Rede von Lea Reisner (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 1: Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew –.
Text
Rede von Lea Reisner (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Reise von Bundeskanzler Merz nach Kiew
Frau Präsidentin! Abgeordnete! Täglich grüßt das
Murmeltier: Die AfD tut so, als ob ihr die Rentnerin in
Magdeburg, der Schreiner im Harz oder die Pflegerin im
Ruhrgebiet am Herzen liegt.
(Markus Frohnmaier [AfD]: Wir tun nicht so!
Das ist so!)
Dabei wollen sie die Erbschaftsteuer abschaffen, die
Wehrpflicht zurück, mehr Geld für die Bundeswehr,
keine Erhöhung des Mindestlohns, dafür mehr
Privilegien für die Eliten. Sie sind keine Friedenspartei. Und
Sie sind ganz sicher nicht die Partei der kleinen Leute.
(Beifall bei der Linken – Markus Frohnmaier
[AfD]: Sie auch nicht! – Stephan Brandner
[AfD]: Wir sind die Partei der politischen
Klugheit!)
Jahrelang haben Sie gegen Geflüchtete gehetzt. Ihre neue
Masche jetzt ist genauso durchschaubar: Sie spielen die
Menschen in Deutschland gegen die Opfer eines Krieges
aus, damit keiner über die Reichen und Mächtigen redet.
Über die Reichen und Mächtigen redet aber auch der
Kanzler nicht so gerne. In Kyjiw stellt er sich ernsthaft
vor die internationale Presse und stellt Die Linke, die in
Berlin eine Wahl gewonnen hat, mit der AfD in eine
Reihe.
(Stephan Brandner [AfD]: Unverschämtheit! –
Markus Frohnmaier [AfD]: Das finde ich auch
unverschämt! Wir wollen nicht mit Ihnen in
eine Reihe gestellt werden! Wir sind keine
Clanpartei!)
Herr Merz, wir sind eine sozialistische Partei, wir stellen
die Eigentumsfrage, wir legen uns mit den Konzernen
und den Überreichen an. Dass das für Sie genauso
schlimm ist wie die menschenverachtenden Pläne der
AfD, sagt sehr viel über Ihre Prioritäten.
Nur zwei Tage später sorgen mutmaßlich ausgerechnet
Ihre Abgeordneten in Magdeburg dafür, dass nun die
AfD den Landtagspräsidenten stellt.
(Stephan Brandner [AfD]: Maßgeblich waren
unsere Leute dafür verantwortlich!)
Bevor Sie also mit dem Finger auf Die Linke zeigen,
kümmern Sie sich lieber um Ihre eigene Partei und um
Ihre eigene Politik.
(Beifall bei der Linken – Markus Frohnmaier
[AfD]: Hat Ihnen Herr Rammo das
aufgeschrieben?)
Denn wir müssen uns hier nichts vormachen. Auch mit
dieser Debatte heute könnte die AfD absolut nichts
erreichen, wenn die Bundesregierung ihr nicht jeden Tag eine
neue Vorlage liefern würde. Reden wir also darüber, wie
Sie der Ukraine eigentlich helfen und um wen es Ihnen
dabei geht. Es geht Ihnen nämlich nicht um die Mütter,
deren Kinder schwer verletzt, traumatisiert oder gar nicht
mehr von der Front zurückkommen.
Es geht Ihnen nicht um die jungen Männer, die nicht mehr
töten und sterben wollen und sich dem Kriegsdienst
entziehen. Und es geht Ihnen nicht um die Arbeiterinnen und
Arbeiter, deren Rechte gerade abgebaut werden.
(Stephan Brandner [AfD]: Wen meinen Sie
denn?)
Die AfD wirft der Regierung vor, nicht im Interesse der
Deutschen zu handeln. Dabei tut sie genau das: Sie
arbeitet im Sinne des deutschen Kapitals.
Das hat man diese Woche in Kyjiw wieder gesehen. Der
Kanzler reist mit der Wirtschaftsministerin und einer
Delegation aus Rüstungs- und Energieunternehmen an. Sie
nutzen das Leid in der Ukraine, um die deutsche
Wirtschaft in Schwung zu bringen. Und das ist schäbig.
Selbst das Geld, das Sie der ukrainischen Regierung
für zivile Maßnahmen geben, kommt zu oft nicht dort an,
wo es dringend gebraucht wird:
nicht bei der humanitären Hilfe, bei den
Minenräumungen, bei der psychologischen Versorgung von Millionen
traumatisierten Kindern. Fragen Sie mal Ihre
Wirtschaftsministerin. Frau Reiche wurde in Kyjiw gefragt, ob das
deutsche Geld da ankommt, wo es hin soll. Ihre Antwort
war: Na ja, wir sind uns so sicher, wie wir es eben
beobachten können. – Mit anderen Worten: Sie wissen es
einfach nicht.
Über Korruption sprechen wollen Sie aber auch nicht,
weil die Skandale die Debatte in Deutschland vergiften.
Nicht dass die Menschen im Krieg bestohlen werden, ist
Ihr Problem, sondern dass es schlecht aussieht.
Die Korruption in der Ukraine wurde auch nicht durch
vernünftige Politik Ihrerseits aufgedeckt, sondern durch
ukrainische Ermittler. Als die Regierung in Kyjiw diese
Ermittler an die Leine legen wollte, haben nicht Sie am
lautesten protestiert, sondern die Ukrainer/-innen, die auf
die Straße gegangen sind und verhindert haben, dass die
Korruptionsbehörde geschlossen wurde.
Diese Menschen müssen unsere Verbündeten sein,
nicht die Oligarchen und nicht die Konzerne, die schon
auf den Wiederaufbau warten, um fette Profite zu
machen. Genau die hat Frau Reiche aber im Blick: Die
Ukrainehilfe, sagt sie, seien keine Almosen, sondern
eine Chance für deutsche Unternehmen. Das ist perfide.
Sie sehen in der Ukraine einen Markt. Wir sehen
Menschen, die sich gerade auf den fünften Kriegswinter
vorbereiten, während deutsche Rüstungs-Start-ups boomen.
Auch die Aufrüstung in Deutschland rechtfertigen Sie
mit dem Krieg in der Ukraine. Davon profitieren hier in
erster Linie die Rüstungskonzerne. Und die Menschen
hier fragen sich zu Recht: Warum ist dafür immer mehr
Geld da, während bei uns immer weiter gekürzt wird? Für
deutsche Rüstungskonzerne haben Sie die
Schuldenbremse aufgemacht – ohne Obergrenze. Aber bei
Bürgergeld, Gesundheit und Rente kommen Sie mit dem
Rotstift, und auch Sie bauen hier die Rechte von
Arbeiterinnen und Arbeitern ab.
Gleichzeitig gehen jedes Jahr geschätzt 100 Milliarden
Euro durch Steuerhinterziehung verloren. Da schauen
Sie weg. Das Geld ist da, Herr Merz. Es liegt nur bei
den Falschen. Holen Sie es oben, statt immer weiter unten
zu kürzen.
Dann bleibt noch die wichtigste Frage: Wie endet
dieser Krieg? Russland hat die Ukraine überfallen und damit
das Völkerrecht eklatant gebrochen. Nach fast fünf
Jahren müssen wir die Frage stellen: Wie hört dieses Sterben
auf? Es ist sehr gut, Herr Wadephul, dass Sie sich mit der
russischen Seite getroffen haben. Aber die Frage ist: Was
folgt daraus? Darauf haben Sie irgendwie keine richtige
Antwort. Sie haben einen Plan für Waffen, einen Plan für
Rüstungsaufträge und einen Plan für Investoren, aber
keinen Plan für Frieden.
Ich sage Ihnen, wo Sie anfangen könnten: bei den
Menschen, die nicht mehr töten wollen. Geben Sie
endlich Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern Schutz:
sowohl aus Russland als auch aus Belarus als auch aus
der Ukraine.
Jeder Soldat, der nicht mehr schießt, ist ein Schritt in
Richtung Frieden.
Wir stehen an der Seite der Menschen in der Ukraine
und an der Seite der Menschen hier. Denn unsere
Solidarität ist international.
Vielen Dank.
Relationen
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