Rede von Felix Banaszak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 12: Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur.
Text
Rede von Felix Banaszak (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Es ist genau sieben Jahre her, dass sich um
11:50 Uhr Stephan Balliet, ein gewaltbereiter
Rechtsextremist, ein fanatischer Antisemit auf den Weg machte,
um in Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt Jüdinnen und
Juden zu ermorden.
Er wählte den Tag Jom Kippur, den höchsten jüdischen
Feiertag, in der Hoffnung, in der Synagoge auch einige
nichtreligiöse, nicht praktizierende Jüdinnen und Juden
anzutreffen. Er witterte eine jüdische Weltverschwörung
und wollte dem ein Ende bereiten.
Stephan Balliet ist nicht von einem wehrhaften
deutschen Rechtsstaat gestoppt worden, sondern von einer
Holztür an der Synagoge. Zu diesem Zeitpunkt waren
Menschen bereits gestorben.
Heute haben Menschen dieser Tat gedacht. Und
Mitglieder der Jüdischen Studierendenunion haben
verhindert, dass ein am Dienstag gewählter rechtsextremer
Landtagsvizepräsident Zugang zu diesem Gedenken
bekommt, weil sie verhindern wollten, dass dieses
Gedenken instrumentalisiert wird.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der Linken – Martin Reichardt
[AfD]: Ich war da schon mehrfach!)
Wagen Sie nicht, in einer solchen Debatte Jüdinnen
und Juden zu instrumentalisieren,
(Dr. Bernd Baumann [AfD]: Das machen Sie
doch!)
um von der rechtsextremen Landnahme abzulenken, die
Sie planen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der Linken – Lachen
des Abg. Dr. Bernd Baumann [AfD])
Wagen Sie nie wieder, Jüdinnen und Juden zu
instrumentalisieren, um von dem, was Sie planen, abzulenken.
(Martin Reichardt [AfD]: Sie können Ihrer
Mutter drohen, aber nicht mir!)
Meine Damen und Herren, als am 20. September in
Mecklenburg-Vorpommern die CDU den Einzug in den
Landtag verpasst hat, hat sich bei uns niemand darüber
gefreut. Ich bin kein Konservativer; aber ich bin fest
davon überzeugt, dass es eine stabile konservative Partei
in diesem Land braucht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD – Martin
Reichardt [AfD]: Die gibt es! Das sind wir!
Die sitzt doch hier!)
Deswegen ist das eine bedrückende Entwicklung.
Machen Sie sich eines klar: Die AfD will nicht mit
Ihnen koalieren, sie will Sie eliminieren.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Sie hat in Mecklenburg-Vorpommern schon viel davon
erreicht, und in Sachsen-Anhalt ist sie kurz davor, das
Gleiche zu erreichen; Steffi Lemke hat gerade darauf
hingewiesen. In Sachsen-Anhalt sind Sie kurz davor,
sich an dieser Frage spalten zu lassen, weil Sie eben
keinen klaren Kompass haben. Sie sind auf dem Weg in
eine Sackgasse, was mit einem klaren Kompass nicht
passieren würde.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der Linken –
Dr. Christoph Ploß [CDU/CSU]: Hören wir
noch etwas zu Berlin?)
Und wenn Sie, liebe Frau Klein, lieber Herr Willsch,
darüber diskutieren wollen, was für eine Regierung sich
gerade in Berlin bildet, dann melden Sie dazu eine
Debatte an. Aber wenn Sie eine mögliche
Regierungsbildung mit der Linken in Berlin zum Anlass nehmen
wollen, die Brandmauer zur AfD endgültig zu schleifen und
Rechtsextremen an die Macht zu verhelfen, dann stehen
Sie auf der falschen Seite der Geschichte. Bleiben Sie auf
der richtigen!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN,
bei der SPD und der Linken)
Sie haben im Dezember die Chance.
(Martin Reichardt [AfD]: Ihnen fehlt doch jede
geschichtliche Bildung! Sie sind doch
ungebildet bis ins Mark!)
Meine Damen und Herren, jetzt ist nicht mal der letzte
Minister dieser Bundesregierung da. – Da kommt er
wieder. Nachdem am 6. September alle demokratischen
Parteien bekräftigt haben, jetzt nicht zur Tagesordnung
überzugehen, hätte ich in dieser Debatte erwartet, dass nicht
nur Herr Dobrindt da ist, sondern ein paar mehr
Mitglieder der Bundesregierung anwesend sind und dass der
Bundeskanzler anwesend ist.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken)
Ich hätte erwartet, dass er seine Aussagen vom Mittwoch
zurücknimmt und korrigiert. Zu versuchen, die Probleme
im eigenen Laden, die fehlende Autorität in der eigenen
Partei zu kaschieren, indem wilde
Verschwörungstheorien zulasten des Restvertrauens in die demokratische
Mitte dieses Landes geschürt werden, ist eine
Unverschämtheit. Und es ist eines Bundeskanzlers unwürdig.
Ich erwarte, dass Friedrich Merz diese Aussagen
zurücknimmt.
Meine Damen und Herren, heute haben jüdische
Studierende ein würdiges Gedenken an den 9. Oktober 2019
ermöglicht. Wir haben damals gesagt: „Nie wieder!“ ist
heute.
(Martin Reichardt [AfD]: Sie koalieren in
Berlin mit Antisemiten!)
Viele Gespräche in den letzten Tagen – nicht nur mit
Jüdinnen und Juden, sondern auch mit vielen anderen –
haben deutlich gemacht: Dieses Versprechen ist
gebrochen.
Dieses Versprechen ist gebrochen mit schrecklichen
Terrorakten. Dieses Versprechen ist gebrochen mit dem
bestialischen Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023. Und
ich weiß nicht, ob wir alle gerade erhobenen Hauptes
sagen können, dieses Versprechen wird demnächst
wieder gelten, wenn unklar ist, was im Dezember im Landtag
von Sachsen-Anhalt passiert.
(Martin Reichardt [AfD]: Mit den Verteidigern
dieser Angriffe wollen Sie in Berlin koalieren!)
Ich fordere Sie eindringlich auf – Herr Müller, auch Sie
persönlich; ich hätte in dieser Debatte erwartet, dass Sie
als jemand, der in Sachsen-Anhalt zu Hause ist, nicht
über Berlin, sondern über Sachsen-Anhalt reden –:
Machen Sie wahr, was Sie gerade angekündigt haben!
Verhindern Sie, dass ein Rechtsextremer das Land, das auch
Ihr Land ist, beherrscht. Das haben die Menschen
verdient, die Ihrer Partei die Stimme gegeben haben.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
und bei der Linken)
Relationen
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