Rede von Siemtje Möller (SPD) – Vereinbarte Debatte
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 3: Vereinbarte Debatte:.
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Rede von Siemtje Möller (SPD) – Vereinbarte Debatte
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Kolleginnen
und Kollegen! Herr Botschafter! Um 06:29 Uhr vor
genau drei Jahren stoppte die Musik auf dem Nova-Festival,
und über die Menschen, die dort frei und friedlich
feierten, brach die Hölle auf Erden herein. Um 06:29 Uhr vor
drei Jahren heulte der erste Raketenalarm in Israel auf –
ein Vorbote der Hölle auf Erden der kommenden
Stunden, Tage und Monate. Um 06:35 Uhr vor genau drei
Jahren wurden die Menschen in den grenznahen
Kibbuzim durch die Terroristen der Hamas jäh aus dem Schlaf
gerissen, und es brach die Hölle auf Erden über sie herein.
Die israelische Bevölkerung musste ohnmächtig und
nahezu wehrlos mit ansehen, wie Tausende Raketen auf
ihr Land niedergingen. Sie musste mit ansehen, wie ihre
Landsleute vergewaltigt und massakriert wurden. Sie
musste erleben, wie 251 von ihnen von der Hamas in
den Gazastreifen verschleppt wurden. Dort wurden sie
unter unmenschlichsten Bedingungen als
Verhandlungsmasse und um sich an ihrem Leid zu ergötzen,
festgehalten. Die meisten starben in der Geiselhaft. 1 195
Menschen wurden durch die Hamas-Terroristen ermordet.
Es war der größte Massenmord an Jüdinnen und Juden
seit dem Holocaust.
Drei Jahre nach dem barbarischen Terrorangriff
gedenken wir der Opfer und sind in Gedanken bei ihren
Angehörigen und all jenen Menschen in Israel, deren Leben
in den Grundfesten erschüttert wurde.
Die Massaker vom 7. Oktober 2023 teilen die
Zeitrechnung in ein Davor und Danach. Mit der unfassbaren
Brutalität, der Verhöhnung der Opfer und der
Entmenschlichung der Geiseln verlor die israelische Bevölkerung
nicht nur in weitesten Teilen den Glauben daran, dass
ein Leben in Sicherheit mit den Palästinensern möglich
sein könnte; sie verlor auch insgesamt das Gefühl, nach
dem Holocaust einen wehrhaften und unverletzlichen Ort
des Schutzes und der Sicherheit gefunden zu haben. Man
spürt das in jedem Gespräch, wenn man in Israel ist. Und
die Bedrohung hält ja weiterhin an: von Westen durch die
Hamas, von Norden durch die Hisbollah, von Osten
durch den Iran und vom Süden durch die Huthi.
Dem Schutz Israels sind wir als Bundesrepublik
Deutschland auf besondere Weise verpflichtet,
gewachsen aus der kollektiven Verantwortung für den Holocaust.
Und aus der kollektiven Verantwortung heraus ist das
Völkerrecht universeller Maßstab für unsere
Außenpolitik. Es ist das Völkerrecht, das Israel nach dem 7. Oktober
das Recht auf Selbstverteidigung gewährt, genauso wie
es die humanitären Grenzen in der Ausübung desselbigen
setzt. Wo es verletzt wird, müssen wir energisch für die
Rückkehr zu den elementaren humanitären und
rechtlichen Grundsätzen streiten, auch gegenüber der
israelischen Regierung.
Zu unserem Eintreten für die langfristige Sicherheit
Israels gehört das klare Bekenntnis zu einer
Zweistaatenlösung. Sie ist aus unserer Sicht der einzige Weg, um
Israels Sicherheit dauerhaft langfristig zu gewährleisten
und zugleich den Palästinenserinnen und Palästinensern
ein Leben in Freiheit, Würde und Selbstbestimmung zu
ermöglichen. Nur so kann ein gerechter und nachhaltiger
Frieden entstehen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN und der Linken)
Doch die Lage im Gazastreifen und im Westjordanland
steht diesem gerechten und nachhaltigen Frieden
entgegen: Radikale Siedler schikanieren und vertreiben
Palästinenserinnen und Palästinenser unter Billigung und
gelegentlich auch Schutz der israelischen Regierung.
Mit dem Siedlungsprojekt E1 steht Israel kurz davor,
die Palästinensischen Gebiete zu teilen und eine
Zweistaatenlösung faktisch unmöglich zu machen.
Gleichzeitig lebt im Gazastreifen ein Großteil der über 2 Millionen
Menschen in Zeltlagern und zwischen Ruinen. Weite
Teile der zivilen Infrastruktur – Wohnhäuser, Schulen,
Krankenhäuser – sind schwer beschädigt oder zerstört.
Jede fünfte Familie isst nur eine einzige Mahlzeit am Tag.
Wie soll denn in dieser feindseligen Umgebung –
großes Leid in Gaza, im Westjordanland – angesichts
des Traumas vom 7. Oktober und der weiterhin offenen
Bedrohung Israels durch seine Feinde überhaupt Frieden
entstehen? Vielleicht ist es doch so, dass niemals stärker
als jetzt eine politische Lösung gebraucht wird, dass
niemals stärker als jetzt eine Friedensinitiative aus
Europa gebraucht wird. Gerade wir Europäer, die aus den
Trümmern des Zweiten Weltkriegs sich versöhnt und sich
vergebend die Hand gereicht haben, wissen doch, dass es
möglich ist. Und es braucht das Bemühen, das Ringen um
Frieden, weil beide Völker es verdienen, ein friedliches,
selbstbestimmtes und freies Leben führen zu können.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der Linken)
Gleichzeitig darf die Politik der israelischen Regierung
niemals als Ausrede und als Deckmantel genutzt werden
für Judenfeindlichkeit. Es erfüllt mich mit unglaublich
großer Sorge und Abscheu, dass seit dem 7. Oktober
antisemitische Vorfälle in Deutschland dramatisch
zugenommen haben. Das darf nicht sein, und das können wir nicht
hinnehmen!
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es ist unerträglich, dass Jüdinnen und Juden 85 Jahre
nach dem Holocaust sich nicht mehr sicher fühlen,
wenn sie Kippa tragen oder einen sichtbaren Davidstern,
wenn sie auf die Straße gehen. Gerade Deutschland muss
doch ein Ort sein, an dem jüdisches Leben sicher, frei und
sichtbar möglich sein kann. Das muss unser Anspruch
sein, und das muss auch unser Versprechen sein.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Gewachsen aus unserer historischen Verantwortung,
als Staat der Täterinnen und Täter des Holocaust, ist
und bleibt die Sicherheit Israels für uns maßgeblich. Es
ist unsere Pflicht, den Staat zu schützen, der jüdisches
Leben schützt. Es sollte uns Auftrag sein, zu einer
friedlichen Perspektive für beide Völker aktiv beizutragen.
Und wir müssen den Antisemitismus in Deutschland
entschieden bekämpfen, um unser Versprechen „Nie
wieder!“ mit Taten zu füllen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg.
Jan Krampe [Die Linke])
Relationen
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