Rede von Cornelia Hirsch (DIE LINKE) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Cornelia Hirsch (DIE LINKE) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Das Versprechen der Bundesregierung beim ersten
Hochschulpakt war, mehr jungen Menschen ein Studium
zu ermöglichen. Aus Sicht der Linken darf man sich bei
aller berechtigten Freude über den Anstieg der
Studienanfängerzahlen noch lange nicht zurücklehnen und sich
selbst auf die Schulter klopfen.
(Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Wer tut das
denn?)
Denn dieses Ziel ist noch lange nicht erreicht.
Wir sagen, es ist höchste Zeit für einen zweiten
Hochschulpakt. Und: Es ist entscheidend, dass beim zweiten
Hochschulpakt die Konstruktionsfehler des ersten
Hochschulpaktes nicht wiederholt werden. Wenn wir einen
zweiten Hochschulpakt auf den Weg bringen, dann heißt
das für die Linke, für einen Dreiklang aus mehr
Studienplätzen, besseren Studienplätzen und einem Beitrag zur
sozialen Öffnung der Hochschulen zu sorgen. Davon
haben wir bisher noch nicht sehr viel gehört.
Ich beginne mit dem ersten Punkt: mehr
Studienplätze. Da gab es klare Fehler beim ersten
Hochschulpakt; das sollte hier nicht verschwiegen werden. Man
kann nicht auf der einen Seite mehr Studienplätze
versprechen und auf der anderen Seite beim Hochschulpakt
lediglich von Studienanfängerzahlen reden. Wenn
Studierende an die Hochschulen kommen, muss gesichert
sein, dass das gesamte Studium ausfinanziert ist. Das ist
die erste notwendige Änderung.
Die zweite Änderung ist, dass wir im zweiten
Hochschulpakt zu verbindlichen Vereinbarungen mit den
Ländern kommen müssen. Wenn wir uns die Bilanz des
ersten Hochschulpakts ansehen, dann erkennen wir, was die
Länder teilweise gemacht haben, um auf die
gewünschten Zahlen zu kommen, ohne viel Geld beisteuern zu
müssen. Sachsen-Anhalt dreht an Kapazitätsregelungen
herum, um möglichst günstig dazustehen. In Baden-
Württemberg gibt es die Situation, dass die
Berufsakademien mit eingerechnet werden, um auf die
entsprechenden Zahlen zu kommen. All das sind keine Beiträge zu
ernsthaften Bemühungen um mehr Studienplätze.
Wir können uns drittens auch nicht nur darüber freuen
– Frau Grütters, damit möchte ich auf Ihren Beitrag
eingehen –, dass es mehr Studienanfängerinnen und
Studienanfänger gibt. Man muss auch darauf achten, wie
sich die Studierendenquote entwickelt. Sie haben recht,
wenn Sie sagen, dass diese Quote gestiegen ist. Wenn
man sich jedoch anschaut, wie sich die Zahl der
Studienberechtigten entwickelt hat, dann erkennt man eine
Linie, die steil nach oben geht. Bei der Studierendenquote
hingegen erkennen wir eine Linie, die sich schlangenför-(C)
mig nur leicht nach oben bewegt. Das ist längst nicht
genug. Deswegen der erste Punkt: mehr Studienplätze.
Der zweite Punkt: mehr Qualität. Da ist es
entscheidend – das wurde im Rahmen des ersten
Hochschulpaktes nicht getan –, sich anzuschauen, vor welchen
Herausforderungen die Hochschulen mit der Umstellung auf die
neuen Studiengänge Bachelor und Master stehen. Wenn
man sich heute mit Studierenden unterhält, dann
bekommt man überwiegend die Antwort: Durch das, was
gemacht worden ist, ist mein Studiengang schlicht
unstudierbar geworden; ich habe unglaublich hohe
Präsenzzeiten, und es wird mir unglaublich viel abverlangt;
aber es passt alles überhaupt nicht mehr zusammen, und
die Betreuungsrelationen sind einfach eine Katastrophe. –
Man muss daher sagen: Wenn es wirklich mehr Qualität
geben soll, dann muss diese Umstellung auf Bachelor-
und Masterstudiengänge mit berücksichtigt werden. Das
heißt dann natürlich mehr Geld.
Mehr Qualität bedeutet für uns auch, dass in diesem
zweiten Hochschulpakt Kriterien für eine
geschlechtergerechte Wissenschaft mit verankert werden müssen.
Frau Grütters, wenn Sie sagen, das gehöre nicht hierher,
dann muss man sich natürlich die Frage stellen, wie
wichtig einem solche Kriterien für eine
geschlechtergerechte Wissenschaft sind. Für die Linke gehört das
unabdingbar für mehr Qualität an den Hochschulen dazu.
Wenn man das nicht will, kann man es natürlich
herunterfallen lassen. Wir sagen: Für mehr Qualität brauchen
wir solche Kriterien.
Damit komme ich zum dritten Punkt: soziale Öffnung
der Hochschulen. Der Fehler beim Hochschulpakt I war,
dass, obwohl das Studentenwerk massiv darauf
hingewiesen hat, folgender Punkt nicht beachtet wurde: Wenn
wir fordern, dass mehr Studierende an die Hochschulen
kommen, dann brauchen wir mehr Plätze in
Wohnheimen, mehr Sitzplätze in der Mensa und mehr
Betreuungseinrichtungen. Es ist aber keine Investition in die
soziale Infrastruktur erfolgt. Es ist dringend erforderlich,
dass diese Punkte beim zweiten Hochschulpakt
berücksichtigt werden.
Darüber hinaus müssen wir uns im Rahmen der
sozialen Öffnung der Hochschulen auch anschauen, welche
sonstigen Prozesse im Hochschulbereich laufen. Da
steht an allererster Stelle die Exzellenzinitiative, die von
den verschiedensten Seiten hoch gelobt wird. Es wird
immer gesagt, beides gehöre zusammen: Der
Hochschulpakt schafft Qualität in der Breite, und die
Exzellenzinitiative sorgt für optimale Förderung in der Spitze.
Das Problem dabei ist aber, dass die Förderung in der
Spitze die Qualität in der Breite verhindert. Durch die
Prozesse, die an der Hochschule im Rahmen der
Exzellenzinitiative ablaufen – die Vorbereitung auf die
Anträge, der Versuch, bei der Drittmittelforschung
möglichst gut dazustehen und möglichst viel in PR-
Maßnahmen und Ähnliches zu investieren –, wird die
Erfüllung des eigentlichen Auftrages, nämlich der Aus-bau der Studienplatzkapazitäten, zurückgeschraubt.
Deshalb fordert die Linke, dass nicht das Hauptaugenmerk
auf die Exzellenzinitiative gelegt wird und der
Hochschulpakt nur nebenbei läuft. Vielmehr muss die
Exzellenzinitiative auslaufen, und die Gelder, die bisher für
die Exzellenzinitiative bereitgestellt worden sind,
müssen in den zweiten Hochschulpakt fließen.
Im Zusammenhang mit der sozialen Öffnung spielen
auch die Studiengebühren eine Rolle. Immerhin haben
wir es inzwischen geschafft, dass die Bundesregierung
endlich die Studie zu den Studiengebühren veröffentlicht
hat und sie nicht mehr länger geheim hält. In dieser
Studie wird regierungsamtlich bestätigt, dass
Studiengebühren vom Studium abschrecken. Da kann auch Frau
Grütters hier keine anderslautende Argumentation mehr
vertreten.
(Monika Grütters [CDU/CSU]: 15 Prozent
mehr im Saarland mit Studiengebühren, Frau
Hirsch!)
Deshalb kann man es nicht akzeptieren, wenn die
Bundesregierung das Thema Studiengebühren im Rahmen
des Hochschulpaktes vollkommen außen vor lässt. Man
kann nicht einerseits die Hochschulen ausbauen wollen,
aber andererseits nichts dagegen tun, dass die Länder
diesen Ausbau durch die Einführung von
Studiengebühren versperren.
Deshalb muss zumindest – das ist eine Forderung der
Linken – dafür gesorgt werden, dass die Länder, die
Studiengebühren erheben, die daraus fließenden Einnahmen
von den Mitteln abgezogen bekommen, die der Bund im
Rahmen des zweiten Hochschulpaktes bereitstellt.
(Marion Seib [CDU/CSU]: Wozu soll das gut
sein?)
Das wäre ein ernsthafter Beitrag zu mehr Studienplätzen
und zu mehr sozialer Öffnung an den Hochschulen.
Besten Dank.