Rede von Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/73
Teil von Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Plenarprotokoll 16/73
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Ich will
mit einer Bemerkung zu Ihrem Vorschlag, Frau
Bundeskanzlerin, anfangen. Wenn Sie sagen, wir müssten in
Europa das Prinzip der Diskontinuität einführen, dann
muss man sich auch über die Folgen klar werden. Manche
würden sich freuen und sagen: Dann hätten wir letztens
im Parlament nicht REACH verabschiedet. – Denken Sie
an Ihr eigenes Präsidentschaftsprogramm, insbesondere
an die vollständige Liberalisierung der Gas- und
Strommärkte. Das ist ein Dossier, das mittlerweile ein
Parlament und eine Kommission schon in der dritten Amtszeit
beschäftigt.
Zweite Bemerkung. Wenn davon geredet wird, dass
Deutschland versuchen möchte, in Sachen
Bürokratieabbau weiterzukommen, dann muss doch die Frage
erlaubt sein, ob die Bundesrepublik Deutschland unter
dieser Koalition und in dieser Verfassung nach der
Föderalismusreform überhaupt in der Lage ist, anderen
Bürokratieabbau beizubringen.
Was ist das eigentlich für ein Bild, das die
Bundesregierung abgibt? Einerseits redet sie über Bürokratieabbau,
andererseits aber wird man statt eines
Nichtrauchergesetzes 15 oder 16 Nichtrauchergesetze haben, vielleicht
auch nur zwölf, und man baut im Rahmen der
Gesundheitsreform völlig neue bürokratische Strukturen auf, die
unsere Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber noch gehörig
quälen werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Norbert Schindler [CDU/CSU]: Wer war denn
sieben Jahre dran?)
Dritte Bemerkung zu Ihrer Rede. Sie drücken sich vor
der Festlegung Ihres Umweltministers und davor, zu
sagen: Wir wollen dafür sorgen, dass sich Europa bis zum
Jahre 2020 verpflichtet, 30 Prozent der Treibhausgase
einzusparen. – Was hindert Sie eigentlich daran, diese
Frage in vernünftiger Art und Weise mit der Minderung
der Energieabhängigkeit zu verknüpfen? Dies hätte
nämlich eines zur Folge: die Umsetzung dieses Ziels. Es
hätte zur Folge, dass die Energieimporte – die
Europäische Union importiert heute noch 74 Prozent der
Energie – auf unter 50 Prozent sinken würden. Auch das ist
übrigens nicht nur ein Argument für Klimaschützer,
sondern auch und gerade ein ökonomisches Argument. Das
würde dazu führen, die Abhängigkeit der europäischen
Wirtschaft zu reduzieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit
zu stärken.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Letzte Bemerkung: Wenn Sie sagen, Sie wollten die
Akzeptanz für Europa verbessern, dann werden Sie
innerhalb Europas dieses Land europakompatibler machen
müssen. Wenn Sie sagen, Europa sei eine Antwort auf
Globalisierung, dann erwarten die Menschen zunächst
eine Antwort, die ihnen mehr Sicherheit, mehr soziale
Sicherheit verspricht. Da hat Deutschland nun einmal
einen Nachholbedarf. (Norbert Schindler [CDU/CSU]: Wer war
denn sieben Jahre dran?)
Wir sind eines der wenigen Länder, die es bis heute nicht
fertig gebracht haben, Regelungen einzuführen, damit
jemand, der Vollzeit arbeitet, nicht unter die
Armutsgrenze sinkt. Wenn Sie Europa akzeptabler machen
wollen, dann müssen Sie hier anfangen und dafür sorgen,
dass Menschen, die Vollzeit arbeiten, nicht trotz ihrer
Arbeit arm bleiben. Deswegen brauchen wir so etwas
wie einen gesetzlichen Mindestlohn, wie wir ihn in
Frankreich, in Großbritannien, in Luxemburg, in den
Niederlanden und in vielen anderen Ländern haben.
Relationen
- part_of → Protokoll der 73. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Jürgen Trittin (Rede)