
kommt und dann nach den guten Regeln des
Bundesarchivgesetzes verwaltet wird. Damit ist allen
sachgerechten Gesichtspunkten Rechnung getragen. So
sollten wir in der Sache arbeiten.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP sowie
der Abg. Frau Hämmerle [SPD])
Vizepräsident Frau Renger: Meine Damen und
Herren, ich schließe die Aussprache.
Der Ältestenrat schlägt vor, den Antrag der Fraktion
DIE GRÜNEN an die in der Tagesordnung
aufgeführten Ausschüsse zu überweisen. Weiter ist
interfraktionell vereinbart worden, die Vorlage zusätzlich zur
Mitberatung an den Auswärtigen Ausschuß und den
Haushaltsausschuß zu überweisen. — Das Haus ist
damit einverstanden.
4 6 5 4 D e u t s c h e r B u n d e s t a g — 11. W a h l p e r i o d e — 68. S i t z u n g . B o n n , D o n n e r s t a g , d e n 10. M ä r z 1988
V i z e p r ä s i d e n t Frau R e n g e r
Ich rufe den Tagesordnungspunkt 24 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Frau
Teubner, Frau Oesterle-Schwerin und der
Fraktion DIE GRÜNEN
Maßnahmen zur Einpassung der
Einzelhandelsnutzung in das übergeordnete
Gesamtsystem der städtischen Entwicklung
- Drucksache 11/1645 -
Überwe i sungsvorsch lag des Äl tes tenra tes :
Ausschuß für R a u m o r d n u n g , Bauwesen u n d S täd t ebau
Ausschuß für Wirtschaft
(Fede r füh rung offen)
Im Ältestenrat ist für die Beratung ein Beitrag bis zu
zehn Minuten für jede Fraktion vereinbart worden. —
Ich sehe keinen Widerspruch; dann ist so
beschlossen.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat die
Abgeordnete Frau Teubner.
Frau Teubner (GRÜNE): Es ist heute ja wieder eine
etwas merkwürdige Themenmischung. Ich hoffe doch
sehr, daß die Parlamentsreform auch einmal ein
bißchen bessere inhaltliche Strukturen in solche
Debatten an einem Tag bringt.
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
„Tante Emma schlägt zurück" — dieses Motto, Herr
Kollege Kansy, für meine heutige Rede habe ich mir
nicht ausgedacht. „Tante Emma schlägt zurück"
— ich wiederhole es gerne —, so lautete die
Schlagzeile eines Kommentars, in dem sich der Herausgeber
des westdeutschen Kapitalistensprachrohrs
„Wirtschaftswoche" — kennen Sie ja wohl auch —, Herr
Wolfram Engels, im Oktober letzten Jahres einige
entlarvende Gedanken über die Bedeutung der seit
mehreren Monaten in der Koalition tobenden
Kartellrechtskontroverse machte. Entlarvende Gedanken
insofern, als Herr Engels in diesem Kommentar sehr
deutlich machte, in welche Widersprüche
konservative Politik sich hierzulande verstricken kann, wenn
sie es möglichst vielen unterschiedlichen
Kapitalinteressen gleichzeitig recht machen will.
Worum geht es? Seit Mitte der 60er Jahre hat — mit
einiger zeitlicher Verzögerung gegenüber ähnlichen
Prozessen in der Industrie — eine gigantische
Konzentrationswelle den Einzelhandel erfaßt. Riesige
Verbrauchermä
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Die Wohnungsgemeinnützigkeit erhalten und stärken (G-SIG: 11001281) (Beratung)
- part_of_vorgang → Gesetz zu dem Übereinkommen vom 10. April 1984 über den Beitritt der Republik Griechenland zu dem am 19. Juni 1980 in Rom zur Unterzeichnung
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung der Strafprozeßordnung (§ 140 Abs. 1 Nr. 4 StPO) (G-SIG: 11020103)
- part_of_vorgang → Keine Zwangsverteidiger für Blinde (G-SIG: 11000626)