Rede von Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) – Drucksache 16/11192
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Drucksache 16/11192 –.
Text
Rede von Dr. Eva Möllring (CDU/CSU) – Drucksache 16/11192
Frauen verdienen in Deutschland 23 Prozent weniger
als Männer. Diese Zahl ist schon oft genannt worden,
aber sie ist trotzdem immer wieder schockierend. Das
Problem ist nicht neu, und so manche Wissenschaftlerin,
Politikerin und Gewerkschafterin beißt sich seit Jahren
vergeblich die Zähne aus, um die Situation zu ändern.
Deutschland ist mit seiner Lohndifferenz so ziemlich am
Ende der europäischen Skala, aber im Grunde sieht es
international nicht viel besser aus. Denn was nützt es, wenn
der Lohnabstand in Malta zwar geringer ist, dafür aber
die Lohnhöhe mit unserer nicht mithalten kann? Was
können wir also als Gesetzgeber tun, um endlich frischen
Wind in diese Misere zu bringen?
Es ist nicht so, dass wir die Ursachen für die
Lohnunterschiede nicht kennen würden. Vielmehr gibt es eine
Reihe von Studien, die weitgehend zu übereinstimmenden
Ergebnissen kommen. Ich möchte die wichtigsten Gründe
nennen: Wenn Frauen die gut bezahlten,
erfolgversprechenden Berufe wählen würden, wenn sie sich nicht um
ihre Familie kümmern, sondern sich auf ihre Karriere
konzentrieren würden, wenn Frauen hohe Gehälter und
Nebenzahlungen einfordern würden, wenn auf der
anderen Seite die Tarifparteien die Arbeit von Frauen und die
Arbeit von Männern gleich bewerten würden, wenn es
Chefsache wäre, Frauen in leitende Positionen zu
bringen, und wenn Betriebe und Arbeitsvermittlung Frauen
auch während Berufsunterbrechungen zielführend
weiterbilden würden, dann würden Frauen sicherlich fast
genauso viel verdienen wie Männer.
Aus der Analyse ergeben sich die Handlungsfelder.
Zwei Entwicklungen sprechen dafür, dass sich die
Situation jetzt tatsächlich langsam verbessert. Viele junge
Frauen sind beruflich ehrgeiziger als ihre Mütter und
Großmütter. Sie werden in Zukunft durch das Elterngeld
und den Ausbau der Kinderbetreuung in dieser
Einstellung gut unterstützt. Die Betriebe spüren den Mangel an
Fachkräften, und zwar besonders die großen
Unternehmen, wo schon heute 56,4 Prozent über einen Engpass
von technischen Fachkräften klagen, und selbst in den
mittelgroßen technischen Firmen sind es fast 40 Prozent.
Da zeigen sich wirklich eine Bewegung und großes
Interesse, Frauen für diese Berufe zu begeistern und in die
Verantwortung zu bringen.
Aber es geht nicht schnell genug. Vielleicht für die
Generation, die heute am Beginn ihres Berufslebens steht,
aber nicht für die vielen Frauen, die heute schon am
Arbeitsplatz sitzen, die schlechter bezahlt werden als andereund die nicht die Stelle bekommen, die sie ausfüllen
könnten. Trotz der zunehmenden Anzahl von
Gleichstellungsprogrammen am Arbeitsplatz klagen in Deutschland
45 Prozent der weiblichen Angestellten darüber, dass sie
trotz gleicher Qualifikation und Fähigkeiten ein
geringeres Gehalt bekommen als ihre männlichen Kollegen. In
England und Spanien sind es nur 30 Prozent und in den
Niederlanden 28 Prozent. Gleichzeitig geben bei uns
40 Prozent der Frauen an, weniger Aufstiegschancen zu
haben als ihre männlichen Kollegen. Zwar sind es in
Spanien sogar 50 Prozent, aber in England sind es
24 Prozent und in den Niederlanden 20 Prozent. Deshalb
müssen wir jetzt für diese Frauen handeln. Ich glaube,
wir sind uns alle einig, dass die Politik für das Thema eine
Verantwortung trägt.
Ich nenne dazu sechs entscheidende Punkte. Wir
müssen uns dahinterklemmen, dass die Bundesregierung die
freiwillige Vereinbarung mit der Wirtschaft ausbaut und
die Ziele und Methoden, die schon drinstehen,
konsequent umgesetzt werden. Dazu sollten wir einen
Wettbewerb zwischen Firmen und Behörden installieren, wer die
meisten Frauen in Führungspositionen bringt. In den
Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen
beträgt der Anteil von Frauen 1,2 Prozent. Da müssen
wirklich noch Berge versetzt werden. Eine angemessene
Quote liegt in diesem Bereich in weiter Ferne, weil ja in
der Ebene darunter auch nicht viel mehr Frauen arbeiten
und wir ohne eine konsequente durchgängige Förderung
gar keine Frauen haben, die für diese höchste Ebene das
berufspraktische Wissen und die Erfahrung erlernt
haben. Diese Förderung muss deshalb von den
Spitzenverbänden der Wirtschaft und von der Bundesregierung auch
kontrolliert und konstruktiv begleitet werden. Die
Tätigkeitsbeschreibungen für die Tarifverträge müssen fair,
gerecht und diskriminierungsfrei sein. Dazu sind die
Tarifparteien schon aufgrund der EU-Richtlinien verpflichtet.
Wir brauchen deshalb keine weitere gesetzliche Auflage.
Es geht vor allem darum, dass sich die Regierung die
Beschreibungen auch anschaut und geprüft wird, ob die
Beschreibungen die Tätigkeiten von Frauen und Männern
korrekt bewerten. Das passiert bisher nur ansatzweise bei
den Tarifpartnern. Und wenn überhaupt Beschreibungen
erneuert werden, dann ist das ein jahrelanger Prozess.
Deshalb muss sich die Politik klar und
unmissverständlich dafür einsetzen.
Wir schlagen vor, einen freiwilligen Lohntest zu
entwerfen und einzuführen, wie er in der Schweiz seit 2001
mit viel Erfolg angeboten wird.
Es muss mehr zielführende Weiterbildung durch
Betriebe – gerade in den Zeiten der Berufsunterbrechung –
angeboten werden, und die Mütter und Väter müssen
dafür eine ausreichende finanzielle Unterstützung erhalten.
Haushaltskräfte sind unentbehrliche Hilfen, wenn man
mit Familie im Beruf erfolgreich sein will. Es gibt keinen
Grund, dass betriebliche Mitarbeiter steuerlich besser
abgesetzt werden als die Mitarbeiter, die zwischenzeitlich
die Arbeit im Haus erledigen.
Die Länder müssen die naturwissenschaftliche
Bildung von Mädchen konsequent fördern, damit sie aus der
gesellschaftlichen Rollenerwartung heraustreten und
ihre Interessen und Fähigkeiten optimal entfalten können.
Diese Punkte haben sich aus zahlreichen
Fachgesprächen ergeben, die ich seit Beginn der Legislaturperiode
geführt habe. Die CDU/CSU-Fraktion hat daraufhin
gemeinsam mit der SPD zu diesen Punkten bereits am
7. März 2007 einen Antrag eingebracht. Wir werden
diesen Antrag in Kürze konkretisieren.
Noch ein Wort zum Mindestlohn, den ja die Linke als
Königsweg zur Bekämpfung des Lohngefälles heute
wieder proklamiert. Gerade im Niedriglohnbereich sind die
Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern
äußerst gering. Trotzdem ist es natürlich wünschenswert,
dass Frauen und Männer, die in diesen Berufen arbeiten,
mehr Lohn für ihre Arbeit erhalten. Mit einem
flächendeckenden Mindestlohn von 8,71 Euro würden wir
allerdings nach verschiedenen Berechnungen zwischen
160 000 und 600 000 Stellen in den unteren
Lohnbereichen aufs Spiel setzen. Ich habe dazu in einer
Besuchergruppe ein sehr bewegendes Erlebnis gehabt. Da hat sich
ein Schüler gemeldet und mich inständig gebeten, gegen
einen Mindestlohn zu votieren, weil seine Mutter als
Friseurin arbeitet und sonst ihre Stelle verlieren würde.
Deshalb müssen wir sehr aufpassen, dass wir den Menschen
hier nicht Steine statt Brot geben.
An dieser Stelle sollten wir auch die Erfahrungen in
unseren Nachbarländern einbeziehen. In Frankreich
wurde 1950 ein Mindestlohn eingeführt. Inzwischen
werden 15,6 Prozent der Arbeitnehmer zu diesem
Mindestlohn beschäftigt. Man spricht bereits seit Jahren von
einer Niedriglohnfalle und versucht, diese wieder zu
lösen – ohne Erfolg. Stattdessen hat sich der Anteil der
Arbeitnehmer, die Niedriglohn beziehen, in den zehn Jahren
seit 1994 nochmals verdoppelt. So stellt man keine
Entgeltgleichheit zwischen den Geschlechtern her. Das kann
nicht die Lösung des Problems sein.