Rede von Renate Gradistanac (SPD) – Drucksache 16/11192
Teil von Protokoll der 193. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP ZP 6: Drucksache 16/11192 –.
Text
Rede von Renate Gradistanac (SPD) – Drucksache 16/11192
90 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts sind
Frauen in den Parlamenten immer noch
unterrepräsentiert. Unterrepräsentiert sind Frauen aber nicht nur in
der Politik. 50 Jahre nach Inkrafttreten des
Gleichberechtigungsgesetzes gibt es für eine tatsächliche
Gleichberechtigung auf allen Ebenen noch viel zu tun.
Frauen sind heute gut ausgebildet, ihr Anteil unter den
Studierenden ist deutlich angestiegen, und die Abschlüsse
von Frauen sind nicht selten besser als die von Männern.
Aber auch bei guten Startchancen im Beruf ist es für
Frauen nach wie vor wesentlich schwieriger, bei gleicher
Tätigkeit auch die gleiche Bezahlung wie ihre männlichen
Kollegen zu erhalten oder in Führungspositionen
aufzusteigen. Frauen sind häufiger als Männer von
Arbeitslosigkeit und Altersarmut betroffen.
Die höheren Männerverdienste können schon lange
nicht mehr mit besseren Qualifikationen erklärt werden.
Führungspositionen werden vornehmlich von Männern
wahrgenommen, obwohl keine großen Unterschiede beim
Bildungsabschluss festzustellen sind. Nach einer Studie
des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lassensich nur 38 Prozent der Lohndifferenz unter
vollbeschäftigten Frauen und Männern durch Ursachen wie
Teilzeitarbeit, Kinder, Berufserfahrung oder den sinkenden
Frauenanteil bei steigenden Hierarchiestufen erklären.
Die restlichen 62 Prozent können rational nicht erklärt
werden. Ursachen hierfür sind nach Ansicht der
Forscherinnen unter anderem institutionelle und kulturelle
Rahmenbedingungen, die sich diskriminierend auswirken.
Dass die Verbesserung der Rahmenbedingungen auf dem
Arbeitsmarkt auch Aufgabe der Politik ist, spiegelt sich in
den beiden Anträgen der Linken und der FDP wider, über
die wir heute diskutieren.
EU-Kommissar Spidla hat das europäische
Lohngefälle zwischen Männern und Frauen gerade eben erst
erneut kritisiert. Ich zitiere: „Eine Differenz von 15 Prozent
ist inakzeptabel, besonders wenn man bedenkt, dass
60 Prozent der neu geschaffenen Stellen von Frauen
besetzt werden.“ Das Statistische Bundesamt hat den
Verdienstabstand für das Jahr 2006 erstmals auf einer
erweiterten Datenbasis erhoben. Der Bruttostundenverdienst
von Frauen lag sowohl im Jahr 2006 als auch im Jahr
2007 um 23 Prozent unter dem der Männer. Das deutsche
Lohngefälle zwischen Männern und Frauen ist erst recht
inakzeptabel.
Differenziert man den Verdienstabstand nach
unterschiedlichen Branchen, so zeigt sich, dass es keinen
Wirtschaftszweig gibt, in dem Frauen mehr verdienen als
Männer. Der Verdienstabstand variiert je nach
Wirtschaftszweig erheblich. Am größten ist er mit 30 Prozent
im Bereich der unternehmensnahen Dienstleistungen und
beim Kredit- und Versicherungsgewerbe mit 29 Prozent.
Auch bei der Berufswahl gibt es erhebliche
Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Während gut
bezahlte Berufe immer noch Männersache sind, arbeiten
Frauen überwiegend in schlecht bezahlten Berufen. So
sind 81,5 Prozent der Stellen als Geschäftsführer und
Geschäftsbereichsleiter in unserem Land mit Männern
besetzt. Bei einem Bruttojahresverdienst von 91 180 Euro
beträgt der Frauenanteil in dieser Berufsgruppe gerade
einmal 18,5 Prozent. Der Bruttojahresverdienst von
Friseuren liegt bei 15 787 Euro, bei einem Frauenanteil von
90,8 Prozent und einem Männeranteil von nur
9,2 Prozent.
An geringsten ist der Verdienstabstand noch beim
Einstieg in das Berufsleben. Im Jahr 2006 lag er bei den
25- bis 29-Jährigen bei 8 Prozent. Bei den 35- bis 39-
Jährigen springt der Verdienstabstand auf 21 Prozent. Am
größten ist er bei den 60-Jährigen mit 30 Prozent. Warum
der Verdienstabstand auf einmal um mehr als das 2,5-
Fache ansteigt, erklärt sich, wenn man das Alter von Frauen
bei der Geburt ihres ersten Kindes berücksichtigt. Dieses
liegt im Durchschnitt bei knapp 30 Jahren. Der Anschluss
an die Verdienstentwicklung der Männer wird also auch
durch Erwerbsunterbrechungen und
Kindererziehungszeiten verpasst.
Erziehungsbedingte Erwerbsunterbrechungen
schaden aber nicht nur den Karrierechancen von Frauen.
Gravierend wirkt sich auch aus, dass eine Rückkehr in
den Beruf für viele Frauen einen Wechsel von der
Vollzeit- in die Teilzeitbeschäftigung oder einen Minijob be-Zu Protokoll gegebene Reden
deutet. Während die Zahl der vollzeitbeschäftigten
Frauen mit zunehmendem Alter abnimmt, bleibt die Zahl
der vollzeitbeschäftigten Männer nahezu konstant.
Teilzeitbeschäftigung ist mit finanziellen Nachteilen
verbunden. So hat sich zwar bundesweit der Anteil
berufstätiger Frauen erhöht. Im Zeitraum von 2001 bis
2006 stieg er von 58,7 auf 61,5 Prozent und liegt damit
über dem europäischen Mittel. Umgerechnet auf
Vollzeitstellen stagniert der Anteil aber mit 26,5 Prozent seit
Jahren und liegt unter dem EU-Durchschnitt von
48,8 Prozent. Die von Frauen insgesamt geleistete
Wochenarbeitszeit sank gleichzeitig von durchschnittlich
31,5 auf 30,2 Stunden. Im Europavergleich handelt es
sich um die zweitkürzesten Frauenarbeitszeiten nach den
Niederlanden. Ursächlich hierfür ist der starke Anstieg
der Beschäftigung von Frauen in Teilzeit- oder Minijobs.
Frauen bleiben somit finanziell von ihren Partnern
abhängig. Die traditionelle Rollenverteilung bleibt
erhalten, denn der Frauenverdienst hat nur den Charakter
eines „Hinzuverdienstes“. Von einer gleichberechtigten
Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern sind wir
also noch immer weit entfernt. Dies zeigt sich auch darin,
dass die durchschnittliche Arbeitszeit von Müttern mit
jedem Kind sinkt. Was ist aber mit den Ehemännern und
Vätern? Sie machen trotz oder, wie Studien belegen, gerade
weil sie Familie haben erfolgreich Karriere. Bei den
Männern ist es genau umgekehrt wie bei den Frauen: Je
mehr Kinder ein Mann hat, desto länger sind seine
Arbeitszeiten.
In kaum einem anderen EU-Land sind traditionelle
Rollenbilder so zementiert wie in Deutschland. Dies
bestätigt auch die größte Singlestudie Deutschlands. Sie
kommt aktuell zu dem Ergebnis, dass sich heterosexuelle
Männer eine intelligente Partnerin wünschen, die
eigenständig ist und mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren kann.
Karriereorientiert und gut verdienend soll sie aber nicht
sein. Nur jeder vierte Mann wünscht sich eine Frau, die
Erfolg im Berufsleben hat. Die Versorgung von Kindern
ist für die meisten Männer immer noch vorrangig
Frauenarbeit.
Ich kann nur hoffen, dass das Elterngeld mit den
Vätermonaten hier langfristig zu einer Veränderung
traditioneller Rollenbilder und konservativer Einstellungen
führt. Solange aber die Vereinbarkeit von Familie und
Beruf vor allem als Problem der Mütter wahrgenommen
wird, ist der zügige Ausbau der Kinderbetreuung mit dem
von der SPD durchgesetzten Rechtsanspruch ab eins von
großer Bedeutung.
Unser Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz wirkt.
Zum ersten Mal hat eine Frau in Deutschland einen
Prozess bezüglich ihrer Nichtbeförderung anhand eines
mathematischen Gutachtens gewonnen. Der statistische
Nachweis für die Diskriminierung ist eigentlich ganz
einfach: Im Unternehmen liegt der Frauenanteil bei
85 Prozent. Es gibt keine Frau in der obersten
Führungsebene. Die Wahrscheinlichkeit für die Annahme, dass dies
aus reinem Zufall so ist, liegt unter 1 Prozent. Wir
Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten freuen uns sehr
über dieses Urteil. Es ist ein wegweisender Schritt in dierichtige Richtung. Es ist wünschenswert, dass mehr
Frauen diesen Schritt wagen.
Vor kurzem hat das Europäische Parlament die
Kommission aufgefordert, konkrete Vorschläge zur
Überwindung des Lohngefälles vorzulegen. Kritisiert wurde, dass
das Ziel der Entgeltgleichheit von den meisten
Mitgliedstaaten nicht energisch genug verfolgt werde. Wir
Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten teilen diese
Meinung. Wir fordern deshalb mehr Transparenz bei den
Löhnen und Gehältern. Das Lohntestmodell der Schweiz
kann als Grundlage für die Entwicklung eines Lohntests
in Deutschland dienen. Hier ist die Bundesregierung
gefordert. Wir wollen ein diskriminierungsfreies
Steuerrecht. Das Ehegattensplitting und die Steuerklassen
müssen umgestaltet werden, denn sie befördern traditionelle
Rollenbilder. Wir Sozialdemokratinnen und
Sozialdemokraten fordern die Einführung flächendeckender
Mindestlöhne. Vor allem für Frauen bringt das Vorteile. Denn
viele von ihnen arbeiten heute noch zu Niedriglöhnen.
Dem würde ein Mindestlohn einen Riegel vorschieben.
Wir brauchen ein Gesetz zur Gleichstellung in der
Privatwirtschaft, denn die freiwillige Vereinbarung zwischen
Wirtschaft und Bundesregierung ist nicht einmal
halbherzig umgesetzt worden. Norwegen mit seiner quotierten
Besetzung von Aufsichtsratsposten mit Frauen zeigt uns,
wie man Führungspositionen konsequent mit Frauen
besetzen kann – wenn man es ernsthaft will.
Gleiche und gleichwertige Arbeit muss endlich gleich
bezahlt werden, meine Damen und Herren von der CDU/
CSU-Fraktion. Sorgen sie dafür, dass wir nach langer
Diskussion endlich auch einen gemeinsamen Antrag in
den Bundestag einbringen können! Lassen Sie ihre
Berichterstatterin und ihren frauenpolitischen Sprecher
nicht im Regen stehen, die am 30. Mai 2008 in einer
Pressemitteilung verkündet haben – ich zitiere –: „Endlich
werden erste Schritte erkennbar, um die gravierenden
Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern zu
bekämpfen. Der rechtlichen Gleichstellung von Frauen im
Berufsleben muss die tatsächliche Gleichstellung bei
Entgelt und Aufstiegschancen folgen.“ Lassen Sie Worten
endlich Taten folgen!