Rede von Ulla Jelpke (DIE LINKE) – Von der
Teil von Protokoll der 95. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 29: Zweite und dritte Beratung des von der.
Text
Rede von Ulla Jelpke (DIE LINKE) – Von der
Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Der
Gesetzentwurf der Bundesregierung enthält einen
wichtigen Grundgedanken: Gefängnisse machen krank. Dieser
Gedanke wird leider nicht vertieft. Die Konsequenz
Ulla Jelpkewäre nämlich: Therapie statt Strafe, psychisch- und
suchtkranke Täter therapieren und nicht bloß einsperren.
Es läge auch im Interesse der Öffentlichkeit, dass kranke
Täter im Knast nicht noch kränker werden und weitere
Straftaten begehen können.
Den Gesetzentwurf durchziehen leider vorwiegend
ökonomische Überlegungen. Die Einrichtungen des
Maßregelvollzugs sollen effektiver arbeiten. Das ist ein
gutes Vorhaben, aber das, was die Regierung plant,
schadet den Therapiebedürftigen und der Öffentlichkeit. Man
kann nicht nur mit kurzfristigen Kosteneinsparungen
argumentieren, sondern muss auch längerfristige
Überlegungen anstellen. Das vermissen wir.
Eine wichtige Änderung sieht jetzt die Möglichkeit
vor, bei Strafen über drei Jahren erst einen Teil der
Haftstrafe abzusitzen. Danach soll therapiert werden. Der
Grund: Ein Gefängnisaufenthalt nach der Therapie
gefährde den Therapieerfolg. Mit anderen Worten: Knast
macht krank. Deswegen wurden die Insassen im
Zweifelsfall länger im Maßregelvollzug belassen. Aber das ist
der Regierung nun zu teuer geworden. Nicht aus
fachlichen, sondern aus rein finanziellen Erwägungen wollen
Sie die alte Regel umkehren.
(Michael Grosse-Brömer [CDU/CSU]:
Lassen Sie doch den Populismus!)
Sie wissen, was Experten – auch in der Anhörung –
gesagt haben: Gefängnis wirkt sich negativ auf die
Therapiewilligkeit eines Menschen aus. An Drogen kommt
man im Knast gut ran; auch das wissen Sie. Ob das die
richtige Grundlage für eine Therapie ist, Herr Kauder,
wage ich zu bezweifeln.
Ich will noch einen anderen kritischen Punkt nennen;
die Ministerin hat ihn angesprochen. Für Menschen ohne
deutschen Pass soll in Zukunft gelten: erst Knast, dann
keine Behandlung, dann Abschiebung. In der
Gesetzesbegründung ist von durchreisenden Drogenkurieren, die
selbst drogenabhängig sind, die Rede. Diese mag es ja
geben, aber es gibt auch drogenkranke Menschen aus
Einwandererfamilien, die hier in der dritten Generation
leben. Ich meine, dass sie hier behandelt werden müssen
und nicht in dem Land, aus dem sie ursprünglich
kommen. Es ist meiner Meinung nach ziemlich zynisch,
diese Aufgabe anderen Gesellschaften aufzudrücken und
diesen Menschen hier nicht zu helfen. Denn sie sind
krank.
Der Gesetzentwurf enthält einige richtige
Überlegungen, etwa über die regelmäßigen Begutachtungen der im
Maßregelvollzug Untergebrachten. Wir sind jedoch der
Meinung, dass diese Begutachtungen häufiger
geschehen sollten. Aber das lassen wir einmal dahingestellt.
Nur: Damit werden Sie das Problem der
Überbelegung, die hier schon angesprochen wurde, nicht lösen.
Die Belegungszahlen in den therapeutischen
Einrichtungen haben sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt.
Warum ist das so? Darauf hat die Regierung leider keine
Antwort gegeben. Ich gebe zu: Auch wir haben darauf
keine einfache Antwort. Aber wir haben eine Einsicht.Der Zusammenhang zwischen sozialer Not und
Suchtkrankheit ist ja bekannt. Zu fragen wäre also, ob
Perspektivlosigkeit als Folge neoliberaler Politik – ich sage
nur Hartz IV, Armut per Gesetz – immer mehr Menschen
in psychische Krankheiten und in die Sucht treibt.
(Lachen des Abg. Jerzy Montag [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
Deswegen lautet mein Vorschlag, Nägel mit Köpfen
zu machen und diesen Gesetzentwurf nicht vorschnell
aus Kostengründen durchzupeitschen.
(Jörg van Essen [FDP]: Das sagt die
Angehörige einer Partei, die die Psychiatrie in der
DDR schrecklich missbraucht hat!)
Stimmen Sie heute gegen den Gesetzentwurf. Fangen
wir die Debatte noch einmal von vorne an.
Ich danke Ihnen.