Rede von Michael Frieser (CDU/CSU) – Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 6a und 6b: Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,.
Text
Rede von Michael Frieser (CDU/CSU) – Dr. Götz Frömming, Matthias Helferich,
Frau Präsidentin, vielen herzlichen Dank. – Werte
Kolleginnen und Kollegen! Ich bin mit Sicherheit nicht der
Erste am heutigen Tag, aber wahrscheinlich der Letzte in
dieser Debatte, der an das Pogrom der Hamas vor drei
Jahren erinnert. Wir fühlen mit den Opfern, auch mit
ihren Spätfolgen, und wir teilen die Sorge, dass
Menschen jüdischen Glaubens sich sogar in dieser Hauptstadt,
in Berlin, nicht mehr sicher fühlen. Deshalb sei jeder hier
aufgerufen, ja vielleicht sogar verpflichtet, dem mit Kraft
und mit Überzeugung entgegenzuwirken.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie der Abg.
Martin Rabanus [SPD] und Awet Tesfaiesus
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Mich treibt nicht das Vorliegen eines Antrags der AfD
um, sondern eher die ihm innewohnende Form einer
Behauptung. Die Behauptung, dass man sich zu sehr mit
Tiefpunkten der deutschen Geschichte beschäftigt, ist
schon schwierig. Aber – die Frage hat Ottilie Klein schon
gestellt; ich untermauere sie noch einmal – warum stimmt
man dann unserem Antrag „35 Jahre Deutsche Einheit“
nicht zu, in dem es heißt – Frau Präsidentin, mit Ihrem
Einverständnis zitiere ich –, „die Erinnerung an die
positiven Ereignisse unserer Geschichte durch die
Bundesstiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte zu
stärken“? Das war der Inhalt unseres Antrages vom
letzten Jahr.
(Zuruf der Abg. Dr. Götz Frömming [AfD] und
Dr. Rainer Rothfuß [AfD])
Sie hätten zustimmen können, wollten Sie aber nicht. Das
ist natürlich auch schwierig, wenn man die Menschen in
Sachsen-Anhalt im Wahlkampf dazu bewegt, die
demokratische – haha! – DDR-Hymne zu singen und damit
darüber hinwegzutäuschen, welche Rechte in dieser Zeit
verloren gingen.
Oder nehmen Sie unseren Antrag „18. März – Tag der
Demokratiegeschichte – Orte der Freiheit und
Demokratie in Deutschland weiter stärken“, in dem es nicht nur um
die Frage der deutschen Einheit geht, sondern auch um
die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland
und den Weg zur Demokratie, die das Ergebnis eines
langen Ringens um Freiheit, politische Teilhabe und
demokratische Rechte sind und diese ermöglichen. Auch
das wäre ein Antrag gewesen, dem Sie zumindest mit
dieser Haltung einfach hätten zustimmen können. Warum
Sie das nicht getan haben, bleibt Ihr Geheimnis.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Als hätten Sie
schon mal einem AfD-Antrag zugestimmt!)
Es ist natürlich schwierig, wenn man in Wahlkämpfen
den Menschen zu erklären versucht, sie hätten heute
weniger Rechte als unter dem DDR-Joch. Das passt
selbstverständlich nicht zusammen. Das verstehe ich sogar.
Genau dieser Art des Versuchs der Umdeutung von
Geschichte wollen wir uns vehement entgegensetzen.
Deshalb ist Teil unserer Gedenkstättenkonzeption –
Frau Präsidentin, mit Ihrer Erlaubnis zitiere ich noch
einmal –:
„In Deutschland ist der Bund über die Finanzierung
Akteur der Erinnerungskultur, der ermöglicht, aber
nicht lenkt. Es wird allen Versuchen eine Absage
erteilt, von staatlicher Seite ein Geschichtsbild
oder eine bestimmte Lesart vorgeben zu wollen.“
Dass Sie da nicht mitgestimmt haben, dafür habe ich vor
diesem Hintergrund sogar Verständnis.
Das ist tatsächlich etwas, was wirklich schwierig ist.
Man kann Dinge unterschiedlich sehen. Man kann sie
unterschiedlich interpretieren. Man kann unterschiedlich
an sie herangehen. Ich verstehe auch, dass man aus
strategischen Gründen, um das eigene schmerzverzerrte
Gesicht irgendwie noch wahren zu können, Dingen nicht
zustimmen kann, sogar wenn man sie für sinnhaft hält.
Aber wenn man sich der geschichtlichen Wahrheit nicht
stellt, dann wird am Ende wahre Identifikation nicht
möglich sein.
Deshalb muss ich Ihnen schon sagen: Also, wenn Sie
trotzdem der Meinung sind, dass Gedenkstätten immer
noch eine sinnvolle Arbeit machen, frage ich mich,
warum auf einer Drucksache des Landtages von Sachsen-
Anhalt die AfD einen Antrag einbringt, in dem steht:
„Weiterhin sind anstelle der sog.
Gedenkstättenfahrten, […], Exkursionen zu historischen Stätten, […],
durchzuführen.“
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Ja! Ist doch
schön!)
Sie wollen die Arbeit der Gedenkstätten nicht nur
einschränken,
Sie wollen sie am Ende des Tages abschaffen,
(Tobias Teich [AfD]: Das steht mit keinem
Wort im Antrag!)
und das wird mit uns definitiv nicht möglich sein.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD –
Dr. Götz Frömming [AfD]: Wir sind gegen
diese Zwangsfahrten!)
Da sind wir am Ende des Tages nicht mehr bei
unterschiedlicher Betrachtung, sondern hier ist in nuce der
Unterschied unserer Geschichtswahrnehmung. Für mich,
für uns bleibt der 8. Mai 1945 der Tag der Befreiung vom
Nationalsozialismus.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
Abg. Felix Schreiner [CDU/CSU] – Dr. Götz
Frömming [AfD]: Das erzählen Sie mal den
Wehrmachtssoldaten, die in Gefangenschaft
gegangen sind! Das erzählen Sie mal den 2
Millionen vergewaltigten Frauen! Die würden sich
schämen für Sie! Lesen Sie das mal bei
Hubertus Knabe nach!)
Die Jahre davor sind der Tiefpunkt der deutschen
Geschichte. Das werden Sie mit Ihren
Umdeutungsversuchen nicht ändern können, Gott sei Dank – und schon
gar nicht mit diesem Antrag.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD –
Dr. Anja Weisgerber [CDU/CSU]: Sehr gute
Rede!)
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Deutsche Erinnerungskultur neu ausrichten - Gedenkstättenkonzeption des Bundes durch eine Bundeskonzeption national bedeutsamer Gedenkstätte
- part_of_vorgang → Kulturschutzgebiete für identitätsstiftende Bauwerke und Landschaften etablieren
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