Rede von Holger Mann (SPD) – Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 6a und 6b: Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,.
Text
Rede von Holger Mann (SPD) – Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen
und Herren! Geschichte wiederholt sich nicht, und doch
hat man in diesen Tagen das Gefühl, Parallelen zu den
letzten Jahren der Weimarer Republik und damit auch
dem Ende der ersten deutschen parlamentarischen
Demokratie zu sehen. Der AfD-Antrag, über den wir heute
debattieren, trägt den Titel „Deutsche Erinnerungskultur
neu ausrichten – Gedenkstättenkonzeption […]
ersetzen“. Vorgeblich soll demnach darüber gesprochen
werden, wie sich Erinnerungskultur weiterentwickeln muss.
Dazu kann ich sagen: Ja, darüber sollte und darüber kann
man sprechen; denn Geschichte ist nicht statisch. Das
Verständnis verändert sich. Neue Forschung kommt
hinzu, jüngere Perspektiven werden sichtbar, und über
Debatten und Kultur verändern sich eine Gesellschaft und
ihre Zugänge.
Wenn man diesen Antrag aber liest, wird schnell
deutlich: Hier geht es um weit mehr als eine Erweiterung der
Erinnerungskultur, es geht um eine Umschreibung.
Schnell kommt einem das Zitat des
Dackelkrawattenträgers vom Vogelschiss in der deutschen Geschichte
oder von der erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad
des verurteilten Neonazis Björn Höcke in den Sinn.
So schreibt die AfD wörtlich, die bisherige
Erinnerungskultur beziehe sich „fast ausschließlich auf die
Tiefpunkte der deutschen Geschichte“. Oder aber: „Die
Konzentration der deutschen Erinnerungskultur auf die
Verbrechen des NS-Staates führt […] zu einer geringeren
Identifikation mit Deutschland“ und könne „psychische
Belastungen wie Schuld- und Schamgefühle
hervorrufen“. Hört! Hört!
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Das ist ein Zitat! –
Martin Rabanus [SPD]: Hört! Hört!)
Kaum verbrämend formulieren Sie hier die
rechtsextreme Schuldkultthese und betreiben damit einen
weiteren offensiven Versuch des Geschichtsrevisionismus
und der Relativierung der Verbrechen des
Nationalsozialismus. Hier muss ich deutlich sagen: Meine Damen und
Herren, das hat in einem Antrag im Deutschen
Bundestag – gerade an einem 7. Oktober – nichts, aber auch gar
nichts verloren.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Wer über die Verbrechen des Nationalsozialismus
aufklärt, sagt den Menschen eben nicht: „Du bist schuldig“,
vermittelt aber: Das ist geschehen. Das waren
Verbrechen. Hier wurden Menschen erst diskriminiert, dann
entrechtet, schließlich verfolgt, inhaftiert und
umgebracht. – Das hilft, überhaupt erst zu verstehen, wie in
einer Gesellschaft mit repräsentativer Demokratie eine
Diktatur entstehen und ein millionenfacher Massenmord
stattfinden konnte. Das ist historische Aufklärung und
politische Bildung, und genau das müssen wir als
Gesellschaft und mit der Erinnerungskultur leisten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
Abg. Jan Krampe [Die Linke])
Erst dann, meine Damen und Herren, können wir damit
umgehen, dass unsere Vorfahren Verbrechen begangen
haben.
Wir müssen aushalten, dass Menschen aus unserer
Gesellschaft einen Staat errichtet haben, der Millionen
Menschen verfolgt und schließlich ermordet hat. Wir müssen
aushalten, dass in Deutschland auch nach dem Zweiten
Weltkrieg – heute vor genau 77 Jahren – eine Diktatur
errichtet wurde, die Menschen ihrer Freiheit beraubt und
politische Gegner verfolgt hat. Und wir müssen uns auch
dem stellen, dass Deutschland eine koloniale
Vergangenheit hat, in der – ausgehend von dem Rassismus und
Großmachtstreben des Kaiserreichs – Unterdrückung,
Gewalt, Verbrechen und der erste deutsche Völkermord
initiiert wurden.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/
DIE GRÜNEN sowie des Abg. Lorenz Gösta
Beutin [Die Linke])
Meine Damen und Herren, nur wer sich dem ehrlich
stellt, wer bereit ist, Verantwortung für unsere gesamte
Geschichte zu übernehmen, der kann auch stolz auf die
guten Seiten unserer Geschichte sein. Deshalb darf
Erinnerungskultur nicht daran gemessen werden, wie
angenehm sie sich anfühlt. Ich persönlich würde mir wirklich
Sorgen machen, wenn der Besuch eines ehemaligen
Konzentrationslagers oder eines Jugendwerkhofs ohne
negative Gefühle stattfinden würde. Gedenken darf, ja, soll
emotional sein. Aber vor allen Dingen muss Gedenken
wahrhaftig sein.
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Awet
Tesfaiesus [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]
und Jan Krampe [Die Linke])
Gedenkstätten sind keine Imagekampagnen für
Deutschland; es sind Bildungsorte. Es heißt „Geh-
denken“ und nicht: „Geh, und gib deinen Kopf ab!“ Ihre
Aufgabe ist es, historische Zusammenhänge sichtbar zu
machen, Wissen zu vermitteln, der Opfer zu erinnern und
deutlich zu machen, wohin der Verlust von
Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie führen kann.
Genau deshalb überzeugt mich auch die
Gegenüberstellung in Ihrem AfD-Antrag, in dem Sie
Erinnerungsorte gegeneinander ausspielen, nicht.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Macht doch
keiner!)
Denn selbstverständlich – auch das sei gesagt – gehört die
gesamte deutsche Geschichte zu unserer
Erinnerungskultur. So gehören die Demokratie- und
Freiheitsbewegungen des 19. Jahrhunderts dazu. Natürlich gehören die
Paulskirche, das Hambacher Fest und die Orte der
Friedlichen Revolution vom 7. Oktober 1989 in Plauen, über
Leipzig und Berlin zu unserer stolzen
Demokratiegeschichte.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD – Dr. Götz
Frömming [AfD]: Wo sind denn die
Denkmäler? Verschleppt, vergessen, nicht gebaut!)
Dazu gehören auch – das habe ich schon angesprochen –
die Orte der Geschichte der deutschen Teilung und der
SED-Diktatur. Und genau deshalb ist es richtig, Orte der
Demokratiegeschichte zu stärken. Das machen wir. Das
streben wir in der Koalition an, und zwar an der Spitze
mit dem ersten Repräsentanten unseres Staates: mit
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Da haben Sie ja
den richtigen gefunden! Haben wir ja in
Bremen gesehen, was er darunter versteht!
Peinlich war das!)
Das zeigt: Unser Erinnerungsbegriff ist nicht einseitig
verengt wie Ihrer.
Meine Damen und Herren, ich hatte gesagt: Beides
gehört zur deutschen Geschichte. Erinnerung ist nach
meiner festen Überzeugung dann stark, wenn sie
Widersprüche aushält. Eine Erinnerungskultur, die wirklich die
ganze Geschichte erzählen will, muss eben auch
diejenigen sichtbar machen, deren Perspektive lange zu wenig
berücksichtigt wurde. Am Ende geht es deshalb nicht
darum, ob deutsche Geschichte positiv oder negativ
erzählt wird. Geschichte ist weder Imagepflege noch
Selbstanklage. Unsere Aufgabe ist es, zu ermöglichen,
dass Geschichte möglichst vollständig, wissenschaftlich
fundiert und multiperspektivisch vermittelt wird, vor
allem aber, dass aus ihr Konsequenzen für unsere
Demokratie gezogen werden. Der moralische Imperativ des
„Nie wieder!“ gilt immer.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie
der Abg. Awet Tesfaiesus [BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN] und Jan Krampe [Die Linke])
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten - Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätte
- part_of_vorgang → Kulturschutzgebiete für identitätsstiftende Bauwerke und Landschaften etablieren
- spoke_in ← Holger Mann (Rede)