Rede von Steffi Lemke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 12: Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur.
Text
Rede von Steffi Lemke (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Am 6. September wurde in Sachsen-Anhalt ein
Landesparlament gewählt, und bei dieser Wahl gaben der
rechtsextremen AfD 576 000 Menschen ihre
Zweitstimme. Das hat mir als Bürgerin von Sachsen-Anhalt den
Atem verschlagen. Mich treibt bis heute um, wie es
dazu kommen konnte,
und ich bin froh, dass in vielen gesellschaftlichen
Schichten ernsthaft darüber diskutiert wird, wie das passieren
konnte.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD – Zuruf von
der AfD: Das passiert dann halt!)
In meinem Bundesland leben rund 2,1 Millionen
Menschen; das heißt anderthalb Millionen Menschen haben
an besagtem 6. September nicht der AfD ihre Stimme
gegeben,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der
Abg. Isabelle Vandre [Die Linke])
weil sie entweder nicht wählen konnten, nicht durften
oder eben nicht wollten. Zumindest ein großer Teil dieser
Menschen ist entsetzt über das Ergebnis. Sie machen sich
Sorgen um ihre Zukunft. Sie machen sich Sorgen um
ihren Arbeitsplatz. Sie machen sich Sorgen darum, dass
Freunde, dass Familie wegziehen könnten, weil sie in
einem solchen Bundesland nicht länger leben wollen.
Sie haben schlichtweg Angst vor Bedrohung und vor
Diskriminierung.
(Martin Reichardt [AfD]: Frau Sziborra ist
auch nicht weggezogen!)
Ein AfD-Landtagsabgeordneter verschickt bereits
Nachrichten und versucht, Vereine, gemeinnützige Vereine,
einzuschüchtern – und das am Tage drei nach der Wahl
dieses Landtagspräsidenten!
Diesen Menschen hätten der Bundeskanzler, die
Bundestagspräsidentin und der Bundespräsident in dieser
Woche eine Stimme geben müssen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie des Abg. David Schliesing [Die Linke])
Dass sie das versäumt haben, ist ein Armutszeugnis für
diese Institutionen. Herr Merz, es wäre Ihre
Verantwortung gewesen, in dieser Woche mit diesen Menschen zu
sprechen,
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken)
ihnen zuzuhören und ihnen Hoffnung zu geben, anstatt
öffentlich über False-Flag-Aktionen zu fantasieren. Denn
Sie sind nicht der Generalsekretär der CDU, sondern der
Bundeskanzler Deutschlands, und dieser Rolle müssen
Sie gerecht werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken)
Und ich bin auch nicht bereit, das damit zu entschuldigen,
dass Sie es bisher nicht konnten, sondern ich habe weiter
die Erwartungshaltung, dass Sie für die Menschen in
Deutschland da sind.
In vielen Teilen der Zivilgesellschaft wird jetzt darüber
diskutiert: Was kann man tun? Es wird Geld gesammelt,
es werden Unterstützungsstrukturen für die
Zivilgesellschaft aufgebaut, juristische Beratung organisiert. Das ist
gut. Aber es geht in dieser Woche eben nicht um einen
Betriebsunfall im Parlament bei der Wahl des
Landtagspräsidenten, sondern es geht darum, was es für die
Menschen in Sachsen-Anhalt bedeutet, falls im Dezember
Herr Siegmund von der rechtsextremen AfD zum
Ministerpräsidenten gewählt wird.
(Martin Reichardt [AfD]: Dann wird’s richtig
schön da!)
Und seit dem 6. Oktober müssen wir davon ausgehen,
dass es dafür eine Mehrheit geben könnte. Die anderthalb
Millionen Sachsen-Anhalter, von denen ich eben sprach,
haben die Erwartungshaltung, vor allem an Sie von der
CDU, dass Sie diese Wahl nicht zulassen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der Linken und des
Abg. Johannes Schraps [SPD] – Martin
Reichardt [AfD]: Die Wahl nicht zulassen?)
Sie wissen, dass im ersten Wahlgang AfD und BSW
keine Mehrheit haben. Ohne eine Stimme aus den
demokratischen Parteien kann Herr Siegmund im ersten
Wahlgang nicht zum Ministerpräsidenten gewählt werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Martin Reichardt [AfD]: Das ist falsch!)
Aber wenn ich sehe, dass der bisherige
Landtagspräsident, Herr Schellenberger, gestern dem publizistischen
Organ der Neuen Rechten ein Interview gegeben hat, in
dem er Herrn Rausch quasi zum lupenreinen Demokraten
adelt
und dazu aufruft, die Brandmauer einzureißen zur
Kooperation mit der AfD,
(Martin Reichardt [AfD]: Herr Schellenberger
ist ein sehr honoriger Mann!)
und wenn ich sehe, dass der hessische Ministerpräsident,
Boris Rhein, zwei Tage vor dieser historischen Zäsur in
Sachsen-Anhalt dazu auffordert, der AfD Posten in
Parlamenten zu geben und die Kooperation zu verstärken,
dann frage ich mich: Wo ist die CDU, die dem etwas
entgegensetzt?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken)
Wo ist der Bundeskanzler, der der hessischen CDU, der
Herr Gauland entstammt, in diesen Tagen etwas gesagt
hätte?
Ich werde mich hier nicht an den Spekulationen
beteiligen, wer es gewesen ist. Das ist kleinkarierter Kram; das
sollten wir hier sein lassen!
(Martin Reichardt [AfD]: War auch eine
geheime Wahl!)
Aber was wir auch lassen sollten – und da appelliere ich
sowohl an die CDU als auch an viele Teile der Medien
und insbesondere an die „Frankfurter Allgemeine
Zeitung“ –:
Hören Sie auf, unterlassen Sie es, um eine
Zusammenarbeit mit der AfD vorzubereiten, eine permanente
Gleichsetzung mit der Linkspartei vorzunehmen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken sowie bei Abgeordneten
der SPD – Lachen bei Abgeordneten der AfD)
Diese Aktion ist so durchsichtig wie billig und falsch.
Kritisieren Sie die Linkspartei, –
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