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Protokoll der 59. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages

dip / plenarprotokoll 15.03.1984 · WP 10 · 10/59 · Original ↗

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Protokoll der 59. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages [Plenarprotokoll 10/59 Deutscher Bundestag Stenographischer Bericht 59. Sitzung Bonn, Donnerstag, den 15. März 1984 Inhalt: Begrüßung einer Delegation des Parla - ments der Republik Irland 4157 C Glückwünsche zu den Geburtstagen der Abg. Immer (Altenkirchen) und Dr. Ah rens 4157C, D Wahl der Abg. Frau Dr. Martiny-Glotz als ordentliches Mitglied und des Abg. Duve als stellvertretendes Mitglied in Zen Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt 4157 D Bericht zur Lage der Nation Dr. Kohl, Bundeskanzler 4158A Sir. Vogel SPD 4165B Dr. Waigel CDU/CSU 4172A Schneider (Berlin) GRÜNE 4178 B Hoppe FDP 4183A Diepgen, Regierender Bürgermeister des Landes Berlin 4187 C Dr. Diederich (Berlin) SPD 4192 C Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister BMWi 4195B Dr. Schmude SPD 4198 B Lintner CDU/CSU 4200 C Horacek GRÜNE 4202 A Frau Terborg SPD 4202 C Dr. Hupka CDU/CSU 4204 A Hiller (Lübeck) SPD 4205 D Büchler (Hof) SPD 4207 C Windelen, Bundesminister BMB 4210 D Fortsetzung der ersten Beratung (Aus schußüberweisung) *) des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines ... Strafrechtsänderungsgesetzes — § 303 StGB — Drucksache 10/308 — 4213A Fortsetzung der ersten Beratung (Ausschußüberweisung) *) des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines ... Strafrechtsänderungsgesetzes — § 125 StGB — Drucksache 10/901 — 4213 B Fortsetzung der ersten Beratung (Ausschußüberweisung) *) des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetz Drucksache 10/902 — 4213 B Zweite Beratung und Schlußabstimmung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Zweiten Protokoll vom 21. Juni 1983 zur Änderung des Vertrags vom 27. Oktober 1956 zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der Französischen Republik und dem Großherzogtum Luxemburg über die Schiffbarmachung der Mosel — Drucksache 10/736 — 4213 C Beschlußempfehlung und Bericht des Ausschusses für Verkehr — Drucksache 10/997 — Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Wiener Übereinkommen vom 23. Mai 1969 über das Recht der Verträge — Drucksache 10/1004 — 4213 D Erste Beratung des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines Dreißigsten Gesetzes zur Änderung des Lastenausgleichsgesetzes — Drucksache 10/1015 — 4213 D Erste Beratung des von der von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über Maklerverträge — Drucksache 10/1014 — 4213 D Erste Beratung des von der von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Seefischereigesetzes — Drucksache 10/1021 — 4214A Erste Beratung des von der von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Abkommen vom 22. Mai 1975 zwischen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland und der Regierung der Volksrepublik Polen über den zivilen Luftverkehr — Drucksache 10/1000 — 4214 A Erste Beratung des von der von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Durchführungsgesetzes EG-Richtlinien Funkstörungen — Drucksache 10/1001 — 4214A Erste Beratung des vom Bundesrat eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Städtebauförderungsgesetzes — Drucksache 10/1013 — 4214A Beratung der Sammelübersicht 25 des Petitionsausschusses über Anträge zu Petitionen — Drucksache 10/1023 — in Verbindung mit Beratung der Sammelübersicht 26 des Petitionsausschusses über Anträge zu Peti - tionen — Drucksache 10/1035 — 4214 B Beratung der Ubersicht 5 des Rechtsausschusses über die dem Deutschen Bundestag zugeleiteten Streitsachen vor dem Bundesverfassungsgericht — Drucksache 10/1032 — 4214 C Absetzung des Punktes 16 von der Tagesordnung 4214 C Beratung der Beschlußempfehlung und des Berichts des Haushaltsausschusses zu der Unterrichtung durch die Bundesregierung Bericht der Bundesregierung über die Entwicklung der Finanzhilfen des Bundes und der Steuervergünstigungen für die Jahre 1981 bis 1984 gemäß § 12 des Gesetzes zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft (StWG) vom 8. Juni 1967 (Neunter Subventionsbericht) — Drucksachen 10/352, 10/1037 — 4214 D Fragestunde — Drucksache 10/1100 vom 9. März 1984 — Politische Mittel gegen grenzüberschreitende Luftverunreinigungen; Einbau einer Entschwefelungsanlage in das Kraftwerk Maaszentrale MdlAnfr 30, 31 09.03.84 Drs 10/1100 Stahl (Kempen) SPD Antw PStSekr Spranger BMI 4145 B, D, 4146 A, B, C, D ZusFr Stahl (Kempen) SPD . 4145D, 4146A, B, C Bemühungen der DKP um eine Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten MdlAnfr 39 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Olderog CDU/CSU Antw PStSekr Spranger BMI 4147 A, C, D ZusFr Dr. Olderog CDU/CSU 4147 B ZusFr Lambinus SPD 4147 C ZusFr Jansen SPD 4147 D Abschaffung der Personenverkehrskontrollen an den EG-Binnengrenzen MdlAnfr 32 09.03.84 Drs 10/1100 Stiegler SPD Antw PStSekr Spranger BMI 4148A,B ZusFr Stiegler SPD 4148 B,C Zusammenlegung der START- und INF- Verhandlungen MdlAnfr 18, 19 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Scheer SPD Antw StMin Dr. Mertes AA . 4148D, 4149A, B, C, 4150 A, B ZusFr Dr. Scheer SPD 4149 A, C, D ZusFr Dr. Soell SPD 4150 A Völkerrechtliche Anerkennung von Staaten durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen; Auswirkung auf die deutsche Frage MdlAnfr 21 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Czaja CDU/CSU Antw StMin Dr. Mertes AA 4150C,D ZusFr Dr. Czaja CDU/CSU 4150C,D zungen gegenüber Deutschen durch eine deutsch-polnische Regierungskommission MdlAnfr 22 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Czaja CDU/CSU Antw StMin Dr. Mertes AA 4151 A, C, D ZusFr Dr. Czaja CDU/CSU 4151 B, D ZusFr Becker (Nienberge) SPD 4151 D Verlangen der Schweizer Bundesregierung auf Rückführung des sowjetischen Asylbewerbers Waschtschenko aus der Bundesrepublik Deutschland MdlAnfr 23 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Soell SPD Antw StMin Dr. Mertes AA 4152 A, B, C ZusFr Dr. Soell SPD 4152 B ZusFr Dr. Sperling SPD 4152 B Verkürzung der Sperrfrist für Bauspardarlehen von 10 auf 7 Jahre MdlAnfr 47 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Sperling SPD Antw PStSekr Dr. Häfele BMF 4152D, 4153A ZusFr Dr. Sperling SPD 4152D, 4153A Abbau bürokratischer Hemmnisse MdlAnfr 55 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Sperling SPD Antw PStSekr Grüner BMWi 4153 B, C, D ZusFr Dr. Sperling SPD 4153C,D Verbot der Einfuhr von Schildkrötenprodukten zu kommerziellen Zwecken; Art der nach dem 1. Januar 1984 eingeführten Produkte MdlAnfr 56, 57 09.03.84 Drs 10/1100 Stutzer CDU/CSU Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4154A, B, C, D, 4155 A, B, C ZusFr Stutzer CDU/CSU . . . 4154 B, C, 4155A, B ZusFr Lambinus SPD 4154 C ZusFr Frau Dr. Bard GRÜNE 4154 D Wettbewerbsverzerrungen durch unterschiedliche Handhabung von Denaturierung und Verfütterung von Magermilchpulver in den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland MdlAnfr 58 09.03.84 Drs 10/1100 Eigen CDU/CSU Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4155C, D, 4156A ZusFr Eigen CDU/CSU 4155D, 4156A Koordinierung der Forschungsvorhaben im Bereich nachwachsende Rohstoff- Energien in der EG MdlAnfr 59 09.03.84 Drs 10/1100 Eigen CDU/CSU Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4156 B, C, D ZusFr Eigen CDU/CSU 4156C,D Benachteiligung schwerbehinderter Heimbewohner mit geringem Taschengeld durch die Neuordnung der unentgeltlichen Beförderung Schwerbehinderter MdlAnfr 62 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Dr. Vollmer GRÜNE Antw PStSekr Franke BMA 4157 A, B, C ZusFr Frau Dr. Vollmer GRÜNE 4157 B Nächste Sitzung 4215A Anlage 1 Liste der entschuldigten Abgeordneten 4217*A Anlage 2 Amtliche Mitteilungen 4217* B Anlage 3 Speicherung der Besteller von Schriften der Bundesregierung MdlAnfr 28 09.03.84 Drs 10/1100 Conradi SPD SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4217* D Anlage 4 Verweigerung politischen Asyls für den in Afghanistan gefangenen und über die Schweiz in die Bundesrepublik Deutschland gekommenen sowjetischen Soldaten J. I. Waschtschenko MdlAnfr 29 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Soell SPD SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4217* D Anlage 5 Einfluß der DKP auf die Deutsche Friedensgesellschaft — Vereinigte Kriegsdienstgegner MdlAnfr 35 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Laufs CDU/CSU SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4218* A Anlage 6 Entsendung führender Vertreter der KPdSU und der SED zum 7. Parteitag der KPD in Nürnberg MdlAnfr 36 09.03.84 Drs 10/1100 Broll CDU/CSU SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4218* C Anlage 7 Abschirmung von Ensemblemitgliedern eines vietnamesischen Musiktheaters in München durch „Kampftruppen der DKP" zur Verhinderung von Asylanträgen; Entsendung eines Vertreters der Konferenz der Landesschülervertretungen zum 7. Parteitag der DKP im Januar 1984 MdlAnfr 37, 38 09.03.84 Drs 10/1100 Kalisch CDU/CSU SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4218* D Anlage 8 Anerkennung der Gemeinnützigkeit von Kleingartenvereinen MdlAnfr 42, 43 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Zutt SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4219* C Anlage 9 Zahlung der Bußgelder gegen die VEBA- Glas AG durch die Verantwortlichen des Unternehmens MdlAnfr 44 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Jens SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220*A Anlage 10 Schadlose Auflösung von Vermögensbildungs-Sparverträgen durch erwerbsunfähige Sparer MdlAnfr 46 09.03.84 Drs 10/1100 Westphal SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220*A Anlage 11 Urteil des Europäischen Gerichtshofs über Einfuhrumsatzsteuer-Freiheit bei unerlaubtem Import von Betäubungsmitteln in ein EG-Land MdlAnfr 48 09.03.84 Drs 10/1100 Jäger (Wangen) CDU/CSU SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220* C Anlage 12 Bindung einer Zuwendung von 500 Millionen DM an den Salzgitter Konzern an die Entlassung von 10 000 Mitarbeitern MdlAnfr 49 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Simonis SPD SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220* D Anlage 13 Diskriminierung von Ausländern beim Abschluß von Kfz-Versicherungen MdlAnfr 50 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Dr. Martiny-Glotz SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4221*A Anlage 14 Erhöhung der Schwefeldioxidemissionen aus Kohlekraftwerken durch verstärkte Verfeuerung von Ballastkohle; geplanter Austausch von 1,7 Millionen Tonnen Ballastkohle aus der nationalen Steinkohlenreserve gegen Vollwertsteinkohle MdlAnfr 53, 54 09.03.84 Drs 10/1100 Dr. Ehmke (Ettlingen) GRÜNE SchrAntw PStSekr Grüner BMWi 4221* B Anlage 15 Auswirkung der Eigenbeteiligung auf die Gesamtausgaben für die Krankenhausbehandlung; Belastung der Volkswirtschaft durch Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen 1983 und seit 1958 MdlAnfr 60, 61 09.03.84 Drs 10/1100 Kirschner SPD SchrAntw PStSekr Franke BMA 4222* A Anlage 16 Wehrdienst- und zivile Manöveropfer seit Beginn der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland MdlAnfr 63, 64 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Schoppe GRÜNE SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4222* C Anlage 17 Kritik an der Winterausrüstung der Soldaten MdlAnfr 65, 66 09.03.84 Drs 10/1100 Sauter (Epfendorf) CDU/CSU SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4222* D Anlage 18 Äußerungen Henry Kissingers über den Vorrang innenpolitischer Probleme bei den europäischen NATO-Partnern MdlAnfr 68 09.03.84 Drs 10/1100 Lowack CDU/CSU SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4223* B Anlage 19 Inanspruchnahme von niederländischen Einrichtungen durch die Bundeswehr im Rahmen des NATO- Verteidigungsauftrages; Maßnahmen gegen die Rauschgifteinfuhr durch in den Niederlanden tätige Bundeswehrangehörige MdlAnfr 71, 72 09.03.84 Drs 10/1100 Milz CDU/CSU SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4223* C Anlage 20 Verlust von Akten betr. Schadensregulierungen von Manöverschäden bei der WBV VI MdlAnfr 73, 74 09.03.84 Drs 10/1100 Vahlberg SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224*A Anlage 21 Neuordnungspläne für Kreiswehrersatzämter, insbesondere das Solinger MdlAnfr 75, 76 09.03.84 Drs 10/1100 Wilz CDU/CSU SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224* C Anlage 22 Zahl der von noch nicht gebildeten Ausschüssen für Kriegsdienstverweigerung zu bearbeitenden Anträge auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer; Beschleunigung der Anerkennungsverfahren für Kriegsdienstverweigerer während des Wehrdienstes gemäß Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 26. Mai 1970 MdlAnfr 77, 78 09.03.84 Drs 10/1100 Lambinus SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224* D Anlage 23 Zahl der seit Inkrafttreten des Kriegsdienstverweigerungs-Neuordnungsgesetzes (1. 1. 1984) neu eingerichteten Prüfungsausschüsse und deren Verteilung auf die Bundesländer MdlAnfr 79, 80 09.03.84 Drs 10/1100 Jaunich SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4225* B Anlage 24 Verspätete Veröffentlichung der ab 1. Januar 1984 gültigen KDV-Verordnung im Bundesgesetzblatt und Anzahl der vom Stillstand der Rechtspflege betroffenen Antragsteller MdlAnfr 81, 82 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Schmidt (Nürnberg) SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4225* D Anlage 25 Paritätische Berücksichtigung von Frauen und Männern in der KDV-Verordnung für die Wahl der Beisitzer; Beschleunigung der Wahl der Ausschüsse für Kriegsdienstverweigerung MdlAnfr 83, 84 09.03.84 Drs 10/1100 Gilges SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226*A Anlage 26 Anteil der 1983 von den Prüfungsausschüssen noch bearbeiteten Anträge auf Kriegsdienstverweigerung MdlAnfr 85 09.03.84 Drs 10/1100 Sielaff SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226* C Anlage 27 Einstellung der Arbeit von Prüfungsausschüssen für Kriegsdienstverweigerer im zweiten Halbjahr 1983; Auswirkungen angesichts der Verlängerung des Zivildienstes MdlAnfr 86, 87 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Dr. Czempiel SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226* C Anlage 28 Zustellung unbearbeiteter Anträge auf Kriegsdienstverweigerung an das Bundesamt für den Zivildienst MdlAnfr 88 09.03.84 Drs 10/1100 Delorme SPD SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4227*A Anlage 29 Ausschluß engagierter Berufsgruppen von der Mitwirkung in den Ausschüssen für Kriegsdienstverweigerung MdlAnfr 89 09.03.84 Drs 10/1100 Sielaff SPD SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki BMJFG 4227* B Anlage 30 Auswirkung der Arbeitseinstellung der Prüfungsausschüsse auf die Besetzung von Zivildienststellen MdlAnfr 90 09.03.84 Drs 10/1100 Delorme SPD SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki BMJFG 4227* C Anlage 31 Überwachung und Kontrolle ein- und ausgeführter Weine MdlAnfr 91, 92 09.03.84 Drs 10/1100 Schartz (Trier) CDU/CSU SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki BMJFG 4228*A Anlage 32 Veröffentlichung der Vorschriften über die Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung im Katastrophenfall MdlAnfr 95 09.03.84 Drs 10/1100 Frau Dr. Vollmer GRÜNE SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki BMJFG 4228* D 59. Sitzung Bonn, den 15. März 1984 Beginn: 8.00 Uhr Vizepräsident Frau Renger: Die Sitzung ist eröffnet. Meine Damen und Herren, ich rufe Punkt 1 der Tagesordnung auf: Fragestunde — Drucksache 10/1100 — Ich rufe den Geschäftsbereich des Bundesministers des Innern auf. Zur Beantwortung steht Herr Parlamentarischer Staatssekretär Spranger zur Verfügung. Die Frage 28 des Abgeordneten Conradi sowie die Frage 29 des Abgeordneten Dr. Soell werden auf Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt. Ich rufe die Frage 30 des Herrn Abgeordneten Stahl auf: Wird die Bundesregierung dafür eintreten und welche Chancen sieht sie zur Durchsetzung, daß künftig im näheren Grenzbereich zu Nachbarländern, wie z. B. den Niederlanden, beizustellenden Industrieanlagen, auch Kraftwerken und deren Umrüstung, mit Immissionsauswirkungen auf die Umwelt, grenzüberschreitende Einsprüche möglich werden, um Anhörungen von Verwaltungen und Bürgern beiderseits der Grenze zu ermöglichen, ehe die Genehmigungen der jeweiligen Staatsaufsichtsbehörden zu grenzüberschreitenden Umweltbelastungen führen? Bitte, Herr Staatssekretär. Spranger, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister des Innern: Herr Kollege Stahl, Beteiligungsrechte für Behörden und Bürger der Bundesrepublik Deutschland, im Genehmigungsverfahren von grenznahen ausländischen Projekten mit grenzüberschreitenden Belastungen können sich aus völkerrechtlichen Vereinbarungen oder z. B. aus der Umsetzung von EG-Recht ergeben. Beispiele für Empfehlungen, die tatsächliche Beteiligungsmöglichkeiten einräumen, sind die Empfehlungen der „Kommission Tripartite" vom 15. Oktober 1982, die eine gegenseitige Information von Behörden bei neuen Projekten im Grenzgebiet der Schweiz, Frankreich sowie der Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorsehen. Zwischen den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland bestehen keine derartigen Vereinbarungen oder Abreden. Dessen ungeachtet ist es aber nach niederländischem Recht ausländischen Bürgern möglich, Einsicht in Genehmigungsunterlagen zu nehmen und Einwendungen zu erheben. Es ist vorgesehen, nähere Informationen über die Umrüstung des Kraftwerks Buggenum auf der nächsten Sitzung der Deutsch-Niederländischen Raumordnungskommission zu erhalten. Im übrigen hat der EG-Umweltministerrat am 1. März 1984 die EG-Richtlinie zur Bekämpfung der Luftverunreinigung durch Industrieanlagen verabschiedet. Diese Grundsatzrichtlinie sieht u. a. auch eine Verpflichtung zur Sanierung von Altanlagen vor. Regelungen über die Öffentlichkeitsbeteiligung sowie über das Verfahren bei grenzüberschreitenden Umweltbelastungen sind im übrigen im Entwurf einer EG-Richtlinie über die Prüfung der Umweltverträglichkeit bei bestimmten öffentlichen und privaten Vorhaben enthalten, die im Juni 1984 im Umweltministerrat mit dem Ziel ihrer Verabschiedung beraten wird. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter. Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, habe ich Sie richtig verstanden, daß Beteiligungsverfahren schon möglich sind, d. h., daß man über die Grenze Einspruch erheben kann? (Parl. Staatssekretär Spranger: Das ist richtig!) Deshalb meine Frage: Wird die Bundesregierung auch mit der niederländischen Regierung einen derartigen gemeinsamen Vertrag auf Gegenseitigkeit — wie Sie es vorhin dargestellt haben — aushandeln, um Interessen von Gemeinden und Bürgern der Bundesrepublik Deutschland bei Investitionen von Großanlagen im Grenzbereich mit einem Mitspracherecht verbindlich darzustellen? Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Stahl, das würde erforderlich sein, wenn nicht für private Einsprüche bzw. im Bereich der EG schon Regelungen vorhanden wären. Nach der bisherigen Einschätzung der Lage wird insbesondere die Inkraftsetzung der von mir genannten Richtlinien Beteiligungsmöglichkeiten der Bundesrepublik Deutschland vorsehen, die ausreichend sind. Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage, bitte, Herr Kollege Stahl. Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, habe ich Sie richtig verstanden, daß Sie jetzt zum Schluß sagten, daß es „ausreichend" ist? Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich sagte, daß hier im Bereich der EG Beteiligungsrechte wie genannt vorgesehen sind und davon auszugehen ist, daß auch das von Ihnen angeschnittene Problem in diesem Zusammenhang einer Beeinflussung durch die Bundesrepublik Deutschland zugänglich ist. Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 31 des Herrn Abgeordneten Stahl auf: Welche Möglichkeiten und Wege sieht die Bundesregierung, die für die Umstellung des Kraftwerkes Maaszentrale in Buggenum, Niederlande, von 01 auf Importkohle an der niederländischen Grenze bei Niederkrüchten und Brüggen am Niederrhein gegebene Ausnahmegenehmigung bezüglich der Abgabe von Schadstoffimmissionen, die wohl wesentlich höher liegen als die in der Großfeuerungsanlagen- Verordnung der Bundesrepubilk Deutschland, so zu beeinflussen, daß eine Abänderung der Genehmigung mit dem Ziel des Einbaus einer Entschwefelungsanlage doch noch erreicht werden kann? Bitte, Herr Staatssekretär. Spranger, Parl. Staatssekretär: Das niederländische Kraftwerk Buggenum besteht aus drei älteren mittelgroßen Blöcken, von denen nach Kenntnis der Bundesregierung ein Block von Öl- auf Kohle-Öl- Feuerung und ein zweiter vom Öl-Gas- auf Kohle- Öl-Gas-Feuerung umgestellt worden sind. Eine geplante Umstellung des dritten Blocks von Öl- auf Kohlefeuerung, die zu der öffentlichen Diskussion geführt hat, ist mit der Auflage verbunden, daß der genehmigte Schwefeldioxidausstoß des Kraftwerkes insgesamt nicht überschritten werden darf. Das heißt: Wenn alle drei Blöcke in Betrieb sind, müssen in den beiden erstgenannten Blöcken entsprechend schwefelärmere Brennstoffe verfeuert werden. Der Einbau einer Rauchgasentschwefelungsanlage — wie in den Niederlanden bei Kohlekraftwerken sonst üblich — ist nicht vorgesehen, weil dieser Block in ungefähr zehn Jahren stillgelegt werden soll. Nach Auskunft des niederländischen Umweltministeriums, die von der Deutschen Botschaft in Den Haag eingeholt worden ist, wird, insgesamt gesehen, keine Verschlechterung der Emissionssituation des Kraftwerkes Buggenum eintreten. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Stahl. Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, nehmen Sie doch bitte zur Kenntnis, daß nicht nur bei diesem jetzt zuletzt genehmigten Block des Großkraftwerkes die Diskussion an der Grenze auf der einen und der anderen Seite ausgelöst wurde. (Zuruf von der CDU/CSU: Frage!) Meine Frage an Sie ist: Unbestritten ist j a wohl, daß die Niederländer in ihrer Gesetzgebung wesentlich höhere Werte zulassen als die derzeitige Großfeuerungsanlagen-Verordnung hier in der Bundes - republik. Scheint es da aus diesem Gesichtspunkt und aus dem Gesichtspunkt, daß das dortige Kraftwerk ca. 60 m tiefer liegt und die Wälder auf der bundesrepublikanischen Seite damit gerade auf der Schornsteinhöhe liegen, nicht zweckmäßig und notwendig, daß doch eine Nachrüstung mit einer Entschwefelungsanlage erfolgt? Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Stahl, ich weise noch einmal darauf hin, daß nach unseren Informationen durch die Umrüstung keine Verschlechterung der Emissionssituation eintreten wird. Und ich weise erneut darauf hin, daß wir bei der nächsten Sitzung der Deutsch- Niederländischen Raumordnungskommission noch nähere Informationen dazu bekommen. Sollten sich auf Grund der Information solche Verschlechterungen dennoch ergeben, wird man zu entscheiden haben. Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage, Herr Stahl. Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, wenn Sie sagen, daß keine Verschlechterung der Belastung der Luft eintritt, würde das doch, bezogen auf die Bundesrepublik Deutschland, bedeuten, da wir im S0 2 -Bereich von der zahlenmäßigen Erfassung der Belastung insgesamt auch keine Verschlechterungen hinzunehmen haben und wir trotzdem die Großfeuerungsanlagen-Verordnung erlassen haben, da das Waldsterben sehr massiv auftritt, daß es unter diesem Gesichtspunkt doch notwendig ist, insgesamt die Emissionswerte auch in den Niederlanden herunterzudrücken. Würden Sie mir da zustimmen? Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich kann nur wiederholen, daß nach den uns zur Verfügung stehenden Unterlagen — auch im Vergleich zur Großfeuerungsanlagen-Verordnung der Bundesrepublik Deutschland — keine Emissionswerte erreicht werden, die im jetzigen Zeitpunkt irgendwelche Maßnahmen zwingend erfordern. Aber ich bin bereit — das habe ich auch zum Ausdruck gebracht —, das Problem bei der nächsten Sitzung dieser Kommission ansprechen zu lassen. Vizepräsident Frau Renger: Danke schön. Der Abgeordnete Stiegler — Frage 32 — ist nicht im Raum. Die Frage wird nicht beantwortet. Die Fragen 33 und 34 des Abgeordneten Hinsken. — Er ist leider auch nicht im Raum. Nicht alle wußten, glaube ich, daß die Fragestunde schon um 8 Uhr beginnt. Die Fragen 35, 36, 37 und 38 werden auf Wunsch der Fragesteller, der Abgeordneten Dr. Laufs, Broll und Kalisch, schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt. Ich rufe die Frage 39 des Herrn Abgeordneten Olderog auf: Sind der Bundesregierung im Rahmen der beobachtenden Tätigkeit des Verfassungsschutzes Anhaltspunkte für die Annahme bekanntgeworden, daß die DKP ihre Bemühungen, Sozialdemokraten für eine Zusammenarbeit zu gewinnen (vgl. S. 55 unter 2.1.1 des Verfassungsschutzberichtes 1982) fortgesetzt und Erfolg damit gehabt hat? Bitte sehr, Herr Staatssekretär. Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Dr. Olderog, die DKP sieht in der Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und parteilosen Arbeitern nach wie vor das „Kernstück" ihrer Bündnispolitik. Dabei mißt sie dem gemeinsamen Handeln von Kommunisten und Sozialdemokraten entscheidende Bedeutung bei. In den vergangenen Monaten bemühte sich die DKP verstärkt um Bündnisse mit Sozialdemokraten, vorwiegend mit einzelnen SPD-Mitgliedern und SPD-Gliederungen, bot aber auch der SPD-Führung die Zusammenarbeit an. „Vorprogrammierte" Anlässe dafür sah die DKP bei „Ostermärschen für Frieden und Abrüstung", im Kampf um Arbeitsplätze, gegen „Sozialabbau" und den „Abbau demokratischer Rechte" sowie gegen „Ausländerfeindlichkeit und Neonazismus". (Hört! Hört! bei der SPD) Als besonderen Erfolg ihrer Bemühungen stellte die DKP die Zusammenarbeit von Kommunisten und Sozialdemokraten in der Protestbewegung gegen die NATO-Nachrüstung heraus. Das DKP- Zentralorgan „Unsere Zeit" (UZ) hob in seiner Ausgabe vom 10. November 1983 hervor, daß mit der „Hinwendung" zur „Friedensbewegung" der „unselige Beschluß der SPD", der die Zusammenarbeit zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten untersage, „faktisch außer Kraft gesetzt" sei; solches Zusammenwirken könne zu einer „größeren Veränderung der politischen Landschaft" führen. Auch in Betrieben — wie bei der Besetzung von Werften in Hamburg und Bremen — haben Sozialdemokraten und Kommunisten nach Einschätzung der DKP erfolgreich zusammengewirkt. Dort sei, wie die internationale kommunistische Zeitschrift „Probleme des Friedens und des Sozialismus" im Oktober 1983 herausstellte, ohnehin der Unvereinbarkeitsbeschluß des SPD-Parteivorstands niemals voll wirksam geworden. Die „Bündnisfähigkeit" der DKP wird von demokratischen Kräften, darunter von sozialdemokratischen Parteimitgliedern, in einzelnen Fällen anerkannt. Vereinzelt arbeiten Sozialdemokraten bereits seit längerer Zeit in kommunistisch beeinflußten Organisationen auch auf höherer Ebene mit, z. B. im „Büro" des „Komitees für Frieden, Abrüstung und Zusammenarbeit", im „Arbeitsausschuß" der Initiative „Weg mit den Berufsverboten" und in Vorständen DKP-beeinflußter Freundschaftsgesellschaften mit sozialistischen Ländern. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Dr. Olderog. Dr. Olderog (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, kann die Bundesregierung belegen, daß die DKP die von ihr behaupteten Erfolge bei der Bündnispolitik mit den Sozialdemokraten und bei der Auflösung des Unvereinbarkeitsbeschlusses erzielt hat? (Dr. Soell [SPD]: Natürlich!) Spranger, Parl. Staatssekretär: Es gibt eine Reihe von Beispielen. Ich kann hier nur empfehlen, sich der Mühe zu unterziehen, die „UZ" in dem Zusammenhang durchzusehen. Aber beispielsweise hat im Mai 1983 auch der Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, Olaf Scholz, beim Bundeskongreß der VVN/BdA, einer DKP-beeinflußten Organisation, in Hamburg erklärt, es sei an der Zeit, daß die SPD- Führung ihren Unvereinbarkeitsbeschluß zur VVN/ BdA aufhebe. Offen für eine Zusammenarbeit mit Kommunisten zeigte sich unlängst (Zuruf des Abg. Lambinus [SPD]) beispielsweise auch der Juso-Landesvorstand Ba - den-Württemberg. Es läßt sich also eine Reihe von Beispielen bringen, die diese Darlegungen belegen. (Dr. Scheer [SPD]: Nun hören Sie langsam auf! Verbreitung von Unwahrheiten!) Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage, Herr Dr. Olderog? (Dr. Olderog [CDU/CSU]: Danke; nein!) — Danke schön. Herr Lambinus, Zusatzfrage. Lambinus (SPD): Herr Staatssekretär, infolge der frühen Morgenstunde und dessen, was Sie da eben an starkem Tobak losgelassen haben, darf ich Sie fragen, ob Sie vielleicht von der „UZ" Honorare dafür bekommen, daß Sie hier Reklame für diese Zeitung machen. (Beifall des Abg. Sielaff [SPD]) Spranger, Parl. Staatssekretär: Es geht hier nicht um starken Tobak, sondern es geht um Fakten; und die habe ich vorgetragen. (Zuruf von der SPD: Das glauben Sie doch selber nicht! — Dr. Olderog [CDU/CSU]: Sehr gut!) Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Jansen. Jansen (SPD): Ist der Bundesregierung bekannt, daß der Abgeordnete Dr. Olderog Fragen dieser Art etwa seit fast genau 27 Jahren stellt? (Lachen bei der CDU/CSU) Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich kann nur sagen: Es sind offensichtlich sehr aktuelle Probleme, die er anschneidet, weil wir immer neue Fakten zu dem Thema vorlegen können. (Dr. Olderog [CDU/CSU]: Sehr gut! — Un ruhe bei der SPD) Vizepräsident Frau Renger: Keine weitere Zusatzfrage. Herr Staatssekretär, wegen der frühen Zeit rufe ich die Frage des Abgeordneten Stiegler noch mal auf. Er ist nämlich gerade hereingekommen. Wenn Sie so freundlich wären, das noch mal zur Hand zu nehmen. Es ist die Frage 32 des Abgeordneten Stiegler: Tritt die Bundesregierung grundsätzlich für die Abschaffung der Kontrollen des Personenverkehrs an den Binnengrenzen der Europäischen Gemeinschaft ein, und welche Maßnahmen hat sie zur Verwirklichung dieses Zieles bisher ergriffen? Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Stiegler, nach Auffassung der Bundesregierung ist ein Europa ohne Binnengrenzen das Ziel der angestrebten Integration. Dazu gehört ein Abbau der noch vorhandenen Hemmnisse und Formalitäten im Güter- und Warenverkehr innerhalb der EG, aber auch die Freizügigkeit für Reisen der EG- Bürger innerhalb der Gemeinschaft. In der Europäischen Gemeinschaft werden Grenzkontrollen entbehrlich sein, wenn dies durch eine koordinierte und verstärkte Kontrolle an den EG-Außengrenzen sowie durch eine engere Zusammenarbeit der EG-Mitgliedstaaten in Fragen der inneren Sicherheit und der Ausländerpolitik ohne Verlust an Sicherheit für die Mitgliedstaaten und ihre Bürger möglich ist und die Steuern harmonisiert sind. Deshalb tritt die Bundesregierung dafür ein, daß als erster Schritt der Grenzübertritt an den Binnengrenzen für EG-Bürger erleichtert und beschleunigt wird. Auf dieser Grundlage hat die Bundesregierung folgende Initiativen zur Erleichterung des Grenzübertritts an den Binnengrenzen der EG ergriffen: Auf EG-Ebene hat die Bundesregierung Vorschläge zur Erprobung konkreter Maßnahmen zur Erleichterung des Grenzübertritts an den Binnengrenzen der EG unterbreitet. Es ist zu hoffen, daß sich die übrigen Staaten diesem Vorschlag anschließen. Außerdem hat sie mehreren EG-Mitgliedstaaten auf bilateraler Ebene Verhandlungen über Verbesserungen im Kleinen Grenzverkehr angeboten. Mit der niederländischen Regierung besteht Übereinstimmung, daß Bewohnern von Grenzgemeinden in Kürze der Grenzübertritt an Grenzübergangsstellen auch außerhalb der Verkehrsstunden gestattet werden soll. An vier Straßenübergängen wird derzeit ein verbessertes Kontrollverfahren erprobt, das Erleichterungen für EG-Angehörige bietet und geeignet ist, die Gefahr von Staubildungen wesentlich zu verringern. Der Versuch soll noch im Laufe dieses Jahres auf vier weitere Übergänge ausgedehnt werden. Seit April 1983 wird auf dem Flughafen Frankfurt/Main die gesonderte Abfertigung von EG- Bürgern im Flugverkehr erprobt. Für den Grenzübertritt wird neuerdings auch ein seit höchstens einem Jahr ungültig gewordener Reisepaß bzw. Kinderausweis zugelassen, und schließlich wurde das Verfahren zur Ausstellung eines Reiseausweises als Paßersatz für nicht vorschriftsmäßig ausgewiesene Reisende erleichtert. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Stiegler. Stiegler (SPD): Herr Staatssekretär, Sie haben eine Reihe von nationalen Maßnahmen vorgeschlagen. Wie beurteilt die Bundesregierung die Vorschläge der Europäischen Kommission für eine bessere Organisation des nach dem Gemeinschaftsrecht zulässigen Kontrollrechts z. B. im Güterverkehr? Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich glaube, Sie können davon ausgehen, daß die Bundesregierung Vorschlägen, die Ihrer Zielsetzung im Hinblick auf ein Europa ohne Binnengrenzen entsprechen, ausgesprochen positiv gegenübersteht. Voraussetzung ist natürlich, daß sich auch alle anderen Staaten diesen entsprechenden Vorschlägen mit derselben Tendenz anschließen. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage, Herr Abgeordneter. Stiegler (SPD): Herr Staatssekretär, treffen Hinweise zu, wonach der Europapaß längst eingeführt sein könnte, wenn die Bundesregierung nicht sozusagen auf die maschinenlesbare Karte warten würde, die diesem Europapaß beigegeben werden soll und von der wir nicht wissen, ob sie überhaupt noch kommen soll? Spranger, Parl. Staatssekretär: Diese Informationen treffen nicht zu. Im Gegenteil drängt die Bundesregierung gerade wegen der Möglichkeiten einer dadurch erreichbaren schnelleren Grenzkontrolle darauf, daß diese maschinenlesbaren Ausweise so schnell wie möglich zur Verfügung stehen. Sie wissen, der Datenschutz, insbesondere das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, haben hier neue Probleme aufgeworfen. Vizepräsident Frau Renger: Keine weitere Zusatzfrage. Damit sind die Fragen aus diesem Geschäftsbereich beantwortet. Ich rufe den Geschäftsbereich des Bundesministers des Auswärtigen auf. Zur Beantwortung der Fragen steht Herr Staatsminister Dr. Mertes zur Verfügung. Ich rufe die Frage 18 des Herrn Abgeordneten Dr. Scheer auf: Teilt die Bundesregierung die Auffassung der Verteidigungsminister der NATO-Euro-Group, daß die Zusammenlegung der START- und INF-Verhandlungen zu befürworten ist? Herr Staatsminister, bitte. Dr. Mertes, Staatsminister im Auswärtigen Amt: Herr Kollege Scheer, es trifft nicht zu, daß sich die in der Euro-Gruppe vertretenen Verteidigungsminister für eine Zusammenlegung der INF- und der START-Verhandlungen ausgesprochen hätten. Allerdings gehören Fragen der Rüstungskontrolle zu den Themen, mit denen sich diese Minister in der Euro-Gruppe laufend befassen. In diesem Zusammenhang ist am 7. Dezember 1983 auch das Für und Wider einer Zusammenlegung der INF- und START-Verhandlungen erörtert worden. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Scheer. Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, können Sie bestätigen, daß im Nachrichtenspiegel der Bundesregierung bereits am 6. Dezember bekanntgegeben worden ist, daß sich die Euro-Group der NATO- Verteidigungsminister von einer Zusammenlegung der START- und INF-Verhandlungen einen möglichen Durchbruch für die Wiederaufnahme dann erfolgreicher Verhandlungen erwartet? Dr. Mertes, Staatsminister: Ich habe diese Meldung nicht gelesen; aber so, wie Sie sie zitieren, entspricht sie dem, was ich gesagt habe. Es ist nur von einem möglichen Durchbruch die Rede. Eine solche theoretische Möglichkeit gehört zu den Argumenten, die für eine Zusammenlegung der INF- und START-Verhandlungen sprechen. Aber es gibt eben auch andere Möglichkeiten und Argumente, die dagegen sprechen. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage. Dr. Scheer (SPD): Können Sie einmal mitteilen, was die Euro-Group der NATO- Verteidigungsminister veranlaßt hat, diesen zunächst lange Monate vorher vor allem von der SPD vertretenen Vorschlag zu würdigen, und vielleicht die Argumente nennen, die bei den NATO-Verteidigungsministern dafür und dagegen gesprochen haben? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Scheer, Sie wissen, daß die Meldung, von der Sie sprechen, nach dem Nachrüstungsbestätigungsbeschluß des Deutschen Bundestages erfolgt ist. Die Vorschläge und die Überlegungen zugunsten einer Zusammenlegung sind u. a. auch von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gekommen, sie sind auch innerhalb der Bundesregierung immer wieder durchdacht worden. Ich kann jetzt nicht im einzelnen die Für- und Wider-Argumente wiederholen, soweit sie nicht in der Antwort auf Ihre nächste Frage ohnehin schon enthalten sind. Vielleicht, Frau Präsidentin, kann ich hier gleich die Frage 19 des Herrn Kollegen Scheer bean tworten. Vizepräsident Frau Renger: Dann rufe ich die Frage 19 des Herrn Abgeordneten Scheer auf: Ist die Bundesregierung bereit, zusammen mit der SPD- Bundestagsfraktion und im Einvernehmen mit der NATO- Euro-Group, bei der amerikanischen Regierung für eine Zusammenlegung der START- und der INF-Verhandlungen aktiv einzutreten? Dr. Mertes, Staatsminister: Nach der Auffassung der Bundesregierung geht es um die ausschlaggebende Frage, welche Struktur der amerikanisch - sowjetischen Verhandlungen in Genf die besten Aussichten für erfolgversprechende Verhandlungen bietet. Alle Bündnispartner sind mit uns der Überzeugung, daß bei Wiederaufnahme separater START- und INF-Verhandlungen die besten Chancen für frühzeitige konkrete Verhandlungsergebnisse bestehen würden, weil so unmittelbar an den bisher schon erreichten Verhandlungsstand angeknüpft werden könnte. Das Bündnis ist bereit, jeden ernsthaften sowjetischen Vorschlag für die Wiederaufnahme der nuklearen Rüstungskontrollverhandlungen zu prüfen. Nach den Äußerungen des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Konstantin Tschernenko, gegenüber dem Fraktionsvorsitzenden der SPD bei dessen jüngstem Besuch in Moskau ist jedoch nicht zu erwarten, daß die Sowjetunion eine Verschmelzung der INF- und START-Verhandlungen vorschlagen wird. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Scheer. Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, Sie sind sicherlich mit mir einer Meinung, daß bei der Frage nach sinnvollen Vorschlägen zunächst einmal die eigenen sachlichen Erörterungen im Vordergrund stehen sollten und dann danach gesucht werden sollte, ob vielleicht ein potentieller Verhandlungspartner dafür zu gewinnen ist. Bei den sachlichen Erörterungen frage ich: Wie kommen Sie zu der Feststellung, daß die separaten Verhandlungen, wie sie bis zum Abbruch beider Verhandlungsrunden stattfanden, erfolgversprechender seien, wo doch diese separaten Verhandlungen offenkundig deshalb nicht erfolgreich waren, weil die Separation selbst ein Verhandlungshindernis darstellte, etwa bei der Einbeziehung der britischen und französischen Waffen? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, ich teile diese Ihre Auffassung nicht. Die Frage nach einer Zusammenlegung von INF und START ist immer zu beantworten unter dem Gesichtspunkt der Erfolgschancen der Verhandlungen. Man kann durchaus an die Zusammenlegung denken, wenn eine rationale Argumentation zu dem Ergebnis führen sollte, daß damit eher Verhandlungsergebnisse erzielt werden. Aber nach den bisherigen Beratungen und Erkenntnissen ist genau dies nicht der Fall. Wir könnten an die bisherigen Verhandlungsergebnisse anknüpfen, wenn wir in getrenten Verhandlungen an die Angelegenheit herangehen. Daß INF und START innerhalb des Bündnisses, auch innerhalb der einzelnen Regierungen, auch innerhalb der amerikanischen Regierung, in einem umfassenderen Zusammenhang gesehen werden, ist selbstverständlich. Es geht also hier nur darum, ob durch eine organisatorische Zusammenlegung der Verhandlungen eher ein Verhandlungserfolg erzielt werden kann. Bisher verneinen das alle Mitgliedstaaten des Atlantischen Bündnisses. Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Scheer. Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, könnten Sie bestätigen, daß im Bündnis ursprünglich im Januar 1979 ohnehin nur an eine einzige Verhandlungsrunde gedacht war, zumindest an einen einheitlichen Verhandlungsrahmen, und daß die getrennten Verhandlungen nur dadurch zustande kamen, daß die SALT-Gespräche zunächst abgebrochen waren und es gar keine Chance für die Aufnahme der . Mittelstreckenraketenverhandlungen gab, es sei denn, man führte sie getrennt? Ist denn nicht dieser Grund spätestens seit der Wiederaufnahme der START-Gespräche gegenstandslos geworden? Dr. Mertes, Staatsminister: Nein, auch diese Auffassung teile ich nicht. Es kam zu den INF- Verhandlungen, weil sich durch den Aufbau der Hegemonialwaffe SS 20 eine neue Situation ergeben hatte. Der damalige Bundeskanzler hat auf die spezifische Natur — politischer und militärischer Art — dieser Waffe in seiner bekannten Rede 1977 in London hingewiesen. Auf Grund dieser Rede in London kam es dann zu den bündnisinternen Überlegungen, die zu den speziellen Verhandlungen über europabezogene atomare Mittelstrekenwaffen führten. Aber ich möchte noch einmal betonen, Herr Kollege Scheer: Man kann — politisch gesprochen, mit Blick auf die Gesamtanlage — weder START noch INF noch andere Foren von Rüstungskontrolle und Abrüstung politisch voneinander trennen. Es geht hier nur um eine prozedurale Frage, die — ich betone das noch einmal — unter dem Gesichtspunkt der Chance der Verhandlungsergebnisse gesehen werden muß. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Dr. Soell. Dr. Soell (SPD): Herr Staatsminister, kann ich aus Ihrer Antwort entnehmen, daß Ihnen nicht bewußt geblieben ist, daß in der Entscheidung des NATO- Ministerrats vom Dezember 1979 mit der Formulierung, daß die Verhandlungen über die Mittelstrekkenwaffen im Rahmen von SALT III erfolgen sollen, nach der inneren Logik der damaligen Überlegungen eben doch der Zusammenhang zwischen beiden Verhandlungen offenkundig war? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, Sie wiederholen, was ich eben gesag t habe: es gibt einen inneren politischen Zusammenhang aller die ser Rüstungsprobleme und Rüstungskontrollprobleme. Aber ich kann Ihnen nicht bestätigen, daß es irgendeine Aussage des Atlantischen Bündnisses gibt, die den jetzigen Abwägeprozeß in irgendeiner Form inhibiert. Dieser Abwägeprozeß findet statt. (Abg. Dr. Soell [SPD] meldet sich zu einer weiteren Zusatzfrage) Vizepräsident Frau Renger: Es gibt nur eine Zusatzfrage. (Zurufe von der SPD) — Nein, meine Damen und Herren, die zweite Frage war aufgerufen. Dazu gibt es nur eine Zusatzfrage. Nur der Fragesteller darf zwei Fragen stellen. Keine weiteren Zusatzfragen. Wir kommen zur Frage 20 des Abgeordneten Würtz. Der Abgeordnete ist nicht im Saal. Die Frage wird nicht beantwortet. Ich rufe die Frage 21 des Herrn Abgeordneten Dr. Czaja auf: Trifft es zu, daß die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen nach allgemeinem Völkerrecht die Anerkennung des jeweiligen anderen Staates als Völkerrechtssubjekt auch in seinen Grenzen beinhaltet, und kann sich das auch auf die deutsche Frage auswirken? Bitte sehr, Herr Staatsminister. Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter, die Aufnahme diplomatischer Beziehungen setzt voraus, daß sich zwei Völkerrechtssubjekte als solche anerkennen, d. h. sich gegenseitig bestätigen, Träger völkerrechtlicher Rechte und Pflichten zu sein, um am internationalen Verkehr teilnehmen zu können. Zu den Rechten, die auf Grund der Anerkennung nicht bestritten werden können, gehört das Recht, Gebietshoheit über Staatsgebiet auszuüben. Hinsichtlich der Grenzen dieses Staatsgebiets enthält die Anerkennung keine Garantie für den künftigen rechtlichen oder faktischen Fortbestand der Grenzen dieser Gebietshoheit — ich betone: keine Garantie für den künftigen rechtlichen oder faktischen Fortbestand der Grenzen dieser Gebietshoheit. So beeinflussen Gewinne oder Verluste die fortdauernde Anerkennung und den Fortbestand der diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Völkerrechtssubjekten nicht. Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Dr. Czaja. Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister, wenn ich Sie recht verstehe, schließt die Anerkennung den friedlichen Wandel nicht aus. Darf ich Sie fragen, ob die von Ihnen betonte Anerkennung der Gebietshoheit auch Anerkennung der Souveränität überall dort bedeutet, wo es sich um eine bestehende Grenzlinie nach der gegenwärtigen Lage im Zusammenhang mit Okkupation, nicht rechtswirksamen Annexionen und ähnlichem handelt, wo die Souveränität durch sonstige Maßnahmen international nicht anerkannt ist. Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Czaja, Sie wissen, daß die Rechtswissenschaft unterscheidet zwischen Gebietshoheit und Souveränität. Sollten Sie die Oder-Neisse-Gebiete hier im Auge haben, was ich bei Ihnen für möglich halte, so möchte ich sagen, daß dieser Unterschied natürlich auch hier eine Rolle spielt. Vizepräsident Frau Renger: Haben Sie noch eine Zusatzfrage? Dr. Czaja (CDU/CSU): Ja. Vizepräsident Frau Renger: Bitte, Herr Dr. Czaja. Dr. Czaja (CDU/CSU): Meine Frage geht dahin, ob gegenüber Vertragspartnern und Verbündeten die Bundesrepublik Deutschland solche im Zusammenhang mit der von Ihnen genannten offenen deutschen Frage bestehenden Unterschiede und Vorbehalte auch geltend machen wird. Dr. Mertes, Staatsminister: Selbstverständlich, Herr Kollege Czaja. Ich möchte aber auch daran erinnern, daß die Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa sich bereits seit langer Zeit verpflichtet haben, die territoriale Integrität eines jeden Teilnehmerstaats zu achten. Das ist ebenfalls zu sehen. (Zuruf des Abg. Lambinus [SPD]) Würde das Netz der diplomatischen Beziehungen im Interesse der europäischen Zusammenarbeit enger geknüpft, so läge darin kein grundsätzlich neues Element, so daß sich hieraus auch keine Auswirkungen auf die Deutschlandfrage ergäben. In diesem Zusammenhang ist zu verweisen auf Art. 4 des Warschauer Vertrags und auf die Feststellung der Schlußakte, wonach diese weder die Rechte und Verpflichtungen der Teilnehmerstaaten noch die diesbezüglichen Verträge und Abkommen und Abmachungen berührt. Vizepräsident Frau Renger: Dann darf ich die Frage 22 des Herrn Abgeordneten Czaja aufrufen: Warum ist eine „gemischte deutsch-polnische Regierungskommission" nicht auch ein „adäquater Rahmen" (Protokoll 10/57 S. 4096) zur Behandlung der schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen gegenüber Deutschen (jahrelange Trennung zehntausender deutscher Familien, fehlende Erledigung von weit über 100 000 Ausreiseanträgen, Verhinderung der Pflege kultureller Eigenart), oder wird die Bundesregierung eine besondere gemischte Kommission zur Normalisierung durch Erfüllung der Menschenrechtsverpflichtungen und als Voraussetzung weiterer hoher finanzieller Opfer fordern? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter Dr. Czaja, wie bereits in der Antwort auf Ihre im Bundestagsprotokoll 10/57 Seite 4096 verzeichnete Frage festgestellt wurde, handelt es sich bei der erwähnten „gemischten deutsch-polnischen Kommission" um eine Kommission, die sich allein um Wirtschaftsfragen kümmert. Die mit der Ausreise und Familienzusammenführung zusammenhängenden Fragen werden von der Bundesregierung in Gesprächen mit polnischen Regierungsvertretern mit Geduld und großem Nachdruck anderenorts behandelt. Das wird auch weiterhin geschehen, ohne daß es dafür eines neuen institutionellen Rahmens bedürfte. Ich bin davon überzeugt, daß die mit der Ausreise und Familienzusammenführung verbundenen Fragen im Rahmen eines fortschreitenden Versöhnungsprozesses zwischen Deutschen und Polen, an dem allen Fraktionen des Deutschen Bundestages viel liegt, eine allseits befriedigende Regelung finden werden. Wir sollten uns daher alle darum bemühen, diesem Prozeß neue Impulse zu geben. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Czaja. Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister, meinen Sie nicht, daß es auch ein neuer Impuls wäre, wenn im Sinne der Schutzpflicht der Bundesregierung und im Zusammenhang mit den von Ihnen betonten Normalisierungsbestrebungen in einer gemischten Kommission die unzähligen strittigen Fragen — etwa der starke Rückgang der Aussiedlerzahlen und insbesondere die Familientrennung — dazu gehören und ebenso wie wirtschaftliche Fragen, die dann in einer anderen Kommission erörtert werden müßten, im Interesse der Menschen behandelt werden? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Czaja, Sie kennen den von der Bundesregierung veröffentlichten Antwortbrief, den ich am 14. Dezember 1983 an den früheren Kollegen Dr. Carl Otto Lenz gerichtet habe. Die Bedeutung des Themas Ihrer Frage, die Bedeutung der Schutzpflicht habe ich dort hervorgehoben. Sie kennen auch die unsachlichen Reaktionen, die daraufhin in der Volksrepublik Polen erfolgt sind. Ich möchte noch einmal sagen, Herr Kollege Czaja, daß es hier nicht darum geht, neue prozedurale Rahmen zu schaffen. Es geht vielmehr darum, in der Sache unseren Standpunkt angemessen und zweckdienlich zur Geltung zu bringen. Ich darf Sie darauf hinweisen, daß das Thema Aussiedlung gegenüber der Volksrepublik Polen auch in letzter Zeit mehrfach besprochen worden ist: im Dezember 1983, im Januar 1984, im Februar 1984 von Bundesminister Genscher gegenüber dem polnischen Außenminister bzw. gegenüber dem polnischen Botschafter. Ich selbst hatte noch Ende Dezember 1983 Gelegenheit, dem polnischen Botschafter unseren Standpunkt in dieser Frage zu erläutern. Vizepräsident Frau Renger: Eine weitere Zusatzfrage, Herr Dr. Czaja, bitte. Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister, angesichts Ihrer außerordentlich begrüßenswerten wie anerkennenswerten Äußerungen zu dieser Frage in dem Schreiben an den ehemaligen Kollegen Lenz — die dann auch veröffentlicht worden sind — frage ich: Wird man dann also versuchen, dem polnischen Vertragspartner auch weiterhin klarzumachen, daß ohne gegenseitige Demütigung und Verschleierung furchtbarer Grausamkeiten für Gegenwart und Zukunft Erfolge bei den Menschenrechten für Polen und Deutsche, für beide Völker, ein wichtiger Beitrag zu echter und dauerhafter Entspannung und geschichtlichem Ausgleich wären? Dr. Mertes, Staatsminister: Ja. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Becker (Nienberge). Becker (Nienberge) (SPD): Herr Staatsminister, könnten Sie dem Hause noch einmal bestätigen, daß die von den Polen Ende der 70er Jahre gemachten Zusagen hinsichtlich der Ausreisemöglichkeiten deutschstämmiger Polen oder von Aussiedlern in die Bundesrepublik voll eingehalten, ja über viele Jahre sogar mehr als erfüllt worden sind? Dr. Mertes, Staatsminister: Das bestätige ich gern. Ich möchte darauf hinweisen, daß sich die Volksrepublik Polen — im Unterschied zum Rückgang der Ausreisemöglichkeiten von Deutschen aus der Sowjetunion — korrekt verhalten hat. Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren Zusatzfragen. — Ich rufe die Frage 23 des Herrn Abgeordneten Dr. Soell auf: Wie wird die Bundesregierung die Aufforderung der Schweizer Bundesregierung in Bern beantworten, Waschtschenko in die Schweiz zurückzuschicken (vgl. ,,Zeit- Magazin" vom 2. März 1984)? Bitte, Herr Staatsminister. Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter, mit Verbalnote vom 14. Juli 1983 bat die Schweiz, daß die Behörden der Bundesrepublik Deutschland die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die baldige Rückkehr Waschtschenkos in die Schweiz zu ermöglichen. Das Auswärtige Amt bestätigte der Schweizer Botschaft mit Verbalnote vom 25./30. August 1983, daß sich Waschtschenko in der Bundesrepublik Deutschland aufhalte. Es teilte zugleich mit, daß Waschtschenko Asylantrag gestellt habe. Dieser Asylantrag wurde vom Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge abgelehnt mit der Begründung, Waschtschenko habe bereits in der Schweiz Schutz vor politischer Verfolgung gefunden. Diese ablehnende Entscheidung des Bundesamtes hat jedoch keine Bestandskraft erlangt, da Waschtschenko gegen den Bescheid Klage erhoben hat. Über diese wurde noch nicht entschieden. Eine Entscheidung über das schweizerische Ersuchen, Herrn Waschtschenko in die Schweiz zurückzuschicken, kann aus zwingenden verfassungsrechtlichen Gründen erst nach rechtskräftigem Abschluß des Asylverfahrens getroffen werden. Die Bundesregierung wird in jedem Fall sicherstellen, daß Waschtschenko nicht gegen seinen Willen in die Sowjetunion abgeschoben wird. Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage Herr Dr. Soell. Dr. Soell (SPD): Sind der Bundesregierung andere Fälle bekannt, die ähnlich gelagert sind, oder handelt es sich hier um den ersten und einmaligen Fall? Dr. Mertes, Staatsminister: Ich kann diese Frage auf Anhieb nicht beantworten. Ich werde sie Ihnen aber gern schriftlich beantworten. Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage. Dr. Soell (SPD): Herr Staatsminister, teilt die Bundesregierung die Auffassung der schweizerischen Bundesregierung, daß der Juri Waschtschenko schon in der Schweiz ausreichend politisches Asyl erlangt hat? Dr. Mertes, Staatsminister: Ich möchte dem, was ich soeben gesagt habe, wegen der Schwierigkeit des Falles nichts hinzufügen. Die schweizerische Regierung und auch ihr Urteil in diesen Fällen hat unser Vertrauen. Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Dr. Sperling. Dr. Sperling (SPD): Ist die Behandlung dieses Falles — also nicht drängend zur Ausreise in die Schweiz, in der ja bekanntlich nicht gefoltert wird — Vorbild für die Behandlung anderer Asylantragsteller, die zum Teil aus der Bundesrepublik in Länder abgeschoben werden, in denen gefoltert wird, obwohl ihr Verfahren noch läuft? Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, Fälle dieser Art werden jeweils nach ihrer Natur und nach den Umständen im Sinne unseres Rechtsstaates behandelt, aber nicht über einen Kamm geschoren. Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren Zusatzfragen. Ich danke Ihnen, Herr Staatsminister. Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundesministers der Finanzen. Zur Beantwortung steht Herr Staatssekretär Dr. Häfele zur Verfügung. Ich rufe die Fragen 40 und 41 auf. — Der Abgeordnete Dr. Rumpf ist nicht im Saal. Die Fragen werden nicht beantwortet. Die Fragen 42 und 43 der Abgeordneten Frau Zutt und 44 des Abgeordneten Dr. Jens werden auf Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt. Ich rufe die Frage 45 des Abgeordneten Stiegler auf. — Der Abgeordnete ist nicht im Saal. Die Frage wird nicht beantwortet. Die Frage 46 des Abgeordneten Westphal wird auf Wunsch des Fragestellers schriftlich beantwortet. Die Antwort wird als Anlage abgedruckt. Ich rufe die Frage 47 des Herrn Abgeordneten Dr. Sperling auf: Wann wird die Bundesregierung entsprechend der Ankündigung von Bundesminister Dr. Schneider einen Gesetzentwurf vorlegen, der eine Verkürzung der Sperrfrist für Bauspardarlehen von zehn auf sieben Jahre zum Inhalt hat? Bitte sehr, Herr Staatssekretär. Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen: Herr Kollege Dr. Sperling, ich darf Ihre Frage wie folgt beantworten. Die Frage, ob die Festlegungsfrist für Bausparverträge im Bereich des Wohnungsbau-Prämiengesetzes wieder auf sieben Jahre herabgesetzt werden soll, wird im Zusammenhang mit den Überlegungen geprüft, die Wohnungsbauförderung neu zu regeln. Diese Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen. Sie werden deshalb Verständnis dafür haben, wenn ich Ihnen heute noch keine näheren Angaben machen kann. Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage Herr Dr. Sperling. Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, wenn Sie keine näheren Angaben machen können, könnten Sie denn dann etwas fernere Angaben machen, die doch so präzise sind, daß man weiß, ob das 1987, 1988 oder 1989 im Bundesgesetzblatt stehen wird? Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär: Ich habe Ihnen, glaube ich, in einer Fragestunde schon einmal gesagt, daß wir sehr gründlich arbeiten. Aber ich hoffe, daß wir im Laufe dieses Jahres das Ergebnis dieser Arbeit mitteilen können. Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, sind Sie bereit, meine Auffassung entgegenzunehmen, daß die Gründlichkeit der Arbeit nicht zu einer ewigen Verzögerung führen darf, wenn es darum geht, für Arbeitnehmer der Bauwirtschaft eine Beschäftigung zu sichern? Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Dr. Sperling, es geht um solide Arbeit. Die wollen Sie sicher auch. (Dr. Sperling [SPD]: Es geht um das Ternpo!) Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren Zusatzfragen. Die Fragen 48, des Abgeordneten Jäger (Wangen), 49 der Abgeordneten Frau Simonis und 50 der Abgeordneten Frau Dr. Martiny-Glotz werden auf Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlage abgedruckt. Herr Staatssekretär, ich bedanke mich. Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundesministers für Wirtschaft. Zur Beantwortung steht der Herr Staatssekretär Grüner zur Verfügung. Ich rufe die Fragen 51 und 52 des Abgeordneten Rapp auf. — Der Abgeordnete ist nicht im Saal. Die Fragen werden nicht beantwortet. Ich rufe die Frage 53 des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen) auf. — Der Abgeordnete war vorhin hier. Er ist nicht mehr im Saal. Es muß eigentlich vorher angemeldet werden. Die Frage wird schriftlich beantwortet. Die Antwort wird als Anlage abgedruckt. Das gleiche gilt für die Frage 54 des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen). Ich rufe die Frage 55 des Herrn Abgeordneten Dr. Sperling auf: Teilt die Bundesregierung die Auffassung von Staatssekretär Dr. Schlecht, daß der Abbau bürokratischer Hemmnisse durch die Liebe der Beamten zu den selbstgeschaffenen Vorschriften und durch Bedenken betroffener Fachverbände der Wirtschaft behindert wird, und welche Konsequenzen zieht sie daraus? Bitte, Herr Staatssekretär. Grüner, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Wirtschaft: Wie in der Regierungserklärung vom 4. Mai 1983 dargelegt, beobachtet die Bundesregierung mit Besorgnis das Übermaß an Regelungen, die im Ergebnis Wachstum und Beschäftigung behindern. Diese Bürokratisierung ist das Ergebnis einer langen Entwicklung, zu der zahlreiche Ursachen beigetragen haben. Die Bundesregierung hat in der Sitzung des Bundeskabinetts vom 22. Februar 1984 einen umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Rechts- und Verwaltungsvereinfachung beschlossen. Um eine Entbürokratisierung zu fördern und mögliche partielle Widerstände in Verwaltung und Fachverbänden abzubauen, hat die Bundesregierung die Unabhängige Kommission zur Rechts- und Verwaltungsvereinfachung eingesetzt, der hochrangige Vertreter des Bundes, der Bundesländer, der kommunalen Spitzenverbände und der Wirtschaft angehören. Der Vorsitzende der Kornmission, Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Waffenschmidt, hat in der bereits genannten Kabinettssitzung in einem ersten Zwischenbericht festgestellt, daß die Arbeit der Kommission offen und ergiebig ist. Die Bundesregierung hat die Kommission aufgefordert und ermutigt, konkrete Entbürokratisierungsvorschläge vorzulegen. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Sperling. Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, nun hat der beamtete Kollege in Ihrem Ministerium Ursachen für möglich gehalten und genannt, z. B. die Liebe der Beamten zu selbst geschaffenen Vorschriften und die Bedenken betroffener Fachverbände, die, wenn sie so gegeben sind, für die Abschaffung jener Vorschriften Hindernisse darstellen können. Was gedenkt die Bundesregierung nun wirklich zu tun, um diese Ursachen anzugehen? Eine Kommission, die bisher zweimal getagt hat, ist j a kein Ursachenbeseitigungsinstrument. Grüner, Parl. Staatssekretär: Nein, Herr Kollege. Es ist richtig — ich habe das in meiner Antwort ja auch angedeutet —, daß geschaffene Regelungen einmal eine Begründung hatten und daß sie im Vollzug bei denen, die sie zu verwalten haben, mit ihrer Begründung auch durchaus lebendig sind. Deshalb wird bei jeder einzelnen Regelung, die abgeschafft werden soll, das Für und Wider erörtert. Dabei wird dann sichtbar — wir kennen das ja alle —, daß etwa die Meinung, man müsse an diesen Regelungen festhalten, bei denen besonders ausgeprägt ist, die im beruflichen Vollzug damit zu tun haben, und daß bei vielen Verbänden im Einzelfall auch die Vorstellung besteht, daß eine Regelung, die sie in der Vergangenheit selbst einmal gefordert haben, auch bestehenbleiben muß. Es geht darum, sich im konkreten Fall — in der Abwägung des Pro und Kontra — im übergeordneten Interesse der Entbürokratisierung auch über solche Bedenken hinwegzusetzen, wenn man das mit guten Gründen tun kann. Die Widerstände sollte man dabei nicht unterschätzen. Darauf hat Herr Schlecht mit seiner von Ihnen zitierten Bemerkung hingewiesen. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage, Herr Sperling. Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, wenn Sie also der Meinung Ihres beamteten Kollegen Dr. Schlecht zustimmen, daß es zwei Ursachenbündel für die Weiterexistenz vieler Vorschriften gibt: Wie wird in der Weiterbildung der Mitarbeiter der Ministerien auf dieses Problem eingegangen? Grüner, Parl. Staatssekretär: Diese hier genannten Ursachen sind nur ein Teil des gesamten Ursachenbündels, das dazu beiträgt oder beitragen kann, Widerstände auszulösen und die Argumentation gegen eine Änderung im Regelwerk stärker in den Vordergrund zu rücken. Entscheidend ist, daß wir durch die politische Zielsetzung und die Koordination der politischen Zielsetzung Impulse auch in den Bereich der Verbände und in den Bereich der mit Entbürokratisierungsfragen befaßten Behörden gegeben haben, um die übergeordnete Zielsetzung der Entbürokratisierung deutlich zu machen und damit und damit zu motivieren, die Entbürokratisierung unter übergeordneten Gesichtspunkten zu sehen und bei den eigenen Überlegungen und Vorlagen eigene staatsbürgerliche Einsicht und den Willen der politischen Leitung der Ministerien stärker zu berücksichtigen. Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr Staatssekretär. Wir kommen nun zum Geschäftsbereich des Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr. von Geldern steht zur Beantwortung der Fragen zur Verfügung. Ich rufe die Frage 56 des Herrn Abgeordneten Stutzer auf: Wie wurde sichergestellt, daß ab 1. Januar 1984 keinerlei Schildkrötenprodukte zu kommerziellen Zwecken in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt werden, und liegen der Bundesregierung Erkenntnisse vor, daß nach dem 1. Januar 1984 versucht wurde, das Einfuhrverbot zu umgehen? Bitte, Herr Staatssekretär. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten: Herr Kollege Stutzer, die Bundesregierung hat, gestützt auf die EG-Verordnung zum Washingtoner Artenschutzübereinkommen vom 3. Dezember 1982 und das dazu ergangene Durchführungsgesetz vom 22. Dezember 1983, die Bundesämter für Ernährung und Forstwirtschaft sowie die gewerbliche Wirtschaft und die Zollstellen angewiesen, keine Einfuhren von Meeresschildkrötenprodukten zu kommerziellen Zwecken mehr zuzulasen. Versuche, diese Einfuhrvebote zu umgehen, sind bisher nicht bekanntgeworden. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Stutzer. Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, sieht Ihr Haus irgendwelche Kontrollmöglichkeiten dahin gehend, daß Lagerbestände innerhalb der EG — ich denke hier insbesondere an Frankreich und Italien — nicht ständig durch Neuerwerb ergänzt werden? Muß es nicht erklärtes Ziel der EG sein, das zu verhindern? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das ist das Ziel der EG. Für den innergemeinschaftlichen Warenverkehr ist festzustellen, daß es von dem genannten Zeitpunkt an insgesamt verboten ist, Meeresschildkröten und -produkte, die nach dem 31. Dezember 1983 in einen anderen EG-Staat eingeführt oder nach diesem Zeitpunkt in einem EG-Gebiet der Natur entnommen worden sein sollten, zu kommerziellen Zwecken in die Bundesrepublik Deutschland zu verbringen. Es gibt auch keine Anhaltspunkte dafür, daß nennenswerte Vorräte, die vor dem 1. Januar 1984 in andere EG-Länder gelangt sein könnten oder die von Schildkröten stammen, die vor dem 1. Januar 1984 innerhalb des EG- Gebietes der Natur entnommen worden sind — wofür nur das französische Überseegebiet Réunion in Frage käme —, vorhanden sind und auf den deutschen Markt gebracht werden sollen. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage, bitte schön. Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, durch mißverständliche Äußerungen entstand der Eindruck, als ob Schildkrötenprodukte noch aus dem EG-Bereich eingeführt werden könnten. Kann ich jetzt nach Ihrer Antwort davon ausgehen, daß keinerlei Schildkrötenprodukte mehr, also auch nicht aus dem EG-Bereich, zu kommerziellen Zwecken in die Bundesrepublik eingeführt werden dürfen? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Davon können Sie ausgehen. (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das ist alles gestutzt!) Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, bitte, Herr Abgeordneter Lambinus. Lambinus (SPD): Herr Staatssekretär, nachdem auf dem Markt immer noch Schildkrötenprodukte angeboten werden, darf ich Sie fragen: Hat die Bundesregierung irgendwelche Vorstellungen darüber, wie hoch die Lagerbestände in der Bundesrepublik noch sind und wie lange diese Lagerbestände ausreichen, um die Nachfrage, die leider offensichtlich immer noch vorhanden ist, zu stillen? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege, darüber können wir keine Angaben machen. Es würde eine ganz umfangreiche Untersuchung erfordern, um festzustellen, was in den Regalen z. B. auch der Einzelhandelsgeschäfte noch vorhanden ist. Das zu überprüfen, fehlt uns jegliche Rechtsgrundlage. (Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das wäre ja Schnüffelei!) Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage. Frau Dr. Bard (GRÜNE): Kann ich diesen Antworten entnehmen, daß kein Gramm Schildpatt und kein Gramm Fleisch in diesem Jahr hereingekommen sind? (Eigen [CDU/CSU]: Schildkrötenfleisch!) — Ja, Schildkrötenfleisch. Von was reden wir sonst? Wären Sie, wenn sich herausstellte, daß es anders wäre, bereit, diesen Art. 15 aus der EG-Verordnung dazu zu benutzen, das auch noch zu unterbinden? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Frau Kollegin, die Rechtslage, wie ich sie gerade geschildert habe, ist eindeutig. Wenn Sie meine Antwort auf die nächste Frage des Kollegen Stutzer abwarten, werden Sie auch genaue Angaben über die Einfuhren bekommen. Vizepräsident Frau Renger: Dann machen wir diese Überleitung. Ich rufe die Frage 57 des Herrn Abgeordneten Stutzer auf: Welche Schildkrötenprodukte wurden nach dem 1. Januar 1984 in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt, und welche Konsequenzen sind aus dieser Einfuhr gezogen worden? Bitte schön, Herr Staatssekretär. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Nach dem 1. Januar 1984 wurden lediglich aus den Niederlanden 20,25 kg Schildkrötenfleisch, und zwar in Form von Suppe, in die Bundesrepublik Deutschland verbracht. Da diese Lieferung illegal war, wurden die zuständigen Landesbehörden gebeten, die Ware zu beschlagnahmen. (Heiterkeit bei der CDU/CSU) Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Stutzer. Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, ist es richtig, daß der Vorerwerb von Schildkrötenprodukten aus Jamaika anerkannt wird, obwohl dort immer noch regelmäßig Karettschildkröten getötet werden, die nicht zur F-2-Generation gehören? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das geht zwar, Herr Kollege, über Ihre Fragen deutlich hinaus, aber ich kann Ihnen dazu sagen, daß wir Vorerwerb jetzt generell nicht mehr anerkennen. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage. Stutzer (CDU/CSU): In diesem Zusammenhang noch einmal die Frage, Herr Staatssekretär: Wenn die Cayman-Farm nicht als Zuchtfarm anerkannt wird — wie ich einer früheren Antwort entnehmen konnte —, wie war es dann möglich, daß eine Lieferung von 7 t von Produkten dieser Farm zugelassen wurde? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Stutzer, ich kann zu dieser Frage jetzt keine präzise Auskunft geben, wenn Sie mir nicht auch nähere Umstände über den Zeitpunkt mitteilen. Seit dem 1. Januar 1984 ist die Rechtslage so wie geschildert. Es hat nur diesen einen Versuch mit den 20,25 kg Schilkrötenfleisch gegeben. Das hat zur Beschlagnahme geführt. Über frühere Zeiten kann ich jetzt keine Auskunft geben. Vizepräsident Frau Renger: Ich glaube, die Fragen gingen nicht über die Anfrage hinaus. Es ist vielleicht aber möglich, daß eine Antwort auf das, was gefragt worden ist, noch nachgeholt wird, weil Sie natürlich nicht alles vorliegen haben. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Frau Präsidentin, die Fragen stehen natürlich in einem sachlichen Zusammenhang. Herr Kollege Stutzer hat aber in seinen Fragen die Rechtslage seit dem 1. Januar 1984 angesprochen. Darüber kann ich Auskunft geben und habe das auch getan. Das, was nun in der Zeit vorher war, als die Rechtslage eine an - dere war, würde eine besondere Nachprüfung erfordern. Vizepräsident Frau Renger: Der Abgeordnete wird sich freuen, wenn Sie das nachholen. Danke schön. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Gerne. Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 58 des Herrn Abgeordneten Eigen auf: Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über unterschiedliche Handhabung von Denaturierung und Verfütterung von Magermilchpulver in den Niederlanden und der Bundesrepublik Deutschland, und was gedenkt die Bundesregierung gegebenenfalls zu unternehmen, um Wettbewerbsgleichheit herzustellen? Bitte schön, Herr Staatssekretär. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Eigen, die Verbilligung von Magermilchpulver aus Interventionsbeständen zur Verfütterung an Schweine und an Geflügel und dessen Einarbeitung in Futtermittel sind nach der EWG-Verordnung Nr. 368/77 EG-einheitlich geregelt. Die von Kreisen der deutschen Futtermittelhersteller geäußerte Vermutung, daß die EG- Vorschriften in den Niederlanden verschiedentlich nicht beachtet würden, haben sich nicht bestätigt. Wie in der Bundesrepublik Deutschland finden auch in den Niederlanden die vorgeschriebenen Kontrollen, verbunden mit den erforderlichen Untersuchungen, statt. Wettbewerbsverzerrungen sind daher aus diesen Gründen nicht ersichtlich, so daß die Bundesregierung keine Veranlassung sieht, eine Änderung der Brüsseler Vorschriften zu erwirken. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Eigen. Eigen (CDU/CSU): Sind die Meldungen falsch, daß in Holland 350 000 t Magermilchpulver denaturiert und verfüttert worden sind, in der Bundesrepublik Deutschland aber nicht einmal ein Zehntel dieser Menge, obgleich die Mischfutterindustrie mindestens die gleiche Menge angefordert hat? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Ich kann diese Meldung weder bestätigen noch als falsch bezeichnen. Richtig ist, daß sehr unterschiedliche Größenordnungen in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden in Frage stehen. Vertreter des Bundesernährungsministeriums haben sich in den Niederlanden allerdings von der ordnungsgemäßen Durchführung der Maßnahme durch die niederländische Interventionsstelle überzeugt. Die Auskunft, die ich eben auf die Frage 58 gegeben habe, beruht also auf einer persönlichen Inaugenscheinnahme in den Niederlanden. Die im Verhältnis zu anderen Mitgliedstaaten hohe Beteiligung niederländischer Unternehmen an dieser Maßnahme, die Sie mit Ihrer Zusatzfrage angesprochen haben — in den Niederlanden wurden 1983 57 %, in der Bundesrepublik Deutschland nur 3 % des in der EG innerhalb dieser Maßnahme verkauften Magermilchpulvers denaturiert —, ist auf die unterschiedliche Unternehmensstruktur zurückzuführen. In den Niederlanden wird die Hauptmenge außerhalb der Futtermittelindustrie durch spezialisierte Dienstleistungsunternehmen denaturiert, die das Magermilchpulver auf eigene Rechnung kaufen und das gesamte mit dieser Maßnahme verbundene kaufmännische und technische Risiko tragen. Dagegen wird von der deutschen Futtermittelindustrie das mit der Denaturierung verbundene Beihilfenrisiko als zu hoch eingeschätzt. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Eigen. Eigen (CDU/CSU): Könnte man denn — das ist ein drängendes Problem — von der Regierung her der Futtermittelindustrie den Rat geben, in Deutschland ähnlich wie in Holland zu verfahren? Das würde für beide Seiten — die Futtermittelindustrie und die Bundesregierung selbst — wegen Abnahme der hohen Lagerbestände doch von Vorteil sein. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Ich bin gerne dazu bereit, über diese Frage auch mit Vertretern der Futtermittelindustrie zu sprechen. Ich habe aber eben auf die unterschiedlichen Strukturen und die Einschätzung der Risiken hingewiesen. Gespräche darüber sind auf jeden Fall möglich und auch sinnvoll. Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 59 des Herrn Abgeordneten Eigen auf: In welcher Weise sind die Forschungsvorhaben im Bereich nachwachsender Rohstoff-Energien zwischen den Ländern der Europäischen Gemeinschaft koordiniert? Bitte schön, Herr Staatssekretär. Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft gibt es mehrere Forschungsprogramme, die auf die Nutzung nachwachsender Rohstoffe für Energiezwecke abzielen. Dazu zählen insbesondere erstens das Ende 1983 ausgelaufene Forschungs- und Entwicklungsprogramm auf dem Gebiet der Energie mit dem Teilprogramm „Energie aus Biomasse", dessen Fortsetzung mit dem zur Zeit im Forschungsministerrat behandelten Programm über nichtnukleare Energie angestrebt wird — geplante Mittel für den Bereich Biomasse: 53 Millionen ECU = 119 Millionen DM für die Jahre 1984 bis 1988, so jedenfalls der Kommissionsvorschlag —; zweitens das für die Jahre 1982 bis 1985 beschlossene Forschungs- und Entwicklungsprogramm auf dem Gebiet der Rohstoffe mit dem Teilprogramm „Holz als erneuerbarer Rohstoff" — bereitgestellte Mittel für den Teil Holz: 12 Millionen ECU = 27 Millionen DM —; drittens das für die Jahre 1984 bis 1988 beschlossene Agrarforschungsprogramm mit dem Teilprogramm „Energie in der Landwirtschaft", bereitgestellte Mittel für den Energieteil: 8,5 Millionen ECU = 19 Millionen DM. In diesen Programmen werden zum einen Forschungsvorhaben auf Gemeinschaftsebene durchgeführt, die in Forschungseinrichtungen der Mit - gliedsländer laufen und von der Kommission auf Vorschlag sogenannter Beratender Programmausschüsse — Mitglieder sind Regierungsvertreter und Wissenschaftler aus den Mitgliedsländern — initiiert, koordiniert, überwacht und ausgewertet werden. Diese Projekte beziehen sich primär auf solche Bereiche, wo ein Gemeinschaftsinteresse besteht und wo auf nationaler Ebene noch Wissenslücken vorhanden sind. Zum anderen werden sogenannte konzertierte Aktionen durchgeführt. Das sind vor allem Symposien, Seminare und Workshops sowie der Austausch von Wissenschaftlern und Informationen mit dem Ziel einer Abstimmung der verschiedenen nationalen Forschungsaktivitäten. Die Bundesregierung hält insbesondere die konzertierten Aktionen für sehr wichtig, weil sie dazu beitragen, unnötige Doppelarbeit zu vermeiden und damit die knappen Haushaltsmittel optimal einzusetzen. Die Ergebnisse der Forschungsprojekte wie auch der Symposien, Seminare und Workshops werden von der Kommission regelmäßig veröffentlicht. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Eigen. Eigen (CDU/CSU): Können Sie mir schon Ergebnisse dieser kombinierten Forschung in Sachen Biomasse-Energie darstellen? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das kann ich zur Zeit nicht, Herr Kollege Eigen. Die Programme, die ich eben aufgeführt habe, laufen noch und reichen weit in die nächsten Jahre hinein, so daß ich über Ergebnisse hier jetzt nicht berichten kann. Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Eigen. Eigen (CDU/CSU): Wo liegen die Schwerpunkte dieser Forschung, bei uns in der Bundesrepublik Deutschland oder in Frankreich? Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: An all diesen Forschungsprojekten der Gemeinschaft ist die Bundesrepublik Deutschland in angemessenem Ausmaß beteiligt. Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr Staatssekretär. Wir kommen zum Geschäftsbereich des Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung. Zur Beantwortung steht uns der Herr Parlamentarische Staatssekretär Franke zur Verfügung. Die Fragen 60 und 61 werden auf Wunsch des Fragestellers, des Abgeordneten Kirschner, schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlage abgedruckt. Ich rufe Frage 62 der Frau Abgeordneten Dr. Vollmer auf: War der Bundesregierung bei der Neuordnung des Rechts der unentgeltlichen Beförderung von Schwerbehinderten bekannt, wie einschneidend sie damit das Leben von zum Beispiel schwerbehinderten Heimbewohnern mit geringem Taschengeld einschränkt bzw. belastet, und welche soziale Begründung führt sie für diese Maßnahme an? Bitte, Herr Staatssekretär. Franke, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung: Durch das Haushaltsbegleitgesetz 1984 wurde im Bereich der unentgeltlichen Beförderung Schwerbehinderter u. a. generell eine Eigenbeteiligung von 120 DM pro Jahr festgesetzt. Dieser Regelung liegt der Gedanke zugrunde, daß die Betroffenen auch ohne ihre Behinderung auf die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel angewiesen wären und hierfür Beförderungsentgelte zu entrichten hätten. Ausgenommen von dieser Eigenbeteiligung wurden einmal besonders betroffene Gruppen Schwerbehinderter, nämlich Blinde und Schwerbehinderte, die ständig so hilflos sind, daß sie — ich zitiere wörtlich — „nicht ohne Wartung und Pflege bestehen können"; hier beziehe ich mich auf § 58 Abs. 1 Satz 4 Nr. 2 des Schwerbehindertengesetzes in Verbindung mit § 33b des Einkommensteuergesetzes. Viele der in Heimen lebenden Schwerbehinderten dürften zu diesem Personenkreis gehören. Zum anderen wurden typische Gruppen einkommensschwacher Schwerbehinderter von der Eigenbeteiligung ausgenommen, nämlich Schwerbehinderte, die Arbeitslosenhilfe oder laufend Leistungen der Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem Bundessozialhilfegesetz oder entsprechende Leistungen der Kriegsopferfürsorge beziehen. Der Eigenbeitrag von 120 DM pro Jahr oder 10 DM pro Monat ist auch für die in Heimen wohnen Schwerbehinderten, die nur ein sogenanntes Taschengeld von etwa 105 bis 155 DM monatlich erhalten, vertretbar. Ich wiederhole: Eigenbelastung pro Monat 10 DM. Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Frau Abgeordnete Dr. Vollmer. Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Herr Staatssekretär, haben Sie eine Vorstellung davon, was für einen Begriff von „Wende" so Schwerbehinderte Menschen, die j a insgesamt einen sehr eingeschränkten Bereich der Lebensmöglichkeiten haben, bekommen, wenn jetzt ausgerechnet bei ihnen gespart wird, und wie hoch sind die dadurch eingesparten Kosten? Franke, Parl. Staatssekretär: Die Einschränkungen bzw. die Eigenbeteiligung führen im Jahre 1984 beim Bund zu Einsparungen von 118 Millionen DM und bei den Ländern von 130 Millionen DM. Vizepräsident Frau Renger: Letzte Zusatzfrage, Frau Abgeordnete. Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Mir ist bekanntgeworden, daß bei diesen Heimbewohnern u. a. inzwischen auch die Kosten für den Friseur gestrichen sind. Ist Ihnen bekannt, welche Einsparungen der Bund dadurch hat, daß Heimbewohner nicht mehr die Friseurkosten erstattet bekommen? Franke, Parl. Staatssekretär: Diese Frage hängt mit der von Ihnen gestellten Frage überhaupt nicht zusammen. Ich kann die Einsparungen nicht quantifizieren. Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr Staatssekretär. Damit sind wir am Ende der Fragestunde angelangt. Alle übrigen Fragen werden schriftlich beantwortet, sofern sie nicht zurückgezogen sind. *) Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt. Der Herr Bundestagspräsident übernimmt jetzt das Präsidium. (Vorsitz: Präsident Dr. Barzel) Präsident Dr. Barzel: Meine Damen und Herren, zu unserer Freude hat auf der Diplomatentribüne eine Delegation des Parlaments der Republik Irland Platz genommen. Ich heiße Sie im Deutschen Bundestag herzlich willkommen. (Beifall) Wir hoffen, daß Sie hier nützliche Gespräche führen werden und angenehme Erinnerungen an den Aufenthalt in unserem Lande haben. Ich habe des weiteren die Freude, Geburtstagsglückwünsche auszusprechen. Am 9. März 1984 hatte Herr Abgeordneter Immer (Altenkirchen) Geburtstag. Er wurde 60 Jahre. Ich beglückwünsche ihn herzlich. (Beifall) Am 13. März wurde der Abgeordnete Dr. Ahrens 60 Jahre. Ich beglückwünsche ihn herzlich. (Beifall) Meine Damen und Herren, einige wenige Mitteilungen. Für den aus dem Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt ausgeschiedenen Dr. Meinecke hat die Fraktion der SPD für den Rest seiner Amtszeit die Abgeordnete Frau Dr. Martiny-Glotz als Nachfolgerin vorgeschlagen. Für die Abgeordnete Frau Dr. Martiny-Glotz, bisher stellvertretendes Mitglied, schlägt die Fraktion der SPD den Abgeordneten Duve vor. Sind Sie mit beiden Personalvorschlägen einverstanden? — Ich sehe keinen Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Damit sind die Frau Abgeordnete Dr. Martiny-Glotz als ordentliches Mitglied und der Abgeordnete Duve als stellvertretendes Mitglied in den Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt berufen. Meine Damen und Herren, ich rufe Punkt 2 der Tagesordnung auf: Bericht zur Lage der Nation Entgegen der ursprünglichen Planung sind nach einer interfraktionellen Vereinbarung für die Debatte sechs Stunden vorgesehen. — Ich sehe dazu keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen. Das Wort hat der Herr Bundeskanzler. *) Zurückgezogen sind die Fragen 67 der Abgeordneten Frau Nickels, 69 und 70 des Abgeordneten Pauli sowie 93 und 94 des Abgeordneten Sauermilch. Dr. Kohl, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Wir sprechen heute zur Lage der Nation. Zur Lage der Nation gehört als erstes die Feststellung, daß die deutsche Teilung bittere Wirklichkeit für die Deutschen ist. Wirklichkeit ist aber auch die Hoffnung, diese Teilung zu überwinden. Die Einheit der Nation ist und bleibt lebendig. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Zwischen den beiden Staaten in Deutschland gibt es einen intensiven Dialog, gibt es vielfältige Kontakte und konstruktive Zusammenarbeit auf zahlreichen Feldern. Seit dem letzten Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland hat sich das Geflecht der Beziehungen weiter verfestigt. Gerade in schwierigen Zeiten des Ost-West-Verhältnisses leisten die beiden Staaten einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung des Friedens, wenn wir alle unsere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit aktiv nutzen. (Beifall des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]) Dieser Stand der innerdeutschen Beziehungen ist das Resultat zielstrebiger und besonnener Politik. Die Idee, die Ergebnisse und die Perspektiven dieser Politik hält der Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland in sechs Punkten fest. Erstens. Die Freiheit ist der Kern der Deutschen Frage. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Der nationale Auftrag bleibt gültig und erfüllbar: in einem vereinten Europa in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Unsere wichtigste rechtliche und moralische Position bleibt der Anspruch aller Deutschen auf Freiheit und Selbstbestimmung. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die Einheit der Nation soll und muß sich zu allererst in der Freiheit ihrer Menschen erfüllen. Für uns hat die Bewahrung der Freiheit Vorrang vor allen anderen Zielen. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein freiheitlicher Staat. Die Bindung an die freiheitliche Demokratie gehört zu unseren Staatsgrundlagen. (Zuruf des Abg. Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]) Die Entscheidung für die Europäische Gemeinschaft und die Atlantische Allianz ist das Fundament dieser Politik. Wir wissen, wohin wir gehören; wir wissen, wo wir stehen: auf der Seite der Freiheit. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Lachen bei den GRÜNEN — Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Amen!) Mit den demokratischen Rechtsstaaten teilen wir unsere Grundwerte und unsere politische Kultur, eine im Miteinander und Gegeneinander in Jahrhunderten gewachsenen Gemeinsamkeit. Weil wir im freien Westen freie Menschen bleiben wollen, gibt es in dieser Frage für uns auch keinen Wankelmut: Aus leidvoller historischer Erfah - rung der totalitären Herrschaft im Innern und der Gewalt nach außen haben wir gelernt, daß Freiheit, daß Menschenrechte und der Friede, den sie stiften, unsere erste Staatsbestimmung sind. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Unsere Freunde im Westen wissen, daß auf uns Verlaß ist. Aus geschichtlicher Erfahrung und gemeinsamen Werteverständnis und nicht zuletzt aus wohlverstandenem Eigeninteresse gehören sie und wir zusammen. Mit den Pariser Verträgen vor 30 Jahren haben wir unser Bekenntnis zur Bündnisgemeinschaft des freien Westens auf Dauer festgeschrieben. Und genauso haben sich die Drei Mächte, unsere wichtigsten Bündnispartner, auf das Ziel der Einheit Deutschlands in Freiheit dauerhaft verpflichtet. Die Deutsche Frage bleibt offen: Das gilt politisch ebenso wie in rechtlicher Hinsicht. Für die Politik der Bundesregierung bleiben maßgebend und wegweisend die rechtlichen Grundlagen, die ich in meiner Regierungserklärung vom 4. Mai 1983 im einzelnen genannt habe. Unser Verhältnis zu den Drei Mächten ist von existentieller Bedeutung für Berlin. Wer einer Erosion unseres Zusammenhalts mit den Westalliierten Vorschub leistet, wer auf Distanz ganz besonders 4u den Vereinigten Staaten von Amerika geht, der handelt verantwortungslos gegenüber den Menschen in Berlin. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir haben in Berlin eine Aufgabe für die Sache der Freiheit zu erfüllen. Berlin ist Symbol für die standfeste Verteidigung von Demokratie und Menschenrechten durch die freien Völker des Westens, und Berlin ist Gradmesser für die Beziehungen zwischen Ost und West. Der Lebensmut und der Freiheitswille der Berliner und der entschlossene Schutz durch die Drei Mächte haben Berlin die Freiheit seit 1945 bewahrt. Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika wirken in Berlin aus eigenem Recht. Ihre Präsenz in Berlin erhalten sie besonders deshalb aufrecht, weil sie unsere Partner und Freunde in der atlantischen Wertegemeinschaft sind und weil es auch ihnen darum geht, in Berlin die gemeinsame Freiheit zu verteidigen. Berlin, meine Damen und Herren, ist immer auch der Prüfstand für den Selbstbehauptungswillen des Westens. Die Lage in und um Berlin muß stabil bleiben. Von entscheidender Bedeutung für die Beziehungen zwischen West und Ost ist die strikte Einhaltung und volle Anwendung des Viermächte- Abkommens über Berlin. Die Festigung und Weiterentwicklung der Bindungen Berlins an den Bund behält den Rang eines nationalen Interesses. Auch die innerdeutschen Beziehungen müssen einen Beitrag dazu leisten, die Situation von Berlin zu erleichtern und zu verbessern. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das gilt insbesondere für die Gestaltung der Verkehrsverbindungen. Wir freuen uns mit der Berliner Bevölkerung und mit dem Berliner Senat, daß es durch unsere gemeinsame Initiative gelungen ist, die S-Bahn den Berlinern zurückzugeben. (Zurufe von den GRÜNEN) Die Bundesregierung wird fortfahren, die Lebensfähigkeit der Stadt zu sichern und ihre Anziehungs- und Ausstrahlungskraft wirtschaftlich, politisch und kulturell zu fördern. Berlin muß als Standort von Zukunftsindustrien wie als Zentrum kreativer Forschung attraktiv bleiben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Für Berlin sind neue und zukunftssichere Arbeitsplätze überlebenswichtig. Darum ging es auch bei der Berliner Wirtschafts-Konferenz, die ich vor 15 Monaten gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister einberufen hatte. Die meisten Zusagen haben inzwischen zu konkreten Initiativen geführt. Auf einer Nachfolge-Konferenz im Juni dieses Jahres soll Bilanz gezogen und sollen neue Anstöße gegeben werden. Unübersehbar ist schon heute, daß sich die Berliner Wirtschaft insgesamt wieder aufwärtsentwikkelt. Die Investitionen nehmen zu, die gewerblichen Unternehmen melden einen Anstieg von Aufträgen und Gütererzeugung. Auch das Bruttosozialprodukt in Berlin wächst. Die Stadt blüht wieder auf. Die Stadt hat ihren natürlichen Elan wiedergefunden, sie vertraut erneut ihrer eigenen Substanz, ihrer ganz eigenwilligen Vitalität. In drei Jahren blickt Berlin auf eine 750jährige Geschichte zurück. Dieses Jubiläum soll zu einer Demonstration werden für diese friedliche und weltoffene Stadt, für ihr freiheitliches Lebensgefühl, für ihre Geschichte, für ihre Tradition. Wir alle wollen dazu beitragen, daß diese Feier für Berlin ein großer Erfolg wird, denn Berlin hat eine nationale Aufgabe. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und Abgeordneten der SPD) Zweitens: Die deutsche Nation ist Wirklichkeit im Bewußtsein der Deutschen. Geprägt durch eine vielhundertjährige gemeinsame geschichtliche Erfahrung im Herzen Europas, begreifen wir Deutsche ganz selbstverständlich die Einheit unserer Nation. Der geschichtliche, der politische Wandel auf deutschem Boden hat das Bewußtsein nationaler Einheit nicht ausgelöscht. Wir im freien Teil unseres Vaterlandes stellen uns der ganzen Geschichte, mit ihren glanzvollen und mit ihren schrecklichen und düsteren Kapiteln. Und wir wissen, daß es gerade in diesem Jahrhundert die gemeinsame Erfahrung von Hochmut und Schuld, von Elend und Leiden ist, die alle Deutschen aneinander bindet und auch das Bewußtsein ihrer Einheit wachhält. Im vergangenen Jahr jährte sich zum 50. Mal die Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933. Damals begann Deutschlands Weg in die Katastrophe. In diesem Jahr gedenkt die Nation besonders des Grafen Stauffenberg und seiner Freunde sowie all jener Deutschen, die im Widerstand gegen die Gewaltherrschaft am 20. Juni 1944 und danach ihr Leben wagten. (Zuruf des Abg. Schneider [Berlin] [GRÜ - NE]) Sie wollten nicht die braune Diktatur durch eine andere ersetzen. Sie wollten Freiheit der Person und Herrschaft des Rechts. Diese Männer und Frauen haben Zeugnis für das andere, für das bessere Deutschland abgelegt. (Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und der FDP und Beifall bei Abgeordneten der SPD) Ihre Grundsatztreue, ihr Mut, ihre Tat gehören zum besten Teil der deutschen Geschichte. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und Abgeordneten der SPD) Das Vermächtnis des deutschen Widerstandes gegen Hitler, eines der tragenden Fundamente der Bundesrepublik Deutschland, hat seinen festen Platz im Bewußtsein der Deutschen. (Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das sieht man an den Edelweißpiraten!) Es läßt sich nicht fehlleiten und erst recht nicht parteilichen Zwecken zuordnen. Meine Damen und Herren, die Führung der DDR ist bemüht, die deutsche Geschichte umzudeuten und sie sich so anzueignen. Aber niemals, zu keinem Zeitpunkt, wies die Richtung deutscher Geschichte vorwärts zum sozialistischen Deutschland, wie die SED-Propagandisten heute immer wieder behaupten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Die Motive für dieses Tun sind klar: Da die Realität des real existierenden Sozialismus die Menschen nicht anspricht, soll nationale Selbstentdeckung und Einheitsperspektive die verschmähte Ideologie popularisieren. Sie soll die Menschen betören — in der DDR, aber nicht nur dort. Hinter dem gesamtdeutschen Geschichtsbild der DDR steht die Idee eines sozialistischen Gesamtdeutschland. Der erkennbare Hinweis auf die fortbestehende nationale Einheit und auf künftige staatliche Einheit unter sozialistischem Vorzeichen soll das Defizit an Freiheit überspielen. (Dr. Marx [CDU/CSU]: Sehr wahr!) So soll ein nationales Selbstbewußtsein als Legitimitätsersatz für ein Gemeinwesen dienstbar gemacht werden, dessen Theorie und Praxis von den Deutschen, die dort leben, in freien Wahlen nie angenommen wurden und nie angenommen würden. Das Bewußtsein der gemeinsamen Geschichte, meine Damen und Herren, ist das eine, die gemeinsame Last der Teilung unseres Vaterlandes ist das andere. Auf beidem gründet das besondere Verhältnis zwischen den beiden Staaten in Deutschland. Heute ist es ein Teil deutscher Wirklichkeit, den keine deutsche Regierung ignorieren darf. Wir finden uns mit der Teilung nicht ab, wir bleiben unseren Landsleuten in der DDR verpflichtet. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und Abgeordneten der SPD) Wer ja zur Einheit der Nation sagt, muß auf die Menschen in der DDR, unsere Landsleute, zugehen, muß zu ihnen gehen. Ich werte es als ein erfreuliches Zeichen, daß sich in unserer jungen Generation eine immer größere Bereitschaft zeigt, mehr über die Verhältnisse in der DDR zu erfahren, dort die Lebenswirklichkeit und den Alltag unserer Landsleute kennenzulernen. Wir dürfen uns in Deutschland nicht auseinanderleben, wir müssen aufeinander zugehen, müssen zueinander kommen. So darf ich auch heute hier, von diesem Platz aus, an die Eltern, an die Lehrer und nicht zuletzt an die Schulverwaltungen und Kultusminister der Länder appellieren, das Ihrige zur Stärkung des nationalen Bewußtseins beizutragen. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und Abgeordneten der SPD) Ich denke hier auch an die Behandlung der Deutschen Frage im Unterricht an unseren Schulen. Die junge Generation sollte auch in den Medien, auch in der wissenschaftlichen Unterrichtung wieder mehr über das geteilte Deutschland lernen, seine Geschichte und Gegenwart und nicht zuletzt, meine Damen und Herren, auch über die Leistungen der Menschen in der DDR, über ihre Sorgen, über ihre Hoffnungen. Nicht nur in der Gemeinsamkeit der Geschichte, von Sprache, Kunst und Kultur, von Werten und Tugenden ist Einheit unverlierbar. Dazu kommen ungeachtet vielfältiger Behinderungen der unaufhaltsame Fluß von Informationen und Meinungen, die andauernde Verbindung von Menschen über die Trennungslinie hinweg — in Gesprächen und Kontakten miteinander wie über die Medien. Die Medien sollten bei ihrer Berichterstattung berücksichtigen, daß sie für viele Deutsche in den beiden Staaten oft die einzige Informationsquelle über das Leben der Menschen im jeweils anderen Teil Deutschlands sind. Im vergangenen Jahr, meine Damen und Herren, war es am stärksten die Erinnerung an Martin Luther, die die Deutschen zusammengeführt und überall in Deutschland hoffnungsvolle Zeichen der Begegnung gesetzt hat. Wir alle wissen die Arbeit der Kirchen in beiden Teilen Deutschlands hoch zu schätzen. Ich möchte dafür von dieser Stelle aus ein herzliches Wort des Dankes sagen. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und Abgeordneten der SPD) Gerade die Kirchen leisten viel für die Menschen in beiden Teilen Deutschlands. Drittens. Es ist unsere Pflicht, die Folgen der Teilung für die Menschen erträglicher zu machen und weniger gefährlich. Wir wollen zu praktischen Lösungen kommen, die den Menschen dienen. Auch damit erfüllen wir unsere nationale Verpflichtung. Aber natürlich darf dies nicht zu Lasten von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten gehen. Wir sind uns der Vielschichtigkeit des innerdeutschen Verhältnisses bewußt. Dieses Verhältnis ist auch angesichts der politischen Entscheidungen der vergangenen Monate stabil geblieben. Es ist ein Gewinn für beide Seiten, ein Gewinn auch für unsere Verbündeten im Westen, und ich stelle dies mit Befriedigung fest. Die innerdeutschen Beziehungen haben sich seit meinem letzten Bericht zur Lage der Nation im geteilten Deutschland insgesamt positiv entwickelt. Die Bundesregierung hat ihre intensiven Bemühungen in humanitären Angelegenheiten beharrlich fortgesetzt. 1983 hat die DDR eine erhebliche Zahl politischer Gefangener vorzeitig freigelassen und ihnen die Übersiedlung in die Bundesrepublik gestattet. In bemerkenswertem Umfang konnten wir auch erreichen, daß getrennte Familien wieder zusammenfanden. Wir wissen, welchen Belastungen sich Deutsche in der DDR aussetzen, die einen Übersiedlungsantrag stellen. Die Bundesregierung begrüßt die wachsende Zahl der Genehmigungen. Wir freuen und über jeden, der in die Bundesrepublik Deutschland übersiedeln möchte und von den Behörden der DDR die Genehmigung dazu erhält. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Auch beim Reiseverkehr gibt es teilweise erfreuliche Fortschritte. Die Zahl der Reisen in die DDR hat zuletzt wieder etwas zugenommen. Wir spüren aber immer noch die negativen Folgen der Erhöhung der Mindestumtauschsätze im Oktober 1980. Von einer durchgreifenden Besserung kann leider noch keine Rede sein. Allerdings ist zu begrüßen, daß die Grenzkontrollen offenkundig korrekter erfolgen als früher. Jugendliche im Alter von sechs bis 14 Jahren hat die DDR im September vorigen Jahres vom Zwangsumtausch wieder befreit. Diese Regelung bringt zwar für Familien eine gewisse Erleichterung, ist aber nicht mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung. Die Senkung der Mindestumtauschsätze bleibt eine wichtige und zentrale Forderung der Bundesregierung. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Im Reiseverkehr aus der DDR in die Bundesrepublik Deutschland gibt es leider keine starke Bewegung. Wir begrüßen die Zunahme der Reisegenehmigungen in dringenden Familienangelegenheiten. Im vergangenen Jahr wurden über 40 % mehr Genehmigungen erteilt als 1982. Aber die Bundesregierung findet sich auch weiterhin nicht damit ab, daß jüngeren Menschen in der DDR Westreisen nur unter sehr engen Voraussetzungen gestattet werden. Uns erfüllt mit Sorge, daß wir immer noch zu viele Klagen über Reiseverweigerungen hören, gerade auch in menschlichen Härtefällen. Ich appelliere an die Regierung der DDR, human zu verfahren. Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Spürbare Erleichterungen für Millionen Menschen konnten wir beim innerdeutschen Postverkehr erreichen. Die Vereinbarung über die neue Postpauschale ist ein gutes Beispiel für ein angemessenes Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Nach achtjähriger Pause wurden im Herbst 1983 die Verhandlungen über ein Kulturabkommen wieder aufgenommen. Wir wollen dem kulturellen Austausch neue Impulse geben. Bis zum Abschluß der schwierigen Gespräche bleibt die Bundesregierung — wie beim Wissenschaftsaustausch — um Einzelprojekte bemüht. Die Beziehungen auf dem Gebiet des Sports bleiben unbefriedigend. Sie beschränken sich im wesentlichen auf wenige Begegnungen von Spitzensportlern. Wir werden auch in Zukunft weiter darauf dringen, daß möglichst viele Jugendliche und gerade auch Sportler aus grenznahen Bereichen Gelegenheit zum fairen Wettkampf miteinander erhalten. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) In den Rechtshilfeverhandlungen streben wir Vereinbarungen an, die wenigstens in Teilbereichen die Verfahren im Interesse der Betroffenen erleichtern, vereinheitlichen und beschleunigen. Der innerdeutsche Handel, meine Damen und Herren, hat sich über alle Veränderungen der internationalen Lage hinweg für beide Seiten als ein Element der Stetigkeit und Berechenbarkeit erwiesen. Der DDR bringt er vielfältigen Nutzen, aber Nutzen hat auch die Bundesrepublik Deutschland und vor allem auch Berlin. 1983 wurde eine Zuwachsrate von 8% erreicht. Vor allem mit zusätzlichen Dienstleistungen im Bereich der Post konnte die DDR die Handelsbilanz weitgehend ausgleichen. Die Bundesregierung ist bereit, die innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen auf der Grundlage der bestehenden Abkommen auszubauen und ihre kontinuierliche Entwicklung zum beiderseitigen Vorteil zu fördern. Neue Impulse verspricht sich die Bundesregierung von einer Ausweitung der Zusammenarbeit, die den Warenhandel wirksam ergänzen kann. Ich denke hier auch an die in Aussicht genommene Kooperation zwischen dem Volkswagenwerk und den zuständigen Stellen der DDR. Mit ihrer Zustimmung zu dem Kredit westdeutscher Banken über eine Milliarde DM hat die Bundesregierung im vergangenen Sommer ein deutliches Signal an die DDR-Führung gegeben. Diese Entscheidung war zugleich eine Botschaft an die Deutschen in der DDR, und sie ist von ihnen gut verstanden worden: Wir wahren unsere Sicherheits- und Bündnisinteressen, sind aber selbstverständlich im Interesse der Menschen zu vernünftiger Zusammenarbeit im innerdeutschen Verhältnis bereit. Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ein Blick auf die unerträglichen Grenzen durch Deutschland bestätigt allerdings, daß die innerdeutschen Beziehungen von Normalität nach wie vor weit entfernt sind. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Noch immer bietet diese Grenze ein bedrückendes Bild, mit dem wir uns nicht abfinden werden. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]) Ich darf die Gelegenheit nutzen und an dieser Stelle auch einmal ein Wort des Dankes an die Beamten an dieser Grenze sagen: an die Beamten des Bundesgrenzschutzes, der bayerischen Grenzpolizei und des Grenzzolldienstes. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP so - wie bei Abgeordneten der SPD) Ihr besonnener Einsatz verdient unsere Anerkennung. Nirgendwo wird der grausame Charakter der Teilung Europas anschaulicher als an dieser Grenze mitten durch Deutschland. Von ihr besonders in Mitleidenschaft gezogen sind die Menschen im Zonenrandgebiet. Was in der Mitte liegt, scheint an den Rand gerückt. Bindungen vielfältiger, oft verwandtschaftlicher Art wurden hier auf unmenschliche Weise zerrissen. Die Bundesregierung hat diese zentralen Regionen wieder stärker unterstützt. Auch damit bringen wir den Einheitswillen unseres Volkes zum Ausdruck. Gerade die Bürger im Zonenrandgebiet spüren ganz unmittelbar, wie wichtig es ist, die schmerzlichsten Folgen der Teilung im Zusammenwirken beider Staaten in Deutschland zu mildern. Viertens. Als einen Beitrag zum Frieden in Europa wollen wir die Beziehungen zur DDR vertiefen. Wir stehen zu den abgeschlossenen Verträgen. Wir wollen das Geflecht der Beziehungen weiter verdichten. Ich begrüße es — lassen Sie mich dies ausdrücklich sagen —, daß auch die Sozialdemokratische Partei Deutschlands und ihre Fraktion dieser Politik zustimmen. (Lachen und Zurufe von der SPD) Das breite Einvernehmen bei der Entschließung des Deutschen Bundestags vom 9. Februar 1984 hat dies zum Ausdruck gebracht. — Ich weiß gar nicht, meine Damen und Herren, warum Sie hier jetzt Unruhe zeigen. Es müßte Sie doch erfreuen, daß hier ein Stück Gemeinsamkeit deutlich wird. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir wollen das Erreichte bewahren und ausbauen, wir wollen die Chancen des Grundlagenvertrags und der anderen innerdeutschen Verträge und Vereinbarungen nutzen. Wir sind bereit, die Beziehungen zur DDR auf der Basis von Ausgewogenheit, Vertragstreue und Berechenbarkeit und mit dem Ziel praktischer, für die Menschen unmittelbar nützlicher Ergebnisse weiterzuentwickeln. Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR stehen in einer Verantwortungsgemeinschaft für den Frieden und die Sicherheit in Europa; beide müssen sich um eine Entschärfung der internationalen Lage bemühen. Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR haben ein gemeinsames Interesse, die internationalen Chancen zur Beherrschung und Eindämmung von Krisen zu nutzen. Das gilt für die Bemühungen um ein besseres Ost-West- Verhältnis allgemein wie für Rüstungskontrolle und Abrüstung im besonderen. Im letzten September ging in Madrid die KSZE- Nachfolgekonferenz mit einem Schlußdokument zu Ende. Aber die Menschen im geteilten Deutschland erwarten, daß die Vereinbarungen von Madrid auch in ihrem täglichen Leben erfahren werden können. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Seit Januar tagt die Konferenz über vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa. Stockholm zeigt, daß das Interesse an Dialog und Zusammenarbeit stärker ist, als viele angenommen und für möglich gehalten haben. Wir sehen in dieser Konferenz ein wichtiges Instrument, um die Ost-West-Beziehungen auf eine langfristige, stabile Grundlage zu stellen. In meinem Gespräch mit Generalsekretär Honecker in Moskau hat sich bestätigt, daß die DDR-Führung in diesem Punkt mit uns übereinstimmt. Wir wollen wirksame Maßnahmen vereinbaren, die zu mehr Vertrauen zwischen Ost und West führen. Vertrauen ist unverzichtbare Voraussetzung für die von uns angestrebte europäische Friedensordnung, in der wir Deutsche unser Selbstbestimmungsrecht frei verwirklichen können. Grundbedingungen für den Frieden ist die Beachtung des Gewaltverbots. Unsere Friedenspolitik war von Anfang an praktizierter Gewaltverzicht. Wir haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß wir die Überwindung der deutschen Teilung ausschließlich mit friedlichen Mitteln anstreben. Ohne Gewaltverzicht, ohne Achtung der Menschenrechte, ohne Freiheit wird es keine dauerhafte Friedensordnung in Europa geben. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung bei Abgeordneten der SPD) Wem es damit wirklich ernst ist, muß Mauer und Stacheldraht abbauen, eine Erziehung zu Haß und Feindschaft unterlassen, darf die Inanspruchnahme von Menschenrechten nicht mit Gewalt bedrohen. Zur Mißachtung der Menschenrechte, auch in unserem Vaterland, können und werden wir nicht schweigen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung bei Abgeordneten der SPD) Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir streben in Europa einen Zustand an, in dem durch die Beseitigung der Spannungsursachen Interessenausgleich und Frieden möglich werden. Die Bundesregierung bekennt sich unverändert zu den beiden Elementen des Harmel-Berichts. Militärische Sicherheit und eine Politik der Entspannung sind kein Widerspruch, sondern bedingen und ergänzen einander. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]) Morgen werden in Wien die MBFR- Verhandlungen über den gegenseitigen und ausgewogenen Truppenabbau in Mitteleuropa wiederaufgenommen. Wir wollen nicht nur die Fortsetzung dieser und anderer Verhandlungen über Rüstungskontrolle und Abrüstung. Wir wollen vor allem auch eine baldige Vereinbarung über ein weltweites Verbot chemischer Waffen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung bei Abgeordneten der SPD) Wir wollen einen generellen Ausbau der Ost-West - Zusammenarbeit. Wir tun im Bündnis alles, um in diese Richtung zu wirken. Wir erwarten, daß die Regierung der DDR ihren Einfluß geltend macht, wo immer sie kann, damit eine Politik für Dialog und Zusammenarbeit in Verantwortung für den Frieden fortgesetzt werden kann. Auch in diesem Sinne ist Deutschlandpolitik europäische Friedenspolitik. In einer Verantwortungsgemeinschaft stehen wir Deutschen nicht nur in der Sorge um die Erhaltung des Friedens, sondern auch bei dem Schutz der natürlichen Lebensgrundlage unseres Volkes. Wir sind aufeinander angewiesen. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir eine lebenswerte Umwelt bewahren wollen. Belastungen der Umwelt wie schwefelsaure Rauchgase machen nicht vor Mauern, Stacheldraht und Grenzsperren halt. Zunehmende Luftverschmutzung und besorgniserregende Waldschäden fordern beide Staaten in Deutschland zu gemeinsamen Anstrengungen heraus. Daneben müssen Möglichkeiten internationaler Zusammenarbeit erschlossen und genutzt werden. Die Bundesregierung hat deshalb für den Juni die Staaten in Ost und West zu einer internationalen Konferenz über diese Fragen nach München eingeladen. Dort wollen wir beraten über die Ursachen und die Möglichkeiten zur Verhinderung der Wald- und Gewässerschäden durch Luftverschmutzung in Europa. Konstruktive und intensive Zusammenarbeit ist vor allem auch im innerdeutschen Verhältnis geboten: bei der Bekämpfung von Waldschäden, bei der Rauchgasentschwefelung und bei den wichtigen Fragen der Sicherheit von Kernanlagen, Strahlenschutz und Katastrophenschutz. Ich bin zuversichtlich, daß die bestehenden Kontakte weiter ausgebaut werden können und daß sie am Ende — nach Verhandlungen — in konkrete Übereinkommen einmünden werden. Zwingend notwendig ist vor allem die Zusammenarbeit beim grenzüberschreitenden Gewässerschutz. Hier gibt es erste ermutigende Vereinbarungen. Kontakte auf Ministerebene können dazu beitragen, weitere Felder der Zusammenarbeit beim Umweltschutz zu erschließen. Bei alledem geht es um ein gemeinsames, ein gesamtdeutsches Lebensinteresse. Die Deutschen — die Deutschen in Ost und West — können ihm jedoch nicht auf sich allein gestellt gerecht werden. Unser Volk in der Mitte des Kontinents kann seine Umwelt nur gemeinsam mit den Nachbarn — in West und Ost — wirksam und dauerhaft schützen. Fünftens. Wir müssen Europa einigen, um auch für Deutschland die Einheit in Freiheit zu vollenden. Als Land in der europäischen Mitte, im Brennpunkt des europäischen Mächtesystems wurde Deutschland immer wieder der Ort, an dem andere Staaten ihre Interessen miteinander austrugen. Es gab dabei auch Phasen, in denen die Deutschen die Gefahr verdrängten, die in ihrer europäischen Mittellage begründet ist. Sie haben der Versuchung zu nationalen Sonderwegen nachgegeben und in jenen Tagen auf eine Politik der Hegemonie gesetzt. Wir alle wissen, daß damit unser Land gescheitert ist. Unsere Generation hat die Lektion aus dieser historischen Erfahrung gelernt. Kein deutscher Sonderweg kann unser Land aus der Mitte Europas herausführen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP — Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD]) Im europäischen Rahmen müssen und wollen wir unsere Zukunft gestalten und auch als Friedenswerk die nationale Frage lösen. Wir wissen um die europäische Dimension der deutschen Teilung, die wir nur mit Unterstützung durch die Völker, d. h. durch die Nachbarn in Europa überwinden können. Wir sind uns auch bewußt, welch große Verantwortung gerade unser Land als Stabilitätsfaktor in der Mitte Europas zu tragen hat. Niemand soll glauben, die Deutschen würden noch einmal ihre europäische Verantwortung mißachten. Von deutschem Boden muß Frieden ausgehen. Wir sind immun gegen jede Versuchung, unsere europäische Bindung abzustreifen, das gesamteuropäische Gleichgewicht zu ignorieren und die Überwindung der Teilung isoliert von unseren Nachbarn anzustreben. Diese europäische Bindung hat aber noch eine andere Seite: Mit dem Anspruch der Deutschen auf freie Selbstbestimmung findet das geteilte Europa eine Kraft, die auch seiner Erneuerung und seiner Einigung dienen kann. Zugleich wissen alle Europäer, daß die Überwindung der Teilung Europas für Deutschland eine Friedensordnung voraussetzt, die vom ganzen deutschen Volk in freier Selbstbestimmung angenommen werden muß. Uns ist bewußt, meine Damen und Herren, daß der nationale Gedanke der Deutschen und die europäische Idee einander bedingen. Für uns sind Europapolitik und Deutschlandpolitik wie zwei Seiten einer Medaille. Motor für die Einigung Europas zu sein, dies ist Teil des nationalen Auftrags, Staatsräson der Bundesrepublik Deutschland von Anfang an. Unsere freiheitliche politische Kultur braucht den europäischen Horizont gemeinsamer Grundwerte. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir haben die Europäische Gemeinschaft mitgegründet, und wir gehören ihr unwiderruflich an, weil unser demokratisches, weil unser rechtsstaatliches Selbstverständnis es so will und weil es unser Interesse an Sicherheit und politischer Handlungsfähigkeit gebietet. Nur eine dynamische Gemeinschaft und ihre Ausstrahlungskraft wird für die Zukunft die Chance der Veränderung in ganz Europa offenhalten. Meine Damen und Herren, wir sind stolz auf den Beitrag und die Leistung unseres Landes beim Ausbau der Gemeinschaft. Niemand kann und soll übersehen, daß wir hier auch finanziell viel eingebracht haben. (Zuruf von den GRÜNEN: Wir haben auch was rausgezogen!) Aber, meine Damen und Herren, finanzieller Aufwand und politischer Ertrag müssen zusammen gesehen werden: (Dr. Marx [CDU/CSU]: Richtig!) Jede sinnvolle Investition in Europa ist immer auch eine Abschlagzahlung für die freiheitliche Zukunft der Deutschen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Zur Einigung Europas gibt es keine Alternative — schon gar nicht für uns Deutsche. Für Europa steht in diesen Wochen mehr auf dem Spiel als die Bewältigung einer aktuellen Krise in der Wirtschaftsgemeinschaft. Die Gemeinschaft muß sich endlich politisch einigen, sonst wird Europa verkümmern und dabei auch die Chance verspielen, in den großen weltpolitischen Fragen sein Gewicht zur Geltung zu bringen. Europa muß sich politisch einigen, sonst geht auch die Perspektive der Deutschen verloren, ihre Einheit in einer europäischen Friedensordnung zu verwirklichen. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir wollen und wir müssen den Weg weitergehen, der in den Römischen Verträgen vorgezeichnet ist. Es ist unser Ziel, auf den dort geschaffenen Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluß der europäischen Völker aufzubauen und die Gemeinschaft zu einer Politischen Union mit dem Ziel des Baus der Vereinigten Staaten von Europa auszubauen. Die deutschfranzösische Freundschaft und Zusammenarbeit, auch in Sicherheitsfragen, wird ihrer europäischen Idee folgen. Mit den anderen Partner in der Gemeinschaft wollen wir diesen Weg gemeinsam gehen. Wir werden darauf dringen, daß noch in diesem Jahr erste Gespräche geführt und Fortschritte sichtbar werden; wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Politische Union Europas, die wir anstreben, wird auch der westlichen Sicherheit dienen. Sie stärkt das europäische Widerlager der transatlantischen Brücke. Sechstens. Die deutsche Nation gehört zum Westen. Unser Standort ist und bleibt in der Allianz für die Freiheit. Die politische Ordnung der westlichen Demokratien — persönliche Freiheit, Rechtsstaat, politische Selbstbestimmung — ist es wert, im Innern bewahrt und nach außen verteidigt zu werden. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Das heißt für uns ganz selbstverständlich: auch in Zukunft freie Wahlen, freie Meinungsäußerung, un - abhängige Gewerkschaften, Freizügigkeit und vieles mehr. Das schulden wir uns selbst und unseren Bündnispartnern, das sind wir aber auch, meine Damen und Herren, den Menschen in Mittel- und Osteuropa schuldig. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Auch sie wollen freie Menschen sein, in Freiheit leben und über ihr Gemeinwesen und ihren politischen Willen selbst bestimmen können. Und darin liegt ja das eigentliche Problem der deutschen und europäischen Teilung: in der Verweigerung von Freiheit und Selbstbestimmung für die Menschen in Mittel- und Osteuropa. Der amerikanische Außenminister George Shultz hat dies bei der Eröffnungssitzung der Stockholmer Konferenz am 17. Januar 1984, also vor wenigen Wochen, in Erinnerung gerufen. Seit 1945, so sagte er, habe eine künstliche Grenze diesen Kontinent Europa grausam gespalten und eine seiner großen Nationen — die Deutschen — unbarmherzig geteilt. Er fuhr fort: Die Vereinigten Staaten erkennen die Legitimität dieser künstlich auferlegten Teilung Europas nicht an. (Dr. Dregger [CDU/CSU]: Sehr gut!) Diese Teilung ist der Kern des Sicherheitsproblems und des Menschenrechtsproblems Europas — und wir alle wissen das. Die Menschenrechte — so Shultz — bilden den zentralen Punkt einer jeden Erörterung der europäischen Sicherheit ... Der Versuch, Europa eine Teilung aufzuerlegen, ist zwangsläufig eine Quelle der Instabilität und der Spannung. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Meine Damen und Herren, so trennt die Grenze zwischen Ost und West, was in Freiheit zusammengehört. So wie die deutsche Frage im Brennpunkt europäischer Geschichte steht, so ist — ich wiederhole es — die Freiheit der Kern der deutschen Frage. Freiheit ist die Bedingung der Einheit. Sie kann nicht ihr Preis sein. (Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der Abg. Frau Renger [SPD]) Ich warne nachdrücklich vor jeder Illusion, als könnten unsere Freiheit und unsere Sicherheit gegen unseren Wunsch nach Einheit ausgespielt werden. Wir denken dabei auch an unsere Nachbarn, vor allem auch an das polnische Volk, dem unsere eigene Zukunft so wenig gleichgültig sein kann wie uns die Zukunft Polens. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Unser Volk hat sein eigenes Erbe und eine Tradition — und wir hoffen auf eine Zukunft — zusammen mit den Völkern in Mittel- und Osteuropa. Dieser Tradition muß und wird die Bundesrepublik Deutschland, dieser Tradition müssen wir gerecht werden. Das gesamte deutsche Volk wäre ärmer ohne das Erbe jener Gebiete, in denen Deutsche in Nachbarschaft mit mittel- und osteuropäischen Völkern durch die Geschichte gegangen sind. Auch deshalb fühlen wir uns in besonderer Weise den Deutschen, die heute noch dort leben, verbunden und zur Obhut verpflichtet. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Wir empfinden besondere Verantwortung und Sympathie für alle Deutschen, die ihre angestammte Heimat, oft genug gegen ihren Willen und unter unsagbaren Leiden, verlassen haben, um hier, im freien Teil unseres Landes, eine neue Zukunft aufzubauen. Gerade im Bilck auf das bittere Schicksal der Vertriebenen und Flüchtlinge ist der schon 1950 von ihnen erklärte Gewaltverzicht eine Tat, die es verdient, immer wieder vor der Geschichte hervorgehoben zu werden. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Diese Absage an Rache und Vergeltung, die Bereitschaft zur Aussöhnung waren eine Botschaft des Friedens. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Ein Werk des Friedens, meine Damen und Herren, sind auch in unseren Tagen die Zeichen der Solidarität, die das von Sorgen bedrückte polnische Volk von uns Deutschen, aber auch gerade von den vertriebenen Deutschen und ihren Nachkommen, erfährt. — Die Vertriebenen und Flüchtlinge verdienen unseren Dank und unsere Anerkennung. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Und wir betrachten es als eine nationale Aufgabe, ihr kulturelles Erbe zu erhalten und zu pflegen. Maßstab unserer Politik in der nationalen Frage bleibt die Bewahrung freiheitlicher Lebensform — und damit auch der Hoffnung jener vielen Europäer, die sie heute noch entbehren. Dafür müssen wir unsere freiheitliche Ordnung weltoffen vorleben und sie beispielhaft ausgestalten. Unsere rechtsstaatliche Demokratie muß mit ihrer freien politischen Willensbildung, mit Grundrechtsschutz und innerem Frieden für die Freiheit werben. Geistige Vitalität, Meinungsvielfalt und kulturelle Schöpferkraft demonstrieren die Spannung und Stärke unserer offenen Gesellschaft. Mit Erfindungsgabe und Unternehmungsgeist in Forschung und Technik, in Wissenschaft und Wirtschaft, mit Wettbewerb und sozialem Ausgleich beweist unsere freiheitliche Wirtschaftsordnung ihre unbestreitbare Anziehungskraft. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Meine Damen und Herren, nur wenn wir die persönliche Selbstbestimmung der Bürger ernst nehmen, können wir glaubhaft freie nationale Selbstbestimmung für alle Deutschen und Europäer fordern. Auch das ist eine Antwort auf die Frage der Teilung Deutschlands und Europas. Die deutsche Nation war vor dem Nationalstaat da, und sie hat ihn überdauert. Auch nach der beispiellosen Katastrophe dieses Jahrhunderts geht unsere gemeinsame Geschichte weiter. Unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland hat sich in der geschichtlichen Verantwortung bewährt: dem nationalen Auftrag gegenüber wie in der Verantwortung für Europa und den Frieden in der Welt. Als demokratischer Rechts- und Sozialstaat, zuallererst der Würde eines jeden Menschen verpflichtet, wurden wir ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft. Unsere Friedenspolitik hat uns Vertrauen und Ansehen erworben. Darauf können wir mit Stolz zurückblicken. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Mit nüchternem Sinn für die Bedingungen der europäischen und globalen Politik nehmen wir unseren nationalen Auftrag wahr. Wir richten uns weder in Wohlstand noch in unserer eigenen Freiheit nur bequem ein. Wir nehmen Willkür nicht als letztes Wort hin. In fester Bindung an die freie Welt und mit der Unterstützung unserer Freunde haben wir die Deutsche Frage offengehalten. (Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Da lachen ja die Hühner!) Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, so sagt es die Präambel unseres Grundgesetzes, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden. Als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa wollen wir dem Frieden der Welt dienen. In diesem Ziel der gemeinsamen Freiheit liegt der Auftrag aller Deutschen. (Langanhaltender Beifall bei der CDU/ CSU und der FDP) Präsident Dr. Barzel: Meine Damen und Herren, ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der Abgeordnete Dr. Vogel. Dr. Vogel (SPD): Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Die Erklärung, die der Herr Bundeskanzler soeben vorgetragen hat, (Dr. Schäuble [CDU/CSU]: ... war sehr gut!) enthält aus unserer Sicht eine ganze Reihe konstruktiver Elemente. (Beifall bei der CDU/CSU und der FDP) Diese konstruktiven Elemente zeigen, (Dr. Marx [CDU/CSU]: ... wie man es macht!) daß diese Regierung und diese Koalition auf diesem Gebiet offenbar eine Wende vollzogen hat, eine Wende zur Deutschlandpolitik, die wir Sozialdemokraten grundgelegt haben. (Beifall bei der SPD) Ich hoffe, daß Töne, die da und dort an die 50er Jahre erinnern, nur als Beschwichtigung eigener Anhänger gedacht waren, die dieser Wende nicht zu folgen bereit sind. Wir stimmen einer ganzen Reihe Ihrer Feststellungen, Herr Bundeskanzler, zu. Wir stimmen in der Feststellung überein, daß sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik positiv entwickelt haben, daß wichtige Verbesserungen für die Menschen in beiden Staaten erreicht worden sind. Daß wir zur Gemeinschaft der westlichen Demokratien gehören, ist für uns selbstverständlich. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Natürlich gibt es auch keinen Streit darüber, daß Freiheit und Selbstbestimmung zentrale Werte unserer Ordnung sind. Wir Sozialdemokraten kämpfen seit mehr als 100 Jahren für diese Werte, für Frieden, für Gerechtigkeit und für Solidarität. (Beifall bei der SPD) Wir kämpfen auch gegen Unterdrückung, ganz gleich von welcher Seite diese Unterdrückung ausgeht. Sie haben einige der Fakten genannt, die ein günstiges Urteil über deutsch-deutsche Beziehungen rechtfertigen. Andere Fakten haben Sie merkwürdigerweise unerwähnt gelassen, so das Zusammentreffen des früheren Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Richard von Weizsäcker, mit dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, einer Begegnung, der ganz besondere Bedeutung zukommt und die ich im Namen meiner Fraktion auch bei dieser Gelegenheit noch einmal ausdrücklich begrüße. (Beifall bei der SPD) Das Geflecht der offiziellen Gespräche und Kontakte zwischen beiden deutschen Staaten ist erfreulich dicht geworden. Zu diesem Geflecht gehört auch der Besuch, den eine Delegation meiner Fraktion in der vergangenen Woche der Volkskammer in Ost-Berlin auf Einladung ihres Präsidenten abgestattet hat. Solche Gespräche und Begegnungen sind eine entscheidende Voraussetzung für die weitere Verbesserung der Beziehungen. (Zustimmung bei Abgeordneten der SPD) Es ist mir deshalb unverständlich, warum die Union — anders als der größte Teil der Freien Demokraten — noch immer offizielle Kontakte zur Volkskammer ablehnt, (Dr. Hupka [CDU/CSU]: Scheinparla - ment!) warum gerade Sie, Herr Bundeskanzler, an dieser Stelle einen letzten Rest einer deutsch-deutschen Hallstein-Doktrin verteidigen. Ihr Argument, die Volkskammer sei kein Parlament im Sinne unserer Verfassung, ist in diesem Zusammenhang doch geradezu abwegig. Natürlich ist sie das nicht, aber das gilt doch ebenso für Dutzende von anderen Einrichtungen dieses Namens, zu denen wir trotzdem offizielle Beziehungen und offizielle Kontakte unterhalten, (Beifall bei der SPD) etwa für die der Volksrepublik Ungarn, der der Herr Bundestagspräsident — wir haben das begrüßt — soeben einen offiziellen Besuch abgestattet hat. Vergleichbar mit unseren politischen Institutionen sind doch auch andere Einrichtungen der DDR nicht. Oder wollen Sie für andere Institutionen diese Vergleichbarkeit behaupten? Wir meinen, es ist hoch an der Zeit, solche Berührungsängste endlich aufzugeben, (Zustimmung bei Abgeordneten der SPD) Berührungsängste, die im übrigen auf einen völlig unangebrachten Mangel an Selbstvertrauen schließen lassen. (Beifall bei Abgeordneten der SPD) Denn mit wachsender gegenseitiger Berührung wachsen die Chancen für den friedlichen Wettbewerb (Dr. Hupka [CDU/CSU]: Mit der Volkskam - mer?) der beiderseitigen Gesellschaftsordnungen, und ich sehe nicht, daß wir diesen Wettbewerb der Gesellschaftsordnungen von unserer Seite aus zu scheuen oder etwa zu fürchten hätten. (Beifall bei der SPD) Wenn von dem dichter gewordenen Geflecht zwischen den beiden deutschen Staaten die Rede ist, muß auch der geplante Besuch Erich Honeckers in der Bundesrepublik erwähnt werden. Wir begrüßen, daß dieser Besuch näherrückt. Wir erinnern daran, daß die Einladung zu diesem Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt am Werbellinsee ausgesprochen wurde. Hätte nicht der bayerische Ministerpräsident noch vor seiner höchstpersönlichen deutschlandpolitischen Wende den Tod eines Transitreisenden zum Mord erklärt, hätte dieser Besuch wahrscheinlich zum beiderseitigen Nutzen schon lange stattgefunden. (Beifall bei der SPD — Feilcke [CDU/CSU]: Sie sind ein Beckmesser!) Ich wiederhole: Im Verhältnis zwischen der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik sind Fortschritte erzielt worden, Fortschritte, die wir begrüßen. Es hätte Ihnen, Herr Bundeskanzler, allerdings gut angestanden, auch darauf einzugehen, warum diese Fortschritte möglich waren. Wollen Sie im Ernst behaupten, das alles hätte erst mit Ihrem Regierungsantritt begonnen und seinen Anfang genommen? Nein, diese Fortschritte waren möglich, weil unter Bundeskanzler Willy Brandt gegen Ihren erbitterten Widerstand eine neue Ost- und Deutschlandpolitik entwickelt worden ist und weil Helmut Schmidt diese Politik — wiederum gegen Ihren hartnäckigen Widerstand — fortgeführt und konkretisiert hat. (Beifall bei der SPD) Haben Sie vergessen, Herr Bundeskanzler und meine Damen und Herren von der Union, daß Sie gerade wegen dieser Deutschlandpolitik Willy Brandt als Bundeskanzler einmal stürzen wollten? Haben Sie vergessen, daß Sie Helmut Schmidt noch im Dezember 1981 wegen seines Werbellin-Besuchs aufs schärfste kritisiert haben. (Zuruf von der CDU/CSU: Zu Recht, das war ein Windei!) daß Herr Zimmermann das Treffen sogar — ich zitiere wörtlich — als eine vordergründige, lächerliche, zynische Verbrüderung mit Honecker diffamiert hat? Werden Sie eigentlich nicht schamrot, Herr Zimmermann, wenn Sie angesichts der regelmäßigen Treffen Ihres eigenen Parteivorsitzenden mit Herrn Honecker an diese Äußerung zurückdenken? (Beifall bei der SPD) Fortschritte waren möglich, weil Sie Ihre destruktive Deutschlandpolitik nach den Bundestagswahlen über Bord geworfen und unter Täuschung nicht weniger Ihrer eigenen Wähler unsere Politik übernommen haben, als letzter Herr Strauß, der dann aber mit dem Übereifer des neu bekehrten in Jahren Versäumtes in Monaten, wenn nicht in Wochen, sozusagen im Flug nachholen will. Ich kritisiere diesen Wandel nicht. Aber die Frage ist nicht nur erlaubt, die Frage ist notwendig, die Frage, was wir mehr und früher für die Menschen in der DDR hätten bewirken können und was unserem Volk an vergiftender Polemik, ja, zeitweise an Haß erspart geblieben wäre, wenn Sie Ihren deutschlandpolitischen Wandel schon 1974 oder 1975 und nicht erst 1983 vollzogen hätten. (Beifall bei der SPD) Ich fürchte, Sie haben daraus wenig gelernt. Ich fürchte, auf anderen Feldern, so auf dem Felde der Friedenssicherungspolitik, wiederholt sich das gleiche. Die Fortschritte, in deren Beurteilung wir übereinstimmen, waren möglich, weil auch in der Führung der DDR verantwortliche Persönlichkeiten bei allen Unterschieden und Gegensätzen im übrigen noch mehr an Verständigung als an Konfrontation und noch mehr an Interessenausgleich als an gegenseitiger Störung und Beschädigung interessiert sind und weil die erdrückende Mehrheit der Menschen in der DDR die Verständigung ebenso wünscht wie die erdrückende Mehrheit unserer Bevölkerung. Die Fortschritte waren und sind schließlich möglich, weil Sie es mit einer Opposition zu tun haben, die diese Politik konstruktiv unterstützt, die die Erhöhung der Postpauschale von 80 auf 200 Millionen DM nicht hämisch kritisiert, wie Sie es getan haben, (Beifall bei der SPD) sondern dieses Abkommen aus übergeordneten Gründen akzeptiert, eine Oppositionsfraktion, deren Vorsitzender der anderen Seite darlegt, daß seine Fraktion und er in wesentlichen Punkten mit der Deutschlandpolitik der Bundesregierung übereinstimmen. Die gemeinsame deutschlandpolitische Entschließung des Bundestages vom 9. Februar 1984, die doch Ihre Wende besiegelt und nicht eine Wende unserer Politik, (Beifall bei der SPD) hat das gleiche zum Ausdruck gebracht. Herr Bundeskanzler, gibt es zu dieser Entschließung vom 9. Februar 1984 auch nur ein Gegenstück aus Ihrer Oppositionszeit? Allein die Vorstellung, Sie hätten als Fraktionsvorsitzender Erich Honekker besucht und dabei die Deutschlandpolitik der damaligen Regierung unterstützt, zeigt den himmelweiten Unterschied. (Beifall bei der SPD) Wir Sozialdemokraten sind im deutschen Interesse auf dem Felde der Deutschlandpolitik zur Gemeinsamkeit fähig und bereit. Sie waren es als Opposition zu keiner Zeit. Ihnen war die parteipolitische Auseinandersetzung über Jahre hin wichtiger als die Gemeinsamkeit auf diesem Gebiet. (Beifall bei der SPD) Darüber, daß diese Politik nur im Bündnis möglich ist, brauchen wir keine Belehrung. Das haben wir mehr als ein Jahrzehnt praktiziert. Ich habe das bei meinem letzten Besuch in Moskau ebenso deutlich gemacht wie in Washington. Nicht wenige in Washington wissen übrigens sehr wohl, daß es für unseren Hauptverbündeten, für die Vereinigten Staaten, eine Erleichterung und keine zusätzliche Erschwerung ihrer Bürde bedeutet, wenn zwischen den beiden deutschen Staaten nicht Konfrontation, sondern ein Zustand der Koexistenz und sich verbessernden Beziehungen besteht. Die Ergebnisse dieser Deutschlandpolitik haben bisher auch den Belastungen standgehalten, die sich aus dem beschleunigten Rüstungswettlauf und aus den verschärften Spannungen zwischen den Supermächten und den Bündnissystemen ergeben. Mehr noch: Sie haben sich in Mitteleuropa als ein stabilisierendes Element erwiesen. Die von Helmut Schmidt und Erich Honecker am Werbellinsee postulierte Verantwortungsgemein - schaft der beiden deutschen Staaten ist jedenfalls in Ansätzen wirksam geworden, ein Erbe, zu dem Sie sich heute zu unserer Freude unter Übernahme des Begriffs erneut bekannt haben. Das gibt dem von Ihnen bei anderer Gelegenheit gern gebrauchten Begriff der Erblast eine ganz neue Bedeutung und eine ganz neue Interpretation. (Beifall bei der SPD) Allerdings dürfen wir uns keinen Täuschungen hingeben. Die Belastbarkeit des Netzes, das da mühsam genug geknüpft wurde, ist begrenzt. Ohne einen neuen Dialog unter den Weltmächten, ohne eine Beendigung des Rüstungswettlaufs, ohne einen Abbau der internationalen Konfrontation wird es zu Rückschlägen auch in den deutsch-deutschen Beziehungen kommen. Die Warnungen in diese Richtung sind nicht nur Propaganda, sie sind ernst zu nehmen; beschwichtigende Redensarten helfen da nicht weiter. Noch eine ganz andere Art von Belastungen haben diese Beziehungen in den letzten Wochen zu bestehen. Das sind die Zufluchtnahmen in unserer Ständigen Vertretung und in verschiedenen Botschaften. Ich möchte all denen danken, die zur vernünftigen Lösung der damit verbundenen Probleme beigetragen haben und noch beitragen. (Beifall bei der SPD und der FDP) Das sind übrigens nicht die Lauten, nicht die, die sich bei solchen Gelegenheiten in Szene setzen, sondern eher die Schweigsamen, denen es darum geht, Möglichkeiten nicht zu verschütten, sondern zu bewahren, und die sich deshalb auch nicht in mitunter peinlicher Weise mit angeblichen Erfolgen brüsten und die gerade deshalb — ich sage das mit Ernst und Bedacht — legitimiert sind, vor Aktionen zu warnen, die die Aussichten der Übersiedlungsbewerber gefährden, die auf solche Aktionen verzichten. Die Entwicklung der letzten Jahre hat auch die vier Elemente dessen gefestigt, was die Substanz der Nation ausmacht, nämlich die Geschichts-, die Sprach-, die Kultur- und die Gefühlsgemeinschaft. Wir sollten den Begriff der Nation nicht als Kampfbegriff verwenden, aber in dieser Gemeinschaft, so, wie ich sie soeben umschrieben habe, liegt der reale Kern dessen, was uns die Präambel des Grundgesetzes im Hinblick auf die Einheit der Deutschen hier und heute tatsächlich zu wahren und zu pflegen aufgibt. (Beifall bei der SPD) Diese Gemeinschaft läßt sich nicht befehlen, sie läßt sich erst recht nicht verbieten. Sie wächst oder vergeht in dem Maße, in dem die Politik die Voraussetzungen für das eine oder das andere schafft und die Menschen von diesen Voraussetzungen Gebrauch machen. Die Politik der letzten Jahre, unsere Politik, hat diese Voraussetzungen stetig verbessert. Außerdem hat auch in der Bundesrepublik selbst die Frage nach unserer nationalen Identität, nach unserem nationalen Bewußtsein, nach unserem nationalen Selbstverständnis an Bedeutung gewonnen. Zu lange haben wir diese Frage in den Jahrzehnten nach dem Krieg ungeachtet aller Feiertagsrhetorik beiseite geschoben. Ersatzweise haben wir uns mit unserem Grundgesetz, mehr noch aber mit dem wachsenden Bruttosozialprodukt identifiziert. Auch glaubten wir geraume Zeit, ein europäisches Bewußtsein könne an die Stelle des nationalen Bewußtseins treten. Das ist auch im nachhinein durchaus zu verstehen, aber als Dauerzustand stellt es uns außerhalb der Normalität der übrigen Völker. Auch die beste Verfassung — und wir haben eine hervorragende Verfassung — wird überlastet, wenn sie leisten soll, was für andere Völker das nationale Bewußtsein zu leisten vermag. (Beifall bei der SPD und der FDP) Wir müssen deshalb auch auf diesem Gebiet zur Normalität zurückkehren, d. h. wir müssen uns wieder verstärkt unserer eigenen Geschichte zuwenden, und zwar ihren Höhepunkten ebenso wie ihren düsteren und bedrückenden Abschnitten. Ein Versuch der Wiederaufnahme der Geschichte unter Ausklammerung und Löschung dieser bedrückenden Kapitel ist zum Scheitern verurteilt. (Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Aber umgekehrt auch!) Wir müssen uns wieder stärker als Gemeinschaft und nicht nur als eine zufällige Ansammlung mehr oder weniger beziehungslos nebeneinander lebender Individuen begreifen. Und zu dieser Gemeinschaft gehören eben in unserer Situation auch die Menschen im anderen deutschen Staat. Natürlich leben sie in einem eigenen Staat, den wir seit dem Grundlagenvertrag aus guten Gründen in seiner Staatlichkeit völlig respektieren, und in einer Gesellschaftsordnung, die sich grundlegend von der unseren unterscheidet, einer Gesellschaftsordnung, die noch immer nicht auf Mauer und auf Stacheldraht verzichtet. Aber gerade das vergangene Jahr mit seinem Luther-Jubiläum und den großen kirchlichen Veranstaltungen in Magdeburg, Wittenberg, aber auch in Worms hat deutlich gemacht, wie lebendig die gemeinsame Geschichte in die Gegenwart hineinwirkt. Auch das Karl-Marx-Gedenkjahr aus Anlaß seines 100. Todestages hat bei aller Verschiedenheit und Gegensätzlichkeit der Würdigungen von dieser Kraft der gemeinsamen Geschichte etwas spüren lassen. (Beifall bei der SPD) Ebenso belebt sich das Gefühl der Gemeinsamkeit im kulturellen Bereich. Ich erinnere nur an das große Interesse, das die Arbeiten in der DDR beheimateter Schriftsteller — ich nenne als Beispiel nur das Werk Christa Wolfs — mehr und mehr bei uns finden. Und die Gefühlsgemeinschaft ist ebenfalls lebendiger, als sie es je zuvor war. In dem Drängen nach mehr geschalteten Leitungen bei der Post, in dem Drängen nach Verbesserung der Postverhältnisse steckt doch diese Gefühlsgemeinschaft, dieses Bedürfnis, miteinander im Austausch der Meinungen und der Empfindungen zu bleiben. Und jeder Besuch und jede Begegnung über die Grenzen hinweg beweisen das. Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, zu alledem hat sicher auch die Friedensdiskussion der vergangenen Jahre beigetragen. Die von beiden Staatsführungen immer wieder geäußerte Überzeugung, von deutschem Boden dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen, ist eben nicht nur Ausdruck einer zufälligen Interessenübereinstimmung — das wäre schon wichtig genug —, sondern sie ist auch Ausdruck einer Lehre aus der gemeinsamen Geschichte dieses Jahrhunderts. (Beifall bei der SPD) Auch die deutschen Friedensbewegungen, bei denen man sich wechselseitig vor falschen Vereinnahmungen hüten sollte, haben hier bei aller Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Wurzel. Gewiß, das alles ist überaus verletzlich und sensibel. Aber es ist deutsche Wirklichkeit, der wir uns nicht entziehen können, nicht entziehen dürfen und nicht entziehen wollen, eine Wirklichkeit, die wir in die Europäische Gemeinschaft und das atlantische Bündnis einbringen müssen, eine Wirklichkeit, die helfen kann, eingeübte Feindbilder allmählich verblassen und verschwinden zu lassen, (Beifall bei der SPD) und die, wenn wir sie als Element unserer nationalen Identität bejahen, auch dazu helfen kann, daß wir in kritischen Situationen und unter Belastungen besser standhalten können. Das alles ist meilenweit von vordergründiger Geschäftigkeit entfernt. Es ist ein Ansatz, der unserer Politik eine weiterreichende Perspektive bietet, eine Perspektive, die der Diskussion bedarf und zu der beispielsweise — ich erkenne das ausdrücklich und dankbar an — auch Richard von Weizsäcker und Kurt Biedenkopf Bemerkenswertes beigetragen haben. (Beifall bei der SPD) Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, es ist wichtig, das Erreichte zu würdigen und pfleglich zu behandeln. Es ist wichtig, Rückschläge zu verhindern. Es ist aber auch notwendig, die Entwicklung weiter voranzubringen, immer aufs neue nach den Ausgleichsmöglichkei - ten von Interessen zu suchen und dadurch die Hürden und Hindernisse niedriger werden zu lassen, die uns noch immer trennen und auf dem Weg zu einer nachbarschaftlichen Normalisierung behindern. Sie, Herr Bundeskanzler, haben in diesem Zusammenhang die Milderung des Grenzregimes, die weitere Erleichterung des individuellen Reiseverkehrs, insbesondere von Ost nach West, die weitere Korrektur des Mindestumtauschs, die weitere Verbesserung der Praxis der Familienzusammenführung, den Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen, die verstärkte Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Umweltschutzes, aber auch auf dem Gebiet des kulturellen Austausches genannt. Wir stimmen als Opposition diesen Zielsetzungen zu. Ich habe sie sämtlich gegenüber dem Staatsratsvorsitzenden gestern zur Sprache gebracht, insbesondere die Frage der Erleichterung des individuellen Reiseverkehrs. Und ich habe in dem Gespräch den Eindruck gewonnen, daß Fortschritte auch auf diesen Gebieten in Zukunft keineswegs unmöglich sind. Das gilt auch für weitere Punkte, die Sie nicht erwähnten, etwa für den Abschluß eines längerfristigen wirtschaftlichen Rahmenabkommens, für einen neuen Anlauf zu einem Rechtshilfeabkommen wenigstens in Zivilsachen oder für die Vereinbarung geordneter politischer Konsultationen, wie sie ja der Grundlagenvertrag bereits für Fragen der Rüstungskontrolle vorsieht, ein Vorschlag, der auch gewisse Verdichtungen und Häufungen eher und in angemessener Form zu vermeiden hilfreich wäre. Wie überall gilt aber auch hier: Wer seine Forderungen und Interessen voranbringen will, der muß auch die Forderungen und Interessen der anderen Seite würdigen. Die DDR ist eben nicht nur an wirtschaftlichen Vorteilen und Krediten interessiert. Es könnte sogar sein, daß sich die Kreditproblematik heute schon weniger drängend oder jedenfalls anders als vor ein oder zwei Jahren darstellt. Wer Fortschritte, wer mehr Durchlässigkeit will, muß sich deshalb auch mit anderen Forderungen und Wünschen der DDR auseinandersetzen. Natürlich müssen wir die Grenzen beachten, die uns das Grundgesetz und unsere eigenen politischen Interessen ziehen; aber innerhalb dieser Grenzen gibt es durchaus Spielräume, die wir im Interesse der Durchsetzung unserer eigenen Forderungen nützen und einsetzen sollten. (Beifall bei der SPD) Meine Damen und Herren, das Grundgesetz verbietet beispielsweise nicht festzustellen, daß die Elbe-Grenze zwischen Schnakenburg und Lauenburg durchgängig in der Strommitte verläuft, wenn eine erneute Prüfung des Materials ergibt, daß auch diese Auslegung vertretbar erscheint. (Zuruf von der CDU/CSU: Sie geben schon wieder Rechtspositionen auf!) Das Grundgesetz verbietet nicht, mit der Staatlichkeit der DDR auch ihre Personalhoheit zu respektieren, solange nur niemand daran gehindert wird, die fortdauernde deutsche Staatsangehörigkeit dann in Anspruch zu nehmen, wenn er sie in Anspruch nehmen will. Dies ist der Kernpunkt der Sache. (Beifall bei der SPD) Das Grundgesetz, meine sehr verehrten Damen und Herren, gebietet auch nicht, daß neben der Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg auf unabsehbare Zeit die Zentrale Erfassungsstelle in Salzgitter fortbesteht. (Zurufe von der CDU/CSU: Aha!) Ihre Errichtung entsprach der Situation des Jahres 1961, war eine Antwort auf die Vorgänge des August 1961. (Zurufe von der CDU/CSU) Aber ich vertrete die Auffassung, daß ihr Fortbestand mehr und mehr mit dem erreichten Niveau der deutsch-deutschen Beziehungen in Widerspruch gerät. (Beifall bei der SPD — Graf Huyn [CDU/ CSU]: Gibt es keine Mauer mehr?) Für die Aufklärung und Verfolgung von Straftaten sind ohnehin in jedem Fall die Staatsanwaltschaften zuständig, und keiner will, daß das Legalitätsprinzip nicht auch in dieser Richtung seine Anwendung findet. Das aber ist ein völlig anderes Thema. (Beifall bei der SPD) Was ich bisher gesagt habe, gilt auch für Berlin. Berlin ist keine normale Stadt, trotz der günstigen Auswirkungen des Viermächteabkommens und der daran anknüpfenden Vereinbarungen. Berlin ist eine Stadt ohne eigenes Hinterland, eine Stadt, in der man Stadtteilgrenzen auch heute noch nur mit einer besonderen Erlaubnis passieren kann, eine Stadt, die mehrere hundert Kilometer von dem Raum getrennt ist, zu dem sie wirtschaftlich, rechtlich, kulturell und mit den alliierten Vorbehalten auch politisch gehört. Eine solche Stadt kann keine Stadt wie jede andere sein. Sie ist vielmehr in einer Situation, die von ihr, aber auch von uns besondere Anstrengungen erfordert, die Absperrungen gegenüber dem Ostteil der Stadt und der DDR in einem beharrlichen Prozeß durchlässiger zu machen, notfalls millimeter- und zentimeterweise. Die breiter werdenden Kontakte meiner Berliner Freunde mit Ost-Berliner Stellen und mit Institutionen und Per - sonen der DDR, bei denen die vorherige gegenseitige Abstimmung mit denen, die für die Stadt Verantwortung in den Verfassungsorganen tragen, eine wesentliche und stets beachtete Voraussetzung ist, dienen diesem Ziel. Ich glaube, daß diese Kontakte Nachahmung und Förderung finden sollten. Auch die herannahende 750-Jahr-Feier Berlins bietet dafür gute Ansatzpunkte, die es zu nutzen gilt. Ebenso wichtig sind Anstrengungen zur Erhaltung der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit Berlins. Die Behauptung, Berlin blühe wieder auf, ersetzt diese Anstrengungen nicht, denn der Abbau der Arbeitsplätze vollzieht sich noch immer in einem besorgniserregenden Tempo. Die Konferenz zur Wirtschaftsförderung im Dezember 1982 hat die von Ihnen, Herr Bundeskanzler, geweckten Erwartungen bisher nicht erfüllt. Die Bundesunternehmen verhalten sich unter Ihrer Regierungsverantwortung genauso zögerlich wie zu unserer Zeit. Ihrer damaligen Kritik sind bis heute kaum Taten gefolgt, weniger jedenfalls, als nach den Ankündigungen zu erwarten war. Natürlich begrüßen wir Fortschritte wie z. B. die Eröffnung des BMW-Motorradwerks. Aber dieses Projekt hat doch mit Ihrer Konferenz nichts zu tun. Die Planung und Inangriffnahme dieses Projektes hat doch in der Zeit unserer Verantwortung in Bonn und in Berlin begonnen. Der große Durchbruch der wirtschaftlichen Entwicklung Berlins zum Besseren läßt noch immer auf sich warten. Sie haben im Dezember 1982 3 200 neue Arbeitsplätze in Berlin versprochen. Wir haben mit unserer Anfrage, die uns demnächst auch hier im Parlament beschäftigen wird, um konkrete Auskunft darüber gebeten, was aus dieser Zusage und aus diesen Versprechungen geworden ist. Wir sind auch hier wie in allen Berlin betreffenden Fragen weiterhin zur Zusammenarbeit bereit. Das heißt aber nicht, daß wir über Fehlentscheidungen und Unterlassungen den Mantel der Nächstenliebe breiten. Falsch war, daß Sie anläßlich der S-Bahn-Übernahme ein Schrumpfkonzept begünstigt und nicht von vornherein auf der weiteren tatsächlichen Benutzung des Nord-Süd-Tunnels bestanden haben. Durch die Stillegung dieses Tunnels hat der wichtigste innerstädtische Grenzübergang am Bahnhof Friedrichstraße zwei direkte Verbindungslinien verloren. Dies widerspricht der Politik, den Zugang in den anderen Teil der Stadt und in das Umland, wo immer das nur möglich ist, zu erleichtern. Bringen Sie dies möglichst bald in Ordnung. Unsere Unterstützung auf dem Weg zu diesem Ziel sichere ich Ihnen zu. (Beifall bei der SPD) Außerdem sollten Sie wegen der Offenhaltung von Staaken unter Einbeziehung des Westteils des Autobahnringes in das Transitsystem immer von neuem Vorstöße unternehmen. Auch die Beschleunigung des Eisenbahntransits zwischen Berlin und Westdeutschland bleibt, in welcher Form auch immer, auf der Tagesordnung. Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich sprach vorhin von der nationalen Identität der Deutschen und von unserem Gemein - schaftsbewußtsein, das nicht an den Grenzen der beiden Staaten halt macht. Berlin ist in beiden Hinsichten ein zentraler Ort. In Berlin vor allem entscheidet sich, ob gemeinsames Erbe nur eine gemeinsame Last oder ob es auch eine gemeinsame Hoffnung und eine gemeinsame Zukunft bedeuten kann. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der FDP) Ich möchte diesen Teil meiner Ausführungen mit einem persönlichen Wort an die Menschen in der DDR und auch an die Menschen in unserer Republik abschließen. Den Menschen in der DDR möchte ich sagen: Wir wollen uns nicht ungebeten in ihre Angelegenheiten und in die ihres Staates einmischen. Wir wollen insbesondere nicht auf ihre Kosten mit Worten und schneidigen Reden tapfer erscheinen. Wir wollen vielmehr immer wieder auf das hören, was sie uns zu sagen haben, und wir wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu helfen, daß wir gemeinsam einen Beitrag zum Frieden leisten, daß wir uns mehr noch als bisher begegnen können, daß die Hoffnung zunimmt und daß die Lasten leichter werden. Das setzt aber voraus, daß beide Staaten weiterhin vernünftig miteinander umgehen und die Verantwortlichen miteinander im Gespräch bleiben. Die Entwicklung der letzten zwölf Jahre zeigt: Das ist der richtige Weg. Wir werden ihn — und wo immer möglich, gemeinsam — unbeirrt auch in Zukunft fortsetzen. (Beifall bei der SPD) Den Menschen in der Bundesrepublik, Mitbürgerinnen und Mitbürgern, aber sage ich: Lassen Sie nicht nur die Politiker am 17. Juni oder bei der Aussprache über die Lage der Nation von der fortbestehenden Gemeinschaft und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen reden. Halten Sie die bestehenden Kontakte zu den Freunden und Verwandten in der DDR lebendig, knüpfen Sie neue Kontakte, reisen Sie, wo immer möglich, in die DDR. Für die Menschen in der DDR ist es gegenwärtig noch immer die Ausnahme, daß sie Hamburg oder München, den Rhein oder den Schwarzwald besuchen können. Sie, wir, die Bürger in unserem Staat, können nach Schwerin oder Leipzig, wir können in den Spreewald oder nach Güstrow reisen. Machen Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch. Es ist ein anormaler Zustand, daß sich viele von uns in Spanien oder in Italien, j a selbst in anderen Kontinenten besser auskennen als in der DDR und als in Mitteldeutschland. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der CDU/CSU und der FDP) Der französische Staatsmann Clemenceau hat einmal gesagt, der Krieg sei eine zu ernste Sache, um ihne allein den Generalen zu überlassen. Ich meine, das friedliche Neben- und Mit- und Zueinander der beiden deutschen Staaten und die Bewahrung wichtiger Elemente unserer Gemeinschaft sind eine viel zu ernste Sache, um sie allein der Politik zu überlassen. Alle Deutschen sollten sie nach dem Maß ihrer Möglichkeiten als ihre eigene Angelegenheit betrachten und selbst in die Hand nehmen. (Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten der FDP — Zustimmung des Abg. Lintner [CDU/CSU)) Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen und Herren, Sie, Herr Bundeskanzler, haben im Zuge Ihrer Erklärung von der Situation in der Europäischen Gemeinschaft gesprochen. Ich erkläre dazu für meine Fraktion: Unser Angebot, die Bundesregierung bei der Bemühung um die Rettung der Europäischen Gemeinschaft zu unterstützen, gilt unverändert. Sie haben dieses Angebot bisher im wesentlichen unbeanwortet gelassen. Das erhöht Ihre Verantwortung. Zusammenarbeit, Herr Bundeskanzler, von der Sie selbst gern und häufig reden, setzt Information und Diskussion voraus. Als par

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