Rede von Dr. Franziska Kersten (SPD) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Teil von Protokoll der 100. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP ZP 12: Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur.
Text
Rede von Dr. Franziska Kersten (SPD) – Aktuelle Stunde: Zäsur in Sachsen-Anhalt – Nicht zur
Sehr geehrter Herr Präsident! Sehr geehrte
Kolleginnen und Kollegen! Was wir an diesem Dienstag erlebt
haben, war eine Zäsur: Zum ersten Mal seit dem
Nationalsozialismus wurde ein Mitglied einer rechtsextremen
Partei in das höchste repräsentative Amt eines deutschen
Parlamentes gewählt. Nach dem Wahlergebnis in meiner
Heimat ist das die zweite Nachricht der letzten Wochen,
die mich wirklich emotional erschüttert hat.
Wir müssen uns immer wieder vor Augen führen: Der
AfD-Landesverband Sachsen-Anhalt ist gesichert
rechtsextrem und dazu noch einer der radikalsten
Landesverbände Deutschlands.
(Martin Reichardt [AfD]: Wir sind einer der
besten!)
Ja, laut Geschäftsordnung des Landtages hat die größte
Fraktion das Vorschlagsrecht für diesen Posten. Aber:
Das Ergebnis eines demokratischen Prozesses darf damit
nicht vorweggenommen werden! Man ist nicht
verpflichtet, Demokratiefeinden zu Ämtern zu verhelfen!
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der
Linken)
Die Sorgen der Wählerinnen und Wähler sind echt, und
wir müssen sie viel ernster nehmen als bisher.
(Volker Scheurell [AfD]: Ihr hattet doch
25 Jahre Zeit!)
Wer Transformation und vielleicht Arbeitsplatzverlust
gemeistert hat, will mit Würde behandelt werden. Dazu
gehört auch, die Lebensleistungen der vielen fleißigen
Menschen in unserem Land anzuerkennen. Aber eben
nicht mit nationalistischem Pathos! Bei den anstehenden
wichtigen Reformen müssen wir stattdessen deutlich
machen, wie wir bei Themen wie Rente, Pflege oder
Bezahlbarkeit des Lebens Verbesserungen erreichen und alle
Bürgerinnen und Bürger wirklich entlasten.
Die AfD bietet keine echten Lösungen für diese
Sorgen. Deshalb ist meine Enttäuschung über die CDU
Sachsen-Anhalt umso größer. Statt konstruktive Politik
zu betreiben, hat sie hier eine Partei ermächtigt, die mit
ihrem Wahlprogramm die Bürger in ihrem Leben
schlechter- statt besserstellen will.
Ich kenne Sven Schulze und viele Abgeordnete der
CDU Sachsen-Anhalt persönlich. Es enttäuscht mich
daher umso mehr, dass durch die Wahl des stellvertretenden
Landtagspräsidenten von der CDU deutlich wird, wer
hier wen unterstützt.
Und wer wurde nun neben Tobias Rausch gewählt?
Hans-Thomas Tillschneider, ein extremer Ideologe, der
vom Bundesamt für Verfassungsschutz als
Rechtsextremist eingestuft wird. Tillschneider zeichnet sich durch
seine antidemokratische Haltung und einen völkisch-
nationalistischen Kulturbegriff aus. Das Bauhaus
bezeichnete er in direkter Anlehnung an den NS-Ideologen Paul
Schultze-Naumburg als „Irrweg der Moderne“. Dabei ist
das Bauhaus doch das Aushängeschild Sachsen-Anhalts
und Weltkulturerbe. Und so ein Mensch wird jetzt
gemeinsam mit dem neuen Landtagspräsidenten auch
Reden zu Gedenktagen unserer Geschichte halten. Damit
kann die AfD historisch wichtige Tage nach ihrem Willen
umdeuten.
In seiner Antrittsrede am Dienstag hat Rausch zwar
großspurig verkündet, ein Landtagspräsident für alle
sein zu wollen, aber das steht ja in direktem Widerspruch
zu den Aussagen fast aller anderen Mitglieder seiner
Partei und seinem eigenen Wahlprogramm. Darüber
hinaus will er sein Amt als Geschäftsführer seiner Fraktion
behalten, also parteipolitisch weiter Einfluss ausüben.
Meiner Meinung nach ist das ein klarer
Interessenkonflikt.
(Martin Reichardt [AfD]: Gucken Sie sich mal
Dutzende von anderen Politikern an!)
Die SPD Sachsen-Anhalt hat am Mittwoch verkündet,
alle weiteren Versuche für Koalitionsgespräche
abzubrechen. Die CDU Sachsen-Anhalt hat mit dieser Wahl
eindrücklich gezeigt, dass sie kein verlässlicher Partner für
uns sein kann.
Und sollte es dazu kommen: Eine von der AfD
geführte Landesregierung wird es vom ersten Tag an mit
einer entschlossenen sozialdemokratischen Opposition
zu tun bekommen!
Relationen
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