Protokoll der 59. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 59. Sitzung des 10. Deutschen Bundestages
[Plenarprotokoll 10/59
Deutscher Bundestag
Stenographischer Bericht
59. Sitzung
Bonn, Donnerstag, den 15. März 1984
Inhalt:
Begrüßung einer Delegation des Parla
-
ments der Republik Irland 4157 C
Glückwünsche zu den Geburtstagen der
Abg. Immer (Altenkirchen) und Dr. Ah
rens 4157C, D
Wahl der Abg. Frau Dr. Martiny-Glotz als
ordentliches Mitglied und des Abg. Duve
als stellvertretendes Mitglied in Zen
Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt
4157 D
Bericht zur Lage der Nation
Dr. Kohl, Bundeskanzler 4158A
Sir. Vogel SPD 4165B
Dr. Waigel CDU/CSU 4172A
Schneider (Berlin) GRÜNE 4178 B
Hoppe FDP 4183A
Diepgen, Regierender Bürgermeister des
Landes Berlin 4187 C
Dr. Diederich (Berlin) SPD 4192 C
Dr. Graf Lambsdorff, Bundesminister
BMWi 4195B
Dr. Schmude SPD 4198 B
Lintner CDU/CSU 4200 C
Horacek GRÜNE 4202 A
Frau Terborg SPD 4202 C
Dr. Hupka CDU/CSU 4204 A
Hiller (Lübeck) SPD 4205 D
Büchler (Hof) SPD 4207 C
Windelen, Bundesminister BMB 4210 D
Fortsetzung der ersten Beratung (Aus
schußüberweisung) *) des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines ...
Strafrechtsänderungsgesetzes — § 303 StGB
— Drucksache 10/308 — 4213A
Fortsetzung der ersten Beratung
(Ausschußüberweisung) *) des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
... Strafrechtsänderungsgesetzes — § 125
StGB
— Drucksache 10/901 — 4213 B
Fortsetzung der ersten Beratung
(Ausschußüberweisung) *) des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zur Änderung des
Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetz
Drucksache 10/902 — 4213 B
Zweite Beratung und Schlußabstimmung
des von der Bundesregierung
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem
Zweiten Protokoll vom 21. Juni 1983 zur
Änderung des Vertrags vom 27. Oktober 1956
zwischen der Bundesrepublik
Deutschland, der Französischen Republik und dem
Großherzogtum Luxemburg über die
Schiffbarmachung der Mosel
— Drucksache 10/736 — 4213 C
Beschlußempfehlung und Bericht des
Ausschusses für Verkehr
— Drucksache 10/997 —
Erste Beratung des von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines
Gesetzes zu dem Wiener Übereinkommen vom
23. Mai 1969 über das Recht der Verträge
— Drucksache 10/1004 — 4213 D
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Dreißigsten
Gesetzes zur Änderung des
Lastenausgleichsgesetzes
— Drucksache 10/1015 — 4213 D
Erste Beratung des von der von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes über Maklerverträge
— Drucksache 10/1014 — 4213 D
Erste Beratung des von der von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Seefischereigesetzes
— Drucksache 10/1021 — 4214A
Erste Beratung des von der von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Gesetzes zu dem Abkommen vom
22. Mai 1975 zwischen der Regierung der
Bundesrepublik Deutschland und der
Regierung der Volksrepublik Polen über den
zivilen Luftverkehr
— Drucksache 10/1000 — 4214 A
Erste Beratung des von der von der
Bundesregierung eingebrachten Entwurfs
eines Ersten Gesetzes zur Änderung des
Durchführungsgesetzes EG-Richtlinien
Funkstörungen
— Drucksache 10/1001 — 4214A
Erste Beratung des vom Bundesrat
eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur
Änderung des Städtebauförderungsgesetzes
— Drucksache 10/1013 — 4214A
Beratung der Sammelübersicht 25 des
Petitionsausschusses über Anträge zu
Petitionen
— Drucksache 10/1023 —
in Verbindung mit
Beratung der Sammelübersicht 26 des
Petitionsausschusses über Anträge zu Peti
-
tionen
— Drucksache 10/1035 — 4214 B
Beratung der Ubersicht 5 des
Rechtsausschusses über die dem Deutschen
Bundestag zugeleiteten Streitsachen vor dem
Bundesverfassungsgericht
— Drucksache 10/1032 — 4214 C
Absetzung des Punktes 16 von der
Tagesordnung
4214 C
Beratung der Beschlußempfehlung und des
Berichts des Haushaltsausschusses zu der
Unterrichtung durch die Bundesregierung
Bericht der Bundesregierung über die
Entwicklung der Finanzhilfen des Bundes und
der Steuervergünstigungen für die Jahre
1981 bis 1984 gemäß § 12 des Gesetzes zur
Förderung der Stabilität und des
Wachstums der Wirtschaft (StWG) vom 8. Juni
1967 (Neunter Subventionsbericht)
— Drucksachen 10/352, 10/1037 — 4214 D
Fragestunde
— Drucksache 10/1100 vom 9. März 1984 —
Politische Mittel gegen
grenzüberschreitende Luftverunreinigungen; Einbau einer
Entschwefelungsanlage in das Kraftwerk
Maaszentrale
MdlAnfr 30, 31 09.03.84 Drs 10/1100
Stahl (Kempen) SPD
Antw PStSekr Spranger BMI 4145 B, D,
4146 A, B, C, D
ZusFr Stahl (Kempen) SPD . 4145D, 4146A, B, C
Bemühungen der DKP um eine
Zusammenarbeit mit Sozialdemokraten
MdlAnfr 39 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Olderog CDU/CSU
Antw PStSekr Spranger BMI 4147 A, C, D
ZusFr Dr. Olderog CDU/CSU 4147 B
ZusFr Lambinus SPD 4147 C
ZusFr Jansen SPD 4147 D
Abschaffung der
Personenverkehrskontrollen an den EG-Binnengrenzen
MdlAnfr 32 09.03.84 Drs 10/1100
Stiegler SPD
Antw PStSekr Spranger BMI 4148A,B
ZusFr Stiegler SPD 4148 B,C
Zusammenlegung der START- und INF-
Verhandlungen
MdlAnfr 18, 19 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Scheer SPD
Antw StMin Dr. Mertes AA . 4148D, 4149A, B, C,
4150 A, B
ZusFr Dr. Scheer SPD 4149 A, C, D
ZusFr Dr. Soell SPD 4150 A
Völkerrechtliche Anerkennung von
Staaten durch die Aufnahme diplomatischer
Beziehungen; Auswirkung auf die deutsche
Frage
MdlAnfr 21 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Czaja CDU/CSU
Antw StMin Dr. Mertes AA 4150C,D
ZusFr Dr. Czaja CDU/CSU 4150C,D
zungen gegenüber Deutschen durch eine
deutsch-polnische Regierungskommission
MdlAnfr 22 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Czaja CDU/CSU
Antw StMin Dr. Mertes AA 4151 A, C, D
ZusFr Dr. Czaja CDU/CSU 4151 B, D
ZusFr Becker (Nienberge) SPD 4151 D
Verlangen der Schweizer Bundesregierung
auf Rückführung des sowjetischen
Asylbewerbers Waschtschenko aus der
Bundesrepublik Deutschland
MdlAnfr 23 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Soell SPD
Antw StMin Dr. Mertes AA 4152 A, B, C
ZusFr Dr. Soell SPD 4152 B
ZusFr Dr. Sperling SPD 4152 B
Verkürzung der Sperrfrist für
Bauspardarlehen von 10 auf 7 Jahre
MdlAnfr 47 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Sperling SPD
Antw PStSekr Dr. Häfele BMF
4152D, 4153A
ZusFr Dr. Sperling SPD 4152D, 4153A
Abbau bürokratischer Hemmnisse
MdlAnfr 55 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Sperling SPD
Antw PStSekr Grüner BMWi 4153 B, C, D
ZusFr Dr. Sperling SPD 4153C,D
Verbot der Einfuhr von
Schildkrötenprodukten zu kommerziellen Zwecken; Art der
nach dem 1. Januar 1984 eingeführten
Produkte
MdlAnfr 56, 57 09.03.84 Drs 10/1100
Stutzer CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4154A, B, C, D,
4155 A, B, C
ZusFr Stutzer CDU/CSU . . . 4154 B, C, 4155A, B
ZusFr Lambinus SPD 4154 C
ZusFr Frau Dr. Bard GRÜNE 4154 D
Wettbewerbsverzerrungen durch
unterschiedliche Handhabung von
Denaturierung und Verfütterung von
Magermilchpulver in den Niederlanden und der
Bundesrepublik Deutschland
MdlAnfr 58 09.03.84 Drs 10/1100
Eigen CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4155C, D,
4156A
ZusFr Eigen CDU/CSU 4155D, 4156A
Koordinierung der Forschungsvorhaben
im Bereich nachwachsende Rohstoff-
Energien in der EG
MdlAnfr 59 09.03.84 Drs 10/1100
Eigen CDU/CSU
Antw PStSekr Dr. von Geldern BML 4156 B, C, D
ZusFr Eigen CDU/CSU 4156C,D
Benachteiligung schwerbehinderter
Heimbewohner mit geringem Taschengeld
durch die Neuordnung der unentgeltlichen
Beförderung Schwerbehinderter
MdlAnfr 62 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Dr. Vollmer GRÜNE
Antw PStSekr Franke BMA 4157 A, B, C
ZusFr Frau Dr. Vollmer GRÜNE 4157 B
Nächste Sitzung 4215A
Anlage 1
Liste der entschuldigten Abgeordneten 4217*A
Anlage 2
Amtliche Mitteilungen 4217* B
Anlage 3
Speicherung der Besteller von Schriften
der Bundesregierung
MdlAnfr 28 09.03.84 Drs 10/1100
Conradi SPD
SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4217* D
Anlage 4
Verweigerung politischen Asyls für den in
Afghanistan gefangenen und über die
Schweiz in die Bundesrepublik
Deutschland gekommenen sowjetischen Soldaten
J. I. Waschtschenko
MdlAnfr 29 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Soell SPD
SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4217* D
Anlage 5
Einfluß der DKP auf die Deutsche
Friedensgesellschaft — Vereinigte
Kriegsdienstgegner
MdlAnfr 35 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Laufs CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4218* A
Anlage 6
Entsendung führender Vertreter der
KPdSU und der SED zum 7. Parteitag der
KPD in Nürnberg
MdlAnfr 36 09.03.84 Drs 10/1100
Broll CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Spranger BMI
4218* C
Anlage 7
Abschirmung von Ensemblemitgliedern
eines vietnamesischen Musiktheaters in
München durch „Kampftruppen der DKP"
zur Verhinderung von Asylanträgen;
Entsendung eines Vertreters der Konferenz
der Landesschülervertretungen zum 7.
Parteitag der DKP im Januar 1984
MdlAnfr 37, 38 09.03.84 Drs 10/1100
Kalisch CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Spranger BMI 4218* D
Anlage 8
Anerkennung der Gemeinnützigkeit von
Kleingartenvereinen
MdlAnfr 42, 43 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Zutt SPD
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4219* C
Anlage 9
Zahlung der Bußgelder gegen die VEBA-
Glas AG durch die Verantwortlichen des
Unternehmens
MdlAnfr 44 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Jens SPD
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220*A
Anlage 10
Schadlose Auflösung von
Vermögensbildungs-Sparverträgen durch
erwerbsunfähige Sparer
MdlAnfr 46 09.03.84 Drs 10/1100
Westphal SPD
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220*A
Anlage 11
Urteil des Europäischen Gerichtshofs über
Einfuhrumsatzsteuer-Freiheit bei
unerlaubtem Import von Betäubungsmitteln in
ein EG-Land
MdlAnfr 48 09.03.84 Drs 10/1100
Jäger (Wangen) CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220* C
Anlage 12
Bindung einer Zuwendung von 500
Millionen DM an den Salzgitter Konzern an die
Entlassung von 10 000 Mitarbeitern
MdlAnfr 49 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Simonis SPD
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4220* D
Anlage 13
Diskriminierung von Ausländern beim
Abschluß von Kfz-Versicherungen
MdlAnfr 50 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Dr. Martiny-Glotz
SchrAntw PStSekr Dr. Häfele BMF 4221*A
Anlage 14
Erhöhung der Schwefeldioxidemissionen
aus Kohlekraftwerken durch verstärkte
Verfeuerung von Ballastkohle; geplanter
Austausch von 1,7 Millionen Tonnen
Ballastkohle aus der nationalen
Steinkohlenreserve gegen Vollwertsteinkohle
MdlAnfr 53, 54 09.03.84 Drs 10/1100
Dr. Ehmke (Ettlingen) GRÜNE
SchrAntw PStSekr Grüner BMWi 4221* B
Anlage 15
Auswirkung der Eigenbeteiligung auf die
Gesamtausgaben für die
Krankenhausbehandlung; Belastung der Volkswirtschaft
durch Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte
Erkrankungen 1983 und seit 1958
MdlAnfr 60, 61 09.03.84 Drs 10/1100
Kirschner SPD
SchrAntw PStSekr Franke BMA 4222* A
Anlage 16
Wehrdienst- und zivile Manöveropfer seit
Beginn der Wiederbewaffnung der
Bundesrepublik Deutschland
MdlAnfr 63, 64 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Schoppe GRÜNE
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4222* C
Anlage 17
Kritik an der Winterausrüstung der
Soldaten
MdlAnfr 65, 66 09.03.84 Drs 10/1100
Sauter (Epfendorf) CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4222* D
Anlage 18
Äußerungen Henry Kissingers über den
Vorrang innenpolitischer Probleme bei den
europäischen NATO-Partnern
MdlAnfr 68 09.03.84 Drs 10/1100
Lowack CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg
4223* B
Anlage 19
Inanspruchnahme von niederländischen
Einrichtungen durch die Bundeswehr im
Rahmen des NATO-
Verteidigungsauftrages; Maßnahmen gegen die
Rauschgifteinfuhr durch in den Niederlanden tätige
Bundeswehrangehörige
MdlAnfr 71, 72 09.03.84 Drs 10/1100
Milz CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4223* C
Anlage 20
Verlust von Akten betr.
Schadensregulierungen von Manöverschäden bei der WBV
VI
MdlAnfr 73, 74 09.03.84 Drs 10/1100
Vahlberg SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224*A
Anlage 21
Neuordnungspläne für
Kreiswehrersatzämter, insbesondere das Solinger
MdlAnfr 75, 76 09.03.84 Drs 10/1100
Wilz CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224* C
Anlage 22
Zahl der von noch nicht gebildeten
Ausschüssen für Kriegsdienstverweigerung zu
bearbeitenden Anträge auf Anerkennung
als Kriegsdienstverweigerer;
Beschleunigung der Anerkennungsverfahren für
Kriegsdienstverweigerer während des
Wehrdienstes gemäß Urteil des
Bundesverfassungsgerichts vom 26. Mai 1970
MdlAnfr 77, 78 09.03.84 Drs 10/1100
Lambinus SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4224* D
Anlage 23
Zahl der seit Inkrafttreten des
Kriegsdienstverweigerungs-Neuordnungsgesetzes
(1. 1. 1984) neu eingerichteten
Prüfungsausschüsse und deren Verteilung auf die
Bundesländer
MdlAnfr 79, 80 09.03.84 Drs 10/1100
Jaunich SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4225* B
Anlage 24
Verspätete Veröffentlichung der ab 1.
Januar 1984 gültigen KDV-Verordnung im
Bundesgesetzblatt und Anzahl der vom
Stillstand der Rechtspflege betroffenen
Antragsteller
MdlAnfr 81, 82 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Schmidt (Nürnberg) SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4225* D
Anlage 25
Paritätische Berücksichtigung von Frauen
und Männern in der KDV-Verordnung für
die Wahl der Beisitzer; Beschleunigung der
Wahl der Ausschüsse für
Kriegsdienstverweigerung
MdlAnfr 83, 84 09.03.84 Drs 10/1100
Gilges SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226*A
Anlage 26
Anteil der 1983 von den
Prüfungsausschüssen noch bearbeiteten Anträge auf
Kriegsdienstverweigerung
MdlAnfr 85 09.03.84 Drs 10/1100
Sielaff SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226* C
Anlage 27
Einstellung der Arbeit von
Prüfungsausschüssen für Kriegsdienstverweigerer im
zweiten Halbjahr 1983; Auswirkungen
angesichts der Verlängerung des
Zivildienstes
MdlAnfr 86, 87 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Dr. Czempiel SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4226* C
Anlage 28
Zustellung unbearbeiteter Anträge auf
Kriegsdienstverweigerung an das
Bundesamt für den Zivildienst
MdlAnfr 88 09.03.84 Drs 10/1100
Delorme SPD
SchrAntw PStSekr Würzbach BMVg 4227*A
Anlage 29
Ausschluß engagierter Berufsgruppen von
der Mitwirkung in den Ausschüssen für
Kriegsdienstverweigerung
MdlAnfr 89 09.03.84 Drs 10/1100
Sielaff SPD
SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki
BMJFG 4227* B
Anlage 30
Auswirkung der Arbeitseinstellung der
Prüfungsausschüsse auf die Besetzung von
Zivildienststellen
MdlAnfr 90 09.03.84 Drs 10/1100
Delorme SPD
SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki
BMJFG 4227* C
Anlage 31
Überwachung und Kontrolle ein- und
ausgeführter Weine
MdlAnfr 91, 92 09.03.84 Drs 10/1100
Schartz (Trier) CDU/CSU
SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki
BMJFG 4228*A
Anlage 32
Veröffentlichung der Vorschriften über die
Sicherstellung der gesundheitlichen
Versorgung der Bevölkerung im
Katastrophenfall
MdlAnfr 95 09.03.84 Drs 10/1100
Frau Dr. Vollmer GRÜNE
SchrAntw PStSekr Frau Karwatzki
BMJFG 4228* D
59. Sitzung
Bonn, den 15. März 1984
Beginn: 8.00 Uhr
Vizepräsident Frau Renger: Die Sitzung ist
eröffnet.
Meine Damen und Herren, ich rufe Punkt 1 der
Tagesordnung auf:
Fragestunde
— Drucksache 10/1100 —
Ich rufe den Geschäftsbereich des
Bundesministers des Innern auf. Zur Beantwortung steht Herr
Parlamentarischer Staatssekretär Spranger zur
Verfügung.
Die Frage 28 des Abgeordneten Conradi sowie die
Frage 29 des Abgeordneten Dr. Soell werden auf
Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet.
Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt.
Ich rufe die Frage 30 des Herrn Abgeordneten
Stahl auf:
Wird die Bundesregierung dafür eintreten und welche
Chancen sieht sie zur Durchsetzung, daß künftig im näheren
Grenzbereich zu Nachbarländern, wie z. B. den Niederlanden,
beizustellenden Industrieanlagen, auch Kraftwerken und
deren Umrüstung, mit Immissionsauswirkungen auf die
Umwelt, grenzüberschreitende Einsprüche möglich werden, um
Anhörungen von Verwaltungen und Bürgern beiderseits der
Grenze zu ermöglichen, ehe die Genehmigungen der
jeweiligen Staatsaufsichtsbehörden zu grenzüberschreitenden
Umweltbelastungen führen?
Bitte, Herr Staatssekretär.
Spranger, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister des Innern: Herr Kollege Stahl,
Beteiligungsrechte für Behörden und Bürger der
Bundesrepublik Deutschland, im Genehmigungsverfahren von
grenznahen ausländischen Projekten mit
grenzüberschreitenden Belastungen können sich aus
völkerrechtlichen Vereinbarungen oder z. B. aus der
Umsetzung von EG-Recht ergeben. Beispiele für
Empfehlungen, die tatsächliche
Beteiligungsmöglichkeiten einräumen, sind die Empfehlungen der
„Kommission Tripartite" vom 15. Oktober 1982, die
eine gegenseitige Information von Behörden bei
neuen Projekten im Grenzgebiet der Schweiz,
Frankreich sowie der Länder Baden-Württemberg
und Rheinland-Pfalz vorsehen.
Zwischen den Niederlanden und der
Bundesrepublik Deutschland bestehen keine derartigen
Vereinbarungen oder Abreden. Dessen ungeachtet ist es
aber nach niederländischem Recht ausländischen
Bürgern möglich, Einsicht in
Genehmigungsunterlagen zu nehmen und Einwendungen zu erheben.
Es ist vorgesehen, nähere Informationen über die
Umrüstung des Kraftwerks Buggenum auf der
nächsten Sitzung der Deutsch-Niederländischen
Raumordnungskommission zu erhalten. Im übrigen
hat der EG-Umweltministerrat am 1. März 1984 die
EG-Richtlinie zur Bekämpfung der
Luftverunreinigung durch Industrieanlagen verabschiedet. Diese
Grundsatzrichtlinie sieht u. a. auch eine
Verpflichtung zur Sanierung von Altanlagen vor.
Regelungen über die Öffentlichkeitsbeteiligung
sowie über das Verfahren bei
grenzüberschreitenden Umweltbelastungen sind im übrigen im
Entwurf einer EG-Richtlinie über die Prüfung der
Umweltverträglichkeit bei bestimmten öffentlichen
und privaten Vorhaben enthalten, die im Juni 1984
im Umweltministerrat mit dem Ziel ihrer
Verabschiedung beraten wird.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter.
Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, habe
ich Sie richtig verstanden, daß
Beteiligungsverfahren schon möglich sind, d. h., daß man über die
Grenze Einspruch erheben kann?
(Parl. Staatssekretär Spranger: Das ist
richtig!)
Deshalb meine Frage: Wird die Bundesregierung
auch mit der niederländischen Regierung einen
derartigen gemeinsamen Vertrag auf
Gegenseitigkeit — wie Sie es vorhin dargestellt haben —
aushandeln, um Interessen von Gemeinden und
Bürgern der Bundesrepublik Deutschland bei
Investitionen von Großanlagen im Grenzbereich mit
einem Mitspracherecht verbindlich darzustellen?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege
Stahl, das würde erforderlich sein, wenn nicht für
private Einsprüche bzw. im Bereich der EG schon
Regelungen vorhanden wären. Nach der bisherigen
Einschätzung der Lage wird insbesondere die
Inkraftsetzung der von mir genannten Richtlinien
Beteiligungsmöglichkeiten der Bundesrepublik
Deutschland vorsehen, die ausreichend sind.
Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage,
bitte, Herr Kollege Stahl.
Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, habe
ich Sie richtig verstanden, daß Sie jetzt zum Schluß
sagten, daß es „ausreichend" ist?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich sagte, daß hier
im Bereich der EG Beteiligungsrechte wie genannt
vorgesehen sind und davon auszugehen ist, daß
auch das von Ihnen angeschnittene Problem in
diesem Zusammenhang einer Beeinflussung durch die
Bundesrepublik Deutschland zugänglich ist.
Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 31
des Herrn Abgeordneten Stahl auf:
Welche Möglichkeiten und Wege sieht die
Bundesregierung, die für die Umstellung des Kraftwerkes Maaszentrale
in Buggenum, Niederlande, von 01 auf Importkohle an der
niederländischen Grenze bei Niederkrüchten und Brüggen
am Niederrhein gegebene Ausnahmegenehmigung bezüglich
der Abgabe von Schadstoffimmissionen, die wohl wesentlich
höher liegen als die in der Großfeuerungsanlagen-
Verordnung der Bundesrepubilk Deutschland, so zu beeinflussen,
daß eine Abänderung der Genehmigung mit dem Ziel des
Einbaus einer Entschwefelungsanlage doch noch erreicht
werden kann?
Bitte, Herr Staatssekretär.
Spranger, Parl. Staatssekretär: Das
niederländische Kraftwerk Buggenum besteht aus drei älteren
mittelgroßen Blöcken, von denen nach Kenntnis der
Bundesregierung ein Block von Öl- auf Kohle-Öl-
Feuerung und ein zweiter vom Öl-Gas- auf Kohle-
Öl-Gas-Feuerung umgestellt worden sind. Eine
geplante Umstellung des dritten Blocks von Öl- auf
Kohlefeuerung, die zu der öffentlichen Diskussion
geführt hat, ist mit der Auflage verbunden, daß der
genehmigte Schwefeldioxidausstoß des
Kraftwerkes insgesamt nicht überschritten werden darf. Das
heißt: Wenn alle drei Blöcke in Betrieb sind, müssen
in den beiden erstgenannten Blöcken entsprechend
schwefelärmere Brennstoffe verfeuert werden.
Der Einbau einer
Rauchgasentschwefelungsanlage — wie in den Niederlanden bei
Kohlekraftwerken sonst üblich — ist nicht vorgesehen, weil dieser
Block in ungefähr zehn Jahren stillgelegt werden
soll.
Nach Auskunft des niederländischen
Umweltministeriums, die von der Deutschen Botschaft in Den
Haag eingeholt worden ist, wird, insgesamt
gesehen, keine Verschlechterung der
Emissionssituation des Kraftwerkes Buggenum eintreten.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Stahl.
Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär,
nehmen Sie doch bitte zur Kenntnis, daß nicht nur bei
diesem jetzt zuletzt genehmigten Block des
Großkraftwerkes die Diskussion an der Grenze auf der
einen und der anderen Seite ausgelöst wurde.
(Zuruf von der CDU/CSU: Frage!)
Meine Frage an Sie ist: Unbestritten ist j a wohl, daß
die Niederländer in ihrer Gesetzgebung wesentlich
höhere Werte zulassen als die derzeitige
Großfeuerungsanlagen-Verordnung hier in der Bundes
-
republik. Scheint es da aus diesem Gesichtspunkt
und aus dem Gesichtspunkt, daß das dortige
Kraftwerk ca. 60 m tiefer liegt und die Wälder auf der
bundesrepublikanischen Seite damit gerade auf der
Schornsteinhöhe liegen, nicht zweckmäßig und
notwendig, daß doch eine Nachrüstung mit einer
Entschwefelungsanlage erfolgt?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege
Stahl, ich weise noch einmal darauf hin, daß nach
unseren Informationen durch die Umrüstung keine
Verschlechterung der Emissionssituation eintreten
wird. Und ich weise erneut darauf hin, daß wir bei
der nächsten Sitzung der Deutsch-
Niederländischen Raumordnungskommission noch nähere
Informationen dazu bekommen. Sollten sich auf
Grund der Information solche Verschlechterungen
dennoch ergeben, wird man zu entscheiden haben.
Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage,
Herr Stahl.
Stahl (Kempen) (SPD): Herr Staatssekretär, wenn
Sie sagen, daß keine Verschlechterung der
Belastung der Luft eintritt, würde das doch, bezogen auf
die Bundesrepublik Deutschland, bedeuten, da wir
im S0 2 -Bereich von der zahlenmäßigen Erfassung
der Belastung insgesamt auch keine
Verschlechterungen hinzunehmen haben und wir trotzdem die
Großfeuerungsanlagen-Verordnung erlassen haben,
da das Waldsterben sehr massiv auftritt, daß es
unter diesem Gesichtspunkt doch notwendig ist,
insgesamt die Emissionswerte auch in den Niederlanden
herunterzudrücken. Würden Sie mir da
zustimmen?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich kann nur
wiederholen, daß nach den uns zur Verfügung
stehenden Unterlagen — auch im Vergleich zur
Großfeuerungsanlagen-Verordnung der Bundesrepublik
Deutschland — keine Emissionswerte erreicht
werden, die im jetzigen Zeitpunkt irgendwelche
Maßnahmen zwingend erfordern. Aber ich bin bereit —
das habe ich auch zum Ausdruck gebracht —, das
Problem bei der nächsten Sitzung dieser
Kommission ansprechen zu lassen.
Vizepräsident Frau Renger: Danke schön.
Der Abgeordnete Stiegler — Frage 32 — ist nicht
im Raum. Die Frage wird nicht beantwortet.
Die Fragen 33 und 34 des Abgeordneten Hinsken.
— Er ist leider auch nicht im Raum. Nicht alle
wußten, glaube ich, daß die Fragestunde schon um
8 Uhr beginnt.
Die Fragen 35, 36, 37 und 38 werden auf Wunsch
der Fragesteller, der Abgeordneten Dr. Laufs, Broll
und Kalisch, schriftlich beantwortet. Die Antworten
werden als Anlagen abgedruckt.
Ich rufe die Frage 39 des Herrn Abgeordneten
Olderog auf:
Sind der Bundesregierung im Rahmen der beobachtenden
Tätigkeit des Verfassungsschutzes Anhaltspunkte für die
Annahme bekanntgeworden, daß die DKP ihre Bemühungen,
Sozialdemokraten für eine Zusammenarbeit zu gewinnen
(vgl. S. 55 unter 2.1.1 des Verfassungsschutzberichtes 1982)
fortgesetzt und Erfolg damit gehabt hat?
Bitte sehr, Herr Staatssekretär.
Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Dr.
Olderog, die DKP sieht in der Zusammenarbeit mit
Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und
parteilosen Arbeitern nach wie vor das „Kernstück" ihrer
Bündnispolitik. Dabei mißt sie dem gemeinsamen
Handeln von Kommunisten und Sozialdemokraten
entscheidende Bedeutung bei.
In den vergangenen Monaten bemühte sich die
DKP verstärkt um Bündnisse mit
Sozialdemokraten, vorwiegend mit einzelnen SPD-Mitgliedern und
SPD-Gliederungen, bot aber auch der SPD-Führung
die Zusammenarbeit an.
„Vorprogrammierte" Anlässe dafür sah die DKP
bei „Ostermärschen für Frieden und Abrüstung", im
Kampf um Arbeitsplätze, gegen „Sozialabbau" und
den „Abbau demokratischer Rechte" sowie gegen
„Ausländerfeindlichkeit und Neonazismus".
(Hört! Hört! bei der SPD)
Als besonderen Erfolg ihrer Bemühungen stellte
die DKP die Zusammenarbeit von Kommunisten
und Sozialdemokraten in der Protestbewegung
gegen die NATO-Nachrüstung heraus. Das DKP-
Zentralorgan „Unsere Zeit" (UZ) hob in seiner Ausgabe
vom 10. November 1983 hervor, daß mit der
„Hinwendung" zur „Friedensbewegung" der „unselige
Beschluß der SPD", der die Zusammenarbeit
zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten
untersage, „faktisch außer Kraft gesetzt" sei; solches
Zusammenwirken könne zu einer „größeren
Veränderung der politischen Landschaft" führen.
Auch in Betrieben — wie bei der Besetzung von
Werften in Hamburg und Bremen — haben
Sozialdemokraten und Kommunisten nach Einschätzung
der DKP erfolgreich zusammengewirkt. Dort sei,
wie die internationale kommunistische Zeitschrift
„Probleme des Friedens und des Sozialismus" im
Oktober 1983 herausstellte, ohnehin der
Unvereinbarkeitsbeschluß des SPD-Parteivorstands niemals
voll wirksam geworden.
Die „Bündnisfähigkeit" der DKP wird von
demokratischen Kräften, darunter von
sozialdemokratischen Parteimitgliedern, in einzelnen Fällen
anerkannt.
Vereinzelt arbeiten Sozialdemokraten bereits seit
längerer Zeit in kommunistisch beeinflußten
Organisationen auch auf höherer Ebene mit, z. B. im
„Büro" des „Komitees für Frieden, Abrüstung und
Zusammenarbeit", im „Arbeitsausschuß" der
Initiative „Weg mit den Berufsverboten" und in
Vorständen DKP-beeinflußter Freundschaftsgesellschaften
mit sozialistischen Ländern.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Dr. Olderog.
Dr. Olderog (CDU/CSU): Herr Staatssekretär,
kann die Bundesregierung belegen, daß die DKP
die von ihr behaupteten Erfolge bei der
Bündnispolitik mit den Sozialdemokraten und bei der
Auflösung des Unvereinbarkeitsbeschlusses erzielt hat?
(Dr. Soell [SPD]: Natürlich!)
Spranger, Parl. Staatssekretär: Es gibt eine Reihe
von Beispielen. Ich kann hier nur empfehlen, sich
der Mühe zu unterziehen, die „UZ" in dem
Zusammenhang durchzusehen. Aber beispielsweise hat im
Mai 1983 auch der Bundesvorsitzende der
Jungsozialisten, Olaf Scholz, beim Bundeskongreß der
VVN/BdA, einer DKP-beeinflußten Organisation, in
Hamburg erklärt, es sei an der Zeit, daß die SPD-
Führung ihren Unvereinbarkeitsbeschluß zur VVN/
BdA aufhebe. Offen für eine Zusammenarbeit mit
Kommunisten zeigte sich unlängst
(Zuruf des Abg. Lambinus [SPD])
beispielsweise auch der Juso-Landesvorstand Ba
-
den-Württemberg. Es läßt sich also eine Reihe von
Beispielen bringen, die diese Darlegungen belegen.
(Dr. Scheer [SPD]: Nun hören Sie langsam
auf! Verbreitung von Unwahrheiten!)
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage, Herr Dr. Olderog?
(Dr. Olderog [CDU/CSU]: Danke; nein!)
— Danke schön. Herr Lambinus, Zusatzfrage.
Lambinus (SPD): Herr Staatssekretär, infolge der
frühen Morgenstunde und dessen, was Sie da eben
an starkem Tobak losgelassen haben, darf ich Sie
fragen, ob Sie vielleicht von der „UZ" Honorare
dafür bekommen, daß Sie hier Reklame für diese
Zeitung machen.
(Beifall des Abg. Sielaff [SPD])
Spranger, Parl. Staatssekretär: Es geht hier nicht
um starken Tobak, sondern es geht um Fakten; und
die habe ich vorgetragen.
(Zuruf von der SPD: Das glauben Sie doch
selber nicht! — Dr. Olderog [CDU/CSU]:
Sehr gut!)
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Jansen.
Jansen (SPD): Ist der Bundesregierung bekannt,
daß der Abgeordnete Dr. Olderog Fragen dieser Art
etwa seit fast genau 27 Jahren stellt?
(Lachen bei der CDU/CSU)
Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich kann nur
sagen: Es sind offensichtlich sehr aktuelle Probleme,
die er anschneidet, weil wir immer neue Fakten zu
dem Thema vorlegen können.
(Dr. Olderog [CDU/CSU]: Sehr gut! — Un
ruhe bei der SPD)
Vizepräsident Frau Renger: Keine weitere
Zusatzfrage.
Herr Staatssekretär, wegen der frühen Zeit rufe
ich die Frage des Abgeordneten Stiegler noch mal
auf. Er ist nämlich gerade hereingekommen. Wenn
Sie so freundlich wären, das noch mal zur Hand zu
nehmen. Es ist die Frage 32 des Abgeordneten
Stiegler:
Tritt die Bundesregierung grundsätzlich für die
Abschaffung der Kontrollen des Personenverkehrs an den
Binnengrenzen der Europäischen Gemeinschaft ein, und welche
Maßnahmen hat sie zur Verwirklichung dieses Zieles bisher
ergriffen?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege
Stiegler, nach Auffassung der Bundesregierung ist
ein Europa ohne Binnengrenzen das Ziel der
angestrebten Integration. Dazu gehört ein Abbau der
noch vorhandenen Hemmnisse und Formalitäten
im Güter- und Warenverkehr innerhalb der EG,
aber auch die Freizügigkeit für Reisen der EG-
Bürger innerhalb der Gemeinschaft.
In der Europäischen Gemeinschaft werden
Grenzkontrollen entbehrlich sein, wenn dies durch
eine koordinierte und verstärkte Kontrolle an den
EG-Außengrenzen sowie durch eine engere
Zusammenarbeit der EG-Mitgliedstaaten in Fragen der
inneren Sicherheit und der Ausländerpolitik ohne
Verlust an Sicherheit für die Mitgliedstaaten und
ihre Bürger möglich ist und die Steuern
harmonisiert sind. Deshalb tritt die Bundesregierung dafür
ein, daß als erster Schritt der Grenzübertritt an den
Binnengrenzen für EG-Bürger erleichtert und
beschleunigt wird.
Auf dieser Grundlage hat die Bundesregierung
folgende Initiativen zur Erleichterung des
Grenzübertritts an den Binnengrenzen der EG ergriffen:
Auf EG-Ebene hat die Bundesregierung
Vorschläge zur Erprobung konkreter Maßnahmen zur
Erleichterung des Grenzübertritts an den
Binnengrenzen der EG unterbreitet. Es ist zu hoffen, daß
sich die übrigen Staaten diesem Vorschlag
anschließen.
Außerdem hat sie mehreren EG-Mitgliedstaaten
auf bilateraler Ebene Verhandlungen über
Verbesserungen im Kleinen Grenzverkehr angeboten.
Mit der niederländischen Regierung besteht
Übereinstimmung, daß Bewohnern von
Grenzgemeinden in Kürze der Grenzübertritt an
Grenzübergangsstellen auch außerhalb der
Verkehrsstunden gestattet werden soll.
An vier Straßenübergängen wird derzeit ein
verbessertes Kontrollverfahren erprobt, das
Erleichterungen für EG-Angehörige bietet und geeignet ist,
die Gefahr von Staubildungen wesentlich zu
verringern. Der Versuch soll noch im Laufe dieses
Jahres auf vier weitere Übergänge ausgedehnt
werden.
Seit April 1983 wird auf dem Flughafen
Frankfurt/Main die gesonderte Abfertigung von EG-
Bürgern im Flugverkehr erprobt. Für den
Grenzübertritt wird neuerdings auch ein seit höchstens einem
Jahr ungültig gewordener Reisepaß bzw.
Kinderausweis zugelassen, und schließlich wurde das
Verfahren zur Ausstellung eines Reiseausweises als
Paßersatz für nicht vorschriftsmäßig ausgewiesene
Reisende erleichtert.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Stiegler.
Stiegler (SPD): Herr Staatssekretär, Sie haben
eine Reihe von nationalen Maßnahmen
vorgeschlagen. Wie beurteilt die Bundesregierung die
Vorschläge der Europäischen Kommission für eine
bessere Organisation des nach dem
Gemeinschaftsrecht zulässigen Kontrollrechts z. B. im
Güterverkehr?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Ich glaube, Sie
können davon ausgehen, daß die Bundesregierung
Vorschlägen, die Ihrer Zielsetzung im Hinblick auf
ein Europa ohne Binnengrenzen entsprechen,
ausgesprochen positiv gegenübersteht. Voraussetzung
ist natürlich, daß sich auch alle anderen Staaten
diesen entsprechenden Vorschlägen mit derselben
Tendenz anschließen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage, Herr Abgeordneter.
Stiegler (SPD): Herr Staatssekretär, treffen
Hinweise zu, wonach der Europapaß längst eingeführt
sein könnte, wenn die Bundesregierung nicht
sozusagen auf die maschinenlesbare Karte warten
würde, die diesem Europapaß beigegeben werden soll
und von der wir nicht wissen, ob sie überhaupt noch
kommen soll?
Spranger, Parl. Staatssekretär: Diese
Informationen treffen nicht zu. Im Gegenteil drängt die
Bundesregierung gerade wegen der Möglichkeiten
einer dadurch erreichbaren schnelleren
Grenzkontrolle darauf, daß diese maschinenlesbaren
Ausweise so schnell wie möglich zur Verfügung stehen.
Sie wissen, der Datenschutz, insbesondere das
Urteil des Bundesverfassungsgerichts, haben hier
neue Probleme aufgeworfen.
Vizepräsident Frau Renger: Keine weitere
Zusatzfrage. Damit sind die Fragen aus diesem
Geschäftsbereich beantwortet.
Ich rufe den Geschäftsbereich des
Bundesministers des Auswärtigen auf. Zur Beantwortung der
Fragen steht Herr Staatsminister Dr. Mertes zur
Verfügung.
Ich rufe die Frage 18 des Herrn Abgeordneten Dr.
Scheer auf:
Teilt die Bundesregierung die Auffassung der
Verteidigungsminister der NATO-Euro-Group, daß die
Zusammenlegung der START- und INF-Verhandlungen zu befürworten
ist?
Herr Staatsminister, bitte.
Dr. Mertes, Staatsminister im Auswärtigen Amt:
Herr Kollege Scheer, es trifft nicht zu, daß sich die
in der Euro-Gruppe vertretenen
Verteidigungsminister für eine Zusammenlegung der INF- und der
START-Verhandlungen ausgesprochen hätten.
Allerdings gehören Fragen der Rüstungskontrolle zu
den Themen, mit denen sich diese Minister in der
Euro-Gruppe laufend befassen. In diesem
Zusammenhang ist am 7. Dezember 1983 auch das Für und
Wider einer Zusammenlegung der INF- und
START-Verhandlungen erörtert worden.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Scheer.
Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, können
Sie bestätigen, daß im Nachrichtenspiegel der
Bundesregierung bereits am 6. Dezember
bekanntgegeben worden ist, daß sich die Euro-Group der NATO-
Verteidigungsminister von einer Zusammenlegung
der START- und INF-Verhandlungen einen
möglichen Durchbruch für die Wiederaufnahme dann
erfolgreicher Verhandlungen erwartet?
Dr. Mertes, Staatsminister: Ich habe diese
Meldung nicht gelesen; aber so, wie Sie sie zitieren,
entspricht sie dem, was ich gesagt habe. Es ist nur von
einem möglichen Durchbruch die Rede. Eine solche
theoretische Möglichkeit gehört zu den
Argumenten, die für eine Zusammenlegung der INF- und
START-Verhandlungen sprechen. Aber es gibt eben
auch andere Möglichkeiten und Argumente, die
dagegen sprechen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage.
Dr. Scheer (SPD): Können Sie einmal mitteilen,
was die Euro-Group der NATO-
Verteidigungsminister veranlaßt hat, diesen zunächst lange Monate
vorher vor allem von der SPD vertretenen
Vorschlag zu würdigen, und vielleicht die Argumente
nennen, die bei den NATO-Verteidigungsministern
dafür und dagegen gesprochen haben?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Scheer,
Sie wissen, daß die Meldung, von der Sie sprechen,
nach dem Nachrüstungsbestätigungsbeschluß des
Deutschen Bundestages erfolgt ist. Die Vorschläge
und die Überlegungen zugunsten einer
Zusammenlegung sind u. a. auch von der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gekommen, sie sind
auch innerhalb der Bundesregierung immer wieder
durchdacht worden. Ich kann jetzt nicht im
einzelnen die Für- und Wider-Argumente wiederholen,
soweit sie nicht in der Antwort auf Ihre nächste Frage
ohnehin schon enthalten sind.
Vielleicht, Frau Präsidentin, kann ich hier gleich
die Frage 19 des Herrn Kollegen Scheer bean
tworten.
Vizepräsident Frau Renger: Dann rufe ich die
Frage 19 des Herrn Abgeordneten Scheer auf:
Ist die Bundesregierung bereit, zusammen mit der SPD-
Bundestagsfraktion und im Einvernehmen mit der NATO-
Euro-Group, bei der amerikanischen Regierung für eine
Zusammenlegung der START- und der INF-Verhandlungen
aktiv einzutreten?
Dr. Mertes, Staatsminister: Nach der Auffassung
der Bundesregierung geht es um die
ausschlaggebende Frage, welche Struktur der amerikanisch
-
sowjetischen Verhandlungen in Genf die besten
Aussichten für erfolgversprechende Verhandlungen
bietet. Alle Bündnispartner sind mit uns der
Überzeugung, daß bei Wiederaufnahme separater
START- und INF-Verhandlungen die besten
Chancen für frühzeitige konkrete
Verhandlungsergebnisse bestehen würden, weil so unmittelbar an den
bisher schon erreichten Verhandlungsstand
angeknüpft werden könnte.
Das Bündnis ist bereit, jeden ernsthaften
sowjetischen Vorschlag für die Wiederaufnahme der
nuklearen Rüstungskontrollverhandlungen zu prüfen.
Nach den Äußerungen des Generalsekretärs der
Kommunistischen Partei der Sowjetunion,
Konstantin Tschernenko, gegenüber dem
Fraktionsvorsitzenden der SPD bei dessen jüngstem Besuch in
Moskau ist jedoch nicht zu erwarten, daß die
Sowjetunion eine Verschmelzung der INF- und
START-Verhandlungen vorschlagen wird.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Scheer.
Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, Sie sind
sicherlich mit mir einer Meinung, daß bei der Frage
nach sinnvollen Vorschlägen zunächst einmal die
eigenen sachlichen Erörterungen im Vordergrund
stehen sollten und dann danach gesucht werden
sollte, ob vielleicht ein potentieller
Verhandlungspartner dafür zu gewinnen ist.
Bei den sachlichen Erörterungen frage ich: Wie
kommen Sie zu der Feststellung, daß die separaten
Verhandlungen, wie sie bis zum Abbruch beider
Verhandlungsrunden stattfanden,
erfolgversprechender seien, wo doch diese separaten
Verhandlungen offenkundig deshalb nicht erfolgreich
waren, weil die Separation selbst ein
Verhandlungshindernis darstellte, etwa bei der Einbeziehung der
britischen und französischen Waffen?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, ich teile
diese Ihre Auffassung nicht. Die Frage nach einer
Zusammenlegung von INF und START ist immer
zu beantworten unter dem Gesichtspunkt der
Erfolgschancen der Verhandlungen. Man kann
durchaus an die Zusammenlegung denken, wenn eine
rationale Argumentation zu dem Ergebnis führen
sollte, daß damit eher Verhandlungsergebnisse
erzielt werden. Aber nach den bisherigen Beratungen
und Erkenntnissen ist genau dies nicht der Fall. Wir
könnten an die bisherigen Verhandlungsergebnisse
anknüpfen, wenn wir in getrenten Verhandlungen
an die Angelegenheit herangehen. Daß INF und
START innerhalb des Bündnisses, auch innerhalb
der einzelnen Regierungen, auch innerhalb der
amerikanischen Regierung, in einem
umfassenderen Zusammenhang gesehen werden, ist
selbstverständlich. Es geht also hier nur darum, ob durch
eine organisatorische Zusammenlegung der
Verhandlungen eher ein Verhandlungserfolg erzielt
werden kann. Bisher verneinen das alle
Mitgliedstaaten des Atlantischen Bündnisses.
Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage,
Herr Abgeordneter Scheer.
Dr. Scheer (SPD): Herr Staatsminister, könnten
Sie bestätigen, daß im Bündnis ursprünglich im
Januar 1979 ohnehin nur an eine einzige
Verhandlungsrunde gedacht war, zumindest an einen
einheitlichen Verhandlungsrahmen, und daß die
getrennten Verhandlungen nur dadurch zustande
kamen, daß die SALT-Gespräche zunächst
abgebrochen waren und es gar keine Chance für die
Aufnahme der . Mittelstreckenraketenverhandlungen
gab, es sei denn, man führte sie getrennt? Ist denn
nicht dieser Grund spätestens seit der
Wiederaufnahme der START-Gespräche gegenstandslos
geworden?
Dr. Mertes, Staatsminister: Nein, auch diese
Auffassung teile ich nicht. Es kam zu den INF-
Verhandlungen, weil sich durch den Aufbau der
Hegemonialwaffe SS 20 eine neue Situation ergeben hatte.
Der damalige Bundeskanzler hat auf die spezifische
Natur — politischer und militärischer Art — dieser
Waffe in seiner bekannten Rede 1977 in London
hingewiesen. Auf Grund dieser Rede in London
kam es dann zu den bündnisinternen
Überlegungen, die zu den speziellen Verhandlungen über
europabezogene atomare Mittelstrekenwaffen
führten.
Aber ich möchte noch einmal betonen, Herr
Kollege Scheer: Man kann — politisch gesprochen, mit
Blick auf die Gesamtanlage — weder START noch
INF noch andere Foren von Rüstungskontrolle und
Abrüstung politisch voneinander trennen. Es geht
hier nur um eine prozedurale Frage, die — ich
betone das noch einmal — unter dem Gesichtspunkt
der Chance der Verhandlungsergebnisse gesehen
werden muß.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Dr. Soell.
Dr. Soell (SPD): Herr Staatsminister, kann ich aus
Ihrer Antwort entnehmen, daß Ihnen nicht bewußt
geblieben ist, daß in der Entscheidung des NATO-
Ministerrats vom Dezember 1979 mit der
Formulierung, daß die Verhandlungen über die
Mittelstrekkenwaffen im Rahmen von SALT III erfolgen
sollen, nach der inneren Logik der damaligen
Überlegungen eben doch der Zusammenhang zwischen
beiden Verhandlungen offenkundig war?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, Sie
wiederholen, was ich eben gesag t habe: es gibt einen
inneren politischen Zusammenhang aller die ser
Rüstungsprobleme und Rüstungskontrollprobleme.
Aber ich kann Ihnen nicht bestätigen, daß es
irgendeine Aussage des Atlantischen Bündnisses
gibt, die den jetzigen Abwägeprozeß in irgendeiner
Form inhibiert. Dieser Abwägeprozeß findet statt.
(Abg. Dr. Soell [SPD] meldet sich zu einer
weiteren Zusatzfrage)
Vizepräsident Frau Renger: Es gibt nur eine
Zusatzfrage.
(Zurufe von der SPD)
— Nein, meine Damen und Herren, die zweite
Frage war aufgerufen. Dazu gibt es nur eine
Zusatzfrage. Nur der Fragesteller darf zwei Fragen
stellen.
Keine weiteren Zusatzfragen. Wir kommen zur
Frage 20 des Abgeordneten Würtz. Der Abgeordnete
ist nicht im Saal. Die Frage wird nicht
beantwortet.
Ich rufe die Frage 21 des Herrn Abgeordneten Dr.
Czaja auf:
Trifft es zu, daß die Aufnahme der diplomatischen
Beziehungen nach allgemeinem Völkerrecht die Anerkennung des
jeweiligen anderen Staates als Völkerrechtssubjekt auch in
seinen Grenzen beinhaltet, und kann sich das auch auf die
deutsche Frage auswirken?
Bitte sehr, Herr Staatsminister.
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter,
die Aufnahme diplomatischer Beziehungen setzt
voraus, daß sich zwei Völkerrechtssubjekte als
solche anerkennen, d. h. sich gegenseitig bestätigen,
Träger völkerrechtlicher Rechte und Pflichten zu
sein, um am internationalen Verkehr teilnehmen zu
können.
Zu den Rechten, die auf Grund der Anerkennung
nicht bestritten werden können, gehört das Recht,
Gebietshoheit über Staatsgebiet auszuüben.
Hinsichtlich der Grenzen dieses Staatsgebiets enthält
die Anerkennung keine Garantie für den künftigen
rechtlichen oder faktischen Fortbestand der
Grenzen dieser Gebietshoheit — ich betone: keine
Garantie für den künftigen rechtlichen oder
faktischen Fortbestand der Grenzen dieser
Gebietshoheit.
So beeinflussen Gewinne oder Verluste die
fortdauernde Anerkennung und den Fortbestand der
diplomatischen Beziehungen zwischen zwei
Völkerrechtssubjekten nicht.
Vizepräsident Frau Renger: Zusatzfrage, Herr Dr.
Czaja.
Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister, wenn
ich Sie recht verstehe, schließt die Anerkennung
den friedlichen Wandel nicht aus. Darf ich Sie
fragen, ob die von Ihnen betonte Anerkennung der
Gebietshoheit auch Anerkennung der Souveränität
überall dort bedeutet, wo es sich um eine
bestehende Grenzlinie nach der gegenwärtigen Lage im
Zusammenhang mit Okkupation, nicht
rechtswirksamen Annexionen und ähnlichem handelt, wo die
Souveränität durch sonstige Maßnahmen
international nicht anerkannt ist.
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Czaja,
Sie wissen, daß die Rechtswissenschaft
unterscheidet zwischen Gebietshoheit und Souveränität.
Sollten Sie die Oder-Neisse-Gebiete hier im Auge
haben, was ich bei Ihnen für möglich halte, so möchte
ich sagen, daß dieser Unterschied natürlich auch
hier eine Rolle spielt.
Vizepräsident Frau Renger: Haben Sie noch eine
Zusatzfrage?
Dr. Czaja (CDU/CSU): Ja.
Vizepräsident Frau Renger: Bitte, Herr Dr. Czaja.
Dr. Czaja (CDU/CSU): Meine Frage geht dahin, ob
gegenüber Vertragspartnern und Verbündeten die
Bundesrepublik Deutschland solche im
Zusammenhang mit der von Ihnen genannten offenen
deutschen Frage bestehenden Unterschiede und
Vorbehalte auch geltend machen wird.
Dr. Mertes, Staatsminister: Selbstverständlich,
Herr Kollege Czaja. Ich möchte aber auch daran
erinnern, daß die Teilnehmerstaaten der Konferenz
über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa
sich bereits seit langer Zeit verpflichtet haben, die
territoriale Integrität eines jeden Teilnehmerstaats
zu achten. Das ist ebenfalls zu sehen.
(Zuruf des Abg. Lambinus [SPD])
Würde das Netz der diplomatischen Beziehungen
im Interesse der europäischen Zusammenarbeit
enger geknüpft, so läge darin kein grundsätzlich
neues Element, so daß sich hieraus auch keine
Auswirkungen auf die Deutschlandfrage ergäben. In
diesem Zusammenhang ist zu verweisen auf Art. 4
des Warschauer Vertrags und auf die Feststellung
der Schlußakte, wonach diese weder die Rechte und
Verpflichtungen der Teilnehmerstaaten noch die
diesbezüglichen Verträge und Abkommen und
Abmachungen berührt.
Vizepräsident Frau Renger: Dann darf ich die
Frage 22 des Herrn Abgeordneten Czaja aufrufen:
Warum ist eine „gemischte deutsch-polnische
Regierungskommission" nicht auch ein „adäquater Rahmen" (Protokoll
10/57 S. 4096) zur Behandlung der schwerwiegenden
Menschenrechtsverletzungen gegenüber Deutschen (jahrelange
Trennung zehntausender deutscher Familien, fehlende
Erledigung von weit über 100 000 Ausreiseanträgen,
Verhinderung der Pflege kultureller Eigenart), oder wird die
Bundesregierung eine besondere gemischte Kommission zur
Normalisierung durch Erfüllung der
Menschenrechtsverpflichtungen und als Voraussetzung weiterer hoher finanzieller
Opfer fordern?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter Dr.
Czaja, wie bereits in der Antwort auf Ihre im
Bundestagsprotokoll 10/57 Seite 4096 verzeichnete
Frage festgestellt wurde, handelt es sich bei der
erwähnten „gemischten deutsch-polnischen
Kommission" um eine Kommission, die sich allein um
Wirtschaftsfragen kümmert. Die mit der Ausreise
und Familienzusammenführung
zusammenhängenden Fragen werden von der Bundesregierung in
Gesprächen mit polnischen Regierungsvertretern
mit Geduld und großem Nachdruck anderenorts
behandelt. Das wird auch weiterhin geschehen, ohne
daß es dafür eines neuen institutionellen Rahmens
bedürfte.
Ich bin davon überzeugt, daß die mit der Ausreise
und Familienzusammenführung verbundenen
Fragen im Rahmen eines fortschreitenden
Versöhnungsprozesses zwischen Deutschen und Polen, an
dem allen Fraktionen des Deutschen Bundestages
viel liegt, eine allseits befriedigende Regelung
finden werden. Wir sollten uns daher alle darum
bemühen, diesem Prozeß neue Impulse zu geben.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Czaja.
Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister,
meinen Sie nicht, daß es auch ein neuer Impuls wäre,
wenn im Sinne der Schutzpflicht der
Bundesregierung und im Zusammenhang mit den von Ihnen
betonten Normalisierungsbestrebungen in einer
gemischten Kommission die unzähligen strittigen
Fragen — etwa der starke Rückgang der
Aussiedlerzahlen und insbesondere die Familientrennung
— dazu gehören und ebenso wie wirtschaftliche
Fragen, die dann in einer anderen Kommission
erörtert werden müßten, im Interesse der Menschen
behandelt werden?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege Czaja,
Sie kennen den von der Bundesregierung
veröffentlichten Antwortbrief, den ich am 14. Dezember 1983
an den früheren Kollegen Dr. Carl Otto Lenz
gerichtet habe. Die Bedeutung des Themas Ihrer Frage,
die Bedeutung der Schutzpflicht habe ich dort
hervorgehoben.
Sie kennen auch die unsachlichen Reaktionen,
die daraufhin in der Volksrepublik Polen erfolgt
sind.
Ich möchte noch einmal sagen, Herr Kollege
Czaja, daß es hier nicht darum geht, neue
prozedurale Rahmen zu schaffen. Es geht vielmehr darum,
in der Sache unseren Standpunkt angemessen und
zweckdienlich zur Geltung zu bringen. Ich darf Sie
darauf hinweisen, daß das Thema Aussiedlung
gegenüber der Volksrepublik Polen auch in letzter
Zeit mehrfach besprochen worden ist: im Dezember
1983, im Januar 1984, im Februar 1984 von
Bundesminister Genscher gegenüber dem polnischen
Außenminister bzw. gegenüber dem polnischen
Botschafter. Ich selbst hatte noch Ende Dezember 1983
Gelegenheit, dem polnischen Botschafter unseren
Standpunkt in dieser Frage zu erläutern.
Vizepräsident Frau Renger: Eine weitere
Zusatzfrage, Herr Dr. Czaja, bitte.
Dr. Czaja (CDU/CSU): Herr Staatsminister,
angesichts Ihrer außerordentlich begrüßenswerten wie
anerkennenswerten Äußerungen zu dieser Frage in
dem Schreiben an den ehemaligen Kollegen Lenz
— die dann auch veröffentlicht worden sind —
frage ich: Wird man dann also versuchen, dem
polnischen Vertragspartner auch weiterhin
klarzumachen, daß ohne gegenseitige Demütigung und
Verschleierung furchtbarer Grausamkeiten für
Gegenwart und Zukunft Erfolge bei den Menschenrechten
für Polen und Deutsche, für beide Völker, ein
wichtiger Beitrag zu echter und dauerhafter
Entspannung und geschichtlichem Ausgleich wären?
Dr. Mertes, Staatsminister: Ja.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Becker (Nienberge).
Becker (Nienberge) (SPD): Herr Staatsminister,
könnten Sie dem Hause noch einmal bestätigen,
daß die von den Polen Ende der 70er Jahre
gemachten Zusagen hinsichtlich der
Ausreisemöglichkeiten deutschstämmiger Polen oder von Aussiedlern
in die Bundesrepublik voll eingehalten, ja über viele
Jahre sogar mehr als erfüllt worden sind?
Dr. Mertes, Staatsminister: Das bestätige ich gern.
Ich möchte darauf hinweisen, daß sich die
Volksrepublik Polen — im Unterschied zum Rückgang der
Ausreisemöglichkeiten von Deutschen aus der
Sowjetunion — korrekt verhalten hat.
Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren
Zusatzfragen. — Ich rufe die Frage 23 des Herrn
Abgeordneten Dr. Soell auf:
Wie wird die Bundesregierung die Aufforderung der
Schweizer Bundesregierung in Bern beantworten,
Waschtschenko in die Schweiz zurückzuschicken (vgl. ,,Zeit-
Magazin" vom 2. März 1984)?
Bitte, Herr Staatsminister.
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Abgeordneter,
mit Verbalnote vom 14. Juli 1983 bat die Schweiz,
daß die Behörden der Bundesrepublik Deutschland
die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die
baldige Rückkehr Waschtschenkos in die Schweiz zu
ermöglichen. Das Auswärtige Amt bestätigte der
Schweizer Botschaft mit Verbalnote vom 25./30.
August 1983, daß sich Waschtschenko in der
Bundesrepublik Deutschland aufhalte. Es teilte zugleich mit,
daß Waschtschenko Asylantrag gestellt habe.
Dieser Asylantrag wurde vom Bundesamt für die
Anerkennung ausländischer Flüchtlinge abgelehnt
mit der Begründung, Waschtschenko habe bereits
in der Schweiz Schutz vor politischer Verfolgung
gefunden. Diese ablehnende Entscheidung des
Bundesamtes hat jedoch keine Bestandskraft erlangt,
da Waschtschenko gegen den Bescheid Klage
erhoben hat. Über diese wurde noch nicht entschieden.
Eine Entscheidung über das schweizerische
Ersuchen, Herrn Waschtschenko in die Schweiz
zurückzuschicken, kann aus zwingenden
verfassungsrechtlichen Gründen erst nach rechtskräftigem
Abschluß des Asylverfahrens getroffen werden. Die
Bundesregierung wird in jedem Fall sicherstellen,
daß Waschtschenko nicht gegen seinen Willen in
die Sowjetunion abgeschoben wird.
Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage
Herr Dr. Soell.
Dr. Soell (SPD): Sind der Bundesregierung andere
Fälle bekannt, die ähnlich gelagert sind, oder
handelt es sich hier um den ersten und einmaligen
Fall?
Dr. Mertes, Staatsminister: Ich kann diese Frage
auf Anhieb nicht beantworten. Ich werde sie Ihnen
aber gern schriftlich beantworten.
Vizepräsident Frau Renger: Zweite Zusatzfrage.
Dr. Soell (SPD): Herr Staatsminister, teilt die
Bundesregierung die Auffassung der schweizerischen
Bundesregierung, daß der Juri Waschtschenko
schon in der Schweiz ausreichend politisches Asyl
erlangt hat?
Dr. Mertes, Staatsminister: Ich möchte dem, was
ich soeben gesagt habe, wegen der Schwierigkeit
des Falles nichts hinzufügen. Die schweizerische
Regierung und auch ihr Urteil in diesen Fällen hat
unser Vertrauen.
Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage,
Herr Abgeordneter Dr. Sperling.
Dr. Sperling (SPD): Ist die Behandlung dieses
Falles — also nicht drängend zur Ausreise in die
Schweiz, in der ja bekanntlich nicht gefoltert wird
— Vorbild für die Behandlung anderer
Asylantragsteller, die zum Teil aus der Bundesrepublik in
Länder abgeschoben werden, in denen gefoltert wird,
obwohl ihr Verfahren noch läuft?
Dr. Mertes, Staatsminister: Herr Kollege, Fälle
dieser Art werden jeweils nach ihrer Natur und
nach den Umständen im Sinne unseres
Rechtsstaates behandelt, aber nicht über einen Kamm
geschoren.
Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren
Zusatzfragen. Ich danke Ihnen, Herr Staatsminister.
Wir kommen zum Geschäftsbereich des
Bundesministers der Finanzen. Zur Beantwortung steht
Herr Staatssekretär Dr. Häfele zur Verfügung.
Ich rufe die Fragen 40 und 41 auf. — Der
Abgeordnete Dr. Rumpf ist nicht im Saal. Die Fragen
werden nicht beantwortet.
Die Fragen 42 und 43 der Abgeordneten Frau Zutt
und 44 des Abgeordneten Dr. Jens werden auf
Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet.
Die Antworten werden als Anlagen abgedruckt.
Ich rufe die Frage 45 des Abgeordneten Stiegler
auf. — Der Abgeordnete ist nicht im Saal. Die Frage
wird nicht beantwortet.
Die Frage 46 des Abgeordneten Westphal wird
auf Wunsch des Fragestellers schriftlich
beantwortet. Die Antwort wird als Anlage abgedruckt.
Ich rufe die Frage 47 des Herrn Abgeordneten Dr.
Sperling auf:
Wann wird die Bundesregierung entsprechend der
Ankündigung von Bundesminister Dr. Schneider einen
Gesetzentwurf vorlegen, der eine Verkürzung der Sperrfrist für
Bauspardarlehen von zehn auf sieben Jahre zum Inhalt hat?
Bitte sehr, Herr Staatssekretär.
Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister der Finanzen: Herr Kollege Dr. Sperling, ich
darf Ihre Frage wie folgt beantworten. Die Frage, ob
die Festlegungsfrist für Bausparverträge im
Bereich des Wohnungsbau-Prämiengesetzes wieder
auf sieben Jahre herabgesetzt werden soll, wird im
Zusammenhang mit den Überlegungen geprüft, die
Wohnungsbauförderung neu zu regeln. Diese
Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen. Sie
werden deshalb Verständnis dafür haben, wenn ich
Ihnen heute noch keine näheren Angaben machen
kann.
Vizepräsident Frau Renger: Zu einer Zusatzfrage
Herr Dr. Sperling.
Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, wenn Sie
keine näheren Angaben machen können, könnten
Sie denn dann etwas fernere Angaben machen, die
doch so präzise sind, daß man weiß, ob das 1987,
1988 oder 1989 im Bundesgesetzblatt stehen wird?
Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär: Ich habe Ihnen,
glaube ich, in einer Fragestunde schon einmal
gesagt, daß wir sehr gründlich arbeiten. Aber ich
hoffe, daß wir im Laufe dieses Jahres das Ergebnis
dieser Arbeit mitteilen können.
Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, sind Sie
bereit, meine Auffassung entgegenzunehmen, daß
die Gründlichkeit der Arbeit nicht zu einer ewigen
Verzögerung führen darf, wenn es darum geht, für
Arbeitnehmer der Bauwirtschaft eine
Beschäftigung zu sichern?
Dr. Häfele, Parl. Staatssekretär: Herr Kollege Dr.
Sperling, es geht um solide Arbeit. Die wollen Sie
sicher auch.
(Dr. Sperling [SPD]: Es geht um das
Ternpo!)
Vizepräsident Frau Renger: Keine weiteren
Zusatzfragen.
Die Fragen 48, des Abgeordneten Jäger (Wangen),
49 der Abgeordneten Frau Simonis und 50 der
Abgeordneten Frau Dr. Martiny-Glotz werden auf
Wunsch der Fragesteller schriftlich beantwortet.
Die Antworten werden als Anlage abgedruckt.
Herr Staatssekretär, ich bedanke mich.
Wir kommen zum Geschäftsbereich des
Bundesministers für Wirtschaft. Zur Beantwortung steht
der Herr Staatssekretär Grüner zur Verfügung.
Ich rufe die Fragen 51 und 52 des Abgeordneten
Rapp auf. — Der Abgeordnete ist nicht im Saal. Die
Fragen werden nicht beantwortet.
Ich rufe die Frage 53 des Abgeordneten Dr.
Ehmke (Ettlingen) auf. — Der Abgeordnete war
vorhin hier. Er ist nicht mehr im Saal. Es muß
eigentlich vorher angemeldet werden. Die Frage
wird schriftlich beantwortet. Die Antwort wird als
Anlage abgedruckt. Das gleiche gilt für die Frage 54
des Abgeordneten Dr. Ehmke (Ettlingen).
Ich rufe die Frage 55 des Herrn Abgeordneten Dr.
Sperling auf:
Teilt die Bundesregierung die Auffassung von
Staatssekretär Dr. Schlecht, daß der Abbau bürokratischer Hemmnisse
durch die Liebe der Beamten zu den selbstgeschaffenen
Vorschriften und durch Bedenken betroffener Fachverbände der
Wirtschaft behindert wird, und welche Konsequenzen zieht
sie daraus?
Bitte, Herr Staatssekretär.
Grüner, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister
für Wirtschaft: Wie in der Regierungserklärung
vom 4. Mai 1983 dargelegt, beobachtet die
Bundesregierung mit Besorgnis das Übermaß an
Regelungen, die im Ergebnis Wachstum und Beschäftigung
behindern. Diese Bürokratisierung ist das Ergebnis
einer langen Entwicklung, zu der zahlreiche
Ursachen beigetragen haben.
Die Bundesregierung hat in der Sitzung des
Bundeskabinetts vom 22. Februar 1984 einen
umfangreichen Maßnahmenkatalog zur Rechts- und
Verwaltungsvereinfachung beschlossen.
Um eine Entbürokratisierung zu fördern und
mögliche partielle Widerstände in Verwaltung und
Fachverbänden abzubauen, hat die
Bundesregierung die Unabhängige Kommission zur Rechts-
und Verwaltungsvereinfachung eingesetzt, der
hochrangige Vertreter des Bundes, der
Bundesländer, der kommunalen Spitzenverbände und der
Wirtschaft angehören. Der Vorsitzende der
Kornmission, Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr.
Waffenschmidt, hat in der bereits genannten
Kabinettssitzung in einem ersten Zwischenbericht
festgestellt, daß die Arbeit der Kommission offen und
ergiebig ist. Die Bundesregierung hat die
Kommission aufgefordert und ermutigt, konkrete
Entbürokratisierungsvorschläge vorzulegen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Sperling.
Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, nun hat
der beamtete Kollege in Ihrem Ministerium
Ursachen für möglich gehalten und genannt, z. B. die
Liebe der Beamten zu selbst geschaffenen
Vorschriften und die Bedenken betroffener
Fachverbände, die, wenn sie so gegeben sind, für die
Abschaffung jener Vorschriften Hindernisse
darstellen können. Was gedenkt die Bundesregierung nun
wirklich zu tun, um diese Ursachen anzugehen?
Eine Kommission, die bisher zweimal getagt hat, ist
j a kein Ursachenbeseitigungsinstrument.
Grüner, Parl. Staatssekretär: Nein, Herr Kollege.
Es ist richtig — ich habe das in meiner Antwort ja
auch angedeutet —, daß geschaffene Regelungen
einmal eine Begründung hatten und daß sie im
Vollzug bei denen, die sie zu verwalten haben, mit
ihrer Begründung auch durchaus lebendig sind.
Deshalb wird bei jeder einzelnen Regelung, die
abgeschafft werden soll, das Für und Wider erörtert.
Dabei wird dann sichtbar — wir kennen das ja
alle —, daß etwa die Meinung, man müsse an diesen
Regelungen festhalten, bei denen besonders
ausgeprägt ist, die im beruflichen Vollzug damit zu tun
haben, und daß bei vielen Verbänden im Einzelfall
auch die Vorstellung besteht, daß eine Regelung, die
sie in der Vergangenheit selbst einmal gefordert
haben, auch bestehenbleiben muß. Es geht darum,
sich im konkreten Fall — in der Abwägung des Pro
und Kontra — im übergeordneten Interesse der
Entbürokratisierung auch über solche Bedenken
hinwegzusetzen, wenn man das mit guten Gründen
tun kann. Die Widerstände sollte man dabei nicht
unterschätzen. Darauf hat Herr Schlecht mit seiner
von Ihnen zitierten Bemerkung hingewiesen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage, Herr Sperling.
Dr. Sperling (SPD): Herr Staatssekretär, wenn Sie
also der Meinung Ihres beamteten Kollegen Dr.
Schlecht zustimmen, daß es zwei Ursachenbündel
für die Weiterexistenz vieler Vorschriften gibt: Wie
wird in der Weiterbildung der Mitarbeiter der
Ministerien auf dieses Problem eingegangen?
Grüner, Parl. Staatssekretär: Diese hier
genannten Ursachen sind nur ein Teil des gesamten
Ursachenbündels, das dazu beiträgt oder beitragen
kann, Widerstände auszulösen und die
Argumentation gegen eine Änderung im Regelwerk stärker in
den Vordergrund zu rücken. Entscheidend ist, daß
wir durch die politische Zielsetzung und die
Koordination der politischen Zielsetzung Impulse auch in
den Bereich der Verbände und in den Bereich der
mit Entbürokratisierungsfragen befaßten Behörden
gegeben haben, um die übergeordnete Zielsetzung
der Entbürokratisierung deutlich zu machen und
damit und damit zu motivieren, die
Entbürokratisierung unter übergeordneten Gesichtspunkten zu
sehen und bei den eigenen Überlegungen und
Vorlagen eigene staatsbürgerliche Einsicht und den
Willen der politischen Leitung der Ministerien
stärker zu berücksichtigen.
Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr
Staatssekretär.
Wir kommen nun zum Geschäftsbereich des
Bundesministers für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten. Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr.
von Geldern steht zur Beantwortung der Fragen zur
Verfügung.
Ich rufe die Frage 56 des Herrn Abgeordneten
Stutzer auf:
Wie wurde sichergestellt, daß ab 1. Januar 1984 keinerlei
Schildkrötenprodukte zu kommerziellen Zwecken in die
Bundesrepublik Deutschland eingeführt werden, und liegen
der Bundesregierung Erkenntnisse vor, daß nach dem 1.
Januar 1984 versucht wurde, das Einfuhrverbot zu umgehen?
Bitte, Herr Staatssekretär.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär beim
Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und
Forsten: Herr Kollege Stutzer, die Bundesregierung
hat, gestützt auf die EG-Verordnung zum
Washingtoner Artenschutzübereinkommen vom 3.
Dezember 1982 und das dazu ergangene
Durchführungsgesetz vom 22. Dezember 1983, die Bundesämter für
Ernährung und Forstwirtschaft sowie die
gewerbliche Wirtschaft und die Zollstellen angewiesen,
keine Einfuhren von Meeresschildkrötenprodukten
zu kommerziellen Zwecken mehr zuzulasen.
Versuche, diese Einfuhrvebote zu umgehen, sind bisher
nicht bekanntgeworden.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Stutzer.
Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, sieht
Ihr Haus irgendwelche Kontrollmöglichkeiten
dahin gehend, daß Lagerbestände innerhalb der EG —
ich denke hier insbesondere an Frankreich und
Italien — nicht ständig durch Neuerwerb ergänzt
werden? Muß es nicht erklärtes Ziel der EG sein, das zu
verhindern?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das ist das
Ziel der EG. Für den innergemeinschaftlichen
Warenverkehr ist festzustellen, daß es von dem
genannten Zeitpunkt an insgesamt verboten ist,
Meeresschildkröten und -produkte, die nach dem 31.
Dezember 1983 in einen anderen EG-Staat eingeführt
oder nach diesem Zeitpunkt in einem EG-Gebiet
der Natur entnommen worden sein sollten, zu
kommerziellen Zwecken in die Bundesrepublik
Deutschland zu verbringen. Es gibt auch keine
Anhaltspunkte dafür, daß nennenswerte Vorräte, die
vor dem 1. Januar 1984 in andere EG-Länder
gelangt sein könnten oder die von Schildkröten
stammen, die vor dem 1. Januar 1984 innerhalb des EG-
Gebietes der Natur entnommen worden sind —
wofür nur das französische Überseegebiet Réunion in
Frage käme —, vorhanden sind und auf den
deutschen Markt gebracht werden sollen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage, bitte schön.
Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, durch
mißverständliche Äußerungen entstand der
Eindruck, als ob Schildkrötenprodukte noch aus dem
EG-Bereich eingeführt werden könnten. Kann ich
jetzt nach Ihrer Antwort davon ausgehen, daß
keinerlei Schildkrötenprodukte mehr, also auch nicht
aus dem EG-Bereich, zu kommerziellen Zwecken in
die Bundesrepublik eingeführt werden dürfen?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Davon
können Sie ausgehen.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das ist alles
gestutzt!)
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, bitte,
Herr Abgeordneter Lambinus.
Lambinus (SPD): Herr Staatssekretär, nachdem
auf dem Markt immer noch Schildkrötenprodukte
angeboten werden, darf ich Sie fragen: Hat die
Bundesregierung irgendwelche Vorstellungen darüber,
wie hoch die Lagerbestände in der Bundesrepublik
noch sind und wie lange diese Lagerbestände
ausreichen, um die Nachfrage, die leider offensichtlich
immer noch vorhanden ist, zu stillen?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr
Kollege, darüber können wir keine Angaben machen. Es
würde eine ganz umfangreiche Untersuchung
erfordern, um festzustellen, was in den Regalen z. B.
auch der Einzelhandelsgeschäfte noch vorhanden
ist. Das zu überprüfen, fehlt uns jegliche
Rechtsgrundlage.
(Dr.-Ing. Kansy [CDU/CSU]: Das wäre ja
Schnüffelei!)
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage.
Frau Dr. Bard (GRÜNE): Kann ich diesen
Antworten entnehmen, daß kein Gramm Schildpatt und
kein Gramm Fleisch in diesem Jahr
hereingekommen sind?
(Eigen [CDU/CSU]: Schildkrötenfleisch!)
— Ja, Schildkrötenfleisch. Von was reden wir
sonst?
Wären Sie, wenn sich herausstellte, daß es anders
wäre, bereit, diesen Art. 15 aus der EG-Verordnung
dazu zu benutzen, das auch noch zu unterbinden?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Frau
Kollegin, die Rechtslage, wie ich sie gerade geschildert
habe, ist eindeutig. Wenn Sie meine Antwort auf die
nächste Frage des Kollegen Stutzer abwarten,
werden Sie auch genaue Angaben über die Einfuhren
bekommen.
Vizepräsident Frau Renger: Dann machen wir
diese Überleitung. Ich rufe die Frage 57 des Herrn
Abgeordneten Stutzer auf:
Welche Schildkrötenprodukte wurden nach dem 1. Januar
1984 in die Bundesrepublik Deutschland eingeführt, und
welche Konsequenzen sind aus dieser Einfuhr gezogen
worden?
Bitte schön, Herr Staatssekretär.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Nach dem
1. Januar 1984 wurden lediglich aus den
Niederlanden 20,25 kg Schildkrötenfleisch, und zwar in Form
von Suppe, in die Bundesrepublik Deutschland
verbracht. Da diese Lieferung illegal war, wurden die
zuständigen Landesbehörden gebeten, die Ware zu
beschlagnahmen.
(Heiterkeit bei der CDU/CSU)
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Stutzer.
Stutzer (CDU/CSU): Herr Staatssekretär, ist es
richtig, daß der Vorerwerb von
Schildkrötenprodukten aus Jamaika anerkannt wird, obwohl dort
immer noch regelmäßig Karettschildkröten getötet
werden, die nicht zur F-2-Generation gehören?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das geht
zwar, Herr Kollege, über Ihre Fragen deutlich
hinaus, aber ich kann Ihnen dazu sagen, daß wir
Vorerwerb jetzt generell nicht mehr anerkennen.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage.
Stutzer (CDU/CSU): In diesem Zusammenhang
noch einmal die Frage, Herr Staatssekretär: Wenn
die Cayman-Farm nicht als Zuchtfarm anerkannt
wird — wie ich einer früheren Antwort entnehmen
konnte —, wie war es dann möglich, daß eine
Lieferung von 7 t von Produkten dieser Farm zugelassen
wurde?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr
Kollege Stutzer, ich kann zu dieser Frage jetzt keine
präzise Auskunft geben, wenn Sie mir nicht auch
nähere Umstände über den Zeitpunkt mitteilen.
Seit dem 1. Januar 1984 ist die Rechtslage so wie
geschildert. Es hat nur diesen einen Versuch mit
den 20,25 kg Schilkrötenfleisch gegeben. Das hat
zur Beschlagnahme geführt. Über frühere Zeiten
kann ich jetzt keine Auskunft geben.
Vizepräsident Frau Renger: Ich glaube, die Fragen
gingen nicht über die Anfrage hinaus. Es ist
vielleicht aber möglich, daß eine Antwort auf das, was
gefragt worden ist, noch nachgeholt wird, weil Sie
natürlich nicht alles vorliegen haben.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Frau
Präsidentin, die Fragen stehen natürlich in einem
sachlichen Zusammenhang. Herr Kollege Stutzer hat
aber in seinen Fragen die Rechtslage seit dem 1.
Januar 1984 angesprochen. Darüber kann ich
Auskunft geben und habe das auch getan. Das, was nun
in der Zeit vorher war, als die Rechtslage eine an
-
dere war, würde eine besondere Nachprüfung
erfordern.
Vizepräsident Frau Renger: Der Abgeordnete wird
sich freuen, wenn Sie das nachholen.
Danke schön.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Gerne.
Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 58
des Herrn Abgeordneten Eigen auf:
Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung über
unterschiedliche Handhabung von Denaturierung und
Verfütterung von Magermilchpulver in den Niederlanden und der
Bundesrepublik Deutschland, und was gedenkt die
Bundesregierung gegebenenfalls zu unternehmen, um
Wettbewerbsgleichheit herzustellen?
Bitte schön, Herr Staatssekretär.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Herr
Kollege Eigen, die Verbilligung von Magermilchpulver
aus Interventionsbeständen zur Verfütterung an
Schweine und an Geflügel und dessen Einarbeitung
in Futtermittel sind nach der EWG-Verordnung
Nr. 368/77 EG-einheitlich geregelt.
Die von Kreisen der deutschen
Futtermittelhersteller geäußerte Vermutung, daß die EG-
Vorschriften in den Niederlanden verschiedentlich nicht
beachtet würden, haben sich nicht bestätigt. Wie in
der Bundesrepublik Deutschland finden auch in
den Niederlanden die vorgeschriebenen Kontrollen,
verbunden mit den erforderlichen Untersuchungen,
statt.
Wettbewerbsverzerrungen sind daher aus diesen
Gründen nicht ersichtlich, so daß die
Bundesregierung keine Veranlassung sieht, eine Änderung der
Brüsseler Vorschriften zu erwirken.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Eigen.
Eigen (CDU/CSU): Sind die Meldungen falsch, daß
in Holland 350 000 t Magermilchpulver denaturiert
und verfüttert worden sind, in der Bundesrepublik
Deutschland aber nicht einmal ein Zehntel dieser
Menge, obgleich die Mischfutterindustrie
mindestens die gleiche Menge angefordert hat?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Ich kann
diese Meldung weder bestätigen noch als falsch
bezeichnen. Richtig ist, daß sehr unterschiedliche
Größenordnungen in der Bundesrepublik Deutschland
und in den Niederlanden in Frage stehen. Vertreter
des Bundesernährungsministeriums haben sich in
den Niederlanden allerdings von der
ordnungsgemäßen Durchführung der Maßnahme durch die
niederländische Interventionsstelle überzeugt. Die
Auskunft, die ich eben auf die Frage 58 gegeben
habe, beruht also auf einer persönlichen
Inaugenscheinnahme in den Niederlanden.
Die im Verhältnis zu anderen Mitgliedstaaten
hohe Beteiligung niederländischer Unternehmen
an dieser Maßnahme, die Sie mit Ihrer Zusatzfrage
angesprochen haben — in den Niederlanden
wurden 1983 57 %, in der Bundesrepublik Deutschland
nur 3 % des in der EG innerhalb dieser Maßnahme
verkauften Magermilchpulvers denaturiert —, ist
auf die unterschiedliche Unternehmensstruktur
zurückzuführen. In den Niederlanden wird die
Hauptmenge außerhalb der Futtermittelindustrie durch
spezialisierte Dienstleistungsunternehmen
denaturiert, die das Magermilchpulver auf eigene
Rechnung kaufen und das gesamte mit dieser
Maßnahme verbundene kaufmännische und technische
Risiko tragen. Dagegen wird von der deutschen
Futtermittelindustrie das mit der Denaturierung
verbundene Beihilfenrisiko als zu hoch eingeschätzt.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Eigen.
Eigen (CDU/CSU): Könnte man denn — das ist
ein drängendes Problem — von der Regierung
her der Futtermittelindustrie den Rat geben, in
Deutschland ähnlich wie in Holland zu verfahren?
Das würde für beide Seiten — die
Futtermittelindustrie und die Bundesregierung selbst — wegen
Abnahme der hohen Lagerbestände doch von Vorteil
sein.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Ich bin
gerne dazu bereit, über diese Frage auch mit
Vertretern der Futtermittelindustrie zu sprechen. Ich
habe aber eben auf die unterschiedlichen
Strukturen und die Einschätzung der Risiken hingewiesen.
Gespräche darüber sind auf jeden Fall möglich und
auch sinnvoll.
Vizepräsident Frau Renger: Ich rufe die Frage 59
des Herrn Abgeordneten Eigen auf:
In welcher Weise sind die Forschungsvorhaben im Bereich
nachwachsender Rohstoff-Energien zwischen den Ländern
der Europäischen Gemeinschaft koordiniert?
Bitte schön, Herr Staatssekretär.
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Im Rahmen
der Europäischen Gemeinschaft gibt es mehrere
Forschungsprogramme, die auf die Nutzung
nachwachsender Rohstoffe für Energiezwecke abzielen.
Dazu zählen insbesondere erstens das Ende 1983
ausgelaufene Forschungs- und
Entwicklungsprogramm auf dem Gebiet der Energie mit dem
Teilprogramm „Energie aus Biomasse", dessen
Fortsetzung mit dem zur Zeit im Forschungsministerrat
behandelten Programm über nichtnukleare Energie
angestrebt wird — geplante Mittel für den Bereich
Biomasse: 53 Millionen ECU = 119 Millionen DM
für die Jahre 1984 bis 1988, so jedenfalls der
Kommissionsvorschlag —; zweitens das für die Jahre
1982 bis 1985 beschlossene Forschungs- und
Entwicklungsprogramm auf dem Gebiet der Rohstoffe
mit dem Teilprogramm „Holz als erneuerbarer
Rohstoff" — bereitgestellte Mittel für den Teil Holz: 12
Millionen ECU = 27 Millionen DM —; drittens das
für die Jahre 1984 bis 1988 beschlossene
Agrarforschungsprogramm mit dem Teilprogramm „Energie
in der Landwirtschaft", bereitgestellte Mittel für
den Energieteil: 8,5 Millionen ECU = 19 Millionen
DM.
In diesen Programmen werden zum einen
Forschungsvorhaben auf Gemeinschaftsebene
durchgeführt, die in Forschungseinrichtungen der Mit
-
gliedsländer laufen und von der Kommission auf
Vorschlag sogenannter Beratender
Programmausschüsse — Mitglieder sind Regierungsvertreter und
Wissenschaftler aus den Mitgliedsländern —
initiiert, koordiniert, überwacht und ausgewertet
werden. Diese Projekte beziehen sich primär auf solche
Bereiche, wo ein Gemeinschaftsinteresse besteht
und wo auf nationaler Ebene noch Wissenslücken
vorhanden sind.
Zum anderen werden sogenannte konzertierte
Aktionen durchgeführt. Das sind vor allem
Symposien, Seminare und Workshops sowie der Austausch
von Wissenschaftlern und Informationen mit dem
Ziel einer Abstimmung der verschiedenen
nationalen Forschungsaktivitäten. Die Bundesregierung
hält insbesondere die konzertierten Aktionen für
sehr wichtig, weil sie dazu beitragen, unnötige
Doppelarbeit zu vermeiden und damit die knappen
Haushaltsmittel optimal einzusetzen. Die
Ergebnisse der Forschungsprojekte wie auch der
Symposien, Seminare und Workshops werden von der
Kommission regelmäßig veröffentlicht.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Herr
Abgeordneter Eigen.
Eigen (CDU/CSU): Können Sie mir schon
Ergebnisse dieser kombinierten Forschung in Sachen
Biomasse-Energie darstellen?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: Das kann
ich zur Zeit nicht, Herr Kollege Eigen. Die
Programme, die ich eben aufgeführt habe, laufen noch und
reichen weit in die nächsten Jahre hinein, so daß
ich über Ergebnisse hier jetzt nicht berichten
kann.
Vizepräsident Frau Renger: Eine zweite
Zusatzfrage, Herr Abgeordneter Eigen.
Eigen (CDU/CSU): Wo liegen die Schwerpunkte
dieser Forschung, bei uns in der Bundesrepublik
Deutschland oder in Frankreich?
Dr. von Geldern, Parl. Staatssekretär: An all
diesen Forschungsprojekten der Gemeinschaft ist die
Bundesrepublik Deutschland in angemessenem
Ausmaß beteiligt.
Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr
Staatssekretär.
Wir kommen zum Geschäftsbereich des
Bundesministers für Arbeit und Sozialordnung. Zur
Beantwortung steht uns der Herr Parlamentarische
Staatssekretär Franke zur Verfügung.
Die Fragen 60 und 61 werden auf Wunsch des
Fragestellers, des Abgeordneten Kirschner,
schriftlich beantwortet. Die Antworten werden als Anlage
abgedruckt.
Ich rufe Frage 62 der Frau Abgeordneten Dr.
Vollmer auf:
War der Bundesregierung bei der Neuordnung des Rechts
der unentgeltlichen Beförderung von Schwerbehinderten
bekannt, wie einschneidend sie damit das Leben von zum
Beispiel schwerbehinderten Heimbewohnern mit geringem
Taschengeld einschränkt bzw. belastet, und welche soziale
Begründung führt sie für diese Maßnahme an?
Bitte, Herr Staatssekretär.
Franke, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister
für Arbeit und Sozialordnung: Durch das
Haushaltsbegleitgesetz 1984 wurde im Bereich der
unentgeltlichen Beförderung Schwerbehinderter u. a.
generell eine Eigenbeteiligung von 120 DM pro Jahr
festgesetzt. Dieser Regelung liegt der Gedanke
zugrunde, daß die Betroffenen auch ohne ihre
Behinderung auf die Benutzung öffentlicher
Verkehrsmittel angewiesen wären und hierfür
Beförderungsentgelte zu entrichten hätten.
Ausgenommen von dieser Eigenbeteiligung
wurden einmal besonders betroffene Gruppen
Schwerbehinderter, nämlich Blinde und Schwerbehinderte,
die ständig so hilflos sind, daß sie — ich zitiere
wörtlich — „nicht ohne Wartung und Pflege
bestehen können"; hier beziehe ich mich auf § 58 Abs. 1
Satz 4 Nr. 2 des Schwerbehindertengesetzes in
Verbindung mit § 33b des Einkommensteuergesetzes.
Viele der in Heimen lebenden Schwerbehinderten
dürften zu diesem Personenkreis gehören.
Zum anderen wurden typische Gruppen
einkommensschwacher Schwerbehinderter von der
Eigenbeteiligung ausgenommen, nämlich
Schwerbehinderte, die Arbeitslosenhilfe oder laufend Leistungen
der Hilfe zum Lebensunterhalt nach dem
Bundessozialhilfegesetz oder entsprechende Leistungen
der Kriegsopferfürsorge beziehen.
Der Eigenbeitrag von 120 DM pro Jahr oder
10 DM pro Monat ist auch für die in Heimen
wohnen Schwerbehinderten, die nur ein sogenanntes
Taschengeld von etwa 105 bis 155 DM monatlich
erhalten, vertretbar. Ich wiederhole:
Eigenbelastung pro Monat 10 DM.
Vizepräsident Frau Renger: Eine Zusatzfrage, Frau
Abgeordnete Dr. Vollmer.
Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Herr Staatssekretär,
haben Sie eine Vorstellung davon, was für einen
Begriff von „Wende" so Schwerbehinderte
Menschen, die j a insgesamt einen sehr eingeschränkten
Bereich der Lebensmöglichkeiten haben,
bekommen, wenn jetzt ausgerechnet bei ihnen gespart
wird, und wie hoch sind die dadurch eingesparten
Kosten?
Franke, Parl. Staatssekretär: Die
Einschränkungen bzw. die Eigenbeteiligung führen im Jahre 1984
beim Bund zu Einsparungen von 118 Millionen DM
und bei den Ländern von 130 Millionen DM.
Vizepräsident Frau Renger: Letzte Zusatzfrage,
Frau Abgeordnete.
Frau Dr. Vollmer (GRÜNE): Mir ist
bekanntgeworden, daß bei diesen Heimbewohnern u. a.
inzwischen auch die Kosten für den Friseur gestrichen
sind. Ist Ihnen bekannt, welche Einsparungen der
Bund dadurch hat, daß Heimbewohner nicht mehr
die Friseurkosten erstattet bekommen?
Franke, Parl. Staatssekretär: Diese Frage hängt
mit der von Ihnen gestellten Frage überhaupt nicht
zusammen. Ich kann die Einsparungen nicht
quantifizieren.
Vizepräsident Frau Renger: Danke sehr, Herr
Staatssekretär.
Damit sind wir am Ende der Fragestunde
angelangt. Alle übrigen Fragen werden schriftlich
beantwortet, sofern sie nicht zurückgezogen sind. *) Die
Antworten werden als Anlagen abgedruckt.
Der Herr Bundestagspräsident übernimmt jetzt
das Präsidium.
(Vorsitz: Präsident Dr. Barzel)
Präsident Dr. Barzel: Meine Damen und Herren, zu
unserer Freude hat auf der Diplomatentribüne eine
Delegation des Parlaments der Republik Irland
Platz genommen. Ich heiße Sie im Deutschen
Bundestag herzlich willkommen.
(Beifall)
Wir hoffen, daß Sie hier nützliche Gespräche führen
werden und angenehme Erinnerungen an den
Aufenthalt in unserem Lande haben.
Ich habe des weiteren die Freude,
Geburtstagsglückwünsche auszusprechen. Am 9. März 1984
hatte Herr Abgeordneter Immer (Altenkirchen)
Geburtstag. Er wurde 60 Jahre. Ich beglückwünsche
ihn herzlich.
(Beifall)
Am 13. März wurde der Abgeordnete Dr. Ahrens
60 Jahre. Ich beglückwünsche ihn herzlich.
(Beifall)
Meine Damen und Herren, einige wenige
Mitteilungen. Für den aus dem Verwaltungsrat der
Filmförderungsanstalt ausgeschiedenen Dr. Meinecke
hat die Fraktion der SPD für den Rest seiner
Amtszeit die Abgeordnete Frau Dr. Martiny-Glotz als
Nachfolgerin vorgeschlagen. Für die Abgeordnete
Frau Dr. Martiny-Glotz, bisher stellvertretendes
Mitglied, schlägt die Fraktion der SPD den
Abgeordneten Duve vor. Sind Sie mit beiden
Personalvorschlägen einverstanden? — Ich sehe keinen
Widerspruch. Dann ist so beschlossen. Damit sind die
Frau Abgeordnete Dr. Martiny-Glotz als
ordentliches Mitglied und der Abgeordnete Duve als
stellvertretendes Mitglied in den Verwaltungsrat der
Filmförderungsanstalt berufen.
Meine Damen und Herren, ich rufe Punkt 2 der
Tagesordnung auf:
Bericht zur Lage der Nation
Entgegen der ursprünglichen Planung sind nach
einer interfraktionellen Vereinbarung für die
Debatte sechs Stunden vorgesehen. — Ich sehe dazu
keinen Widerspruch. Es ist so beschlossen.
Das Wort hat der Herr Bundeskanzler.
*) Zurückgezogen sind die Fragen 67 der Abgeordneten
Frau Nickels, 69 und 70 des Abgeordneten Pauli sowie
93 und 94 des Abgeordneten Sauermilch.
Dr. Kohl, Bundeskanzler: Herr Präsident! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Wir sprechen
heute zur Lage der Nation. Zur Lage der Nation
gehört als erstes die Feststellung, daß die deutsche
Teilung bittere Wirklichkeit für die Deutschen ist.
Wirklichkeit ist aber auch die Hoffnung, diese
Teilung zu überwinden. Die Einheit der Nation ist und
bleibt lebendig.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Zwischen den beiden Staaten in Deutschland gibt
es einen intensiven Dialog, gibt es vielfältige
Kontakte und konstruktive Zusammenarbeit auf
zahlreichen Feldern. Seit dem letzten Bericht zur Lage
der Nation im geteilten Deutschland hat sich das
Geflecht der Beziehungen weiter verfestigt. Gerade
in schwierigen Zeiten des Ost-West-Verhältnisses
leisten die beiden Staaten einen wichtigen Beitrag
zur Erhaltung des Friedens, wenn wir alle unsere
Möglichkeiten zur Zusammenarbeit aktiv nutzen.
(Beifall des Abg. Dr. Ehmke [Bonn] [SPD])
Dieser Stand der innerdeutschen Beziehungen ist
das Resultat zielstrebiger und besonnener Politik.
Die Idee, die Ergebnisse und die Perspektiven
dieser Politik hält der Bericht zur Lage der Nation im
geteilten Deutschland in sechs Punkten fest.
Erstens. Die Freiheit ist der Kern der Deutschen
Frage.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Der nationale Auftrag bleibt gültig und erfüllbar:
in einem vereinten Europa in freier
Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu
vollenden.
Unsere wichtigste rechtliche und moralische
Position bleibt der Anspruch aller Deutschen auf
Freiheit und Selbstbestimmung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Einheit der Nation soll und muß sich zu
allererst in der Freiheit ihrer Menschen erfüllen.
Für uns hat die Bewahrung der Freiheit Vorrang
vor allen anderen Zielen. Die Bundesrepublik
Deutschland ist ein freiheitlicher Staat. Die
Bindung an die freiheitliche Demokratie gehört zu
unseren Staatsgrundlagen.
(Zuruf des Abg. Fischer [Frankfurt]
[GRÜNE])
Die Entscheidung für die Europäische
Gemeinschaft und die Atlantische Allianz ist das
Fundament dieser Politik.
Wir wissen, wohin wir gehören; wir wissen, wo
wir stehen: auf der Seite der Freiheit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Lachen bei den GRÜNEN — Fischer
[Frankfurt] [GRÜNE]: Amen!)
Mit den demokratischen Rechtsstaaten teilen wir
unsere Grundwerte und unsere politische Kultur,
eine im Miteinander und Gegeneinander in
Jahrhunderten gewachsenen Gemeinsamkeit.
Weil wir im freien Westen freie Menschen
bleiben wollen, gibt es in dieser Frage für uns auch
keinen Wankelmut: Aus leidvoller historischer Erfah
-
rung der totalitären Herrschaft im Innern und der
Gewalt nach außen haben wir gelernt, daß Freiheit,
daß Menschenrechte und der Friede, den sie stiften,
unsere erste Staatsbestimmung sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Unsere Freunde im Westen wissen, daß auf uns
Verlaß ist. Aus geschichtlicher Erfahrung und
gemeinsamen Werteverständnis und nicht zuletzt aus
wohlverstandenem Eigeninteresse gehören sie und
wir zusammen. Mit den Pariser Verträgen vor
30 Jahren haben wir unser Bekenntnis zur
Bündnisgemeinschaft des freien Westens auf Dauer
festgeschrieben. Und genauso haben sich die Drei
Mächte, unsere wichtigsten Bündnispartner, auf
das Ziel der Einheit Deutschlands in Freiheit
dauerhaft verpflichtet.
Die Deutsche Frage bleibt offen: Das gilt politisch
ebenso wie in rechtlicher Hinsicht. Für die Politik
der Bundesregierung bleiben maßgebend und
wegweisend die rechtlichen Grundlagen, die ich in
meiner Regierungserklärung vom 4. Mai 1983 im
einzelnen genannt habe.
Unser Verhältnis zu den Drei Mächten ist von
existentieller Bedeutung für Berlin. Wer einer
Erosion unseres Zusammenhalts mit den
Westalliierten Vorschub leistet, wer auf Distanz ganz
besonders 4u den Vereinigten Staaten von Amerika geht,
der handelt verantwortungslos gegenüber den
Menschen in Berlin.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben in Berlin eine Aufgabe für die Sache der
Freiheit zu erfüllen.
Berlin ist Symbol für die standfeste Verteidigung
von Demokratie und Menschenrechten durch die
freien Völker des Westens, und Berlin ist
Gradmesser für die Beziehungen zwischen Ost und West.
Der Lebensmut und der Freiheitswille der Berliner
und der entschlossene Schutz durch die Drei
Mächte haben Berlin die Freiheit seit 1945
bewahrt.
Frankreich, Großbritannien und die Vereinigten
Staaten von Amerika wirken in Berlin aus eigenem
Recht. Ihre Präsenz in Berlin erhalten sie
besonders deshalb aufrecht, weil sie unsere Partner und
Freunde in der atlantischen Wertegemeinschaft
sind und weil es auch ihnen darum geht, in Berlin
die gemeinsame Freiheit zu verteidigen.
Berlin, meine Damen und Herren, ist immer auch
der Prüfstand für den Selbstbehauptungswillen des
Westens. Die Lage in und um Berlin muß stabil
bleiben. Von entscheidender Bedeutung für die
Beziehungen zwischen West und Ost ist die strikte
Einhaltung und volle Anwendung des Viermächte-
Abkommens über Berlin. Die Festigung und
Weiterentwicklung der Bindungen Berlins an den Bund
behält den Rang eines nationalen Interesses.
Auch die innerdeutschen Beziehungen müssen
einen Beitrag dazu leisten, die Situation von Berlin
zu erleichtern und zu verbessern.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das gilt insbesondere für die Gestaltung der
Verkehrsverbindungen. Wir freuen uns mit der
Berliner Bevölkerung und mit dem Berliner Senat, daß
es durch unsere gemeinsame Initiative gelungen
ist, die S-Bahn den Berlinern zurückzugeben.
(Zurufe von den GRÜNEN)
Die Bundesregierung wird fortfahren, die
Lebensfähigkeit der Stadt zu sichern und ihre
Anziehungs- und Ausstrahlungskraft wirtschaftlich,
politisch und kulturell zu fördern. Berlin muß als
Standort von Zukunftsindustrien wie als Zentrum
kreativer Forschung attraktiv bleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Für Berlin sind neue und zukunftssichere
Arbeitsplätze überlebenswichtig. Darum ging es auch
bei der Berliner Wirtschafts-Konferenz, die ich vor
15 Monaten gemeinsam mit dem Regierenden
Bürgermeister einberufen hatte. Die meisten Zusagen
haben inzwischen zu konkreten Initiativen geführt.
Auf einer Nachfolge-Konferenz im Juni dieses
Jahres soll Bilanz gezogen und sollen neue Anstöße
gegeben werden.
Unübersehbar ist schon heute, daß sich die
Berliner Wirtschaft insgesamt wieder
aufwärtsentwikkelt. Die Investitionen nehmen zu, die gewerblichen
Unternehmen melden einen Anstieg von Aufträgen
und Gütererzeugung. Auch das Bruttosozialprodukt
in Berlin wächst. Die Stadt blüht wieder auf. Die
Stadt hat ihren natürlichen Elan wiedergefunden,
sie vertraut erneut ihrer eigenen Substanz, ihrer
ganz eigenwilligen Vitalität.
In drei Jahren blickt Berlin auf eine 750jährige
Geschichte zurück. Dieses Jubiläum soll zu einer
Demonstration werden für diese friedliche und
weltoffene Stadt, für ihr freiheitliches
Lebensgefühl, für ihre Geschichte, für ihre Tradition. Wir alle
wollen dazu beitragen, daß diese Feier für Berlin
ein großer Erfolg wird, denn Berlin hat eine
nationale Aufgabe.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und
Abgeordneten der SPD)
Zweitens: Die deutsche Nation ist Wirklichkeit im
Bewußtsein der Deutschen.
Geprägt durch eine vielhundertjährige
gemeinsame geschichtliche Erfahrung im Herzen Europas,
begreifen wir Deutsche ganz selbstverständlich die
Einheit unserer Nation.
Der geschichtliche, der politische Wandel auf
deutschem Boden hat das Bewußtsein nationaler
Einheit nicht ausgelöscht. Wir im freien Teil
unseres Vaterlandes stellen uns der ganzen Geschichte,
mit ihren glanzvollen und mit ihren schrecklichen
und düsteren Kapiteln. Und wir wissen, daß es
gerade in diesem Jahrhundert die gemeinsame
Erfahrung von Hochmut und Schuld, von Elend und
Leiden ist, die alle Deutschen aneinander bindet und
auch das Bewußtsein ihrer Einheit wachhält.
Im vergangenen Jahr jährte sich zum 50. Mal die
Machtübernahme Adolf Hitlers am 30. Januar 1933.
Damals begann Deutschlands Weg in die
Katastrophe.
In diesem Jahr gedenkt die Nation besonders des
Grafen Stauffenberg und seiner Freunde sowie all
jener Deutschen, die im Widerstand gegen die
Gewaltherrschaft am 20. Juni 1944 und danach ihr
Leben wagten.
(Zuruf des Abg. Schneider [Berlin] [GRÜ
-
NE])
Sie wollten nicht die braune Diktatur durch eine
andere ersetzen. Sie wollten Freiheit der Person
und Herrschaft des Rechts. Diese Männer und
Frauen haben Zeugnis für das andere, für das
bessere Deutschland abgelegt.
(Lebhafter Beifall bei der CDU/CSU und
der FDP und Beifall bei Abgeordneten der
SPD)
Ihre Grundsatztreue, ihr Mut, ihre Tat gehören zum
besten Teil der deutschen Geschichte.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und
Abgeordneten der SPD)
Das Vermächtnis des deutschen Widerstandes
gegen Hitler, eines der tragenden Fundamente der
Bundesrepublik Deutschland, hat seinen festen
Platz im Bewußtsein der Deutschen.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Das sieht
man an den Edelweißpiraten!)
Es läßt sich nicht fehlleiten und erst recht nicht
parteilichen Zwecken zuordnen.
Meine Damen und Herren, die Führung der DDR
ist bemüht, die deutsche Geschichte umzudeuten
und sie sich so anzueignen. Aber niemals, zu
keinem Zeitpunkt, wies die Richtung deutscher
Geschichte vorwärts zum sozialistischen Deutschland,
wie die SED-Propagandisten heute immer wieder
behaupten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Die Motive für dieses Tun sind klar: Da die Realität
des real existierenden Sozialismus die Menschen
nicht anspricht, soll nationale Selbstentdeckung
und Einheitsperspektive die verschmähte Ideologie
popularisieren. Sie soll die Menschen betören — in
der DDR, aber nicht nur dort.
Hinter dem gesamtdeutschen Geschichtsbild der
DDR steht die Idee eines sozialistischen
Gesamtdeutschland. Der erkennbare Hinweis auf die
fortbestehende nationale Einheit und auf künftige
staatliche Einheit unter sozialistischem Vorzeichen
soll das Defizit an Freiheit überspielen.
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Sehr wahr!)
So soll ein nationales Selbstbewußtsein als
Legitimitätsersatz für ein Gemeinwesen dienstbar
gemacht werden, dessen Theorie und Praxis von den
Deutschen, die dort leben, in freien Wahlen nie
angenommen wurden und nie angenommen würden.
Das Bewußtsein der gemeinsamen Geschichte,
meine Damen und Herren, ist das eine, die
gemeinsame Last der Teilung unseres Vaterlandes ist das
andere. Auf beidem gründet das besondere
Verhältnis zwischen den beiden Staaten in Deutschland.
Heute ist es ein Teil deutscher Wirklichkeit, den
keine deutsche Regierung ignorieren darf. Wir
finden uns mit der Teilung nicht ab, wir bleiben
unseren Landsleuten in der DDR verpflichtet.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und
Abgeordneten der SPD)
Wer ja zur Einheit der Nation sagt, muß auf die
Menschen in der DDR, unsere Landsleute, zugehen,
muß zu ihnen gehen. Ich werte es als ein
erfreuliches Zeichen, daß sich in unserer jungen
Generation eine immer größere Bereitschaft zeigt, mehr
über die Verhältnisse in der DDR zu erfahren, dort
die Lebenswirklichkeit und den Alltag unserer
Landsleute kennenzulernen. Wir dürfen uns in
Deutschland nicht auseinanderleben, wir müssen
aufeinander zugehen, müssen zueinander kommen.
So darf ich auch heute hier, von diesem Platz aus,
an die Eltern, an die Lehrer und nicht zuletzt an die
Schulverwaltungen und Kultusminister der Länder
appellieren, das Ihrige zur Stärkung des nationalen
Bewußtseins beizutragen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und
Abgeordneten der SPD)
Ich denke hier auch an die Behandlung der
Deutschen Frage im Unterricht an unseren Schulen. Die
junge Generation sollte auch in den Medien, auch in
der wissenschaftlichen Unterrichtung wieder mehr
über das geteilte Deutschland lernen, seine
Geschichte und Gegenwart und nicht zuletzt, meine
Damen und Herren, auch über die Leistungen der
Menschen in der DDR, über ihre Sorgen, über ihre
Hoffnungen.
Nicht nur in der Gemeinsamkeit der Geschichte,
von Sprache, Kunst und Kultur, von Werten und
Tugenden ist Einheit unverlierbar. Dazu kommen
ungeachtet vielfältiger Behinderungen der
unaufhaltsame Fluß von Informationen und Meinungen,
die andauernde Verbindung von Menschen über die
Trennungslinie hinweg — in Gesprächen und
Kontakten miteinander wie über die Medien. Die
Medien sollten bei ihrer Berichterstattung
berücksichtigen, daß sie für viele Deutsche in den beiden
Staaten oft die einzige Informationsquelle über das
Leben der Menschen im jeweils anderen Teil
Deutschlands sind.
Im vergangenen Jahr, meine Damen und Herren,
war es am stärksten die Erinnerung an Martin
Luther, die die Deutschen zusammengeführt und
überall in Deutschland hoffnungsvolle Zeichen der
Begegnung gesetzt hat. Wir alle wissen die Arbeit
der Kirchen in beiden Teilen Deutschlands hoch zu
schätzen. Ich möchte dafür von dieser Stelle aus ein
herzliches Wort des Dankes sagen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und
Abgeordneten der SPD)
Gerade die Kirchen leisten viel für die Menschen in
beiden Teilen Deutschlands.
Drittens. Es ist unsere Pflicht, die Folgen der
Teilung für die Menschen erträglicher zu machen und
weniger gefährlich.
Wir wollen zu praktischen Lösungen kommen, die
den Menschen dienen. Auch damit erfüllen wir
unsere nationale Verpflichtung. Aber natürlich darf
dies nicht zu Lasten von Demokratie, Freiheit und
Menschenrechten gehen.
Wir sind uns der Vielschichtigkeit des
innerdeutschen Verhältnisses bewußt. Dieses Verhältnis ist
auch angesichts der politischen Entscheidungen
der vergangenen Monate stabil geblieben. Es ist ein
Gewinn für beide Seiten, ein Gewinn auch für
unsere Verbündeten im Westen, und ich stelle dies mit
Befriedigung fest.
Die innerdeutschen Beziehungen haben sich seit
meinem letzten Bericht zur Lage der Nation im
geteilten Deutschland insgesamt positiv entwickelt.
Die Bundesregierung hat ihre intensiven
Bemühungen in humanitären Angelegenheiten beharrlich
fortgesetzt. 1983 hat die DDR eine erhebliche Zahl
politischer Gefangener vorzeitig freigelassen und
ihnen die Übersiedlung in die Bundesrepublik
gestattet. In bemerkenswertem Umfang konnten wir
auch erreichen, daß getrennte Familien wieder
zusammenfanden. Wir wissen, welchen Belastungen
sich Deutsche in der DDR aussetzen, die einen
Übersiedlungsantrag stellen. Die Bundesregierung
begrüßt die wachsende Zahl der Genehmigungen.
Wir freuen und über jeden, der in die
Bundesrepublik Deutschland übersiedeln möchte und von den
Behörden der DDR die Genehmigung dazu erhält.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auch beim Reiseverkehr gibt es teilweise
erfreuliche Fortschritte. Die Zahl der Reisen in die DDR
hat zuletzt wieder etwas zugenommen. Wir spüren
aber immer noch die negativen Folgen der
Erhöhung der Mindestumtauschsätze im Oktober 1980.
Von einer durchgreifenden Besserung kann leider
noch keine Rede sein. Allerdings ist zu begrüßen,
daß die Grenzkontrollen offenkundig korrekter
erfolgen als früher. Jugendliche im Alter von sechs
bis 14 Jahren hat die DDR im September vorigen
Jahres vom Zwangsumtausch wieder befreit. Diese
Regelung bringt zwar für Familien eine gewisse
Erleichterung, ist aber nicht mehr als ein erster
Schritt in die richtige Richtung. Die Senkung der
Mindestumtauschsätze bleibt eine wichtige und
zentrale Forderung der Bundesregierung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Im Reiseverkehr aus der DDR in die
Bundesrepublik Deutschland gibt es leider keine starke
Bewegung. Wir begrüßen die Zunahme der
Reisegenehmigungen in dringenden
Familienangelegenheiten. Im vergangenen Jahr wurden über 40 % mehr
Genehmigungen erteilt als 1982. Aber die
Bundesregierung findet sich auch weiterhin nicht damit ab,
daß jüngeren Menschen in der DDR Westreisen nur
unter sehr engen Voraussetzungen gestattet
werden. Uns erfüllt mit Sorge, daß wir immer noch zu
viele Klagen über Reiseverweigerungen hören,
gerade auch in menschlichen Härtefällen. Ich
appelliere an die Regierung der DDR, human zu
verfahren.
Herr Präsident! Meine Damen und Herren!
Spürbare Erleichterungen für Millionen Menschen
konnten wir beim innerdeutschen Postverkehr
erreichen. Die Vereinbarung über die neue
Postpauschale ist ein gutes Beispiel für ein angemessenes
Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung.
Nach achtjähriger Pause wurden im Herbst 1983
die Verhandlungen über ein Kulturabkommen
wieder aufgenommen. Wir wollen dem kulturellen
Austausch neue Impulse geben. Bis zum Abschluß der
schwierigen Gespräche bleibt die Bundesregierung
— wie beim Wissenschaftsaustausch — um
Einzelprojekte bemüht.
Die Beziehungen auf dem Gebiet des Sports
bleiben unbefriedigend. Sie beschränken sich im
wesentlichen auf wenige Begegnungen von
Spitzensportlern. Wir werden auch in Zukunft weiter
darauf dringen, daß möglichst viele Jugendliche und
gerade auch Sportler aus grenznahen Bereichen
Gelegenheit zum fairen Wettkampf miteinander
erhalten.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
In den Rechtshilfeverhandlungen streben wir
Vereinbarungen an, die wenigstens in
Teilbereichen die Verfahren im Interesse der Betroffenen
erleichtern, vereinheitlichen und beschleunigen.
Der innerdeutsche Handel, meine Damen und
Herren, hat sich über alle Veränderungen der
internationalen Lage hinweg für beide Seiten als ein
Element der Stetigkeit und Berechenbarkeit
erwiesen. Der DDR bringt er vielfältigen Nutzen, aber
Nutzen hat auch die Bundesrepublik Deutschland
und vor allem auch Berlin.
1983 wurde eine Zuwachsrate von 8% erreicht.
Vor allem mit zusätzlichen Dienstleistungen im
Bereich der Post konnte die DDR die Handelsbilanz
weitgehend ausgleichen.
Die Bundesregierung ist bereit, die
innerdeutschen Wirtschaftsbeziehungen auf der Grundlage
der bestehenden Abkommen auszubauen und ihre
kontinuierliche Entwicklung zum beiderseitigen
Vorteil zu fördern. Neue Impulse verspricht sich die
Bundesregierung von einer Ausweitung der
Zusammenarbeit, die den Warenhandel wirksam ergänzen
kann. Ich denke hier auch an die in Aussicht
genommene Kooperation zwischen dem
Volkswagenwerk und den zuständigen Stellen der DDR.
Mit ihrer Zustimmung zu dem Kredit
westdeutscher Banken über eine Milliarde DM hat die
Bundesregierung im vergangenen Sommer ein
deutliches Signal an die DDR-Führung gegeben. Diese
Entscheidung war zugleich eine Botschaft an die
Deutschen in der DDR, und sie ist von ihnen gut
verstanden worden: Wir wahren unsere Sicherheits-
und Bündnisinteressen, sind aber
selbstverständlich im Interesse der Menschen zu vernünftiger
Zusammenarbeit im innerdeutschen Verhältnis
bereit.
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen
und Herren! Ein Blick auf die unerträglichen
Grenzen durch Deutschland bestätigt allerdings, daß die
innerdeutschen Beziehungen von Normalität nach
wie vor weit entfernt sind.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Noch immer bietet diese Grenze ein bedrückendes
Bild, mit dem wir uns nicht abfinden werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn]
[SPD])
Ich darf die Gelegenheit nutzen und an dieser
Stelle auch einmal ein Wort des Dankes an die
Beamten an dieser Grenze sagen: an die Beamten
des Bundesgrenzschutzes, der bayerischen
Grenzpolizei und des Grenzzolldienstes.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP so
-
wie bei Abgeordneten der SPD)
Ihr besonnener Einsatz verdient unsere
Anerkennung.
Nirgendwo wird der grausame Charakter der
Teilung Europas anschaulicher als an dieser Grenze
mitten durch Deutschland.
Von ihr besonders in Mitleidenschaft gezogen
sind die Menschen im Zonenrandgebiet. Was in der
Mitte liegt, scheint an den Rand gerückt.
Bindungen vielfältiger, oft verwandtschaftlicher Art
wurden hier auf unmenschliche Weise zerrissen. Die
Bundesregierung hat diese zentralen Regionen
wieder stärker unterstützt. Auch damit bringen wir den
Einheitswillen unseres Volkes zum Ausdruck.
Gerade die Bürger im Zonenrandgebiet spüren ganz
unmittelbar, wie wichtig es ist, die schmerzlichsten
Folgen der Teilung im Zusammenwirken beider
Staaten in Deutschland zu mildern.
Viertens. Als einen Beitrag zum Frieden in
Europa wollen wir die Beziehungen zur DDR
vertiefen.
Wir stehen zu den abgeschlossenen Verträgen.
Wir wollen das Geflecht der Beziehungen weiter
verdichten.
Ich begrüße es — lassen Sie mich dies
ausdrücklich sagen —, daß auch die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands und ihre Fraktion dieser
Politik zustimmen.
(Lachen und Zurufe von der SPD)
Das breite Einvernehmen bei der Entschließung
des Deutschen Bundestags vom 9. Februar 1984 hat
dies zum Ausdruck gebracht. — Ich weiß gar nicht,
meine Damen und Herren, warum Sie hier jetzt
Unruhe zeigen. Es müßte Sie doch erfreuen, daß
hier ein Stück Gemeinsamkeit deutlich wird.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wollen das Erreichte bewahren und
ausbauen, wir wollen die Chancen des Grundlagenvertrags
und der anderen innerdeutschen Verträge und
Vereinbarungen nutzen. Wir sind bereit, die
Beziehungen zur DDR auf der Basis von Ausgewogenheit,
Vertragstreue und Berechenbarkeit und mit dem
Ziel praktischer, für die Menschen unmittelbar
nützlicher Ergebnisse weiterzuentwickeln.
Die Bundesrepublik Deutschland und die DDR
stehen in einer Verantwortungsgemeinschaft für
den Frieden und die Sicherheit in Europa; beide
müssen sich um eine Entschärfung der
internationalen Lage bemühen. Die Bundesrepublik
Deutschland und die DDR haben ein gemeinsames
Interesse, die internationalen Chancen zur Beherrschung
und Eindämmung von Krisen zu nutzen. Das gilt
für die Bemühungen um ein besseres Ost-West-
Verhältnis allgemein wie für Rüstungskontrolle und
Abrüstung im besonderen.
Im letzten September ging in Madrid die KSZE-
Nachfolgekonferenz mit einem Schlußdokument zu
Ende. Aber die Menschen im geteilten Deutschland
erwarten, daß die Vereinbarungen von Madrid auch
in ihrem täglichen Leben erfahren werden können.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Seit Januar tagt die Konferenz über vertrauens-
und sicherheitsbildende Maßnahmen und
Abrüstung in Europa. Stockholm zeigt, daß das Interesse
an Dialog und Zusammenarbeit stärker ist, als viele
angenommen und für möglich gehalten haben. Wir
sehen in dieser Konferenz ein wichtiges
Instrument, um die Ost-West-Beziehungen auf eine
langfristige, stabile Grundlage zu stellen. In meinem
Gespräch mit Generalsekretär Honecker in Moskau
hat sich bestätigt, daß die DDR-Führung in diesem
Punkt mit uns übereinstimmt.
Wir wollen wirksame Maßnahmen vereinbaren,
die zu mehr Vertrauen zwischen Ost und West
führen. Vertrauen ist unverzichtbare Voraussetzung
für die von uns angestrebte europäische
Friedensordnung, in der wir Deutsche unser
Selbstbestimmungsrecht frei verwirklichen können.
Grundbedingungen für den Frieden ist die
Beachtung des Gewaltverbots. Unsere Friedenspolitik
war von Anfang an praktizierter Gewaltverzicht.
Wir haben nie einen Zweifel daran gelassen, daß
wir die Überwindung der deutschen Teilung
ausschließlich mit friedlichen Mitteln anstreben. Ohne
Gewaltverzicht, ohne Achtung der Menschenrechte,
ohne Freiheit wird es keine dauerhafte
Friedensordnung in Europa geben.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Wem es damit wirklich ernst ist, muß Mauer und
Stacheldraht abbauen, eine Erziehung zu Haß und
Feindschaft unterlassen, darf die Inanspruchnahme
von Menschenrechten nicht mit Gewalt bedrohen.
Zur Mißachtung der Menschenrechte, auch in
unserem Vaterland, können und werden wir nicht
schweigen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Wir
streben in Europa einen Zustand an, in dem durch
die Beseitigung der Spannungsursachen
Interessenausgleich und Frieden möglich werden. Die
Bundesregierung bekennt sich unverändert zu den
beiden Elementen des Harmel-Berichts.
Militärische Sicherheit und eine Politik der Entspannung
sind kein Widerspruch, sondern bedingen und
ergänzen einander.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn]
[SPD])
Morgen werden in Wien die MBFR-
Verhandlungen über den gegenseitigen und ausgewogenen
Truppenabbau in Mitteleuropa
wiederaufgenommen. Wir wollen nicht nur die Fortsetzung dieser
und anderer Verhandlungen über
Rüstungskontrolle und Abrüstung. Wir wollen vor allem auch
eine baldige Vereinbarung über ein weltweites
Verbot chemischer Waffen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Wir wollen einen generellen Ausbau der Ost-West
-
Zusammenarbeit. Wir tun im Bündnis alles, um in
diese Richtung zu wirken. Wir erwarten, daß die
Regierung der DDR ihren Einfluß geltend macht,
wo immer sie kann, damit eine Politik für Dialog
und Zusammenarbeit in Verantwortung für den
Frieden fortgesetzt werden kann. Auch in diesem
Sinne ist Deutschlandpolitik europäische
Friedenspolitik.
In einer Verantwortungsgemeinschaft stehen wir
Deutschen nicht nur in der Sorge um die Erhaltung
des Friedens, sondern auch bei dem Schutz der
natürlichen Lebensgrundlage unseres Volkes. Wir
sind aufeinander angewiesen. Wir müssen
zusammenarbeiten, wenn wir eine lebenswerte Umwelt
bewahren wollen. Belastungen der Umwelt wie
schwefelsaure Rauchgase machen nicht vor
Mauern, Stacheldraht und Grenzsperren halt.
Zunehmende Luftverschmutzung und besorgniserregende
Waldschäden fordern beide Staaten in Deutschland
zu gemeinsamen Anstrengungen heraus. Daneben
müssen Möglichkeiten internationaler
Zusammenarbeit erschlossen und genutzt werden. Die
Bundesregierung hat deshalb für den Juni die Staaten in
Ost und West zu einer internationalen Konferenz
über diese Fragen nach München eingeladen. Dort
wollen wir beraten über die Ursachen und die
Möglichkeiten zur Verhinderung der Wald- und
Gewässerschäden durch Luftverschmutzung in Europa.
Konstruktive und intensive Zusammenarbeit ist
vor allem auch im innerdeutschen Verhältnis
geboten: bei der Bekämpfung von Waldschäden, bei der
Rauchgasentschwefelung und bei den wichtigen
Fragen der Sicherheit von Kernanlagen,
Strahlenschutz und Katastrophenschutz. Ich bin
zuversichtlich, daß die bestehenden Kontakte weiter
ausgebaut werden können und daß sie am Ende — nach
Verhandlungen — in konkrete Übereinkommen
einmünden werden. Zwingend notwendig ist vor
allem die Zusammenarbeit beim
grenzüberschreitenden Gewässerschutz. Hier gibt es erste
ermutigende Vereinbarungen. Kontakte auf
Ministerebene können dazu beitragen, weitere Felder der
Zusammenarbeit beim Umweltschutz zu erschließen.
Bei alledem geht es um ein gemeinsames, ein
gesamtdeutsches Lebensinteresse. Die Deutschen —
die Deutschen in Ost und West — können ihm
jedoch nicht auf sich allein gestellt gerecht werden.
Unser Volk in der Mitte des Kontinents kann seine
Umwelt nur gemeinsam mit den Nachbarn — in
West und Ost — wirksam und dauerhaft schützen.
Fünftens. Wir müssen Europa einigen, um auch
für Deutschland die Einheit in Freiheit zu
vollenden.
Als Land in der europäischen Mitte, im
Brennpunkt des europäischen Mächtesystems wurde
Deutschland immer wieder der Ort, an dem andere
Staaten ihre Interessen miteinander austrugen. Es
gab dabei auch Phasen, in denen die Deutschen die
Gefahr verdrängten, die in ihrer europäischen
Mittellage begründet ist. Sie haben der Versuchung zu
nationalen Sonderwegen nachgegeben und in jenen
Tagen auf eine Politik der Hegemonie gesetzt. Wir
alle wissen, daß damit unser Land gescheitert ist.
Unsere Generation hat die Lektion aus dieser
historischen Erfahrung gelernt. Kein deutscher
Sonderweg kann unser Land aus der Mitte Europas
herausführen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP —
Zustimmung des Abg. Dr. Ehmke [Bonn]
[SPD])
Im europäischen Rahmen müssen und wollen wir
unsere Zukunft gestalten und auch als
Friedenswerk die nationale Frage lösen.
Wir wissen um die europäische Dimension der
deutschen Teilung, die wir nur mit Unterstützung
durch die Völker, d. h. durch die Nachbarn in
Europa überwinden können. Wir sind uns auch
bewußt, welch große Verantwortung gerade unser
Land als Stabilitätsfaktor in der Mitte Europas zu
tragen hat. Niemand soll glauben, die Deutschen
würden noch einmal ihre europäische
Verantwortung mißachten. Von deutschem Boden muß
Frieden ausgehen. Wir sind immun gegen jede
Versuchung, unsere europäische Bindung abzustreifen,
das gesamteuropäische Gleichgewicht zu
ignorieren und die Überwindung der Teilung isoliert von
unseren Nachbarn anzustreben.
Diese europäische Bindung hat aber noch eine
andere Seite: Mit dem Anspruch der Deutschen auf
freie Selbstbestimmung findet das geteilte Europa
eine Kraft, die auch seiner Erneuerung und seiner
Einigung dienen kann. Zugleich wissen alle
Europäer, daß die Überwindung der Teilung Europas für
Deutschland eine Friedensordnung voraussetzt, die
vom ganzen deutschen Volk in freier
Selbstbestimmung angenommen werden muß. Uns ist bewußt,
meine Damen und Herren, daß der nationale
Gedanke der Deutschen und die europäische Idee
einander bedingen. Für uns sind Europapolitik und
Deutschlandpolitik wie zwei Seiten einer Medaille.
Motor für die Einigung Europas zu sein, dies ist Teil
des nationalen Auftrags, Staatsräson der
Bundesrepublik Deutschland von Anfang an. Unsere
freiheitliche politische Kultur braucht den europäischen
Horizont gemeinsamer Grundwerte.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir haben die Europäische Gemeinschaft
mitgegründet, und wir gehören ihr unwiderruflich an,
weil unser demokratisches, weil unser
rechtsstaatliches Selbstverständnis es so will und weil es unser
Interesse an Sicherheit und politischer
Handlungsfähigkeit gebietet. Nur eine dynamische
Gemeinschaft und ihre Ausstrahlungskraft wird für die
Zukunft die Chance der Veränderung in ganz Europa
offenhalten.
Meine Damen und Herren, wir sind stolz auf den
Beitrag und die Leistung unseres Landes beim
Ausbau der Gemeinschaft. Niemand kann und soll
übersehen, daß wir hier auch finanziell viel
eingebracht haben.
(Zuruf von den GRÜNEN: Wir haben auch
was rausgezogen!)
Aber, meine Damen und Herren, finanzieller
Aufwand und politischer Ertrag müssen zusammen
gesehen werden:
(Dr. Marx [CDU/CSU]: Richtig!)
Jede sinnvolle Investition in Europa ist immer auch
eine Abschlagzahlung für die freiheitliche Zukunft
der Deutschen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Zur Einigung Europas gibt es keine Alternative
— schon gar nicht für uns Deutsche. Für Europa
steht in diesen Wochen mehr auf dem Spiel als die
Bewältigung einer aktuellen Krise in der
Wirtschaftsgemeinschaft. Die Gemeinschaft muß sich
endlich politisch einigen, sonst wird Europa
verkümmern und dabei auch die Chance verspielen, in
den großen weltpolitischen Fragen sein Gewicht
zur Geltung zu bringen. Europa muß sich politisch
einigen, sonst geht auch die Perspektive der
Deutschen verloren, ihre Einheit in einer europäischen
Friedensordnung zu verwirklichen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir wollen und wir müssen den Weg weitergehen,
der in den Römischen Verträgen vorgezeichnet ist.
Es ist unser Ziel, auf den dort geschaffenen
Grundlagen für einen immer engeren Zusammenschluß
der europäischen Völker aufzubauen und die
Gemeinschaft zu einer Politischen Union mit dem Ziel
des Baus der Vereinigten Staaten von Europa
auszubauen.
Die deutschfranzösische Freundschaft und
Zusammenarbeit, auch in Sicherheitsfragen, wird
ihrer europäischen Idee folgen. Mit den anderen
Partner in der Gemeinschaft wollen wir diesen Weg
gemeinsam gehen. Wir werden darauf dringen, daß
noch in diesem Jahr erste Gespräche geführt und
Fortschritte sichtbar werden; wir haben keine Zeit
zu verlieren.
Die Politische Union Europas, die wir anstreben,
wird auch der westlichen Sicherheit dienen. Sie
stärkt das europäische Widerlager der
transatlantischen Brücke.
Sechstens. Die deutsche Nation gehört zum
Westen.
Unser Standort ist und bleibt in der Allianz für
die Freiheit. Die politische Ordnung der westlichen
Demokratien — persönliche Freiheit, Rechtsstaat,
politische Selbstbestimmung — ist es wert, im
Innern bewahrt und nach außen verteidigt zu
werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Das heißt für uns ganz selbstverständlich: auch in
Zukunft freie Wahlen, freie Meinungsäußerung, un
-
abhängige Gewerkschaften, Freizügigkeit und
vieles mehr. Das schulden wir uns selbst und unseren
Bündnispartnern, das sind wir aber auch, meine
Damen und Herren, den Menschen in Mittel- und
Osteuropa schuldig.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Auch sie wollen freie Menschen sein, in Freiheit
leben und über ihr Gemeinwesen und ihren
politischen Willen selbst bestimmen können. Und darin
liegt ja das eigentliche Problem der deutschen und
europäischen Teilung: in der Verweigerung von
Freiheit und Selbstbestimmung für die Menschen
in Mittel- und Osteuropa.
Der amerikanische Außenminister George Shultz
hat dies bei der Eröffnungssitzung der Stockholmer
Konferenz am 17. Januar 1984, also vor wenigen
Wochen, in Erinnerung gerufen. Seit 1945, so sagte er,
habe eine künstliche Grenze diesen Kontinent
Europa grausam gespalten und eine seiner großen
Nationen — die Deutschen — unbarmherzig geteilt. Er
fuhr fort:
Die Vereinigten Staaten erkennen die
Legitimität dieser künstlich auferlegten Teilung
Europas nicht an.
(Dr. Dregger [CDU/CSU]: Sehr gut!)
Diese Teilung ist der Kern des
Sicherheitsproblems und des Menschenrechtsproblems
Europas — und wir alle wissen das. Die
Menschenrechte
— so Shultz —
bilden den zentralen Punkt einer jeden
Erörterung der europäischen Sicherheit ... Der
Versuch, Europa eine Teilung aufzuerlegen, ist
zwangsläufig eine Quelle der Instabilität und
der Spannung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, so trennt die Grenze
zwischen Ost und West, was in Freiheit
zusammengehört. So wie die deutsche Frage im Brennpunkt
europäischer Geschichte steht, so ist — ich
wiederhole es — die Freiheit der Kern der deutschen
Frage. Freiheit ist die Bedingung der Einheit. Sie kann
nicht ihr Preis sein.
(Beifall bei der CDU/CSU, der FDP und der
Abg. Frau Renger [SPD])
Ich warne nachdrücklich vor jeder Illusion, als
könnten unsere Freiheit und unsere Sicherheit
gegen unseren Wunsch nach Einheit ausgespielt
werden.
Wir denken dabei auch an unsere Nachbarn, vor
allem auch an das polnische Volk, dem unsere
eigene Zukunft so wenig gleichgültig sein kann wie
uns die Zukunft Polens.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Unser Volk hat sein eigenes Erbe und eine
Tradition — und wir hoffen auf eine Zukunft —
zusammen mit den Völkern in Mittel- und Osteuropa.
Dieser Tradition muß und wird die Bundesrepublik
Deutschland, dieser Tradition müssen wir gerecht
werden.
Das gesamte deutsche Volk wäre ärmer ohne das
Erbe jener Gebiete, in denen Deutsche in
Nachbarschaft mit mittel- und osteuropäischen Völkern
durch die Geschichte gegangen sind. Auch deshalb
fühlen wir uns in besonderer Weise den Deutschen,
die heute noch dort leben, verbunden und zur Obhut
verpflichtet.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Wir empfinden besondere Verantwortung und
Sympathie für alle Deutschen, die ihre
angestammte Heimat, oft genug gegen ihren Willen und
unter unsagbaren Leiden, verlassen haben, um hier,
im freien Teil unseres Landes, eine neue Zukunft
aufzubauen.
Gerade im Bilck auf das bittere Schicksal der
Vertriebenen und Flüchtlinge ist der schon 1950
von ihnen erklärte Gewaltverzicht eine Tat, die es
verdient, immer wieder vor der Geschichte
hervorgehoben zu werden.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Diese Absage an Rache und Vergeltung, die
Bereitschaft zur Aussöhnung waren eine Botschaft des
Friedens.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Ein Werk des Friedens, meine Damen und
Herren, sind auch in unseren Tagen die Zeichen der
Solidarität, die das von Sorgen bedrückte polnische
Volk von uns Deutschen, aber auch gerade von den
vertriebenen Deutschen und ihren Nachkommen,
erfährt. — Die Vertriebenen und Flüchtlinge
verdienen unseren Dank und unsere Anerkennung.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Und wir betrachten es als eine nationale Aufgabe,
ihr kulturelles Erbe zu erhalten und zu pflegen.
Maßstab unserer Politik in der nationalen Frage
bleibt die Bewahrung freiheitlicher Lebensform —
und damit auch der Hoffnung jener vielen
Europäer, die sie heute noch entbehren. Dafür müssen wir
unsere freiheitliche Ordnung weltoffen vorleben
und sie beispielhaft ausgestalten. Unsere
rechtsstaatliche Demokratie muß mit ihrer freien
politischen Willensbildung, mit Grundrechtsschutz und
innerem Frieden für die Freiheit werben. Geistige
Vitalität, Meinungsvielfalt und kulturelle
Schöpferkraft demonstrieren die Spannung und Stärke
unserer offenen Gesellschaft. Mit Erfindungsgabe und
Unternehmungsgeist in Forschung und Technik, in
Wissenschaft und Wirtschaft, mit Wettbewerb und
sozialem Ausgleich beweist unsere freiheitliche
Wirtschaftsordnung ihre unbestreitbare
Anziehungskraft.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Meine Damen und Herren, nur wenn wir die
persönliche Selbstbestimmung der Bürger ernst
nehmen, können wir glaubhaft freie nationale
Selbstbestimmung für alle Deutschen und Europäer
fordern. Auch das ist eine Antwort auf die Frage der
Teilung Deutschlands und Europas.
Die deutsche Nation war vor dem Nationalstaat
da, und sie hat ihn überdauert. Auch nach der
beispiellosen Katastrophe dieses Jahrhunderts geht
unsere gemeinsame Geschichte weiter.
Unser Staat, die Bundesrepublik Deutschland hat
sich in der geschichtlichen Verantwortung bewährt:
dem nationalen Auftrag gegenüber wie in der
Verantwortung für Europa und den Frieden in der Welt.
Als demokratischer Rechts- und Sozialstaat,
zuallererst der Würde eines jeden Menschen
verpflichtet, wurden wir ein geachtetes Mitglied der
Völkergemeinschaft. Unsere Friedenspolitik hat
uns Vertrauen und Ansehen erworben. Darauf
können wir mit Stolz zurückblicken.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Mit nüchternem Sinn für die Bedingungen der
europäischen und globalen Politik nehmen wir
unseren nationalen Auftrag wahr. Wir richten uns
weder in Wohlstand noch in unserer eigenen Freiheit
nur bequem ein. Wir nehmen Willkür nicht als
letztes Wort hin. In fester Bindung an die freie Welt
und mit der Unterstützung unserer Freunde haben
wir die Deutsche Frage offengehalten.
(Fischer [Frankfurt] [GRÜNE]: Da lachen
ja die Hühner!)
Das gesamte deutsche Volk bleibt aufgefordert, so
sagt es die Präambel unseres Grundgesetzes, in
freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit
Deutschlands zu vollenden. Als gleichberechtigtes
Glied in einem vereinten Europa wollen wir dem
Frieden der Welt dienen. In diesem Ziel der
gemeinsamen Freiheit liegt der Auftrag aller Deutschen.
(Langanhaltender Beifall bei der CDU/
CSU und der FDP)
Präsident Dr. Barzel: Meine Damen und Herren,
ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat der
Abgeordnete Dr. Vogel.
Dr. Vogel (SPD): Herr Präsident! Meine sehr
verehrten Damen und Herren! Die Erklärung, die der
Herr Bundeskanzler soeben vorgetragen hat,
(Dr. Schäuble [CDU/CSU]: ... war sehr
gut!)
enthält aus unserer Sicht eine ganze Reihe
konstruktiver Elemente.
(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)
Diese konstruktiven Elemente zeigen,
(Dr. Marx [CDU/CSU]: ... wie man es
macht!)
daß diese Regierung und diese Koalition auf diesem
Gebiet offenbar eine Wende vollzogen hat, eine
Wende zur Deutschlandpolitik, die wir
Sozialdemokraten grundgelegt haben.
(Beifall bei der SPD)
Ich hoffe, daß Töne, die da und dort an die 50er
Jahre erinnern, nur als Beschwichtigung eigener
Anhänger gedacht waren, die dieser Wende nicht zu
folgen bereit sind.
Wir stimmen einer ganzen Reihe Ihrer
Feststellungen, Herr Bundeskanzler, zu. Wir stimmen in
der Feststellung überein, daß sich die Beziehungen
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der
Deutschen Demokratischen Republik positiv
entwickelt haben, daß wichtige Verbesserungen für die
Menschen in beiden Staaten erreicht worden sind.
Daß wir zur Gemeinschaft der westlichen
Demokratien gehören, ist für uns selbstverständlich.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Natürlich gibt es auch keinen Streit darüber, daß
Freiheit und Selbstbestimmung zentrale Werte
unserer Ordnung sind. Wir Sozialdemokraten
kämpfen seit mehr als 100 Jahren für diese Werte, für
Frieden, für Gerechtigkeit und für Solidarität.
(Beifall bei der SPD)
Wir kämpfen auch gegen Unterdrückung, ganz
gleich von welcher Seite diese Unterdrückung
ausgeht.
Sie haben einige der Fakten genannt, die ein
günstiges Urteil über deutsch-deutsche Beziehungen
rechtfertigen. Andere Fakten haben Sie
merkwürdigerweise unerwähnt gelassen, so das
Zusammentreffen des früheren Regierenden Bürgermeisters
von Berlin, Richard von Weizsäcker, mit dem
Staatsratsvorsitzenden der DDR, einer Begegnung,
der ganz besondere Bedeutung zukommt und die
ich im Namen meiner Fraktion auch bei dieser
Gelegenheit noch einmal ausdrücklich begrüße.
(Beifall bei der SPD)
Das Geflecht der offiziellen Gespräche und
Kontakte zwischen beiden deutschen Staaten ist
erfreulich dicht geworden. Zu diesem Geflecht gehört
auch der Besuch, den eine Delegation meiner
Fraktion in der vergangenen Woche der Volkskammer
in Ost-Berlin auf Einladung ihres Präsidenten
abgestattet hat. Solche Gespräche und Begegnungen
sind eine entscheidende Voraussetzung für die
weitere Verbesserung der Beziehungen.
(Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Es ist mir deshalb unverständlich, warum die
Union — anders als der größte Teil der Freien
Demokraten — noch immer offizielle Kontakte zur
Volkskammer ablehnt,
(Dr. Hupka [CDU/CSU]: Scheinparla
-
ment!)
warum gerade Sie, Herr Bundeskanzler, an dieser
Stelle einen letzten Rest einer deutsch-deutschen
Hallstein-Doktrin verteidigen. Ihr Argument, die
Volkskammer sei kein Parlament im Sinne unserer
Verfassung, ist in diesem Zusammenhang doch
geradezu abwegig. Natürlich ist sie das nicht, aber das
gilt doch ebenso für Dutzende von anderen
Einrichtungen dieses Namens, zu denen wir trotzdem
offizielle Beziehungen und offizielle Kontakte
unterhalten,
(Beifall bei der SPD)
etwa für die der Volksrepublik Ungarn, der der
Herr Bundestagspräsident — wir haben das
begrüßt — soeben einen offiziellen Besuch abgestattet
hat. Vergleichbar mit unseren politischen
Institutionen sind doch auch andere Einrichtungen der DDR
nicht. Oder wollen Sie für andere Institutionen
diese Vergleichbarkeit behaupten?
Wir meinen, es ist hoch an der Zeit, solche
Berührungsängste endlich aufzugeben,
(Zustimmung bei Abgeordneten der SPD)
Berührungsängste, die im übrigen auf einen völlig
unangebrachten Mangel an Selbstvertrauen
schließen lassen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Denn mit wachsender gegenseitiger Berührung
wachsen die Chancen für den friedlichen
Wettbewerb
(Dr. Hupka [CDU/CSU]: Mit der Volkskam
-
mer?)
der beiderseitigen Gesellschaftsordnungen, und ich
sehe nicht, daß wir diesen Wettbewerb der
Gesellschaftsordnungen von unserer Seite aus zu scheuen
oder etwa zu fürchten hätten.
(Beifall bei der SPD)
Wenn von dem dichter gewordenen Geflecht
zwischen den beiden deutschen Staaten die Rede ist,
muß auch der geplante Besuch Erich Honeckers in
der Bundesrepublik erwähnt werden. Wir
begrüßen, daß dieser Besuch näherrückt. Wir erinnern
daran, daß die Einladung zu diesem Besuch von
Bundeskanzler Helmut Schmidt am Werbellinsee
ausgesprochen wurde. Hätte nicht der bayerische
Ministerpräsident noch vor seiner
höchstpersönlichen deutschlandpolitischen Wende den Tod eines
Transitreisenden zum Mord erklärt, hätte dieser
Besuch wahrscheinlich zum beiderseitigen Nutzen
schon lange stattgefunden.
(Beifall bei der SPD — Feilcke [CDU/CSU]:
Sie sind ein Beckmesser!)
Ich wiederhole: Im Verhältnis zwischen der
Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen
Republik sind Fortschritte erzielt worden,
Fortschritte, die wir begrüßen. Es hätte Ihnen, Herr
Bundeskanzler, allerdings gut angestanden, auch
darauf einzugehen, warum diese Fortschritte
möglich waren. Wollen Sie im Ernst behaupten, das
alles hätte erst mit Ihrem Regierungsantritt
begonnen und seinen Anfang genommen? Nein, diese
Fortschritte waren möglich, weil unter
Bundeskanzler Willy Brandt gegen Ihren erbitterten
Widerstand eine neue Ost- und Deutschlandpolitik
entwickelt worden ist und weil Helmut Schmidt
diese Politik — wiederum gegen Ihren
hartnäckigen Widerstand — fortgeführt und konkretisiert
hat.
(Beifall bei der SPD)
Haben Sie vergessen, Herr Bundeskanzler und
meine Damen und Herren von der Union, daß Sie
gerade wegen dieser Deutschlandpolitik Willy
Brandt als Bundeskanzler einmal stürzen wollten?
Haben Sie vergessen, daß Sie Helmut Schmidt noch
im Dezember 1981 wegen seines Werbellin-Besuchs
aufs schärfste kritisiert haben.
(Zuruf von der CDU/CSU: Zu Recht, das
war ein Windei!)
daß Herr Zimmermann das Treffen sogar — ich
zitiere wörtlich — als eine vordergründige,
lächerliche, zynische Verbrüderung mit Honecker
diffamiert hat? Werden Sie eigentlich nicht schamrot,
Herr Zimmermann, wenn Sie angesichts der
regelmäßigen Treffen Ihres eigenen Parteivorsitzenden
mit Herrn Honecker an diese Äußerung
zurückdenken?
(Beifall bei der SPD)
Fortschritte waren möglich, weil Sie Ihre
destruktive Deutschlandpolitik nach den
Bundestagswahlen über Bord geworfen und unter Täuschung nicht
weniger Ihrer eigenen Wähler unsere Politik
übernommen haben, als letzter Herr Strauß, der dann
aber mit dem Übereifer des neu bekehrten in
Jahren Versäumtes in Monaten, wenn nicht in Wochen,
sozusagen im Flug nachholen will. Ich kritisiere
diesen Wandel nicht. Aber die Frage ist nicht nur
erlaubt, die Frage ist notwendig, die Frage, was wir
mehr und früher für die Menschen in der DDR
hätten bewirken können und was unserem Volk an
vergiftender Polemik, ja, zeitweise an Haß erspart
geblieben wäre, wenn Sie Ihren
deutschlandpolitischen Wandel schon 1974 oder 1975 und nicht erst
1983 vollzogen hätten.
(Beifall bei der SPD)
Ich fürchte, Sie haben daraus wenig gelernt. Ich
fürchte, auf anderen Feldern, so auf dem Felde der
Friedenssicherungspolitik, wiederholt sich das
gleiche. Die Fortschritte, in deren Beurteilung wir
übereinstimmen, waren möglich, weil auch in der
Führung der DDR verantwortliche Persönlichkeiten bei
allen Unterschieden und Gegensätzen im übrigen
noch mehr an Verständigung als an Konfrontation
und noch mehr an Interessenausgleich als an
gegenseitiger Störung und Beschädigung interessiert
sind und weil die erdrückende Mehrheit der
Menschen in der DDR die Verständigung ebenso
wünscht wie die erdrückende Mehrheit unserer
Bevölkerung.
Die Fortschritte waren und sind schließlich
möglich, weil Sie es mit einer Opposition zu tun haben,
die diese Politik konstruktiv unterstützt, die die
Erhöhung der Postpauschale von 80 auf 200 Millionen
DM nicht hämisch kritisiert, wie Sie es getan
haben,
(Beifall bei der SPD)
sondern dieses Abkommen aus übergeordneten
Gründen akzeptiert, eine Oppositionsfraktion,
deren Vorsitzender der anderen Seite darlegt, daß
seine Fraktion und er in wesentlichen Punkten mit
der Deutschlandpolitik der Bundesregierung
übereinstimmen. Die gemeinsame deutschlandpolitische
Entschließung des Bundestages vom 9. Februar
1984, die doch Ihre Wende besiegelt und nicht eine
Wende unserer Politik,
(Beifall bei der SPD)
hat das gleiche zum Ausdruck gebracht.
Herr Bundeskanzler, gibt es zu dieser
Entschließung vom 9. Februar 1984 auch nur ein Gegenstück
aus Ihrer Oppositionszeit? Allein die Vorstellung,
Sie hätten als Fraktionsvorsitzender Erich
Honekker besucht und dabei die Deutschlandpolitik der
damaligen Regierung unterstützt, zeigt den
himmelweiten Unterschied.
(Beifall bei der SPD)
Wir Sozialdemokraten sind im deutschen
Interesse auf dem Felde der Deutschlandpolitik zur
Gemeinsamkeit fähig und bereit. Sie waren es als
Opposition zu keiner Zeit. Ihnen war die
parteipolitische Auseinandersetzung über Jahre hin wichtiger
als die Gemeinsamkeit auf diesem Gebiet.
(Beifall bei der SPD)
Darüber, daß diese Politik nur im Bündnis
möglich ist, brauchen wir keine Belehrung. Das haben
wir mehr als ein Jahrzehnt praktiziert. Ich habe das
bei meinem letzten Besuch in Moskau ebenso
deutlich gemacht wie in Washington. Nicht wenige in
Washington wissen übrigens sehr wohl, daß es für
unseren Hauptverbündeten, für die Vereinigten
Staaten, eine Erleichterung und keine zusätzliche
Erschwerung ihrer Bürde bedeutet, wenn zwischen
den beiden deutschen Staaten nicht Konfrontation,
sondern ein Zustand der Koexistenz und sich
verbessernden Beziehungen besteht.
Die Ergebnisse dieser Deutschlandpolitik haben
bisher auch den Belastungen standgehalten, die
sich aus dem beschleunigten Rüstungswettlauf und
aus den verschärften Spannungen zwischen den
Supermächten und den Bündnissystemen ergeben.
Mehr noch: Sie haben sich in Mitteleuropa als ein
stabilisierendes Element erwiesen.
Die von Helmut Schmidt und Erich Honecker am
Werbellinsee postulierte Verantwortungsgemein -
schaft der beiden deutschen Staaten ist jedenfalls
in Ansätzen wirksam geworden, ein Erbe, zu dem
Sie sich heute zu unserer Freude unter Übernahme
des Begriffs erneut bekannt haben. Das gibt dem
von Ihnen bei anderer Gelegenheit gern
gebrauchten Begriff der Erblast eine ganz neue Bedeutung
und eine ganz neue Interpretation.
(Beifall bei der SPD)
Allerdings dürfen wir uns keinen Täuschungen
hingeben. Die Belastbarkeit des Netzes, das da
mühsam genug geknüpft wurde, ist begrenzt. Ohne
einen neuen Dialog unter den Weltmächten, ohne
eine Beendigung des Rüstungswettlaufs, ohne
einen Abbau der internationalen Konfrontation wird
es zu Rückschlägen auch in den deutsch-deutschen
Beziehungen kommen. Die Warnungen in diese
Richtung sind nicht nur Propaganda, sie sind ernst
zu nehmen; beschwichtigende Redensarten helfen
da nicht weiter.
Noch eine ganz andere Art von Belastungen
haben diese Beziehungen in den letzten Wochen zu
bestehen. Das sind die Zufluchtnahmen in unserer
Ständigen Vertretung und in verschiedenen
Botschaften. Ich möchte all denen danken, die zur
vernünftigen Lösung der damit verbundenen Probleme
beigetragen haben und noch beitragen.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Das sind übrigens nicht die Lauten, nicht die, die
sich bei solchen Gelegenheiten in Szene setzen,
sondern eher die Schweigsamen, denen es darum
geht, Möglichkeiten nicht zu verschütten, sondern
zu bewahren, und die sich deshalb auch nicht in
mitunter peinlicher Weise mit angeblichen Erfolgen
brüsten und die gerade deshalb — ich sage das mit
Ernst und Bedacht — legitimiert sind, vor Aktionen
zu warnen, die die Aussichten der
Übersiedlungsbewerber gefährden, die auf solche Aktionen
verzichten.
Die Entwicklung der letzten Jahre hat auch die
vier Elemente dessen gefestigt, was die Substanz
der Nation ausmacht, nämlich die Geschichts-, die
Sprach-, die Kultur- und die Gefühlsgemeinschaft.
Wir sollten den Begriff der Nation nicht als
Kampfbegriff verwenden, aber in dieser Gemeinschaft, so,
wie ich sie soeben umschrieben habe, liegt der reale
Kern dessen, was uns die Präambel des
Grundgesetzes im Hinblick auf die Einheit der Deutschen
hier und heute tatsächlich zu wahren und zu
pflegen aufgibt.
(Beifall bei der SPD)
Diese Gemeinschaft läßt sich nicht befehlen, sie
läßt sich erst recht nicht verbieten. Sie wächst oder
vergeht in dem Maße, in dem die Politik die
Voraussetzungen für das eine oder das andere schafft und
die Menschen von diesen Voraussetzungen
Gebrauch machen. Die Politik der letzten Jahre,
unsere Politik, hat diese Voraussetzungen stetig
verbessert.
Außerdem hat auch in der Bundesrepublik selbst
die Frage nach unserer nationalen Identität, nach
unserem nationalen Bewußtsein, nach unserem
nationalen Selbstverständnis an Bedeutung
gewonnen. Zu lange haben wir diese Frage in den
Jahrzehnten nach dem Krieg ungeachtet aller
Feiertagsrhetorik beiseite geschoben. Ersatzweise haben
wir uns mit unserem Grundgesetz, mehr noch aber
mit dem wachsenden Bruttosozialprodukt
identifiziert. Auch glaubten wir geraume Zeit, ein
europäisches Bewußtsein könne an die Stelle des
nationalen Bewußtseins treten. Das ist auch im nachhinein
durchaus zu verstehen, aber als Dauerzustand stellt
es uns außerhalb der Normalität der übrigen
Völker. Auch die beste Verfassung — und wir haben
eine hervorragende Verfassung — wird überlastet,
wenn sie leisten soll, was für andere Völker das
nationale Bewußtsein zu leisten vermag.
(Beifall bei der SPD und der FDP)
Wir müssen deshalb auch auf diesem Gebiet zur
Normalität zurückkehren, d. h. wir müssen uns
wieder verstärkt unserer eigenen Geschichte
zuwenden, und zwar ihren Höhepunkten ebenso wie ihren
düsteren und bedrückenden Abschnitten. Ein
Versuch der Wiederaufnahme der Geschichte unter
Ausklammerung und Löschung dieser
bedrückenden Kapitel ist zum Scheitern verurteilt.
(Beifall bei der SPD — Dr.-Ing. Kansy
[CDU/CSU]: Aber umgekehrt auch!)
Wir müssen uns wieder stärker als Gemeinschaft
und nicht nur als eine zufällige Ansammlung mehr
oder weniger beziehungslos nebeneinander
lebender Individuen begreifen. Und zu dieser
Gemeinschaft gehören eben in unserer Situation auch die
Menschen im anderen deutschen Staat. Natürlich
leben sie in einem eigenen Staat, den wir seit dem
Grundlagenvertrag aus guten Gründen in seiner
Staatlichkeit völlig respektieren, und in einer
Gesellschaftsordnung, die sich grundlegend von der
unseren unterscheidet, einer Gesellschaftsordnung,
die noch immer nicht auf Mauer und auf
Stacheldraht verzichtet.
Aber gerade das vergangene Jahr mit seinem
Luther-Jubiläum und den großen kirchlichen
Veranstaltungen in Magdeburg, Wittenberg, aber auch in
Worms hat deutlich gemacht, wie lebendig die
gemeinsame Geschichte in die Gegenwart
hineinwirkt. Auch das Karl-Marx-Gedenkjahr aus Anlaß
seines 100. Todestages hat bei aller Verschiedenheit
und Gegensätzlichkeit der Würdigungen von dieser
Kraft der gemeinsamen Geschichte etwas spüren
lassen.
(Beifall bei der SPD)
Ebenso belebt sich das Gefühl der
Gemeinsamkeit im kulturellen Bereich. Ich erinnere nur an das
große Interesse, das die Arbeiten in der DDR
beheimateter Schriftsteller — ich nenne als Beispiel nur
das Werk Christa Wolfs — mehr und mehr bei uns
finden. Und die Gefühlsgemeinschaft ist ebenfalls
lebendiger, als sie es je zuvor war. In dem Drängen
nach mehr geschalteten Leitungen bei der Post, in
dem Drängen nach Verbesserung der
Postverhältnisse steckt doch diese Gefühlsgemeinschaft, dieses
Bedürfnis, miteinander im Austausch der
Meinungen und der Empfindungen zu bleiben. Und jeder
Besuch und jede Begegnung über die Grenzen
hinweg beweisen das.
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren, zu alledem hat sicher auch die
Friedensdiskussion der vergangenen Jahre
beigetragen. Die von beiden Staatsführungen immer wieder
geäußerte Überzeugung, von deutschem Boden
dürfe nie wieder ein Krieg ausgehen, ist eben nicht
nur Ausdruck einer zufälligen
Interessenübereinstimmung — das wäre schon wichtig genug —,
sondern sie ist auch Ausdruck einer Lehre aus der
gemeinsamen Geschichte dieses Jahrhunderts.
(Beifall bei der SPD)
Auch die deutschen Friedensbewegungen, bei
denen man sich wechselseitig vor falschen
Vereinnahmungen hüten sollte, haben hier bei aller
Unterschiedlichkeit eine gemeinsame Wurzel.
Gewiß, das alles ist überaus verletzlich und
sensibel. Aber es ist deutsche Wirklichkeit, der wir uns
nicht entziehen können, nicht entziehen dürfen und
nicht entziehen wollen, eine Wirklichkeit, die wir in
die Europäische Gemeinschaft und das atlantische
Bündnis einbringen müssen, eine Wirklichkeit, die
helfen kann, eingeübte Feindbilder allmählich
verblassen und verschwinden zu lassen,
(Beifall bei der SPD)
und die, wenn wir sie als Element unserer
nationalen Identität bejahen, auch dazu helfen kann, daß
wir in kritischen Situationen und unter
Belastungen besser standhalten können.
Das alles ist meilenweit von vordergründiger
Geschäftigkeit entfernt. Es ist ein Ansatz, der unserer
Politik eine weiterreichende Perspektive bietet,
eine Perspektive, die der Diskussion bedarf und zu
der beispielsweise — ich erkenne das ausdrücklich
und dankbar an — auch Richard von Weizsäcker
und Kurt Biedenkopf Bemerkenswertes
beigetragen haben.
(Beifall bei der SPD)
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren, es ist wichtig, das Erreichte zu
würdigen und pfleglich zu behandeln. Es ist wichtig,
Rückschläge zu verhindern. Es ist aber auch
notwendig, die Entwicklung weiter voranzubringen,
immer aufs neue nach den Ausgleichsmöglichkei -
ten von Interessen zu suchen und dadurch die
Hürden und Hindernisse niedriger werden zu lassen,
die uns noch immer trennen und auf dem Weg zu
einer nachbarschaftlichen Normalisierung
behindern.
Sie, Herr Bundeskanzler, haben in diesem
Zusammenhang die Milderung des Grenzregimes, die
weitere Erleichterung des individuellen
Reiseverkehrs, insbesondere von Ost nach West, die weitere
Korrektur des Mindestumtauschs, die weitere
Verbesserung der Praxis der
Familienzusammenführung, den Ausbau der wirtschaftlichen
Beziehungen, die verstärkte Zusammenarbeit auf dem
Gebiet des Umweltschutzes, aber auch auf dem Gebiet
des kulturellen Austausches genannt.
Wir stimmen als Opposition diesen Zielsetzungen
zu. Ich habe sie sämtlich gegenüber dem
Staatsratsvorsitzenden gestern zur Sprache gebracht,
insbesondere die Frage der Erleichterung des
individuellen Reiseverkehrs. Und ich habe in dem Gespräch
den Eindruck gewonnen, daß Fortschritte auch auf
diesen Gebieten in Zukunft keineswegs unmöglich
sind.
Das gilt auch für weitere Punkte, die Sie nicht
erwähnten, etwa für den Abschluß eines
längerfristigen wirtschaftlichen Rahmenabkommens, für
einen neuen Anlauf zu einem Rechtshilfeabkommen
wenigstens in Zivilsachen oder für die
Vereinbarung geordneter politischer Konsultationen, wie sie
ja der Grundlagenvertrag bereits für Fragen der
Rüstungskontrolle vorsieht, ein Vorschlag, der auch
gewisse Verdichtungen und Häufungen eher und in
angemessener Form zu vermeiden hilfreich wäre.
Wie überall gilt aber auch hier: Wer seine
Forderungen und Interessen voranbringen will, der muß
auch die Forderungen und Interessen der anderen
Seite würdigen. Die DDR ist eben nicht nur an
wirtschaftlichen Vorteilen und Krediten interessiert. Es
könnte sogar sein, daß sich die Kreditproblematik
heute schon weniger drängend oder jedenfalls
anders als vor ein oder zwei Jahren darstellt. Wer
Fortschritte, wer mehr Durchlässigkeit will, muß
sich deshalb auch mit anderen Forderungen und
Wünschen der DDR auseinandersetzen. Natürlich
müssen wir die Grenzen beachten, die uns das
Grundgesetz und unsere eigenen politischen
Interessen ziehen; aber innerhalb dieser Grenzen gibt es
durchaus Spielräume, die wir im Interesse der
Durchsetzung unserer eigenen Forderungen nützen
und einsetzen sollten.
(Beifall bei der SPD)
Meine Damen und Herren, das Grundgesetz
verbietet beispielsweise nicht festzustellen, daß die
Elbe-Grenze zwischen Schnakenburg und
Lauenburg durchgängig in der Strommitte verläuft, wenn
eine erneute Prüfung des Materials ergibt, daß auch
diese Auslegung vertretbar erscheint.
(Zuruf von der CDU/CSU: Sie geben schon
wieder Rechtspositionen auf!)
Das Grundgesetz verbietet nicht, mit der
Staatlichkeit der DDR auch ihre Personalhoheit zu
respektieren, solange nur niemand daran gehindert wird,
die fortdauernde deutsche Staatsangehörigkeit
dann in Anspruch zu nehmen, wenn er sie in
Anspruch nehmen will. Dies ist der Kernpunkt der
Sache.
(Beifall bei der SPD)
Das Grundgesetz, meine sehr verehrten Damen
und Herren, gebietet auch nicht, daß neben der
Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in
Ludwigsburg auf unabsehbare Zeit die Zentrale
Erfassungsstelle in Salzgitter fortbesteht.
(Zurufe von der CDU/CSU: Aha!)
Ihre Errichtung entsprach der Situation des Jahres
1961, war eine Antwort auf die Vorgänge des August
1961.
(Zurufe von der CDU/CSU)
Aber ich vertrete die Auffassung, daß ihr
Fortbestand mehr und mehr mit dem erreichten Niveau
der deutsch-deutschen Beziehungen in
Widerspruch gerät.
(Beifall bei der SPD — Graf Huyn [CDU/
CSU]: Gibt es keine Mauer mehr?)
Für die Aufklärung und Verfolgung von Straftaten
sind ohnehin in jedem Fall die
Staatsanwaltschaften zuständig, und keiner will, daß das
Legalitätsprinzip nicht auch in dieser Richtung seine
Anwendung findet. Das aber ist ein völlig anderes Thema.
(Beifall bei der SPD)
Was ich bisher gesagt habe, gilt auch für Berlin.
Berlin ist keine normale Stadt, trotz der günstigen
Auswirkungen des Viermächteabkommens und der
daran anknüpfenden Vereinbarungen. Berlin ist
eine Stadt ohne eigenes Hinterland, eine Stadt, in
der man Stadtteilgrenzen auch heute noch nur mit
einer besonderen Erlaubnis passieren kann, eine
Stadt, die mehrere hundert Kilometer von dem
Raum getrennt ist, zu dem sie wirtschaftlich,
rechtlich, kulturell und mit den alliierten Vorbehalten
auch politisch gehört. Eine solche Stadt kann keine
Stadt wie jede andere sein. Sie ist vielmehr in einer
Situation, die von ihr, aber auch von uns besondere
Anstrengungen erfordert, die Absperrungen
gegenüber dem Ostteil der Stadt und der DDR in einem
beharrlichen Prozeß durchlässiger zu machen,
notfalls millimeter- und zentimeterweise. Die breiter
werdenden Kontakte meiner Berliner Freunde mit
Ost-Berliner Stellen und mit Institutionen und Per
-
sonen der DDR, bei denen die vorherige
gegenseitige Abstimmung mit denen, die für die Stadt
Verantwortung in den Verfassungsorganen tragen, eine
wesentliche und stets beachtete Voraussetzung ist,
dienen diesem Ziel. Ich glaube, daß diese Kontakte
Nachahmung und Förderung finden sollten. Auch
die herannahende 750-Jahr-Feier Berlins bietet
dafür gute Ansatzpunkte, die es zu nutzen gilt.
Ebenso wichtig sind Anstrengungen zur
Erhaltung der wirtschaftlichen Lebensfähigkeit Berlins.
Die Behauptung, Berlin blühe wieder auf, ersetzt
diese Anstrengungen nicht, denn der Abbau der
Arbeitsplätze vollzieht sich noch immer in einem
besorgniserregenden Tempo.
Die Konferenz zur Wirtschaftsförderung im
Dezember 1982 hat die von Ihnen, Herr
Bundeskanzler, geweckten Erwartungen bisher nicht erfüllt. Die
Bundesunternehmen verhalten sich unter Ihrer
Regierungsverantwortung genauso zögerlich wie zu
unserer Zeit. Ihrer damaligen Kritik sind bis heute
kaum Taten gefolgt, weniger jedenfalls, als nach
den Ankündigungen zu erwarten war.
Natürlich begrüßen wir Fortschritte wie z. B. die
Eröffnung des BMW-Motorradwerks. Aber dieses
Projekt hat doch mit Ihrer Konferenz nichts zu tun.
Die Planung und Inangriffnahme dieses Projektes
hat doch in der Zeit unserer Verantwortung in
Bonn und in Berlin begonnen.
Der große Durchbruch der wirtschaftlichen
Entwicklung Berlins zum Besseren läßt noch immer
auf sich warten. Sie haben im Dezember 1982 3 200
neue Arbeitsplätze in Berlin versprochen. Wir
haben mit unserer Anfrage, die uns demnächst auch
hier im Parlament beschäftigen wird, um konkrete
Auskunft darüber gebeten, was aus dieser Zusage
und aus diesen Versprechungen geworden ist.
Wir sind auch hier wie in allen Berlin
betreffenden Fragen weiterhin zur Zusammenarbeit bereit.
Das heißt aber nicht, daß wir über
Fehlentscheidungen und Unterlassungen den Mantel der
Nächstenliebe breiten. Falsch war, daß Sie anläßlich der
S-Bahn-Übernahme ein Schrumpfkonzept
begünstigt und nicht von vornherein auf der weiteren
tatsächlichen Benutzung des Nord-Süd-Tunnels
bestanden haben. Durch die Stillegung dieses Tunnels
hat der wichtigste innerstädtische Grenzübergang
am Bahnhof Friedrichstraße zwei direkte
Verbindungslinien verloren. Dies widerspricht der Politik,
den Zugang in den anderen Teil der Stadt und in
das Umland, wo immer das nur möglich ist, zu
erleichtern. Bringen Sie dies möglichst bald in
Ordnung. Unsere Unterstützung auf dem Weg zu
diesem Ziel sichere ich Ihnen zu.
(Beifall bei der SPD)
Außerdem sollten Sie wegen der Offenhaltung von
Staaken unter Einbeziehung des Westteils des
Autobahnringes in das Transitsystem immer von
neuem Vorstöße unternehmen. Auch die
Beschleunigung des Eisenbahntransits zwischen Berlin und
Westdeutschland bleibt, in welcher Form auch
immer, auf der Tagesordnung.
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren, ich sprach vorhin von der nationalen
Identität der Deutschen und von unserem Gemein -
schaftsbewußtsein, das nicht an den Grenzen der
beiden Staaten halt macht. Berlin ist in beiden
Hinsichten ein zentraler Ort. In Berlin vor allem
entscheidet sich, ob gemeinsames Erbe nur eine
gemeinsame Last oder ob es auch eine gemeinsame
Hoffnung und eine gemeinsame Zukunft bedeuten
kann.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP)
Ich möchte diesen Teil meiner Ausführungen mit
einem persönlichen Wort an die Menschen in der
DDR und auch an die Menschen in unserer
Republik abschließen. Den Menschen in der DDR
möchte ich sagen: Wir wollen uns nicht ungebeten
in ihre Angelegenheiten und in die ihres Staates
einmischen. Wir wollen insbesondere nicht auf ihre
Kosten mit Worten und schneidigen Reden tapfer
erscheinen. Wir wollen vielmehr immer wieder auf
das hören, was sie uns zu sagen haben, und wir
wollen im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu helfen,
daß wir gemeinsam einen Beitrag zum Frieden
leisten, daß wir uns mehr noch als bisher begegnen
können, daß die Hoffnung zunimmt und daß die
Lasten leichter werden. Das setzt aber voraus, daß
beide Staaten weiterhin vernünftig miteinander
umgehen und die Verantwortlichen miteinander im
Gespräch bleiben. Die Entwicklung der letzten
zwölf Jahre zeigt: Das ist der richtige Weg. Wir
werden ihn — und wo immer möglich, gemeinsam —
unbeirrt auch in Zukunft fortsetzen.
(Beifall bei der SPD)
Den Menschen in der Bundesrepublik,
Mitbürgerinnen und Mitbürgern, aber sage ich: Lassen Sie
nicht nur die Politiker am 17. Juni oder bei der
Aussprache über die Lage der Nation von der
fortbestehenden Gemeinschaft und dem
Zusammengehörigkeitsgefühl der Deutschen reden. Halten Sie die
bestehenden Kontakte zu den Freunden und
Verwandten in der DDR lebendig, knüpfen Sie neue
Kontakte, reisen Sie, wo immer möglich, in die
DDR. Für die Menschen in der DDR ist es
gegenwärtig noch immer die Ausnahme, daß sie
Hamburg oder München, den Rhein oder den
Schwarzwald besuchen können. Sie, wir, die Bürger in
unserem Staat, können nach Schwerin oder Leipzig, wir
können in den Spreewald oder nach Güstrow
reisen. Machen Sie von dieser Möglichkeit Gebrauch.
Es ist ein anormaler Zustand, daß sich viele von uns
in Spanien oder in Italien, j a selbst in anderen
Kontinenten besser auskennen als in der DDR und als
in Mitteldeutschland.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der CDU/CSU und der FDP)
Der französische Staatsmann Clemenceau hat
einmal gesagt, der Krieg sei eine zu ernste Sache,
um ihne allein den Generalen zu überlassen. Ich
meine, das friedliche Neben- und Mit- und
Zueinander der beiden deutschen Staaten und die
Bewahrung wichtiger Elemente unserer Gemeinschaft
sind eine viel zu ernste Sache, um sie allein der
Politik zu überlassen. Alle Deutschen sollten sie
nach dem Maß ihrer Möglichkeiten als ihre eigene
Angelegenheit betrachten und selbst in die Hand
nehmen.
(Beifall bei der SPD und bei Abgeordneten
der FDP — Zustimmung des Abg. Lintner
[CDU/CSU))
Herr Präsident, meine sehr verehrten Damen
und Herren, Sie, Herr Bundeskanzler, haben im
Zuge Ihrer Erklärung von der Situation in der
Europäischen Gemeinschaft gesprochen. Ich erkläre
dazu für meine Fraktion: Unser Angebot, die
Bundesregierung bei der Bemühung um die Rettung
der Europäischen Gemeinschaft zu unterstützen,
gilt unverändert. Sie haben dieses Angebot bisher
im wesentlichen unbeanwortet gelassen. Das
erhöht Ihre Verantwortung. Zusammenarbeit, Herr
Bundeskanzler, von der Sie selbst gern und häufig
reden, setzt Information und Diskussion voraus. Als
par
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- part_of_vorgang → Drittes Gesetz zur Änderung des Zerlegungsgesetzes (3.ZerlÄndG) (G-SIG: 10020039)
- part_of_vorgang → Gesetz über Maklerverträge (G-SIG: 10020014)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung des Einführungsgesetzes zum Gerichtsverfassungsgesetz (G-SIG: 10020082) (1. Beratung)
- part_of_vorgang → Gesetz zur Änderung des Städtebauförderungsgesetzes (G-SIG: 10020068)
- part_of_vorgang → ... Strafrechtsänderungsgesetz - § 125 StGB - (... StrÄndG) (G-SIG: 10020081) (1. Beratung)
- part_of_vorgang → ... Strafrechtsänderungsgesetz - § 303 StGB (... StrÄndG) (G-SIG: 10020038)