Altersarmut und Alterssicherung bei Selbstständigen
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Altersarmut und Alterssicherung bei Selbstständigen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6304
21. Wahlperiode 09.06.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Sarah Vollath, Mandy Eißing, Janine Wissler, Doris Achelwilm,
Dr. Dietmar Bartsch, Desiree Becker, Janina Böttger, Jörg Cezanne, Agnes
Conrad, Mirze Edis, Christian Görke, Ates Gürpinar, Mareike Hermeier, Cem Ince,
Cansin Köktürk, Tamara Mazzi, Pascal Meiser, Zada Salihović, Evelyn Schötz,
Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Isabelle Vandre, Sascha Wagner, Anne Zerr und
der Fraktion Die Linke
Altersarmut und Alterssicherung bei Selbstständigen
Die große Mehrheit der Selbstständigen in Deutschland ist derzeit nicht
verpflichtend für das Alter abgesichert und muss eigenverantwortlich vorsorgen.
Dabei führt bei vielen Selbstständigen die Kombination aus geringen
Rücklagen und einer fehlenden obligatorischen Absicherung zu einem hohen Risiko,
im Alter in Armut abzurutschen. Gerade Soloselbstständige weisen ein hohes
Risiko für Altersarmut auf. Unter anderem ostdeutsche Selbstständige sind aus
Sicht der Fragestellenden aufgrund von Brüchen in der Erwerbsbiografie nach
1990 und einem strukturell niedrigeren Lohnniveau besonders betroffen.
In der Erwerbspersonenbefragung des Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung vom August 2025 gaben
37 Prozent der Soloselbstständigen an, dass sie davon ausgehen, dass ihre
finanzielle Vorsorge für das Alter nicht ausreichend ist (Schulze Buschoff, Karin;
Peters, Eileen; Emmler, Helge, 2025: Selbstständige in die gesetzliche
Rentenversicherung? – Ergebnisse der WSI-Erwerbspersonenbefragung). Bei den
Selbstständigen mit Beschäftigten war es immerhin „nur“ knapp jede bzw.
jeder Fünfte.
Mit einem fehlenden flächendeckenden obligatorischen Alterssicherungssystem
für Selbstständige ist Deutschland innerhalb der 38 OECD-Länder (OECD =
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) fast allein:
Nur vier andere OECD-Länder teilen dieses Merkmal mit Deutschland (OECD,
Pension at a Glance 2025, S. 189). Unter anderem aufgrund des hohen
Armutsgefährdungsrisikos bei den nicht obligatorisch abgesicherten Selbstständigen
im Alter wird schon seit Jahren darüber diskutiert, Selbstständige verpflichtend
in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Laut Sozialstaatsradar
2026 sprechen sich 77 Prozent der Befragten für eine verpflichtende
gemeinsame Rentenversicherung für alle Erwerbstätigen bzw. für alle unabhängig vom
Erwerbsstatus aus. Bei Selbstständigen lag die Zustimmung zu einer
gemeinsamen Absicherung in der Umfrage mit 80 Prozent sogar noch mal höher. Aus
Sicht der Fragesteller würde eine verpflichtende Altersvorsorge für
Selbstständige deren Risiko, in Altersarmut zu rutschen, deutlich reduzieren.
Mit dieser Kleinen Anfrage wollen sich die Fragesteller einen Überblick über
die aktuellen Daten zur Altersarmut und Alterssicherung der Selbstständigen in
Deutschland verschaffen. Um vollständige Beantwortung der Fragen ohne
Verweis auf andere Bundestagsdrucksachen wird gebeten.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Personen gehen nach Kenntnis der Bundesregierung einer
selbstständigen Tätigkeit im Haupterwerb nach, und wie hat sich diese
Zahl in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte als Gesamtzahl sowie
Zahl der Soloselbstständigen ohne eigene Beschäftigte aufgeschlüsselt
nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
2. Wie viele Personen üben eine selbstständige Tätigkeit zusätzlich zu einer
Hauptbeschäftigung aus (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt nach
Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
3. Wie viele Selbstständige sind nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell
pflichtversichert (bitte als Gesamtzahl und aufgeschlüsselt nach
Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländer sowie getrennt für
berufsständische Versorgungswerke, Alterssicherung der Landwirte und
gesetzliche Rentenversicherung angeben und die Zahl der
Pflichtversicherten in der gesetzlichen Rentenversicherung nach auf Antrag
Pflichtversicherte, in der Künstlersozialkasse Pflichtversicherte, Handwerker bzw.
sonstige Pflichtversicherte ausweisen)?
4. Wie viele Selbstständige sind nach Kenntnis der Bundesregierung nicht
verpflichtend für das Alter abgesichert (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt
nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
5. Wie viele Selbstständige ohne Versicherungspflicht sind nach Kenntnis
der Bundesregierung aktuell auf Antrag in der gesetzlichen
Rentenversicherung (GRV) abgesichert, und wie hat sich diese Zahl in den letzten
zehn Jahren entwickelt (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt nach
Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
6. Wie viele Selbstständige entrichten freiwillige Beiträge zur
Rentenversicherung nach § 7 des Sechsten Buches Sozialgesetzbuch (SGB VI), und
wie hat sich diese Zahl in den letzten zehn Jahren entwickelt (bitte gesamt
sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht und nach neuen und alten
Bundesländern angeben)?
7. Wie verteilen sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Beiträge der
Selbstständigen in die gesetzliche Rentenversicherung (bitte gesamt sowie
getrennt für auf Antrag Pflichtversicherte, in der Künstlersozialkasse
Pflichtversicherte bzw. sonstige Pflichtversicherte die Anteile der Beiträge
in 100-Euro-Schritten angeben und jeweils nach Geschlecht und nach
neuen und alten Bundesländern aufschlüsseln)?
8. Welcher Anteil der über 65-Jährigen bezieht aktuell Grundsicherung im
Alter oder bei Erwerbsminderung (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt
nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
9. Wie viele über 65-jährige (ehemals) Selbstständige beziehen nach
Kenntnis der Bundesregierung derzeit Grundsicherung im Alter oder bei
Erwerbsminderung, und wie hat sich diese Zahl seit 2005 entwickelt (bitte in
absoluten Zahlen und als Anteil aller über 65-jährigen ehemals
Selbstständigen sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht und nach neuen und alten
Bundesländern angeben)?
10. Wie viele über 65-jährige (ehemals) abhängig Beschäftigte beziehen nach
Kenntnis der Bundesregierung derzeit Grundsicherung im Alter oder bei
Erwerbsminderung ab 65 Jahren, und wie hat sich diese Zahl seit 2005
entwickelt (bitte in absoluten Zahlen und als Anteil aller über 65-jährigen
ehemals abhängig Beschäftigten sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht
und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
11. Wie viele über 65-jährige (ehemals) Selbstständige hätten nach Kenntnis
der Bundesregierung aktuell Anspruch auf Grundsicherung im Alter oder
bei Erwerbsminderung, nehmen diese aber nicht in Anspruch (bitte
gesamt sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht und nach neuen und alten
Bundesländern angeben)?
12. Welcher Anteil der über 65-Jährigen, die zuletzt selbstständig bzw.
abhängig beschäftigt waren, zählt nach Kenntnis der Bundesregierung aktuell zu
den untersten drei Dezilen in der Einkommensverteilung, und wie hat sich
diese Zahl seit 2005 entwickelt (bitte die Anteile für jedes Dezil getrennt
ausweisen sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht und nach neuen und
alten Bundesländern angeben)?
13. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung in den vergangenen zehn
Jahren die Zahl der über 65-jährigen (ehemals) Selbstständigen
entwickelt, die Wohngeld bezogen haben (bitte in absoluten Zahlen und
relativ an allen Beziehenden ab 65 Jahren sowie aufgeschlüsselt nach
Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern angeben)?
14. Wie hat sich die Zahl der Privatinsolvenzen bei (ehemals) Selbstständigen
ab 65 Jahren seit 2011 nach Kenntnis der Bundesregierung entwickelt
(bitte nach Geschlecht und nach neuen und alten Bundesländern
aufschlüsseln)?
15. Wie schätzt die Bundesregierung das Armutsrisiko im Alter von (ehemals)
Selbstständigen im Vergleich zu abhängig Beschäftigten ein?
16. Sieht die Bundesregierung ein besonders hohes Armutsrisiko im Alter bei
selbstständigen Frauen, und wenn ja, plant die Bundesregierung konkrete
Maßnahmen im Bereich der Altersvorsorge, um selbstständige Frauen vor
Altersarmut zu schützen?
17. Sieht die Bundesregierung ein besonders hohes Armutsrisiko im Alter bei
Selbstständigen in Ostdeutschland, und wenn ja, plant die
Bundesregierung konkrete Maßnahmen im Bereich der Altersvorsorge, um diese
Gruppe vor Altersarmut zu schützen?
18. Wie hat sich das Altersarmutsgefährdungsrisiko bei (ehemals)
Selbstständigen nach Auffassung der Bundesregierung in den letzten Jahren
entwickelt, und plant die Bundesregierung konkrete Maßnahmen im Bereich
der Altersvorsorge, um das Altersarmutsrisiko von (ehemals)
Selbstständigen zu reduzieren?
19. Wie bewertet die Bundesregierung den verpflichtenden Einbezug aller
Selbstständigen in die GRV als Maßnahme, um das Armutsrisiko im Alter
bei Selbstständigen zu reduzieren?
20. Welche Auswirkungen auf die Finanzierung der GRV hätte ein
verpflichtender Einbezug aller Selbstständigen in die GRV nach Kenntnis der
Bundesregierung?
21. Wie viele (Solo-)Selbstständige sind aktuell freiwillig gesetzlich und wie
viele privat krankenversichert (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt nach
Geschlecht angeben)?
22. Wie viele privat versicherte (Solo-)Selbstständige sind aufgrund der
steigenden Prämien zuletzt in den PKV-Basistarif (PKV = private
Krankenversicherung) gerutscht?
23. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung die Zahl der Personen,
die in der Künstlersozialkasse versichert sind, in den letzten zehn Jahren
entwickelt, und wie haben sich die Bundeszuschüsse im selben Zeitraum
entwickelt (bitte gesamt sowie aufgeschlüsselt nach Geschlecht und nach
Landkreisen angeben)?
Berlin, den 27. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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