Rede von Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/9007
Teil von Protokoll der 166. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 25: Drucksache 16/9007 –.
Text
Rede von Monika Lazar (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Drucksache 16/9007
Jeder siebte NPD-Funktionär steht auf der
Gehaltsliste des Verfassungsschutzes! Das wurde im
Zusammenhang mit dem gescheiterten Verbotsantrag im Jahr 2003
bekannt. Auch heute noch arbeiten viele Spitzel zugleich
für NPD und Verfassungsschutz – und kassieren oft
doppelt. Diese Strategie erwies sich vielfach als
kontraproduktiv. Es gibt etliche absurde und peinliche Beispiele,
wie Nazispitzel den Verfassungsschutz gezielt an der Nase
herumgeführt haben. Trotz jahrelanger Zusammenarbeit
mit V-Leuten gelang es den staatlichen Stellen nicht, die
NPD nachhaltig zu schwächen und ihren Einfluss
zurückzudrängen. Im Gegenteil: V-Leute in der Parteiführung
garantieren der NPD stetige Subventionen und sind
überdies der beste Schutz vor einem Verbotsverfahren. Das
sieht nach einem einseitig guten Geschäft für die
Nazipartei aus.
Das demokratische Lager muss sich natürlich fragen:
Welchen Nutzen bringt uns der Einsatz von V-Leuten in
den NPD-Führungsetagen? Die Linksfraktion appelliert
in ihrem Antrag pauschal: Keinen Nutzen, es ist höchste
Zeit, alle V-Leute abzuschalten. Dies betrachtet sie als
ersten – und ausreichenden – Schritt für ein neues,
diesmal erfolgreiches Verbotsverfahren. Und das ist das
wahre Ziel ihres Antrags. Seit jeher plädiert die Linke für
ein schnelles NPD-Verbot als zentrale Maßnahme gegen
Rechtsextremismus. Wir wissen jedoch, dass ein NPD-
Verbot die rechtsextreme Ideologie im Denken vieler
Menschen nicht ändert. Im Gegenteil, es gäbe vielleicht
sogar noch eine Art Märtyrerbonus für Nazikader. Auch
sehen wir die sehr reale Gefahr, dass sich nach einem
Verbot aktive NPD-Truppenteile unter anderem Namen neu
formieren oder aus dem Untergrund weiteragieren
würden. Darüber muss die Politik sich Gedanken machen,
bevor sie symbolträchtig nach Repressionen ruft. Denn
selbst wenn die NPD verboten würde, ihre Wählerinnen
und Wähler können wir nicht verbieten oder wegsperren.
Sie leben weiter in unserem Land, für das wir
Verantwortung tragen. Die zentrale Frage angesichts des
wachsenden Rechtsextremismus lautet deshalb für mich: Warum
erreicht aktuell die demokratische Politik so viele
Menschen nicht mehr, und wie können wir das ändern? Diese
Fragestellung lässt der Antrag der Linksfraktion leider
außen vor.
Im Vordergrund der politischen Debatte sollte die
Bekämpfung des grundlegenden Problems stehen, nicht das
Verbot einer daraus erwachsenen Struktur. Dieses
Problem besteht in der rassistischen, antisemitischen undneofaschistischen Haltung vieler Bürgerinnen und
Bürger. Die Verdrängung der NPD in die Illegalität würde die
Ultrarechten zweifellos strukturell schwächen. Auf
Naziideologie und rechtsextreme Gewalt wäre sie jedoch
keine geeignete Antwort. Auch müsste man mit der
Bildung von Nachfolgeorganisationen rechnen. Ein
Argument für ein Verbotsverfahren – und im Vorfeld für den
zwingenden Verzicht auf Informanten – ist die staatliche
Parteienfinanzierung. Mich ärgert es sehr, dass die NPD
davon profitiert. Die Lösung dieses Problems liegt jedoch
nicht in einem Parteiverbot, sondern in der Förderung
der Zivilgesellschaft, damit die NPD gar nicht erst
gewählt wird. Starkes Demokratiebewusstsein kann
rechtsextremen Parteien die Basis für ihre
menschenverachtende Politik entziehen. Demokratische Strukturen
entstehen aber nicht durch Verbote! Wir müssen sie
langfristig und quer durch alle Parteien und
Gesellschaftsschichten entwickeln.
Diesen Ansatz vermisse ich im Antrag der
Linksfraktion. Stattdessen erhebt er die gern gehörte,
symbolpolitische Forderung nach einem NPD-Verbot.
„Symbolpolitisch“ nenne ich sie, weil die V-Leute dabei als scheinbar
einziges Hindernis für ein Verbot instrumentalisiert
werden. Die Linksfraktion legt nahe, dass einzig die
Informanten die Zerschlagung der Nazistrukturen verhindern
würden. Dies ist weder sachlich richtig noch zielführend.
Selbstverständlich verurteilen auch wir die Missstände
bei der Überwachung der NPD durch den
Verfassungsschutz. Angesichts öffentlicher Skandale sind Skepsis
und Wachsamkeit durchaus angebracht. Es ist höchst
bedauerlich, wie stümperhaft und lasch offenbar
gewisse Überwachungen durchgeführt wurden. Wir
fordern den Verfassungsschutz auf, professioneller zu
agieren und Informanten besser auf ihre Eignung zu prüfen.
Es ist abzusichern, dass staatliche Behörden nicht
Straftaten billigend in Kauf nehmen oder gar unterstützen.
Eine Überwachung, die das Selbstbewusstsein
agierender Nazis und die Gefahren durch die NPD nur weiter
erhöht, verfehlt ihr Ziel in fataler Weise.
Sollen wir also sofort alle V-Leute abschalten, wie die
Linke vorschlägt? Unsere Antwort lautet: Nein. Das wäre
nicht realisierbar. Der Staat ist auf Informationen aus
dem NPD-Umfeld angewiesen und zudem verpflichtet,
aus Schutzgründen die Anonymität der V-Leute zu
wahren. Das heißt jedoch nicht, alles könne weiterlaufen wie
bisher. Die Überwachung muss viel professioneller
gestaltet werden. Die zuständigen Gremien auf Bund- und
Länderebene haben ihre Kontrollfunktion gewissenhafter
und konsequenter auszuüben. Erkenntnisse des
Verfassungsschutzes müssen kooperativ ausgewertet und
sinnvoll genutzt werden. Leider hat aber die
Innenministerkonferenz großen Nachbesserungsbedarf aufgezeigt. Mit
Steuermitteln gewonnene Informationen wurden
zurückgehalten. Politikerinnen und Politiker griffen einander
öffentlich an. Von einer abgestimmten Strategie war
nichts zu hören.
Ohne Zusammenarbeit der demokratischen Kräfte
werden wir aber scheitern. Das gilt für Repression wie für
Prävention! In unserem Land finden fast ständig
irgendwo Wahlen statt. Lassen Sie uns mit starken
Bündnissen und präventiven Mitteln dafür sorgen, dass die NPDZu Protokoll gegebene Reden
Monika Lazardabei auf der Verliererseite steht. Dann erübrigt sich die
Debatte um V-Leute und Verbotsverfahren.