Rede von Dr. Ralf Stegner (SPD) – Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew –.
Text
Rede von Dr. Ralf Stegner (SPD) – Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Dass wir eine Aktuelle Stunde zum Besuch des
Bundeskanzlers in der Ukraine haben, ist gut; denn es ist
richtig, dass der Bundeskanzler der Ukraine die
Solidarität der Deutschen übermittelt. Das ist notwendig. Wir
haben den fünften Kriegswinter vor uns. Wir reden
darüber, dass jeden Tag Menschen sterben, ermordet werden,
entführt werden, vergewaltigt werden. Zerstörung und
Terror herrschen in der Ukraine, und ein schwieriger
Winter steht bevor. Da ist es richtig, dass signalisiert
wird, dass wir als Deutsche die Ukraine weiterhin
unterstützen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
der Abg. Dr. Anja Reinalter [BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN])
Der Streit, ob wir die Ukraine unterstützen oder nicht,
herrscht in diesem Parlament nicht zwischen
Demokraten; der wird nur mit Ihnen von der AfD geführt. Wir
streiten gelegentlich darüber, wie wir das mit dem
Verhältnis von militärischen und diplomatischen
Anstrengungen machen; das ist zwischen Demokraten auch
legitim. Das aber, was Sie hier machen, ist: Sie reden in
ekelhafter Weise, einer Weise, bei der die Opfer gar nicht
vorkommen. – Und das ist auch kein Wunder, wenn man
hört, was aus der AfD zum Thema Opfer gesagt wird –
ich zitiere mal wörtlich –: „Wo gehobelt wird, da fallen
Späne“. Das hat übrigens Herr Tillschneider gesagt, der
gerade zum Vizepräsidenten im Landtag von Sachsen-
Anhalt gewählt worden ist; dazu komme ich gleich
noch mal.
Ich will ehrlich sagen: Der Punkt, der uns hier
besorgen muss, ist, dass die AfD mit ihrem Sozialpopulismus,
äußere Sicherheit gegen innere auszuspielen und so zu
tun, als sei sie Friedenspartei, obwohl sie eigentlich nur
Putins Geschäft macht, leider an den Wahlurnen Erfolg
hat. Dem müssen wir uns stellen. Das kann man meiner
Meinung nach nicht einfach so hinnehmen, sondern
darum müssen wir uns kümmern.
Und ich sage an die Reihen unserer eigenen Koalition:
Wir sollten nicht darüber nachdenken, was es als
Alternativen geben könnte. Keine Alternative wäre übrigens
besser; denn die Alternative wäre rechts von uns. Das
sage ich bei allem Respekt vor der demokratischen
Opposition hier. Wenn wir hier vorgezogene Neuwahlen
hätten und wieder zeigen würden, dass wir es nicht
hinkriegen,
(Edgar Naujok [AfD]: „Wieder zeigen
würden“! Genau!)
oder es eine Minderheitenregierung mit Duldung oder gar
noch was Schlimmeres gäbe, dann hätten
Rechtsextremisten richtigen Einfluss. Das dürfen wir nicht zulassen.
Deswegen haben wir ordentliche Arbeit abzuliefern.
(Beifall bei der SPD – Markus Frohnmaier
[AfD]: Ihr habt Schiss vor Neuwahlen! –
Weitere Zurufe von der AfD)
Und nicht nur das! Wir müssen uns in der Sache auch
verständigen. Wir müssen die Themen aufgreifen und
dürfen auch Themen wie Friedenspolitik den Populisten
nicht kampflos überlassen. Ich finde es ausgesprochen
wichtig, dass wir das beherzigen. Wir werden am Ende
daran gemessen, ob wir dies auch tun.
(Stephan Brandner [AfD]: Ihnen steht die
Angst vor Neuwahlen ins Gesicht geschrieben,
Herr Stegner!)
Auf der anderen Seite ist es aber so – und da verweise
ich auf die Rede des Bundespräsidenten in Bremen –,
dass es darum gehen kann und gehen muss, Wählerinnen
und Wähler von der AfD zurückzuholen. Aber es kann
nicht um eine Annäherung an die AfD gehen; denn mit
dieser AfD haben wir nichts gemein. Sie hat mit unseren
Grundwerten nichts zu tun.
Sie verrät alles, was das Grundgesetz von uns fordert.
Das kann man daran sehen, dass der Schaden leider
schon eingetreten ist.
(Markus Frohnmaier [AfD]: Der Schaden steht
da!)
In Magdeburg ist ein Mann der AfD zum
Parlamentspräsidenten gewählt worden.
Es ist das erste Mal seit 1945, dass ein Rechtsextremist
ein Parlament leitet.
(Dr. Anna Rathert [AfD]: Oh, schämen Sie
sich! – Weitere Zurufe von der AfD)
Zum ersten Mal seit Hermann Göring passiert das in
einem deutschen Parlament.
(Derya Türk-Nachbaur [SPD]: Furchtbar! –
Stephan Brandner [AfD]: Was war denn mit
Richard Stücklen? Der war doch auch ein
Jahrzehnt in der NSDAP, oder nicht?)
Und es passierte uns bei einer Partei mit einem
Funktionär aus Sachsen-Anhalt, der gesagt hat – ich zitiere –:
„Wir sollten eine SA gründen und aufräumen!“ Das
kommt aus der AfD in Sachsen-Anhalt, um das mal
deutlich zu sagen.
Solche Leute sind das.
Deswegen kann es keine Annäherung an die AfD geben.
Und ich sage das mit aller Deutlichkeit: Der Schaden ist
zwar schon eingetreten, aber noch ist der
Ministerpräsident nicht gewählt.
(Stephan Brandner [AfD]: Stimmt! Das dauert
noch einen Monat oder zwei!)
Ich finde, man kann es denen auch nicht durchgehen
lassen, dass es nicht die eigene Stärke ist, die sie in solche
Ämter bringt, sondern die Schwäche der Demokraten,
das nicht zu verhindern. Dafür darf man kein
Steigbügelhalter werden, weder das BSW noch sonst irgendjemand.
Das will ich hier ausdrücklich und deutlich sagen.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN und der Linken)
Wir haben, als wir das gestern zur Kenntnis genommen
haben, in der SPD-Fraktion gesagt: Wir tagen im Otto-
Wels-Saal. Heute kann kein Tag wie jeder andere sein. Es
kann nicht sein, dass man einfach nichts tut, sondern man
muss deutlich machen: Das muss die Grenze sein. Es
kann nicht sein, dass wir denen auch noch helfen.
Relationen
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