Rede von Rasha Nasr (SPD) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 36: Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,.
Text
Rede von Rasha Nasr (SPD) – Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann,
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten
Damen und Herren! Werte Kolleginnen und Kollegen!
Die AfD fordert heute eine sogenannte wirkliche
Migrationswende. Sie will Aufenthaltsrechte verschärfen,
Einbürgerungsverfahren auf intransparente
Ermessensentscheidungen stützen, und sie stellt einmal mehr infrage,
wer zu diesem Land gehören darf.
Ja, ein Rechtsstaat braucht Regeln, und Regeln müssen
gelten und durchgesetzt werden. Über konkrete
Regelungen kann und muss dieses Parlament auch streiten; aber
ich lasse mir von Ihnen bestimmt nicht vorschreiben, auf
welchem Spielfeld wir diese Debatte führen.
Denn hinter Ihrem Antrag steht eine viel grundsätzlichere
Frage: Wer gehört für Sie eigentlich zu Deutschland –
und wer nicht?
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Genau!)
Und genau darüber werde ich heute sprechen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der
Abg. Dr. Kirsten Kappert-Gonther [BÜND-
NIS 90/DIE GRÜNEN])
Ich bin gerne Deutsche, und vor allem bin ich gerne
Dresdnerin. Eigentlich müsste ich das hier überhaupt
nicht sagen; denn meine Zugehörigkeit zu diesem Land
sollte nichts sein, was ich erklären oder beweisen muss.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN und der Linken sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU)
Und trotzdem erlebe ich seit Jahren, wie Menschen genau
diese Frage wieder aufmachen: Wer gehört zu
Deutschland und wer nicht?
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Stadtbild!)
Ich habe Pegida in Dresden erlebt und habe beobachtet,
wie sich die AfD seit ihrem Einzug in den Sächsischen
Landtag weiter radikalisiert hat und wie Dinge plötzlich
wieder sagbar wurden, die vorher nicht sagbar waren.
Und ich weiß, was das im echten Leben bedeutet. Ich
weiß, wie es sich anfühlt, auf offener Straße bespuckt,
geschlagen, beleidigt und bedroht zu werden.
Als ich schwanger war, drohte mir ein Nazi damit,
einen Einkaufswagen in meinen Bauch zu rammen;
denn – Zitat – „dann sind wir das Balg vielleicht los
und dich vielleicht auch“.
(Dr. Bernd Baumann [AfD]: Was für ein
Quatsch!)
Und es ist noch nicht lange her, als mir beim Einkaufen
mit meiner zweijährigen Tochter – ich wiederhole: mit
meiner zweijährigen Tochter! – „Scheiß Ausländer“
hinterhergerufen wurde.
Ich weiß, was es bedeutet, wenn Nazis Oberwasser
bekommen. Und während die einen lauter werden,
werden die anderen leiser. Und genau davor habe ich Angst,
werte Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU, dem
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Deshalb hat mich erschüttert, was in dieser Woche in
Sachsen-Anhalt passiert ist. Erstmals ist dort ein AfD-
Politiker zum Präsidenten eines deutschen Landtags
gewählt worden, ein weiterer wurde Vizepräsident. Das ist
nicht normal, und ich werde mich weigern, es jemals als
normal zu betiteln.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN und der Linken sowie der Abg.
Dr. Ottilie Klein [CDU/CSU])
Ich finde es beschämend, dass Demokratinnen und
Demokraten ihre Stimmen dafür gegeben haben.
(Martin Hess [AfD]: Wer Wahlen nicht
akzeptiert, ist kein Demokrat!)
Rechtsextremismus wird nicht weniger gefährlich, nur
weil wir uns an ihn gewöhnen.
Wenn wir Demokratinnen und Demokraten Probleme
nicht lösen und Vertrauen enttäuschen, dann dürfen wir
nicht einfach so weitermachen; dann müssen wir besser
werden. Aber, Kolleginnen und Kollegen, Selbstkritik
darf niemals Selbstaufgabe bedeuten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und des
BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der
Abg. Isabelle Vandre [Die Linke])
Unsere Antwort auf den Rechtsruck kann doch nicht sein,
selbst immer weiter nach rechts zu rücken.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken sowie bei Abgeordneten
der SPD)
Und sie kann auch nicht sein, aufgrund dieser Stimmung
zu resignieren. Diese Stimmung ist nicht unser Schicksal,
liebe Kolleginnen und Kollegen, und wir sind dieser
Entwicklung nicht wehrlos ausgeliefert.
Die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes haben
erlebt, was passieren kann, wenn die Feinde der
Demokratie demokratische Mittel nutzen, um sie zu zerstören.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland – –
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Maßnahmen für eine wirkliche Migrationswende
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