Rede von Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Lukrezia Jochimsen (DIE LINKE) – Plenarprotokoll 16/133
Herr Präsident! Liebe Gäste! Liebe Kollegen
Sachverständige!
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Liebe
Fernsehzuschauer!)
Insbesondere lieber Professor Kramer als Mitstreiter! Ich
kann mich dem Dank, den Herr Ehrmann gerade allen an
der Arbeit der Enquete-Kommission beteiligten
Bereichen ausgesprochen hat, nur anschließen, und möchte
ihn auf unsere Fraktionsreferentin Frau Dr. Annette
Mühlberg ausdehnen. Auch ich hätte nicht gewusst, wie
ich als Späteinsteiger in diese Kommission die Arbeit
überhaupt hätte bewältigen können, wenn es nicht die
Möglichkeit eines fundierten Wissens und einer Zuarbeit
gegeben hätte.
(Beifall bei der LINKEN)Liebe Kolleginnen und Kollegen, was wir Ihnen heute
vorlegen, sind keine Botschaften aus dem
Elfenbeinturm, sondern ist die Zustandsbeschreibung unseres
reichen und vielfältigen Fundamentes Kultur, auf dem
unsere Gesellschaft und gerade auch die Qualität unserer
Demokratie beruhen. Ich finde, das dürfen wir nie aus
den Augen verlieren. Diese Zustandsbeschreibung
handelt von Glanz, aber gleichermaßen auch von Elend.
Glanzvoll ist die Liste der Theater, Denkmäler,
Bibliotheken, Museen, Orchester, Chöre, Tanzgruppen und der
Tausenden Einrichtungen und Gruppierungen freien
bürgerlichen Engagements in Sachen Kultur. Glanzvoll ist
auch das Aufkommen des Wirtschaftszweiges Kultur,
eines Beschäftigungssektors mit hohen Wachstumsraten
und großer Zukunft. Lieber Herr Kollege Ehrmann, dass
wir hier in Zukunft genauer hinschauen müssen, ist
unbestritten.
Elend sind hingegen die Einkommen der meisten
Künstler und Kulturschaffenden in Deutschland. Im
Durchschnitt verdienen sie gerade einmal 11 000 Euro
pro Jahr, die Mehrheit verfügt über kein regelmäßiges
Einkommen, und es ist ihnen kaum möglich, eine
Alterssicherung aus ihren Einnahmen zu finanzieren. Das gilt
nach wie vor, obwohl die Umsätze und Gewinne der
Branche gestiegen sind und weiter steigen. Die
Kreativen haben aber keinen Anteil daran. Von
Leistungsgerechtigkeit keine Spur!
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg. Wolfgang
Börnsen [Bönstrup] [CDU/CSU])
Aus unserer Sicht muss der Staat an dieser Stelle
gegensteuern, und zwar mit einer Stärkung des
Urheberrechts – das wurde bereits angesprochen –, damit die
Einnahmen tatsächlich den Urhebern zugute kommen
und die Zeit für künstlerische Arbeit in der
Rentenversicherung flexibel angerechnet werden kann.
Zur elenden, ja jämmerlichen Seite der
Zustandsbeschreibung der Kultur in Deutschland gehört zweitens,
dass ihr Reichtum und ihre Vielfalt an etlichen Stellen
bereits Spuren von Abbau und Rückbau aufzeigen. Ein
trauriges Beispiel dafür sind die Theater in Thüringen.
Das gilt aber nicht nur für sie. Deshalb ist es wichtig,
dass die Förderung von Kunst und Kultur im Bericht als
Pflichtaufgabe des Staates herausgestellt wird. Kultur
muss als Staatsziel im Grundgesetz verankert werden.
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Ich stehe auf der Seite all derer, die gesagt haben, dass es
Zeit ist, nicht länger nur die Lippen zu spitzen, sondern
auch zu pfeifen. Das rot-rote Berlin und das vormals
rotrote Mecklenburg-Vorpommern sind übrigens die
einzigen Bundesländer, die das bereits beschlossen haben.
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Was daraus
geworden ist, sieht man an Berlin!)
Aus unserer Sicht muss die Kompetenz des Bundes
für die Kultur weiter gestärkt werden, zum Beispiel um
Dr. Lukrezia Jochimsenunsere Bibliotheken zu retten. Der Kollege Ehrmann hat
das gerade vorgetragen. Der Bundespräsident hat dieses
Elend in einer bewegenden Rede zur Wiedereröffnung
der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar genau benannt:
Noch kann man sagen: Bibliotheken bilden in
Deutschland ein flächendeckendes Netz.
Er sagte aber auch:
Auf dem Land ist das Netz öffentlicher
Bibliotheken zum Teil ziemlich dünn – und in manchen
Gegenden kann man von einem regelrechten
Bibliothekssterben sprechen. Nur etwa 15 Prozent der
Schulen
– ich bitte Sie: 15 Prozent der Schulen in Deutschland –
verfügen über eine eigene Bibliothek …
Sein Fazit lautet: In Deutschland fehlt „– im
Gegensatz zu den erfolgreichen PISA-Ländern – die
strategische Verankerung der Bibliotheken als Teil unserer
Bildungsinfrastruktur.“ Er sagt, dass diese „heute weder auf
Länderebene noch in der Politik des Bundes in
ausreichendem Maße anzutreffen“ sind. „Bibliotheken
gehören deshalb in Deutschland auf die politische
Tagesordnung.“
(Beifall bei der LINKEN und dem BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Gitta
Connemann [CDU/CSU])
Die Enquete-Kommission sieht das genauso.
Allerdings unternimmt sie nicht den aus unserer Sicht
entscheidenden Schritt. Sie fordert kein
Bundesbibliotheksgesetz, um den Bestand unserer Bibliotheken, die es
noch gibt, zu retten. Zu einer Reform der
Kompetenzverteilung gehört nach unserer Vorstellung auch – es wird
Sie vielleicht wundern, dass die Linke das fordert – die
Ernennung eines Bundeskulturministers mit
eigenständigem Ministerium, damit Kultur im Kabinett und auf
europäischer Ebene gleichberechtigt vertreten ist.
Die Kommission hat umfangreich, ausführlich,
präzise und konkret gearbeitet und sich dabei auf vielerlei
Sachverstand gestützt. Mir erscheint es aber als ein
Elend, dass die Kommission nicht bereit war, sich
angemessen mit den kulturellen Folgen der deutschen
Teilung zu befassen. Die Auseinandersetzung mit der
Tatsache, dass Kultur in Deutschland 40 Jahre lang in zwei
Gesellschaften geschaffen, gefördert, gefeiert, kritisiert,
ja, auch unterdrückt wurde, dass es zwei Kulturen gab,
und zwar nicht parallel nebeneinander, sondern ganz
bewusst gegeneinander positioniert, und diese Tatsache
Folgen hat, bis auf den heutigen Tag, und zwar ebenso
im Bewusstsein der Menschen wie für unsere kulturelle
Infrastruktur, wäre des Schweißes der Edlen wirklich
wert gewesen.
Wir meinen, dass die bis heute festzustellenden
mentalen Unterschiede zwischen Ost und West eine
Herausforderung für die Kulturpolitik sind. Dabei geht es nichtdarum, sie zu überwinden, sondern darum, sie als
Chance zu nutzen.
Die Chance, die beiden Schulsysteme von DDR und
Bundesrepublik in ihrer Unterschiedlichkeit zu nutzen,
haben wir sträflich versäumt. Mit dem Erbe der beiden
Kulturen sollten wir anders umgehen, auch und gerade
nach der Veröffentlichung dieses Berichts.
Insgesamt halten wir den Bericht für eine notwendige
Grundlage unserer weiteren Arbeit für die Kultur. Er
entstand nicht im Elfenbeinturm, und er handelt nicht von
Luxus, Dekoration oder Überfluss, sondern von den
Überlebensnotwendigkeiten unserer Gesellschaft.
Ich danke Ihnen.
(Beifall bei der LINKEN sowie des Abg.
Steffen Reiche [Cottbus] [SPD])