Keine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze
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Keine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8388
21. Wahlperiode 06.10.2026
Antrag
der Abgeordneten Sarah Vollath, Janine Wissler, Doris Achelwilm, Dr. Dietmar
Bartsch, Desiree Becker, Janina Böttger, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze Edis,
Christian Görke, Cem Ince, Cansin Köktürk, Tamara Mazzi, Pascal Meiser, Zada
Salihović, Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Isabelle Vandre, Sascha Wagner, Anne
Zerr und der Fraktion Die Linke
Keine weitere Erhöhung der Regelaltersgrenze
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Seit Januar 2012 wird die Regelaltersgrenze schrittweise von 65 auf 67 Jahre
angehoben. Versicherte müssen immer länger arbeiten, um ohne Abschläge in Rente
gehen zu können. Zugleich verdoppelt sich der höchstmögliche Abschlag von 7,2
Prozent auf 14,4 Prozent. Unter anderem aufgrund der tatsächlichen Situation auf
dem Arbeitsmarkt, gesundheitlicher Einschränkungen oder aus familiären
Gründen schaffen es viele Beschäftigte nicht, länger zu arbeiten und müssen deshalb
mit stärkeren Kürzungen ihrer Rente leben. Selbst Beschäftigte, die es schaffen
bis zu einer angehobenen Regelaltersgrenze weiterzuarbeiten, wären mit einer
längeren Beitragszahlung und einer kürzeren Rentenbezugsdauer konfrontiert,
wobei die zusätzlich erworbenen Anwartschaften in der Regel nicht ausreichen,
um die negativen Auswirkungen der höheren Regelaltersgrenze auf die
lebenslangen Rentenleistungen auszugleichen. Jegliche Anhebungen des
Renteneintrittsalters sind und bleiben deshalb Rentenkürzungen. Die resultierenden
Rentenkürzungen betreffen insbesondere die Regionen und sozioökonomischen Gruppen,
die am wenigsten von einem Anstieg der Lebenserwartung profitieren.
Nach den Vorschlägen der Alterssicherungskommission soll die
Regelaltersgrenze künftig an die durchschnittliche Lebenserwartung gekoppelt werden und
damit voraussichtlich auch nach der schrittweisen Anhebung auf 67 nach 2031
noch weiter angehoben werden. Der Koalitionsausschuss hat beschlossen, alle 33
Empfehlungen der Alterssicherungskommission vollständig zu übernehmen.
In der medialen Debatte herrscht das Bild vor, dass die Menschen durch die
gestiegene Lebenserwartung immer älter werden und somit auch länger arbeiten
sollten. Dieser vereinfachte Gedanke darf eine tiefergehende Auseinandersetzung
mit den statistischen Daten zur Entwicklung der Lebenserwartung und den
Auswirkungen einer solchen Regelung jedoch nicht ersetzen. Die der
Bundesregierung selbst vorliegenden Zahlen (BT-Drs. 21/5099) offenbaren mehrere Gründe,
die gegen eine Kopplung der Regelaltersgrenze an die durchschnittliche
Lebenserwartung sprechen.
V
orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
Zunächst würden damit regionale Unterschiede zwischen den Bundesländern
ignoriert und potenziell verstärkt werden. Während in einigen Bundesländern die
Lebenserwartung gestiegen ist, ist sie in anderen Bundesländern sogar gesunken.
Für Bundesländer, in denen die Lebenserwartung nicht steigt, bedeutet eine
Kopplung der Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung nichts anderes als eine
Rentenkürzung. Die Unterschiede in der Lebenserwartung zwischen den Regionen
mit der niedrigsten und der höchsten sozioökonomischen Deprivation sind in den
letzten Jahren sogar gestiegen (Hoebel, Michalski, Baumert, Nowossadeck,
Tetzlaff: Die Lebenserwartungslücke: Sozioökonomische Unterschiede in der
Lebenserwartung zwischen Deutschlands Regionen. J Health Monit. 2025;10(1):e13003.
doi: 10.25646/13003). Gerade in strukturschwachen Regionen, wo die Renten
ohnehin schon viel zu niedrig sind, könnte sich die Altersarmut damit nochmal
drastisch verschärfen.
Außerdem werden durch eine Kopplung sozioökonomische Unterschiede
ignoriert. Zahlreiche Studien (s. z.B. Geyer/Haan/Tréguier: Höheres
Haushaltseinkommen geht bei Frauen und Männern mit höherer Lebenserwartung einher, in:
DIW-Wochenbericht, 91. Jg. (2024), Nr. 25, S. 395–400) belegen, dass sich
Faktoren wie der Bildungsgrad, das Einkommen, die Wohnsituation oder die
Arbeitsbedingungen auf die Lebenserwartung auswirken. Auch die Bundesregierung
räumt ein, „dass ein enger Zusammenhang zwischen sozioökonomischer und
gesundheitlicher Lage besteht“ (BT-Drs. 21/5099). Wer ein Leben lang unter
schweren Arbeitsbedingungen zu einem viel zu niedrigen Lohn gearbeitet hat oder durch
Faktoren wie den Bildungsstatus oder die Wohnsituation benachteiligt ist, hat ein
deutlich höheres Risiko, früher zu sterben. Eine Kopplung der Regelaltersgrenze
an die durchschnittliche Lebenserwartung benachteiligt gerade jene
Beschäftigten, die lange für niedrige Löhne in körperlich belastenden Berufen gearbeitet
haben. Ihre Rentenbezugszeit kann sich stärker verkürzen als die anderer Gruppen,
bei weiter wachsenden Unterschieden nicht nur im Verhältnis, sondern
möglicherweise auch in absoluten Jahren. Der Vorschlag, die Regelaltersgrenze künftig
an die Lebenserwartung zu koppeln, blendet die zunehmenden Unterschiede in
der Lebenserwartungsentwicklung vollkommen aus.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf, ihr
Gesetzgebungsvorhaben, die Regelaltersgrenze an die Lebenserwartung zu koppeln,
nicht weiterzuverfolgen.
Berlin, den 6. Oktober 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Begründung
Zwischen 2012 und 2025 ist die fernere Lebenserwartung für Männer in einigen Bundesländern gesunken oder
sie stagniert: Im Bundesland mit dem größten Zuwachs, Baden-Württemberg, werden 65-jährige Männer im
Schnitt um ca. 6 Monate älter als 2012. Dagegen sterben 65-jährige Männer im Schnitt in Hamburg, Bremen,
Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sogar etwas früher. Eine steigende bundesdurchschnittliche Le-
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orabfassung – w
ird durch die lektorierte Fassung ersetzt.
benserwartung in Deutschland (in diesem Fall für Männer) verschleiert also starke Ungleichheiten in der
Entwicklung der Lebenserwartung. Vergleicht man die Bundesländer untereinander, so zeigt sich, dass 65-jährige
Männer in Baden-Württemberg im Durchschnitt noch etwa 18,9 Jahre zu leben haben, während es in Sachsen-
Anhalt mehr als zwei Jahre weniger sind. Die Tendenz ist eine steigende Ungleichheit.
Bei Frauen gibt es ähnliche Entwicklungen: Während die bundesdurchschnittliche fernere Lebenserwartung der
Frauen zwischen 2012 und 2025 um ca. 2,5 Monate gestiegen ist, ist die fernere Lebenserwartung in Bremen,
Hamburg, Niedersachsen und dem Saarland leicht gesunken (bspw. im Saarland um ca. 1,5 Monate). Die
Ungleichheit zwischen den Bundesländern mit der höchsten und der niedrigsten Lebenserwartung bei 65-jährigen
Frauen hat sich um ca. ein halbes Jahr erhöht und erreichte damit ca. 1,5 Jahre im Jahr 2025.
Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen auch, dass die seit 2012 laufende Anhebung der
Regelaltersgrenze um ca. 14 Monate bis 2025 den Anstieg der Lebenserwartung von Männern und Frauen im gleichen
Zeitraum deutlich übersteigt (BT-Drs. 21/7670, Anlage 1).
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