Rede von Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 8 a und 8 b: Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),.
Text
Rede von Kai Gehring (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN) – Gehring, Krista Sager, Priska Hinz (Herborn),
Ja. – Liebe Kolleginnen und Kollegen, in den
nächsten Jahren dürften rund 700 000 Studierende zusätzlich
an die Hochschulen strömen. Damit diese Prognosen
tatsächlich Realität werden, müssen Bund und Länder die
Weichen richtig stellen. Der Hochschulpakt II, der jetzt
vereinbart werden soll, muss das leisten, woran sein
Vorgänger offenkundig zu scheitern droht: einen
verlässlichen und bedarfsgerechten Ausbau qualitativ
hochwertiger Studienplätze. Dieses zentrale hochschulpolitische
Anliegen muss der Kern und die Priorität des
Hochschulpaketes II sein. Nur so wird aus ihm ein
grüner Pakt für die Studierenden.
Der Hochschulpakt I muss – das ist aus unserer Sicht
offenkundig – repariert werden. Wenn man sich die
Kennzahlen ansieht, stellt man fest, dass er zu scheitern
droht. Das Ziel, die Zahl der Studienplätze im Jahr 2007
auszubauen, ist klar verfehlt worden. Insbesondere in
mehreren unionsregierten Bundesländern wurden
Studienplätze ab- statt aufgebaut. Damit alle
Studieninteressierten tatsächlich einen Studienplatz bekommen
können, brauchen wir allein in den Jahren 2009 und 2010
rund 2,4 Milliarden Euro mehr. Frau Schavan – sie ist
heute nicht da – und Herrn Storm – er ist noch nicht da –möchte ich auffordern: Werden Sie in der
Bundesregierung dieser hochschulpolitischen und gesamtstaatlichen
Verantwortung endlich gerecht!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Monika Grütters [CDU/CSU]: Da ist Herr
Storm!)
– Herzlich willkommen!
Kernbestandteil eines solchen neuen Pakts für die
Studierenden muss im Übrigen ein Hochschulpaktfonds
von Bund und Ländern werden. Jedes Bundesland kann
dann aus diesem Fonds Mittel für neu geschaffene
Studienplätze abrufen. Wir wollen, dass ein Teil der
Grundfinanzierung der Hochschulen nach dem Prinzip „Geld
folgt Studierenden“ erfolgt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD und der FDP –
Swen Schulz [Spandau] [SPD]: Das ist unsere
Idee!)
– Ja, das ist sicherlich eine gemeinsame Idee. Es ist
erfreulich, dass es, nach dem Antrag der FDP, im
Deutschen Bundestag längst eine parlamentarische Mehrheit
gibt, die das Grundprinzip „Geld folgt Studierenden“
unterstützt.
Das sollten Sie einmal Herrn Oettinger aus Baden-
Württemberg mitteilen, damit er seinen Widerstand
aufgibt und damit nicht länger einige Länder für die
Ausbildung bezahlen, während andere Länder die Akademiker
absahnen.
(Cornelia Pieper [FDP]: Dafür wird die FDP
schon sorgen!)
Da muss es einen gerechten Ausgleich zwischen den
einzelnen Bundesländern geben. Für einen solchen
Beschluss gibt es hier offensichtlich eine parlamentarische
Mehrheit.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der SPD)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir wollen Masse
und Klasse für die Hochschulen. Der neue
Hochschulpakt muss endlich erheblich mehr ausfinanzierte
Studienplätze bringen sowie bessere Studien- und
Lehrbedingungen garantieren. Die bisher von Bund und
Ländern vorgesehenen Mittel von jährlich 5 500 Euro
pro zusätzlichem Studienanfänger und pro Jahr reichen
aber bei weitem nicht aus. Damit bleiben wir dramatisch
unter dem OECD-Durchschnitt von 10 600 Euro. Mit
solchen Kleckerbeträgen lassen sich nur
Billigstudienplätze schaffen. Kostenintensivere Fächergruppen oder
auch betreuungsintensivere Bachelor- und
Masterstudiengänge bleiben dabei unberücksichtigt. Liebe
Großkoalitionäre, Sie sollten klotzen statt kleckern. Die
Unterfinanzierung der deutschen Hochschulen muss umgehend
beseitigt werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Jörg
Tauss [SPD]: Kleckern kennen wir nicht!)
Der Bildungsgipfel bot dazu sicherlich eine
Gelegenheit. Da muss man schon sagen: Nachdem
milliardenschwere Rettungspakete für die Banken und für die
Automobilindustrie geschnürt worden waren,
(Jörg Tauss [SPD]: Für die Automobilindustrie
nicht!)
fielen in Dresden für Kitas, Schulen und Hochschulen
offensichtlich nur Notgroschen ab. Dieser
Bildungsgipfel war insgesamt ein Jammertal. Die Chance für einen
neuen Aufbruch bei der Bildung, gerade auch im
Hochschulbereich, ist dort leider vertan worden.
Nun hat die Große Koalition mit einem blinden und
ziellosen Konjunkturprogramm binnen kürzester Zeit
auch noch die zweite Gelegenheit verpasst, die
Unterfinanzierung in unserem Hochschulsystem zu
überwinden. Anstatt wie die Große Koalition auch die
Spritschlucker unter den Autos zu subventionieren oder über
nutzlose Konsumgutscheine zu diskutieren, schlagen wir
mit unserem grünen New Deal ein nachhaltig wirkendes
Investitionsprogramm vor, das gegen drängende
Probleme wie die Klimakatastrophe, die Bildungsmisere
und die soziale Ungerechtigkeit ankämpft. Wir sind
davon überzeugt: Eine Wirtschaftskrise ist nur mit mehr
Investitionen in Bildung und Hochschulen zu meistern
bzw. zu bekämpfen. Das fehlt jedoch bei Ihnen völlig.
(Beifall der Abg. Priska Hinz [Herborn]
[BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Sie haben es versäumt, den qualitativen Ausbau in Ihr
Konjunkturprogramm aufzunehmen. Offensichtlich hat
Ministerin Schavan das Ganze am Kabinettstisch
verschlafen. Schnarchend kommen wir allerdings sicherlich
nicht im Zeitalter der Wissensgesellschaft an.
(Jörg Tauss [SPD]: Frau Schavan schnarcht
nicht! – Gegenruf der Abg. Priska Hinz [
Herborn] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr
Tauss, woher wissen Sie das denn? Das
interessiert uns aber!)
Ich kann ein weiteres Beispiel nennen – darüber ist
Herr Tauss bestimmt froh und glücklich –: Das 40-
Prozent-Ziel, das Sie sich auf dem Bildungsgipfel gesetzt
haben, hatten wir unter Rot-Grün eigentlich längst
erreicht. In den letzten Jahren gab es dagegen Rückgang
bzw. Stagnation. Im OECD-Durchschnitt nehmen schon
längst 56 Prozent eines Altersjahrgangs ein Studium auf.
Das wäre doch einmal – neben einem Pakt für die
Studierenden – ein ambitioniertes Ziel für die bundesweite
Hochschulpolitik. Das wäre ein ambitioniertes
Zukunftsprojekt. Darum sollte man sich auch mit dem
Hochschulpakt II dringend kümmern.
Relationen
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