Rede von Janina Böttger (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 12: Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur.
Text
Rede von Janina Böttger (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte
Kolleginnen und Kollegen! Zuletzt sah es für die CDU in
Mecklenburg-Vorpommern besonders schwierig aus.
Jetzt sehen wir: Die Lage in Sachsen-Anhalt ist weit
dramatischer.
(Martin Reichardt [AfD]: Die ist
ausgezeichnet, die Lage!)
Vor unseren Augen zerfällt eine Regierungspartei, in
Magdeburg und auch in Berlin. Und plötzlich ist ein
rechtsextremer Ministerpräsident möglich – mithilfe der
CDU; das wissen hier alle.
(Dr. Hendrik Hoppenstedt [CDU/CSU]: Das ist
doch Quatsch!)
Der Kompass der CDU ist weg, und ihr
Spitzenpersonal ist nicht willens, nach ihm zu suchen. Das zeigt
auch die Auswahl Ihrer Rednerinnen und Redner hier
heute in der Debatte.
(Beifall bei der Linken – Martin Reichardt
[AfD]: Frauenfeindlich!)
Und nicht nur die aktuelle Debatte war unsäglich, auch
die Debatte heute früh zur Migration. Heute früh in der
Debatte zur Migration hat man gesehen, wie wenig Sie
bereit sind, Ihren Kompass wieder auszurichten, wie sehr
Sie sich von der AfD treiben lassen und damit Ihre eigene
Zerstörung selbst mit vorantreiben. Es war teilweise
wirklich schwer erträglich.
Dabei ist Ihre Lage wirklich ernst, weil immer weniger
Menschen an Sie glauben – an Sie, die Damen und Herren
von der CDU, aber auch von der SPD.
(Sepp Müller [CDU/CSU]: Wie viel Prozent
haben Sie denn in Sachsen-Anhalt geholt? –
Martin Reichardt [AfD]: Die haben aber immer
noch doppelt so viele Stimmen wie Sie in
Sachsen-Anhalt!)
Dieser Vertrauensverlust kam nicht über Nacht. Sie
hatten drei Jahrzehnte Zeit. Es gab genug Vorzeichen
und Hinweise. Sie haben sich immer wieder neu dafür
entschieden, sie zu ignorieren. Sowohl die vielen
Sozialproteste unmittelbar nach der Einheit als auch eine
brutale und tödliche rechtsextreme Gewaltwelle: Immer
wieder haben Sie sich für das Ignorieren entschieden. Dann
2004 die Hartz-IV-Proteste als starkes Signal. Sie
begannen vor allen Dingen in Ostdeutschland, genauer gesagt:
in Magdeburg. Denn in Ostdeutschland wussten alle, was
soziale Sicherung bedeutet, wenn der Arbeitsmarkt
Menschen massenhaft aussortiert. Dort wussten alle, was die
Einschnitte bedeuten, wie der Druck steigen wird und
dass Hartz IV ein Geschenk für die Unternehmer war.
Die SPD spaltete sich darüber, die WASG entstand,
Die Linke gewann an Bedeutung. Aber Ihr Kurs blieb
gleich:
Niedriglöhne, Soziallabbau, unterfinanzierte
Kommunen. Dafür stieg die Zahl der Nichtwähler.
Ich frage mich: Für wie weltfremd hält diese
Bundesregierung eigentlich diejenigen, die jeden Tag den Euro
zweimal umdrehen müssen? Die Menschen erwarten
bezahlbares Wohnen, verlässliche Gesundheitsversorgung
und fragen sich, wie der Wandel der Arbeit sozial
gestaltet wird. Um es ganz klar zu sagen: Die Menschen warten
nicht auf die Reform der Bundesregierung, sie fürchten
sie.
Deshalb stimmt auch die hämische Analyse der AfD
hier: Der beste Wahlkämpfer der Ostwahlen war der
Kanzler selbst. Und, liebe CDU, Ihr Problem an der
Doku „Inside CDU“ ist doch nicht ein Strandkorb. Ihr
Problem ist, dass sie abgehobene Funktionäre jenseits
jeder Lebensrealität der Menschen zeigt,
(Lachen der Abg. Dr. Ottilie Klein [CDU/
CSU] – Dr. Ottilie Klein [CDU/CSU]: Ja,
genau!)
die den Menschen erklären, dass sie über ihre
Verhältnisse leben und den Gürtel enger schnallen sollen.
(Beifall bei der Linken – Martin Reichardt
[AfD]: Der A8 ist aber teurer als der
Strandkorb!)
Wer die gesetzliche Rente als Sicherheitsversprechen
aufkündigt, wie es der Kanzler tut, dem kündigen eben
auch die Wählerinnen und Wähler. Viel zu spät, viel zu
unglaubwürdig war der Wahlkampf der ostdeutschen
CDU gegen die eigene Bundesregierung und deren
Rentenpläne. Das ist nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass das
politische Vertrauen schwindet, wo Politik die
Lebensrealität der Menschen verrät. Und genau diese Lücke
wird von rechts gefüllt.
(Martin Reichardt [AfD]: Warum füllen Sie die
denn nicht, wenn Sie das alles so gut können?)
Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, ich komme
aus Halle. Ich werde heute Abend beim Gedenken an
den 9. Oktober sein – wir haben es gerade schon gehört –:
Vor genau sieben Jahren mordete und verletzte dort ein
rechtsextremer, antisemitischer und frauenfeindlicher
Attentäter Menschen aus unserer Mitte.
(Jan Feser [AfD]: War der Mitglied der
Linkspartei?)
– Er war Ihr Fan, dieser Mensch war Ihr Fan und nicht
einer der Linken. Es war ein rassistischer, antisemitischer
Incel.
(Beifall bei der Linken sowie bei
Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/
DIE GRÜNEN – Martin Reichardt [AfD]:
Unser Fan? Das war wahrscheinlich ein
Antisemit, der zu viel bei den Linken zugehört hat!)
Ich werde dort mit denjenigen zusammenstehen, die
sich nicht vorstellen können, wie ausgerechnet ein
rechtsextremer Landtagspräsident die Toten ehren soll. Und
genau diese Befürchtung wurde heute wahr. Der
neugewählte Vizepräsident des Landtages der AfD,
Tillschneider, versuchte heute Mittag, zum Gedenken in die
Synagoge zu kommen. Junge Menschen stellten sich ihm in
den Weg. Ich danke diesen jungen Menschen, die
Courage und Menschlichkeit bewiesen haben.
Vielen Dank.
(Beifall bei der Linken und der SPD sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE
GRÜNEN)
Relationen
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