Rede von Heidi Reichinnek (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 12: Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur.
Text
Rede von Heidi Reichinnek (DIE LINKE) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Am Dienstag wurde in Sachsen-Anhalt der
erste rechtsextreme Parlamentspräsident seit Hermann
Göring gewählt. Was in Sachsen-Anhalt passiert ist, ist
keine Kleinigkeit. Das ist nichts, was man bedauernd zur
Kenntnis nimmt, um dann zur Tagesordnung
überzugehen.
(Martin Reichardt [AfD]: Das ist Demokratie
und Volkswille!)
Das ist der nächste große Schritt zur Machtübernahme
einer Partei, die die geistige Erbin derer ist, die dieses
Land in seine dunkelsten Zeiten geführt haben.
Und dieser Schritt gelang der AfD nicht alleine. Als es
darum ging, einen Rechtsextremen ins höchste Amt des
Landes Sachsen-Anhalt zu heben, haben sich 9 von 15
Abgeordneten der Union bewusst dafür entschieden, ihm
diesen Weg zu ebnen – durch Zustimmung oder
Enthaltung.
Erinnern Sie sich an den 29. Januar 2025, an die
Abstimmung, bei der Sie von der Union hier im Bundestag
Mehrheiten mit der AfD gesucht haben, um Geflüchtete
zu bekämpfen? Da habe ich Ihnen von diesem Pult aus
ehrlich entsetzt und fassungslos gesagt, dass ich mir aller
politischen Differenzen zum Trotz niemals hätte
vorstellen können, dass eine christlich-demokratische Partei
diesen Dammbruch vollzieht und mit Rechtsextremen
paktiert. Eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen –
eineinhalb Jahre, in denen immer größere Teile der Union
stramm nach rechts marschiert sind. Und der Mann, der
heute Kanzler und Parteichef ist, der diese Geister rief,
steht daneben und sieht zu.
(Beifall bei der Linken)1) Anlage 2
In Heidenau verhindern Ihre Stadträte gemeinsam mit
der AfD Stolpersteine. In Hennigsdorf haben Ihre
Parteimitglieder einen AfD-Antrag unterstützt, der die
Gründung einer Bürgerwehr beinhaltete. Und nicht nur in
Sachsen-Anhalt fordern Vertreter Ihrer Partei schon lange
eine Öffnung zur rechtsextremen AfD. Dass Sie sich in
dieser Gemengelage wirklich vor Mikros und Kameras
stellen und etwas von einer False-Flag-Operation
herbeifantasieren, ist genauso erbärmlich wie durchschaubar.
(Beifall bei der Linken sowie bei
Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Es ist doch ein offenes Geheimnis, dass die Stimmen für
die AfD aus der Union kamen. Also hören Sie endlich
auf, die Leute für dumm zu verkaufen! Übernehmen Sie
Verantwortung, und ziehen Sie endlich Konsequenzen!
Für Sie von der Union sind Demokratie und Grundgesetz
vielleicht verhandelbar. Aber wir als Linke werden beides
verteidigen – mit Ihnen oder gegen Sie.
(Beifall bei der Linken – Lachen bei
Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD – Heiko
Hain [CDU/CSU]: Unglaublich! – Martin
Reichardt [AfD]: Unglaublich! Sie sind doch
die größten Feinde des Grundgesetzes!
100 Millionen Tote hat Ihre Partei zu
verantworten! Ihr kommunistischer Unrat, den Sie
hier ausschütten! Da wird Ihnen auch kein
Ordnungsruf oder ähnlicher Humbug helfen!
Kommunisten unterdrücken die freie
Meinungsäußerung in diesem Parlament!)
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt haben wir als Linke
allen demokratischen Parteien, auch Ihnen von der
Union, trotz aller Kritik die Hand gereicht, um gemeinsam zu
verhindern, dass diese Rechtsextremen an die Macht
kommen. Sie haben diese Hand weggeschlagen.
Kolleginnen und Kollegen der Union, lassen Sie mich
Ihnen eines direkt und offen sagen: Wir haben das nicht
gemacht, weil wir Sie oder Ihre Politik mögen; das
Gegenteil ist der Fall. Wir haben das nicht gemacht, weil wir
damit Stimmen gewinnen würden; das Gegenteil ist der
Fall. Und wir haben das sicher nicht gemacht, weil unsere
eigenen Genossinnen und Genossen dafür applaudieren;
das Gegenteil ist der Fall. Wir machen das, weil uns diese
Demokratie wichtig ist, wichtiger als unsere Mandate
oder Posten, wichtiger als unsere Umfragewerte und –
das wird mit jedem Tag deutlicher – weil uns diese
Demokratie deutlich wichtiger ist, als sie Ihnen zu sein
scheint.
Und nicht nur Tobias Rausch,
(Martin Reichardt [AfD]: Das ist ein
hervorragender Mann!)
der im Zentrum der Verwandtschaftsaffäre der AfD steht
und seine halbe Familie plus Fußballverein mit Posten
versorgt hat, wurde mit Stimmen der Union gewählt.
Mutmaßlich bekam auch Hans-Thomas Tillschneider,
ein rechtsextremer Vordenker und
Verschwörungsfanatiker, diese Unterstützung, während gleichzeitig
mindestens Teile der Union den Kandidaten der SPD, also Ihres
Koalitionspartners hier, durchfallen ließen. Das ist schon
widerlich genug. Aber dass Sie der SPD hier gleichzeitig
mit einem Bruch der Koalition drohen, wenn es in Berlin
eine rot-grün-rote Regierung gibt, das ist an Verlogenheit
nicht zu überbieten.
(Beifall bei der Linken – Sven Wendorf [AfD]:
Nie wieder Sozialismus!)
Ihre Hetzkampagne gegen Die Linke, die wir gleich
wieder hören werden, ist zutiefst widerlich. Aber wer
die Verteilungsfrage stellt, den bekämpfen Sie eben mit
den dreckigsten Bandagen, während Sie Demokratie- und
Verfassungsfeinden die Hand reichen. Für Sie als Union
ergibt das sicherlich Sinn; denn mit der AfD können Sie
Geflüchtete bekämpfen, den Sozialstaat zerschlagen,
Überreiche reicher machen und Konzernen ihre Macht
absichern – viele Gemeinsamkeiten, kaum noch
Berührungsängste. Und das Schlimmste: Während Sie sich
immer weiter an die AfD annähern, schaffen Sie mit Ihrer
Politik des sozialen Kahlschlags den Nährboden für diese
braune Saat. Während Sie den Menschen die Rente
kürzen, das Wohngeld streichen und den Pflegegrad nehmen,
schwingen sich die Rechtsextremen von Sieg zu Sieg.
Beim Koalitionsausschuss gab es wieder
Gruppenkuscheln für die gute Laune, aber keine Beschlüsse, um
die Menschen zu entlasten und in die Zukunft zu
investieren, um endlich zu zeigen: Wir haben verstanden. –
Diese Regierung, mit der Union an den Zügeln, führt
das Land an den Rand des Abgrunds, und die
Rechtsextremen werden es hineinstürzen, wenn Sie nicht
endlich bereit sind, Konsequenzen zu ziehen.
Doch während Sie von der Union mehr und mehr zu
einem jämmerlichen Abziehbild der Partei werden, die
Sie einmal waren, sage ich Ihnen deutlich: Wir als Linke
waren, sind und bleiben die rote Haltelinie.
(Martin Reichardt [AfD]: Sie sind der rote
Blutfleck hier im Parlament!)
An alle Menschen, die in diesen Tagen Angst haben,
was da auf uns zukommt: Wir stehen an eurer Seite! Ihr
seid nicht allein! Wir geben niemals auf! – Und an die
von Ihnen in der Union, die immer noch denken, dass sie
das alles unter Kontrolle haben – ich erinnere Sie noch
mal daran –: Die Macht wurde von den Nazis nicht
ergriffen; sie wurde Ihnen von Konservativen übertragen.
Wollen Sie wirklich wieder auf der falschen Seite der
Geschichte stehen? Ich hoffe, Ihre Antwort ist eine
andere.
Relationen
- part_of → Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- spoke_in ← Heidi Reichinnek (Rede)