polradar

Rede von Clara Bünger (DIE LINKE) – Migrationsbilanz für Deutschland – Kosten und Nutzen der Zuwanderung erfassen

dip / rede 15.10.2026 · WP 21 · Original ↗

Teil von Protokoll der 102. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 9: Migrationsbilanz für Deutschland – Kosten und Nutzen der Zuwanderung erfassen.

Das Protokoll 21/102 liegt bei DIP nur als Vorabfassung vor: Der Text endet vor dem Schluss der Sitzung, zu Protokoll gegebene Reden fehlen in polradar (der endgültige Bericht war für den 20.10.2026 angekündigt). Vollständig im Plenarprotokoll (PDF) ↗.

Im Graph öffnen

Text

Rede von Clara Bünger (DIE LINKE) – Migrationsbilanz für Deutschland – Kosten und Nutzen der Zuwanderung erfassen Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir könnten heute hier über wichtige Themen sprechen: zu hohe Mieten – Herr Seif hat das schon probiert –, kaputte Schulen oder mangelhafte Gesundheitsversorgung. Wir könnten Lösungen entwickeln, die das Leben der Menschen wirklich verbessern. Aber die AfD will lieber Sündenböcke präsentieren; sie will wie immer gegen Geflüchtete hetzen. Das dürfen wir nicht zulassen. Die AfD fordert eine Migrationsbilanz. Menschen mit Migrationsgeschichte sollen nach ihrem angeblichen Nutzen sortiert werden: Wer mehr einzahlt, als er kostet, gilt als Gewinn; wer weniger einzahlt, gilt als Verlust. Häufig heißt es: Menschen mit Migrationsgeschichte pflegen unsere Angehörigen, liefern unser Essen und ernten unsere Lebensmittel. Doch wer sie mit ihrem Nutzen verteidigt, übernimmt den Maßstab der AfD. Niemand muss in diesem Land seine Nützlichkeit beweisen, um gleiche Rechte zu haben. Denn diese Rechnung endet nicht bei Menschen mit Migrationsgeschichte: Ein Kind mit schwerer Behinderung, dessen Förderung mehr kostet, als es später Steuern zahlt: Minus. Eine Frau, die nach einem Schlaganfall Pflege braucht: Minus. Jeder Rentner in diesem Land: Minus. Nach dieser Logik wären auch 70 Prozent der Deutschen ohne Migrationsgeschichte ein Verlustgeschäft. Auf der Tribüne hier oben sitzen gerade etwa 160 Menschen. Wenn es nach der AfD geht, sind über 110 von ihnen nicht nützlich. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Mehrheit der Menschen in diesem Land. Meine Damen und Herren, es war Karl Binding, der 1920 zusammen mit einem Psychiater von „Ballastexistenzen“ und „absolut zwecklosem Leben“ schrieb. Gut 15 Jahre später hing in Deutschland ein Plakat, auf dem stand, ein Erbkranker koste die Volksgemeinschaft 60 000 Reichsmark. Ab 1939 wurde aus dieser kalten Rechnung industrieller Massenmord: Über 200 000 psychisch Erkrankte und Menschen mit Behinderung wurden systematisch umgebracht. Sie sind nicht die Täter von damals. Aber Sie machen Menschen erneut zum Kostenfaktor und greifen eine Logik auf, deren Folgen wir alle kennen. Das Grundgesetz ist die Antwort darauf. Die Würde des Menschen in Artikel 1 hat keine Fußnote. Dort steht nicht: „solange es sich rechnet“. Und das Bundesverfassungsgericht hat klargestellt: Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren. Lassen wir uns auf das Gerede von Nützlichkeit nicht ein! Jeder Mensch hat seinen eigenen Zweck. Darin besteht auch seine Würde. Vielen Dank.

Relationen