Rede von Ulrich Kelber (SPD) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Teil von Protokoll der 167. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6 und 7: Drucksachen 16/8148, 16/8393 –.
Text
Rede von Ulrich Kelber (SPD) – Drucksachen 16/8148, 16/8393
Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und
Herren! Deutschland ist Weltmeister beim Ausbau der
erneuerbaren Energien. Mit den Gesetzen, die wir heute
beschließen, werden wir diesen Ausbau beschleunigen.
Davon profitiert unser Land in vielfacher Hinsicht.
Erstens. Ein Jobwunder wird fortgesetzt. In den letzten
zehn Jahren sind 250 000 Arbeitsplätze im Bereich der
erneuerbaren Energien entstanden. Wir legen heute die
Grundlage, dass es im Jahr 2020 500 000 Arbeitsplätze
in Deutschland sein können.
Zweitens. Mit dem Ausbau der erneuerbaren
Energien wird das beste Klimaschutzinstrument weiter
geschärft. Ein Großteil der Minderung der
Treibhausgasemissionen, die wir als deutsches Klimaschutzziel bis
2020 erreichen müssen, beruht auf diesen Gesetzen.
Drittens. Erneuerbare Energien leisten den
wichtigsten Beitrag zur Energieversorgungssicherheit. Sie
machen uns unabhängig von Importen. Sie sind wesentlich
weniger anfällig für Ausfälle bei Wetterextremen.
Viertens. Wir schaffen mit den erneuerbaren Energien
eine volkswirtschaftliche Lebensversicherung und für
die Haushalte die Möglichkeit, sich von steigenden
Energiepreisen unabhängig zu machen.
Ich möchte auf diese vier Punkte kurz eingehen. Es
geht nicht nur um die großen Firmen, die in den letzten
zehn Jahren entstanden sind. Manche dieser
Gründungswunder grenzen an das, was um 1880 als Grundlage für
den späteren Siemens-Konzern geschaffen wurde. Wer
in den Gegenden in Ostdeutschland, in denen die
Solarfirmen jeden Tag eine neue Halle hochziehen, unterwegs
ist und in die Orte seines Wahlkreises und die Städte
unseres Landes geht und die Handwerker, die längst in
diesen Bereichen ihr Einkommen erzielen, die
Zulieferbetriebe, die mit Steuerungstechnologie Geld verdienen,
und ehemalige Fensterfirmen sieht, die ihren
Schwerpunkt nun auf die Solartechnologie gelegt haben, stellt
fest: Unsere Wertschöpfung beruht zunehmend auf einer
Technologie, bei der das Geld in Arbeitsplätze im
eigenen Land und nicht in den Import von Energie gesteckt
wird.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Diese Erfolgsstory, die noch vor wenigen Jahren von der
Mehrzahl der Kommentatorinnen und Kommentatoren
für unmöglich gehalten wurde, wird beschleunigt
fortgesetzt. Die Reaktionen auf die von der Koalition
getroffenen Beschlüsse an der Börse und bei den betreffenden
Ulrich KelberBranchenverbänden zeigen, wie viel Vertrauen in das
gesetzt wird, was wir heute beschließen.
Zum Klimaschutz: Wir wollen das deutsche
Klimaschutzziel, bis 2020 die Treibhausgasemissionen um
40 Prozent zu mindern, erreichen. Das ist unser Beitrag,
um die Erde lebenswert zu halten. Die Besonderheit der
erneuerbaren Energien ist, dass sie mit jedem Jahr
preiswerter und nicht wie andere Technologien teurer
werden. Deswegen ist es richtig, dass wir hier den
Schwerpunkt setzen. Das ist der Weg in die Zukunft. Wir
erschließen mit der Technologieförderung Potenziale für
eine weitere Verminderung der Treibhausgasemissionen
über das Jahr 2020 hinaus. Wir alle wissen, wie stark der
Umbau unserer Industriegesellschaft sein muss, um in
der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts die
Treibhausgasemissionen um insgesamt 80 Prozent zu verringern.
Drittens. Es sind die erneuerbaren Energien – da muss
die Diskussion vom Kopf auf die Füße gestellt werden –,
die längst zur Energieversorgungssicherheit
beitragen. Großkraftwerke werden abgeschaltet, wenn im
Hochsommer die Kühlflüssigkeit fehlt. Wenn große
Kraftwerke abgestellt werden müssen, wie es dieser
Tage in Slowenien der Fall war, haben Länder
Schwierigkeiten, ihre Stromversorgung zu gewährleisten. Wir
sehen, dass verschiedene Entwicklungen dazu führen,
dass jedes Jahr der Preis für Strom aus der zentralen
Energieversorgung – wenige zentrale Erzeugungsblöcke,
viele abhängige Verbraucherinnen und Verbraucher –
weiter steigt. Zudem müssen wir damit rechnen, dass es
in verschiedenen Zulieferungsbereichen, sei es der
fossilen Energieträger, sei es der nuklearen Energieträger, zu
Versorgungsengpässen kommt, weil Förderung und
Verbrauch nicht mehr zusammenpassen. Es muss uns doch
alarmieren, wenn die Ölfirmen selbst zugeben, dass sie
es nicht mehr schaffen, die Ölförderung zu steigern. Die
Ölförderung auf den wichtigsten Feldern wird
zurückgehen. Eine zurückgehende Förderung bei steigendem
Verbrauch bedeutet explodierende Preise. Bei den heutigen
hohen Ölpreisen erinnern wir uns fast mit Wehmut an
die niedrigen Preise der vergangenen Jahre. Jeder
Schritt, mit der diese fossilen Einheiten durch Effizienz
oder erneuerbare Energien ersetzt werden, bedeutet mehr
Versorgungssicherheit für unser Land.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Deswegen ist es richtig, jetzt einen Anteil der
erneuerbaren Energien von mindestens 30 Prozent an der
Stromerzeugung zu fordern. Wenn die Entwicklung bei den
fossilen und nuklearen Energieträgern so weitergeht,
dann werden daraus 35 oder 40 Prozent im Jahr 2020
werden. Wir wollen das Gleiche im Wärmebereich durch
eine Verpflichtung bei den Neubauten und durch eine
massive Förderung bei der Umrüstung bestehender
Gebäude.
Letzter Punkt: Die steigenden Energiepreise
bedrücken immer mehr Menschen. Es gibt Menschen, die
nicht mehr wissen, wie sie ihre Energiepreise bezahlen
sollen. Auf dieses Problem muss es eine große Anzahlvon Antworten geben. Die Menschen wollen eine
Antwort der Politik. Eine dieser Antworten ist: Wir müssen
auch dafür sorgen, dass wir unabhängiger von einem
Preiskartell weniger Monopolisten werden. Die
erneuerbaren Energien sind ein Teil dieser Strategie. Sie sind
eine Lebensversicherung für die Volkswirtschaft, und
sie sind eine Unabhängigkeitserklärung des Einzelnen.
Ich nenne als Beispiel die Fotovoltaik, die in den letzten
Wochen massiv angegriffen wurde. Das hat damit zu
tun, dass das die einzige Technologie ist, mit der Firmen
wie Eon und RWE in dieser Republik kein Geld
verdienen können, weil die Stromerzeugung dezentral beim
Verbraucher erfolgt. Wir haben jetzt einen
Gesetzentwurf vorgelegt, der dazu führt, dass in fünf, sechs Jahren
Strom aus einer Fotovoltaikanlage billiger ist als der
Strom aus der Steckdose. Ab diesem Tag ist die
Fotovoltaik die Stromproduktion des kleinen Mannes. Wenn
man sich eine solche Anlage auf das Dach setzt, dann
macht man sich unabhängig von den Stromrechnungen.
Es wird eintreten, was in einer bekannten Werbung über
die Miete gesagt wird: Sie haben über all die Jahre
vergessen, was Miete zahlen eigentlich ist. – Auf einen
solchen Zustand bewegen wir uns mit den erneuerbaren
Energien zu. Deswegen ist heute ein guter Tag für die
Verbraucherinnen und Verbraucher.
Vielen Dank.