Moratorium für den Rückbau abgeschalteter Kernkraftwerke (Beschlussempfehlung und Bericht zu Drs. 21/220)
Text
Moratorium für den Rückbau abgeschalteter Kernkraftwerke (Beschlussempfehlung und Bericht zu Drs. 21/220)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/386
21. Wahlperiode 04.06.2025
Beschlussempfehlung und Bericht
des Ausschusses für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit
(16. Ausschuss)
zu dem Antrag der Abgeordneten Andreas Bleck, Dr. Michael Blos, Dr. Ingo Hahn,
weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/220 –
Moratorium für den Rückbau abgeschalteter Kernkraftwerke
A. Problem
Die Antragsteller haben einen Antrag eingebracht, mit dem der Deutsche
Bundestag die Bundesregierung unter anderem dazu auffordern soll, alle gesetzlichen
Hürden, die einer Rückkehr Deutschlands zur Kernenergie entgegenstehen, zu
beseitigen.
B. Lösung
Ablehnung des Antrags mit den Stimmen der Fraktionen CDU/CSU, SPD,
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Die Linke gegen die Stimmen der Fraktion
der AfD.
C. Alternativen
Annahme des Antrags.
D. Kosten
Wurden im Ausschuss nicht erörtert.
Beschlussempfehlung
Der Bundestag wolle beschließen,
den Antrag auf Drucksache 21/220 abzulehnen.
Berlin, den 4. Juni 2025
Der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare
Sicherheit
Lorenz Gösta Beutin
Vorsitzender
Alexander Engelhard
Berichterstatter
Dr. Rainer Kraft
Berichterstatter
Jakob Blankenburg
Berichterstatter
Harald Ebner
Berichterstatter
Mareike Hermeier
Berichterstatterin
Bericht der Abgeordneten Alexander Engelhard, Dr. Rainer Kraft, Jakob
Blankenburg, Harald Ebner und Mareike Hermeier
I. Überweisung
Der Antrag der Fraktion der AfD auf Drucksache 21/220 wurde in der 6. Sitzung des Deutschen Bundestages am
21. Mai 2025 zur federführenden Beratung an den Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare
Sicherheit überwiesen.
II. Wesentlicher Inhalt der Vorlage
Die Antragsteller haben im Wesentlichen einen Antrag eingebracht, mit dem der Deutsche Bundestag die
Bundesregierung unter anderem dazu auffordern soll,
1. die Laufzeitbeschränkungen und Strommengeneinspeisebegrenzungen sowie das Verbot der
gewerblichen Produktion von Elektrizität durch Kernkraftwerke im Allgemeinen durch entsprechende
Abänderung des Atomgesetzes (AtG) aufzuheben, um so den Betreibern die Produktion kostengünstiger Energie
zu ermöglichen;
2. den Rückbau aller abgeschalteten Kernkraftwerke, die wieder als betriebstüchtig hergestellt werden
können, unverzüglich zu stoppen und dazu die zuständigen Landesregierungen anzuweisen, die
Genehmigungen zum Rückbau abgeschalteter Kernkraftwerke zu widerrufen;
3. sich mit den zuständigen Landesregierungen ins Benehmen zu setzen, um auf die Betreiber hinzuwirken,
dass für die abgeschalteten Kernkraftwerke Pläne erstellt werden, wie am schnellsten auf deren
Wiederinbetriebnahme hingewirkt werden kann;
4. ihre rein voreingenommene ideologische Grundüberzeugung gegen die friedliche Nutzung der
Kernenergie aufzugeben und sich der „Atomallianz“ von 22 Staaten, die sich auf der Weltklimakonferenz in Dubai
gegründet hat, beizutreten.
III. Beratungsverlauf und Beratungsergebnisse im federführenden Ausschuss
Der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit hat den Antrag auf
Drucksache 21/220 in seiner 2. Sitzung am 4. Juni 2025 abschließend behandelt.
Die Fraktion der AfD stellte ihren Antrag vor und erklärte, dass Kernkraft sehr populär sei. Es sei immer wieder
in den Nachrichten, dass Länder beschlossen hätten, wieder in Kernkraft einzusteigen oder neue Kraftwerke zu
bauen. Große Technologiekonzerne, wie der Meta-Konzern mit einem Kernkraftwerk in Illinois, hätten
beschlossen, langfristige Kernkraftproduktionen aufzukaufen. Die Behauptung, dass man in Deutschland keine Investoren
finden könne, sei falsch. Dies liege daran, dass der Betrieb eines Kernkraftwerks in Deutschland nach dem
Atomgesetz illegal sei, was Investoren abschrecke. Bei einer Legalisierung der Kernkraft in Deutschland könnten auch
Investoren gefunden werden. Deshalb sehe der Antrag eine Änderung des Atomgesetzes vor. Als Beispiel führte
die Fraktion der AfD das Kernkraftwerk Palisades in Michigan an, das nach der Stilllegung 2022 kürzlich die
Genehmigung der „Nuclear Regulatory Commission“ (NRC) zur Wiederinbetriebnahme erhalten habe.
Deutschland importiere wieder etwa zwei Gigawatt Strom aus Frankreich, das auf Kernkraft setze, um fossile Kraftwerke
abzuschalten. Deutschland importiere daher Strom aus Kernkraft und werde auch in Zukunft auf Kernkraft setzen,
um die Versorgung zu sichern. Deshalb sei es folgerichtig, wieder in Kernkraft zu investieren und die Anlagen
selbst zu betreiben.
Die Fraktion der CDU/CSU bemängelte, dass der Antrag nichts Neues enthalte und die Wirklichkeit verkenne.
Es sei nun notwendig, sich an der Zukunft zu orientieren. Anstatt immer wieder rückwärtsgewandte Diskussionen
zu führen, gelte es, zu prüfen, wie die Kraftwerkstandorte sinnvoll zu nutzen seien. Die Standorte mit der
vorhandenen Infrastruktur seien eine wertvolle Ressource, die zu Innovationszentren werden könnten, um die Brücke
zwischen Vergangenheit und Zukunft zu spannen. An dieser Stelle könne Deutschland eine Vorreiterrolle
übernehmen. Hierfür müsse die Forschung spürbar gestärkt und das vorhandene Wissen weiter ausgebaut werden.
Dieses Wissen im Bereich der Kerntechnologie sei nicht zuletzt für den Umgang mit den alten Brennstäben
notwendig. Aus diesen Gründen sei der Antrag der Fraktion der AfD rückwärtsgewandt und daher abzulehnen.
Die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN erklärte, dass die wiederholte Behauptung, ein Moratorium für den
Rückbau abgeschalteter Kernkraftwerke sei noch immer richtig, in der Sache falsch sei. Der Atomausstieg sei
2011 vereinbart und 2023 vollzogen worden, ohne Auswirkungen auf Preise oder Versorgungssicherheit. Das
Atomgesetz regele den Rückbau, um Risiken zu minimieren. Die Panikmache mit einem Blackout sei zudem
unbegründet. Deutschland sei bei der Stromzuverlässigkeit weltweit im oberen Bereich, mit einem „System
Average Interruption Duration Index-Wert“ (SAIDI EnWG) von 12,8 Minuten im Jahre 2023, verglichen mit
21,53 Minuten im Jahre 2006 – damals mit 26 Prozent Atomkraft im Strommix. Frankreich, das mehr Atomkraft
nutze, habe einen SAIDI-Wert von 60, was den Zusammenhang zwischen Atomkraft und Versorgungssicherheit
widerlege. Der AfD-Antrag sei auch deshalb falsch, weil die Ergebnisse des Untersuchungsausschusses aus der
20. Wahlperiode verdreht würden. Die Entscheidung, die letzten drei Kernkraftwerke im Winter 2022/23
vorübergehend weiterlaufen zu lassen, sei eine Sicherheitsmaßnahme gewesen, die im Nachhinein nicht notwendig
gewesen sei. Die Stilllegung habe weder Preise noch Versorgungssicherheit beeinflusst. Der Antrag sei schließlich
abzulehnen, weil er auf Sicherheit verzichte und Sicherheitsüberprüfungen infrage stelle.
Die Fraktion der SPD erinnerte an frühere ähnliche Anträge der AfD-Fraktion. Die Argumente hätten sich aber
nicht verändert. Atomkraft sei eine Hochrisikotechnologie. Dies sei auch der Punkt, der im Ausschuss für nukleare
Sicherheit am relevantesten sei. Dementsprechend sei das Festhalten am Atomausstieg folgerichtig.
Nichtsdestotrotz gebe es auch weiterhin offene Fragen, beispielsweise beim Thema Energieversorgungssicherheit oder die
Frage der ungelösten Endlagerung. Allein schon deshalb sei es schwierig, weiter auf Atomkraftenergie zu setzen.
Deshalb sei es richtig, dass das Nationale Begleitgremium in einer der nächsten Ausschusssitzungen über die
langwierige Suche nach einem Endlager berichten werde. Auch hätten die Betreiberkonzerne im
Untersuchungsausschuss der 20. Wahlperiode den unumkehrbaren Beginn des Rückbaus bestätigt. Es gebe nun lediglich
Betonsilos, aber die Technik dahinter werde gerade zurückgebaut. Einzige Möglichkeit wäre ein Neubau, was jedoch
eine teure Investition wäre, die sich nicht rentiere. Die Fraktion der SPD kritisierte schließlich den Antrag als
Scheinantrag und signalisierte Ablehnung.
Die Fraktion Die Linke betonte, dass sie Kernkraft kategorisch ablehne. Es sei nicht verwunderlich, dass keine
Investoren zu finden seien, denn die Unwirtschaftlichkeit des Rückbaustopps sei für sie erkennbar. Der Antrag
stütze sich außerdem auf eine fragwürdige Studie der „Radiant Energy Group“, eines US-amerikanischen
Lobbyvereins, der die Kernkraft vorantreibe. Auch ignoriere der Antrag, dass das Vorhaben aufgrund der
Gefährlichkeit der Kernkraft unversicherbar sei. Einige der im Antrag erwähnten Kernkraftwerke seien im Übrigen nicht
mehr sicherheitstechnisch zertifiziert. Hinzu komme, dass die Rohstofffrage, nämlich u.a. der Uranabbau, gar
nicht geklärt sei. Es werde mindestens ein Jahr dauern, um Brennstäbe wieder zu erhalten. Dies sei gar nicht
schnell, wenn man bedenke, dass ein von erneuerbaren Energien unterstütztes und ungestörtes Netz bereits
vorhanden sei. Die Versorgungssicherheit sei nämlich auch ohne Kernkraftwerke gewährleistet. Aus Vorfällen in
Frankreich sei außerdem zu erkennen, dass Kernkraftwerke sogar problematisch für die Versorgungssicherheit
sein könnten: Wenn das für die Kühlung notwendige Wasser in den Flüssen fehle, müsse unter anderem wieder
Strom aus Deutschland importiert werden. Der Weiterbetrieb der deutschen Kernkraftwerke sei also derart
unwirtschaftlich, dass sogar die Betreiber sich selbst davon abwendeten. Der Rückbau sei bereits zu weit
fortgeschritten.
In ihrer Replik wies die Fraktion der AfD darauf hin, dass die Standorte, an denen bereits Kernkraftwerke stünden,
genutzt werden könnten, weil die Infrastruktur und die Kommunen dafür bereit seien. Das Wahlprogramm der
Union unterstütze außerdem explizit die Wiederaufnahme der Kernkraft, auch wenn diese Forderung in den
Koalitionsverhandlungen möglicherweise aufgegeben worden sei. Es sei außerdem auf die knappe Mehrheit des
Ausstiegsbeschlusses von 2002 hinzuweisen. Die AfD-Fraktion warnte im Übrigen vor einer zu vorsichtigen
Haltung. In Spanien habe man zunächst auf Erneuerbare Energien gesetzt und die Kraftwerke abgeschaltet, was zu
Problemen geführt habe. Seitdem werde wieder auf stabile Grundlast gesetzt, um die Versorgungssicherheit zu
gewährleisten. Außerdem hätten die letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland in drei Monaten 1,5 Milliarden
Euro Profit gemacht, weil sie von langfristigen Lieferverträgen befreit wären. Man müsse sich darüber hinaus das
Endlager Olkiluoto in Finnland ansehen, um die Lösung für die Endlagerung zu verstehen. Abschließend sei
darauf hinzuweisen, dass alle deutschen Kernkraftwerke durch Milliardenbeträge versichert worden seien, was auch
wieder möglich wäre.
Der Ausschuss für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit beschloss mit den Stimmen
der Fraktionen CDU/CSU, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Die Linke gegen die Stimmen der Fraktion
der AfD zu empfehlen, den Antrag der Fraktion AfD auf Drucksache 21/220 abzulehnen.
Berlin, den 4. Juni 2025
Alexander Engelhard
Berichterstatter
Dr. Rainer Kraft
Berichterstatter
Jakob Blankenburg
Berichterstatter
Harald Ebner
Berichterstatter
Mareike Hermeier
Berichterstatterin
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ISSN 0722-8333]
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