Rede von Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) – Drucksache 16/10878
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 28: Drucksache 16/10878 –.
Text
Rede von Dr. Martina Bunge (DIE LINKE) – Drucksache 16/10878
Die Glücksspielsucht in Deutschland ist ein großes,
wenn auch leider viel zu wenig beachtetes Problem.
Besondere Bedeutung kommt dabei den
Glücksspielautomaten zu. Genau bei diesen kommt der Bundesregierung mit
ihrer Änderung der Spielverordnung im Januar 2006
wieder einmal eine unrühmliche Rolle zu. Sie wollte die
Automatenaufsteller wirtschaftlich unterstützen. So durften
diese ab 2006 wieder mehr Automaten in Gaststätten
aufstellen, und der Spielverlust pro Stunde wurde erhöht.
Gewinne der Aufsteller auf der einen Seite führen natürlich
zu Verlusten auf der anderen Seite.
Die Folgen der Spielsucht sind für die Betroffenen und
ihr Umfeld enorm. Sie reichen von Geldnot oder gar
Verschuldung bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes und
Problemen in der Familie und Partnerschaft. Daher ist es
wichtig, dass diese Problematik nunmehr auf der Agenda
des Deutschen Bundestages ist.
Grundsätzlich fällt die Einordnung der Spielsucht
nicht immer leicht, ähnlich wie bei anderen
stoffungebundenen Süchten wie Internetsucht, Mediensucht oder auch
Esssucht. Sie wird zu den sogenannten Verhaltenssüchten
gerechnet. Dennoch ist es sinnvoll – wie auch im Antrag
der Grünen vorgesehen –, strukturelle,
verhältnisorientierte Veränderungen herbeizuführen.
Gesundheitsverhalten genauso wie Spielverhalten finden nicht im
luftleeren Raum statt, sondern mitten in unserer Gesellschaft.
Spielsucht darf daher nicht unabhängig von der
gesellschaftlichen Realität betrachtet werden. Es ist aber leiderZu Protokoll gegebene Reden
oft für die Gesellschaft am einfachsten, die Schuld dem
Einzelnen zuzuschreiben.
Es ist erwiesen: Zwischen der leichten Verfügbarkeit
und Griffnähe eines Spielangebots und einem verstärkten
Nachfrageverhalten besteht ein eindeutiger
Zusammenhang. Da unterscheidet sich Glücksspiel übrigens nicht
von Tabak oder Alkohol. Und die Struktur der
Zugänglichkeit, die Dauer der Spieleinheiten oder die in Aussicht
gestellten Gewinnversprechen sind sicherlich ein
wichtiger Zugang zu dieser Problematik, aber nur eine Seite der
Medaille. Nicht vergessen sollte man dabei, dass
Spielsuchtkarrieren oft bereits bei Kindern und Jugendlichen
beginnen. Da darf es nicht sein, dass über 60 Prozent der
Jugendlichen unter 18 Jahren Zugang zu Glücksspielen
haben, die ihnen eigentlich erst volljährig zugänglich
sein sollten. Hier zu meinen, dass vieles darauf hindeutet,
dass der Jugendschutz so gut wie nicht umgesetzt werden
kann, erscheint mir sehr defensiv. Da müssen eben
Regelungen gefunden werden, dass der Jugendschutz
gewährleistet ist.
Die andere Seite der Medaille ist, dass leider hier
genauso wie bei vielen anderen Erkrankungen und
schlechten Gesundheitsrisiken die sozial benachteiligten,
bildungsschwachen Bevölkerungsgruppen besonders stark
betroffen sind.
So sehr ich auf der einen Seite den vorliegenden
Antrag unterstützenswert finde, so sehr möchte ich darauf
hinweisen, dass es wenig Sinn ergibt, ein Symptom nach
dem anderen zu behandeln, anstatt tiefer zu den Ursachen
vorzudringen. Sonst verschieben wir die Problematik
immer nur von einem zum anderen Symptom. Wir brauchen
Perspektiven für die Menschen und nicht, dass sie ihr
Leben selbst als schlechtes Glücksspiel betrachten. Gerade
bei der Glücksspielsucht zeigt sich doch, worum es geht:
Man möchte auch einmal zu den Gewinnerinnen oder
Gewinnern gehören. Daher gilt hier, was auch bei der
Prävention und Gesundheitsförderung grundsätzlich gilt:
Wir brauchen endlich eine Politik, die die Menschen
wieder mitnimmt, eine Politik, die sozial gerecht ist, eine, die
den Menschen faire Chancen bietet, die höher sind als die
auf einen Lottogewinn.
Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die Bundesregierung
aufzufordern, den unerlässlichen Vorgaben des
Bundesverfassungsgerichts und des Europäischen Gerichtshofs
zur kohärenten und systematischen Bekämpfung der
Glücksspielsucht nachzukommen.