Altersarmut und Alterssicherung in Deutschland
Text
Altersarmut und Alterssicherung in Deutschland
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6827
21. Wahlperiode 02.07.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, Dr. Dietmar
Bartsch, Desiree Becker, Janina Böttger, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze
Edis, Christian Görke, Cem Ince, Cansin Köktürk, Tamara Mazzi, Pascal Meiser,
Zada Salihović, Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Isabelle Vandre, Sascha
Wagner, Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Altersarmut und Alterssicherung in Deutschland
Die Zahl der Armutsbetroffenen in Deutschland bleibt weiterhin auf einem
besorgniserregend hohen Stand. Laut dem Armutsbericht des Paritätischen
Gesamtverbandes stieg sie im Jahr 2025 auf über 13,3 Millionen Menschen.
Personen über 65 Jahre sind demnach überdurchschnittlich oft von Armut
betroffen. Der Bericht beziffert die Armutsquote von Frauen ab 65 Jahren auf
21,3 Prozent, während sie bei Männern bei 17,3 Prozent liegt. Demnach ist
durchschnittlich etwa jede fünfte Person ab 65 Jahren von Altersarmut
betroffen.
Gründe für die besonders hohe Altersarmut bei Frauen sind unter anderem
geringere Erwerbseinkommen, die im Alter zu geringeren Rentenansprüchen
führen. Im Neunten Altersbericht kommt die Bundesregierung selbst zur
Erkenntnis, dass die erheblichen Unterschiede beim Alterseinkommen zwischen
Männern und Frauen „das Resultat einer oftmals noch traditionellen
geschlechterspezifischen Aufteilung der Erwerbs- und Sorgearbeit in der BRD“ sind (Bunde
stagsdrucksache 20/14450, S. 59). So machen sich Unterbrechungen des
Erwerbslebens und eine höhere Teilzeitquote bei Frauen, die die Betreuung von
Kindern übernehmen, im Alter insbesondere in Westdeutschland bemerkbar.
Mit zunehmender Kinderanzahl sinken die Renten bei Frauen im Westen laut
Auskunft des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (Antwort auf die
Schriftliche Frage 77 auf Bundestagsdrucksache 21/3685) sogar.
Maßnahmen wie eine weitere Schwächung der gesetzlichen Rente zugunsten
der privaten Vorsorge oder Kürzungen im Bundeshaushalt bei Rente und
Wohngeld könnten die Situation aus Sicht der Fragestellenden bald noch weiter
verschärfen. Auch die Vorschläge der Rentenkommission, etwa eine Kopplung der
Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung oder die Abschaffung der Rente für
besonders langjährig Versicherte, können zu noch niedrigeren Renten und
damit einem weiteren Anstieg der Altersarmut führen.
Die zunehmende Schwächung der gesetzlichen Rente würde Menschen in
Ostdeutschland besonders hart treffen: Der Anteil der GRV (gesetzliche
Rentenversicherung)-Leistungen an allen Einkommen der über 65‑Jährigen lag
hier laut Alterssicherungsbericht 2024 bei 79 Prozent (Alterssicherungsbericht
2024, Tabelle BC.1). Rund drei Viertel der Rentnerinnen und Rentner in
Ostdeutschland erhalten ausschließlich aus der gesetzlichen Rentenversicherung
(eigene oder abgeleitete GRV) Alterssicherungsleistungen (ebd., Tabelle B.4.7).
Insgesamt hat die Bundesregierung aus Sicht der Fragestellenden bisher keine
konkreten Maßnahmen zur Bekämpfung der Altersarmut in Deutschland
vorgelegt. Zu diesem Urteil kommt auch der Deutsche Paritätische
Wohlfahrtsverband in seinem Armutsbericht (Paritätischer Armutsbericht 2026, S. 4).
Mit der nachfolgenden Kleinen Anfrage soll ein umfangreiches Bild über die
aktuellen Daten zur Altersarmut und der Alterssicherung in Deutschland
geschaffen werden. Um vollständige Beantwortung der Fragen ohne Verweis auf
andere Bundestagsdrucksachen wird gebeten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren das Verhältnis der Pflichtversicherten der gesetzlichen
Rentenversicherung zu Rentnerinnen und Rentnern in Deutschland entwickelt (bitte
auch in absoluten Zahlen angeben und nach neuen und alten
Bundesländern aufschlüsseln)?
2. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren die Zahl der geringfügig Beschäftigten mit sowie befreit von einer
Versicherungspflicht in der gesetzlichen Rentenversicherung in
Deutschland entwickelt (bitte nach neuen und alten Bundesländern aufschlüsseln)?
3. Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung die
durchschnittlichen Zahlbeträge der Renten wegen Alters, wegen Erwerbsminderung
und wegen Todes in Deutschland im Rentenbestand und im Rentenzugang
in den Jahren 2015 und 2025 (bitte nach Männern und Frauen sowie nach
neuen und alten Bundesländern aufschlüsseln)?
4. Wie viele Rentnerinnen und Rentner haben mindestens 40 und wie viele
Rentnerinnen und Rentner haben mindestens 45 Versicherungsjahre
erreicht und erhalten eine Nettorente (Zahlbetrag) von unter 1 446 Euro und
über 1 446 Euro (bitte nach Geschlecht sowie nach neuen und alten
Bundesländern aufschlüsseln)?
5. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren der Anteil der Erwerbsminderungsrenten mit Abschlägen an allen
Erwerbsminderungsrenten sowie die durchschnittliche Höhe der
Abschläge in Deutschland entwickelt (bitte jeweils in absoluten Zahlen sowie
prozentual angeben und nach Geschlecht sowie nach neuen und alten
Bundesländern aufschlüsseln)?
6. Wie hoch waren nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen
zehn Jahren die Anzahl der Rentnerinnen und Rentner in Deutschland
sowie deren durchschnittlicher Gesamtrentenzahlbetrag (bitte getrennt pro
Jahr für Einzel- und Mehrfachrentnerinnen und Einzel- und
Mehrfachrentnern angeben sowie nach Geschlecht und nach neuen und alten
Bundesländern aufschlüsseln)?
7. Wie viele Menschen ab dem Alter von 65 Jahren beziehen nach Kenntnis
der Bundesregierung in Deutschland ausschließlich (eigene oder
abgeleitete) Alterssicherungsleistungen der gesetzlichen Rentenversicherung, und
wie hoch ist deren Anteil an der entsprechenden Bevölkerungsgruppe
(bitte nach Geschlecht sowie nach neuen und alten Bundesländern
aufschlüsseln)?
8. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der
Grundsicherungsfälle im Alter und bei Erwerbsminderung in Deutschland in den
letzten zehn Jahren entwickelt (bitte nach Geschlecht sowie nach neuen und
alten Bundesländern aufschlüsseln und jeweils als absolute Zahl und im
Verhältnis zur jeweiligen Bevölkerungsgruppe angeben)?
9. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der
Grundsicherungsfälle in Deutschland im Alter und bei Erwerbsminderung mit
Rentenbezug sowie deren Anteil an den jeweiligen Rentenempfängerinnen
und Rentenempfängern (Alter bzw. Erwerbsminderung) in den
vergangenen zehn Jahren entwickelt (bitte nach Geschlecht sowie nach neuen und
alten Bundesländern aufschlüsseln)?
10. Wie haben sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Ausgaben für die
„Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung“ (Viertes Kapitel
des Zwölften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XII)) in Deutschland in den
vergangenen zehn Jahren entwickelt (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt
nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
11. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den letzten zehn
Jahren die Zahl der Personen, die Grundsicherung im Alter oder bei
Erwerbsminderung ab der Regelaltersgrenze (bzw. ab 65 Jahren) bezogen haben,
entwickelt (bitte nach Geschlecht aufschlüsseln sowie in absoluten Zahlen
und im Verhältnis zu allen Menschen ab 65 Jahren angeben)?
12. Welche Maßnahmen plant die Bundesregierung, um die „verschämte
Altersarmut“ politisch zu adressieren, systematisch zu erfassen und zu
bekämpfen?
13. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren die Zahl der Menschen ab 65 Jahren entwickelt, die Wohngeld
bezogen haben (bitte nach Geschlecht sowie nach neuen und alten
Bundesländern aufschlüsseln und in absoluten Zahlen und relativ an allen
Menschen ab 65 Jahren angeben)?
14. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren die Armutsgefährdungsquote der Gesamtbevölkerung, der
Bevölkerung ab 65 Jahren und der Rentnerinnen und Rentner entwickelt (bitte
gesamt sowie nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern
aufschlüsseln)?
15. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren die Armutsgefährdungsschwelle in Deutschland entwickelt?
16. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der Riester-
Sparerinnen und Riester-Sparer insgesamt und derjenigen, die ihren
individuellen Zulagenanspruch vollständig realisieren, in Deutschland (bitte
nach Geschlecht sowie nach neuen und alten Bundesländern
aufschlüsseln)?
17. Wie hoch war nach Kenntnis der Bundesregierung im Jahr 2025 der
Anteil der Menschen, die Leistungen aus allen drei Schichten der
Alterssicherungssysteme (gesetzliche Rente, betriebliche Altersvorsorge und
private Altersvorsorge) beziehen, und wie hoch ist der durchschnittliche
jeweilige Anteil der Alterssicherungseinkünfte am gesamten
Alterseinkommen, und wie hoch ist die jeweilige Verbreitung der jeweiligen
Alterssicherungseinkünfte getrennt (bitte jeweils differenzieren nach Frauen und
Männer sowie insgesamt und differenziert für die einzelnen Länder bzw.
für die neuen und die alten Bundesländer getrennt angeben)?
18. Wie viele Menschen in der Altersgruppe von 20 bis 65 und von 60 bis
65 Jahren (gesamt und nach Einzeljahren) gingen nach Kenntnis der
Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland einer
sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach (bitte getrennt pro Jahr für
Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung angeben sowie nach Geschlecht und
nach neuen und alten Bundesländern aufschlüsseln), und wie groß ist
deren Anteil an allen Menschen der jeweiligen Altersgruppe?
19. Wie viele Menschen in der Altersgruppe 60 bis 65 Jahre gingen nach
Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren
ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach, und wie groß ist
deren Anteil an allen Menschen dieser Altersgruppe (bitte pro Jahr nach
Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern aufschlüsseln)?
20. Wie viele Menschen ab 65 Jahren bzw. ab der Regelaltersgrenze gingen
nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn Jahren in
Deutschland ausschließlich einer geringfügigen Beschäftigung nach, und
wie groß ist deren Anteil an allen Menschen dieser Altersgruppe (bitte pro
Jahr nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern
aufschlüsseln)?
21. Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, wie sich die Altersarmut bei
Menschen mit Migrationshintergrund in den letzten zehn Jahren
entwickelt hat, und wenn nein, warum nicht?
22. Welche Auswirkungen auf die Altersarmut in Deutschland erwartet die
Bundesregierung im Falle einer Kopplung der Regelaltersgrenze an die
Lebenserwartung, wie von der Alterssicherungskommission
vorgeschlagen, und wie bewertet die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die
unterschiedliche Entwicklung der Lebenserwartung je nach Region und
abhängig von Faktoren wie Job oder Einkommen?
23. Welche Auswirkungen auf die Altersarmut in Deutschland erwartet die
Bundesregierung durch die Abschaffung der Rente für besonders
langjährig Versicherte, wie von der Alterssicherungskommission vorgeschlagen,
und wie bewertet die Bundesregierung in diesem Zusammenhang die
Möglichkeit, dass Versicherte künftig höhere Abschläge in Kauf nehmen
könnten, um vor Erreichen der Regelaltersgrenze in Rente gehen zu
können?
24. Welche Personengruppen wären laut Einschätzung der Bundesregierung
durch die Abschaffung der Rente für besonders langjährig Versicherte in
Zukunft besonders gefährdet, im Alter in Armut zu rutschen?
25. Welche Auswirkungen auf die Altersarmut in Deutschland erwartet die
Bundesregierung durch die Absenkung des Rentenniveaus nach 2031, wie
von der Alterssicherungskommission vorgeschlagen, insbesondere für
Menschen mit niedrigen Einkommen?
Berlin, den 1. Juli 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne Zerr (Kleine Anfrage)
- asked ← Cansin Köktürk (Kleine Anfrage)
- asked ← Cem Ince (Kleine Anfrage)
- asked ← Christian Görke (Kleine Anfrage)
- asked ← Desiree Becker (Kleine Anfrage)
- asked ← Dietmar Bartsch (Kleine Anfrage)
- asked ← Doris Achelwilm (Kleine Anfrage)
- asked ← Ines Schwerdtner (Kleine Anfrage)
- asked ← Isabelle Vandre (Kleine Anfrage)
- asked ← Janina Böttger (Kleine Anfrage)
- asked ← Janine Wissler (Kleine Anfrage)
- asked ← Jörg Cezanne (Kleine Anfrage)
- asked ← Lisa Schubert (Kleine Anfrage)
- asked ← Mirze Edis (Kleine Anfrage)
- asked ← Pascal Meiser (Kleine Anfrage)
- asked ← Sarah Vollath (Kleine Anfrage)
- asked ← Sascha Wagner (Kleine Anfrage)
- asked ← Tamara Mazzi (Kleine Anfrage)
- asked ← Zada Salihovic (Kleine Anfrage)
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Janine Wissler
- authored ← Sarah Vollath
- part_of_vorgang → Altersarmut und Alterssicherung in Deutschland (Kleine Anfrage)